Yu-Gi-Oh! Fanfiction

In dieser Yu-Gi-Oh! Geschichte geht es um ein alternatives Universum, in dem Yami in ärmlichen Verhältnissen lebt und darauf angewiesen ist, Drogen zu verkaufen.

 

Yami wohnt schon seit Geburt in Alt Domino City. Hier beherrschen Drogen, Waffen und Gewalt die heruntergekommene Gesellschaft.
In einer armseligen WG mit Bakura, Marik, Mahaad und Ryo fristet der eher schüchterne Kleindrogendealer sein Leben. Bis sein Chef Melvin (Yami Marik) ihn und die anderen auf eine Reise nach Acapulco schickt. Es soll der größte Deal des Jahrzehntes werden: Feinstes Heroin in Beuteln. Vom größten und gleichzeitig gefürchtesten Händler der Welt: Seto Kaiba.

Nichts ahnend, auf was sich Bakura, Marik und Yami einlassen, beginnen sie die Reise, um die wertvolle Fracht wieder nach Japan zu holen...

 

Trigger: Drogen, Gewalt, Mord, Adult - Lesen auf eigene Gefahr!

ACAPULCO

 

 

Ich bin mir nicht sicher, wer genau darauf letztendlich kam und wieso es ausgerechnet wir sein mussten, aber feststand, dass es der größte Deal des Jahrhunderts werden sollte.

Melvin, unser sogenannter "Big Daddy", schob seine illegalen Geschäfte zwischen den dunklen Gassen von Domino City. Ägypter von Geburt an und ausgestattet mit einer Löwenmähne; so war er auch unter dem Synonym Lion bekannt. Unter den Kollegen gefürchtet, als Geschäftsmann sehr geschätzt. Er machte schon seit Jahren seinem Platz als größter Händler in der Unterwelt alle Ehre.

 

Und wir? Wir saßen unsere Zeit als hoffnungslose Fälle ab. Zusammengeschweißt durch die alte Schule, der Gasse und der Armut, durchliefen wir alle möglichen Abenteuer. Letztendlich verliefen wir uns aufgrund von Geldsorgen in den Strudel der Abhängigkeit. Drogen wurden unser Leben und unser Tod. Melvin wollte uns damals einen Gefallen tun, als er uns von der Straße aufließ. Er gab uns ein Dach über dem Kopf und warmes Essen. Für Kinder von niederen Ständen war das purer Luxus. Hier in Alt Domino City war nichts mehr das selbe: Die Stadt erlitt eine Bankenkrise, Leute gingen auf die Straße, demonstrierten, legten die Arbeit nieder und eine Revolution war am starten. Das war bevor wir überhaupt geboren waren. Nur einige, mit denen wir zutun hatten, konnten aus Erfahrungen erzählen, wie es damals ablief. Ein Bürgerkrieg, so sagten sie, wäre ein stark untertriebener Ausdruck gewesen. Tote überall, Leichenberge. Und das nur, weil der finanzielle Ruin jeden heimsuchte und die paar, die verschont wurden, nicht bereit waren zu helfen. Diese flüchteten sich nach Neu Domino City. Ein echtes Paradies für Leute wie uns. Ein nie erreichbares.

Meine Eltern kamen in diesem heftigen Krieg um. Seitdem lungerte ich auf den Straßen von Alt Domino City. Seit Melvin mich gefunden hat, weiß ich es zu schätzen, wie sich Freiheit anfühlte. Auch wenn es Hunger bedeutete: Es war der freie Wille in mir, der morgens aufstand und nicht das schrille Klingeln eines Weckers oder das immerwährende Hämmern der Wände, wenn er sein Hündchen durchnahm.

Ryo, der kleine weißhaarige Bursche, der von Anfang an irgendwie dabei war, ist stetig bei Melvin. Sein Schoßhündchen, sein Fick-Häschen, was er benutzt, wenn ihm danach war. Mit schätzungsweise 17 Jahren noch der Jüngling unter uns und trotzdem der Erfahrenste. Ob es Liebe zwischen den beiden war, wusste niemand, aber die Rede war zumindest von Zuneigung. Denn Melvin fickte nur jemand anders, wenn Ryo krank oder durch gewissen Umstände verhindert war. Diese Umstände hatten meistens mit dem Geschäft von Melvin zu tun: Drogen.

Melvins Zwillingsbruder, Marik, sah man früher nur selten. Doch seitdem der alte Auftragskiller von Melvin durch natürliche Umstände erlegt wurde und er einen neuen von den dunklen Straßen Alt Dominos aufgegabelt hatte, tänzelte er regelrecht durch die Gänge. Er war die Diva, das Herzstück des femininen Einschlags im Haus. Keine Frauen erlaubt, deswegen wirkte Marik wohl umso weiblicher mit seinen Pelzmänteln und den Nuttenstängeln, die er sich gefühlte alle halbe Stunde einverleibte.

Bakura war der neue Auftragskiller. Er sah Ryo zum Verwechseln ähnlich, aber vom Charakter her könnte es nicht unterschiedlicher sein. Kühl und trocken, nie ein Wort zu viel gesagt, spukte er schon fast gespenstig immer mal wieder durch die Hausflure. Meistens von Mariks Zimmer ins Bad und zurück. Deren Geknatter vernahm ich Gott sei Dank weniger in den Nächten, da Mariks Zimmer weit genug von meiner Abstellkammer war. Trotzdem wusste jeder hier ganz genau, dass die beiden es trieben. Vielleicht waren sie sogar ein Pärchen. Jedenfalls turtelten sie Tag ein, Tag aus. Bakura verzog nie eine Miene, aber sobald Marik mit seiner affektierten Art kicherte oder lustvolle Andeutungen machte, schlich sich sogar auf seine Lippen ein Grinsen.

Mahaad, mein einziger Freund hier in diesem scheußlichen Unheil. Er hatte einige Beziehungen zur Polizei, wurde dann rausgeschmissen und landete, so wie fast jeder hier, unter der Brücke. Drogenabhängigkeit führte ihn unweigerlich zu Melvin. Als er es endlich in den Griff bekommen hatte, erhielt er vom Chef das Angebot für ihn Arbeiten zu können. Dafür würde er auch hier und da was springen lassen. Alles in einem gesagt ist Mahaad nicht "schwer" abhängig, aber die Tendenzen zeigen sich immer öfter. Als ich kam, sorgte er sich um mich. Er nahm mich oft in Schutz und achtete stets darauf, dass ich keinen Finger an die Drogen legte. Er war mein kleiner Goldschatz in diesem Wrack. Und trotzdem blieb er stetig auf Distanz. Als wolle er mich nicht weiter in seine Welt ziehen. Als könne ich irgendwann hier raus. Daran glaubte weder ich noch irgendwer anders, dass es einen Ausweg gab. Melvin machte keine halben Sachen.

Ich war wohl der erste und einzige Typ, den Melvin aus reiner Nächstenliebe aufgenommen hatte. Aus einem Rattenloch zog er mich vor ein paar Jahren. Meine verwesten Eltern noch um mich rum. Ich stand kurz davor mir etwas einzufangen, mich zu infizieren mit einem giftigen Virus. Bis heute weiß ich nicht genau, wieso Melvin mich aufgenommen hatte. Ich war weder sonderlich hübsch, dass man mich so wie Marik verkaufen könnte, oder hatte besondere Talente, wie die von Bakura oder Ryo. Ich war also kein Dienstmädchen, ich war kein Killer, ich war keine Hure. Ich war ein Dealer. Aber selbst den Job machte ich so schlecht, dass nie viel für mich dabei rumkam. Trotzdem war es besser als nichts.

 

Es war ein Montag Nachmittag im dunklen Gemeinschaftszimmer, wo wir uns alle trafen, weil Melvin uns etwas zu berichten hatte. Diesen Tag werde ich wohl nie vergessen ...

»Meine Liebchen, schön, dass ihr hier seid«, begrüßte er uns bereits mit einem strengen Unterton und setzte sich auf den großen, Bordeaux-roten Sessel, der allein für ihn bestimmt war. Ryo folgte ihm wie immer auf Schritt und Tritt und kniete sich devot neben seine Füße, den Blick gen Boden gerichtet.

»Wie ihr sicher wisst, habe ich einige Neuerungen einzuführen. Beginnend mit dem Fakt, dass Marik sich bitte auf unsere Kunden konzentriert und nicht nur auf Bakura.« Der böse und gleichzeitig mahnende Blick in Richtung seines Zwillingsbruders war nicht zu übersehen. Marik hingehen blies nur den Rauch aus seiner Zigarette und überschlug die Beine, während er sich noch einmal auf dem Fensterbrett gemütlich machte. »Schon klar, Chef.«

Melvin verschränkte nur die Hände, sah dann zu Bakura. »Der nächste Auftrag wegen der Schmuggler aus Anatolien muss warten. Du wirst mit den Siamesischen Zwillingen weitermachen. Um Anatolien kümmere ich mich.«

Ich verstand nur Bahnhof, wusste auch nicht ganz, wieso ich dabei war. Es gab tatsächlich auch "Treffen", bei denen ich ganz Unnütz nur nebenbei saß, allen zuhörte, wie sie sich stritten und dann in mein Zimmer entlassen wurde, wenn es zu eskalieren drohte. Diesmal schlich der Blick jedoch sofort zu mir.

»Yami«, sprach Melvin meinen Namen mit einem bitteren Beiton aus und stierte mich finster an. Sofort schauderte es mir den Rücken runter und Gänsehaut machte sich über meine Arme breit.

»J-Ja....?«, brachte ich nur Kleinlaut über die Lippen. Oh Gott, es geht bestimmt um den letzten Auftrag, den ich voll vermasselt habe..., dachte ich nur bei mir und schluckte einen kräftigen Kloß runter.

»Ich will dir eine Sache anvertrauen, bei der du mir beweisen kannst, dass du der Mann für's Geschäft bist.«

Ich schluckte. Okay ...?

»Hör gut zu, Stachelbeere: Ich erwarte eine Lieferung aus Acapulco. Reines Heroin, perfekte Qualität. Leider ist mein Zulieferer... gewissen Umständen zum Opfer gefallen. Meine Quelle möchte natürlich keine weiteren Risiken eingehen, erkannt zu werden, und will, dass ich es selber abhole. Und hier kommst du ins Spiel.« 

Mir stockte für einen Moment der Atem. Ich? Nach Acapulco? ... Verdammt, das würde doch niemals funktionieren! Mahaad, der neben mir stand und bisher am Zählen seiner Tabletten war, horchte nun auch auf. Bevor Melvin weiterreden konnte, fiel er ihm ins Wort:

»Glaubst du nicht, dass Yami dafür noch zu unerfahren ist? Er ist erst seit einem Jahr im Geschäft.«

Mit einer abwägenden Kopfbewegung winkte Melvin dann doch ab. »So ein Quatsch. Yami weiß ganz genau, was er tut. Er schafft es nur nicht immer so gut, dass zu tun, was er soll. Aber daran soll es nicht scheitern. Diesmal soll er nichts kaufen oder verkaufen. Alles ist schon geregelt, du sollst es nur hierher beschaffen.«

Sein Blick verdunkelte sich schlagartig und ging durch die Runde.

»Ich habe euch deswegen alle zusammengerufen, weil ich möchte, dass ihr mit ihm geht.«

Die Runde raunte sofort auf. Marik tickte sogar völlig aus.

»Bitte WAS? Wir sollen alle nach Aca- wo auch immer hin, um da deine scheiß Drogen zu holen? Spinnst ja wohl ein bisschen! Ich bin hier zufrieden, ich hab mit Drogen nichts am Hut!«

»... Dafür nimmst du sie aber ganz schön gerne«, bemerkte Melvin schmunzelnd und kraulte Ryos Kopf, welcher noch immer starr auf den Boden stierte und keinen Mucks von sich gab. Mein Mund fühlte sich auf einmal trocken an. Das flaue Gefühl im Magen war nicht zu beschreiben.

»Trotzdem! Melvin, man, ich kann doch nicht einfach so verreisen und Drogen für dich holen. Wofür hast du die hier alle?« Dabei schwenkte er mit der Hand durch den Raum. Bakura hob auch nur eine Augenbraue.

»Ich habe euch alle, auch dich, Marik, mit eingeschlossen, damit ich für mich die Dinge tut, die ich von euch will. Ihr mögt eure Aufgaben haben, diese bitte ich jetzt zu beenden. Nur für diesen einen Exkurs. Sieh es als Abwechslung.« Melvin seufzte dabei angespannt. Er hatte sich das wohl auch etwas leichter vorgestellt.

»Also soll ich auch mitkommen?«, brummte es neben Marik. Bakura steckte die Hände in die Hosentaschen und lehnte mit seinem schwarzen Mantel gegen die Wand. »Soll ich da wen umlegen?«

Sofort schüttelte Melvin belustigt den Kopf. »Nicht doch, mein Lieber. Du sollst nur aufpassen, dass die Bande keinen Unsinn macht. Und dass alles glatt läuft. Du bist also der Aufpasser des Kindergartens.«

Aha. Also traute er uns doch nicht alles zu. Beziehungsweise mir. Bakura sollte dann der Erwachsene sein. Na gut, ich traute es ihm zu, so war es nicht. Allerdings befürchtete ich einige Differenzen in Hinblick zu Marik. Wenn der sich querstellen würde, wäre Bakura niemals Manns genug sich dagegen zu stellen. Jedenfalls war das immer so mein Eindruck bei den beiden.

»Und ich? Soll ich auch mit?«, fragte Mahaad zittrig und steckte nun die Pillendose weg.

»Nein, Mahaad. Du bleibst hier. Das örtliche Geschäft soll ja nicht gänzlich einschlafen. Du hast die ehrenvolle Aufgabe die drei Herren zum Flughafen zu fahren.«

»Flughafen?!«, hörte man es sofort empört von Marik. »Wie bitte sollen wir denn da Heroin schmuggeln?! Das geht doch schief! Die Kontrollieren doch unsere Koffer und alles!« Das Argument war nicht ganz ohne.

»Ach, Marik, könntest du bitte jetzt mal deinen Mund halten? Meine Quelle wird das schon richten.«

Es klang so, als hätte Melvin da selbst noch nicht so ganz den Plan. Ich verstummte völlig. Widerspruch wäre sinnlos gewesen. In meiner Position hätte ich keine andere Wahl gehabt. Nach einigen Sekunden lehnte ich den Kopf zur Seite und sah zum einen Kopf größeren Mahaad hoch. Der schenkte mir einen vielsagenden Blick. Das würde nicht so einfach werden, wie Melvin es hier gerade hinstellt.

»Und wann... soll es losgehen?« Bakura stieß sich nun von der Wand ab und war schon zum Gehen bereit, als könne er jeden Moment los.

»In zwei Tagen. Bis dahin könnt ihr euren Aufgaben nachgehen, wie ihr wollt.« Langsam stand Melvin wieder auf; gleichzeitig erhob sich Ryo. Mit nur einer Handbewegung machte er ihm deutlich, dass er hierbleiben könne. Doch ohne einen Blickkontakt zu ihm aufzubauen, ging Melvin an uns vorbei und verließ den Raum.

Eine unangenehme Stille machte sich in unserem Zimmer breit.

»Also... wirklich! Wir drei sollen jetzt also nach Aca- wo auch immer...?« Marik zündete sich gleich noch eine Zigarette an, während Bakura die Waffe doch wieder sicherte.

»Scheint so«, bestätigte er monoton.

»Habt ihr«, versuchte ich endlich auch einen Satz zu fassen, »so etwas schon mal gemacht? Also... scheint ja ein großer Deal zu sein...«

Mahaad schüttelte nur den Kopf, Bakura zuckte mit den Schultern und Marik sah mich an, als wüsste ich selbst die Antwort und es wäre unverschämt gewesen, es überhaupt gefragt zu haben.

»Aber wieso schickt er uns dann los, wenn wir doch alle keine Ahnung haben?« Ich sah kurz zur Decke. Das klang alles nicht sehr durchgeplant und mein Magengefühl wurde immer deutlicher, bis es von Bakuras Brummen unterbrochen wurde.

»Melvin hat nur uns. Die Lage auf dem Markt ist derzeit nicht goldig. Wir sind also seine Trumphkarte, wenn er sogar auf seine Sicherheit hier verzichtet und mich lieber auf den Trip zu dem Stoff bringt.«

»Stoff war ihm schon immer wichtiger, als er selbst. Siehst du doch an seinen Einschüssen in der Brust«, säuselte Marik vor sich hin, sichtlich high vom Nikotin der vierten Zigarette in Folge. »Lieber lässt er sich Anschießen, als Drogen in irgendwelche falschen Hände fallen zu lassen.«

Dieser Fakt ruhte noch eine Weile auf mir. In der Tat war Melvin gezeichnet von seinem Job und der letzten Jahre. Das Metier ist nicht ungefährlich und ein Trip nach Acapulco schien noch gefährlicher zu sein.

»Es ... scheint viel Heroin zu sein, wenn Melvin euch drei schickt.« Mahaad kratzte sich dabei kurz an der Nase, fasste zittrig an sein Pillenetui und schob sich eine rein. Ohne Flüssigkeit schluckte er sie gekonnt runter. Ich konnte wie jedes Mal nur hoffen, dass es sein Valium war.

»... Ihr müsst es schlucken«, ertönte auf einmal eine süßlich, ruhige Stimme vom anderen Ende des Zimmers. Die Blicke fielen sofort auf Ryo. »Es ist in Plastik verpackt und ihr müsst es schlucken. Dann nehmt ihr, wenn ihr wieder hier seid, Abführtabletten. So lief es die letzten Male auch ab.«

»Die... Die letzten Male?«, hakte ich nach. Ryo schien mehr darüber zu wissen, als wir alle zusammen. Er nickte nur stumm, grinste höflich und ging dann letztendlich mit schnellen Hoppelschritten aus dem Raum. Die offene Frage stand trotzdem noch in der Mitte.

»Okay? Das heißt, wir sind das Drecksvolk, was für die Besorgung des Stoffs zuständig ist und dabei das Leben aufs Spiel setzt. Wunderbar!« Marik kam überhaupt nicht mehr aus dem Zetern raus, wollte sich schon die fünfte Zigarette anstecken, bis er bemerkte, dass die Schachtel leer war. Sofort schlug seine sonst gebräunte Gesichtsfarbe in ein blasses gelb um. Bakura hingegen blieb ruhig, seufzte abermals und schüttelte den Kopf. »Wir werden sehen, wie wir es bewerkstelligen können.«

Mit diesen Worten verließen sowohl Marik als auch Bakura den Wohnbereich. Mahaad, sichtlich ruhiger als vorher, bleib neben mir stehen.

»Schade... dass Melvin dich nicht mit lässt«, bemerkte ich leise und sah zu ihm hoch. »Ich hätte dich gerne dabei gehabt. So als... kleine Unterstützung.« Dabei konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Mahaad hingegen schien recht froh darüber zu sein, dass er bleiben durfte.

»Ja ... Es ist eine große Aufgabe. Ich wäre sicherlich fehl am Platz. Du weißt schon... Ich könnte mir dann keine Ausfälle erlauben.« Dabei lachte er nervös und deutete wohl seine gelegentlichen Aussetzer an, die sein Gehirn manchmal machte, wenn es auf Entzug gesetzt wurde. Und Entzug war hierbei schon 12 Stunden.

Ich nickte nur stumm, lehnte mich an ihn und umarmte ihn. Drückt ihn feste an mich. Er roch nicht so gut, hatte wohl das Duschen vergessen. Trotzdem schloss ich die Augen und genoss den Moment der Stille und des Friedens, einfach nur in seinen Armen zu sein.

»Ach, Yami ... Ich werde dich vermissen... «, murmelte er in meine aufgetürmten Haare und schlang die Arme um mich. Vorsichtig strich er über meinen Rücken und massierte meine Schulterblätter.

»Ich dich auch ... « Ein Grinsen schlich sich auf mein Gesicht. Ich wusste genau, wohin es jetzt laufen würde. Und ja: ich regte mich oft über Bakura und Marik auf, über Ryo und Melvin. Dabei trieb ich es genauso oft und genauso hart wie sie. Aber ich war der Meinung einen wesentlich geringeren Geräuschpegel zu veranstalten, als zum Beispiel Ryo!

Mahaad fuhr mit den Händen unter mein Shirt, massierte weiter die Muskeln, bis er sich vorsichtig runterbeugte und meine Wange küsste. Wie konnte ich da nur widerstehen?

Schnell zog ich ihn an der Hand mit mir in mein Zimmer, schloss die Tür und zog hastig mein Shirt über den Kopf. Mahaad folgte den Bewegungen aufmerksam und tat dasselbe. Wie ein Magnet trafen sich unsere nackten Oberkörper und rieben aneinander, während wir auf meine Matratze am Boden fielen. Schnell drehte sich Mahaad mit mir, schob meine Hose immer weiter runter, bis er sie mir von den Füßen riss. Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen.

»Hahaha, nicht so stürmisch, Mahaad! Ich hab nur die eine Gute!«

Auch da musste Mahaad lachen, verstummte aber sofort, als er langgezogen über mein noch schlaffes Glied leckte.

»Hmm ...«, entwich es mir sofort. Instinktiv packte ich nach Mahaads Haaren und stöhnte ein weiteres Mal auf, als er mein langsam steif werdendes Glied in den Mund nahm und es rhythmisch penetrierte. »Ja...«

Eine Weile lang verwöhnte er mich, bis ich über meine Matratze griff und ein Kondom herausfischte. Auch wenn wir es so oft taten und ich unsere Beziehung sehr schätzte, würde ich niemals ungeschützt mit ihm schlafen wollen. Mahaad hatte die Angewohnheit, wenn er high auf Drogen war, auch gerne mit anderen Menschen zu schlafen. Insbesondere Männer. Ich wollte einfach kein Risiko eingehen. Das war alles.

Hastig packte ich das Kondom aus, nahm es zwischen die Lippen und deutete Mahaad mit einem Nicken an, dass er mir seinen Schwanz geben sollte. Ohne zu Zögern, krabbelte er wieder zu mir hoch, kniete sich über mich und ließ mich den steifen Penis in den Mund nehmen. Vorsichtig und langsam ließ ich das Kondom über die Haut gleiten und streifte es mit den Händen glatt. Mit laszivem Blick leckte ich noch etwas an der Eichel, bis ich mich in Position legte und die Beine für ihn spreizte.

Jedes Mal erinnerte ich mich für einen kurzen Moment an meinen allerersten Sex. Ich war noch viel zu jung und die Dame viel zu alt. Sie ritt mich wie verrückt, während ich fast vor Nervosität gestorben wäre. Danach hatte ich kein Interesse mehr an Sex. Erst als Mahaad irgendwann auf mich zukam und mich küsste, anfasste und mir einen runterholte, wollte ich es erneut ausprobieren. Und ich musste feststellen: Das gefiel mir weitaus besser!

Mahaad grinste mich zufrieden an, beugte sich zu mir über und stützte seine Arme neben meinem Kopf. Sanft und liebevoll ließ ich meine Fingerkuppen über seinen Rücken gleiten; ein langer und intensiver Kuss folgte.

»Mhh... Darf ich?«, fragte er immer noch schüchtern. Ich nickte sofort und streichelte seine Wange.

»Na klar... Nur zu ...«

Mit einer leichten Hüftbewegung setzte er sich in Position und ließ vorsichtig sein Glied in mich hineingleiten.

»Ah!« Ein lautes Stöhnen entwich meinen Lippen, als ich die Härte in mir spürte. Ein unbeschreiblich gutes Gefühl!

Er fackelte auch nicht lange rum und begann sich schneller in mir zu bewegen. Wie in Ekstase rammte er seine Hüfte gegen meine; die Haut klatschte richtig aufeinander. Ich mochte unseren Sex. Es waren die einzigen Momente, in denen Mahaad mir näher war als jeder andere. Die sonstige Distanz, die er mir zeigte, schien für diesen einen Moment zu verschwinden und in pure Lust und Verlangen umzuschlagen.

»Mahaad! Ah! Schneller!«, raunte ich ihm dunkel ins Ohr, während er sich auf meine Brust legte. Sein flacher Bauch rieb angenehm an meiner Erregung, trotzdem fasste er sie nach einigen Minuten an und penetrierte sie stärker. Ich warf den Kopf in den Nacken, kniff die Augen zusammen und spürte den Höhepunkt bereits in mir aufsteigen. Auch Mahaad erhöhte schlagartig das Tempo, würde immer energischer, bis ich plötzlich die heiße Flüssigkeit auf meinem bauch spürte und seinen Schwanz wachsen fühlte.

»Ahhh! Fuck!« Mahaad neigte zum Fluchen, wenn er kam. In normalen Moment hingegen nahm er nie ein böses Wort in den Mund. Nur, wenn er einen Orgasmus hatte.

Auch ich stöhnte kurz auf, ließ den Höhepunkt dann langsam absacken und sah liebevoll zu Mahaad hoch. Dem Drang, ihm eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen, konnte ich nicht widerstehen.

»Hmm... Das gefiel mir.« Ich zwinkerte ihm zu. Er hingegen lächelte nur kühl, zog sich aus mir zurück und streifte das Kondom ab, welches er sofort zuknotete.

»Ja, mir auch.«

Seufzend blieb ich auf meinem Bett liegen, während er sich wieder anzog. Keine Liebkosungen. Keine netten Worte. Keine Liebe ... Einfach nur Sex. Das war es, was Mahaad gut konnte. Sex und Distanz. Irgendwo tat es sogar manchmal weh. Aber nach knapp einem Jahr, in dem wir dieses Ritual abzogen, hatte ich mich daran gewöhnt ihn so schnell kommen wie gehen zu sehen.

»Bis später.« Ich winkte ihm noch im Liegen zu. Ein scheues Winken kam zurück, bis ich die Tür ins Schloss fallen hörte. Ein Seufzer entfuhr mir.

 

Ich wollte meinen Augen kaum trauen, als Mahaad mal normal angezogen und geduscht vor mir stand, das Gepäck in der Hand. Marik und Bakura, wahrscheinlich kurz noch eine schnelle Nummer gehabt, kamen dann auch zum Auto.

»Ich will nicht ...«, quengelte Marik und nahm die Hand des Weißhaarigen. Dieser, entgegen jeder Erwartung, drückte sie nur stumm und stieg mit ihm auf die Rückbank.

Die Fahrt zum Flughafen war die die Fahrt zum Schafott. Wir wussten nicht, was uns erwarten würde. Ob wir je wieder kommen würden. Ob es schief- oder gut gehen würde. Der Kloß in meinem Magen saß immer tiefer.

Am Flughafen angekommen, erhaschte ich noch einen letzten Kuss von Mahaad. Er hob nur den Daumen und wünschte uns viel Glück. Mehr als ein schwaches Nicken blieb mir nicht übrig.

»Ich muss eine Rauchen gehen«, kam es von Marik, der Bakura noch immer an der Hand hielt.

Sofort gingen wir nach den Sicherheitskontrollen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch kein Problem darstellten, in ein Raucherhäuschen, wo sowohl Bakura, als auch Marik sich eine Zigarette ansteckten. Netterweise bot mit Bakura auch eine an. Dankend nahm ich den Sargnagel.

»Auf gutes Gelingen, oder?«, versuchte ich die Stimmung aufzulockern, doch beide stierten grimmig zur Seite.

»Ich will immer noch nicht. Was, wenn das so ein schleimiger alter Sack ist? Und mal ganz davon abgesehen: Ich will keine Tütchen mit Heroin schlucken!« Hastig rauchte Marik seine Zigarette und sah immer wieder nervös zur Anzeige. Er hatte einen Hang zur Zwangsneurose. Immer, wenn er nervös war, rauchte er wie ein Schlot und begann hibbelig zu werden. Bakura hingegen ließ nicht in sich hineinschauen. Stattdessen rauchte er die Zigarette auf, wo ich noch bei der Hälfte war.

»Wir werden sehen.« Das wurde wohl sein Standardspruch.

 

Langsam ging es in den Flieger und die Flugzeit von mehreren Stunden verbrachten wir drei mehr schlecht als recht. Wir sollten sofort bei Ankunft von einem schwarzhaarigen Mann abgeholt werden. Der würde uns zum Chefchen führen. Dort bekämen wir sofort die Ware, müssten sie einbunkern und den nächsten Flug zurücknehmen. Es gab keinen gebuchten Rückflug, was mich noch unsicherer machte. Aber was sollte schon schiefgehen? Die größte Hürde sah ich eh in den Sicherheitskontrollen. Schlimmer als Knast würde es wohl nicht werden.

 

Angekommen, dauerte es ewig, bis unsere Koffer kamen. Es war sowieso Sturmgepäck, aber es sollte wie ein Touristenausflug aussehen. Deswegen waren wir auch alle drei sehr legere gekleidet. Marik gefiel das gar nicht.

Beim Ankunftsareal stand dann ein schwarzhaariger Mann mit Bolero an der Tür. Ein seltsames Mal zierte seine Wange. Er hielt ein Schild "Lion" in der Hand. Clever.

»Hallo! Da sind wir. Ich bin Yami und du bist?«, fragte ich sofort, als ich mich der genannten Person näherte. Dieser warf mir nur einen bösen Blick zu und knurrte ein Aha. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schleppte er sich mit uns durch die Menschenmassen auf die Straße, wo wir in einen schwarzen Van stiegen.

»Man sagt niemals den Namen... «, klärte mich Marik auf dem Weg zum Anwesen auf und verdrehte die Augen über meinen Anfängerfehler. Bakura formte seine Lippen nur zu einer strengen Linie und stierte aus dem Fenster. Es war bereits dunkel geworden, der rot-rosane Sonnenuntergang spiegelte sich in den Glasscheiben der Häuser wider und bildete eine Wahnsinnsatmosphäre. Sehnsuchtsvoll sah auch ich aus dem Fenster. Die Fahrt hätte ewig dauern können. Sogar Marik lehnte sich an Bakura an. Der verzog zwar weiterhin keine Miene, schien die Nähe aber trotzdem zu genießen. Ein kleines Grinsen formte sich auf meinen Lippen. Schon süß die beiden. Wahrscheinlich ist das ein offizielles Zeichen, dass sie zusammen waren.

Nach rund 20 Minuten erreichten wir einen weniger schönen Stadtteil. Er erinnerte mich an Alt Domino City. Heruntergekommen, verarmt und verdreckt. Hier traf sich die unterste Unterschicht in Stripclubs und Zuhälterbunkern. Hier lagen Leichen auf der Straße und es interessierte niemanden. Selbst die Polizei schien seit Jahren keinen Fuß mehr hineingesetzt zu haben. Nur Ruinen an Häusern schwangen an uns vorbei, während wir durch die schlecht geteerten Straßen fuhren. Der unbekannte Fahrer wechselte kein Wort mit uns, blieb stumm bis zur letzten Sekunde, in der wir eine alte Villa anfuhren. Leichtes Staunen entwich meinen Augen, als ich die verschnörkelten Ornamente sah.

»So ein schönes Haus ....«, entwich es mir. Oder musste es zumindest mal gewesen sein. Unser Fahrer, wie zu erwarten, stieg nur schweigend aus und öffnete unsere Türen.

Die Koffer blieben in der Lobby stehen, während wir den zerstörten Marmorboden entlang gingen. Ein langer Gang, ziemlich dunkel. Weit entfernt hörte man ein paar Schüsse.

»Mokuba Kaiba erwartet euch bereits. Seid ruhig und hört euch an, was er zu sagen hat«, ertönte es dann doch aus dem Mund des Schwarzhaarigen. Eine raue und dunkle Stimme. Mein Herz pochte immer lauter. Gleich wäre es soweit. Nervös stierte ich auf das Gesichtszeichen des Fahrers, welcher noch wartend mit uns vor der Tür stand. Groß war er und gut gebaut. Wahrscheinlich ein Bodyguard oder was ähnliches. Er trug nur eine kleine 9mm Waffe um seinen Gürtel, den Blick stets auf uns haftend. Ich lächelte zögerlich zu ihm, doch er erwiderte nur einen kühlen Blick. Sofort verschlug es auch mir die Freude aus dem Gesicht, als die Tür sich öffnete.

Niemand wollte zuerst eintreten, bis Bakura mit einem genervten Seufzen hineinging und wir scheu folgten. An einem großen Tisch stand ein kleiner Mann mit langen schwarzen Haaren. Seine Weste tunkte sein Auftreten in eine legere und lockere Art und Weise. Jedoch vermittelte sein Blick alles andere als Entspannung. Vor ihm stand eine riesige Tüte mit kleineren darin. Gefüllt mit dem weißen Feestaub der Hölle.

»Da seid ihr ja endlich. Wie war der Flug?«, grinste er auf einmal breit und öffnete kurz seine Arme, als würde er uns herzlich Willkommen heißen. Doch dieses Lächeln war kränklicher umwoben als eins von Melvin.

Niemand vermochte zu antworten, bis Marik dann hörbar schluckte und das Wort ergriff. »War ganz okay. Also ist das der Stoff, den wir zu Lion bringen sollen?« Ungeduldig und etwas zittrig, wackelte er mit seinem Bein und schlang die Arme um sich. Der Blick nervös auf Mokuba gerichtet.

»... Ihr habt es wohl eilig, meine Herrschaften. Aber ja: Hier ist eure Ware.« Sachte schob er das Paket mit Heroin zu uns. Es war gewaltig viel. Verdammt viel. Wie sollten Marik und ich das alles schlucken? ... Verdammt, wenn die Päckchen reißen würden, wären wir tot. Und zwar auf der Stelle.

»Kommen wir nun zum geschäftlichen Teil ...«, sagte Mokuba recht deutlich und ging um den Tisch rum, um sich auf unsere Seite zu gesellen. Hinter uns versammelten sich einige große Männer mit Waffen. Sie versperrten uns den Ausgang. Mokuba hingegen genoss es sehr deutlich die Überhand zu haben. Mein Herz klopfte wie verrückt in meinen Ohren. Ich schielte zu Bakura und zu Marik, welche ebenfalls etwas panisch in die Gesichter der Männer blickten.

»Geschäftlich? Wurden wir das nicht bereits?«, spottete Bakura in einem leichten sarkastischen Unterton, sichtlich angespannt über die Tatsache, dass er keinerlei Waffen bei sich trug. Hat Melvin uns etwa tatsächlich in eine Falle geschickt? Oder wusste er selbst nichts darüber?

»Na, na. Ihr könnt hier nicht einfach reinspazieren und euch eurer Zeug abholen und wieder gehen. So läuft das nicht.« Dabei drehte er ein paar Runden um den Tisch, seelenruhig mit den Händen in der Hosentasche. »Meine Männer wollten euch das reine Heroin bringen und was ist? Sie wurden auf dem Weg zum Flughafen in eurer Stadt erschossen.«

»... das soll vorkommen, dass Leute bei uns erschossen werden«, platzte Marik sofort raus, wurde jedoch direkt in den direkten Griff von Bakura gebracht.

Mokuba lächelte nur schwach.

»Seltsamerweise von Waffen, die eurer Herr vertickt. Ich würde ja nur ungern behaupten, dass es sich hierbei um Zufall handelte. Gott sei Dank konnten die Koffer mit meinem Stoff noch gerettet werden und wurden wieder hierher befördert. Lion ist ziemlich drauf reingefallen, als ich ihm erzählte, dass er doch mal Leute zu mir schicken sollte, wo ich doch einen Privatjet habe. Tja, was soll ich sagen? Das ist meine kleine Rache an ihn. Wie kann man auch nur so besessen nach Heroin und Geld sein?« Sofort entwich ihm ein dreckiges Lachen. Es schallte durch die leeren Wände des Raumes, welche kahl und weiß wie ein Gefängnis um uns herum wirkten. Mein Blutdruck stieg, ich spürte das Adrenalin in meinen Adern.

Die legen uns jetzt um? Es war also eine Falle? Die überlassen uns den Stoff nicht?

Instinktiv sah ich mir die fiesen Gesichter der Männer an, welche mit den Waffen auf uns zeigten, nur darauf wartend, schießen zu können. Dann sah ich unseren Fahrer. Er sah selber irritiert aus, wechselte ebenso nervöse Blicke durch die Runde. War das also auch nicht mit ihm abgesprochen? War er vielleicht eine Rettung? Er hätte den Van, er könnte uns wieder zum Flughafen fahren!

... Aber wie sollten wir entkommen? Bakura war völlig unbewaffnet, Marik und ich keine Gegner.

Wir rückten immer näher aneinander.

»Bakura... Mach doch was...!«, wimmerte Marik leise in sein Ohr und sah sich zitternd um. Mokuba blieb weiterhin belustigt ruhig.

»Und? Habt ihr Angst zu sterben? Wenn das also die Männer von Lion sind, die sich um sein Geschäft in Alt Domino City kümmern, wundert mich gar nichts mehr.«

»Was weißt du schon? Dein Bruder war derjenige, der den Laden auf Vordermann gebracht hat, nicht du«, raunte Bakura mit bissiger Zunge und sah Mokuba finster an. In diesem Moment verließ das Lächeln sein Gesicht und die Ernsthaftigkeit spiegelte sich wider. Mit nur einer Handbewegung zog er ein Colt und schoss Bakura in den Unterschenkel.

Der Knall hallte sofort schmerzend nach und zertrümmerte für einen Augenblick unsere Trommelfelder. Bakura schrie auf, brach zu Boden und hielt sich das bereits blutende Bein. Kompletter Durchschuss.

»Nicht so frech.« Mokuba ließ den Colt wieder verschwinden. Marik hyperventilierte, kniete sich zu Bakura und tätschelte ihn an verschiedenen Stellen; bemüht ihm in irgendeiner Art und Weise zu helfen. Der biss nur die Zähne zusammen und wankte auf und ab. Sein Atem löste in mir langsam wieder die Starre, in der ich mich befand. Mein Blick fiel unterbewusst auf unseren Fahrer. Ich sah ihn flehend an, etwas zu tun. Zwar erwiderte er meinen Blick mit einem genauso ratlosem Gesichtsausdruck, tat aber nichts.

Mit wimmernder Stimme und bereits am Heulen, hörte man Marik vom Boden aus zu Mokuba sprechen.

»Was willst du von uns?! Lass uns gehen! Wenn du was mit Lion zu klären hast, dann kläre es doch mit ihm! Wenn du uns umlegst, wird Lion das weniger interessieren!«

Mokuba sagte nichts. Er grinste nur. Er stierte uns regelrecht an, in dem Wissen, dass er uns nur etwas zappeln ließe, um uns in Kürze umzubringen.

»Ich will nichts von euch. Ihr habt einfach nur das Pech in genau dem falschen Moment am falschen Ort zu sein. Sorry, Jungs.«

 

Es hagelte auf uns herab. Wie ein Meer aus Kugeln streifte an unseren Köpfen vorbei. Der leblose Raum hellte auf einmal auf, die Wände verfärbten sich rot und Mokuba lag sofort auf dem Boden. Die Schüsse, die ich nicht mehr vernahm, welche nur noch an mir vorbeizischten, kamen von draußen. Sie fielen auf die Männer, auf die Möblierung.

Bakura zerrte Marik und mich auf den Boden, drückte uns regelrecht nieder.

Alles, was ich hörte, waren entfernte Schreie. Ein Piepsen durchzog meine Ohren. Tinitus von den Schüssen. Bakura am bluten, Marik mit blutverschmiert. Und ich? Ich sah verloren an mir runter, tastete wie beschränkt meine Arme und Beine ab. Nichts. Nur fremdes Blut.

Da sah ich den Fahrer. Er hielt sich die Schulter und saß hinter einer Pflanze im Türrahmen, die 9 mm fest umschlungen. Er blutete.

 

Mit einem Mal hörten die Schüsse auf. Zumindest zersplitterte nichts mehr, niemand fiel mehr zu Boden. Nur noch vereinzelte Männer feuerten zurück; einige schliefen Mokuba zur Seite. Er schien tot. Durchlöchert von mehreren Kugeln.

»Weg hier!«, schrie Bakura, schnappte Mariks Hand und schob mich vor sich. Holprig lief ich geduckt zur Tür, nach meinem wiederkehrenden Gehör lauschend.

Doch ich blieb stehen. Drehte mich um.

Das Heroin.

Es lag noch da.

Auf dem Tisch.

Wir müssen es doch holen!

Ich wollte schon wieder losrennen, Bakura und Marik völlig aus den Augen verloren, da zog mich eine Hand wieder runter, als ein erneuter Kugelhagel in das Zimmer flog.

Mein Gesicht kam unsanft auf einem Bein auf. Wie aus einer Starre erwacht sah ich auf und erkannte sofort das gelbe Mal im Gesicht unseres Fahrers.

»Bist du verrückt so dumm dazustehen?!«, rügte er mich durch seine Zähne, hatte mich mit der blutigen Hand runtergezogen, die er langsam von meinem Arm nahm.

»Du... bist... angeschossen ...«, bemerkte ich sehr schlau, fast wieder von den Schüssen taub werdend.

»Halb so wild. Verschwinde jetzt! Das sieht nach Bullen aus...« Er hustete.

»Polizei?! Aber wieso jetzt?«

»Uns ist vorhin ein schwarzes Auto gefolgt... Ich dachte, es wäre Zufall gewesen. War es wohl nicht.« Dabei lächelte der Schwarzhaarige über seinen eigenen Fehler und hustete erneut. Sein energisches Nicken deutete mir erneut an zu verschwinden.

»A-Aber das... Das Heroin...«, stotterte ich vor mich hin. Bakura und Marik waren fort. Ich hatte es vermasselt. Jetzt würden die Bullen kommen. Und hier gab es die Todesstrafe. Außergerichtlich versteht sich.

»Vergiss das scheiß Heroin, man! Verpiss dich!« Der Fahrer wurde lauter und drückte mich fast gegen meinen Willen weg. In dem Moment hörten die Schüsse erneut auf.

Nein! Einmal will ich es richtig machen und jetzt war der Moment!

Ich fasste meinen Mut zusammen, rannte gebeugt zum Tisch, griff nach der Tüte. Einige kleine Tüten fielen raus, aber ich konnte den Hauptteil mitnehmen.

Bereits auf dem Rückweg zur Tür hörte ich Schritte schwerer Stiefel und Waffenknacken. Die Beamten waren bereits im Raum.

Ohne weiter auf die Schritte zu achten, die ich tat, rannte ich weiter. Mit nur einem halben Blick sah ich den Fahrer, wie er sich langsam aufrappelte.

Er würde es nicht schaffen.

Niemals. Die Polizei würde ihn kriegen und-

 

»Scheiße, mach endlich!«, schrie Bakura vom Gang aus, mir deutlich machend, dass ich mich beeilen sollte. Schnell fasste ich nach dem Fahrer.

»Hast du die Schlüssel für den Van?!«

Er sah mich perplex an, atmete angestrengt, nickte jedoch nach einigen Sekunden des Nachdenkens.

»Gut!«

Ohne weitere Erklärungen schleifte ich ihn mit mir. Er folgte schnell, begriff, dass ich ihn für den Van brauchte. Komplett nervös rüttelte er mit den Schlüsseln am Van, öffnete ihn, stieg auf den Fahrersitz. Bakura und Marik zögerten, als ich ohne nachzudenken auch einstieg.

»Na, kommt schon! Er wird uns fahren!«, schrie ich, die anderen reinwinkend.

Da die Polizei uns bereits im Nacken saß, die Geschäftsleute von Kaiba noch in Bereitschaft standen, das Anwesen zu verteidigen, sprangen Bakura und Marik dann doch rein. Mit quietschenden Reifen setzte der Fahrer das Auto in Bewegung und fuhr die holprige Straße erneut entlang, sodass die Achsen nur so hochsprangen.

»F-Fahr ja vorsichtig!«, kreischte Marik, als er einmal so weit nach oben geschleudert wurde, dass er sich den Kopf an der Decke stieß.

»Ich fahre, so gut ich kann!«, schrie der Fahrer zurück und bog auf die Hauptstraße. Im Verkehr der Nacht hatten wir den Vorteil, dass alle Katzen grau waren. Die Polizei schien uns eh nicht zu verfolgen. Gott sei Dank ...

Die Anspannung lag noch in der Luft. Bakura raunte immer mal wieder auf, schwieg dann aber in Mariks Armen, bis er einschlief. Ich drehte mich kurz zu den beiden auf der Ladefläche um.

»Wie geht es ihm...?«, fragte ich Marik, der mit blassem Gesicht noch immer zittrig über das weiße Haar strich.

»E-Er schläft... Weiß nicht ...«

Mein Blick fiel auf sein verletztes Bein. Es blutete nicht mehr stark; Mariks Schal tat das Nötigste. Seufzend fuhr ich wieder mit dem Kopf nach vorne. Neugierig sah ich zum Fahrer.

»Und dir? Was ist mit deinem Arm?«

Erst antwortete er nicht. Stur sah er auf die Straße und fuhr so gut er kann durch die Straßen Acapulcos.

»... Es geht schon. Nur ein Streifschuss.« Trotzdem sah man ihm die Schmerzen an.

»W-Wenn ich mal fahren soll, sag Bescheid-«

»Nein.«

Sofort zuckte ich zusammen. Das Nein kam wie aus der Pistole geschossen.

»Du kennst die Straßen nicht«, revidierte er sofort seine harsche Antwort.

»Wo fahren wir überhaupt hin?«, ertönte es von hinten. Marik lugte kurz nach vorne.

»In ein Motel am Stadtrand. Heute geht kein Flieger mehr ...« Er seufzte. Seine Augen fielen immer wieder zu. Ich sah mir schon einmal die Schaltung des Wagens an, um einzugreifen, wenn es nötig wurde. Marik schwieg wieder und setzt sich zurück zu Bakura.

»Darf man... eigentlich deinen Namen wissen?«, fragte ich scheu, drückte etwas Stoff auf die Schulterwunde.

»Nein.«

Wieder diese forsche Antwort. Er schien sich nicht gerne mit mir zu unterhalten. Oder der Vorfall lag noch zu tief in den Knochen. Ich musste zugeben, dass ich nur ein Gespräch suchte, um mich abzulenken. Denn je näher wir dem Stadtrand kamen, desto mehr dachte ich über das Ereignis nach.

Viel zu schnell fielen die Schüsse. Viel zu Laut war die Geräuschkulisse. Viel zu viele Tote lagen auf einmal auf dem Boden. Ich hatte schon so oft Menschen kommen und gehen sehen, aber dies... war so nah. Und so plötzlich.

 

Nach einer knappen Stunde Autofahrt erreichten wir ein altes, heruntergekommenes Motel. Die Neonschrift blinkte wie in schlechten Filmen. Der Fahrer hielt den Van vorm Eingang und stieg mit den Worten aus, wir sollten noch warten.

Ein ungutes Gefühl stieg in mir hoch, als er alleine hineinging. Der prüfende Blick aus dem Auto verriet mir jedoch nicht, ob es eine weitere Falle war oder nur Vorsorge, die unser Fahrer da betrieb.

Schlussendlich kam er nach einigen Minuten wieder zurück und klimperte mit den Schlüsseln. Vorsichtig half ich Bakura und Marik aus dem Van, während der Fahrer schon vorging.

»Wo sind wir... ?«, raunte Bakura auf und sah sich verschlafen um. Die Augenringe reichten ihm bis unter die Nase. Auch Marik sah erschöpft durch die Gegend.

»In einem Motel. Wir werden die Nacht hier verbringen.«

Bakura nickte nur stumm und trabte dann neben uns her, bis wir die Tür zum Zimmer erreichten. Unser Fahrer schloss die halb zerbrochene Holztür auf und betrat einen dunklen Raum.

Vorsichtig folgten wir ihm und erhellten erst die Sicht, als die Tür wieder ins Schloss gefallen war.

Kahl, ungemütlich und nicht für längere Aufenthalte gedacht. Die Wände waren gelblich gehalten, ob vom Rauch oder der Farbe war unklar. Ein Bett mit nur einer versifften Matratze schmückte die Mitte des quadratischen Raumes. Direkt daneben, völlig schmucklos, zwei Schränkchen mit zerbrochenen Lampen. Kein Schreibtisch, kein Fernseher, nur ein Stuhl in einer Ecke. An seinen Holzstäben befanden sich vereinzelte Absplitterungen; vermutlich von mehreren Fesselaktionen und Folterungen entstanden.

Mir schauderte es. Instinktiv trat ich hinter unseren Fahrer, als würde gleich jemand aus dem ebenso heruntergekommenen Badezimmer springen.

Marik setzte Bakura auf der Matratze ab, legte das Bein hoch und schob die Hose höher.

»Ohje... das ist ganz blau geworden...«

Ich ging ins Badezimmer und suchte nach einem Handtuch, fand natürlich keins. Ich zog meinen Cardigan aus und befeuchtete stattdessen diesen, drückte ihn großzügig aus und kam zu Bakura ans Bett. Vorsichtig tupfte ich das geronnene Blut ab.

»Das sieht ... Entzündet aus...«, murmelte ich und wechselte Blicke mit Bakura. Dieser sah nur stumm auf die Wunde und quetschte einzelne Brummlaute aus den Zähnen.

Da stand unser Fahrer hinter mir.

»Wenn es so weiter geht, wird er es verlieren.«

Ich fuhr herum und schüttelte den Kopf. »Wie kannst du eine solche Diagnose stellen?!«

»Niemals würde Bakura ein Bein verlieren!«, kreischte auch Marik los und schlang sich um Bakuras Hals. Dieser nickte schon wieder weg, bekam aber langsam wieder Farbe im Gesicht. Ich tupfte noch wie apathisch Bakuras Wunde ab, wickelte dann den Cardigan rum und seufzte.

Unser Fahrer setzte sich nach den keifenden Worten in die Ecke des Raumes und ließ den Kopf gegen die Wand fallen. Vorsichtig schloss er die Augen und hielt sich die Schulter.

»Wer bist du eigentlich?« Ich sah ihn vom Bett aus interessiert an. Er war nicht wie die anderen. Er zeigte auch nicht so viel Loyalität wie die Bodyguards, welche das Anwesen beschützten. Ganz im Gegenteil: er wollte auch fliehen. Er ist geflohen.

»Ich bin nur ein Fahrer. Und Mechaniker.« Ohne die Augen zu öffnen, kramte er aus seinem Bolero ein Etui, aus dem er einen Joint zog und ihn ohne mit der Wimper zu zucken anzündete. Mit einem großzügigen Zug, pustete er bereits den Rauch aus. Sofort reichte er ihn zu uns, jedoch nicht gewillt wieder aufzustehen.

Langsam stand ich auf und nahm den Stängel entgegen, sah ihn aber fragend an.

»Gib das deinem Freund. Das wird die Schmerzen etwas reduzieren.«

Ich fackelte nicht lange und brachte das gut riechende Gras zu Bakura. Doch der wollte nicht, schüttelte nur den Kopf und lehnte sich weiter zu Marik.

»Willst du also lieber leiden?«, ertönte es genervt vom Fahrer. Auch ich seufzte laut auf und nahm selbst einen Zug. Schlagartig wurde mir schwindelig. Es beruhigte und tat gut. Auch wenn die Angst tief saß, jeden Augenblick wieder in die Mangel genommen zu werden.

Marik nahm mir den Joint ab, zog einmal daran, pustete aus und nickte. »Gutes Zeug hast du da, Fahrer.« Sofort nahm er noch einen tiefen Zug, beugte sich dann zu Bakura über und küsste ihn feste auf die Lippen, den Rauch dabei sichtlich ausatmend, sodass der Weißhaarige gezwungen war zumindest einen Teil davon einzuatmen. Ein kleines Husten entwich ihm, nahm sofort danach genervt den ganzen Joint und zog daran. »Zufrieden?« Sofort wieder zu Marik nickend, reichte er ihn mir weiter.

»... zufrieden.« Ich nickte daraufhin nur schwach, zog noch einmal, stand dann auf und setzte mich neben den Fahrer. Marik pellte sich aus seiner Jacke und legte sie über sich und Bakura. Vorsichtig kuschelten sie eine Weile, bis ich ruhiges Atmen vernahm. Gemütlich rauchte der Fahrer weiter den Joint, bis er mir den Rest gab, sodass ich nach zwei Zügen das Papier in das Holz drückte, auf dem wir saßen.

Erst nach einigen Sekunden der Stille, in denen ich fast schon entspannt den Atmungen der beiden lauschte, brach ich sie.

»... Du schienst auch überrascht von dem Vorfall gewesen zu sein.«

Langsam und sichtlich entspannter als vorher öffnete der Mann neben mir seine Augen. Das gelbe Mal deutlich in mein Auge stechend.

»Mokuba hatte das alleine geplant. Wieso sollte er auch seinen Mechaniker darüber informieren?«

»Also bist du mehr so wie wir... untere Aushilfen.«

»Hey... Ohne Mechaniker keine Mechanik, klar?«

Aber ich wusste genau, dass es stimmte. Er schien so wie wir ein Fisch im großen Gewässer zu sein, welcher nach Bedarf benutzt und eingesetzt wurde. Würde er kaputt gehen, wäre er ganz leicht zu ersetzen.

Ich musste tatsächlich lächeln, als ich an diese Metapher denken musste. Wie schnell das Leben eines einzelnen, als wäre es nichts wert, ausgetauscht wurde.

Unweigerlich kam mir die Schießerei in den Kopf. Wie schnell könnte es auch auf diese Weise enden. Mokuba war sicherlich tot. Die Anzahl der Schüsse in seiner Brust waren fast unzählbar gewesen. Mein Blick wanderte wieder zum Schwarzhaarigen.

»Du hast mir das Leben gerettet. Hast mich runtergezogen. Dabei spiele ich doch für's andere Team.«

Seine stahlblauen Augen trafen erneut meine. Zum ersten Mal erahnte ich Emotionen in ihnen. Einen Ausdruck, den ich zwar noch nicht zu deuten wusste, aber erkannte.

»Wir spielen alle für das selbe Team. Ihr seid doch auch aus den Slums.«

Ich nickte langsam. »Du auch?«

Auch er nickte.

Eine kurze Phase der Trauer durchzog den Raum. Es musste nichts gesagt werden, nichts erklärt werden, es war einfach Fakt, dass wir alle eine ähnliche Geschichte durchlebt hatten. Waren es die Drogen, der Krieg oder doch die eigenen Eltern, die selbst nicht aus den dreckigen Geschäften gekommen sind.

»Du sprichst gutes Japanisch. Kommst du also auch aus Japan?«, fragte ich neugierig, seine aufgelockerte Stimmung ausnutzend.

»Ja. Ich komme aus Alt Domino City, so wie ihr.«

»Huh? Und wie bist du hierher gekommen?«

Er schwieg. Deutete dann mit dem Finger auf sein Gesicht. Langsam fuhr er das Mal ab.

»Verbrecher, die von der Polizei gezeichnet sind, haben es nicht unbedingt leicht. In egal welcher Szene. Du bist registriert, sie finden dich schneller. Ich hab keinen Job gefunden. Kaiba hat mir dann diesen Mechanikerjob angeboten.«

Ich konnte meinen Blick fast nicht abwenden. Ein Verbrechermal?

Wie in Trance streckte ich meine Hand aus und fuhr an seiner Wange entlang. Der Blick, der mir entgegen gebracht wurde, sah mich mit einem Hauch Entsetzen an. Doch der dazugehörige Körper unternahm keinerlei Anstalten meine Hand zu entfernen.

»Das ist ja... richtig eingebrannt...«

»Feinste Mikrochips.«

»Aua ...«

Der Fahrer nickte. »Dabei habe ich nur jemandem das Motorrad gestohlen.«

Langsam legte ich meine Hand zurück in den Schoß und räusperte mich. »Du hast nur ein Motorrad gestohlen und sie brandmarken dich derart?«

»So ist das eben.« Er seufzte langgezogen. »Und du? Weswegen bist du hier?«

Er interessierte sich für mich? Er stellte mir tatsächlich eine Frage und suchte ein Gespräch? Sicherlich die Auswirkungen des Joints, von dem er großzügig gezogen hatte.

Eine Weile lang überlegte ich, sah dann traurig lächelnd auf den Boden. »Meine Eltern... waren schon in Alt Domino. Na ja. Und ich hab auch nicht wirklich die Kurve gekriegt. Dann hat mir Lion das Angebot gemacht, für ihn zu arbeiten. Im nachhinein-«

»... bereust du es?«, fiel er mir todernst ins Wort. Etwas überrascht sah ich in seine Augen, nickte dann stumm.

»Ich auch.«

Wieder schwiegen wir. Das Gespräch nahm einen unangenehmen Verlauf.

Bis sein Blick auf meine hochtoupierten Haare fiel.

»Ich mag sie.« Er deutete grinsend auf meine abstehenden Strähnen. Zum ersten Mal lächelte er. Und es war... verzaubernd schön.

»Meine Haare?«, kicherte ich und fasste sie kurz an, »Haha... Danke, da bist du im Grunde der erste, der das zu mir sagt...«

»Ist ausgefallen, aber schön.«

 

Unsere Blicke trafen sich abermals. Diese blauen Augen, die wie ein Ozean auf mich herabrieselten, verrieten nicht ein Stück aus seiner Seele, während ich das Gefühl hatte, er könnte mich wie ein Buch lesen.

»Darf ich wirklich nicht deinen Namen erfahren...?«, fragte ich kleinlaut und etwas sehnsüchtig.

Er schien zu überlegen. Wog ab. Seufzte dann laut auf und hielt mir die Hand hin.

»Yusei.«

Strahlend ergriff ich die nette Geste und drückte sie feste.

»Yami! Freut mich... äh«, ich stutzte, »... den Umständen entsprechend.«

 

Es vergingen noch einige Minuten, in denen wir uns unterhielten. Leise und darauf bedacht, dass wir Bakura und Marik nicht wecken würden.

Die Nacht verblieb ausgesprochen ruhig. Irgendwann musste ich herzhaft Gähnen, gefolgt von Yusei.

»Vielleicht sollten wir auch etwas schlafen?«, schlug ich vor, doch mein Nebenmann schüttelte nur den Kopf.

»Viel zu gefährlich. Ich bleibe wach.«

»Nein, nein, nein, du bist verletzt! Wenn, dann bleibe ich wach.«

Wieder einmal lächelte er mich an. »Du bist viel zu lieb für diesen Job. Man merkt, dass du ihn noch nicht so lange machst.«

Auch das ließ mich freudig in sein Gesicht strahlen. »Ich nehme das ... als ein Kompliment.«

»Nein, ernsthaft. Du machst den Job wirklich noch nicht lange, oder? Die Aktion mit dem Heroin war viel zu gefährlich. du hättest sie liegen lassen sollen.«

Ich seufzte fast schon weinerlich, durchscheinend, dass ich das selbst schon realisiert hatte.

»Hast du ... sie dann eigentlich noch?« Yuseis Blick wurde sofort finsterer. Sein Lächeln verschwand und er musterte meine Hose.

Vorsichtig nickte ich und zog die Tüte aus einer Hosentasche. »Ja ... auch wenn ich etwas verloren habe.«

»Wie hattet ihr vor, das Zeug zu transportieren? Immerhin ... wollt ihr morgen wieder nach Hause fliegen, oder?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Unser Chef meinte, ihr würdet uns das mitteilen. Durch sein Schoßhündchen haben wir erfahren, dass es wohl aufs Schlucken hinausläuft.«

Sein Gesichtsaudruck verblasste schlagartig.

»Ihr wolltet diese Menge an Heroin schlucken?«

»Was andere würde uns nicht übrig bleiben, oder?«

Kopfschüttelnd rückte er von mir weg und fasste sich an die Stirn. »Verrückt!«

»Allerdings ... «, stimmte ich ihm zu und seufzte abermals. Die Müdigkeit machte sich unerträglich breit. Ich ließ die Tüte in meinen Schoß sinken und lehnte mich schlussendlich an Yuseis Schulter, schreckte aber sofort hoch.

»Oh, Gott, sorry! Tat das weh?!«

Ebenfalls erschrocken, schüttelte er sofort den Kopf. »Die andere Schulter ist die Verletzte.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ließ ich den Kopf wieder fallen und schloss die Augen. Yusei unternahm nichts, mit loszuwerden. Ganz im Gegenteil meinte ich, seine Wange auf meinen Haaren gespürt zu haben.

Meine Glieder schmerzten. Und nach all der Aufregung, spürte ich einige Prellungen und Schnitte in der Haut. Mein Schmerzzentrum begann wieder zu arbeiten. Dabei hatte es mich, zusammen mit Marik, noch am wenigstens getroffen.

Meine Gedanken schweiften ab.

Irgendwann schlief ich tatsächlich ein. Obwohl ich Yusei versprochen hatte, wach zu bleiben.

 

 

»Verdammt, wach auf!«, schrie eine schrille Stimme in mein Ohr.

»W-Was...?«, murmelte ich im Schlaf und rieb die Augen. Marik stand in seiner Jacke vor mir und rüttelte mich.

»Steh jetzt auf, die Bullen sind gleich hier!«

»Die Bullen?!«

In dem Moment läuteten alle Alarmglocken bei mir und ich hüpfte, etwas zu schnell für meinen Kreislauf, auf. Ich hatte seit über 18 Stunden nichts mehr gegessen.

Nach dem kurzen Sternchen sehen, vernahm ich Bakura und Yusei, wie sie über der Matratze hingen und die Tüten bearbeiteten.

»Was macht ihr da?« Mein Blick fiel aus dem Fenster, wo es noch beängstigend ruhig war. »Woher wisst ihr, dass die Polizei gleich kommt?!«

»Der Mann an der Rezeption ist mein Kumpel. Er hat mir den Fahndungsbericht durchgegeben. Sie haben die Spur aufgenommen«, erklärte Yusei, sichtlich ermüdet durch den fehlenden Schlaf und mangelndem Blut. »Wir müssen uns beeilen, dass ihr noch rechtzeitig in den Flieger kommt!«

Schnell checkte ich den Raum ab und sah Mariks Tasche, die er Gott sei Dank nicht verloren hatte. An Pässe hatte ich nun wirklich nicht mehr gedacht.

»O-Okay... Dann, äh-«

In der Hektik vernahm ich dann die Arbeit, die Bakura tätigte: Er füllte das weiße Pulver in Kondome und knotete sie zu. Eins nach dem anderen, bis es 7 an der Zahl waren.

»Moment, ihr wollt ... Kondome schlucken?«, fasste ich die Situation nach meinem eigenen Belangen zusammen und fasste mir verwirrt an die Stirn.

»Die Tüten sind alle bei der Schießerei gerissen. Das ist der einzige Weg, das Zeug noch irgendwie heile zu Melvin zu bringen«, erklärte Bakura und hielt mir zwei Kondome hin.

»Niemals schlucke ich das!«

Ehe ich es gesagt hatte, nahm Marik ein Kondom und schluckte es runter. Mit offen stehendem Mund sah ich zu, wie auch das zweite Kondom in Marik verschwand.

»Aber... bist du... was, wenn-«, stammelte ich vor mich hin. Bakura ließ nicht locker.

»Du hast noch an das Heroin gedacht, hast dein Leben dafür aufs Spiel gesetzt! Und jetzt willst du es einfach hier lassen? Du hast ja wohl den Arsch offen!«

In dem Moment sah ich Yusei, wie er die Kondome anfasste.

»Das sind viel zu viele für euch zwei«, bemerkte er in Gedanken verloren.

»Deswegen schlucke ich auch welche.« Bakura nahm sich schließlich auch ein Kondom und steckte es sich in den Mund.

»Ihr seid... so verrückt ... «

Die Situation war verrückt. Und aus verrückten Situationen entstehen verrückte Ideen.

Schlussendlich nahm ich dann mit viel Überwindung auch ein Kondom in meine Hand und steckte es in meinem Mund. Ich konnte nicht schlucken. Es ging nicht runter. Die Angst, ich würde es zerbrechen oder reißen lassen, war viel zu groß.

Bakura bekam dies wohl mit, steckte mir nur grob zwei Finger in den Rachen, während er mit der anderen Hand die Nase zuhielt und drückte das Kondom runter. Ich röchelte schlagartig, überreizte völlig meinen Hals und hatte das Gefühl mich sofort übergeben zu müssen. Doch stattdessen flutschte das gummiartige Ding meine Kehle runter und hinterließ einen unangenehmen Geschmack.

Ich schüttelte mich sofort. Die innere Panik versuchte ich zu unterdrücken.

»Ihr habt noch 3 vor euch ... Wie wollt ihr das machen?«, fragte Yusei völlig überfordert von der Tatsache, dass wir uns Heroin gefüllte Kondome einverleibten.

»Yami noch einen und ich noch einen... Und... den dritten... « Dabei sah Bakura zu Marik, der nur die Schultern zuckte und auch das dritte Kondom ohne Probleme den Rachen runterschlang.

Angewidert nahm ich das zweite Kondom und schob es bereits tief in meinen Rachen, sodass ich nur noch wie ein Vogel das Stück Wahnsinn runtergurgeln musste. In der Zwischenzeit war auch das letzte Kondom in Bakura verschwunden. Yusei blieb beeindruckt.

»Und jetzt schnell weg hier!«

Wie auf glühenden Kohlen schnappten wir unsere Sachen, stürmten aus dem Zimmer und hörten bereits weit in der Ferne die Sirenen der mexikanischen Polizei. Yusei drückte so schnell er konnte auf das Gaspedal des Vans.

Wir fuhren auf die Hauptstraße zurück. Der Tag hatte bereits angebrochen und die Sonne hauchte die Stadt wieder einmal in ein wundervolles Licht, was selbst die einzelnen Ruinen am Straßenrand auf eine verrückte Art und Weise schön aussehen ließ.

»Verdammt ...«, raunte Yusei auf einmal auf, als er zwar die Sirenen nicht mehr vernahm, aber dafür ein weiterer schwarzer Van, der uns fast im Kofferraum hing.

»Wer ist das?«, fragte ich sofort und beobachtete die Fahrweise im Seitenspiegel.

»Kaibas Leute. Verlangen wohl den Stoff zurück.«

»Shit!«, raunte Bakura auf und versuchte aus dem kleinen Vanfenster etwas zu erkennen. »Verdammt, fahr schneller!«

»Ich kann nicht schneller mit dieser Kiste fahren!«, schrie Yusei, der Panik nahe, zurück und drückte weiter auf das Gaspedal, obwohl die Karosserie nicht schneller fahren wollte.

Nervös wechselte ich die Blicke zwischen Van hinter uns und Autos vor uns. Man bemerkte sofort, dass Yusei zwar panisch am lenken war, aber trotzdem erfahren genug, um keinen Unfall zu bauen. Mit fast 60 Sachen fuhr er um Kurven und musste sogar einmal einlenken, um nicht mit dem Van auf die Seite zu fallen.

Das gegnerische Auto hinter uns blieb hartnäckig.

»Verdammt!« Bakura versteckte sich hinter dem Fenster, als er einen der Insassen eine Waffe herausholen sah. »Die schießen gleich!«

Marik kreischte auch als erster, als die Schüsse fielen. Instinktiv beugten wir uns vor, als könne uns das zumindest von Kopfschüssen beschützen. Das Metall des Vans hielt die meisten Schüsse zurück, bis dann die ersten durchkamen.

»Ich versuche sie abzuhängen!« Mit einer plötzlichen Seitwärtsbewegung lenkte er den Transporter in eine kleine Lücke zwischen zwei Autos, welche bereits anfingen abzubremsen; wahrscheinlich aus Angst vor den Schüssen, die fielen. Hastig bog er in eine kleine Straße ein, die nicht wirklich geteert war, sondern nur aus Kies bestand. Yusei nahm den Fuß nicht vom Gas, egal wie holprig der Van hoch und runter schaukelte. Das Auto hinter uns nahm nach einigen Problemen mit dem Verkehr wieder die Verfolgung auf. Doch das kostete Zeit und gab uns einen wertvollen Vorsprung.

»Ich werde gleich dort hinten den Van parken und wir laufen zu Fuß weiter«, knirschte Yusei durch die Zähne.

»Bist du verrückt? Bakura hat eine Schusswunde am Bein, wie soll er laufen?«, keifte Marik nach vorne, sichtlich überfordert von der Situation.

»Geht schon ...« Mit einer sanften Handberührung mahnte er Marik zur Stille. »Ihr lauft einfach. Ich komme nach oder eben nicht.«

»Niemals!« Der Blonde ließ nicht locker, schlang die Arme um Bakuras Hals und drückte sich an ihn. »Niemals würde ich dich zurücklassen! Du bist doch verrückt!«

Ich konnte meinen Blick fast nicht von den beiden abwenden, die in einem romantischen Kuss versanken. Trotzdem sah ich wieder auf die Straße und schluckte einen Kloß runter. Zwar wusste ich tief in mir drin, dass es Schwierigkeiten geben würde, aber doch nicht solche.

»Wir sind gleich da, macht euch bereit«, warnte uns Yusei vor, sich schon abschnallend.

»... Du kommst mit uns?« Sehnsüchtig beobachtete ich Yuseis Profil.

»Was soll ich sonst machen? Hier bleiben? Die jagen mir eine Kugel in den Kopf.«

»Aber du bist doch einer von denen, wieso sollten sie das tun?!«

Der Van wurde langsamer. Vorsichtig erhaschte ich einen Blick in den Seitenspiegel, in dem ich noch kein gegnerisches Fahrzeug vernahm.

»Ich bin mit euch mit. Kaiba denkt sicherlich, ich schlage mich auf eure Seite«, murmelte er angestrengt, als er den Van nur schlampig auf dem Bürgersteig parkte, »... was ich im Grunde ja auch tue ...«

Hastig öffneten wir die Türen, sprangen raus und liefen so schnell es ging hinter Häuser. Kleine Gasse folgten und boten uns den Vorteil, sich zu verstecken.

Immer wieder blickte ich nach hinten und sah Bakura hinterher humpeln. Die Schmerzen mussten unvorstellbar gewesen sein, wenn sogar der Killer ein verkrampftes Gesicht zog. Marik blieb stets bei ihm und stützte ihn, damit er nicht fiel.

Yusei rannte vor. Mit seinen langen Beinen konnte ich kaum mithalten und sprintete schon fast hinter ihm her, ohne ihn auch nur etwas einzuholen.

Schon extrem außer Atem, seufzte ich glücklich auf, als Yusei an Gleisen anhielt.

»Hier entlang führen die Gleise! Wenn wir es bis zum Bahnhof schaffen, können wir mit dem Zug zum Flughafen!«

Langsam kamen dann auch Bakura und Marik an.

»Mit dem Zug? Meinst du, das ist sicher?«

»Die Züge hier kommen und fahren, wann sie wollen. Uns dann zu verfolgen, würde zu lange dauern. Bis dahin sind wir am Flughafen.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, lief Yusei wieder los.

Was für eine Kondition hatte dieser Mann? Erstaunt über die Tatsache, dass selbst Bakura und Marik noch relativ fit aussahen, ächzte ich los. Ich war so unsportlich!

 

Nach wenigen Minuten erreichten wir tatsächlich einen kleinen Bahnhof, wo auch schon ein Zug bereitstand. Hastig sprang Yusei hinein und half uns auf den Zug zu steigen. Bakura mussten wir beim Anfahren noch hineinzerren.

Völlig außer Atem saßen wir dann im Gang.

»Hat einer von euch überhaupt ein Ticket?«, fragte ich kleinlaut, wohl wissend, dass niemand eins hatte.

»Wen interessiert das? Wir sind auf der Flucht vor Psychopaten!«, keifte mich Marik hysterisch an und seufzte abermals. »Wir können froh sein, dass wir noch leben... und hoffentlich bald wieder nach Domino City kommen...«

Schweigend beobachtete ich, wie Bakura seinen Arm um Marik legte und ihn an sich drückte. Sofort schloss dieser seine Augen und sie ruhten für eine Weile.

In diesem Moment wünschte ich mir auch etwas Liebe. In all den Jahren habe ich mich mit den schnellen Nummern zufriedengegeben, die Mahaad mit mir durchzog. Es reichte schon irgendwie. Aber jetzt, wo wir dem Todes Messers Schneide gerade so entkommen waren, wünschte ich mir auch jemanden, mit dem ich das Leid teilen konnte. Einfach jemanden, in dessen Arme ich mich verkriechen konnte. Der nicht fragte, wieso ich das tat oder mich auslachte. Sondern, der mir einfach etwas Zuneigung schenkte, dass ich mich besser fühlte.

Seufzend stiert ich auf den verdreckten Boden, auf dem wir saßen. Selbst auf zu Hause freute ich mich nicht. In mir waren zwei Kondome voller Heroin. Ich fühlte mich einfach grausig.

Yusei starrte ebenfalls stumm aus dem Fenster der gegenüberliegenden Tür. Sein Blick sah müde und verspannt aus.

»Yusei ...«, sprach ich ihn vorsichtig an und legte eine Hand auf seine gesunde Schulter, »ohne dich wären wir schon längst tot. Wie können wir dir dafür danken?«

Sein Kopf schwenkte nur kurzweilig zu mir herüber, rollte jedoch wieder zurück. Ein dumpfes Murmeln ließ auf eine Antwort schließen, die ich jedoch nicht ganz verstand. Es hörte sich nach einfach weg an.

 

Die Zeit verging und ich nickte wohl wieder kurz weg, denn an gewisse Abschnitte konnte ich mich nicht mehr wirklich erinnern. Erst als Yuseis Kopf auf meinen rollte, schreckt ich hoch und weckte ihn damit auch auf.

»Sorry... Schlaf weiter«, tätschelte ich seine Wange.

»Schon okay. Wir sind eh gleich da...« Müde stand er langsam auf und weckte Bakura und Marik, die noch immer wie erstarrt in der selben Position beieinander verharrt gewesen waren.

»Ich weiß nicht, wann der nächste Flug geht. Es kann sein, dass wir warten müssen.«

»Egal, sobald wir hinter der Sicherheitsschleuse sind, kann uns nichts mehr passieren.«

Ein kurzes Nicken von Bakura kam in meine Richtung. Ich hatte wohl wenigstens einmal eine Situation richtig eingeschätzt. Meine einzige Sorge bestand nur in der Angst, dass wir gar nicht erst durch die Sicherheit kamen.

Der Zug hielt und wir stiegen vorsichtig aus. Wir folgten den Menschenmassen, immer den Blick um uns herum, dass uns auch ja keiner folgte. Der Schalter war recht befüllt; zu unserem Glück. Das bedeutete zwar warten, aber selbst wenn Kaibas Männer uns hier im Flughafen suchen würden, konnten wir versteckter unter den Leuten die Tickets kaufen.

»Was, wenn Kaiba auch die Fluggesellschaft unter Kontrolle hat?«, flüsterte Marik uns zu, Bakura stets im Griff.

»Das glaube ich nicht. Kaiba hat viel seine Finger irgendwo drin, aber nicht in einer internationalen Fluggesellschaft.« Yusei schien zuversichtlich. Trotzdem blieb der Blick angespannt und wanderte immer wieder durch die umherstehenden Menschen.

»Und du?« Ich trat an ihn heran. Er war fast einen halben Kopf größer als ich, aber ich war es gewohnt zu den Menschen aufzuschauen.

Yusei hingegen erwiderte nur meine Berührung, nicht meinen Blick. Seine Hand wanderte um meine Taille und für einen Moment spürte ich seinen Atem auf meiner Stirn, da er mich näher an sich zog. Ich stockte, spürte mein Herz pochen. Trotzdem wir alle nicht geduscht waren, roch Yusei noch immer süßlich-herb. Ich wollte schon die Arme um ihn legen und die Umarmung erwidern, da zog er meine Jacke über meinen Kopf.

In dem Moment bückte sich Bakura und versteckte sein Haar hinter Marik.

Yusei sah wie eine Salzsäule aus, während er zum Schalter blickte.

Da war wer. Sie hatten wen entdeckt.

Wir verharrten eine Weile in unserer Starre, bis die Schlange sich zum Schalter näherte. Mit kleinen Schritten rückten wir nach. Kein Wort wurde gesprochen. Alles, was ich vernahm, war das Gemurmel der anderen Menschen und Yuseis Herz, wie es gegen seine Brust hämmerte. Ich schloss die Augen. Die würden keine Schießerei anfangen. Doch nicht hier...

Nach gefühlten Minuten ließ Yusei meine Jacke wieder los und Bakura tauchte auf.

»Sie scheinen weg ...«, bemerkte der Weißhaarige und sah sich um. »Gut, dass du den Seestern versteckt hast.«

Den Witz fand ich absolut nicht witzig, weil ich genau wusste, dass er meine hochtoupierten Haare meinte. »Du hast Recht. Dich als Opa hätten sie auch nicht erkannt.« Darauf bekam ich nur ein müdes Lächeln. Na, wenigstens konnten wir trotz der angespannten Situation ein bisschen scherzen.

Yusei hingegen blieb stumm. Nervös wackelte er mit dem Fuß, als wir die ersten in der Schlange waren.

»Yusei ...«, wiederholte ich meine vorherige Frage, die völlig untergegangen war. »Kommst du mit uns mit?«

Er schüttelte sofort den Kopf. »Ich kann nicht.«

»Wieso nicht? Du kommst doch auch aus Domino Cit-«

Er tippte nur auf seine Wange. Die Mikrochips. Ich wurde sofort traurig.

»Sie verweigern dir die Einreise?«

»Das nicht, aber ... wovon soll ich leben? Ich kenne niemanden dort. Da kann ich auch hier bleiben.«

»Du kennst uns!«

»Yami«, ertönte es mahnend hinter mir. Ein flüchtiger Blick zu meinem Rücken verriet mir einen bösen Gesichtsausdruck von Bakura. »Er bleibt hier.«

Ich presste die Lippen so dicht aufeinander, dass sie ihre Farbe verloren. Yusei war doch kein Haustier, was ich unbedingt mitnehmen will! Er war unser Lebensretter, ohne ihn wären wir längst tot!

Ein Schnauben konnte ich mir nicht verkneifen.

»Überlege es dir, Yusei. Du kennst uns. Und wenn wir Lion die Geschichte erzählen ... dass du uns gerettet hast, wird er sicher-«

»Yami, halt jetzt die Fresse.«

Nach Bakuras rauen Worten, verstummte ich. Yuseis Blick blieb unergründlich. Ob er wirklich darüber nachdachte mitzukommen oder es für ihn wirklich entschiedene Sache war, hier zu bleiben, blieb verschleiert.

Die Personen am Schalter vor uns gingen schlussendlich und wir rückten nach vorne. Etwas nervös und mit zittrigen Händen, legte Marik unsere Pässe vor.

»Hallo, wir ... wir würden gerne wieder nach Hause. Nach Japan. So schnell es geht.«

»Also 4 Tickets für den Flug um 13.30 Uhr?«, erfragte die gut riechende und ordentlich gekleidete Frau hinter dem Thesen.

»Nein, nur-«

»Ja, vier«, fiel ich Marik ins Wort. Yusei sagte nichts. Bakura sah mich brodelnd an und Marik wusste nichts darauf zu antworten. Mein Blick blieb eisern auf der Frau haften. Es war das mindeste, was wir für Yusei tun konnten. Ihn hier raus schaffen. Zwar reiste er, so wie wir, nur von einem Rattenloch ins nächste. Aber bei uns würde man ihn nicht abschlachten wollen. Je weiter weg er von seinem alten Arbeitgeber war, desto besser. Das galt nun nicht mehr nur für uns, sondern auch für ihn.

Die Frau tippte dann nickend auf ihrem Rechner rum und drückte uns, nach Vorlage der Kreditkarte, die Tickets in die Hand. »Einen angenehmen Flug. Ihr Gepäck können sie dort hinten am Schalter abgeben.«

Wir nickten nur. Natürlich hatten wir kein Gepäck abzugeben. Das stand nämlich noch in Kaibas Anwesen. Mehr oder weniger; die Polizei hatte es sicherlich schon durchgenommen und zerfetzt.

Fest umschlang ich die Tickets. »Wir haben noch 3 Stunden. Versuchen wir es, oder?«

Bakuras böser Blick haftete auf mich. Marik schien ebenfalls nicht begeistert. Nur Yusei blieb emotionslos neben mir stehen. Innerlich, so schätzte ich, dankbar über meine Entscheidung, ihn mitzunehmen.

»Ich hoffe nur, dass uns der Typ mit den coolen Tattoos keinen Ärger macht«, schwank Bakura sarkastisch in die Runde. Ein Augenrollen war meine Antwort.

»Wann bitte hat Yusei uns Ärger gemacht? Wohl eher umgekehrt.«

»Umgekehrt?« Bakura hob seine Augenbrauen und kam bedrohlich nah auf mich zu. »Entschuldigung, dass ich mich für euch eingesetzt habe und dafür eine Kugel einkassiert habe und jetzt eine solche Last bin!«

»Jetzt streitet doch nicht, das ist doch egal, wir sind am Flughafen«, sprang Marik dazwischen und drückte Bakura wieder etwas von mir. »Wir fliegen jetzt nach Hause und dann wird Melvin sich um uns kümmern. Wenn wir ihm erzählen, dass es solche Schwierigkeiten gab und uns eine Falle gestellt wurde, wir aber trotzdem... an das wichtigste gedacht haben, wird er uns sicherlich helfen mit Kaibas Leuten klarzukommen.«

Mariks Worte klangen zuversichtlich, ließen in mir aber ein eher ungutes Gefühl hochsteigen. Melvin? Und Helfen? Das waren zwei Worte, die ich niemals in Verbindung bringen würde. Und auf einmal bekam ich das mulmige Gefühl, dass Yusei doch nicht so gut bei uns aufgehoben wäre ...

Nach weiteren bösen Blicken zwischen mir und Bakura, setzten wir uns in Bewegung; Richtung Sicherheitsschleuse.

Das Herz klopfte wahnsinnig und ich konnte nicht anders, als mich ganz dicht neben Yusei zu stellen.

»Was, wenn ... wenn es piepst und sie es checken?«, flüsterte ich ihm zu. Yusei presste nur Luft aus seiner Nase und schwieg. Ein kurzer Schulterzucken verriet mir aber, dass er keine Ahnung hatte.

Bakura und Marik gingen wie immer vor. Wie die perfekten Schauspieler lächelten sie die Angestellten hinter dem Band an, legten Armbanduhren und Gürtel in die Schalen und gingen gut gelaunt durch die Piepser.

Bakura musste nicht einmal untersucht werden. Er war durch.

Marik folgte ebenfalls und piepte nicht. Freudestrahlend ging er kichernd durch und nahm Bakuras Hand. Ein kurzer Kuss ließ viele Angestellte wegsehen.

»Geh ruhig vor.« Yusei nahm meine Hand und führte sie vor sich. Ich schenkte ihm nur einen nervösen Blick und schluckte einen Kloß runter. Leider war ich kein so guter Schauspieler und knibbelte an meinen Sachen, als ich mich dem Piepser näherte.

»Na, Kleiner? Flugangst? Bist noch hier am Boden, haha«, machte sich ein Kerl auf Englisch über mich lustig. Ich nickte nur höflich.

»Ja ... ich bin etwas nervös, entschuldigen Sie.«

Sofort zog ich die Luft ein und ging mit schnellen Schritten durch die Kontrolle. Und natürlich piepste es. Es war so absehbar!

Ich ließ noch keine Luft entweichen, sah dann nervös um mich, als der Mann, der sich über mich lustig gemacht hatte, auf mich zukam.

»Dann dreh dich mal um, Kleiner.«

Ich tat, wie mir befohlen und streckte die Arme aus. Unangenehm spürte ich das abtastende Teil. Seine Hände, wie sie auch nah an meinen Schritt gingen. Dann sollte ich mich wieder drehen. Weiter tastete er mich ab, bis er auf meine Schuhe deutete.

»Zieh die mal aus und lass die noch einmal durchleuchten.«

Schon fast erleichtert, dass es wohl meine Schuhe waren, zog ich sie aus und legte sie aufs Band. Nach erneutem Durchgehen, piepste ich auch nicht mehr. Ein Stein fiel von meinem Herzen. Diese Minute hat mich gefühlte 10 Jahre altern lassen.

Bakura und Marik gingen händchenhaltend durch die Duty Free Shops. Ich wartete noch auf Yusei, der ohne Probleme durch die Schranken ging. Doch man merkte sofort, dass die Security ihm auf das Verbrechermal starrte. Wieso musste es auch im Gesicht sein? Er war gezeichnet fürs Leben ...

»... wir haben es geschafft«, murmelte ich erleichtert zu Yusei. Er nickte und schenkte mir sogar ein kurzes Lächeln.

»Lass uns zum Gate gehen. Dann kann ich mich etwas ausruhen ...«

Erst jetzt bemerkte ich Yuseis vorangeschrittenen erschöpften Zustand. »N-Na klar!«

Mit schnellen Schritten lief ich hinter Yusei her und setzt mich neben ihn, als wir das Gate erreicht hatten.

»Soll ich dir etwas zu trinken holen?«

»Schon okay ... ich ... möchte mich nur etwas ausruhen.«

Er schloss die Augen und ließ sich etwas im Sitz sinken. Vorsichtig umschloss ich sein Gesicht mit meinen Armen und zog ihn zu mir runter.

»Hier ... leg dich auf meinen Schoß. Das ist doch bequemer.«

Yusei sagte nichts, sah mich nur von meinen Beinen aus an, schloss dann wieder die Augen und verschränkte die Arme. Nach nur wenigen Minuten wurde sein Kopf schwerer und er rollte in meine Richtung, wo seine Nase in meinen T-Shirtfalten verschwand. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, als er friedlich vor sich hin schlummerte.

Was ein Held, schoss es mir durch den Kopf und streichelte liebevoll seine pechschwarzen Haare.

»Und deswegen musste der jetzt mit?«, hörte ich die genervte Stimme von Bakura, wie er sich mit einer Cola uns gegenüber setzte. Marik stand noch mit einer Stange Zigaretten an der Kasse und öffnete schon eine Packung, um sie gleich im abgetrennten Bereich zu rauchen.

»Was heißt hier deswegen? Er hat uns das Leben gerettet. Es ist das mindeste, was wir tun können.«

»Das mindeste von was? Ihn von einem Drecksloch ins nächste zu bringen? Dir ist schon bewusst, dass er auch bei uns den Henker kennenlernen wird, sobald er auch nur einen Fuß in Melvins Territorium setzt.«

Ich schwieg.

»Yami, dein gutes Herz in aller Ehre, aber Melvin wird dir nicht auf die Schulter klopfen und damit einverstanden sein, dass du den Drecksjungen von Kaiba zu uns geholt hast. Was, wenn er verwanzt ist? Was, wenn dieses Mal da uns Schwierigkeiten bringt? All das wissen wir nicht und Melvin wird der Letzte sein, der dieses Risiko eingehen möchte.«

Meine Zähne knirschten aufeinander.

»Es ... es ist die einzige Chance, die er hat. Hier würde er doch zu 100% sterben. Bei uns... gibt es vielleicht einen geringen Prozentsatz, der ihn nicht das Leben kosten wird.«

Bakura raunte auf und trank seine Cola.

»Du bist so furchtbar, wenn du verknallt bist.«

Schlagartig wurde ich rot.

»Ich bin nicht verliebt! Also bitte, ich kenne diesen Mann doch kaum!«

Er rollte die Augen weitläufig nach oben und trank schweigend seine Cola. Für ihn war das wohl mehr als offensichtlich, dass ich ein kleines Interesse an Yusei hatte.

Ich konnte es nicht leugnen. Da war etwas an ihm, was ich sehr mochte. Auch wenn er die meiste Zeit kühl und abweisend war, reizten mich seine Augen und sein Lächeln. Wahrscheinlich gerade weil er sonst so stumm war, machte es mich umso mehr an, wenn er es mal nicht war.

Wie apathisch streichelte ich weiter über Yuseis Haare. Er hatte uns das Leben gerettet. Er hatte dieses gutmütige Herz in sich, was auch ich niemals verlieren will. Bakura und Marik zumindest schienen es nur füreinander behalten zu haben. Alle anderen waren ihnen egal.

 

Nach fast zwei Schachteln Zigaretten von Marik und mehreren Stunden Schlaf von Yusei, durften wir einchecken. Total müde und verpennt, hielt ich Yusei an der Hand und führte ihn mit mir in den Finger, der uns zum Flugzeug bringen sollte.

Marik klammerte sich an Bakura, der schon wieder ganz gut zu Fuß war. Gott sei Dank, dachte ich. Denn hätte er sein Bein verloren, würde Melvin ihn auch austauschen. Marik würde definitiv mit ihm gehen. Und ich wäre wieder alleine in diesem Heim, schoss es mir recht egoistisch durch den Kopf.

Doch Marik bereitete mir etwas Sorgen. Nicht nur, dass er zwei Schachteln Zigaretten am Stück geraucht hatte, sondern auch, dass seine Gesichtsfarbe immer blasser wurde. Immerhin hatte er drei Kondome geschluckt. Und er war sowieso ein Hungerhaken. Ich konnte nur hoffen, dass sein Magen das packte.

 

Im Flieger schliefen wir alle. Ruhig und fast unbesorgt. Nach der letzten Nacht waren wir alle heilfroh, dass wir wieder nach Hause durften.

Und Yusei durfte sogar mit. Er durfte raus aus dem Höllenloch und zurück in sein Heimatland. Obwohl er immer noch stumm geradeaus schaute, lehnte ich mich an ihn. Wann immer ich ihn berührte, fühlte ich mich sicher. Das lag wohlmöglich auch daran, dass er derjenige war, der uns auch die Sicherheit möglich gemacht hat.

Nach mehreren Stunden landete das Flugzeug sanft auf japanischem Boden. Gleichzeitig atmete ich erleichtert aus. Das einzige, was ich jetzt noch mit den unangenehmen Erinnerungen loswerden wollte, waren die zwei Kondome in meinem Magen. Ich konnte es kaum erwarten die Abführtablette zu nehmen.

Da wir nicht auf unsere Koffer warten mussten, gingen wir direkt zur Bahn. Yusei sah sich interessiert um und wurde langsamer.

»Komm schon ... ich zeige dir die Stadt, wenn wir zu Hause sind... « Ich lächelte ihn an und nahm erneut seine Hand, um ihn mit mir zu ziehen. Er nickte stumm, aber mit einem Lächeln auf den Lippen und folgte wieder mit schnellerem Schritt Marik und Bakura.

»Also zu Hause nehmen wir erst mal alle eine Abführtablette. Die braucht eine halbe Stunde, bis sie wirkt und dann sollte eigentlich alles rauskommen«, erklärte Bakura, der sich räuspernd in der Bahn zurücklehnt. Marik lächelte müde und schwach.

»Alles in Ordnung mit dir, Marik?«, hakte ich nach und sah ihn mir genauer an. Die Augenringe waren fast schwarz.

»Hm ... Ja, klar. Ich bin nur so fertig von der Sache ... Bin froh, wenn ich ins Bett kann.«

Ich nickte daraufhin verständnisvoll, lehnte mich auch zurück. »Bakura und du braucht sowieso erst mal ärztliche Versorgung.«

»Bei mir geht es schon. Ist nur ein Streifschuss gewesen. Bakuras Wunde ist wichtiger.«

»Du brauchst dich nicht immer aus der Rechnung zu nehmen, Yusei. Wir kümmern uns um dich«, lächelte ich ihn an und strich über seinen Arm.

In dem Moment hörte man ein sarkastisches Röcheln aus Bakuras Richtung. Mehr als ein müdes Augenverdrehen war bei mir nicht drin. Sollte er sich doch mal zuhören, wenn er mit Marik sprach!

Denn die beiden turtelten auch schon wieder. Liebevoll strich Bakura mit seiner Hand über Mariks Wangen und entfernte eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ein sanftes Lächeln, welches von Marik erwidert wurde, umspielte seine Lippen. Vertraut sahen sie sich in die Augen und hielten die Hand des anderen. Mariks Mund bewegte sich kurz.

Seine Lippen formten drei Worte.

Und Bakura antwortete mit weiteren drei.

 

Als wir unser kleines, heruntergekommenes Häuschen sahen, machte sich doch ein vertrautes Gefühl breit. Endlich zu Hause ...

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber wieso sollten wir darauf achten, wer um unser Haus steht, wenn man gewohnt ist, dass jemand dort steht? Melvin Security sah nämlich anders aus, als die Männer, die um die vier Wände standen und uns nickend den Einlass gewährten.

Schnell schloss Marik die Tür auf und sprang hastig hinein.

 

Ein Schlag in die Magengrube ließ ihn sofort zu Boden fallen.

»Marik!«, schrie Bakura auf, wollte dem Kerl auch eine reinhauen, wurde jedoch von hinten gepackt und fixiert. So schnell konnten weder ich noch Yusei handeln, da lagen auch uns Fesseln an. Grob wurden wir auf den Boden gedrückt.

»Ahh!« Schmerzvoll raunte ich auf, als einer der Kerle mit fast den Arm verdrehte. Auch Yusei keuchte angestrengt, während man ihm in die Wunde einen Stock presste.

 

»Ihr dachtet wohl ... Ihr könntet einfach so wieder zurück? Ihr denkt wohl, ich bin dumm.«

Kaiba. In seiner vollen Person erschien langsam im Flur und sah uns streng an. Sein langer Mantel lag locker auf seinen Schulter, während die Haare wie immer perfekt gestriegelt waren. Niemand von uns vermochte ein Wort zu sagen.

»Melvin ist dumm genug, dass er sich auf mich eingelassen hat. Meine Männer angegriffen hat, nur um kostenlos an Stoff zu kommen. Hat euch wohl erzählt, er hätte schon bezahlt, hm? Tja, Melvin sagt eben nicht immer die Wahrheit.«

Wieder ertönte dieses Piepsen in meinem Ohr, was immer lauter wurde. Es war wohl das Blut, was wie verrückt durch mein Herz pumpte und mir einen Adrenalinschub nach dem nächsten gab.

Erst dann sah ich im Augenwinkel, wie die Kerle an Marik rüttelten.

Er wachte nicht auf.

»Und du ... um dich kümmere ich mich auch noch, mieser Verräter.«

Mit den Worten trat Kaiba weit ausholend in Yuseis Magengrube, sodass er aufschrie und sich vor Schmerzen krümmte.

»Nein! Hör auf!«, entwich es mir sofort. Ich wollte zu Yusei robben, wurde aber weiterhin festgehalten und auf den Boden gedrückt.

»Schnauze, du verrücktes Haarwesen. Punks wie du sind normalerweise die ersten, die draufgehen. Aber solange du nicht meinen Stoff wieder ausgeschissen hast, will ich dich am leben lassen. Nett von mir, oder?«

Mit den Worten ging er langsam wieder zurück in das Wohnzimmer.

»Melvin und wie hieß sein Schoßhündchen noch gleich? Ryo? ... Die sind bereits da, wo sie hingehören.« Er lachte kurz hämisch auf. »Die Mülldeponie freut sich, wenn sie die beiden sieht.«

»Du Bastard!«, schrie Bakura, sichtlich verzweifelt und sich in den Fesseln windend. »Du mieses Schwein! Und das alles nur für was?! Diesen Rotz?!«

Kaiba, sichtlich unbeeindruckt über Bakuras Wutanfall, seufzte gespielt dramatisch und schwenkte die Hand in der Luft. »Frag das doch deinen Boss, wenn du ihn in der Hölle triffst. Er war derjenige, der den Hals nicht voll genug kriegen konnte. Meiner Meinung nach war er selbst süchtig nach der Scheiße.«

Mit Schulternzucken deutete er den Wachkerlen an, sie sollen uns mit ins Wohnzimmer schleifen.

Und jetzt erst realisierte ich, was genau geschehen war. Blut. Überall. Die Wände voll. Der Boden. Die Möbel. Fast wie gestern Nacht. Nur diesmal war es ein aufgeräumter Tatort. Kaiba hatte Melvin und Ryo wohl ausbluten lassen. Denn so viel Blut; wo sollte es sonst herkommen?

»... Mahaad«, murmelte ich, auf dem Wohnzimmerboden krebsend. »Wo ist Mahaad...?«, fragte ich wesentlich lauter und verzweifelter. Wurde er etwa auch...?

»Meinst du den Drogenstricher? Der ist abgehauen. Oder sagen wir: Ich hab ihn laufen lassen. Hat sich in die Hose gemacht, als ich Melvin den ersten Finger abgeschnitten habe.« Schüttelte dann nur verständnislos den Kopf und setzte sich auf Melvins Sessel. »Der ist doch keine Gefahr, ich bitte dich.«

»Das... Das sind wir alle nicht ...«, wimmerte Yusei auf, der mit den Schmerzen in seiner Schulter kämpfte.

Kaiba verdrehte nur die Augen. »Na ja. Das kann man jetzt von zwei Seiten sehen.«

Mein Blick wanderte noch einmal zu den anderen. Bakura starrte auf den leblosen Körper von Marik. Das Entsetzten war ihm ins Gesicht geschrieben.

»Marik ...«, hörte ich ihn flüstern. Immer wieder murmelte er seinen Namen und versuchte näher an ihn ran zu kommen. Doch nichts regte sich. War er wirklich bewusstlos geworden? Durch einen Schlag, der nicht mal auf den Kopf ging?

»Sir, dieser hier wacht nicht auf«, stellte einer von Kaibas Schränken fest.

Mit aufeinander gepressten Lippen, hob Kaiba beide Augenbrauen. »Gar nicht? Hat er einen Puls?«

Der Mann fühlte. »Ja, aber nur sehr schwach.«

»Hm.«

Schlussendlich stand der Chef doch auf und ging zu Marik, trat ihn mit dem Schuh auf die Seite und beobachtete ihn eindringlich. Sofort nimmt er ein Messer aus seiner Hose.

»Hey!!«, schrie Bakura wie aus der Pistole geschossen los. »Wage es nicht, ihm wehzutun! Hörst du?! Ich leg dich um! Fass ihn nicht an!«

Bakuras Schreie völlig ignorierend, hielt Kaiba das Messer an Mariks kleinen Finger und schnitt ihm mit einem Rutsch die Fingerkuppe ab.

Mein Atem stockte sofort und ich glaubte mich übergeben zu müssen.

Marik jedoch blieb regungslos liegen.

»Bist du verrückt?! Scheiße, du Bastard, du verficktes Arschloch, ich werde dich so was von klein hacken!« Bakura kam gar nicht mehr aus dem Fluchen heraus. Kaiba hingeben erhob sich nur ruhig und schüttelte enttäuscht den Kopf.

»Der liegt im Koma. Tot ist er zwar noch nicht, immerhin atmet er noch, aber wer keinerlei Schmerzen zeigt, wenn man ihm den Finger abtrennt... «

Seufzend ging er zum Fenster und schloss es. »Wahrscheinlich ist da ein kleines Tütchen aufgegangen.« Langsam knirschte er mit den Zähnen, als Bakura nicht aufhörte zu Schreien.

»Marik! Marik, wach auf! Wach doch auf!«

Wie ein Gebet wiederholte er die Worte immer und immer wieder, bis Kaiba seinen Männern befohl ihn ins Bad zu schleifen.

»Holt es aus ihm raus.«

Yuseis Augen weiteten sich um das doppelte, ich hielt noch immer die Luft an und zitterte am ganzen Körper. Rausholen? Aus ihm? Wie? Die Drogen?

»Schaut nach, ob noch was aus ihm brauchbar ist oder ob alle zerrissen sind.«

»Nein! Nein!!« Bakura wurde hysterisch, sah den zwei Männern hinterher, die den leblosen Körper von Marik ins Bad schleiften. »Nein!!«

Irgendwann brach seine Stimme und die ersten Tränen fielen über seine Wange. Immer mehr, bis sie von seinem Kinn tropften. Immer wieder versuchte er die vorgebeteten Worte zu wiederholen, brach jedoch sofort weg. Nur leise konnte ich Mariks Namen verstehen, den er vor sich hin wisperte.

»Was macht ihr mit ihm?!«, schrie ich dann auch los, versuchte mich zu drehen und zu erkennen, was geschah, doch das Bad lag um die Ecke des Flurs. Nichts gab mir Einsicht in das Tun der Männer.

»Sie ... sie schneiden ihm den Bauch auf ...« Yusei schluckte kräftig und sah erst zu mir, dann zu Bakura, der völlig fertig mit dem Gesicht auf dem Boden weinte. Ich hatte ihn noch nie auch nur eine Träne verschütten sehen. Geschweige denn überhaupt jemals einen Killer weinen sehen.

»Sie... schneiden ihn auf...?«, wiederholte ich völlig fertig Yuseis Worte.

Was geschah denn hier?

Man hörte matschige Geräusche. Kaibas Stimme. Die Männer, die ihre Hände immer wieder in den Gedärmen von Marik hatten und nach den Kondomen suchten. Ich nahm all meinen Mut zusammen. Neugierig robbte ich zum Flureingang, streckt den Kopf und erspähte eine Blutlache aus dem Zimmer fließen. In dem Moment warf ein Mann den Darm in den Flur.

Sofort schreckte ich zusammen, kniff die Augen zu und rollte mich ein. Nicht kotzen, nicht kotzen, kam es immer wieder in meinen Kopf.

Doch nichts half. Ich musste würgen, sobald ich das restliche Blut im Zimmer sah, in dem wir alle lagen, und erbrach Wasser. Wasser und Magensäure. Nicht mehr war mehr in mir drin.

Yusei sah mich mitleidig an und versucht zu mir zu kommen, doch der Schrank, der noch auf uns aufpasste, hielt ihn davon ab.

»Lass mich ihn wenigstens in den Arm nehmen!«, forderte Yusei und stierte finster zu dem Mann hoch, der nur böse zurücksah.

»Nein.«

An den Haaren zog er Yusei wieder zurück auf seinen Platz und ließ ihn unachtsam gegen die Wand fallen. »Schnauze jetzt.«

Langsam beruhigte ich mich wieder und presste noch Tränen aus meinen Augen.

»Bakura ...«, murmelte ich seinen Namen. Noch immer lag sein Gesicht auf dem Boden und er weinte stumme Tränen. »Bakura ... sag doch was ...«, wimmerte ich schlussendlich auch. Er hatte Marik verloren. Wir alle hatten ihn verloren. Sein Gewicht, sein Zigarettenkonsum, so vieles mehr trug dazu bei, dass es ihm nicht gut ging. Und der Schlag in die Magengrube gab ihm wohl den Rest.

Nach einigen Sekunden blickte Bakura dann doch auf. Seine Augen waren glasig und rot, aus seiner Nase lief etwas Sekret. Er starrte mich mit einem hoffnungslosen Blick an. Langsam schüttelte er den Kopf. »Funktionieren eure Beine noch?«, waren die letzten Worte, die ich von ihm hörte. Yusei nickte stumm.

»Ja ... ich denke schon... «, antwortete ich und schob die Augenbrauen zusammen. Aber was würde uns das bringen? Sobald wir auch nur aufstehen würden, wären wir tot!

Bakura nickte. Kaibas Schrank sah nur missmutig zu ihm runter. »Was bringt's dir, Albino, hm? Dein Bein jedenfalls sieht nicht so brauchbar aus.«

Langsam richtete er sich auf und spuckte dem Mann vor die Füße. Ein angriffslustiger Blick zollte dem Schrank genug Aufmerksamkeit, dass er auf Bakura losging. Dieser warf sich so gut er konnte gegen ihn und biss sich in seinem Hals fest.

Blut schoss hinaus. Mit einem Ruck riss er ihm komplette Sehnen und Venen heraus, biss sofort noch einmal rein, während der Mann anfing zu schreien.

Ich brauchte einen Bruchteil von einer Sekunde, um zu verstehen, was Bakura damit erreichen wollte. Fliehen. Wir sollten fliehen.

Yusei verstand dann auch meine Gestik, als ich mich auf die Beine hievte und folgte mir. Ein letzter Blick, als wir die Tür erreichten, zeigte mir, wie Kaiba in das Wohnzimmer stürmte und Bakura in den Kopf schoss.

 

Schnell drehte ich mich um. Der Moment, wie sein Körper auf den Boden fiel, war wie beim zu lange in die Sonne sehen noch vor meiner Netzhaut.  

Er hat uns geholfen. Oder sich selbst. Ohne Marik ... wohl auch kein Bakura. Jegliches Leben war aus seinen Augen entwichen. Was auch immer zwischen den beiden immer gelaufen war, es war nicht nur Sex. Es war Liebe. Eine sehr Tiefe. Und es ließ mich bei dem Gedanken selber weinen. Ich hätte ihnen das Glück der Erde gewünscht. Hätten sie sich doch in New Domino City kennen gelernt. Marik wäre Kindergärtner gewesen. Er liebte Kinder über alles. Und Bakura vielleicht Abteilungsleiter bei einer Bank. Sie hätten sich irgendwann eine Wohnung genommen und ein Kind adoptiert, was Marik immer haben wollte.

Wieso ist es nicht so gelaufen?

Wieso mussten sie beide auf diesem Drogentrip sterben? Unmenschlich abgeschlachtet wie Vieh ...?

 

Yusei schnitt mir mit einem Glassplitter das Kabelband durch, ich danach ihm. Die paar Schnitte mehr in meiner Hand taten schon gar nicht mehr weh. Das Adrenalin pumpte noch immer durch meinen Körper. Was, wenn die Kondome auch in mir aufplatzen würden?

Zusammen liefen wir ziellos durch die Stadt, bis wir ein Abwasserkanal erreichten. Den größten der Stadt. Hektisch liefen wir den glitschigen Pfad runter und hockten uns auf eine trockene Stelle unter einem Rohr.

Bemüht um einen flachen Atem, sprachen wir kein Wort. Nur meine zittrige Hand suchte verlangend nach Yuseis. Sein fester Griff tat gut. Er gab mir etwas Kraft.

 

Es vergingen Minuten. Stunden? Noch immer sprachen wir nicht. Noch immer saß der Schock zu tief. Die letzten 24 Stunden waren zu viel gewesen. Ich habe so viele Menschen sterben sehen, wie in meinem Leben davor nicht. Yusei schien es genauso zu gehen. Sein starrer Blick ins Leere verriet mir, dass er noch damit kämpfte, nicht ohnmächtig zu werden.

»Yusei ...«, flüsterte ich seinen Namen in die Stille. Der Abend brach bereits ein und es wurde dunkel. Die Lichter der Stadt gingen an.

»Wir... müssen etwas essen ...«

Ich bekam ein stilles Nicken. Vorsichtig und langsam erhob er sich und half mir auf. Immer noch an seiner Hand hängend, gingen wir gemeinsam in die Innenstadt. Viele Menschen umgaben uns. Manche sahen uns seltsam an. Nicht, weil wir Händchen hielten, sondern weil wir wie zwei blutverschmierte, apathische Mäuschen durch die Straßen liefen. An einem Imbissstand blieben wir stehen. Zittrig bezahlte ich mit dem letzten Geld aus meiner Tasche zwei Portionen gebratene Nudeln.

Schweigend setzten wir und gemeinsam an eine Bierbank und fingen an zu essen. Mir war furchtbar schlecht und ich konnte eigentlich keinen bissen runterkriegen, aber ich zwang mich. Wer weiß, was die nächsten Stunden passieren würde? Ich brauchte die Energie.

Yusei schien mit Appetit zu essen und schlang die Nudeln runter. Aber auch in seinen Augen sah ich die Rastlosigkeit. Wo konnten wir uns denn noch sicher fühlen? Wir befanden uns in den Slums, hier könnten jederzeit Kaibas Leute auftauchen und uns zur Strecke bringen. Das hier ist auch kein Flughafen. Hier würde jeder auf uns Schießen können oder zumindest mit Waffen auf uns zeigen.

Lustlos aß ich weiter und beendete mit dem letzten Happen qualvoll die Nahrungsaufnahme. Yusei hatte uns zwei Cola geholt, die ich dann langsam trank.

»Wo hast du die her...?«

»Ge-... holt.« Vorsichtig nippte er, den Augenkontakt vermeidend.

»Yusei ... «, seufzte ich. Klauen war nicht unbedingt die beste Alternative. Was ein Kleptomane.

 

Als die Nacht nun völlig hereingebrochen war, leerten sich auch die Straßen in Alt Domino City.

Unter dem Rohr wollte ich nicht schlafen. Und Yusei auch nicht. Doch ohne Geld? Wohin?

Traurig und müde schlurften wir Hand in Hand durch die dunklen Gassen. Als wäre es uns fast egal gewesen, wenn wir doch umgelegt werden würden.

Auf einmal blieb Yusei stehen.

»Was ist?«, fragte ich neugierig und sah in die Richtung, in die er starrte.

»Hier ... habe ich mal gewohnt...«

Wir standen vor einer Ruine. Nur das Erdgeschoss stand noch einigermaßen. Die darüber gelegenen Stockwerke waren eingebrochen. Fenster waren eingeschlagen und die Wände bröckelten. Trotzdem ging Yusei näher ran.

»H-Hey ... meinst du nicht, das könnte einstürzen?«

Ohne weiter auf mich zu achten, löste er sich von meiner Hand und ging durch die zerstörte Tür. Seufzend folgte ich ihm.

»Das ist also aus meinem Heim geworden?«, murmelte er vor sich hin.

»Das ist... aus so vielen Häusern geworden. Meins ist auch zerstört. Jetzt steht da eine Wechselstube.« Ich zuckte nur mit den Schultern. Meine Nostalgie hielt sich eh in Grenzen. Keine schönen Erinnerungen lagen in der Kindheit.

Yusei hingegen ging weiter die Ruinen entlang. Von Raum zu Raum lugte er hinein, bis er wieder stehen blieb. Mit einem Ruck öffnete er einen staubigen Wandschrank und zog alte Decken raus. Als er die schüttelte, kamen einige Motten heraus, von Staub gar nicht mal anzufangen.

»Hier... Besser als nichts, oder?«, lächelte er müde und hielt mir die durchgeklopfte Decke hin. »Dann frieren wir heute Nacht nicht.«

 

Es war so still. Wir lagen neben einander und starrten an die Decke.

Nur entfernt vernahm man einzelne Sirenen. Oder Hupen. Oder Menschenstimmen.

Ich war so müde und trotzdem konnte ich kein Auge zutun.

»Yusei ...«, flüsterte ich abermals seinen Namen. »Hattest du jemals mit solche Sachen zu tun? ... Mord und Tod?«

»Schon ... Aber ... Nicht so.«

»Ja ...«

Unsere Stimmen waren immer noch zittrig, angespannt und verängstigt. Von solchen Dingen hörte man immer nur. Aber man erlebte sie nicht.

Ich drehte den Kopf zu Yusei und beobachtete sein Profil. Eine Weile lang passierte nichts. Nur seine Haarsträhnen bewegten sich in meinem Atem.

Irgendwann drehte er den Kopf zu mir und erwiderte meinen Blick.

»... Ich hab nur noch dich, Yusei.« Meine Lippen bildeten eine strenge Linie. Doch die von meinem gegenüber erhoben sich.

»Ich auch nur noch dich, Yami.«

Diese wundervollen, lieb gemeinten Worte ließen mich aufatmen. Ich war nicht alleine. Und er auch nicht. Wir machten das Beste aus der Situation, oder?

Vorsichtig reicht ich nach seinem Arm, hob ihn an und krabbelte darunter. Mit einem entspannten Seufzen legte ich den Kopf auf seine Brust, welche sich angenehm hob und senkte.

»Bleibst du vorerst bei mir?«, fragte ich vorsichtig. Doch als seine Hand friedlich auf meiner Schulter ruhte und die andere meine Wange streichelte, wusste ich bereits, dass er mir den Gefallen tat. Ein leichtes Brummen bestätigte meine Vermutung. »Ja.«

Seine Hand streichelte so sanft meine Haut, dass ich wirklich einnickte.

Der ganze Stress sackte für einen Moment ab.

Ich dachte an Marik und Bakura. Wie sie in dem Zug nebeneinander saßen. Blass und verwundet, müde und angeschlagen von der Nacht. Und trotzdem flüsterten sie sich liebende Worte zu, kicherten und küssten sich wie zwei frisch Vermählte.

Und was ist daraus geworden?

Tod.

 

Zerstörung.

 

Qual.

 

Überall Gedärme.

 

Ich schreckte hoch. Zuckte richtig zusammen und holte tief Luft. Yusei neben mir erhob sich schlagartig und sah mich entsetzt an.

»W-Was? Hast du was gehört?« Sofort sah er sich um.

»Nein ... Nein... « Mehr bekam ich erst mal nicht raus, legte die Hand auf Yuseis Brust und zog ihn wieder zu mir auf die Decke. »Nur... nur ein Traum.«

Instinktiv schlang ich die Arme um seinen Nacken und presste mich an ihn. »Ein ... Alptraum ...«

»... über was?« Ich spürte, wie seine trainierten Arme um meinen schmalen Oberkörper fuhren und mich beruhigend streichelten.

»Marik ... aufgeschlitzt ...« Meine trockene Kehle ließ kaum ein Schlucken zu. Yusei ließ leise Luft aus der Nase entweichen und verstärkte den Druck um meinen Kopf.

»Wieso... musstest du auch gucken...?« Auf diese Frage wusste ich keine Antwort, auch wenn sie rhetorisch gemeint war. Ich war neugierig. Obwohl ich es nicht sehen wollte. So wollte ich doch eine Bestätigung, dass ... das wirklich geschah.

Wieder schloss ich die Augen. Doch sofort erschien das Bild von ihm wieder vor meinem inneren Auge.

»Ich kann nicht schlafen... tut mir Leid...«, flüsterte ich und löste mich etwas von Yusei. »Schlaf du weiter. Ich ... Ich schaue was aus dem Fenster. Versuche das zu verarbeiten. Oder so ...«

Er sah mir noch lange in die Augen, bis ich aufstehen wollte. Feste griff er nach meinem Handgelenk und zog mich wieder zu sich runter.

Etwas holprig landete ich auf ihn, er schlang die Decke um mich, drehte sich im Nu und streichelte meine Wange, während ich wie hilflos unter ihm lag.

»Ich muss es auch verarbeiten. Wieso dann nicht zusammen?«

Meine Spucke blieb mir weg. Ich fand keine Worte. Stotterte nur vor mir rum. Ist das etwa ein Annäherungsversuch?

»D-Du ... was meinst du... damit?«

Er lächelte und legte den Kopf schief. »Sag du mir, wie wir es verarbeiten können.«

Das war eindeutig ein Annäherungsversuch!

Wieso also noch länger so tun, als wäre es nicht offensichtlich, was für eine Intention ich die ganze Zeit hatte, wenn ich seine Nähe suchte. Liebe war das eine, aber das andere ... war die Zuneigung. Die spürbare Liebe zwischen zwei Männern, die ich so schätzte.

Hastig drückte ich seinen Nacken zu mir runter und presste meine Lippen auf seine. Mein erster Gedanke war: Sie sind so weich, wie sie immer aussahen. Und mein zweiter: Wie gerne hätte ich jetzt eine Zahnbürste.

Aber als Yuseis Hand bereits unter mein Shirt fuhr, vergaß ich den Gedanken recht schnell. Seine Hände waren überall, entkleideten mich im Nu und verwöhnten sensible Hautstellen.

»Yami ...«, flüsterte er meinen Namen und küsste abermals meine Brust. Liebevoll umspielte er meine Brustwarzen mit seiner Zunge, biss kurz rein und entlockte mir einen angenehmen Seufzer.

Während Yusei immer weiter an mir runterrutschte, zog ich ihm seinen Bolero und Shirt aus. Dieser Oberkörper war kaum zu beschreiben. Durchtrainiert, aber nicht zu viel. Nicht zu dünn, nicht zu dick. Einfach perfekt!

»Du ... solltest modeln... Haha«, spaßte ich kurz und strich über seine schwarzen Haare.

»Aber nur mit dir... «, gab er das Kompliment zurück. Sofort lief ich rot an und schüttelte den Kopf.

»Du übertreibst!«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, spürte ich seine feuchte Zunge an meinem Glied. Es leckte vom Schaft zur Eichel und ließ mich Gänsehaut auf den Armen und Beinen bekommen. Als er es sogar komplett in seinen heißen Mund nahm, könnte ich ein Stöhnen nicht länger verhindern. Ohne große Anstrengungen wurde ich steif und spürte jede Bewegung wie ein Stromschlag.

»Oh! Yusei ...!«, entwich es mir abermals, die Hände tief in seinem Haar vergraben. Er hatte das wirklich drauf. Sicherlich auch nicht sein erstes Mal.

Vor allen Dingen hörte er nicht auf. Ich wand mich hin und her, wurde schneller mit der Atmung und konzentrierte mich nur noch auf seine Zunge.

»Yusei... Ich... hör auf, oder ich komme...!« Doch ehe ich es gesagt hatte, drückte er meinen Schwanz noch tiefer in seinen Rachen, sodass ich nicht anders konnte, als mich heftig und großzügig in seinem Mund zu entladen.

Mit einem lauten Schrei, presste ich sein Gesicht noch weiter zu mir. Der Orgasmus klang nur langsam ab und ich merkte, wie still es um Yusei geworden war. Erschrocken sah ich an mir runter.

»Ganz schön gierig ... «, kicherte er fast schon finster, als er sich etwas Sperma von den Lippen leckte. Ein Großteil von meiner Ladung floss noch aus meiner Härte.

»Ah... es... es tut mir so Leid, Yusei, ich-« Doch er ließ mich nicht ausreden. Stattdessen zog er sich seine Hose aus, streifte sie ab und legte seine pralle Erregung über mein Glied.

»Ich ... ich platze gleich, Yami... Darf ich?« Er sah mich mit diesen eisblauen Augen an, flehte schon fast und hoffte auf eine bejahende Antwort. Ich grinste nur.

»Dann platz in mir ...« Ich leckte mir über die Lippen, zog ihn instinktiv wieder an mich ran und vertiefte seine Lippen in einen leidenschaftlichen Kuss. Sein Körper, seine Hitze, alles an ihm ließ mein Herz höher schlagen, dass mein Glied nicht mal daran dachte wieder schlaff zu werden.

Ich spürte seine langen Finger, wie sie meine Flüssigkeit um meine Öffnung verteilten und langsam eindrangen. Es fühlte sich so wundervoll an, dass ich Yusei direkt anwies, nicht lange rumzufackeln und mich endlich zu ficken.

Der Aufforderung leistete er sofort Folge: mit unkontrollierten Bewegungen suchte er ein Kondom. Er kramte und kramte, fand anscheinend keins. Noch immer lag ich unter seinem Körper, küsste und leckte seinen Hals und Nacken. Nach etlichen Sekunden, in denen er noch immer alle möglichen Taschen durchkramte, drehte ich grob seinen Kopf zu mir und verlangte Aufmerksamkeit.

»Ich vertraue dir, Yusei. Vertraust du mir auch?«

Er sah mich lange an, fixierte meine Pupillen.

Niemals hätte ich mit Mahaad ungeschützten Sex gehabt. Und jetzt habe ich den mit einem wildfremden Mann, den ich seit einem Tag kenne. Aber Yusei schien ... nicht so einer zu sein. Ganz im Gegenteil. Er war mir so verdammt ähnlich.

Nach etlichen Sekunden Augenkontakt grinste er, nickte und drückte mir einen weiteren Kuss auf. »Ja ...«

Auf einmal spürte ich ihn. Seine volle Härte. Tief in mir drin. Er füllte mich komplett aus und es fühlte sich viel zu gut an.

»Ahhh...«, stöhnte ich laut auf, meine Fingernägel in seinen Rücken krallend, darauf bedacht, nicht an seine Wunde zu kommen. »Ja! Oh, ja, fester!«

Auch das ließ sich Yusei nicht weiter sagen und begann sich heftig in mir zu bewegen. Die Haut klatschte laut aufeinander, sein Bauch rieb immer wieder an meiner Erregung und die dunkle, raue Stimme, die in meinem Ohr wie eine Melodie klang, ließ mich wie in Ekstase unter ihm den Rhythmus folgen.

»Fuck, Yami ... das fühlt sich so gut an ...«, raunte er mir entgegen und drückte mich feste an sich. Als würde er mich zerquetschen wollen. In sich aufnehmen. Nie wieder loslassen.

Ich winkelte die Beine an, so gut es ging und drückte Yuseis Hintern weiter nach unten, sodass ich jeden Schlag in mir deutlich zu spüren bekam.

»Ja! Yusei! Ahhh!« Meine Schreie wurden lauter, energischer und ich verkrampfte mich. Mein zweiter Orgasmus, geprägt von den harten Stößen von Yuseis Schwanz, fühlte sich zehn Mal stärker an. Und obwohl nicht mehr so viel Flüssigkeit herauskam, zuckte mein Glied immer wieder gegen unsere Bäuche.

In dem Moment keuchte auch Yusei auf, kniff in die Decke, presst seine Lippen auf meine und zog sich sofort aus mir heraus, um dann auch großzügig auf meinem Bauch zu kommen. »Ahhhh!«

Es war ein wundervolles Bild, ihn so intim zu beobachten, wie er sich seinem Orgasmus hingab. Die schwitzige Haut glänzte und jeder Muskel war angespannt. Die Adern schienen richtig durch und drückten sich gegen die Haut.

Nach dem Abklingen, legte er sich vorsichtig neben mich; sah mich liebevoll und zufrieden an.

»Du wirst... verdammt eng, wenn du kommst.«

Sofort kicherte ich. »Ich nehme das als ein Kompliment.«

»So war es auch gemeint.« Ein kleines Zwinkern wurde mir geschenkt. Mit einem Kuss belohnte ich ihn. »Du warst umwerfend. Ich will das wiederholen. Nicht jetzt, aber... irgendwann. Wenn wir wieder Zeit dafür haben.«

»Ja. Unbedingt.«

 

Er streichelte meine Haut. Sanft und liebevoll. Irgendwann schliefen wir ein. Arm in Arm. Und ich träumte tatsächlich nicht mehr von Gedärmen oder zermatschten Köpfen.

Trotzdem blieb ein Unbehagen im Unterbewusstsein. Welches auch am nächsten Tag nicht wegging.

 

Es war bereits helllichter Tag, als wir wach wurden. Immer noch tief in einander geschlungen, wünschten wir uns sogar einen Guten Morgen.

»Hast du Hunger?«

»Ein bisschen«, antwortete ich und sah verliebt in Yuseis Augen. Eher Hunger nach ihm. Aber den Kommentar verkniff ich mir, denn ich fühlte mich zu schwach. Alles tat weh. Und die blauen Flecke breiteten sich immer weiter aus.

»Ja, ich auch. Ich besorg uns was.«

»Bitte klau nicht wieder ...«

»Aber wir haben kein Geld ...«

Ich presste die Lippen aufeinander.

»Ich kenne jemanden hier. Aber... er ist auf der Flucht und ich weiß nicht, wo er ist.«

»Dieser... Mahaad? Von dem du gestern Angst hattest, er könne auch getötet worden sein?«

Yusei merkte sich viel, fiel mir auf. Auch wenn er immer abwesend tat, er war es bei weitem nicht. Ich nickte wortlos und setzte mich auf.

»Ja, Mahaad. Ihm können wir eigentlich vertrauen.«

»Bist du dir sicher? Ich... ich vertraue eigentlich niemandem mehr ... so einfach.«

Ich legte den Kopf schief. »Mir vertraust du.«

Eine sanfte Handbewegung streichelte meine Brust. Sein Blick lag sehnsuchtsvoll auf meiner Haut. »Ja, dir vertraue ich.«

Vorsichtig küsste ich ihn auf die Lippen. Seine Arme umschlangen meinen Körper und drückten mich abermals an sich.

Wieso ... musste ich schon wieder an Bakura und Marik denken?

»Lass uns etwas zu Essen suchen. Von mir aus ... Klauen wir dann eben.«

»Ich finde, wir haben jedes Recht gegen dieses Gesetz zu verstoßen. Immerhin hat man uns auch alles genommen. Ein bisschen Teilen wird schon drin sein.«

Nickend stimmte ich ihm zu und stand schließlich auf. Hastig zog ich mich an, als ich Stimmen vernahm.

»Komm, bevor uns noch jemand hier nackig rumliegen sieht«, scherzte ich und warf Yusei seine Klamotten auf den Bauch. Der nahm es weniger als Scherz und kleidete sich lustlos an. Dann sah ich die Rötungen an der Schulter.

»Wie... geht es deiner Schulter...?« Ich beugte mich vor und betrachtete sie.

»Schon okay. Es heilt.«

 

Auf der Suche nach etwas zu Essen fanden wir nur einen kleinen Obststand, dem wir Pfirsiche entwendeten.

»Frisches Obst ist aber selten«, bemerkte Yusei, als er in die süße Frucht biss.

»Frisch würde ich das auch nicht unbedingt nennen. Aber es sieht nicht verdorben aus.«

Wir gingen ein Stück spazieren, bis wir ans Ende von Alt Domino City kamen. Hier waren die Grenzen zu Neu Domino City. Dahinter hatte man ein Leben. Eine Zukunft.

»Ich wünschte, wir könnten dorthin«, murmelte ich, während ich Yuseis Hand hielt. »Dann könnten wir normal leben und müssten nicht jeden Tag um Essen und unser Leben bangen.«

Er schwieg. Sah nur in die Ferne. »Wir haben keine Ausbildung. Keinen Schulabschluss. Niemand würde uns dort anstellen, selbst wenn wir hineinkämen.«

Ich seufzte sofort auf. »Und keinen Pass. Keine Papiere. Wir sind quasi zwei Niemande.«

Traurig und enttäuscht drückt ich Yuseis Hand etwas stärker, zog ihn dann von den Grenzen weg. »Lass uns gehen. Ich möchte das nicht sehen.«

Doch Yusei blieb eisern. »Was, wenn wir ... wenn wir durch die Schleusen kämen. Ein Versuch ist es wert, oder?«

Ich drehte mich um.

»Du willst nach Neu Domino City einbrechen? Ohne Papier, ohne alles?«

Er nickte hoffnungsvoll. »Ja, genau.«

»Das ist verrückt. Das schaffen wir niemals!«

Seine Hand hielt sanft meine Wange, während der Blick schon fast bohrend meine Augen suchte.

»Wir haben einen Anschlag und einen Mordversuch überlebt. Wir leben. Nach alldem. Und.. die Kondome müssten auch bald wieder rauskommen ...«

Sofort schluckte ich. Das hatte ich bereits total vergessen. Durch die Geschichte mit Marik und Bakura, dann die Liebestour mit Yusei, fiel das komplett unter den Tisch. Panisch sah ich zu meinem Bauch.

»D-Die Kondome... Oh Gott... oh Gott... «

Yusei griff sofort meinen Kopf. »Alles wird gut! Du hast die Kondome jetzt schon fast 24 Stunden in dir und es ist nichts passiert! Die sind längst in deinem Darmtrakt...«

»Meinst du... wenn ich ... «

Yusei nickte. »Vielleicht können wir in eine Bar gehen. Der macht dir bestimmt warmes Salzwasser.«

»Wieso warmes Sal-« Dann klingelte es. Ein natürliches Abführmittel. Sofort nickte ich und stürmte mit Yusei los.

»Wenn die Kondome heil sind... Können wir den Stoff verticken und- Und das könnte uns die Freiheit kaufen...«

So viel Heroin war es zwar nicht, aber es war rein und sauber. Selten und damit kostbar. Für ein komplett neues Leben würde es nicht unbedingt reichen, aber vielleicht für den Eintritt nach Neu Domino City!

 

In einer alten, heruntergekommenen Bar, in der ich schon viele Abstürze hatte, rannte ich sofort zum Tresen. »Sorry...? Ähm, hallo!«, bettelte ich um Aufmerksamkeit. Ein junger Angestellter, Ende 20 vielleicht, drehte sich zu mir um und kam mürrisch rüber.

»Ja?«

»Kann ich ... kann ich ein warmes Glas Wasser mit Salz haben?«

»Was willst du?!« Er lachte laut auf. »Hey, wenn du Magersüchtig bist, geh woanders hin.«

»N-Nein, ich, äh...«

»Mir ist so schlecht... das glauben Sie gar nicht... ich glaube, ich hab zu viel Drogen genommen... «, spielte Yusei gequält und hing sich an meine Schulter. Erschrocken wollte ich ihm das schon abkaufen und fragen, wieso er Drogen genommen hatte, bis ich's raffte.

»J-Ja... Ähm, bitte?«, wiederholte ich und sah zum Barkeeper. Der raunte nur genervt auf und ließ heißes Teewasser in eine Tasse laufen. Stellte es mir lautstark auf den Tresen. »Salz steht auf den Tischen.«

Schnell schnappte ich das Wasser, schüttete ordentlich Salz rein und ging mit Yusei in eine dunkle Ecke.

»Du trinkst das jetzt, ich halte die Stellung. Wenn du das Grummeln merkst, sag Bescheid und wir gehen auf die Toilette.«

»W- ... Du kannst doch nicht neben mir stehen, wenn ich ...«, stotterte ich vor mir her.

»Ich stehe schon nicht neben dir. Aber ich muss aufpassen. Alleine lasse ich dich jedenfalls nicht!«

Innerlich seufzend nahm ich das Glas und setzte es an die Lippen. Na gut. Weg damit!

Widerlich war kein Ausdruck und es kam mir fast schon oben wieder raus. Ich versuchte stark zu bleiben und es drinnen zu behalten. »Wie eklig!«

 

Die nächste halbe Stunde zog sich wie Gummi und jede verstrichene Minute ließ uns nervöser werden. Jeden Moment könnten Kaibas Leute wieder auftauchen und uns umlegen. Jeden Moment.

Irgendwann grummelte es heftig in meinem Magen und ich freute mich schon fast. »Yusei... Yusei, es ist soweit...« Ich fühlte mich wie bei einer Geburt, denn sofort sprang er auf, führte mich stützend zur Toilette, die er sofort von innen verriegelte, sodass niemand auch nur in den Waschbeckenraum kommen konnte, und half mir noch in die Kabine.

»Alles Gute... «

Ich presste die Lippen aufeinander und musste sofort loslachen, als die erste Flüssigkeit in die Toilette fiel.

»Das ist mir so peinlich, Yusei ...«

Er lachte dann auch auf. »Das muss es nicht sein. Wirklich nicht.«

Seit Tagen war es das erste Mal, dass wir wieder unbeschwert lachten. Es war mir so peinlich. Denn natürlich musste auch Luft mit rauskommen und es stank ganz fürchterlich.

Ich konnte mich kaum vor Lachen beruhigen.

Dann hörte ich etwas größeres in die Toilette fallen. Langsam drehte ich mich um und hörte auch das zweite große Ploppen.

»Y-Yusei... ich glaube ...« Scharf zog ich die Luft ein. »Ich muss jetzt wirklich da rein greifen, oder?«

»Wenn du nicht möchtest, mach ich das-«

»Nein!! Bist du verrückt?  Du kramst nicht in meiner Scheiße rum!«

Wieder musste ich lachen, Yusei auch. Er stützte sich an meiner Kabine ab und fragte nach meiner Verfassung.

»Schon okay. Ich mach das jetzt... «

Angeekelt putzte ich mich ab, schob den Ärmel hoch und griff im wahrsten Sinne des Wortes in die Scheiße. Ich hatte Angst, dass die Kondome bereits weggeflossen waren, doch schwammen sie recht gut sichtbar an der Oberfläche.

»Ich hab sie... Yusei, ich hab sie!« Freudestrahlend zog ich die beiden Kondome aus der Toilette, spülte ab und kam hektisch aus der Kabine.

»Oh bitte, mach das Wasser an!«, flehte ich Yusei an, die Kondome weit von mir haltend und am Waschbecken vor Nervosität und Ekel am Hibbeln.

Sofort betätigte Yusei den Hahn und ließ warmes Wasser laufen. Schnell schob ich die verschmierte Hand unter den Strahl. Hektisch wusch ich meine Hände. »Wieso ist hier keine Seife?«, fragte ich rhetorisch. Natürlich war hier keine. Im Slum benutzt man keine Seife.

Yusei streckte auch seine Hände unter den Strahl und rubbelte meine weiter ab. Vorsichtig nahm er ein Kondom und betrachtete es.

»Wahnsinn... Das ist einmal durch deinen Körper gegangen... «

Ich nickte und staunte selbst nicht schlecht. Und ich hatte es überlebt. Nie wieder. Nie wieder würde ich so etwas jemals wieder tun!

Als auch das zweite Kondom abgewaschen war, trocknete ich sie an meiner Kleidung ab.

In dem Moment hämmerte es an die Tür. Wir fuhren auseinander und sahen verschreckt zum ohrenbetäubenden Geräusch.

»Hey! Kommt ihr da wohl langsam mal raus? Ihr könnt hier nicht vögeln, geht dafür gefälligst in einen Schwulenclub!«

Ich lief rot an, während Yusei nur amüsiert die Kondome in die Hosentasche packte. »Und dabei hatten wir noch nicht einmal Sex.«

Wie in einem Film kamen wir dann aus dem Klo, händchenhaltend und etwas zerzaust. Yusei zuckte nur mit den Schultern und sprach ein lässiges Sorry aus, während er mich hinter sich her zog und die Bar verließ.

 

»Jetzt müssen wir es nur noch verticken.«

Ich nickte. Obwohl mir die Leute leidtaten, die es kauften. Es macht abhängig und zerstört Leben. Aber ich hatte genug von Moral und Anstand. Niemand anders achtete darauf.

Yusei gab mir ein Kondom und behielt eins. Der Abend brach ein und wir suchten uns verschiedene Clubs. Betrunkene Mädels, Junkies und ein paar alte Säcke, die einfach nen Kick haben wollten, kauften uns das Zeug ab. Yusei schaffte es sogar bei einem Kerl zu landen, der uns sogar noch aus reiner Nettigkeit neue Kleidung schenkte. Der Bonus für ihn war, dass wir uns vor ihm auszogen und ein bisschen rummachten. Na, was soll's. So hatten wir auch unseren Spaß.

 

Um 4 Uhr früh, völlig erschöpft von den ganzen Clubreisen, hielt Yusei rund 650 000 Yen in der Hand. Gemeinsam saßen wir an der Grenze und sahen dem Sonnenaufgang zu. Müde, aber glücklich, lehnte ich an seiner Schulter.

»Meinst du, das reicht?«

»Wenn nicht, ist es Abzocke.«

Ich musste kichern. »Alles hier ist eine Abzocke. Aber krass... dass es doch knapp 100 Gramm Heroin waren.«

»Ja, das hat mich auch gewundert. Wahnsinn... dass Lion knapp ein Kilo Heroin schmuggeln wollte in Körpern seiner Angestellten.«

Kein Wort verließ meine Lippen. Ja, Wahnsinn. Und was hat es gekostet? Das Leben zweier Menschen, die so sehr ineinander verliebt waren, dass es nicht nur traurig ist, sie als Freunde verloren zu haben. Traurig sah ich zu Boden, doch Yusei küsste mich sofort auf die Stirn.

»Wir sollten langsam gehen, oder?«

Schwach lächelnd sah ich in seine Augen. »Versuchen wir es also.«

»Das Leben wird dir gefallen.«

»Als hättest du eine Ahnung, wie es da drüben ist ...«

Er zwinkerte mir zu. »Es kann nur besser sein, als hier.«

Yusei hatte Recht. Alles war besser, als das hier. Selbst der Gedanke an ein Leben auf der Straße in Neu Domino City war mir lieber, als der Gedanke hier weiter zu verrotten.

 

Yusei ging vor. Das Geld fest in seiner Hand. Am Grenzübergang wurden wir aufgehalten.

Wir erklärten unsere Lage.

Kein Pass, kein nichts.

Sie wollten uns wegschicken.

 

Yusei schob das Geld rüber und bat erneut um eine Aufenthaltsgenehmigung.

 

Der Mann überlegte.

 

Bat uns dann in sein Office.

 

Mein Herz klopfte wie verrückt.

 

Er fragte uns einige Dinge. Persönliches.

 

Eine neue Identität. Grün war der Pass. Moosgrün. Erst einmal ohne Bild. Das mussten wir nachreichen.

 

Ein Stempel hier. Ein Stempel da.

 

Und je mehr Stempel und Unterschriften wir lieferten, desto höher klopfte mein Herz, bis ich schließlich eine Träne aus meinen Augen laufen ließ.

Yusei lächelte mich an.

 

Wir hatten es geschafft.

 

 

Die Tore gingen auf und schlossen sich hinter uns. In der einen Hand den grünen Pass. In der anderen meinen Geliebten.

Zweiter Teil

NEW DOMINO

 

 

»Nein, verschwinde.«

»Wie bitte? Ihr Gossenkinder?«

»Nicht damit. Geht wieder.«

 

Immer wieder schickten uns die Leute weg. Ginge es um eine Wohnung oder um Arbeit. Es war bereits der dritte Tag und wir verbrachten ihn wie immer unter einer Brücke.

Vorsichtig strich ich über Yuseis Brust. Sie war sehnig geworden und nicht mehr ganz so prall wie bei unserem ersten Treffen. Uns fehlte Wasser und Nahrung. Doch wir fanden keinen Anschluss. Alles, was wir hatten waren unsere Pässe und uns selbst.

»Wo versuchen wir es heute?«, fragte ich leise in die Dämmerung des Morgens hinein. »Im Westviertel waren wir noch nicht.«

Yusei öffnete nur langsam die Augen, drehte den Kopf in meine Richtung und strich über meine Wange. Leblos lagen wir auf den abgewetzten Decken, die wir am ersten Tag von einem Kinderspielplatz geklaut hatten.

»Ja ... können wir.« Er klang lustlos. Hoffnungslos. Ich nickte trotzdem sofort und küsste sanft seine trockenen Lippen, während ich mich langsam aufrappelte und ihn anlächelte.

»Wird schon. Diesmal klappt's! Da bin ich mir sicher ...« Jedenfalls hoffte ich das.

 

Jeden Tag aufs neue versuchten wir es. Fragten in Geschäften, in Restaurants. Einfach Arbeit. Irgendwie Geld. Aber selbst in Sozialbauten schickte man uns weg.

Wir hatten keine Zeugnisse, keine Ausbildung, nicht mal einen Schulabschluss. Und das, was die meisten wohl als erstes abschreckte: Yuseis Verbrechermal. Diese gelben Zeichen, die sich über seine linke Wange erstreckten, jedem direkt ins Blickfeld stachen, zeigten deutlich eine verbrecherische Vergangenheit. Ein Erklärungsversuch, wieso oder weshalb er diese Brandmarke hatte, wollte niemand hören.

Traurig, Hand in Hand, gingen wir die Straßen entlang. Um uns herum war alles so sauber und schön, gar nicht mit alt Domino zu vergleichen. Die Menschen hier trugen gute Kleidung, waren viel beschäftigt und schienen Geld zu haben. Hier gab es nur Mittel- und Oberschicht; eine Unterschicht schien komplett zu fehlen. Jedenfalls entdeckten wir keinerlei arme Menschen auf der Straße oder hungernde Penner in U-Bahnhöfen.

Wieder einmal trauten wir uns in eine schäbigere Bar. In teure oder gar noble Räumlichkeiten traten wir schon gar nicht mehr ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sogar noch die Polizei riefen, war viel zu hoch.

»'Tschuldigung?« Vorsichtig trat ich in das dämmrige Licht hinein und fixierte einen Barjungen. Kaum älter als wir, mit kurzen blonden Haaren.

»Ja?« Er drehte sich um, kam auf mich zu. "Joey" las ich auf seinem Namensschild. Ich lächelte höflich und fragte direkt nach einem Job.

»Mein Freund und ich suchen... noch einen Job. Nichts großes, wir können auch nur Tellerwaschen... Aber im Moment ist es ziemlich knapp und wir wurden gefeuert. Hättet ihr zufällig noch was frei?«

Es war gelogen, dass wir gefeuert wurden, aber die Erfahrung zeigte, dass die Wahrheit nicht gerade hilfreich war.

Im schummrigen Licht der Deckenlampen kehrte ein kleiner Junge, der mir zum Verwechseln ähnlich sah. Immer wieder sah ich ihn herüber spähen; nichtsdestotrotz weiter den Boden am kehren. Die Bar hatte wohl offiziell noch nicht geöffnet.

»Hm. Ihr beide wollt Arbeit? Einfach so? Habt ihr denn schon Erfahrung im Barbereich?«

Yusei stand wortlos hinter mir. Ich sah ihn nur kurz an und führte das Gespräch fort. Er sah nicht sehr zuversichtlich aus, geschweige denn bereit überhaupt eine Konversation zu führen.

»Ähm, nicht so. Aber wir sind lernfähig! Und wie gesagt: wir machen auch gerne erst mal nur Lagerarbeiten oder Putzen. Egal, was.«

Joey schien zu überlegen. Sah dann zum kleinen Kehrjungen, der sofort wieder wegschaute, und zuckte mit den Schultern.

»Ich kann das sowieso nicht entscheiden. Das macht der Boss und der ist noch nicht da. Also entweder ihr kommt später noch einmal wieder oder wartet hier.«

Meine Augen weiteten sich. Das war keine generelle Absage! Ich nickte sofort und sah mich um. »Also wenn wir hier warten könnten, wäre das absolut toll.«

»Klar. Wenn ihr die Zeit dafür habt.« Wieder zuckt Joey mit den Schultern und deutet auf einen der hinteren Tische an einem zugezogenen Fenster. Die Gäste schienen das Tageslicht nicht sehen zu wollen.

Ich zog Yusei mit mir mit und setzt ihn neben mich an besagten Tisch.

»Hast du gehört?«, flüsterte ich ihm zu, »wenn der Boss da ist, können wir hier vielleicht arbeiten! Der Mann würde uns ja nicht einfach so hier warten lassen, wenn es nicht einen freien Platz gäbe!«

Doch mein Partner blieb von meiner Euphorie völlig unberührt. Sichtlich deprimiert über unsere Situation, starrte er nur auf die Tischplatte und nickte stumm. Bei dem Anblick verging selbst mir die Freude.

»Hab mal was Vertrauen in die Sache. Wir werden schon fündig...«

»Nicht mit der Narbe.«

»Wenn ich was finde, reicht das ja schon!«

Die blauen Augen rollten zu mir. Er musterte in Gedanken verloren mein Gesicht, strich dann sanft über meine Wange. »Ja, das wäre schon mal was.«

Ich konnte ihn immer noch nicht lesen und wusste wie immer nicht, was er dachte, aber ich konnte vermuten, dass er auch daran nicht glaubte.

 

Ein kleines Kehrgeräusch kam immer näher. Der neugierige Junge spähte wieder verstohlen zu uns. Er tat sofort beschäftig, wann immer ich zu ihm blickte. Lächelnd winkte ich ihm schließlich zu.

Mit hochrotem Kopf ergriff er den Müllbeutel neben sich und rannte raus. Joey beobachtete das Schauspiel und grinste, bis er schließlich das Wort ergriff, während er weiter Gläser putzte.

»Yugi ist sehr schüchtern. Er ist nur hier, weil er sich ein bisschen Taschengeld verdienen will.«

Ein Gespräch. Perfekt.

Ich nickte aufmerksam.

»Also ist er noch gar nicht so alt? Dafür wirkt er aber schon erwachsen!«

»Er ist gerade 17 geworden. Also schon älter, aber immer noch grün hinter den Ohren, haha!« Joeys Auflachen ließ selbst mich grinsen. Er versprühte gute Laune und schien ein sehr umgänglicher Mensch zu sein. Doch Yusei neben mir ließ sich keineswegs von der Laune anstecken. Grimmig und verbittert fixierte er weiterhin den Boden vor sich.

»Ach, da ist schon das Auto vom Boss. Also wenn ihr euch schon mal was gutes Überlegen wollt...« Der Blonde von der Bar grinste hämisch, zwinkerte dann aber und platzierte die Gläser ordentlich auf ein Brett.

 

Yugi trat nach dem Entsorgen des Mülls wieder ein und hüpfte mit schnellen Schritten wieder zum Kehrblech; uns dabei immer noch im Auge behaltend.

Nach ihm hörte man schwere Schritte den Raum betreten. Der lange weiße Mantel ließ mich sofort zusammenzucken. Auch seine Größe stimme. Das spitze Kinn.

Gedärme.

Überall.

 

Auch Yusei zog scharf die Luft ein. Doch es dauerte nur einen Augenblick an, als wir die Person genauer identifizieren konnten. Es war nicht Seto Kaiba.

»Hey, Jack. Hier sind zwei die wollen einen Job«, führte uns Joey ein und deutete auf unsere zitternden Körper. Mit viel Überwindung stand ich auf, obwohl meine Knie weich wie Gummi waren, und reichte ihm meine Hand.

»Hallo, ich bin Yami! Und das hier ist Yusei. Wir wären sehr an einem Aushilfsjob interessiert. Und, äh ... wir wollten mal fragen, ob Sie ... « Mir fehlten die Worte, da der bestimmt zwei Köpfe größere Mann mit hartem Griff meine Hand nahm und schüttelte. Seine zwei blonden Strähnen zierten das Gesicht in einen schmalen Rahmen. Ein leichtes, aber verschmitztes  Lächeln durchzogen seine Lippen, während die scharfen, violetten Augen meine durchdrangen.

»Freut mich.« Eine ruhige, dunkle Stimme vibrierte durch den Raum. Selbst Yusei sah auf und blickte interessiert in die Richtung des Mannes. »Mein Name ist Jack Atlas. Mir gehört der Laden hier, wie ihr euch denken könnt. Duzt mich ruhig.«

Mit einer gekonnten Seitwärtsbewegung floss er geradezu in die Sitzreihe unseres Tisches und faltete vor uns die Hände.

Ich konnte genau erkennen, dass sein Blick zu Yusei schwank. Ihn genau musterte. Und natürlich an seiner Wange haften blieb.

»Ihr wollt hier arbeiten, wenn ich das richtig verstanden habe? Habt ihr Qualifikationen, die ihr vorweisen könnt?«

Ich setzte mich ebenfalls wieder neben Yusei, presste mich dicht an seine Schulter und schüttelte den Kopf.

»Leider ... nicht wirklich, nein. Aber wir lernen schnell!«

Jack grinste und nickte langsam. »Verstehe.«

Vorsichtig sah ich an Jack vorbei und bemerkte abermals Yugi, wie er uns anstarrte. Selbst Joey hielt für einen Moment inne die Gläser zu reinigen.

»Und du? Kannst du reden?« Er sprach Yusei direkt an. Ich spürte eine sofortige Kühle von Jack ausgehen. Für einen Moment hielt ich inne, die Anspannung war kaum zu ertragen. Er würde ihn gleich auf das Mal ansprechen, Yusei würde sich erklären und der Job wäre damit hinfällig geworden. So lief es immer. Immer und immer wieder.

»Ja, entschuldigen Sie«, gab er devot zurück und senkte den Blick.

»Wieso bist du vorgestraft?«

Sofort blickte Yusei auf. Er wollte tatsächlich die Vorgeschichte dazu hören?

»Ich ... « Yusei schien Luft zu holen, auch nicht ganz auf die Frage vorbereitet. »Ich habe ein Motorrad geklaut.« Sein lautes Schlucken hallte fast in der drückenden Stille nach. Jack grinste nur weiterhin amüsiert.

»Ein Motorrad? Da muss ich ja aufpassen, dass du mir meins nicht klaust.«

Ich biss mir auf die Unterlippe; Yusei sah genierend zur Seite und vermied wieder jeglichen Augenkontakt.

»Das war ein Witz, Yusei. Yusei war doch richtig, oder?« Ohne eine Antwort abzuwarten, lehnte er sich nach hinten und trommelte mit den Fingerkuppen auf die Tischplatte. »In der Tat benötige ich etwas Unterstützung, ihr habt Glück. Aber mit der Kennzeichnung an dir, Yusei, kann ich dich nicht auf der Fläche arbeiten lassen.«

Wie bereits einstudierte, nickte er. Selbst ein verängstigtes Reh hätte mehr Courage in der Situation bewiesen als Yusei. Ich ergriff das Wort, wurde jedoch direkt wieder abgewimmelt.

»Also Yusei ist wirklich tal-«

»Es geht nicht.«

Ich verstummte. Es ging also nicht. So wie immer.

»Was ich euch anbieten kann, ist...«, er holte tief Luft und winkte Yugi her. »... dass Yusei die Arbeit von Yugi übernimmt und Yugi auf die Fläche geht und Joey unterstützt. Das heißt du arbeitest im Lager, schleppst die Fracht und kümmerst dich um die Sauberkeit. Scheinst ja kein schwacher Junge zu sein.« Dabei spürte ich regelrecht, wie Jack Yuseis Oberarme musterte. Dann seinen Oberkörper. Und hätte er die Möglichkeit gehabt auch den Rest von Yusei.

Etwas verstört, traute ich mich trotzdem nicht mehr dazwischen zu funken. Jack bot ihm einen Job an. Das war mehr als wir bisher hoffen konnten.

»Wirklich?«, fragte Yusei hoffnungsvoller nach und bekam ein seichtes Leuchten in den Augen.

Jack nickte sofort und lächelte. »Wenn du dich in den Probetagen gut anstellst, wieso nicht.«

Ich sah ihn mal wieder lächeln. Er lächelte und zwar sehr erleichtert. »Ich danke Ihnen.«

»Duz mich, Yusei. Duz mich.«

 

Yugi blieb trotz dem Herwinken von Jack im Hintergrund und presste die Lippen aufeinander. Scheu knibbelte er an seiner Schaufel. Ihm schien das gar nicht zu gefallen. Und ich konnte mir aufgrund seiner introvertierten Art auch vorstellen wieso ihm ein Arbeiten auf der Fläche mit den Kunden nicht ganz so passte.

»Und was dich angeht ...« Jack blickte dabei zu mir, wesentlich abweisender als zu Yusei. »Du und Yugi, ihr seht euch ziemlich ähnlich muss ich sagen. Ihr werdet euch schon verstehen. Du kannst ihm ja unter die Arme greifen. So lernst du was und Yugi sicherlich auch.« Jack lehnte sich noch weiter nach hinten, grinste Yugi an, der nur schüchtern zurückgrinste.

»Eh? Du stellst die echt ein, Jack?«, kam es von der Bar, wo Joey lautstark die Gläser absetzte.

»Willst du die Wochenenden etwa wieder alleine mit Yugi hier verbringen? Ich hab bei Gewissheit besseres zu tun als euch hier zu unterstützen. Aushilfen kommen mir gerade recht.« Jacks Stimme ertönte fast schon böswillig, als wären die letzten Wochenenden viel geschehen.

Der Blonde seufzte genervt, putzte aber weiter Gläser. »Nee, natürlich will ich nicht wieder Stress. Aber ... «

Joeys Unbehagen lag so tief wie bei den bisher anderen Arbeitgebern auch. Doch Jack schien Gefallen an uns gehabt zu haben. Jedenfalls an Yusei ...

Den musterte er weiterhin eindringlich, konnte die Augen fast nicht von ihm nehmen.

»Wann könnt ihr Anfangen?«, fragte er schließlich und sah dabei auch mal mich an.

»Sofort«, gab ich zurück und lächelte glücklich. Einen Job! Wir hatten einen Job. Und das war erst mal das wichtigste. Geld. Dann eine Wohnung. Und dann konnte es nur besser werden.

»Perfekt. Dann könnt ihr ja morgen direkt anfangen.«

Er stand auf und ging hinter die Bar, wo eine schmale Holztür nach hinten führte.

»Oh, und morgen ist euer Probetag, Beginn um 18 Uhr. Ihr steigt mit 900 Yen die Stunde ein, wenn ihr gut seid, bin ich auch bereit euch mehr zu geben.« Damit verschwand er im Hinterzimmer.

Joey schien immer noch verwirrt über die schnelle Entscheidung zwei völlig Fremde einfach so einzustellen. Yugi hingegen lächelte etwas und konnte die Augen diesmal kaum von mir abwenden. Schüchtern und leicht genierend nahm ich Yuseis Hand und verschwand mit ihm.

 

Ich seufzte erleichtert, als wir die Bar verließen. Yuseis Hand fest umschlungen, tänzelte ich neben ihm her, während wir durch die befüllten Straßen von New Domino gingen.

»Ist das nicht toll? Wir haben endlich einen Job! Er ist zwar nicht so gut bezahlt, aber... das ist doch schon mal was!!«

Yusei grinste zwar auch, schien jedoch immer noch skeptisch. Oder zumindest nicht vollends glücklich.

»Ja ... das ist schön.«

Ich blieb stehen und stellte mich vor ihn, nahm seine zweite Hand in meine andere und seufzte traurig.

»... Was ist los, Yusei?«

Seine Mundwinkel zuckten kurz, fielen dann wieder runter und formten eine strenge Linie. Sein Blick reichte gen Boden und er schloss kurz die Augen.

»Es... Es tut mir so Leid, dass wir immer noch auf der Straße wohnen. Und sich im Grunde nichts geändert hat. Alles nur wegen mir.«

Ich riss die Augen auf. »Was? Yusei! Du bist der Grund wieso wir überhaupt hier sind! Du hast es geschafft uns in diese Welt zu holen! Und was sich geändert hat? So gut wie alles! Es verfolgt uns niemand mehr, wir müssen nicht um unser Leben bangen! Wir sind nicht von Drogen und Toten umgeben! Wir haben eine Chance auf ein besseres Leben ... Und das durch dich! Diese Narbe hin oder her, das ist jetzt auch egal! Wir haben einen Job!«

Er sah mich erst verwundert, dann mit einem zarten Lächeln an, bei dem ich hätte wegfließen können, so sehr brachte es mich zum schmelzen. »Du hast Recht... Wir haben einen Job.«

»Genau«, flüsterte ich schon fast und streichelte seine Wange. »Wir sind auf dem Weg nach oben!« Damit streckte ich den Finger in den Himmel und presst mein Gesicht so sehr gegen meinen Hals, dass ich ein Doppelkinn bekam. Yusei musste sofort lachen. Und ausnahmsweise war es kein verkrampftes Lachen. Es kam von Herzen.

 

Wieder einmal ging wir durch den Markt, kurz bevor er schloss. Eine alte Dame vom Obststand gab uns netterweise wieder eine Tüte mit zermatschtem oder nicht mehr verkaufbarem Obst.

»Hier, Jungs. Wie läuft die Arbeitssuche?«, fragte sie schon sichtlich müde vom Tag. Wir lernten sie am ersten Abend kennen, wo Yusei sich für sie einsetzte, als eine Gruppe von Jugendlichen einfach so Obst von ihrem Stand aß. Seitdem schenkte sie uns ihre nicht mehr verkaufbare Ware, da wir ihr von unserer Misslage erzählten, dass wir derzeit keinen Job haben und es uns nicht so gut geht. Den Rest mit den Drogen und den Toten, der illegalen Einwanderung... das erzählten wir ihr lieber nicht.

»Super! Wir haben heute tatsächlich ein Jobangebot in einer Bar bekommen! Morgen ist unser Probetag!«, verkündete ich erfreut und grinste sie an, während ich die erste Pfirsich vernaschte. Yusei hingegen musterte einfach das Obst in den Körben.

»Das freut mich doch sehr. Ihr beiden Jüngelchen seid da sicher gut aufgehoben.« Langsam packte sie einige Körbe wieder in ihren kleinen Lieferwagen hinter der Verkaufsstelle. Bei einem schweren Korb half Yusei sogar unaufgefordert. Was ein Gentlemen.

»Wo ist diese Bar denn?«, fragte sie schließlich, während Yusei weiter Körbe einräumte.

»Hm... Gleich dahinten, nähe des Bahnhofs. Heißt Satisfaction.« Meiner Meinung nach ein sehr unpassender Name für eine Bar, aber... Vielleicht war das ja auch so eine Bar? Doch uns sollte es egal sein. Hauptsache Geld.

Doch auch das Gesicht der Dame verzog sich sofort. »Satisfaction? Diese abgestandene Untergrundbar?« Ein Kopfschütteln signalisierte uns ihre Bedenken mehr als deutlich. »Meine Güte, Jungs. Geht da nicht arbeiten. Das ist ja wirklich die größte Absteige von allem!«

Ich zuckte zusammen und räusperte mich leicht, immer noch um ein höfliches Lächeln bemüht. Na, also so schlimm sah sie jetzt nicht aus. Da kannte ich schlimmere Bars... Wo die benutzten Spritzen noch vom Vorabend auf dem Boden lagen...

»Meinen Sie? Bisher wirkte es auf uns recht... normal«, kam Yusei wieder dazu und schnappte sich die letzte Kiste vor den Füßen der Dame; sah sie aber interessiert an.

»Ach wirklich... Da sind doch nur diese Junkies und... böse Menschen. Ich hab gehört, da sind auch schon mal Leute erschossen worden. Ach, Gottchen, Jungs, das ist doch nichts für euch!« Sie seufzte immer wieder verzweifelt auf, in ihrer typischen alten Omi Art. Besorgt sah sie hin und her. »Ach, ich wünschte, ich könnte euch zwei bezahlen, dann würde ich euch sofort hier einstelle... Aber das Geschäft läuft einfach nicht mehr so gut...« Sie seufzte abermals. Yusei und ich sahen uns lächelnd an. Sie war wirklich bemüht um uns. Mit einem leichten Schulterklopfen versuchte ich ihr Gemüt zu beruhigen. »Der Chef von der Bar schien wirklich nett. Wir fangen morgen einfach und... wenn es nichts ist, können wir ja immer noch woanders suchen gehen.«

Die Dame nickte abermals, trotzdem noch besorgt. Wenn sie nur wüsste... was wir sonst so um uns hatten. Aber hier in New Domino schien eine Bar mit Drogen direkt als Szeneabklatsch zu gelten in der sich sowieso nur die Junkies reintrauten. Sehr wahrscheinlich war das auch der Grund wieso dort Stellen frei waren und Jack Yuseis Verbrechermal sehr locker genommen hat. Je öfter man damit zu tun hat, desto eher baut man Toleranz auf. zu unserem Vorteil natürlich.

Yusei verfrachtete die letzte Kiste, schloss die Lieferwagentür und kam wieder zu mir. Die Dame bedankte sich abermals und schenkte uns etwas Kleingeld für was zu Trinken. Manchmal musste man eben auch Glück haben.

 

Noch sichtlich aufgekratzt von der Tatsache, dass wir endlich einen Job hatten, saß ich mit Yusei an der Promenade zum Fluss, wo das Leben noch recht aktiv voranschritt, obwohl es bereits nach zehn Uhr abends war.

»Endlich... «, flüsterte ich und lehnte mich an Yuseis Schulter. »Kaum zu glauben, oder?«

Yusei nickte stumm und legte einen Arm um meine Taille. Ich spürte seine Finger streicheln. Mit einer kurzen Bewegung reckte ich meinen Hals und küsste seine Wange. »Wo wollen wir heute hin?«

Er ließ etwas Luft entweichen und zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht... Vielleicht schnorren wir uns irgendwo den Eintritt?«

»Oh, Yusei!« Ich nahm sofort etwas Abstand zu ihm und sah ihn überrascht, aber amüsiert an. »Willst du etwa feiern gehen?«

Er schmunzelte ebenfalls. »Na, es... gibt doch genug zum Feiern, oder?«

 

Gesagt, getan. Wir streiften durch die kleinen Gassen der Altstadt und betrachteten die vielen Leuchtreklamen. Die Menschen um uns herum entweder betrunken oder kurz davor. Alkohol, Zigaretten und viel nackte Haut.

Ich sah hier und da androgyne Männer, die Marik sehr ähnlich sahen. Einer von ihnen hatte sogar ein Zigarettenetui. Oft konnte ich meinen Blick nicht abwenden, sah sehnsuchtsvoll in deren Richtung. Marik und Bakura.

So schnell konnte ich einfach nicht vergessen. So schnell konnte ich nicht loslassen.

Auch wenn sie mich immer mies behandelt haben, so waren sie doch meine Freunde.

 

Yusei blieb wie immer still und sah nur zufällig durch die Menschenmenge. Bis er an einem kleinen Club stehen blieb, der komplett schwarz gehalten war. Sah ein bisschen gothic aus.

»Hier?«, fragte ich etwas skeptisch. »Yusei... Wir wollen doch was feiern und nicht weinen... Das haben wir genug in den letzten Tagen.«

»Nur kurz. Ich erinnere mich an den Club.«

Mir den Worten schleifte er mich rein. Moment- erinnern? Er kannte den Club? Was? Wie?

Wie kann Yusei diesen Club kennen? Er kommt doch, so wie ich aus Alt Domino?

Die Musik, feinstes Industrial, hämmerte gegen mein Trommelfell in einer fast unerträglichen Lautstärke, als wir die Räumlichkeiten betraten; Yusei hingegen schien dessen komplett immun zu sein und schleifte mich durch die engen und vollen Gänge. Die Menschen dort, alle in schwarz gekleidet, tanzten langsam zu der Musik. Einige von ihnen mit so vielen Piercings im Gesicht, dass man kaum ihr Gesicht erkennen konnte. Sie musterten uns eindringlich. Natürlich taten sie das, ich trug ein hellblaues Oberteil. Wahrscheinlich war ich so auffällig wie einer der Neonleuchtreklamen von den Straßen.

Irgendwann blieb Yusei stehen. Ich sah seine Lippen Worte formen, hörte aber nichts.

»Was?!«, brüllte ich ihn an, doch er reagierte nicht. Die Musik war einfach zu laut. 

Wieder quetschten wir uns weiter durch die Menschen. Der Geruch von Alkohol lag penetrant in meiner Nase. Dann roch ich es. Das Gras. Der Geruch wurde immer stärker. Yusei wollte wohl genau dorthin. Zur Quelle.

In einem abgetrennten Bereich saß ein großer, starker Mann. Auch sicherlich wieder zwei Köpfe größer als ich. Aber diesmal schwarzhaarig, markantes Gesicht und einer Narbe im Gesicht. Er war so muskulös wie kaum einer in dem Club. Die meisten waren mehr so halbe Hemden wie ich.

Yusei steuerte direkt auf ihn zu, wurde aber von der Security um den VIP Bereich abgehalten.

»Kein Durchkommen, Kleiner«, sprach einer direkt zu ihm. Doch Yusei ließ sich nicht abwimmeln.

»Ich will zu Ushio.«

»Das wollen viele, hahahaha!« Der große Mann kam nicht aus dem Lachen. Doch im Hintergrund hörte man nur ein noch lauteres Lachen.

»Yusei!«, schrie der Mann im VIP Bereich und winkte uns rein. »Komm rein, alter Kleptomane!«

Ein säuselndes Grinsen umwarb Yuseis Lippen, als er mit mir im Schlepptau doch in den VIP Bereich gelassen wurde. Sofort traten einige Damen zur Seite und machten uns Platz, sodass wir uns vor besagten Mann setzen konnte.

»Ushio ...« Yusei streckte die Hand aus und schüttelte die von Ushio. »Schön, dich zu sehen.«

»Lang nicht mehr gesehen! Ich dachte, du wurdest umgelegt? Jedenfalls haben mir das einige erzählt.« Sofort stellte er uns zwei Wodka-Bull hin. Zögerlich betrachtete ich das volle Glas, die Damen um mich herum tranken bereits fleißig und genossen wohl die Gesellschaft des schwarzhaarigen Schrankes, der bei weitem nicht attraktiv war. Aber Geld schien er zu haben. Und Alkohol. Und... Drogen.

»Du hast mir mein Leben ruiniert, Ushio. Ist doch klar, dass ich mir einen neuen Job suchen musste. Und da... «, er schluckte kurz. »Musste ich eben rüber.«

»Hahaha! Du warst wirklich in Alt Domino? Wow! Wie bist du wieder reingekommen? Man nimmt dir doch deine komplette Existenz, wenn du rüber gehst.«

Also stimmte es tatsächlich. Yusei hatte gelogen. Er kam nicht aus Alt Domino. Er kam aus Neu Domino! Aber wieso... hatte er das nie erwähnt?

Sie unterhielten sich noch eine Weile über das, was geschehen war. Ich verstand nicht alles und einiges davon schienen Insider zu sein, von denen ich drei mal nichts wissen konnte. Vorsichtig trank ich von dem Alkohol, auch Yusei griff immer wieder danach. Die Musik war im gesonderten Bereich nicht ganz so laut und unerträglich. Aber trotzdem noch nervig und kopfschmerzenbereitend.

»Und was machst du jetzt wieder hier?«, fragte Ushio, als er sich einen Joint anzündete.

»Ich... und Yami«, damit stellte er mich endlich vor, »haben heute einen Job bei Jack bekommen. Fangen morgen an.« Dann räusperte er sich. »Hast du denn was für mich übrig? Nur einen.«

Ich weitete meine Augen. Fragte mein sonst so stiller und lieber, höflicher und zuvorkommender Mann seinen ehemaligen Dealer, der, soweit ich das verstanden hatte, für sein Verbrechermal verantwortlich war, um etwas Haschisch?

Ushio grinste zufrieden, kramte in seinem goldenen Etui zwei Joints raus und reicht sie Yusei. »Teilt sie euch gut ein.« Dann zwinkerte er. »Als kleines Willkommensgeschenk.«

Yusei nahm sie dankend und mit einem Lächeln an. Ushio lachte sofort wieder laut los. Er zeigte dabei belustigt auf mein Gesicht. »Deinem kleinen Freund hast du wohl eher nichts davon erzählt, hahaha!«

Ich sah Yusei in der Tat überrascht an. Und zwar negativ überrascht. Doch er lächelte mich nur an, zuckte kurz mit den Schultern "dass das wohl einmal okay sei" und sah wieder zu Ushio, der bereits wieder an Frauenhintern fummelte.

»Also bei Jack, hm... Interessant. Den hab ich lang nicht mehr gesehen. Was macht er so?«

»Hat anscheinend eine Bar.«

Moment... Die kennen sich hier alle? Aber Jack schien Yusei nicht gekannt zu haben, so gut kann doch niemand spielen! ... Oder doch? Die Verwirrung war mir im Gesicht geschrieben.

»Hmhm. Das sieht ihm ähnlich, dass er nicht lange den kleinen Fisch spielen wollte. Hat er dich erkannt?«

»Schätze nicht, nein.«

Also doch... Die kennen sich...

»Vergesslicher Bursche. Na, ihr hattet ja auch nie viel am Hut damals.« Ushio nahm weitere, tiefe Züge von seinem Joint und bekam ein Dauergrinsen im Gesicht.

Auf einmal schepperte es im Hintergrund einer Bar. Ushio drehte sich sofort um und raunte auf.

»Das gibt's doch wohl nicht! Nicht schon wieder!« Sofort sprang er auf, reichte den Joint an Yusei weiter und ging ohne ein weiteres Wort von uns weg zur besagten Bar, wo anscheinend eine Alkoholflasche heruntergefallen war.

Ich konnte nicht weiter tatenlos zusehen.

»Yusei!«, zischte ich ihm zu, »Du bist mir wohl eine große Erklärung schuldig! Wer ist das? Und woher kennst du den?«

Yusei zog genüsslich am Joint und reichte ihn mir. »Ganz ruhig. Ich erklär es dir nachher, wenn wir hier raus sind. Noch so 15 Minuten. Dann gehen wir.«

Ich raunte und schüttelte den Kopf, als er mir den Joint hinhielt. Ich fühlte mich wie in Alt Domino. Drogen, laute Musik, komische Menschen um mich herum. Hierarchie eines Mannes, der eine ganze Szene in der Hand hielt. Fehlte nur noch, dass Kaiba hier rein trat... Und sofort schauderte es mich.

»... Nimm schon, Yami. Das macht es etwas erträglicher.« Er deutete auf den Joint.

»Wie wäre es, wenn wir gehen? Das macht es noch viel erträglicher!«

»Yami ... 15 Minuten.«

Ich raunte auf, mit wenig Verständnis den Kopf am schütteln, schließlich doch den Stummel in die Hand nehmend und rauchend. Sofort reichte ich ihn wieder an Yusei.

Mein Blick fiel zu Ushio, den man überall im Club erkannte. Er schimpfte. Und zwar lautstark. Hinter der Bar eine Frau und ein Mann. Beide mit langen braunen Haaren. Ich kniff die Augen zusammen, versuchte zu erkennen, was genau passiert war und was die beiden Angestellten für ein Gesicht hatten, doch der Rauch und Nebel des Clubs versperrte mir die Sicht. Irgendwann kam Ushio wieder zurück und setzt sich in seinen bereits tiefen Sessel und zündete sich einen neuen Joint an. Sichtlich gestresst von der Situation zog er mehrmals daran. Yusei drückte den Stummel in seiner Hand dann aus.

»Gibt's Probleme?«, fragte Yusei doch mit einem höflichen Unterton.

»Ach, zwei Neue hier. Auch aus Alt Domino. Die lassen in letzter Zeit ganz schön viele von euch rein.« Dabei sah er böse zu mir rüber. Ich konnte nicht anders, als wegschauen. Wäre Yusei nicht neben mir gewesen, hätte ich um mein Leben gefürchtet.

»Achso«, gab mein Mann nur zurück und trank sein Getränk aus. Ich folgte seinen Aktionen einfach mal und trank ebenfalls aus. Mit einem drängenden Blick wollte ich Yusei zum Gehen bewegen. Doch der ignorierte mein Verlangen komplett. Stattdessen fing er ein weiteres Gespräch mit Ushio an.

»Also... wenn Jack nicht mehr für dich arbeitet ... und Crow bereits im Knast sitzt... Hast du das Geschäft aufgegeben?«

Ushio winkte ab. »Das willst du nicht wissen. Ich hab es einfach übergeben.«

»Wirklich? Einfach so?«

Um was zur Hölle ging es hier eigentlich?

Der schwarzhaarige Schrank zuckte nur mit den Schultern. »Ja. Jemand, der seinen Sitz auch in Alt Domino hat, aber seltsamerweise wohl in Verbindung mit den Übergangstellen steht. Kaiba heißt der Kerl.«

 

Sowohl Yusei als auch ich senkten unsere Blicke und schluckten kräftig. Ich begann zu zittern, suchte sofort Yuseis Hand, der sie sofort ergriff. Nichts anmerken lassen!

»A-Ach so.« Langsam stand er dann auf. Endlich!

»Yami und ich... machen uns dann mal wieder auf den Weg. Vielen Dank für das Willkommensgeschenk.«

»Na klar. Macht's gut. Das nächste Mal bringt doch ein bisschen bessere Laune mit, haha«, lachte er wieder laut auf und winkte uns zu. »Und seid brav. Hier in Neu Domino ist man nicht so locker wie bei euch.« Dabei tippte er hämisch auf seine linke Wange und grinste Yusei böswillig an. Dieser nickte nur kurz, krallte meine Hand und zog mich aus dem VIP Bereich. Dann aus dem Club.

 

Draußen, ein paar Meter weiter vom Eingang des Clubs, blieben wir wie angewurzelt stehen.

»Du bist aus Neu Domino? U-Ushio? Wer war das? Und wieso kennt er Kaiba?!«, fragte ich sofort aufgescheucht. Yusei hingegen schüttelte nur den Kopf und starrte auf den Boden. »U-Und Jack? Du kennst ihn? Und wer ist Crow? Und ... und was überhaupt bla?!« Ich wusste selbst nicht mehr, was ich da von mir gab. Mir war schwindelig, ich sah einige Sachen etwas doppelt. In diesem Joint war nicht nur Gras. Und in diesem Glas Alkohol sicher auch nicht nur Wodka und Red Bull.

»Lass uns ... lass uns gehen.«

Mit schnellen Schritten folgte ich Yusei die immer noch belebte Straße entlang, bis wir unsere Brücke erreichten, unter der wir die letzten Nächte verbracht hatten. Unsere Decken lagen noch versteckt in einer Nische. Mit zittrigen und kalten Fingern zog Yusei sie heraus und schwang sie um uns.

»Yusei...? Magst du es mir nicht erzählen?«, fragte ich erneut, etwas beruhigter als zuvor. Doch Yusei schüttelte wieder nur den Kopf.

Bedeutete es jetzt, dass Ushio uns verpfeifen würde? Er würde Kaiba sagen, wo wir sind? Oder noch viel schlimmer: Weiß Kaiba bereits, dass wir hier sind? Wenn er mit der Einwanderungsbehörde zusammenarbeitet? Wenn er die Finger in den Schleusen hat? Dann weiß er doch sicher auch, dass wir jetzt neue Pässe haben. Dass wir sein Heroin vertickt haben, um uns unsere Einwanderung zu finanzieren...

Ich schluckte selbst. Eigentlich hatte ich vorhin noch richtig Lust auf Sex. Mit großer Freude sehnte ich den Abend herbei, zur Feier des Tages. Aber jetzt breitete sich nur die pure Angst in mir aus. Kaiba könnte uns entdecken. Er könnte uns auch hier finden. Wir sind nirgendwo sicher vor ihm...

Sofort schniefte ich. Yusei zuckte zusammen und sah in mein Gesicht; völlig überrascht, strich er über meine Wange. »Hey ... nicht weinen«, hörte ich seine dunkle und ruhige Stimme. Da war er wieder: der liebe und nette Mann, der alle in der Welt für mein Glück aufgeben würde.

Und nicht der böse grinsende Verbrecher, der Drogen nahm und sie anscheinend auch vertickte.

Das war auch mein Job damals. Und auch ich habe Drogen genommen. Im Grunde teilte ich dieselbe Vergangenheit mit ihm. Trotzdem war ich enttäuscht.

Ich spürte seine warmen Arme um mich, wie seine Lippen mein Deckhaar küssten und er mich versuchte in den Schlaf zu wiegen.

Enttäuscht. Einfach über die Tatsache, dass Yusei für mich immer die Person war, zu der ich aufsah. Und im Grunde... war er doch genauso wie ich. Wie alle. Nur ein Häufchen Elend am Rande der Gesellschaft. Das nahm mir Freude. Das nahm mir Ehrgeiz. Und das nahm mir die Hoffnung auf ein besseres Leben.

 

Irgendwann schlief ich ein. Yuseis ruhiger Herzschlag rang mit dem Tinitus von der grausigen Musik in meinem Ohr.

 

Ich hörte Sirenen. Zuckend wachte ich auf und fand mich in Yuseis Armen wieder. Der Blick umherschweifend gab mir die Sicherheit, dass uns niemand gefunden hatte. Und dass die Sirenen nicht uns galten.

Mit einem Grinsen sah ich in Yuseis schlafendes Gesicht. Wie ein Engel, dachte ich und strich vorsichtig über seine Wange. Die Einkerbungen an seinem Mal ließen mich jedes Mal zusammenzucken. Für's Leben gestraft.

»Hm...«, murmelte er brummend und sah schließlich in meine Augen. »Yami ...« Er lächelte etwas. Das gab ich ihm nur zurück.

Und trotzdem wir heute unseren ersten Arbeitstag hatten, was im Grunde das erste große Ereignis seit unserer Ankunft war, lag eine drückende Melancholie auf uns. Kaiba, Ushio, Drogen und dieser Jack. Ich wusste wie immer nicht, an was Yusei dachte. Aber diese Gedanken schienen zumindest nicht in besseren Gewässern zu schwimmen als meine.

»Lass uns zur alten Dame gehen... Vielleicht können wir ihr helfen... «, säuselte ich nach langem Schweigen, während Yusei die Decken wieder einrollte und in der Nische versteckte. Er nickte nur und nahm stumm meine Hand.

»Und ... vielleicht gehen wir mal wieder Duschen... Vor unserem ersten Arbeitstag... « Ich kicherte etwas und strich über Yuseis kleine Bartstoppeln. Der sah peinliche berührt zur Seite und nickte abermals. Sofort ließ ich von seinem Gesicht ab.

»Yusei ... «

»... Ja?«

»Sagst du mir irgendwann ... was Sache ist?« Mir großen Augen versuchte ich die Hundeblicktour. Doch Yusei blieb stark, nickte wieder und fügte ein »Bald« hinzu.

»Wenigstens die Sache mit Jack?«

Yusei schüttelte den Kopf. »Nach der alten Dame und der Dusche.«

 

Damit gezwungenermaßen einverstanden gingen wir durch die Straßen Richtung Markt, der sich so langsam aufbaute. Die alte Dame parkte gerade ihren Van und öffnete die Ladefläche. Sofort begrüßte sie uns. »Jungs! So früh schon wach?« Sie kicherte heiser und verräumte mit großer Anstrengung einige Kisten. Yusei half ihr sofort und stapelte direkt zwei oder drei auf einmal. Bewundert sah ich auf seine Arme. Musste aber direkt wieder an Jacks gierigen Blick denken, den er ebenfalls Yuseis Armen schenkte. Ich presst die Lippen aufeinander.

»Ihr habt heute euren ersten Tag? Wann geht es denn los?«, fragte sie, etwas außer Atem von einem Korb.

»Um 18 Uhr. Noch etwas Zeit. Wir wollten... mal duschen gehen.«

Die alte Dame schien sofort Gehör zu fassen. »Ach Gottchen, habt ihr keine Dusche bei euch?«

Ich schluckte und ruderte zurück. »Äh, doch, schon, aber, äh ... die ist kaputt. Und unsere Nachbarn sind komisch, da wollen wir nicht duschen, haha ... « Nervös fasste ich mir an den Nacken; betrachtete Yusei beim Schleppen. Die alte Dame wusste natürlich nicht, dass wir auf der Straße wohnten.

»Ach herrje. Die Stadtwerke werden auch immer nachlässiger!« Sie schüttelte abermals den Kopf, murmelte etwas vor sich hin und regte sich leise auf. Schließlich holte sie ein Kärtchen aus ihrem Portemonnaie und reichte es mir. »Hier, meine Lieben. Das ist meine Dauerkarte vom Schwimmbad. Da könnt ihr ja hin, bisschen Schwimmen und mir heute Abend wiederbringen. Heute ist ja Freitag... «, sie deutete auf die Karte, »... da könnt ihr sogar beide gleichzeitig rein.«

Meine Augen leuchteten. »Wirklich? Ist das... ist das wirklich in Ordnung?«

Sie winkte ab. Was wir auch immer für ein Schwein hatten! ... Na ja. Abgesehen vom Unglück in die falsche Schicht geboren worden zu sein.

Ich nahm die Karte dankend an und versprach hoch und heilig, wir würden sie ihr vor unserer Schicht noch wiederbringen. Yusei beobachtete uns nur aus dem Augenwinkel und grinste leicht. Ich vermutete, dass auch er glücklich über die Nettigkeit der Dame war. Es zahlte sich also irgendwie aus, dass er die Kisten jeden Tag zwei Mal schleppte.

 

Nach getaner Arbeit ging wir mit jeweils einem Apfel zur Schwimmhalle.

»Irgendwie... Habe ich mehr Hunger als dieser Apfel decken kann«, bemerkte ich beiläufig und sah zu Yusei. Der nickte nur und sah sich um.

Sofort räusperte ich mich.

»Denk nicht mal dran, Yusei.«

»Aber du hast Hunger.«

»Trotzdem...«

»...«

Er verdrehte die Augen, ich verdrehte die Augen. Ich wollte ihn nicht zum Klauen anstiften, er wollte mich nicht hungern sehen. Die Stimmung nahm so langsam ihren Tiefpunkt. Ich fraß noch an Yuseis Vergangenheit, die mir zusammenhangslos präsentiert wurde, und Yusei fraß an meiner schlechten Laune. Oder wohlmöglich auch an was anderem. Ich konnte es ja wie immer nicht sagen. Und wie immer wollte er nicht mit mir über so etwas reden.

Genervt zog ich Yusei dann ins Schwimmbad, legte die Dauerkarte vor und verschaffte uns Eintritt. Völlig enttäuscht traten wir ein und hatten natürlich keinerlei Schwimmsachen. Sehnsuchtsvoll sah ich auf das Schwimmbecken, dann auf die Rutsche.

»Ich glaube... ich war erst einmal in einem Schwimmbad«, murmelte ich vor mir her. »In Alt Domino gibt es nur dieses abgefuckte mit der kaputten Rutsche, wo Kinder schon mal runterfallen und sich das Genick brechen.« Ich lachte nervös. »Wird hier bestimmt nicht so sein.«

Yusei betrachtete mich von der Seite aus. »Willst du mal Rutschen?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Nackig werden die mich nicht rutschen lassen...« Dabei kicherte ich was.

Sofort sah sich Yusei um und entdeckte einen Shop, wo man Badekleidung kaufen konnte. Ich spürt, wie er einen Schritt dorthin machte, zog ihn sofort wieder zu mir. »Denk. Nicht. Mal. Dran.«

»Dir kann man es auch nicht Recht machen.«

»Doch... « Ich sah ihm streng in die Augen. »Dusch mit mir.«

 

Wir warteten einige Minuten, bis nervige Kinder die Duschen endlich verließen und huschten in eine der abgetrennten Kabinen. Wir schlossen die milchige Glastür und ignorierten dabei die verwirrten Blicke der Väter.

Ja, wir waren noch angezogen. Aber das änderte sich schnell, als ich Yusei zügig die Jacke auszog.

»Hier... da ist so ein Fach, da können wir die Sachen hinlegen... «, murmelte ich leise; das Hintergrundgeräusch des prasselnden Wassers der anderen Duschen nutzend.

»Ja ...«, murmelte auch Yusei, sich langsam vorbeugend und mir die Lippen aufdrückend. Da waren sie wieder... die rauen Lippen, die einst mal weich waren. Sie pressten sich gierig auf meine, berührten sie immer wieder leidenschaftlich. Kurz danach spürte ich seine Hände an meinem Hintern, wie er meine Pobacken massierte und mit etwas Kraft die Hose über meine Hüften schob. Schnell öffnete ich den Knopf, zog die enge Jeans aus und legte sie ins Fach, gefolgt von meiner Unterhose. Yusei folgte meinen raschen Bewegungen und gab sofort sein pralles Glied preis. Wie Magnete trafen wir uns wieder in der Mitte der Kabine, küssten uns und schlangen die Arme um die ausgemergelten Körper. Mit der linken Hand suchte ich hinter Yusei den Knopf für die Duschen und schaltete schließlich das warme Wasser ein. Fast wie ein göttlicher Regen prasselte es auf uns herab und ich seufzte zufrieden in Yuseis Mund.

Endlich frisches Wasser. Die Haare saugten es sofort auf. Fett und Schmutz floss endlich den Abfluss hinunter. Unsere Körper fühlten sich für einen Moment so weich an.

Ich konnte nicht anders, als Yuseis Schwanz in die Hand zu nehmen und kräftig zu reiben. Da war sie wieder, die Lust von gestern, die durch bestimmte Einflüsse versiegte, loderte im Moment des Anblicks von Yuseis nacktem Körper sofort wieder auf. Er quetschte, sichtlich um Ruhe bemüht, Luft aus seiner Nase, als ich ihn massierte. Seine langen und starken Finger umspielten meinen Rücken und Hintern, wollten schließlich an meine Öffnung, doch ich kniete mich bereits vor ihn.

Grinsend öffnete ich den Mund und streckte die Zunge raus. Yusei biss sich auf die Unterlippe und gab mir, wonach ich verlangte. Quälend langsam nahm ich seine Eichel in den Mund, spürte das Wasser in meinem Gesicht, was mich dazu zwang, die Augen zu schließen. Während ich ihn mit meiner Zunge massierte, spürte ich seine Hände in meinem Nacken, die einen gewissen Rhythmus vorgaben, an den ich mich hielt. Mit meinen freien Händen knetete ich sanft seine Hoden und massierte den Schaft, den ich nicht in den Mund bekam.

Auf einmal wurde der Druck um meinen Nacken schneller, er atmete schneller und presst sich fast schon grob in meinen Mund. Ich verschluckte mich kurz am Wasser, welches unwillkürlich mit in meinen Mund kam, hustete und versuchte mich von Yusei zu lösen, doch der ließ wie in Trance nicht von mir ab.

Da hörte ich ein kleines Stöhnen und wie eine unfassbar große Menge an Sperma in meinen Mund floss. Wieder hustete ich leicht, kniff die Augen zusammen und spuckte schließlich Wasser und Sperma aus, als die Hände mir wieder Freiheit ließen.

»Yami...!«, hörte ich seine besorgte Stimme, wie er sich zu mir herunterkniete und meinen Rücken tätschelte. »Es tut mir so Leid!« Sein Flüstern habe ich kaum verstanden, nickte aber und winkte hustend ab.

»S-Schon okay!«

Das war es auch. Wir verbrachten 24 Stunden miteinander und ich wusste, dass er das letzte Mal nicht gekommen war. Das bedeutete, er hatte seit fast 2 oder 3 Tagen keinen Orgasmus mehr gehabt. Verständlich, dass sich da einiges aufgestaut hat.

Ich wischte mir noch etwas von der klebrigen Flüssigkeit vom Mund und spülte ihn mit etwas Wasser aus; grinste aber sofort.

»... Ist es also schon vorbei?« Ich strich sehnsuchtsvoll und immer noch wuschig über Yuseis Brust. »Ich... ich dachte eigentlich, ich komme mal wieder in deinen Genuss...«

Mein Mann lächelte ebenfalls, schob mir mit einem Mal seine Zunge in den Rachen und half mir fast schon grob wieder auf die Beine, indem er die Hände unter meine Achseln führte. Da spürte ich seine Hand an meinem Glied, wie er es vorsichtig umschloss und leicht bearbeitete. Ich versuchte so gut ich konnte mir ein genüssliches Stöhnen zu unterdrücken und pustete nur erregte Luft in sein Gesicht. »Yusei... «, flüsterte ich heiser. »Gib mir deinen-«

Sofort schüttelt Yusei den Kopf und küsste mich auf die Lippen. In dem Moment hörte ich die Kabine neben uns das Wasser einschalten. Ich biss mir auf die Lippe. Sex in der Öffentlichkeit... Schon fast wieder vergessen. Ich kicherte leise und schlang die Arme um Yuseis Hals. »Bitte... «, hauchte ich erneut, spürte schon deutlich wie sein Glied wuchs und sich wieder aufrichtete; langsam gegen mein Bein drückte.

Das war der Moment, in dem ich mich umdreht, an die Wand mit der Brust lehnte und so gut es ging den Rücken durchdrückte, damit Yusei gut in mich eindringen konnte. Er führte erst zwei Finger ein, weitete mich gekonnt und berührte immer wieder einen guten Punkt. »Mhh...«, rutschte es mir raus, presste sofort die Lippen aufeinander. Nicht stöhnen war so mies! Aber auf der anderen Seite furchtbar geil ...

Seine Hände umfassten meine Hüfte; sofort danach spürte ich endlich die ersehnte Härte. Mit einem Rutsch glitt er in mich ein und stieß sofort an meinen empfindlichen Punkt.

»...!!« Ich drückte mir mit aller Kraft die Hände auf den Mund, presste mich gegen die Wand und nahm langsam Rhythmus auf, der sich gegen Yusei bewegte. Auch er nahm Tempo auf, bewegte sich großzügig in mir und vergrub regelrecht die Fingernägel in meinen Seiten.

»... Yami... «, flüsterte er, darum bemüht, die Haut nicht aufeinander klatschen zu lassen. Doch ich spürte in ihm, dass er genau das gerne getan hätte.

Ich musste fast Grinsen, als er langsam schneller wurde, aber gleichzeitig mit den Knien zitterte, um die Kontrolle zu wahren.

»Verdammt ...!«, kicherte ich schließlich, dreht mich zu Yusei um, der auch grinste. »Das ist so doof!« Yusei nickte nach meinem Flüstern und drückte sich schlussendlich komplett in mich rein. Der Druck in mir, den sein Penis auslöste, fühlte sich wie ein elektrischer Schlag an, der sich in mir ausbreitete.

»Dann ... heute nur mal so... «, flüsterte er mir ins Ohr; die Hand um mich geschlungen. Ich spürte deutlich seinen Bauch an meinem Rücken, so nah stand er mir und so tief war er in mir drin. Der Gedanke ließ mich Liebestropfen verlieren. »Hm... so ist es auch gut... «, flüsterte ich erregt zurück. Yusei musste sich nicht bewegen, um mich geil zu machen. Es reicht schon, wenn er nur wie ein riesiger Dildo in meinem Arsch steckte.

Ich spürte dann seine Hand, die mein Glied erneut umschloss, es langsam, dann schneller massierte. Die Vor- und Zurückbewegungen ließen meine Vorhaut über meine Eichel reiben.

»Ja ...«, stöhnte ich fast schon zu laut auf, denn Yusei ergriff sofort mit seiner anderen Hand meinen Mund und presste sie feste gegen mein Gesicht.

»Shh... «, säuselte er in mein Ohr, das Tempo um mein Glied erhöhend. Ich schloss die Augen. Genoss das warme, saubere Wasser. Den Gedanken an meinen Geliebten hinter mir, dessen Schwanz mir fast in den Gedärmen lag, während seine Hand mich zum Höhepunkt brachte.

Ich verkrampfte mich schlagartig, holte tief Luft, bewegte mich doch noch etwas gegen Yuseis Glied, schwoll sofort an und spritzte gegen die gekachelte Wand des Schwimmbades, während Yuseis Hand den letzten Tropfen noch aus mir heraus drückte.

Ein zufriedenes Lächeln machte sich in meinem Gesicht breit. Mit einer leichten Drehbewegung stellte ich mich auf die Zehnspitzen und küsste Yuseis Lippen. Ich spürte, wie er sich aus mir herauszog und mich noch einmal feste drückte. Seine Muskeln stachen schon fast schmerzvoll in meine Rippen, aber ich genoss die feste Umarmung.

Mit ein paar letzten Küssen wuschen wir die Spuren des Liebesaktes von uns, rieben so gut es ging das Fett aus den Haaren und wuschen auch die Unterhosen.

»... Jetzt sind sie nass...«, bemerkte ich eigentlich mehr zu mir selbst als zu Yusei. Doch dieser wrang seine Unterhose nur aus und zog sie direkt wieder an. Ich seufzte, tat es ihm gleich und zwang mich in das unangenehme Gefühl. »Ew... das wird ewig dauern, bis es trocken ist...«

»Wir können sie nachher zum Trocknen wieder ausziehen. Aber erst mal müssen wir hier raus.« Ich nickte Yusei zu und zog auch die restlichen Sachen einfach über die nasse Haut. Im Grunde war das saubere Gefühl mit den schmutzigen Klamotten wieder dahin.

Fast schon leise und schämend öffneten wir die Tür. Doch die Kinder brüllten so laut, dass man uns wahrscheinlich nicht mal gehört hätte, wenn man sich neben die Kabine gestellt hätte.

Mit schnellen Schritten verließen wir die Badeanstalt und trotteten in der warmen Mittagssonne wieder zum Markt.

Die alte Dame tratschte gerade mit einem Kunden. Yusei ging rasch zu ihr, drückte ihr die Karte mit noch einem herzlichen Dankeschön in die Hand und verabschiedete sich sofort wieder. Ich winkte nur von einer gewissen Distanz aus. Die Schamesröte lag mir noch auf den Wangen vom heißen Sex in der Dusche.

 

»Hihi, du hast da einen Knutschfleck!«, kicherte ich, als Yusei sich wieder nackig machte und ich einen kleinen dunklen Fleck an seinem Hals entdeckte. Er legte die Klamotten behutsam auf einen Zaun und kuschelte sich sofort unter meine Decke, unter der ich bereits nackig saß.

»Hoffentlich... wird man mich deswegen nachher nicht rügen.«

»... Du meinst, Jack könnte das als unangenehm auffassen?«

Yusei sah mich fragend an. »... Wie meinst du das?«

Ich verdrehte die Augen. Natürlich war mir nicht nach Streit und eigentlich wollte ich auch nicht provozierend wirken. Aber Yusei verschwieg mir einiges und hatte gesagt, er würde mir zumindest einen Teil über Jack erzählen, wenn wir vom Duschen kamen. Anders fand ich für mich keine passende Überleitung auf das Thema.

»Na... Willst du mir nicht endlich erzählen, woher du Jack kennst? Und dass du hier eigentlich aus Neu Domino kommst?«

Sofort hörte ich Yuseis Adamsapfel sich hoch und runter bewegen. Er schluckte noch einmal. Dann sah er von mir weg und seufzte.

»Meine Eltern... kamen hier bei einem Autounfall ums Leben. Schule und so etwas brach ich ab. Irgendwie musste ich für mich sorgen. Kam auf die schiefe Bahn. Ich war hier sehr lange... eine Art Kurier. Ich hab Bestellungen gebracht und abgeholt. Eigentlich egal was, Hauptsache es hat auf mein damaliges Motorrad gepasst.«

»... was du geklaut hast«, fügte ich hinzu.

»Yami...«, raunte er auf und sah mich mahnend an, dass mein Kommentar unnötig war.

Als ich nichts darauf erwiderte, fuhr er fort.

»Jack war mal ein Kunde. Er hatte mit Ushio zutun. Daher kenne ich ihn. Aber Jack hat mich wohl nicht erkannt. Hab ihm nur einmal was gebracht. Da war er noch Angestellter bei irgendwas. Hat komische Sachen gedreht, will ich auch gar nicht wissen.«

Ich nickte aufmerksam. »Also ... ist das ja fast Zufall, dass wir jetzt bei diesem Jack arbeiten?«

Yusei zuckt mit den Schultern. »Sowas in der Art, ja.«

»... Und Ushio? Wer ist das? Woher kennst du den?«

Meine Neugierde kannte keine Grenzen. In dem Moment wollte ich endlich über Yuseis Vergangenheit Bescheid wissen.

»Yami, das ... das ist doch eher unwichtig, oder? Er hat mir halt einige Aufträge erteilt. Das war's.«

»Unwichtig würde ich das nicht nennen! Immerhin schient ihr sehr vertraut. Drogen flossen wohl auch öfter mal...«

»Machst du mir gerade etwa einen Vorwurf?« Zum ersten Mal klang Yusei gereizt. Seine sonst ruhige und lockere Art verflog im Nu.

»Nein... Aber ich mache dir einen indirekten Vorwurf, dass du mir solche wichtigen Dinge verschweigst! Dass du Drogen nimmst oder vielleicht ja sogar vertickt hast, ist mir egal. Ich hab das auch gemacht... Aber ich trau diesem Ushio nicht! Er hat mit Kaiba zu tun... Er könnte uns verpfeifen.«

»Das würde er nicht tun. Ushio war immer der Einzelkämpfer. Mich wundert sowieso, dass er mit Kaiba gemeinsame Sache macht...«

Ich spürte, wie er nicht mehr ganz so fürsorglich die Arme um mich legte.

»... Ushio scheint sich aber geändert zu haben.«

»Ja, Yami. Dagegen kann ich jetzt auch nichts tun.«

Ich seufzte. »Dann... verschweig es mir eben. Soll mir egal sein...«

Versöhnend lehnte ich meinen Kopf gegen Yuseis Brust. Ich spürte wie sein Herz gegen die Brust hämmerte. Das Thema schien ihm nicht gut zu liegen. Vor unserem ersten Arbeitstag wollte ich auch nicht übertreiben.

 

Wir dösten noch etwas vor uns hin, bis wir langsam in die trockenen Sachen schlüpften und uns auf den Weg zum Satisfaction machten.

Ich entdeckte Yugi, wie er draußen wieder den Müll entsorgte.

»Hallo, Yugi! Wie geht's dir?«, fragte ich freundlich, um ein Lächeln bemüht. Yusei neben mir schwieg wie gewohnt und sah müde auf den Boden.

»H-Hallo ... «, murmelte er leise und wurde erneut röter um die Wangen. Seine Stimme war relativ hoch und kindlich, dafür, dass er schon 17 Jahre alt sein sollte.

Ich blieb vor ihm stehen und musterte ihn glücklich. »Ähm. Sollen wir nochmal zu Jack?«

Yugi nickte und öffnete die Tür, ging mit uns in die Bar, in der schon Musik lief. Bisschen rockig. Etwas Zigarettenrauch stieg uns in die Nase. Da erspähte ich Joey, wie er mit einer Zigarette hinter der Bar stand und rauchte. Mit einer grüßenden Handbewegung nickte er uns zu.

Schnell folgten wir Yugi bis ins Hinterzimmer, wo er vorsichtig anklopfte. Jacks Stimmer erklang im Hintergrund, was ihn zum Öffnen der Tür anregte.

»Ah. Da seid ihr beiden ja. Pünktlich, das gefällt mir«, sprach Jack grinsend, während er ebenfalls eine Zigarette in der Hand hielt. Er saß hinter einem großen Holzschreibtisch, welcher eher spärlich bestellt war. Um ihn herum einige Container mit Akten, ansonsten eine Menge Kästen  mit Getränken. Eine weitere Tür führte sehr wahrscheinlich nach draußen. Ansonsten war der Raum eher kahl. Nicht mal die Wände waren bestrichen.

»Hallo, Jack«, grüßte ich ihn, Yusei wie immer nichts sagend.

Er stand sofort auf, schnippte die Asche in den Aschenbecher und kam auf uns zu, nickte und deutete auf das Lager. »Yusei, du kannst gleich hierbleiben, ich zeig dir, wo die Lieferungen ankommen und wo du das Zeug hinbringst. Du bist heute der Laufbursche. Wenn die Jungs was für die Bar brauchen, bringst du es ihnen.«

Yusei nickte nur und sah sich etwas um. Ich hingegen blieb starr stehen und wartete auf meine Anweisungen. Stattdessen verfolgte ich Jacks Blicke, welche dauerhaft auf Yusei lagen. Sogar auf seinem Hintern, als er sich nach einigen Kästen umdrehte. Ein Räuspern meinerseits brachte Jacks Aufmerksamkeit wieder zu mir.

»Ah, ja, Yami. Du gehst einfach zu Yugi und Joey nach vorne. Lass dir einige Dinge zeigen, ich schätze du wirst heute viel den Abwasch machen und Bestellungen annehmen. Wenn du was nicht hinkriegst, frag einen von den beiden.«

Ich nickte. Natürlich war Jack nur die Ansprechperson für Yusei. Ich behielt ein mulmiges Gefühl im Magen, als er mich zu Yugi und Joey rausschickte und schlussendlich mit Yusei alleine im Raum blieb. Nicht, dass ich eifersüchtig gewesen wäre, aber ... Nach gestern? Mit diesen ganzen Geheimnissen? Neu Domino schien doch nicht so ein tolles Pflaster zu sein wie so viele behaupteten. Auch hier ging es tiefere Abgründe hinab.

 

Joey rauchte gerade seine Zigarette aus, als ich den Barbereich betrat. Yugi blieb in einer Ecke stehen und presste sich so dicht an den Tresen, dass er wohl darin verschwinden wollte.

»Okay... Du bist also jetzt mein Problem, ja?«, raunte Joey auf. Ich zuckte sofort zusammen.

»Ich hoffe nicht, ein Problem zu werden... oder zu sein.« Schnell legte ich meine Hände hinter den Rücken und tat unterwürfig. Mein Kollege schien schlechte Laune zu haben, welche ich nicht noch begünstigen wollte. Yugi hingegen haftete wieder mit seinen Augen auf mir. Ich lächelte ihn lediglich an, was ihn wieder erröten ließ.

Ich vermutete, der Kleine hatte ein Auge auf mich geworfen.

Das war süß.

 

Nach nicht mal einer halben Stunde kamen die ersten Gäste. Verrucht und nicht ganz so schön gekleidet, wie die Personen von den hell erleuchteten Straßen. Sie bestellten hauptsächlich Bier, aber auch Cocktails und nicht-alkoholische Getränke.

Joey versuchte mir zwar immer wieder Zeit zu geben selber Bier abzuzapfen, da ich aber noch recht ungeübt darin war, machte er es letztendlich doch selber. Also wurde ich, wie Jack schon vermutet hatte, zum Putzen verdonnert. Yugi sagte, trotz Kontakt zu Kunden, fast nichts. Er nahm die Bestellungen auf, nickte höflich, machte, was auch immer bestellt wurde, und reicht es stumm weiter, während er das Geld dafür kassierte.

Erst nach einer Weile füllte sich die Bar komplett. Viele Menschen, hauptsächlich Männer, tummelten sich um die Tische, Bänke und Tresen. Einige baggerten sogar Yugi oder Joey an. Einer sprach auch mich an, wurde aber sofort von Joey unterbrochen. Zumindest bekam ich langsam den Eindruck, dass es sich um Satisfaction zwar nicht um einen Swingerclub handelte, aber... sehr nah dran kam, als die ersten Männer anfingen zu Fummeln. Ich grinste nur in mich rein. Schön hier, dachte ich, presste aber sofort die Lippen aufeinander, da Yusei und Jack seit Anbeginn alleine im Raum waren. Niemand von den beiden ließ sich mal blicken.

Hoffentlich war alles in Ordnung.

 

Irgendwann kam Yugi auf mich zu.

»Hm... mh... «, druckste er rum, bis er schließlich auf den Boden schauend leise murmelte: »K-Kannst ruhig Pause machen, Joey und ich... äh... gehen nach dir...«

Ich lächelte sofort. Yugi war so unschuldig, was arbeitete er bitte hier in so einer Bar?

»Oh, das ist nett... Aber ich kann noch arbeiten. Also wenn du oder Joey lieber Pause machen wollt?«

Da raunte der Blonde schon los. »Nee man. Geh jetzt, halbe Stunde. Dann bist du wieder hier.«

Sowohl Yugi als auch ich zuckten zusammen. Ich nickte sofort und ging von der Bar, quetschte mich durch die Leute und setzt mich nach draußen auf eine Stufe vor die Bar.

Halbe Stunde nichts tun. Die würde ich mich lieber bezahlen lassen, dachte ich und knibbelte an meinen kaputten Fingernägeln.

 

In dem Moment sah ich Ushio. Wie er wieder mit einer Schar an Weibern die Straße entlang ging. Er unterhielt sich sichtlich amüsiert und lachte wie immer sehr laut, so dass ich es trotz vieler Gespräche um mich herum wahrnehmen konnte.

Sofort erspähte er mich, kam auch in meine Richtung. Als er mich ansprach, zuckte ich sofort zusammen.

»Hey! Kleiner! Du bist doch Yuseis Freund, oder?« Sein lautes Lachen ließ umherstehende Gäste auf uns Aufmerksam werden. Vorsichtig stand ich von der Treppe auf und nickte schüchtern.

»Äh, ja. Ja, ich bin Yuseis Freund...«

»Ha! Seid ihr zusammen? Also vögelt ihr?«

Ich schluckte und räusperte mich peinlich berührt. Die Leute wurden neugieriger.

»Äh... wir sind... fest zusammen, ja.«

»Sowas! Und ich dachte immer, der Rotzbengel wäre ne Hete. So kann man sich irren.«

Mit einem festen Schlag klopfte er mir auf die Schulter. »Und wie läuft's bisher? Lässt Jack euch in Ruhe arbeiten?«

Ich nickte nur stumm, hoffte auf baldige Erlösung. Doch Ushio ließ nicht locker.

»Na Gott sei Dank. Der Kerl kann ganz schön ungemütlich werden, ahaha! Pass mal auf, Kleiner: Du und Yusei ihr seid ja ganz süß und ich wünsch euch die Liebe und so, aber kannst mir glauben, dass der Alte mit dem Mal es ganz schön faustdick hinter den Ohren hat!« Sein lautes Lachen ließ mich abermals verkrampfen.

»Finden Sie? Er macht auf mich... einen sehr seriösen Eindruck.«

»Den Eindruck kann er gut vermitteln, ja! Bis man ihn in den Arsch fickt, dann schreit er wie eine Schlampe! Haha!«

Ich konnte nicht anders, als mich stumm von ihm abwenden. Er schrie mir noch was belustigt hinterher, was ich nicht mehr verstand. Nur ein Piepsen durchzog meine Ohren, als ich wieder die Bar betrat. Yugi sah mir sofort aufgeregt hinterher und kam auf mich zu.

»A-Alles okay?«

»Alles okay, danke.« Bemüht um ein Lächeln, streichelte ich seine Schulter. Joey hingegen verdrehte nur die Augen und stellte den Kunden mit einer Kippe zwischen den Lippen ihre Gläser hin.

»Was ist los? Wurdest du schon belästigt?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß einfach noch nicht so wirklich was mit meiner Zeit anzufangen.«

Als Antwort erhielt ich ein weiteres Raunen und die Anweisung Getränke aus dem Lager zu holen.

Endlich.

Ich klopfte fast zaghaft an die Tür und hoffte auf eine Antwort. Als ich keine bekam, trat ich einfach ein. Niemand zu sehen. Nicht mal Yusei. Sofort kribbelte es in meinem Magen und ich wurde nervös. Wo waren Jack und Yusei?

Ich atmete schneller, durchsuchte den Raum nach Hinweisen, fand aber keine. Nichts hinterlassen, was auf eine Entführung hinweisen könnte oder Vergewaltigung. Ich seufzte laut, nahm zwei Flaschen aus einer Kiste und ging wieder zur Bar, wo Joey schon nervend auf die Getränke wartete.

»Na endlich, was brauchst du so lange?«

»... Ich hab mich nur gewundert, wo Jack und Yusei sind...«

Joey zuckte mit den Schultern. »Vielleicht im Innenhof.«

Ich drehte mich erneut um, sah aber keinen Grund oder Gelegenheit auch da nachzuschauen. Einzig die Hoffnung, dass es Yusei gut ging, ließ mich an der Bar weiter arbeiten.

 

Es wurde anstrengend. Die Leute betrunkener, die Arbeit eintöniger. Irgendwann ersehnte ich doch eine Pause, die ich auch bekam. Zusammen mit Yugi durfte ich kurz raus. Joey hatte sogar so viel Mitleid mit mir, dass er sogar eine Zigarette springen ließ und mir schenkte.

Fast schon gierend zündete ich sie an. Yugi stand nur neben mir und sah faszinierend auf.

»Wie bist du auf diesen Job hier gekommen?«, fragte ich ihn bemüht um einen ruhigen Unterton.

»Äh... Joey ist... Joey ist ein Freund und... hat mir das hier angeboten...«

»Achso! Cool! ... Ein Freund oder dein Freund?« Ich zwinkerte ihm spaßig zu, doch der wurde noch röter als sonst und schüttelte schnell den Kopf.

»E-Ein Freund! Joey hat eine... Freundin.«

Ich nickte. »Ach so. Du auch?«

Immer noch den Augenkontakt vermeidend blickte er zu Boden und schüttelte den Kopf.

»Bist ja auch noch jung. In deinem Alter hat mich das auch nicht Interessiert.« Ich klang wie ein Dinosaurier.

Doch da lächelte Yugi. »Ja... Ich... Ich warte noch.«

»Gute Entscheidung.« Nicht so wie ich.

Genussvoll rauchte ich die Zigarette, die mir ein High gab. Die Leute um mich herum strömten vorbei oder in die Bar. Ich fühlte mich direkt erleichtert. Und für einen Moment vergaß ich Yusei. Doch genau in dem Moment sah ich ihn kurz an der Ecke eine Kiste schleppen. Er sah etwas fertig aus. Aber ansonsten wie immer heiß.

»Ah... Da ist ja Yusei!« Ich wollte schon hinterher rufen, da verschwand er auch schon wieder. »... Hm.«

Yugi sah ebenfalls in Yuseis Richtung, holte tief Luft und rang sich wirklich durch, eine Frage zu stellen.

»D-Du und Yusei... Seid ihr... Seid ihr ein Paar? Ihr habt... Händchen gehalten und so...« Sofort presste er die Lippen aufeinander. »E-Entschuldige die Frage...«

Mit einem Grinsen beendete ich die Zigarette und drückte sie mit meinem Schuh aus.

»Ja, wir sind ein Paar. Das darfst du ruhig fragen, Yugi. Du kannst mich alles fragen.« Dabei zwinkerte ich ihm zu, was ihn schüchtern, jedoch mit einem traurigen Blick, lächeln ließ.

Ja. Der war in mich verschossen.

»Ich frage mich nur, wo er die ganze Zeit mit Jack war...«

Da schluckt Yugi merklich laut und verstummte sofort in jeglicher Handlung. Das ließ mich etwas stutzen.

»Weißt du, wo Jack und Yusei waren?«

Er sah zu mir auf, entschuldigend, fast bedauernd und nickte.

»M-Manchmal müssen wir die Sachen vom Großlager abholen... Mit dem Van. Ist ein paar Straßen weiter.«

Ich atmete sofort auf. »Achso!« Verdreht sogar fast amüsiert die Augen. Sowas banales. Und Yugi verpackt es auch noch wie eine schlimme Tat, die mich gleich ans Grausamste denken ließ. Vergewaltigung, Schändung, Massakrierung.

Doch Yugi blieb still.

»Ist doch kein Ding, oder?«

Yugi schwieg weiter, zuckte dann mit den Schultern. »Nee.«

... also doch?

 

Wir gingen wieder rein, da baggerte mich ein betrunkener Kerl an. Schwarz gekleidet und sichtlich ein bisschen fehl am Platz.

»Eh, du da! Du bist neu hier, oder?« Die Alkoholfahne bohrte sich so penetrant in meine Nase, dass ich mit Übelkeit kämpfen musste. Yugi versuchte schon sich zwischen uns zu stellen, da schob ich den Kerl schon weg und ging schweigend mit Yugi wieder zu Bar.

»Ich hab dich gestern schon gesehen! Du kennst Ushio!«, verfolgte mich der Kerl bis zur Bar, wo er weiter laberte. »Du und dieser andere Typ! Könnt ihr nicht... äh... also... mir was... äh-«

Es dauerte keine Minute, da kotzte er auf den Boden. Angeekelt sah ich dem Mann beim Kotzen zu. Joey lachte nur.

»Haha! Oh, Yami...« Sofort klopfte er mir auf den Rücken. »Da hast du ja wirklich schon alles erlebt an deinem ersten Abend. Eimer und Lappen findest du im Lager.«

Yugi schüttelte sofort den Kopf. »I-Ich geh das schon machen!«

Erst wollte ich Einspruch erheben, da war er schon weg.

Die Tür öffnete sich, kurz sah ich Jack bei Yusei stehen, dann schloss sich die Tür wieder und Yugi kam mit Eimer und Lappen raus. Hm. Dieser Jack machte mir Sorgen. Ließ gar nicht von Yusei ab.

 

Ich half Yugi etwas beim Aufwischen, brachte dann das schmutzige Wasser in die Toilette, wo der Kerl nochmal auf mich zukam.

»Eh... du... kennst Ushio... Bei dem arbeitet... äh, da, der kannte dich... äh, ich kenn Mahaad! Den kennst du doch auch, oder?«

 

Was?

Mit offen stehendem Mund betrachtete ich den betrunken Goth. Doch auch hier kam Joey dazwischen und nahm mir den Eimer ab.

»Mach dich nützlich und hol wieder ein paar Sachen aus dem Lager. Yusei musste noch mal zum Hauptlager. Also musst du das übernehmen. Und trödel nicht so! Der Laden ist brechend voll!«

Gar nicht so richtig realisierend, dass der besoffene Mann immer noch an mir rumgierte, schlurfte ich benommen ins Lager, holte die Flaschen und wollte schon wieder raus, da sprach mich Jack an.

»Yami.«

Ich drehte mich um, sah ihn am Schreibtisch sitzen und schluckte etwas. Den hatte ich gar nicht bemerkt.

»Wie läuft es?«

Sofort atmete ich auf. »Äh, gut. Denke ich. Doch, läuft gut.« Jack sah mich weiterhin interessiert an. Ich suchte nach Worten. »Also... ich glaube, ich hab's so langsam raus. Wie macht sich... Yusei so?«

Er lächelte breiter. »Der macht sich wunderbar. Ich kann nicht klagen.«

Vorsichtig nickte ich. »Cool...« Ein kleines Räuspern entfuhr meinen Lippen. »Äh, Joey wartet sicher auf die Getränke...«

Mit den Worten winkte Jack mir noch zu und ließ mich gehen.

 

Bis fünf Uhr morgens arbeiteten wir wie am Fließband. Die Menschen kamen und gingen. Erst als der letzte Betrunkene die Türschwelle verlassen hatte, durften wir anfangen aufzuräumen. Yugis Augenringe breiteten sich aus, Joey rauchte seine Schachtel leer und Yusei kam letztendlich ebenfalls erschöpft aus dem Lager. Eine leichte Röte lag ihm auf den Wangen. Mit seichtem Lächeln sah er zu mir.

Noch die Gläser am sortieren, erwiderte ich das schüchterne Lächeln. Als Jack jedoch eine Hand auf Yuseis Schulter legte, versiegte es sofort. Er reichte ihm einen Batzen an Geldscheinen und deutete zu mir, ohne mich dabei direkt anzusehen. Yusei nickte, nahm das Geld an und kam endlich zu mir rüber. Und endlich bekam ich einen lang ersehnten Kuss auf die Lippen.

Yugis traurigen Blick allerdings spürte ich sofort in meinem Nacken. Nur ein schüchternes Winken kam von ihm, als Yusei und ich die Bar verließen.

 

»Und? Wie war es bei dir? Ich hab dich kaum gesehen!«

»Hm... Anstrengend. Ich musste viel laufen.«

Verständnisvoll nickte ich und presste seine Hand.

»Und Jack? ... Wie läuft es mit dem?«

Yuseis Augenbrauen schoben sich zusammen. »Wie?«

»Na, du hattest viel mit ihm zu tun. Und du kennst ihn doch irgendwie von früher. Hätte ja sein können, dass er dich auch wieder erkannt hat.« Doch Yusei blieb stumm, sah beim Gehen stur nach vorne und presste die Lippen aufeinander. Ich zuckte mit den Schultern und beließ es dabei. »Dann nicht...«

 

Völlig erschöpft fielen wir in die Decken. Das Geld verstaute Yusei sofort in einer seiner Gürteltaschen.

Trotzdem schlief ich nicht gut. Meine Knochen taten weh.

Und...

Mahaad.

Kann es sein, dass er ebenfalls hier war? Und für Ushio arbeitete?

 

Ich wurde wach und rieb die Augen, kuschelte mich erneut in die Decke ein und murmelte ein »Guten Morgen«, doch es kam nichts zurück. Sofort öffnete ich die Augen und sah mich um. Kein Yusei. Niemand da. Ich war ganz alleine unter der Brücke.

Sofortige Panik bereitete sich in mir aus und ich sprang auf. Mit der Decke um mich geschlungen rief ich nach ihm. »Yusei? Yusei...« Doch nur mein Echo war zu hören.

Verdammt, ich hatte es übertrieben. Yusei war sauer auf mich gewesen, ich habe es nicht gesehen und jetzt war ich ihm zu viel geworden! Es war nur meine Schuld!

Ich spürte die Tränen in mir aufsteigen, die Wut und den Zorn über mich selbst. Eine leichte Schwärze breitete sich vor meinen Augen aus, als ich mein Schluchzen hörte, welches auch unter der Brücke widerhallte.

»Yusei ...«, quietschte ich enttäuscht und ließ mich völlig erschöpft auf die Beine fallen.

Würde er das wirklich tun? Mit unserem Geld abhauen? Aber wohin denn?

Meine Gedanken überschlugen sich immer weiter, fragte mich wieso oder warum er verschwunden war. Die Panik ließ mich hyperventilieren, Sternchen sehen und weinen.


Da hörte ich seine Stimme.

»Yami? Yami!« Schnelle Schritte kamen auf mich zu, er ließ eine Tüte fallen, rieb sofort meine Arme. »Was ist passiert? Herrgott, wieso weinst du?«

Total verschwommen sah ich in seine Augen, die ebenso verzweifelt zu mir herabblickten, wie meine zu ihm rauf.

»W-Wo ... wo warst du?«, schluchzte ich ihm entgegen. Er wischte mit seinem Ärmel über meine Augen und setzte sich schließlich neben mich, strich immer wieder über meine Wangen.

»Ich... war frühstück holen... Ich war doch keine 10 Minuten weg...«

Ich presste die Lippen aufeinander, sah zur Plastiktüte, dann zu Yusei, dann in meinen Schoß. Konnte dann schließlich nicht anders als verzweifelt Lachen. »Haha... Oh nein... wirklich? ... Oh...«

 

Ja. So weit war es schon um mich. Ich war von ihm abhängig. Und ich hatte Angst ihn zu verlieren.

 

Yusei hatte uns ein richtiges Bento gekauft. Mit allen möglichen Sachen drin, die ich liebte. Und grünen Tee. Und noch kleine Küchlein, die ich natürlich zuerst futterte. »Das ist alles so wundervoll... ich hoffe, das war nicht zu teuer?«

Doch Yusei schüttelte den Kopf. »Nicht doch.«

 

Mit vollem Magen ließ es sich gleich viel besser arbeiten. Das merkten wir direkt am Abend. Wir waren fitter, fühlten uns regelrecht gut. Trotzdem Jack wieder mehr Avancen in Yuseis Richtung unternahm, als mir lieb war. Dafür blieb Yugi die ganze Zeit in meiner Nähe. Auch der Samstag war nicht leerer als der Freitag, wie bereits anzunehmen war. Joeys Laune steigerte sich ebenfalls nicht besonders. Doch vom Geld konnte ich eine Schachtel Zigaretten kaufen und Joey eine zurückschenken, was ihn sehr freute.

 

So vergingen die Tage. Yusei schien immer sehr ausgelaugt nach der Arbeit, nahm es aber stoisch hin und sprach recht selten über die Dinge, die er mit Jack abhandelte, wenn sie alleine irgendwo waren. Mein Misstrauen steigerte sich, als Jack eines Abends mal alleine mit Yusei im Innenhof stand und seine Wange mit dem Mal berührte. Aber mehr als ein Zähneknirschen konnte ich dem nicht entgegenbringen. Immerhin hatten wir einen Job. Das war das Wichtigste. Und den wollten wir nicht verlieren.

Jack gab uns sogar nach einer Woche eine Gehaltserhöhung. Von 900 Yen auf 1 300 Yen. Wir freuten uns wie Könige und als Dankeschön brachten wir einmal Cupcakes mit, über die sich jeder freute. Nur nicht Jack. Der mochte keine Cupcakes.

Auch die alte Dame konnten wir endlich mit Geld bezahlen, wenn sie uns Obst gab. Das freut sie besonders, wenn sie schlechte Geschäfte machte und über die Kundschaft schimpfte.

 

Es war mitten in der Woche, die Bar war relativ wenig gefüllt. Ein paar Stühle waren sogar noch frei. Trotzdem ließen sich weder Jack noch Yusei blicken. Entspannt spülte ich die Gläser, bis Joey mich in die Pause entließ.

Dort fasste ich einen Entschluss. Es musste Klarheit geschafft werden. Ich nutzte die üppige Zeit und lief zum Gothic Club rüber. Mit schnellen Schritten rannte ich schon fast die vollen Straßen entlang, gewillt das Geheimnis um Mahaad zu lüften. Hat der betrunkene Typ damals nur gelogen? War Mahaad wirklich da? Unter Ushios Aufsicht?

Die Schlange vor dem Club war mir zu lang, also versuchte ich mein Glück direkt bei der Security.

»Hallo... Ist Ushio da?«

Doch die Männer reagierten nicht.

»Ich möchte mit ihm reden.«

Immer noch keine Reaktion. Erst, als ich Yuseis Namen erwähnte, dass ich in seinem Namen hier sei, ließ den einen zusammenzucken und bereitete mir Einlass. Verwundert betrat ich den stickigen Raum und erkämpfte mir den Weg durch die Gänge.

Kein Mahaad zu sehen. Natürlich fiel mir auch dann erst ein, dass selbst wenn er hier arbeiten würde, er ja auch frei haben könnte. Seufzend durchkämmte ich trotzdem die einzelnen Tresen. Sogar bei der Gardarobe fragte ich nach. Doch niemand konnte mir Auskunft geben. Einige von den Angestellten sprachen nicht mal meine Sprache.

Erst, als ich es fast schon aufgegeben hatte, sah ich wieder die langen braunen Haare. Im VIP Bereich. Hinter der Bar. Doch es war die Frau. Mit schnellen Schritten ging ich auf sie zu. Wieso war mir das nicht eher aufgefallen? Der Mann neben ihr beim ersten Besuch... er sah aus wie Mahaad.

Ehe ich jedoch den VIP Bereich erreichen konnte, wurde ich wieder von der Security aufgehalten.

»Sorry, Kleiner. Kein Durchkommen für dich.«

»Ich, äh... Bin aber im Auftrag von Yusei hier und... soll mit Ushio sprechen... Ähm...«

Da hörte ich schon das laute und finstere Lachen.

»Lass ihn rein, Rex!«

Sofort gehorchte der Mann und öffnete das Samtband, welches den normalen vom VIP Bereich trennte.

Ich trat ein und sah mich scheu um, bis ich Ushio in seinem typischen Sessel sitzen sah, Frauen um ihn herum und natürlich einen Joint in der Hand.

»Yami... was will Yusei denn von mir, dass er dich schickt?« Er schmunzelte, bereits wissend, dass Yusei das niemals tun würde. Ich schluckte und zuckte mit den Schultern.

»Vielleicht... war das gelogen...«

»Haha! Das dachte ich mir! Habt ihr euren Stoff schon aufgeraucht, oder wieso bist du dann hier?«

Ich blickte mich um, die Frage erst mal zurückstellend.

»Ähm. Ich suche jemanden, der hier angeblich arbeiten soll...«

»Wirklich? Da kann ich dir sicher weiterhelfen.«

Über seine freundliche Art, die mir sonst sehr suspekt vorkam, war ich nun letztendlich doch überrascht.

»... Mahaad?«

Ushio raunte sofort genervt auf, winkte ab und schüttelte den Kopf. »Dieser Hohlkopf! Was ein Junkie! Kriegt nix auf die Reihe ohne sein Valium!« Verdreht die Augen. »Du kennst den? Na, dann bring ihn mal zur Besinnung, sonst dreh ich ihm noch irgendwann den Hals um, wenn er noch mehr Flaschen fallen lässt!«

 

Der Atem in mir stockte. »E-Er ist wirklich hier?« Auf einmal zitterte ich. Es war das erste Mal seitdem Vorfall, dass ich wieder von ihm hörte. Dass er nicht tot war. Dass er es sogar nach Neu Domino geschafft hatte... wie auch immer er das erreicht hat.

Trotzdem schwang ein leichtes Missgefühl in mir mit, während ich an Mahaad dachte. Er war weggelaufen. Einfach so. Aber konnte man es ihm verübeln? Es ging immerhin um sein Leben...

Ushio deutet die Bar an, an der er am ersten Abend Schimpfen war. »Arbeitet da. Viel Spaß mit dem.«

Bedankend ging ich meinen Weg zur Bar, sah direkt in die Augen der Frau, welche ihre großen Brüste sehr gut zur Schau stellte.

»Hi«, begrüßte sie mich. »Was magst du trinken?«

»Äh, danke, eigentlich will ich nur mit Mahaad sprechen...«

Doch die kleine Brünette ließ nicht locker. »Komm schon, wir haben leckere Sachen hier. Auch mit Specials!«

Die Specials wollte ich gar nicht erst kennen lernen. Irgendein gemischtes Zeug, was wohlmöglich noch Halluzinationen hervorruft.

»Nein, danke. Ich muss gleich noch arbeiten...«

Enttäuscht seufzte die Frau, schwang die Haare nach hinten und bediente einen anderen Mann, der natürlich einen Special nahm.

In dem Moment kam er aus einer Hintertür. Fahl und blass sah er aus. Von seiner sonstigen Bräune war nichts mehr übrig. Abgemagert war er ebenfalls. Und die Haare matt.

Trotzdem lächelte ich sofort und beugte mich halb über die Theke.

»Mahaad!«, rief ich ihm zu, der Musik trotzend. Er zuckte sofort zusammen, sah in meine Richtung, ließ fast wieder Flaschen fallen und traute wohl seinen Augen nicht, als er mich sah.

»Y-Yami?! Bist du das?« Mit ungläubigem Blick kam er von der Bar hervor, tastete sich an mich ran. Als ich sofort nickte und ihn anstrahlte, schlang er die Arme um mich und küsste mich direkt auf die Lippen.

»Hm!« So schnell wie der Kuss kam, löste er ihn auch wieder.

»Ich dachte, du wärst tot! Ich dachte wirklich... Kaiba hätte... ich mein...« Mahaad stammelte vor sich hin, kaum fassend, dass ich vor ihm stand. Lebendig.

»Das dachte ich auch von dir... Nachdem niemand wusste, wohin du gelaufen warst...«

Das Thema stach wohl sofort in seiner Brust. Er sah zu Boden, biss sich auf die Lippe und zuckte mit den Schultern. »Ich... ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen.«

»Schon okay... Es war furchtbar.« Ich drückte ihn noch einmal fest an mich und streichelte seinen Rücken. Überall Rippen. Die Drogen verfraßen ihn langsam...

»Wie bist du hierher gekommen? Nach Neu Domino?«, fragte ich neugierig, nachdem er der brünetten Kollegin deutlich machte, dass er sich Pause nahm. Mit schnellen Schritten führte er mich in ein Hinterzimmer, wo sich viel Papier stapelte. Er war klein und kahl, aber relativ ruhig von der Musik.

»Ich... hab jemanden kennengelernt. Der hat mir gegen ... ein bisschen Hilfe... Eintritt verschafft.« Da er deutlich mehr rumdruckste als sonst, ging ich von "hochgeschlafen" aus. Mehr als ein Nicken brachte ich nicht übers Herz. Jeder eben nach seiner Facon. Yusei und ich haben immer Heroin vertickt. Das Leben dieser Menschen wollte ich auch nicht haben...

»Und du? Wie hast du es geschafft?«, strahlte er mich diesmal auch an und hielt meine Hände fest in seinen.

»Ich und Yusei haben Geld aufbringen können und... haben uns quasi eingekauft.«

Er schwieg sofort und sah mich verwirrt an. »Wer ist Yusei?«

Da räusperte ich mich. »Yusei war... Äh... der Fahrer von Mokuba und... wir haben ihn in Acapulco kennengelernt. Wo ja alles ziemlich den Bach runterging... Also haben wir ihn mitgenommen. Er hat mir sehr geholfen...«

Mahaad nickte stumm. Seine Miene blieb ausnahmsweise mal unergründlich. »Aha. Yusei. Wo ist der?«

»Der arbeitet noch. Ich eigentlich auch, ich bin nur kurz in meiner Pause hierher.«

Da lächelte er wieder. »Das... das ist so schön, dass du hier bist, Yami!«

Wieder drückte er mich feste an sich und rieb über meinen Rücken. Er roch wie immer nicht gut und die Haare waren leicht fettig.

Woher ich Ushio kannte und wie ich ihn gefunden hatte, schien ihn nicht weiter zu interessieren. Ganz im Gegenteil fühlte es sich fast unwichtig an, als er sanft meine Wangen nahm und mich erneut küsste.

Wie automatisch erwiderte ich den Kuss und entspannte für einen Moment. Bis ich realisierte, was ich da tat.

»Nein! Sorry!« Mit diesen Worten schubste ich Mahaad von mir. »Ich... Sorry, Mahaad. Das geht nicht mehr. Ich und Yusei... wir sind zusammen. Und ich will ihn nicht betrügen.«

Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Ihr seid... zusammen? Echt...? Seit wann?«

Ich seufzte leise. »Spielt das eine Rolle? ... Noch nicht so lange eben... der Vorfall ist ja noch... recht frisch...«

»Du bist also mit einem Mann aus Acapulco zusammen, der für Mokuba gearbeitet hat und den du kaum kennst?« Der Unterton war deutlich zu erkennen.

»Oh, Mahaad! Ich kenne Yusei natürlich noch nicht so lange, aber... er und ich sind die einzigen, die überlebt haben! Das schweißt zusammen!«

»Schweißt uns unsere Vergangenheit etwa nicht zusammen? Ist das weniger wert?« Er fasste nach meinen Armen und drückte sie regelrecht an sich. »Yami! Wir haben uns wiedergefunden... Ist das nicht Schicksal?«

Ich wusste nichts darauf zu antworten. Objektiv betrachtet hatte er natürlich Recht... Yusei war ein unbekannter Mann, der für das gegnerische Team gearbeitet hatte. Andererseits verband mich so viel mit ihm. Und das Vertrauen, was ich ihn in steckte, was großartig.

Doch ehe ich mich versah, küsste mich Mahaad wieder. Dann nochmal. Und nochmal. Seine Hände wanderten in meine Hose, während sich sein Bein zwischen meine schob. »Yami...«, säuselte er in mein Ohr. »Er... muss es ja nicht wissen...«

»Mahaad! Ich werde ihn nicht betrügen!«

Ein letztes Mal schubste ich ihn von mir. »Sieh es ein... ich bin froh, dass wir uns wiedergefunden haben, aber... aber ich... «

Sofort presste ich die Lippen aufeinander. »Ich liebe Yusei sehr. Und ich werde diese Liebe nicht aufs Spiel setzen!«

Mahaads Blick trübte sich schlagartig. Die Freude, die sich vorher darin spiegelte, mattierte und verließ letztendlich gänzlich seine Augen. »Dann... dann will ich dich in Ruhe lassen...«

»Nein, Mahaad. Lass uns doch wieder was unternehmen... Wenn du frei hast! Dann gehen wir mal im Park spazieren und-«

Doch er schüttelte den Kopf. »Lieber nicht. Du weißt, ich hab mich nicht so unter Kontrolle. Und eigentlich würde ich dich auch jetzt gerne an den Tisch fesseln und rannehmen.«

Ich schluckte. Das klang... sehr verführend, musst eich mir eingestehen. Denn dadurch bedingt, dass Yusei immer sehr müde von der Arbeit war, kam es nicht sehr oft zu Sex. Nur, wenn wir mal Duschen gingen. Und da eben nicht sehr ausgiebig. Ich seufzte. Überlegt ich tatsächlich, ob ich meinen Mann betrügen sollte?

Ich schüttelte den Kopf. »Besser nicht, Mahaad.«

Er zuckte mit den Schultern, nahm mich noch einmal in den Arm und ging wieder zurück zur Bar. »Meld dich... wenn du doch willst.«

 

Damit verabschiedete er sich wieder und nahm seine Arbeit hinter der Bar auf. Das war das Zeichen für mich zu verschwinden.

Traurig trottete ich wesentlich langsamer als auf den Hinweg zurück zur Bar. Ach Mahaad, dachte ich. Es wird immer schlimmer mit den Drogen. Und jetzt arbeitete er sogar noch für den Drogenchef der Szene. Ushio schien schlimme Dinge zu drehen.

Aus Yugi konnte ich mal ein bisschen rauskitzeln, als wir mal wieder eine Rauchen waren, wo er natürlich nur neben mir stand und beim Rauchen zusah, dass Ushio damals bei einem krummen Geschäft die Finger drin hatte und Yusei mit reingezogen hat. Ihn quasi verpfiffen hat. Und er somit von der Polizei geschnappt wurde. Ganz so unschuldig von wegen "nur ein Motorrad geklaut" war es dann wohl doch nicht.

Aber Yusei war einfach der letzte, dem ich Vorwürfe machen würde. Jeder schlug sich durch. Auch er.

 

Als ich dann schlussendlich an der Bar ankam, kurz reinschielte und immer noch gähnende Leere vernahm, wollte ich mir noch eine Zigarette anzünden. Seufzend holte ich einen der Sargnägel raus und wollte ihn anzünden, als ich feststellen musste, dass das Feuerzeug nicht ging. Genervt schmiss ich es in die Mülltonne und trottete in die Bar.

»Hey, Joey. Kann ich mal kurz dein Feuerzeug haben?«

Doch der schüttelte den Kopf. »Hat Jack, sorry. Ist im Büro.«

Ich nickte schwach. Natürlich.

Also trottete ich zur Hintertür. Abgesperrt. »Huh? Wieso ist abgeschlossen?«

Yugi wurde schlagartig rot, Joey drehte sich genervt um. »Bestimmt, weil der Chef nicht gestört werden will.«

»Ach was!«, raunte ich zurück, sichtlich genervt, dass ich nicht an meine Zigarette kam. Also packte ich sie wieder weg, stapfte trotzdem raus und ging einmal ums Gebäude in den Innenhof.

Sofort blieb ich stehen.

Da stand Yusei über einen Stapel von Kisten gebeugt, mit der Hose an den Kniekehlen, die Hände an den Flaschen verkrampft und die Augen vor Lust oder Schmerzen zugekniffen. Hinter ihm Jack, der sich mit schnellen Bewegungen in ihm bewegte, leise aufstöhnte.

Ich konnte meinen Augen kaum trauen. Mein Chef vögelte meinen Freund. Und zwar heftig. Leidenschaftlich. Und besagter Freund ließ es einfach über sich ergehen. Mitten im Innenhof.

Sofort trat ich einige Schritte nach hinten, bis ich eine Wand erreichte. Eine Weile betrachtete ich das Schauspiel, bekam ein krampfartiges Gefühl im Magen und dachte an Ushios Worte, dass Yusei sich wohl auch früher hat gerne durchnehmen lassen.

Das wollte ich nicht sehen. Trotzdem konnte ich nicht wegsehen. Wie Yusei leise stöhnte, etwas Speichel über seine Lippen floss, er sogar etwas steif war, soweit ich das erkennen konnte. Und Jack, wie er mit seinem breiten Kreuz über ihm hing, ihn hart rannahm. Und verdammt, sein Schwanz war so breit wie mein Unterarm!

Ich biss mir verletzt auf die Lippe, schaffte es dann doch mich umzudrehen und ging mit Tränen in den Augen aus dem Innenhof wieder in die belebten Straßen.

 

Nur kurz ließ ich mich bei Joey und Yugi blicken, informierte sie darüber, dass ich meine zweite Pause gerne jetzt schon nehmen würde und verließ sofort wieder die Bar. Yugis Blick konnte ich entnehmen, dass er es wusste. Dass er wusste, was ich gesehen hatte. Und selbst Joey blieb ruhig.

Hieß das etwa, das ging schon eine ganze Weile so? Jeder wusste es, nur ich nicht? War Yusei deswegen immer so "müde" von der Arbeit?!

 

Es dauerte nicht lange, da brach ich in einer Seitengasse zusammen und weinte bitter. Immer wieder verschluckte ich mich, hörte mich selbst Schluchzen, weinte deswegen noch mehr und verkrampfte mich.

»Y-Yusei...«, wimmerte ich in die stille Gasse und ließ den Kopf auf die Arme fallen.

Ein paar komische Männer kamen in meine Richtung, fragten mich, ob alles in Ordnung sei oder ob sie mich aufheitern könnten. Ohne eine Antwort zu geben, stand ich auf und torkelte weiter.

Ich hatte Yusei also verloren? Es würde nicht mehr lange dauern und er würde mich verlassen, oder? Aber wieso hatte er nie etwas erwähnt?

Doch sofort erinnerte ich mich, dass Yusei noch nie der Typ war, der über Gefühle sprach. In diesen zwei Wochen, in denen ich so viel mit ihm erlebt hatte... Kamen wir nur einmal dazu uns auch wirklich auszusprechen. Und das war der Beginn unserer Beziehung. Aber seitdem nie wieder.

War es überhaupt eine?

Ich konnte mir selbst das nicht mehr beantworten.

 

Unvorsichtig trottete ich, die Zeit völlig vergessend, die Gassen entlang, bis ich vor dem Gothic Club stand; doch traute ich mich nicht hineinzugehen. Seufzend wollte ich schon umdrehen, da hörte ich Mahaads Stimme.

»Yami? Yami, bist du das?«

Er kam mit einer Zigarette, oder war es ein Joint?, auf mich zu und musterte mich eindringlich. »Was ist passiert? Wieso weinst du?«

Ich zuckte nur mit den Schultern, ließ mich tranceartig in seine Arme fallen und schloss die Augen.

Es war Gras. Ich roch es.

Und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, gab er mir den Joint, ich zog dran und behielt ihn für's erste. Dann zog ich nochmal und nochmal. Bis mir furchtbar schwindelig wurde und mein Heulen in ein Lachen überging. Was auch immer da noch drin war, es war schon okay.

 

Im nächsten Moment fragte mich Mahaad noch einmal, was passiert war, doch wieder gab ich ihm keine Antwort, zuckte nur mit den Schultern, griff nach seinem Kragen und zog ihn in einen Kuss.

Nein, ich will Yusei. Ich will diesen starken Mann haben, mit den rabenschwarzen Haaren. Und diesem Mal.

Doch Mahaad ließ sich nicht beirren, griff nach meiner Hüfte, zog mich samt dem Joint in den Club, wieder in diesen kleinen Raum, der einen Abstellkammer ähnelte, und zog mir sofort die Hose runter.

Schnell und ohne Gefühle. Wie immer. Wie früher.

Ich drehte mich um, presst meinen Oberkörper stark gegen die Wand, zog nochmal am Joint, ließ ihn fast fallen, bis Mahaad ihn mir wieder abnahm.

Seine Hände befummelten mich, ich wurde nicht mal steif. Ein bisschen Spucke befeuchtete meinen Eingang, den er sofort mit seiner Erregung füllte.

»Ah!« Ein kleiner Schrei entfuhr mir, als sich Mahaad in mich reinzwängte. »Au... ah!«

Es fühlte sich furchtbar an. Er nahm mich wie ein Tier. Doch irgendwo war es auch okay. Mit schnellen Stößen rammte er sich immer wieder in mich rein, vergrub seine Nägel in meiner Hüfte und achtete nicht darauf, dass mein Kopf immer wieder gegen die Wand hämmerte. Ich selbst hatte kaum Kontrolle mehr darüber, was genau ich tat. Alles war verschwommen, alles tat weh, meine Knochen, mein Kopf, mein Hintern und mein Herz...

 

Irgendwann hörte er auf, zog sich aus mir zurück. Ich spürte die warme Flüssigkeit an meinem Bein runterlaufen. Doch Mahaad kümmerte sich nicht weiter um mich, zog sich selber nicht ganz koordiniert an, reichte mir eine Taschentuchbox und ließ mich zu Boden sinken. Er sagte irgendwas zu mir, ich verstand nur Rauschen.

Meine Augen fielen immer wieder zu. Benommen zupfte ich einzelne Tücher ab und wischte grob.

Wir hatten ungeschützten Sex.

Verdammt.

Mit Mahaad.

Jetzt war's eh vorbei.

Lustlos ließ ich das Tuch wieder auf den Boden fallen, fiel letztendlich auch mit dem Oberkörper zu Seite.

Leblos lag ich auf dem kalten Steinboden und erinnerte mich an die warmen Arme, in denen ich immer aufwachen durfte.

 

 

»Yami...«

 

»Yami?«

 

»Hey...«

 

Vorsichtig blinzelte ich bei meinem Namen und war vorerst vom Licht geblendet.

»Ah... was?«

Es war Yugi. Seine kleinen Hände und Finger ertasteten meine Stirn, dann meinen Hals. Eine Decke lag über mir und der Untergrund, auf dem ich lag, war seltsamerweise recht weich. Zumindest weicher als ein Boden.

Es dauerte einige Sekunden, bis ich wieder klar sehen konnte. Da stand tatsächlich Yugi neben mir und tunkte immer wieder einen Waschlappen in kaltes Wasser.

»Lass, das Mann. Der ist ja schon ganz nass in der Fresse!«, ertönte es nun auch von Joey. Ihn sah ich nicht, saß wohl an meinem Kopf.

Und dann hörte ich die ersehnte Stimme im Hintergrund, ganz weit weg.

»Ist er wach? Wirklich?! Gott sei Dank!«

Schnelle Schritte kamen auf mich zu, drängten Yugi fast schon von seinem Platz und machten schlussendlich bei mir halt.

Die blauen Augen starrten mich besorgt an, ließen zum ersten Mal pure Emotionen widerspiegeln.

»Y- ... Yu...«

Mehr bekam ich nicht raus. Mein ganzer Hals brannte.

»Ganz ruhig... Yami, meine Güte, was hast du nur gemacht? Wieso hast du dich da alleine rumgetrieben?« Es klang bei weitem nicht so vorwurfsvoll wie er es wahrscheinlich ausdrücken wollte. Mehr wie verzweifelte rhetorische Fragen, von denen er wusste, niemand beantworten könnte, außer ich selbst. Und ich konnte nicht antworten.

Im Hintergrund sah ich Jack einige Dinge aus einer Plastiktüte auspacken.

Ich kniff die Augen zusammen, spürt die Tränen hochsteigen und letztendlich aus meinen Augen laufen. Yuseis Hände umsorgten mich, tupften die Tränen ab und strichen beruhigend über meine Wangen. Trotzdem konnte ich nicht aufhören. Alle um uns herum sahen sich fragend an, dachten wohl, ich weine, weil so schlimme Dinge passiert sind.

Das sind sie auch, aber dass Yusei und Jack... das war das schlimmste.

 

Nach einigen Minuten des Umsorgens und der Stille, versuchte ich mich aufzusetzen und ein bisschen Wasser zu trinken. Ein Blick aus der Tür sagte mir, dass es bereits Tag war. Ob morgens oder mittags... das wusste ich nicht.

Doch sowohl Yusei, als auch die anderen drei, sahen furchtbar müde aus. War ich doch mal wieder das Sorgenkind gewesen.

»Ushio hat dich in seinem Club leblos am Boden gefunden. Er dachte schon, du wärst tot«, bemerkte Jack dann aus dem Hintergrund heraus. »Hat aber deinen Puls bemerkt.«

Yusei sah mich weiterhin besorgt an. Hörte gar nicht auf mein Gesicht zu streicheln.

»Hast wohl ein bisschen zu viel Drogen genommen, hm?«

Ich murmelte irgendwas vor mich hin, nickte dann leicht. Yusei presste sofort die Lippen aufeinander.

»Wieso?«, fragte er leise, kaum fassbar, wieso ich das getan hatte. Alles, was ich dafür übrig hatte, war der vorwurfsvolle Blick in Yuseis Richtung. Doch er schien nicht ganz zu verstehen, was ich meinte.

Yugi und Joey ging irgendwann nach Hause. Yusei blieb noch bei mir, schnappte mich dann auch irgendwann und trug mich aus der Bar.

Jack sagte nichts. Sah uns einfach hinterher. Schloss dann die Bar ab.

 

Unter der Brücke angekommen, an der wir mittlerweile in einem Zusammenbau von Kartons und Zeitung wohnten, legte er mich in eine der Decken. Sorgsam wickelte er mich ein und kramte ein paar Medikamente aus, die Jack ihm aus der Plastiktüte gegeben hatte.

»Hier... Nimm davon zwei... Das dürfte die Schmerzen in deinem Hals etwas verringern.«

Mit ein paar Schlucken Wasser, die ebenfalls wie die Hölle waren, tilgte ich die Tabletten. Nur das Rauschen der vorbeifahrenden Autos über der Brücke hielt einen Geräuschpegel. Ansonsten schwiegen wir.

»... Wieso?«, fragte Yusei irgendwann erneut, derweil neben mir liegend.

Ich sah einfach in den Himmel. »Ich war... traurig.« Ein Grinsen huschte mir über die Lippen. Ich klang wie ein alter Mann, so heiser und rau war meine Stimme. In diesem Joint war wohl schmutziger Tabak drin gewesen. Oder irgendwas anderes zerstörendes. Vielleicht hab ich auch Plastik geraucht. Bei Mahaad... da konnte man sich nicht sicher sein, was er im Vollrausch eindrehte.

»Traurig? Warum? ... Wegen mir?«, fragte er sofort kleinlaut. Ich sah ihm tief in die Augen und nickte verletzt. Yuseis Augen weiteten sich, sahen mich entsetzt an.

»A-Aber wieso? Was habe ich getan?«

Schnippig sah ich zur Seite. »... Du... und Jack... « Dann musste ich was husten. Yusei reichte mir sofort wieder das Wasser, doch ich brachte nicht mal einen ganzen Schluck runter.

Er schwieg. Sein Blick trübte sich sofort, sah zur Seite.

»... W-Warum...?«, fragte ich schließlich und strich zitternd über seine Wange. »Hasst du mich?«

Das, was ich wieder in Yuseis Augen sah, geballte Emotionen, Verzweiflung und Trauer, Entsetzen und Sorge, entlockte sogar mir mehr Verständnis.

»Ich- Yami, ich würde dich niemals... betrügen wollen... wenn... wenn es nicht anders ging...« Er stockte sofort.

Ich kniff die Augen zusammen. »Yusei! Sag mir doch endlich... endlich was Sache ist! Diese Geheimnistuerei! Furchtbar!!«

Wieder musste ich husten. Es war, als käme mir gleich die Lunge entgegen.

Doch Yusei stotterte nur vor sich hin. Bekam keinen anständigen Satz raus. Sagte hier und da mal was zusammenhangsloses. Dann wieder nichts. Ich verstand nur Bahnhof.

Da hörte ich es lachen.

Es schallte.

Und es war vertraut.

 

Yusei drehte sich sofort entsetzt um, da ertönte ein Schuss.

Er fiel weiter nach hinten, lag einige Zentimeter von mir entfernt und blutete sofort aus der Lende.

»Y-Yusei!!«, rief ich heiser, sah zu ihm. Dieser atmete unregelmäßig, hielt sich die blutende Stelle und starrte nur gegen die Pfeiler der Brücke.

Als ich die Quelle des Schusses suchte, sah ich ihn.

Den Lauf der Waffe. Die langen Spinnenhände. Und die kühlen blauen Augen des Mannes, der unsere Freunde auf dem Gewissen hatte.

»Lange nicht mehr gesehen, Yami.« Sein hämisches Grinsen, vollkommen irre und viel zu breit, ließ Gänsehaut in mir aufsteigen.

»K-K-Kaiba... «, stotterte ich seinen Namen, die Hände ebenfalls auf Yuseis Wunde drückend, aber dennoch mit den Gedanken ganz beim Feind, dessen Waffenlauf direkt in mein Gesicht gerichtet war.

»Dank Mahaad, deinem wundervollen Freund, habe ich euch gefunden. Eine Hand wäscht die andere, nicht wahr?«

Er kicherte dunkel. »Ein Junkie braucht seine Drogen, hm. Und was kann ich ihm besser geben als das?«

In mir zog sich alles zusammen. Unkontrolliertes Blinzeln durchzog meine Augen, ließen die Tränen herauskullern und sorgten für ein erhitztes Gesicht.

»Und dank Ushio wusste ich nun auch, wo ihr arbeitet. Satisfaction. Ich dachte, ich les nicht richtig, hahaha!«

Kaiba amüsierte sich richtig. Erst jetzt bemerkte ich, dass zwei von Kaibas Security hinter ihm standen. Die Waffen ebenfalls auf uns gerichtet.

Es gab kein Entkommen. Er würde und jetzt abknallen. Und zwar so wie Bakura. Wie Marik. Uns auseinandernehmen.

Mein ganzer Körper zitterte. Ich bekam kaum Luft, während Yusei neben mir langsam das Bewusstsein verlor.

»Yusei... nein... bitte... bleib bei mir!«, quälte ich heraus und tastete immer wieder an seiner Brust herum. »D-Du darfst nicht sterben!«

Kaiba hingegen lachte sich fast tot. Das Szenario schien ihm pure Freude zu bereiten.

»Ihr vertickt einfach so mein Heroin, kauft euch dumme Pässe und kommt in eine Stadt, die nicht euch gehört? Die euch nicht haben will? Dass ich nicht lache!«

Er holte weit aus, schlug mir dann mit dem Griff der Waffe gegen den Kopf.

»Ah!«, schrie ich auf, fiel zu Boden und wimmerte schmerzerfüllt.

 

Also stand Ushio doch mit Kaiba in Verbindung. Oder nicht? Mahaad hat mich verpfiffen. Hätte ich also nicht so sinnlos gehandelt... Dann wären Yusei und ich jetzt nicht in diese Situation.

All dieses Glück der letzten Tage... müssen wir jetzt so zurückzahlen? Wirklich?

Kaiba entsicherte die Waffe und richtete sie erneut auf mich. »Ich hab jetzt keine Lust mehr. Hab noch wichtige Dinge zutun. Also sag auf Wiedersehen zu dieser Welt.«

Sofort kniff ich die Augen zu. Lehnt mich über Yusei, dessen Atem ich kaum noch wahrnehmen konnte.

So schnell ging es also.

 

Wie in einem Film ertönten die Schüsse.

Nein, wie in der Realität. Wie damals. In Mokubas Anwesen. In Acapulco. So viele Schüsse.

So viele.

Blut.

Gedärme.

Kaibas Auge.

Es rollte an mir vorbei.

 

Als die Schüsse aufhörten und ich wieder einmal taub war, sah ich auf. Jack. Jack Atlas. Mit einer Horde von seltsam gekleideten Menschen. Einige davon kannte ich. Es waren Stammgäste.

Mir wurde übel. Ich sah Kaibas zerfetzte Leiche neben mir. Die von den anderen beiden Männern.

Doch als wäre ich bereits trainiert gewesen, konnte ich jegliches Erbrechen zurückhalten.

Mit einem Mal wurde es schwarz vor meinen Augen.

»Yusei!«, ertönte Jacks Stimme. Jemand packte auch mich, trug mich weg.

Dann konnte ich mich an nichts mehr erinnern.

 

»Wo ist Ushio?«

»Ich... ich weiß es nicht.«

»Sicher?«

»Ja...«

Peng.

 

Ich schreckt auf. Lag wieder einmal auf einer Bank in der Bar. Neben mir Yusei. Kopf an Kopf lagen wir beieinander. Sein Gesicht war fahl und eingefallen. Mein Blick fuhr sofort zu seiner Wunde, die versorgt und verbunden war.

Ein lautes Poltern kam aus den Räumlichkeiten hinter der Bar. Es wurde bereits dunkel draußen. Ich hatte keinerlei Zeitgefühl mehr.

 

Auf einmal kam Jack aus dem Zimmer. Zog sich schwungvoll blutverschmierte Handschuhe aus.

Da bemerkte er meine neugierigen Blicke.

»... bist du wieder bei Sinnen?«, fragte er monoton. Sichtlich angespannt und wütend.

Ich nickte.

»Wie geht es Yusei?«

»Äh... « Versichernd sah ich zu ihm, doch Jack kam selbst zu uns. Ein prüfender Blick endete in einem starken Seufzen. Seine Hand strich über Yuseis Gesicht.

Sofort presste ich die Lippen aufeinander.

»Wieso... Wieso nimmst du mir meinen Freund...?«, wimmerte ich leise, die Antwort gar nicht hören wollend.

Doch Jack schmunzelte. »Ich nehme ihn dir schon nicht weg. Er war nur bereit für euch beide über Leichen zu gehen.«

Sein Blick traf meine Augen. Ich sah ihn fragend an, er schmunzelte weiter, ließ dann von Yusei ab.

»Ich kenne Yusei von früher, weißt du? Er war Kurier, hat mir hier und da einige Päckchen gebracht. Er arbeitete für Ushio, den ich schon früher nicht leiden konnte. Hatte damals schon ein Auge für ihn. Dann war er weg. Hörte vom Vorfall im Knast.«

Jack schenkte sich Schnaps ein, sah immer wieder prüfend zur verriegelten Tür. »Yusei klaute ein Motorrad, ja. Aber das fuhr er einige Wochen, bis Ushio ihn eben wegen irgendeiner Kleinigkeit an die Bullen verpfiffen hat. Die bunkerten ihn ein und markierten ihn. Für's Leben gestraft.«

Schnell trank er den Schnaps aus. Stellte das Glas lautstark ab.

»Dann floh er. Nach Alt Domino. Die dümmste Entscheidung, die er jemals getroffen hat. Aber niemand konnte ihn aufhalten. Tja. Acapulco habe ich aus ihm herausbekommen. Und Kaiba.«

Jacks Blick wurde von Minute zu Minute kühler.

»Ich hab Yusei den Job gegeben, weil ich wusste, dass er seine Arbeit gut macht. Aber als ich ihn auf seine Vergangenheit angesprochen habe, flehte er mich an, ich solle seine Präsenz geheim halten. Für dich und für ihn. Um endlich in Ruhe leben zu können. Also schlug ich ihm einen kleinen Deal vor, den er natürlich sofort annahm.«

»Sex gegen schweigen?!«, protzte ich raus und fiel ihm ins Wort.

Jack lachte laut auf und nickte. »Ja, Sex gegen Schweigen!« Er zuckte unschuldig mit den Schultern. »Hey, er hätte auch ablehnen können.«

»Als ob! Er war doch sichtlich in einer Misslage, die du schamlos ausgenutzt hast!« Die Wut stieg in mir auf. Meinen Hals, den Tod von Kaiba und die furchtbare Lage von Yusei fast vergessend.

»Das habe ich nicht. Yusei hat es oft sehr genossen mit mir zu schlafen. Was kann ich dafür, dass er selbst so dumm ist und zu Ushio rennt?« Jack schüttelte den Kopf. »Ihr wusstet es nicht, okay. Aber trotzdem hat Ushio euch aufgespürt. Und natürlich an Kaiba verpetzt. Ich hab bisher geleugnet, dass ihr hier seid. Aber für immer ging das natürlich nicht!«

Immer wieder ging er auf und ab, verschränkte die Arme und stierte böse aus dem Fenster.

»Ich wollte diesem Kaiba schon immer eine Kugel zwischen die Augen fegen. Ich glaube, viele wollten das. Und es ist mir egal, ob ich jetzt sein Gefolge am Hals habe oder nicht. Er ist endlich tot.«

Vorsichtig befeuchtete ich meine trockenen Lippen mit meiner Zunge. Sah zu Yusei, dann wieder zu Jack. »Dessen... bin ich dir auch sehr dankbar... Du hast uns das Leben gerettet...«

»Ja. Trotzdem läuft das Arsch Ushio hier noch frei rum. Und zu allem Übel hat er Yugi und Joey mit sich gezogen.«

Mein Atem stockte. »W-Was?«

»Sie sind nicht mehr aufzufinden. Jetzt hab ich mir ein paar Idioten geschnappt, die für Ushio gearbeitet haben... Aber die waren alle nutzlos.« Er zischte jedes Wort einzeln. Böswillig und voller Hass.

Dass es selbst in Neu Domino solche Differenzen gab, überraschte mich doch. Man war also nirgendwo sicher vor solchen Dingen.

Draußen vernahm man verstärkt Sirenen. Jack seufzte.

»Sie haben wohl so langsam Kaibas Leiche gefunden.«

»Meinst du.. sie suchen nach dir?«

Doch Jack schüttelte bereits den Kopf. »Nein... die suchen nur nach den anderen Leuten, dessen Waffe ich mir geliehen habe. Ich trage nur Handschuhe. Und die anderen... das soll mir egal sein.«

Jack erinnerte mich etwas an Melvin. Kaltblütig. Egozentrisch. Für sich selbst sorgend. Nur an sich denkend.

Vorsichtig setzte ich mich auf und strich über Yuseis Stirn. Der Arme hatte schon so viel mitgemacht in seinem Leben. War im Gefängnis... hatte das Mal. Wurde wohl oft vergewaltigt. Hat für mich in den sauren Apfel gebissen. Hat sowieso alles für mich getan. Und ich? Ich brachte uns einfach so sinnlos in Gefahr und handelte unüberlegt. Wegen nichts und wieder nichts.

»Ihr habt kein zu Hause, richtig?«, fragte Jack dann wie aus dem Nichts, die Leiche aus seinem Arbeitszimmer in eine Ecke ziehend.

»N-Nein.. Also... die Brücke war... unser zu Hause...«

»Das ist doch kein zu Hause«, gab er schnippig zurück, ließ die Leiche los und trat nochmal nach.

»Ich werde jetzt nach Ushio suchen. Besser ihr versteckt euch. Hier ist es nicht unbedingt sicher.«

Damit verschwand er aus der Bar. Schwungvoll sah ich noch den weißen Mantel im Fenster wehen, bis auch dieser aus meinem Blickwinkel verschwand.

Da saß ich alleine mit Yusei. Er schlief tief und fest. Und ich wollte ihn nicht wecken. Also blieben wir dort. Für's erste.

 

Ich döste kurz weg. Mein Hals brannte nicht mehr so stark wie vorher. Wahrscheinlich ein Vorteil von den Medikamenten, die mir Yusei gegeben hatte.

Als ich aufwachte, war es im Zimmer stockduster. Etwas panisch suchte ich nach Yuseis Körper und hörte nur ein Grummeln, als ich seine Arme berührte. Beruhigt über die Tatsache, dass er noch da war und bei Sinnen, blieb ich trotzdem wach.

 

Nach einigen Stunden hörte ich ein Tapsen. Es war mehr ein Schlurfen vor dem Fenster. Nur die Lichter von der Straße erhellten den Raum und ich hielt zitternd eine Brechstange aus dem Lager in der Hand.

»...« Ich machte mich bereit, zuzuschlagen. Als die Person hereinkam, hob ich schon einmal die Arme.

Doch dann ging das Licht an.

 

»Mahaad?!«, rief ich fast schon empört, als er die ein Häufchen Elend an der Tür stand, mit der Hand am Lichtschalter. »Was machst du hier?!«

Dieser sah nur mit riesigen Augen zu mir, kicherte dann belustigt auf. »Yami... Yami, ich hab dich gefunden!«

Freudig kam er auf mich zu, doch ich versperrte ihm den Weg mit meiner Eisenstange.

»Du mieses Arschloch! Du hast uns verpfiffen! Wir wären beinahe draufgegangen!!« Ich spürte die Wut in mir kochen. »D-Du hast uns für Drogen verkauft?! Und dann fickst du mich auch noch so rücksichtslos?!«

Mahaad sah mich schlagartig ausdruckslos an. Verstand die Welt nicht mehr. Verstand wahrscheinlich nicht mal mehr ein Wort, was ich sagte, so sehr war er wieder zu.

»Yami...«, sagte er wie ein Kind meinen Namen und winkte mir zu.

Langsam ließ ich schnaufend das Brecheisen sinken. »Mahaad, du hast dir dein komplettes Gehirn mit den Drogen gefrittet. Da funktioniert ja gar nichts mehr!« Sofort seufzte ich und schüttelte den Kopf. Ließ mich erschöpft wieder neben Yusei fallen, streichelte seine Haare. Dieser zuckte sofort auf und hatte bereits die Augen geöffnet. Ich schluckte und zog sofort meine Hand weg.

 

»Y-Yusei... Seit wann bist du wach? Wie geht es dir?«, fragte ich vorsichtig, ein paar Haarsträhnen aus seinem Gesicht streichend. Doch er ignorierte mich völlig.

»Er hat... was getan?«, hörte ich ihn murmeln. Wie in einem Horrorfilm setzte sich Yusei auf, starrte zu Mahaad; dann zu mir.

»Yusei... das... äh«

»Er war das?! Er hat dich so zugerichtet?!«, bebte seine Stimme.

Ich konnte kaum zu Wort kommen, da ergriff Yusei die Brechstange und ging ächzend auf Mahaad zu. Bedrohlich hob er die Waffe.

»N-Nein! Yusei, lass das! Er ist auf Drogen! Er versteht das nicht!«

Doch Yusei ging einfach weiter.

Getrieben von Hass und Wut über das, was er mir angetan hatte.

Mahaad bewegte sich keinen Meter. Sah mit großen Augen zu Yusei, kicherte vor sich hin, hampelte auf einmal los. Streckt ihm die Arme entgegen.

Yusei reagierte sofort, wahrscheinlich aus Reflex, und schlug zu. Mit Wucht.

Auf Mahaads Kopf.

Der sofort zerbrach.

Das dumpfe Geräusch seines Körpers, der auf den Boden fiel, ließ mich erstarren.

Blut strömte sofort aus dem Schädelbruch und ergoss sich über den Boden, an Yuseis Füßen vorbei.

Dieser stand noch starr an gleicher Stelle, stierte zu Boden, atmete schwer und schüttelt leicht den Kopf.

»Ah... Argh!« Yusei schrie noch einmal los, schlug erneut auf den leblosen Körper von Mahaad ein und brach sämtliche Knochen. Splitter sprangen heraus, Muskeln zerfleischten und die einzelnen zertrümmerten Hautfetzen blieben an der Stange hängen.

»Y-Yusei... Yusei!!«, schrie ich verzweifelt, sprang letztendlich auf, bewegte mich wackelig zu ihm, klammerte mich an seinen Rücken, weil meine Knie mich im Stich ließen. Yusei hörte sofort auf, als er meinen Körper spürte, ließ die Brechstange fallen und trug mich auf den Armen, damit ich nicht in die Sauerei fiel.

Tränen flossen über mein Gesicht. Yusei sah selbst entsetzt über das aus, was er getan hatte.

Und im selben Moment keuchte er auf, beugte sich vor, setzte mich auf einer Bank ab und hielt sich die Wunde an seiner Lende. »Ah... Verdammt...«

Immer noch sichtlich geschockt, wusste ich nicht, was ich tun sollte, außer starr und stumm auf der Bank zu sitzen, Yusei dabei zuzusehen, wie er sich vor Schmerzen krümmte und im Hintergrund die Überreste von Mahaad auf dem Boden verteilt zu sehen.

»W-Was... Was hast du getan...?«, murmelte ich, zitternd und blass wie ein Leichentuch.

Yuseis Augen sahen  mich verzweifelt an, als wüsste ich das nicht. Als würde ich den Grund nicht gut genug verstehen, wieso er das tat.

»D-Du hast ihn umgebracht!«

»Er hätte dich auch fast umgebracht!«, schrie er zurück. Ich schauderte. So böse hatte ich ihn nicht in Erinnerung.

»A-Aber...«

»Nichts aber! Dieser... Dieser Idiot... er ist Schuld, dass es dir so schlecht geht! Er ist Schuld, dass ich angeschossen wurde! Und er ist an sowieso allem Schuld!« Seine Stimme brach kurz ab, während er sich erneut die Lende hielt und schmerzhaft das Gesicht verzog.

Vorsichtig zog ich ihn mit auf die Bank und streichelte seinen Kopf. Er... wollte mich nur beschützen...

Ja.

Er hat mich beschützt.

 

Trotzdem konnte ich meinen Blick nicht von Mahaads Leiche nehmen. Sicherlich wäre er früher oder später an eine Überdosis gestorben. Wenn das hier nicht schon eine war. Alt wäre er sicherlich nicht geworden...

Für einen Moment lang trat Stille ein.

Yuseis Atmen blieb unregelmäßig. Die Schmerzen waren wohl groß.

»Yusei... Du musst eigentlich ins Krankenhaus...«

»Achja? Und was dann? Dann ... dann findet uns Kaiba doch...«

Ich schwieg.

»Ähm... Kaiba ist... Kaiba ist tot, Yusei.«

Er riss die Augen auf, sah mich mit diesem tiefen Blau an und wollte meinen Worten kaum Glauben schenken. »Er... Er ist tot? Wie?!«

»Jack und... ein paar Stammkunden haben ihn erschossen... Und jetzt ist Jack auf der Suche nach Ushio, der hier rumlungert.«

Da grinste er, hob beide Augenbrauen und fing manisch an zu lachen. »Hahaha! Kaiba ist tot! Endlich! Er ist tot!«

 

Mir war absolut nicht nach Lachen. Auch wenn die Situation mit Kaibas Tod um ein Wesentliches leichter wurde, so kam es mir nicht in den Sinn, mich darüber auszulassen.

»Yusei...«, mahnte ich ihn leise, während er gar nicht mehr aus dem mittlerweile verzweifelten Lachen herauskam.

»Scheiße, Yami, er ist tot! Der Mann, der uns so viel... Angst und Schrecken bereitet hat! Ich... Ich könnte Jack küssen...«

»... das hast du ja bereits mehrfach«, gab ich bockig zurück, auch wenn ich mir der Metapher bewusst war.

Sein Lachen verstummte. Er presste sogar die Lippen aufeinander.

»... Es tut mir Leid, Yami. Wirklich...« Da war er wieder. Der Hundeblick, der entschuldigende, treudoofe Blick, den er mir immer schenkte, wenn er wieder klauen war. Wenn er was angestellt hatte. Wenn er gemein war. Und wenn er mich betrogen hatte.

Erstaunt über mich selbst, blieb ich ruhig und nickte nur. »Schon okay. Jack hat mich aufgeklärt. Aber das nächste Mal... Sprich vorher mit mir. Bevor du dich verkaufen musst... Finden wir eine andere Lösung.«

»... Ich war nur-«

Ich unterbrach ihm mit einem Kuss. Sah ihm dann tief in die Augen. »Es ist okay. Du musst dich nicht vor mir rechtfertigen...«

Da nickte er erleichtert, nahm meine Wange in seine Hand und küsste mich abermals. Ich war einfach so unendlich froh, dass ich ihn hatte. Wenn er nicht wäre, würde ich längst tot in einer Ecke hängen.

Wieder küssten wir uns und ich genoss es in seiner Nähe sein zu dürfen, bis mein Blick wieder auf den toten Mahaad fiel. Sofort drückte ich Yusei weg. »N-Nicht... er... da liegt doch noch...«

Ich hörte Yusei leise seufzen. »Entschuldige. Ich weiß ...«

 

Es vergingen noch einige Minuten, in denen ich einfach in Yuseis Arm hing. Die Spannung war einfach unerträglich gewesen. Käme Jack bald wieder? Oder würde er getötet werden? Was ist mit Ushio? Und geht es Yami und Joey gut?

 

So langsam ging die Sonne wieder auf. Ich war so müde, wie lange nicht mehr. Es erinnerte mich an die Zeit, in der wir mit Bakura und Marik unterwegs waren. Stetige Angst war unser Begleiter.

Irgendwann schlief ich ein. Yusei glaubte ich auch. Jedenfalls wurde sein Kopf auf meinem immer schwerer. Und trotzdem die Bilder von Mahaad auf dem Boden so furchtbar waren. Und so unmenschlich es klang...

Ich gewöhnte mich dran.

An dieses Leben.

 

 

»Ah! Was stinkt denn hier so widerlich?!«, ertönte die nervige Stimme von Joey in meinem Ohr, die mich sofort aufschrecken ließ. »Shit!! Was zur Hölle ist hier passiert...? War das... war das mal ein Mensch?«

Ich öffnete die Augen und blickte in Joeys blasses Gesicht, welches genau auf die Überreste von Mahaad gerichtet war. Neben ihm der kleine Yugi, der ebenfalls zitternd am Türrahmen stand, sich kaum traute hineinzukommen.

»M-Moment mal... W-Wieso seid ihr hier?!« Zitternd bewegte ich mich von der Bank, auf der Yusei auch so langsam wach wurde. »Ich denk... Ushio...«

»Eh? Wieso? Wir arbeiten hier!« Joey sah mich nur überrascht an, bemerkte unseren ebenfalls miserablen Zustand, schüttelte den Kopf und warf eine Tasche mit Kleidung auf einen leeren Stuhl. »Scheiße, was ist hier passiert? Ushio? Wer ist das? Hä? Und wieso seid ihr hier und wer ist das und- Argh!«

Joey raufte sich die Haare, schob Yugi wieder aus der Bar und redete mich ihm, sobald er anfing zu weinen.

Ich verstand die Welt nicht mehr.

Yusei ebenfalls nicht.

»Ich dachte, Ushio hat sie... entführt...«, murmelte ich vor mich hin.

»Vielleicht war das... eine Falle...?«, antwortete Yusei ebenso leise und sah mir tief in die Augen. »Wo ist Jack...?«

Ich zuckte mich den Schultern. »Keine Ahnung! Er wollte nach Ushio suchen... das war's...«

»Ushio gibt es nicht irgendwo, den gibt es eigentlich nur in seinem Club...« Und als hätte ihn der Blitz getroffen, sprang Yusei auf und versucht so gerade wie möglich zu gehen. Nahm sich die Brechstange und ging noch einmal zu mir. »Ich werde Jack suchen. Das war mit Sicherheit eine Falle!«

»Bist du verrückt? Du bist verletzt, du hast keinerlei Kraft mehr und willst allein mit einer Brechstange in ein Nest voller Mörder und Junkies steigen? Nein!«

»Das war keine Frage, Yami!«

»Ich gebe dir aber eine Antwort! Und zwar Nein

Da raunte er auf, dreht sich einfach um und ging.

»Yusei!«, rief ich ihm hinterher, doch er bleib nicht stehen. »Yusei! Warte! Bitte, geh nicht!« Mit viel Kraft trug auch ich mich auf die Beine und folgte Yusei aus der Tür; an Joey und Yugi vorbei, die immer noch fragend vor der Bar standen.

Im Hintergrund vernahm ich Sirenen. Sie näherten sich uns.

Wie immer hatte Yusei einen wahnsinnigen Schritt drauf, bei dem ich kaum mithalten konnte. Trotzdem er verletzt war, trotzdem er kaum gegessen oder getrunken hatte, schöpfte er Energie aus sich, die ich nicht mal wohlgenährt aufbringen könnte.

Ein letzter Blick in die Straße des Bar verriet mir, dass die Sirenen wirklich uns galten. Die Polizei hielt vor dem Tatort, schlang sofort Decken um Yugi und Joey. Ich konnte nur hoffen, dass die beiden uns nicht namentlich erwähnen würden. Oder uns sogar als Verdächtige angaben.

Aber so schätzte ich sie nicht ein.

 

Yusei und ich erreichten irgendwann den Club. Er sah geschlossen aus. Auch die Menschen in den Straßen lungerten mehr in den Ecken und Gassen rum, als fröhlich umherzutanzen, wie sie es um spätere Uhrzeiten taten.

Vorsichtig näherte sich Yusei mit der Brechstange in seiner Hand.

»Yami... du bleibst hier.«

»Nein.«

»Yami!«

»Yusei!«

Er raunte auf, etwas genervt von mir. Ich blieb weiterhin hinter ihm.

Der Club war dunkel, nur die Notbeleuchtung zu den Notausgängen erhellte die Gänge. Yusei schlich so gut er konnte an den Wänden entlang, ich schnappte mir derweil ein Messer von der Bar, welches sonst zum Kleinschneiden des Obstes gedacht war.

Als wir die Tanzfläche betraten, ging mit einem Schlag das Licht an. Discolichter leuchteten auf, leise Musik spielte im Hintergrund. Ich wollte schon aufschreien, so sehr erschrak ich, doch Yusei presste mich bereits wieder in die Dunkelheit der Gänge.

»Was zum...-«, flüsterte er, als er Jack auf einem Stuhl sitzen sah. Blut floss von seiner Stirn, seine Hände hinterm Rücken an den Stuhl gefesselt.

»E-Er... Er scheint nicht bei Bewusstsein...«, murmelte ich zurück und versteckte mich ängstlich hinter meinem Mann.

 

Da schall das laute Lachen durch den Raum.

»Oh Yusei! Es ist so schön, wie du immer noch so unvorsichtig irgendwo reinspazierst wie du es früher getan hast.«

Ushio trat auf die Bildfläche. Er schien minder bewaffnet. Nur ein kleiner Colt lag in seiner Hand. Wie ein Raubtier umlief er Jack, der noch mitten auf der Tanzfläche von den grellen Lichtern angestrahlt wurde.

»Ich dachte mir schon fast, dass du hierher kommen würdest. Genau wie ich das von Jack dachte. Man muss eben nur gut genug Ködern.« Während er den bewusstlosen Jack mit seinen großen Händen im Gesicht berührte, sah er auf einmal genau in unsere Richtung.

Wir waren entdeckt. Und mein Herz schlug mir fast bis in den Kopf. Das klang nach Showdown. Das klang furchtbar nach Showdown.

Doch Yusei nahm es bewundernswert gelassen hin. Zumindest nach außen wirkte er gefasst, trat ins Licht und sah ernst zu Ushio; die Brechstange noch fest in der Hand. Ich blieb im Schatten. Mehr als sterben konnte ich eh nicht ausrichten...

»Was willst du eigentlich von uns, Ushio?«, fragte er mit gedämpfter Stimme, die Musik fast nicht übertönend.

»Was ich will? Scheiße, Yusei, du bist damals einfach so abgehauen. Und hast die Seiten gewechselt. Gott, bin ich froh, dass Jack Kaiba für mich ausgeschaltet hat. Er nervte ganz schön.«

Yusei presste die Lippen aufeinander. Sah zu Jack, dann wieder zu Ushio. »Du hast mich in den Knast gebracht. Was erwartest du, was ich tue? Wieder zu dir gekrochen kommen?«

Er zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls hast du unseren Sex immer sehr geliebt.«

Da hörte ich seine Zähne knirschen. Bis zu mir, über die Musik hinaus, hörte ich quasi seine Wut aufsteigen und sein Blut kochen. Yusei verkrampfte sich regelrecht mit der Brechstange.

»Du hast mich unter Drogen gesetzt und mich vergewaltigt. Natürlich "gefiel" es mir. Ich war ja nicht mal mehr bei Sinnen! Komm damit klar, dass ich nicht mehr dein Haustier bin!«

Ushio lachte und schwang den Colt um seinen Finger. Mein Blut gefror für einen Moment, als er ihn kurz auf Yusei richtete, ihn aber sofort wieder weiterschwang.

»Ich komm damit klar, keine Angst. Ich will nur das Gebiet endlich für mich. Jetzt, wo Jack Kaiba erledigt hat, wäre es ja Jack, dem das Gebiet gehört. So sind die Regeln. Aber ganz ehrlich... Jack?« Nach dem Satz schlug er dem blonden Mann einmal mit der rechten, dann mit der linken ins Gesicht, sodass er aufwachte.

»Ah!«, hörte man ihn aufschreien. Er hustete, spuckte Blut. Jack ächzte vor Schmerzen auf, sagte aber nichts. Yusei hingegen verkrampfte sich weiterhin, traute sich aber auch nicht einen Schritt auf Ushio zuzugehen. Viel zu unberechenbar lag seine nächste Handlung in der Luft. Er könnte ihn erschießen, Jack erschießen, mich erschießen. Niemand konnte das voraussagen.

»Jack tritt dieses Recht gerne ab...«, gab Yusei zu verstehen, dass Ushio die Thronfolge haben könne, auch ohne ihn umzubringen.

»Was geht es dich an, Yusei? Hat dir der riesen Schwanz doch das Gehirn weggepustet? Was sagt denn deine kleine Schlampe dazu?«, lachte er finster auf und deutete zu mir, wie ich einsam in der dunklen Ecke hockte und meinen Tod erwartete.

»Nenn ihn noch einmal eine Schlampe und ich breche dir das Genick!«, drohte Yusei zischend. Doch Ushio nahm diese Drohung so gelassen hin, wie sie auch war.

»Du kannst rein gar nichts ausrichten. Yusei... bis du mit deinem Eisen hier bist, hab ich dich schon drei Mal erschossen. Sei einfach brav und tu mir den Gefallen, dass du mit Jack stirbst, ja? Dann gibt es niemanden mehr, der mich anschwärzen kann. Was will ich also mehr?« Da lachte er abermals finster auf. »Deinen dummen Jungen kannst du mitnehmen.«

 

Die Luft wurde immer stickiger. Jack wimmerte leise vor sich hin, das Blut tropfte unaufhörlich von seinem Kinn in den Schoß. Yusei betrachtete eine Weile Jacks Zustand, traute sich dann einen Schritt auf Ushio zu machen.

»Gibt es keinen anderen Weg für dich?«, fragte er, sichtlich angespannt.

Doch Ushio schüttelte nur den Kopf und zuckte die Schultern. »Du meinst wohl eher einen anderen Weg für euch. Und nein. Alles oder nichts, Yusei. Du bist wieder hier in der Stadt, das nervt. Selbst wenn ich dich wieder in das Rattenloch schicken würde, aus dem du kamst, wärest du eine potentielle Gefahr. Immerhin kennst du meine Akte bei der Polizei.«

Ich horchte auf.

Yusei? Kennt Akten? Von der Polizei?

»Und du hast Angst, ich könnte diese Informationen gegen dich verwenden, ja? Wer würde mich schon glauben.« Da schnaubte Yusei aus. Trat noch einen kleinen Schritt auf Ushio zu.

»Als die Polizei uns damals aufgespürt hat, hast du mich verpfiffen. Ich hab das Mal für dich ertragen. Ich trage es noch immer. Und du? Du hast dich mit den Bullen zusammengeschlossen.«

Da lachte Ushio auf, doch diesmal war es ein verzweifeltes Lachen. Abermals umschritt er Jack, der weiterhin hilflos auf dem Stuhl saß.

»Genau deswegen. Wer würde mir schon trauen, wenn ich Geschäfte mit den Bullen drehe? Aber verdammt, zahlen die gut. Scheiße, Yusei, die Bullen machen mich reich. Aber ich will mehr! Ich will Alt Domino, ich will Neu Domino! Kaibas Tod hat sich noch nicht rumgesprochen... Die Polizei hat seine Leiche erst mal identifizieren müssen... Und jetzt drängt die Ordnung von oben eben, dass es eine neue Unterordnung geben muss in Domino. Sorry, Yusei. Da stehst du mir nun mal im Weg. Und Jack auch.«

 

Jetzt wurde auf einmal alles so klar. Das ganze Szenario zog sich seit mehreren Jahren hinweg...

Yusei und Ushio drehten krumme Sachen, flogen auf und anstatt, dass Ushio mit Yusei gemeinsame Sache machte, verpfiff er ihn und schloss sich der Polizei an. Die Regierung steckte ihre Finger in die Gangs der Unterschicht, Kaiba wurde also staatlich finanziert. Die Drogen, die Waffen... All das kam vom Staat selber, um die Leute zahm zu halten. Jetzt, wo Kaiba von Jack gestürzt wurde, wahrscheinlich aus einem dummen Zufall heraus, ist die Ordnung zerstört, ein Neuer muss her. Und wer wäre dafür besser geeignet als der dumme Drogendealer aus Neu Domino, der eh schon mit der Polizei unter einem Hut hängt.

Aber niemand würde Ushio vertrauen, wenn Jack oder Yusei die Wahrheit kannten. Und das taten sie.

Ich schluckte. Wurde etwas panisch.

 

Ushio grinste. »Also... lange Rede, kurzer Sinn. Machen wir mal Schluss für heute, hm? War doch nett mit euch allen...«

»Warte!«, schrie Yusei. Und tatsächlich stoppte Ushio. »Was, wenn... wenn ich mitmachen will. Was, wenn ich für dich arbeiten könnte, so wie früher. Du hättest doch mein Vertrauen... Und die Hand über mir...«

Ich wollte schon protestieren, da winkte Yusei mir mit einer Hand hinter dem Rücken zu, dass ich gehen sollte.

Meinte er das wirklich ernst? Ich sollte gehen?

»Was? Denkst du, ich bin dumm?« Ushio klang plötzlich bitter. »Du willst jetzt auf einmal wieder gemeinsame Sache machen? Ich lese in deinen Augen doch den puren Hass! Ich müsste dir doch nur einmal den Rücken zudrehen und du würdest mich erstechen! Vergiss es, du Gossenkind!«

Langsam richtete ich mich auf, beobachtete das Schauspiel. Immer wieder winkte Yusei mir zu, ich solle endlich verschwinden.

Doch Ushio kam aus der Rage nicht mehr raus. »Du warst es doch, der immer neidisch auf meinen Platz war! Der mich unbedingt ersetzen wollte! Lieferjunge!«

Yusei verkrampfte sich schlagartig, als Ushio zwei Schritte auf ihm zukam und fast bei ihm stand.

»Ich werde dem endlich ein Ende setzen, Yusei! Ich brauche dich nicht mehr! Und diesen billigen Abklatsch von einem Albino auch nicht!« Dabei wedelte er die Waffe zu Jack, der mittlerweile mit großen Augen zu uns blickte.

»Ushio! Der Junge hat doch nichts damit zu tun!«, schrie er schließlich.

»Und ob er das hat!«, raunte Ushio zurück, völlig panisch, wie erschrocken.

Er hob den Colt, richtete ihn auf Yusei, schrie in den hallenden Raum »Stirb Yusei Fudo!!«.

 

Ich holte aus. Und warf einfach. Verzweifelt. Was hätte ich sonst tun sollen?

Es traf ihn mitten im Gesicht. Er schrie auf, wie am Spieß. Ließ den Colt fallen.

Yusei brauchte einen Bruchteil einer Sekunde, um zu merken, was geschehen ist, hechtete jedoch sofort vor, schnappte den Colt, hielt ihn gegen Ushios Brust und drückte ab.

Und wieder.

Und wieder.

Bis die Trommel leer war. Und 8 Kugeln in Ushio steckten, der sich nicht mehr regte.

Zitternd ließ er die Waffe fallen, tätigte unkoordinierte Schritte nach hinten und fiel schlussendlich auf den Hintern. Den Blick auf den toten Mann gerichtet.

»Y-Yusei...«, flüsterte Jack, sah dann auch zu mir und seufzte sofort entlastend auf. »I-Ihr beiden... habt es faustdick hinter den Ohren...«

 

Ich krabbelte zu Yusei, drückte mich sofort an ihn und spürte die Tränen über meine Wange laufen. Mein blick fiel auf Ushios Gesicht. Ich hatte ihm wirklich ein Messer zwischen die Augen geworfen. Einfach so. Einfach so hätte ich fast einen Menschen umgebracht...

Aber wir waren sicher... oder?

 

Es dauerte auch nicht lange, da hörte man die Sirenen wieder aufjaulen. Polizei stürmte das Gebäude und begutachtete den Tatort. Alles wurde abgesperrt, Schaulustige traten näher, als wir in einen Krankenwagen eskortiert und ins Krankenhaus gefahren wurden. Dort kümmerte man sich ohne weitere Fragen zu stellen um Yuseis Wunde. Jack wurde sofort genäht. Und mir gab man eine Menge Beruhigungstabletten.

Joey und Yugi kamen später am Abend vorbei und brachten uns Essen mit. Sie erzählten, dass die Polizei nicht einmal wissen wollte, wer noch da war. Dass sie Ushio schon im Verdacht hatten, auch wenn der tote Mahaad eigentlich aus Yuseis Taten folgten; und die anderen Leichen auf Jacks.

Im Nachhinein sah alles danach aus, dass selbst dieses Massaker vom Staat gewollt war. Ushio sollte gehen. Sollte beseitig werden. Kaibas Verlust war dabei ein unvorhergesehener Vorfall.

Tatsächlich wurde Jack schon am Tag danach von einigen Schlipsträgern besucht. Sie sprachen sehr leise und geheim, keiner von uns verstand ein Wort.

Erst als sie gingen, fragte Yusei, ob er ihn noch Chef oder jetzt König nennen muss.

»Ich bitte doch weiterhin um König«, spaßte er. Aber es war deutlich genug, dass Jack jetzt Kaibas Platz eingenommen hatte und für "Ordnung" sorgen sollte.

Skeptisch betrachtete ich die Schlipsträger, die ihren Weg zum Parkplatz gingen.

 

»Und wie soll das jetzt aussehen? Wirst du auch Drogen und Waffen verticken? Und unschuldige Menschen auf bestialische Art und Weise töten?« Als keine Antwort kam, drehte ich mich wieder zu Jack und Yusei um, die mich entsetzt ansahen.

»Nein, Yami«, sprach Jack ruhig. »Das übernehmen kleine Gangs, in denen ich meine Finger weiterhin nicht reinstecken will. Was ich genau zu tun habe, weiß ich auch noch nicht, aber... meine Bar nimmt mir niemand.«

Yusei grinste und sah für meinen Geschmack schon fast zu lieb zu Jack rüber. »Werd erst mal gesund. Die Bar schmeißen Joey und Yami schon.«

 

 

Die Sonne ging langsam unter und ich kuschelte mich an Yuseis Seite.

»Wie geht es deiner Wunde?«

Die Autos fuhren lautstark über die Brücke. Etwas gedankenverloren blickte er über das Geländer. Der Wind auf der Brücke war angenehm.

»Besser, danke... «, sagte er leise, sah mich dann lächelnd an und küsste meine Lippen. »Und deinem Gemüt?«

»Ach... man gewöhnt sich an alles, nicht wahr...«, scherzte ich, sah aber sofort trübe zu Boden; das Kinn auf Yuseis Schulter.

»Wie viel Geld haben wir?«

»Etwas mehr als 77 618 Yen. Mit Trinkgeld und allem.«

»Glaubst du, das reicht langsam für eine Kaution?«

»Ich denke schon...« Yusei grinste sofort. »Für eine kleine Wohnung am Stadtrand reicht es alle male. Wenn Jack uns jetzt nicht feuert... können wir auch die Miete zahlen.«

Freudestrahlend schlang ich die Arme um seinen Hals und küsst seine Lippen.

»Auf ein neues Leben, oder?«

Er schmunzelte. Doch das unterschwellige Bauchgefühl konnte er nicht verstecken.

»Na... Ich hoffe doch. So langsam haben wir es uns verdient, oder?«

»Mit dem großen Jack Atlas als Chef... Kann es ja nur gut werden!«, bemerkte ich leicht sarkastisch, was Yusei weniger humorvoll aufnahm. Trotzdem bekam ich einen weiteren Kuss geschenkt, den ich intensivieren durfte.

»... ich liebe dich, Yusei...«, murmelte ich ihm gegen die Lippen; sah ihm dabei tief in die Augen.

 

Ein Lächeln. Aufrichtige blaue Augen, die im orangenen Schimmer des Sonnenuntergangs leuchteten, sahen mich an. Und obwohl gerade ein Laster vorbeifuhr und ich akustisch nur wenig hörte; so verstand ich es doch an meinen Lippen.

 

 

»Ich liebe dich auch.«

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