Santa Kills

Kyle Lewis führt ein gefährliches Doppelleben: Auf der einen Seite ist er normaler Kassierer in einem Shoppingcenter, der den Tag lieber mit seinen Gedanken verbringen würde, als mit Kunden, die ihre Luxusgegenstände kaufen. Auf der anderen Seite arbeitet er als Geheimagent beim MI6. 

Eines Tages bekommt er den Fall 'Irina Iwanowna' vorgelegt - eine junge Frau, die damals mit ihren Eltern nach Russland kam und nun befürchtet in Gefahr zu sein. Kyles Chefin ist der Meinung, dass russische Gangster dahinter stecken und setzt ihn kurzerhand auf das Problem an.

Für Kyle kein Problem, wäre da nicht so viel Ablenkung durch den gut aussehenden Weihnachtsmann im Shoppingcenter,, der täglich dort sitzt und nicht nur den Kindern die Wünsche von den Lippen abliest, sondern auch Kyles... 


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Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

 

Kapitel 18 

Kapitel 19 

Kapitel 20 

Kapitel 21 

Kapitel 22 

Kapitel 23

Kapitel 24

 


1 - Prolog

Mein Leben war gut. Es war erträglich, so wie eigentlich jedes Leben. Es gab Höhen und Tiefen – meistens eher Tiefen, bei denen man sich fragte, wann denn endlich der beschwerliche Weg nach oben kam, nur damit man sich schnell wieder in die nächste Misere fallen lassen konnte – doch es war in Ordnung. Wichtig waren die Konstanten. Die, an denen man sich festhalten konnte, wenn es unter den Füßen anfing zu bröckeln.

Ein guter Job war da schon mal ein Anfang. Die Definition ‚gut‘ würde naheliegen, dass mir der Job entweder enorm Spaß machte oder enorm viel brachte; sei es Geld oder Erfahrung oder was man sonst noch so als schlechte Ausrede nehmen konnte, wenn es nicht Geld war. In meinem Fall war es leider eine schlechte Ausrede. Zumindest zum Teil.

Ich hatte mehrere Ausbildungen genossen, von denen ich mich nur hätte entscheiden müssen, welche ich als meine Berufung ersehne. Nur leider hatte keine dieser Ausbildungen einen wirklichen Nutzen. Einen Doktor in Kunstgeschichte? Den habe ich eher aus Leidenschaft, als aus einem tieferen Nutzen gemacht. Master of Arts in englischer Literatur und Sprachwissenschaften? Vielleicht hätte ich an einer Schule oder Universität dozieren können. Leider habe ich im Zuge meines Studiums gelernt, alle anderen meiner Fachrichtung zu verachten. Psychologe? Der Abschluss ist schon so lange her – meine Ausbildung ist also dementsprechend eingerostet.

Während ich mit meinen gut gepflegten Fingernägeln auf dem Tresen trommelte, sinnierte ich über die wunderschöne Zeit, in der ich noch studierte. Insgesamt habe ich für alles nur 10 Jahre gebraucht. Letztendlich hat es mir nichts gebracht. Als Psychologe habe ich mich als gänzlich untauglich erwiesen; ich wurde nach spätestens einem Jahr immer gefeuert. Angeblich lag es an meiner herablassenden und exzentrischen Art. Als Dolmetscher wollte man mich nicht einstellen – ich sei überqualifiziert gewesen. Und na ja, über den Doktor in Kunstgeschichte muss man nicht sprechen. Den hatte ich ja sowieso nur aus Leidenschaft gemacht.

»Entschuldigen Sie«, unterbrach mich eine rundliche Frau mit Pelzkragen in meinen Gedankensträngen. Ihr Parfüm stach förmlich in meiner Nase und verätzte alles, was ich einmal zum riechen verwendet hatte. »Ist diese Kasse offen?«

»Würde ich sonst hinter dem Tresen stehen?«, fragte ich süffisant nach und bemühte mich um ein Lächeln. Mein Chef, der gerade eine Kundin nicht weit von mir entfernt beriet, schnappte das kurze Gespräch auf und warf mir einen vernichtenden Blick zu. Den bekam er sofort zurück.

»Ah, ja, nun«, stotterte die Pelzdame und hielt mir einen Arm voller Kleidung hin. »Das hier würde ich gerne zahlen.«

»Sehr gerne«, presste ich höflich aus meinen knirschenden Zähnen heraus, als ich die teuren Klamotten von ihrem Arm zog. Langsam begann ich die Etiketten zu scannen, während sie in ihrer Louis Vuitton Handtasche nach ihrem passenden Portemonnaie kramte. Sie war jung, blond und gemacht. Etwas zu viel Stereotype auf einmal für meinen Geschmack, aber ansehnlich.

Während ich ihre Geduld auf die Probe stellte, sah ich mich im Augenwinkel im Geschäft um. Wir waren ein zweistöckiges Luxuskaufhaus in einer Mall. Alles war weihnachtlich geschmückt, der Einzelhandel boomte förmlich und die Passanten liefen ausgelassen am Schaufenster vorbei. Noch, dachte ich. Kurz vor Weihnachten würden dann die Hamster-, Frust- und Last-Minute-Einkäufe stattfinden.

»Oh bitte passen Sie hier auf«, unterbrach mich erneut die Dame in meinen Gedanken und zupfte mir eine Bluse aus den Fingern. »Das ist Seide, können Sie das bitte separat einpacken? Ich habe Angst, dass das Seidenpapier, das Sie verwenden, abfärben könnte.«

Ich hobelte meine Zähne übereinander. »Also kein Seidenpapier, die Dame?«

»Bei den anderen Teilen schon. Es ist etwas feucht draußen.«

»Mhm«, brummte ich nickend, während ich an die Feuchte von draußen dachte.

Mein Chef sprach mit meiner einzigen Kollegin auf der Etage und warf mir immer wieder kontrollierende Blicke zu. Er traute mir nicht. Das war vielleicht auch gut so.

Ich packte alles vorsichtig ein, als die Dame erneut mit ihren gemachten Fingernägeln vor meinen Augen herumfuchtelte. »Bitte seien Sie doch vorsichtig, Sie zerdrücken das Kleid ja völlig!«

Mit einem lauten Seufzer ließ ich sie die Tasche vom Tresen ziehen und es selber ordnen. Ich tippte gelangweilt auf der Kasse rum und nannte ihr den vierstelligen Betrag. Sie reichte mir ihre Kreditkarte und begann auf ihrem Handy herum zu tippen. Hinter ihr bildete sich bereits eine kleine Schlange.

Meine Kollegin sprang dann neben mir ein und bediente schon einmal den nächsten Kunden.

Als die Pelzdame endlich ihre Sachen nahm und ich aufatmen wollte, drehte sie sich noch einmal um. »Wissen Sie zufällig, wo diese Weihnachtsaktion sein soll?«

Ich blinzelte einige Male. »Weihnachtsaktion… von wem?«

»Vom Center! Überall steht, dass es eine Aktion geben soll. Für Kinder hauptsächlich. Mit einem Weihnachtsmann.«

»Oh, die finden Sie im Erdgeschoss, gleich beim großen Weihnachtsmarkt neben dem großen Weihnachtsbaum«, griff meine Kollegin mit einer milden Form von Sarkasmus ein und deutete aus dem Schaufenster. Von ihrem Platz aus konnte man wohl mehr sehen, als von meinem. Ich sah nur einige Buden, mehr nicht. Und von einer infantilen Weihnachtsaktion hörte ich auch zum ersten Mal. Das sei allerdings dem Umstand geschuldet, dass ich sowieso selten irgendwem zuhöre, der nicht unbedingt etwas von mir möchte.

Die Kundin bedankte sich breit grinsend und verließ den Laden. Etwas genervt kümmerten wir uns dann noch um die restlichen Kunden, bis es langsam wieder etwas ruhiger wurde. Mittagszeit brach an – der Food Court würde nun aus allen Nähten platzen. Gut, dass ich mich hauptsächlich von Kaffee und gutem Wein ernährte.

»Wieder mal einen guten Tag heute, Kyle?«, sprach mich meine Kollegin an. Dabei zwirbelte sie ihr langes, glattes schwarzes Haar um den Finger.

»Ich habe nur gute Tage, Cindy«, antwortete ich monoton und starrte in den Laden. Überall hingen Luxusartikel, mehr oder minder hässlicher Natur. Schade, dass wir keine Herrenartikel führten – da hätte ich wenigstens etwas aus diesem miesen Job herausschlagen können.

»Wieso bist du überhaupt hier, wenn du es nicht magst? Du hast doch noch einen Zweitjob, oder? Mach doch den als Vollzeitbeschäftigung«, hakte meine liebe Kollegin nach und lehnte gegen ihre Kasse.

»Das geht leider nicht«, lächelte ich vorsichtig und nahm Augenkontakt auf. »Mein Zweitjob wirft nicht so viel ab, dass ich genug im Monat habe, um mein Rattenloch zu finanzieren.«

Da lachte Cindy laut auf und verdrehte die Augen. »Ich weiß aus sicherer Quelle, dass du in keinem Rattenloch wohnst.«

»Oh«, sagte ich gespielt überrascht und hob beide Augenbrauen, »wer ist diese Quelle? Wenn du sagst vertraulich, scheint dieser jemand in unserer näheren Umgebung zu sein. Etwa unser Chef?«

Cindy konnte sich kaum beruhigen. Mein trockener Witz schien sie unfassbar umgehauen zu haben. »Kyle, ich war letzten Monat bei dir zu Hause – in deiner noblen Luxuswohnung! Wir haben Wein getrunken?«

»Ah, ich erinnere mich«, murmelte ich gespielt nachdenklich und kratzte mich am Kinn.

»Tja«, zuckte sie mit den Schultern und ging wieder auf die Fläche. »So einen luxuriösen Lebensstil muss man sich erst mal leisten können. Ich bin froh, wenn ich mir Ende des Monats endlich die Handtasche kaufen kann.«

»Etwa die, die bei unserer Konkurrenz gleich nebenan steht?«

Sie zwinkerte mir zu. »Vielleicht?«

Damit ging sie zu einer Kundin, die mit Kind auf dem Arm durch die Gänge ging, um sie zu beraten. Mein Chef kam derweil zu mir.

»Mr. Lewis«, begann er mit seiner krächzenden Stimme, als würde er seit Wochen eine selbstverschriebene Zigaretten-Whiskey Diät durchziehen, »Flirten Sie wieder mit Mrs. Clark?«

»Würde mir nicht im Traum einfallen«, antwortete ich wahrheitsgetreu und zuckte mit den Mundwinkeln. Gelangweilt sah ich erneut durch das Schaufenster, während mein Chef sich neben mich stellte.

»Bitte seien Sie etwas freundlicher zu unseren Kunden. Sie werden immer gleich so… patzig.«

Da widersprach ich mit einem dramatischen Augenaufschlag. »Ich weise meistens nur auf das Offensichtliche hin, welches die Damenwelt oft so eloquent hinterfragt.«

Er runzelte bei meiner Wortwahl die Stirn. Ich konnte ihm ansehen, dass er in den tiefen seines Gehirns nach der Definition von ‚eloquent‘ suchte. Und sie offensichtlich nicht fand, da er das Gesprächsthema sofort fallen ließ. »Wie auch immer. Bleiben Sie einfach freundlich. Sonst muss ich Sie erneut in eine Schulung schicken.«

»Oh, vielen Dank, ich verzichte. Die Häppchen waren furchtbar«, murmelte ich vor mich hin, während ich leise Luft aus den Nasenlöchern entließ. Die Schicht würde nur noch bis 20 Uhr gehen. Nur noch mehrere Stunden Qual.

»Mr. Lewis«, mahnte mich mein Chef erneut mit seiner kratzenden Stimme und richtete dabei seine schlecht sitzende Krawatte. Wie er es auf den Posten geschafft hatte, war mir schleierhaft. Vermutlich war es sein rauchiger Charme, der ihn bei älteren Damen attraktiv wirken ließ. Oder einfach sein Alter – er schien dem Unternehmen seit mehr als 40 Jahren recht treu zu sein. »Das Center hat uns außerdem darauf angewiesen, die Kunden auf den Weihnachtsmarkt im Erdgeschoss aufmerksam zu machen. Wenn es also passt, bringen Sie es an.«

»Es passt nie«, verdrehte ich die Augen. »Niemand möchte auf den Weihnachtsmarkt. Es ist nicht mal wirklich ein Markt, es sind einfach nur lieblos aufgestellte Buden und ein auf Hälfte geschmückter Weihnachtsbaum, weil infantile Menschen sonst die Geschenke und die Dekoration von den Ästen klauen würden.« Als würde es nichts besseres im Leben geben mit Styropor ausgefüllte Geschenke in absolut hässlich glänzendem Geschenkpapier von einem großen Weihnachtsbaum zu klauen.

Mein Chef presste seine Lippen zusammen. »Ich erkenne erneut Ihre Abneigung zum Fest der Liebe, aber ich bitte Sie trotzdem inständig um eine Sache: Machen Sie auf den Weihnachtsmarkt aufmerksam. Mehr nicht.«

»Ich sollte doch auch freundlich sein, oder nicht? Das sind schon zwei Sachen.«

Das ließ ihn laut seufzen und langsam wieder seiner Wege gehen. »Machen Sie es einfach.«

Gott, wie ich diesen Job hasste.

 

Aber es war der einzige, den ich flexibel genug ausführen konnte, um den Schein eines normalen, mitten im Leben stehenden Mannes zu wahren. Zwar deuteten meine Kollegen und mein Chef mehrmals darauf hin, dass ich absolut überqualifiziert für den Job eines einfachen Kassierers sei (und mit Verlaub ihn auch noch furchtbar ausführte), dennoch fühlte ich mich ganz wohl, den Kopf für ein paar Stunden ausschalten zu können. Die Arbeit konnte hart sein, besonders vor Feiertagen oder generell am Wochenende, aber sie war nicht anspruchsvoll.

Das war sie in meinem anderen Job.

 

»Heute mal wieder ein guter Tag, Kyle?«, lachte mein Kollege zwinkernd, als er mich in meiner Arbeitskleidung im großen Besprechungsraum sitzen sah. »Kommst selten direkt von deinem anderen Job hierher. Ist das nicht etwas auffällig?«

Seine langen dunkelblonden Haare im Pferdeschwanz wackelten zu jedem imposanten Schritt, den er auf mich zukam. In der Hand hielt er einige Akten; sah nach einem neuen Fall aus.

»Wieso? Glaubst du, mir folgt jemand, weil ich so ein schickes Baumwollpolohemd mit der Aufschrift unseres Ladens trage?«, fragte ich sarkastisch, während ich meinen Kaffee trank. Der Tag war lang und anstrengend gewesen. Kunden, Chef, Weihnachtsmarkt. Alle machten für die restlichen Stunden nervige Geräusche.

»Ich sag ja nur«, zirpte Ethan, während er sich neben mich setzte und die Akte vor mir aufschlug. Er schälte sich aus seiner schwarzen Funktionsjacke und legte den Pistolengürtel ab, in dem seine geladene Waffe lag. Vermutlich wollte er mir nur wieder beweisen, dass er regelmäßig trainieren ging. Seine Muskeln waren in der Tat recht beeindruckend. Doch das würde ich ihm nie sagen. Sein Ego war bereits groß genug, das musste ich nicht noch streicheln und dabei mit Nonsens füttern.

»Neuer Fall? Kommt Freya nicht?«, fragte ich nach unserer Vorgesetzten, als Ethan den Inhalt der Akte vor mir aufschlug.

»Ist noch in einer Besprechung. Ich soll dich schon mal instruieren. Geht um eine vermisste Person«, erklärte er und zeigte mir ein Foto einer jungen Frau. »Beziehungsweise… wir wissen, wo sie sich aufhält. Aber sie reist immer von Ort zu Ort, bleibt nie wirklich stehen und scheint vor etwas zu fliehen. Sie hat uns angewiesen, herauszufinden, wer hinter ihr her ist.«

»Warum geht sie damit nicht zur Polizei, sondern kommt zum MI6?«

»Freya hat den Fall von der Polizei übernommen. Sie glaubt, es steckt mehr dahinter. Besonders wegen ihrer Herkunft« Ethan runzelte die Stirn und lehnte sich angespannt im Stuhl zurück, während er mir tief in die Augen sah. »Sie will, dass du den Fall übernimmst und schaust, was Sache ist. Du bist immerhin ihr bester Mann.«

Ich schloss für einen Moment meine Augen. Langsam verschränkte ich meine Arme und lehnte mich ebenfalls im gemütliche Seminarstuhl zurück. »Ich soll das alleine durchziehen?«

Ethan lachte. »Natürlich nicht ganz alleine. Ich bin im Hintergrund und recherchiere, was geht. Du kriegst dann alles von mir. Hey«, begann er mir auf die Schulter zu hauen, »Ich bin doch dein Informant! War ich doch immer!«

Langsam öffnete ich meine Augen und sah in die Aufgeregten meines Kollegen. Ich liebte den Job im Geheimdienst. Er ermöglichte mir viele Dinge, die ich sonst nicht tun könnte. Zum Beispiel meine Fähigkeiten umfassend einsetzen. Bis auf das kunstgeschichtliche, was mir bisher nur einen Fall im Museum erleichtert hatte, konnte ich überall punkten. Der Job im Luxusgeschäft bei Cindy war nur ein Cover. Wir lebten hier in der größten Sicherheitsstufe. Niemand durfte wirklich wissen, wer wir waren, was wir taten, wo wir es taten und wie wir es taten. Nach meinen vielen Abschlüssen, die ich gleichzeitig absolvierte, wurde ich quasi von meiner Chefin – Freya Hill – abgeworben. Sie hielt mich fest, erklärte mir kurz, worum es ging und versicherte mir, dass ich ein gutes Gehalt bekommen würde, solange ich bereit wäre mein Privatleben gänzlich aufzugeben und bereit wäre, über meine eigenen Grenzen zu gehen. Körperlich als auch psychisch. Ich hatte 24 Stunden, um mir das Angebot zu überlegen. Ich entschied mich in einer.

»Okay. Rede mit mir, worum geht’s?«, forderte ich nach einigen Sekunden Stille Ethan auf, mich einzuweisen.

»Irina Iwanowna, geboren in Moskau, kam als kleines Mädchen nach England, nachdem ihre Eltern hier einen Job gefunden hatten. Die Mutter war Bäckerin, der Vater Konditor, gemeinsam eröffneten sie ein Geschäft.«

»Ziemlich schlank für so viel Gebäck im Leben«, stellte ich fest und begutachtete das Bild der rothaarigen jungen Frau. Sie war in der Tat recht schlank, Sommersprossen deuteten darauf hin, dass das Bild im Sommer geschossen wurde. Sie lächelt sehr stark, vermutlich war der Fotograf eine Person, die sie kannte und mochte. »Hat sie Geschwister?«, fragte ich nach.

»Nein, Einzelkind. Die Eltern trennte sich nach zwei Jahren Aufenthalt hier in England. Die Mutter blieb, der Vater kehrte zurück nach Russland. Die kleine Irina blieb ebenfalls hier.«

Ich legte das Bild zurück zu den anderen Unterlagen. »Und jetzt vermutet sie, wird sie verfolgt?«

»Der Vater scheint in etwas verwickelt worden zu sein. Genaueres wissen wir nicht. Zumindest glaubt man, Irina könnte der Schlüssel zu etwas sein.«

»Man will sie also kidnappen und als Druckmittel verwenden?«, hakte ich nach und musterte Ethans Gesicht, während er einen zusammen getackerten Stapel Papier durchging.

»Es ist zu vermuten. Sie fühlt sich bedroht, hat deswegen die Polizei alarmiert. Letztendlich wurde der Fall nun uns übertragen, da man russische Aktivitäten vermutet.«

»Klingt … haarig.«

Ethan lächelte aufmunternd und klopfte mir erneut auf die Schulter. »Du schaffst das, Kyle. Bist doch unser bester Mann.«

»Das bin ich definitiv nicht«, korrigierte ich ihn und entzog ihm meine Schulter. »Ich bin nicht sehr gut im Nahkampf und getötet habe ich bisher auch nur, wenn es wirklich nötig war.«

»Was ja auch gut so ist«, grinste Ethan, wissend, dass er des Öfteren Ärger bekommen hatte, weil er zu viele Subjekte aus dem Weg geräumt hatte. »Deswegen bist du jetzt unser Mann. Die Daten, wo sie sich zurzeit aufhält, findest du in der Akte. Geh in Ruhe alles durch. Kannst ja nachher schon mal die Lage auschecken.«

Ich nickte seufzend, trank den Rest meines bereits kalten Kaffes aus und setzte mich an die Unterlagen. Das meiste davon waren unnütze Informationen, die rein der Beschreibung galten. Was interessierte es mich, wann die gute Dame ihren ersten Hund hatte? Viel eher wäre es von Wert gewesen, hätte man recherchiert, wo sie zur Schule gegangen ist, wer ihre Freunde waren, weitere Verwandtschaft, Hobbies, Exfreunde oder sogar gescheiterte Ehen. Sie war bereits Ende 20, da konnte bereits alles passiert sein.

 

Im späteren Verlauf des Abends setzte ich mich ins Auto und fuhr die kalt nassen Straßen Londons entlang. Der Wind pfiff unangenehm, sodass ich die Lage vom Inneren des Autos inspizierte. Die Sitzheizung war einfach zu schön.

Das Haus, in dem sie sich zurzeit befand, war sehr alt. Ungewöhnlich heruntergekommen. Vermutlich diente es tatsächlich der Ablenkung. Niemand würde sie hier vermuten. Dass wir den Standort von ihr bekommen hatten, zeigte ein enormes Maß an Vertrauen, wenn sie wirklich so paranoid sein sollte, dass die Russen hinter ihr her waren.

Als nach mehreren Minuten nichts passierte, entschied ich mich doch auszusteigen und die Gegend etwas besser zu untersuchen. Mir wurde es verboten, Kontakt mit ihr aufzunehmen. Vermutlich aus Sicherheitsgründen. Niemand würde einen Mitte Dreißigjährigen an ihrer Seite ‚einfach so‘ dulden, sollte man sie wirklich beobachten. Eine romantische Beziehung wäre da viel zu nahe liegend und meine Tarnung würde früher oder später auffliegen.

Ich ließ das Auto in einer Seitenstraße stehen und betrat die leere Straße. Mit dem Handy in der Hand, schlenderte ich durch die Häuser und warf hier und da einen neugierigen Blick rein. Zwischendurch tippte ich auf meinem Handy, tat so, als würde ich nach dem Weg suchen. Schließlich blieb ich stehen und begutachtete einen Hinterhof mit Mülltonnen. Alle schien soweit normal zu sein. Keine Auffälligkeiten. Eine normale Nachbarschaft, zwar etwas heruntergekommen und auf keinem sehr hohen Niveau, dennoch sehr ruhig. Keine Drogendealer, keine schummrigen Figuren, die hier nachts ihr Unwesen trieben. Mrs. Iwanowna hatte ein gutes Gespür für Verstecke. Vielleicht hatte sie auch Hilfe. So schnell bekam man in London keine neuen Wohnungen. Eventuell wohnte sie auch bei einer Freundin? Einer Bekannten? Einem Freund?

Ich notierte im Handy, dass ich Ethan nach Beziehungen ausquetschen sollte. Es war nötig, dass ich Mrs. Iwanownas Umfeld kannte.

Als ich nach mehreren Minuten zurück zum Auto ging, bemerkte ich eine dunkle Gestalt an der Ecke des Wohnblocks rauchen. Ein großer Mann, vermutlich mein Alter, doch man erkannte sein Gesicht kaum. Die Straßenlaterne ließ ihn älter wirken, als er vermutlich war. Die Zigarette glimm auf, als er an ihr zog. Der kalte Rauch wurde sofort ausgeatmet. Keine langen Züge. Entweder ihm war kalt und er wollte schnell wieder rein oder er tat nur so, als würde er rauchen und war eigentlich gar kein Raucher. Zweiteres würde mir dubios vorkommen.

Der Mann lehnte an der Hauswand und hielt eine Hand in der Manteltasche, während er mit der anderen die Zigarette hielt. Der Mantel war mit Fell an der Kapuze und sah sehr dick aus. Er hätte alles darunter haben können. Meine eigene Waffe rieb an meinen Rippen, während ich ging, und gab mir ein Gefühl der Sicherheit. Doch als ich an meinem Auto ankam, mich noch ein letztes Mal umsah und den Mann dabei begutachtete, schnippte der seine Zigarette aus und ging um die Ecke, sodass er aus meinem Sichtfeld verschwand.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl stieg ich ein und startete den Motor.

 

Entweder ein Mann aus der Nachbarschaft, der zum Rauchen rausging, oder einer der Leute, vor denen sich Mrs. Iwanowna fürchtete.

2 - Spion

Die nächste Schicht in meinem Nebenjob stand an und ich zählte lustlos die Kasse. Meine Gedanken schweiften um Mrs. Iwanowna und ihrer paranoiden Wahnvorstellung verfolgt zu werden. Mit den Russen sollte man nicht spaßen, aber sie war doch eine von ihnen. Wieso klärte sie das auf einmal auf britischem Boden? Etwas an der Sache verunsicherte mich.

»Hi Kyle«, begrüßte mich Cindy und zwinkerte mir zu. »Hast du heute Abend schon was vor?«

Ich bemühte mich um ein freundliches Lächeln, während ich weiterhin den Blick auf dem Geld in der Kasse hatte. »Ja, leider. Tut mir leid.«

»Ein anderes Date?«, hakte sie nach und lehnte sich über den Tresen. In ihrer Hand hatte sie einige Reservierungen von Kleidungsstücken für den Tag in der Hand, die sie noch in den Schrank hinter mir einräumen musste. »Du kannst ehrlich sein.«

»Cindy, ich würde immer ehrlich zu dir sein«, versicherte ich ihr und erwiderte ihr vorheriges Zwinkern. Das ließ sie aufkichern.

»Du sagst es mir also nicht«, schlussfolgerte sie und verdrehte spielerisch die Augen. »Dann viel Spaß heute Abend bei deinem Date. Aber vielleicht hast du ja Lust mit mir einen Glühwein im Erdgeschoss trinken zu gehen?«

Ich schloss die Kasse und spitzte amüsiert die Lippen. »Mit Alkohol oder ohne?«

»Mit natürlich«, lachte sie und ging mit großen Schritten hinter mich, um die Reservierungen einzuräumen. »Chefchen muss ja nichts wissen.«

»Chefchen wird es aber herausfinden, wenn auf einmal beide Angestellten nicht mehr im Laden sind. Du weißt, dass wir nicht zusammen Mittag machen dürfen.«

Doch Cindy knallte nur belustigt die Tür zum Schrank zu und lehnte sich zu mir, als sie mir leise ins Ohr flüsterte: »Ich werde Jack von unten fragen, ob er nachher hochkommt. Dafür gehe ich dann runter, wenn er mit Claire Mittag macht.«

»Oh«, gab ich gespielt überrascht von mir und nickte. »Faszinierend, wie gut sich hier alle absprechen.«

»Ich nehme das als ein Ja. Bis später dann, Kyle!«

Damit verschwand Cindy aus meinem Blickfeld und ging ihrer Arbeit nach. Ich räumte noch Kleinigkeiten von der Kasse und wartete, dass der Ansturm losging. Eigentlich hatte ich kein Interesse an Glühwein. Diese billige Plörre war eine ärmliche Entschuldigung für richtigen Wein. Aber Cindy war eine nette Kollegin und ich mochte sie. Auch wenn das nie etwas Romantisches werden würde. Sie war nicht mein Typ, auch wenn sie mein Alter teilte und auch sonst recht ansehnlich war. Aber mit meinen zwei Jobs war es sowieso schwierig ein Privatleben zu führen – wo sollte da noch eine Beziehung hin? Ohne Night Stands waren in Ordnung, solange niemand in meinen Habseligkeiten schnüffelte.

 

Der Vormittag ging recht schnell vorbei. Die Kunden kamen und gingen. Ich bekam das Meiste nur in einem tranceartigen Zustand mit, um mich selbst zu schützen. Schließlich kam Cindy auf mich zu und deutete mir mit einem Kopfnicken an, dass Jack gleich hochkommen würde, damit wir verschwinden könnten. Na gut, dachte ich, sei es drum. Wird schon gut gehen.

 

Wir beide fuhren in voller Montur unserer Arbeitskleidung mit der Rolltreppe ins Erdgeschoss, wo sich extrem viele Menschen sammelten. Kinder lachten laut, Mütter quatschten laut und alle anderen waren auch ziemlich laut. Die weihnachtliche Musik und das zwischenzeitliche ‚Ho-Ho-Ho‘, welches durch die Lautsprecher ertönte, machte mich zunehmend gereizt. Cindy sprühte dagegen vor Leben und sprintete förmlich zum Glühweinstand, wo sich alle drum herumtummelten, als wäre es der Schlussverkauf. Hier kamen die kleinen Alkoholiker zum Vorschein, die bereits mittags ihre tägliche Portion einnahmen. Meine Kollegin und ich sollten uns für den heutigen Tag ebenfalls einfügen. Sie kam freudestrahlend mit zwei Tassen auf mich zu.

»Hier, die Runde geht auf mich. War ja auch meine Idee«, begann sie und stieß mit mir an. Ich nickte nackend, sagte aber sonst nichts, sondern trank den ersten Schluck der süßen Brühe.

Cindy begann etwas zu erzählen, ich hörte nicht ganz so genau hin. Viel eher interessierte ich mich für die lange Schlange an Kindern und Jugendlichen, die ungeduldig am Weihnachtsbaum anstanden. Zuerst vermutete ich, dass es vielleicht gratis Styroporgeschenke gab, um den Kindern die kriminelle Energie gleich vorweg zu nehmen, doch dann sah ich die ebenfalls aufgeregten Mütter daneben stehen. Sie tuschelten angeregt und sahen immer mal wieder zu einem großen Stuhl, auf dem ein Mann saß.

Der Weihnachtsmann.

Herrgott, wie süß, dachte ich und schmunzelte vor mich hin, während ich noch einen Schluck warmen Weins nahm. Das Center bemühte sich wirklich sehr.

Cindy bemerkte meinen Blick. »Schaust du auch zum Weihnachtsmann?«, lachte sie und biss sich spielerisch auf die Lippe. Diese Gestik ließ mich die Augenbrauen zusammen ziehen.

»Du wirkst gerade sehr erregt. Bitte erzähl mir nicht, dass du einen Fetisch für Weihnachtsmänner hast«, murmelte ich leise, damit die umherstehenden Personen nichts von unserem heiklen Gesprächsthema mitkriegen, sollte sich meine grauenhafte Vermutung bestätigen.

»Quatsch«, schüttelte sie sofort den Kopf, deutete dennoch zum großen Stuhl vor dem Tannenbaum. »Aber sieh‘ ihn dir doch mal an. Genauer meine ich. Darunter steckt kein alter Sack. Der Typ ist recht jung und gut gebaut. Das erkennt man sofort.«

»Tut man das?«, hakte ich nach und reckte meinen Hals, um den Mann genauer zu betrachten. In der Tat schien er kein alter Mann zu sein. Der weiße Bart und die weißen Haare waren nicht echt, sondern nur gut angeklebt und Teil einer Verkleidung. Der dicke Bauch fehlte komplett. Doch das fiel gar nicht so auf, da ständig irgendein Kind auf seinem Schoß saß, während die jungen Mütter Fotos machten. Die breiten Arme und Schultern suggerierten tatsächlich eine starke Muskulatur. Die Augenringe hingegen schlaflose Nächte.

»Interessant, nicht?«, neckte mich Cindy und stupste mich liebevoll mit dem Ellbogen gegen die Rippen.

»Vermutlich«, nuschelte ich, während ich weiterhin die halbwegs nervösen Mamis begutachtete, die sich vermutlich nur deswegen anstellten, um dem Weihnachtsmann nah sein zu dürfen.

»Willst du dich auch mal anstellen? Vielleicht kriegen wir ja was«, kicherte Cindy und trank ihren Glühwein aus.

»Nein, danke, aber ich begleite dich gerne, wenn du dir etwas wünschen möchtest, während du auf diesem Schoß sitzt, als wärst du noch einmal 10.«

Sie schüttelte den Kopf und deutete mir mit der Hand an, ich sollte meinen Glühwein schneller austrinken, damit sie die Tassen zurückbringen konnte. »Wir stellen uns an. Ich bin neugierig und ich sehe, dass du es auch bist.«

Ohne eine Antwort von mir abzuwarten, griff sie nach meiner leeren Tasse, ging zum Stand und zog mich sofort zur Schlange mit den Kindern und Eltern. Tatsächlich waren auch einige Erwachsene dabei, die sich mit ihm ablichten ließen. Keiner davon setzte sich jedoch auf seinen Schoß. Das wäre ja auch zu albern gewesen.

Cindy wackelte die ganze Wartezeit hinüber mit ihrem Bein und erzählte mir von vorherigen Weihnachten, wo das Center noch keinen Weihnachtsmann hatte. Dieses Jahr wollten sie etwas Neues ausprobieren und haben deswegen für ein paar Stunden am Tag eine Hilfskraft engagiert, um Kindern zu erzählen, was sie alles nicht zu Weihnachten kriegen würden. Denn wenn man ehrlich war: Der Weihnachtsmann hatte nicht mal eben eine Playstation oder Xbox unter seinem Rock versteckt. Eher ein Buch oder was zum Essen. Für die heutige Jugend undenkbare Geschenke.

Als wir näherkamen und tatsächlich nur noch zwei junge Damen vor uns waren, die kichernd auf den Schoß des Mannes hüpften, stupste mich Cindy erneut an. »Du zuerst.«

»Nein, danke«, verneinte ich erneut und steckte meine Hände in die Hosentaschen. »Ich mache gerne ein Foto von dir und ihm.«

»Ach komm schon«, lachte sie und biss sich erneut auf die Unterlippe, als würde sie der Gedanke, dass ich auf dem Schoß von Santa sitze, enorm anmachen. »Ist doch lustig! Einmal, für mich, okay? Ich mach auch kein Foto. Nur so!«

»Damit ich Gesprächsstoff für die nächsten Jahre liefere?«

Meine Stirn kräuselte sich bei dem Gedanken, dass Cindy mir keine Wahl lassen und ich vermutlich meine Würde zumindest ein Stück behalten würde, wenn ich aus freien Stücken zu ihm ginge. Als die beiden kichernden Damen vom Schoß des Mannes sprangen und ihm noch fröhlich zuwinkten, wibbelte Cindy vor sich hin.

»Geh«, sagte ich zu ihr. »Du brauchst es anscheinend dringender als ich.«

Sie negierte zuerst, doch als ich ihr einen liebevollen Stoß gab, stolperte sie nach vorne und ging auf den Weihnachtsmann zu. Der lächelte liebevoll, so wie er es die ganze Zeit schon getan hatte, und nahm sie an die Hand. Cindy war nicht sehr groß, vielleicht 160-165 cm. Doch im Vergleich zum Weihnachtsmann wirkte sie noch sehr viel kleiner. Die breiten Schultern, die großen Hände, die starken Arme – alles Indikatoren für einen trainierten Mann. Wieso machte er diesen Job? Wieso arbeitete er nicht bei Abercrombie & Fitch oder Hollister? Jedenfalls dort, wo man seinem Körper noch mehr Aufmerksamkeit schenken würde. Aber vielleicht mochte der Mann keine Konkurrenz. Oder er war einfach kinderlieb. Dem Alter nach zu urteilen hatte er vielleicht selber kleine Bälger zu Hause.

Cindy unterhielt sich mit ihm, während sie wie ein kleines Kind auf seinem Schoß saß. Ich zückte vorsichtig mein Handy und machte ein Foto. Dann noch eins – nur zur Sicherheit. Sie lächelte glücklich vor sich hin und gab ihm sogar einen Kuss auf die Wange, als sie wieder aufstand und mich herbeiwinkte.

Ich schüttelte den Kopf, doch sie insistierte durch schwankende Bewegungen ihrer Statue und aggressives Wedeln ihrer Hand. Letztendlich bat mich eine Mutter hinter mir, mich durchzuringen und zu gehen. Wenn Fremde sich schon in meine Entscheidungsfreiheit einmischten, war es sowieso schon zu spät.

Also ging ich mit erhobenen Schultern und dem Rest meiner Würde auf den Mann im großen Sessel zu. Cindy kicherte, klapste mir einmal auf den Rücken und ging hopsend davon. Ich blieb wie eine Salzsäule stehen, behielt die Hände in den Hosentaschen und presste die Lippen aufeinander. Erst, als ich eine offene Handfläche in meinem Augenwinkel sah, blickte ich nach unten. Der Mann hielt mir seine große Hand hin und lächelte warm.

Als ich nicht sofort reagierte, kicherte er dunkel auf. »Ihre Freundin bestand darauf«, ließ er mich wissen, dass das kuschelige und intime Gespräch zwischen den beiden also um mich ging. Seine Stimme war dunkel, aber angenehm. Ein starker Akzent war herauszuhören. Ich war mir jedoch nicht sicher, woher. Etwas Slawisches. Vermutlich war der Mann kein gebürtiger Brite. Oder er hatte Schwierigkeiten mit zwei Sprachen aufzuwachsen.

»Sie bestand also darauf«, wiederholte nervös ich seine Worte und sah noch einmal zu meiner Kollegin. Sie grinste breit und nickte auffordernd. »Na, schön«, brummte ich und nahm schließlich die Hände aus den Hosentaschen, um sie nervös an meiner schwarzen Hose abzuwischen. Sie waren feucht geworden. Von einem Geheimagenten müsste man eigentlich besseres erwarten, aber Nahkampf war nun mal absolut nicht meine Stärke.

»Kommen Sie«, sagte er sanft und nahm meine Hand. Der erste Gedanke von mir bestand aus purer Panik, dass er den Schweiß spüren würde. Der nächste war pure Verzweiflung, als er mich sofort auf seinen Schoß zerrte.

Da saß ich nun. Auf dem Schoß eines Mannes, der als Weihnachtsmann verkleidet war inmitten eines Shopping-Centers, in dem ich arbeitete. Sein Blick ging auf das schwarze Poloshirt, was ich trug, und beäugelte mein Namensschild.

»Sie arbeiten hier«, stellte er mit gedämpfter Stimme fest. Die laute Musik, die vielen Menschen und die schreienden Kinder rückten auf einmal in den Hintergrund. »Darf ich fragen wo?«

Sein Akzent hatte Charme, das musste ich gestehen. Ich lächelte etwas beklemmt, während ich an meinen Nägeln knibbelte. Ich wusste einfach nicht, wohin mit meinen Händen. »Ein Stockwerk höher. Da, sehen Sie es?«, ich nickte hoch zu unserem Schaufenster.

Santa nickte und lächelte warm auf, als er zum Laden hochsah. »Ein schöner Laden. Nur leider bieten Sie nur Frauenbekleidung an.«

Ich sah auf meine Füße, die zwischen seinen Beinen fest zusammengepresst standen. Ich genierte mich enorm. Als seine große Hand sich auf meinen unteren Rücken legte, dachte ich für einen kurzen Moment daran, einfach panisch aufzustehen und schreiend wegzulaufen. Cindy stand noch immer etwas abseits und beobachtete uns mit einem breiten Grinsen. Es war, als wäre die Zeit stehen geblieben und dieser peinliche Moment, wo mir die Schweißtropfen bereits in den Nacken rollten, ewig dauern würde.

»Ja, leider«, stimmte ich nach einer langen Pause zu.

»Ist das dann also ihre Kollegin gewesen?«, fragte er ruhig und lehnte sich etwas zu mir vor, damit ich ihn trotz der Hintergrundgeräusche verstehen konnte.

Ich nickte zustimmend. Mein Blick wanderte in seine braunen Augen. Sie waren fast bernsteinfarben und passten gut zu seinen dunklen Augenbrauen und Wimpern. »Machen Sie den Job hier, um Kinder zu beglücken oder weil sie das Geld brauchen?«

Meine direkte und vielleicht auch etwas unhöfliche Frage traf ihn unerwartet. Seine Augen weiteten sich etwas und das Lächeln verschwand. Die kleinen Fältchen drum herum suggerierten, dass er etwas älter als ich war. Ein Mann seines Alters hätte nur diese zwei Gründe, einen solchen Job zu machen, oder nicht?

Als er nicht sofort antwortete, sondern immer noch überrascht in meine Augen blickte, ruderte ich etwas zurück. »Entschuldigen Sie, wenn die Frage zu direkt war. Ich bin nur neugierig, müssen Sie wissen.«

Da lächelte Santa erneut auf. Er hatte sich wieder gefangen. »Schon in Ordnung«, lachte er leise, »ich bin nicht gewohnt, dass man mir Fragen stellt. Den ganzen Tag stelle nur ich die Fragen ‚Was wünschst du dir?‘ oder ‚Was kann ich für dich tun?‘. Da kam Ihre etwas unerwartet.«

»Sie müssen nicht antworten«, lächelte ich höflich und begann mich tatsächlich zu entspannen. Das Gespräch war freundlich. Sehr angenehm zu führen. Die körperliche Nähe zu einem wildfremden Mann, dessen große Hand auf meinem Rücken wie Heißkleber brannte, machte mich trotzdem noch sehr nervös. Die Unprofessionalität war mir ins Gesicht geschrieben. Doch er schien sie nicht zu bemerken. Ganz im Gegenteil: er schien den Moment regelrecht zu genießen. Er machte keine Anstalten, mich von seinem Schoß zu scheuchen und Platz für ein weiteres undankbares Kind zu machen. Vermutlich war ich eine angenehme Abwechslung gewesen.

»Ich liebe Kinder«, antwortete er leise und nickte zur Schlange, die mit jeder Sekunde länger zu werden schien. »Ist nur für ein paar Stunden am Tag. Die Bezahlung ist nicht sehr gut, aber ich dachte mir, es würde die Kinder freuen.«

Ich mochte es, wie er das R rollte. Mittlerweile war er mir so nah gekommen, dass ich seinen Atem auf meiner Wange spürte. »Das ist eine schöne Einstellung.«

»Mögen Sie Kinder?«

Ich lächelte ertappt. »Nicht wirklich.«

»Sie können anstrengend sein«, gab er zu und lachte erneut dunkel auf. »Aber ansonsten sind sie wahre Schätze.«

Mein unterer Rücken brannte regelrecht vor Hitze. Meine Hände wurden wieder schwitzig. Dieser Mann hatte eine beängstigende und doch beruhigende Aura an sich. Ich erkannte sein Gesicht nicht, das machte es schwierig, ihn einzuschätzen. Statt zu antworten, nickte ich einfach stumm vor mich hin. Er schien zu merken, dass ich gerne aufstehen würde. So gut wie das Gespräch war, so schnell wollte ich es eigentlich hinter mich bringen.

»Vielleicht sehen wir uns ein anderes Mal wieder, Mr. Lewis«, hauchte er mir mit diesem gewissen Unterton in den Nacken. Meine Haare stellten sich ungewollt auf.

Ich entließ zittrig Luft aus meiner Nase und nickte ihm höflich zu. Schließlich stand ich ohne ein Wort zu verlieren auf. Er führte seine Hand noch ein Stück an meinem Rücken mit, bis ich seinen Radius verließ und mit etwas wackeligen Beinen zu Cindy ging. Diese bemerkte meine Nervosität gar nicht, sondern hüpfte wie ein aufgeregtes Teenie Mädchen auf und ab.

»Ist er nicht süß?«, begann sie schrill und hakte sich bei mir ein. Gemeinsam gingen wir durch die Massen zur Rolltreppe. »Ihr habt lange miteinander gesprochen«, bemerkte sie mit erotischer Stimme. »Gefällt er dir?«

»Ich habe wohl ihm gefallen«, stellte ich die für mich peinliche Situation klar und sah streng nach vorne, um mich selbst zu beruhigen. Cindys Gezappel würde mich nur noch nervöser machen. Auf der Rolltreppe begann sie dann von ihm zu schwärmen. Wie toll er aussah (obwohl sie ihn ja gar nicht wirklich ohne Maskierung kannte), wie nett er war und wie toll seine Stimme klang. Sie bemerkte auch seinen Akzent und vermutete polnische oder tschechische Wurzeln. Während sie so vor sich hin plauderte und wir die Etage hoch fuhren, blickte ich mich noch einmal um und sah zu Santa. Der hatte bereits ein weiteres Kind auf dem Schoß, dessen Wünsche er pflichtbewusst zuhörte.

Sein Blick huschte für eine Sekunde zu mir hoch. Er beobachtete mich, wie ich von der Rolltreppe ging und schließlich den Laden betrat, in dem ich arbeitete. Danach verloren sich unsere Blicke.

 

Die Schicht verlief wie jede Schicht. Der Chef hatte kaum etwas bemerkt, da er für den Tag hauptsächlich in seinem kleinen Büro saß und Rechnungen sortierte. Cindy ging sofort in die andere Etage und vertrat Jack, der mit seiner Kollegin vermutlich genau dasselbe tun wollte, was ich mit Cindy getan hatte.

Oder mehr.

Als der Laden geschlossen wurde, erhaschte ich einen Blick ins Erdgeschoss. Santa war bereits weg. Der Stuhl war mit einem Schild versehen, dass der Weihnachtsmann Geschenke verpacken ist und morgen wiederkommt.

»Und du hast jetzt noch dein Date?«, fragte Cindy, als sie sich ihren Mantel anzog.

»Nicht wirklich«, murmelte ich und schlang mir den Schal um den Hals, als würde ich mich selbst damit erhängen wollen. »Ich muss zu meinem anderen Job.«

»Oh«, war dann alles, was sie noch sagte. Letztendlich verabschiedeten wir uns und gingen unserer Wege.

 

Ich verbrachte den Abend erneut im Auto vor Mrs. Iwanownas Haus. Ein anderer Dienstwagen sollte verschleiern, dass ich bereits am Vortag da gewesen war. Man sollte ja nicht sofort etwas vermuten. Ich hatte den morgigen Tag im Laden frei, also wollte ich den für weitere Recherchen nutzen. Letztendlich saß ich dann trotzdem schon mal mit einem Kaffee über den Unterlagen und konzentrierte mich mehr auf die Informationen, die mir Ethan gegeben hatte, als auf die Straße.

Es dauerte jedoch nicht lange, da erhaschte eine Gestalt meine Aufmerksamkeit. Es war wieder der Mann an der Ecke, der rauchte. Sein Kragen war sehr weit hoch gezogen, sodass man noch weniger von seinem Gesicht erkennen konnte, als das letzte Mal. Erneut rauchte er nur kurze Züge. Wenn ihm so kalt war, wieso zog er sich dann nicht dicker an? Vielleicht Faulheit? Oder er kam tatsächlich nicht zum Rauchen raus. Sondern, um zu beobachten. So wie ich.

Ich blinzelte immer mal wieder zu ihm. Die Nacht machte das Auto so dunkel, dass er mich nicht hätte bemerken können. Trotzdem hatte ich das Gefühl, er starrte zu mir. Doch ich konnte nicht erkennen, in welche Richtung er sah. Er hätte auch genauso gut an mir vorbei starren können. Auf ein anderes Haus oder ein anderes Auto.

Einige Minuten vergingen bis im Wohnkomplex von Mrs. Iwanowna das Licht anging. Das Treppenhaus war nun hell erleuchtet. Heraus kam ein dunkel gekleideter Mann. Auch er war mit Schal und hohem Kragen fast unerkenntlich. Nur seine Statue und der großzügige Bart verrieten, dass er männlich war. Er ließ die Tür achtlos hinter sich zufallen und stapfte davon. Der rauchende Mann an der Ecke schnippte seine Zigarette weg und stieß sich von der Wand los. Mit großen, aber langsamen Schritten ging er zum Wohnkomplex und klingelte.

Die Tür öffnete sich tatsächlich. Er betrat das Haus. Die Tür fiel wieder zu.

In dem Mehrfamilienhaus wohnten maximal zehn Parteien. Eine davon war Mrs. Iwanowna. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei sehr ungewöhnlich schaurige Typen im selben Komplex wohnten wie sie, war schon sehr gering. Auch wenn die Gegend nicht die schönste war – so gefährlich war sie nun doch nicht. Die Leute mussten mit Mrs. Iwanowna in Verbindung stehen.

Entweder waren es ihre Peiniger oder ihre Freunde. Wenn es ihre Peiniger waren – wieso griffen sie nicht an? Warteten sie auf etwas? Wenn es ihre Freunde waren – wieso diese Geheimnistuerei? Unsere Männer waren es jedenfalls nicht. Das hätte man mir gesagt.

Als das Licht im Treppenhaus schließlich wieder ausging und nichts weiter passierte, stieg ich langsam aus. Die Neugierde packte mich, einfach mal bei Mrs. Iwanowna zu klingeln. Vielleicht würde sie auch mir einfach so aufmachen. Dann müsste ich mit der guten Frau mal ein ernstes Wort über Sicherheit reden.

Ich richtete meinen Kragen und ging mit ruhigen Schritten den Gehsteig zum Haus entlang. Niemand außer mir war auf der Straße. Kurz bevor ich Mrs. Iwanownas Wohnkomplex erreicht hatte, hörte ich ein Auto ankommen. Es war ein großer, schwarzer Van. Und wann waren große schwarze Vans schon ein gutes Zeichen?

Ich ging einige Schritte zurück, hielt mich bedeckt im Schatten der Laternen und drückte mich an eine Hauswand, in der Hoffnung, man hatte mich nicht gesehen. Der Van hielt mit quietschenden Reifen vor dem Komplex. Der Mann, der das Haus erst vor wenigen Minuten verlassen hatte, stieg aus, öffnete die hintere Tür und wartete, bis das Licht im Treppenhaus wieder anging. Tatsächlich sah man mehr als einen Kopf die Treppe herunterkommen. Schließlich trat der rauchende Mann aus der Tür. Plus einer Frau.

Mrs. Iwanowna.

Sie sah ängstlich aus und hielt den Kopf bedeckt. Ihr Blick war starr auf den Boden vor ihr gerichtet.

Nicht gut, dachte ich. Gar nicht gut. Panik stieg in mir hoch. Ich schrieb Ethan schnell eine SMS, dass ich Verstärkung bräuchte. Ich überlegte, ob es besser war, dem Van zu folgen oder gleich einzugreifen. Zwei vermutlich bewaffnete Männer gegen einen bewaffneten Mann, der aber aus dem Hinterhalt angreifen würde. Mrs. Iwanowna hatte den Van noch nicht ganz erreicht, da bemerkte der Fahrer meine Figur am Straßenrand.

»Hey!«, rief er und deutete seinem Kollegen an, dass ich anwesend war. Er drehte sich sofort wieder zu mir um und nickte mir aggressiv zu. »Кто ты?«

Russen, dachte ich. Das war russisch. Nicht gut, gar nicht gut, waren erneut meine Gedanken, als der Fahrer bedrohlich auf mich zukam. Nahkampf war nicht meine Stärke. Aber wenn ich jetzt den Schwanz einziehen würde, wäre Mrs. Iwanowna vielleicht in ein paar Minuten verloren.

»Keine Bewegung«, schrie ich und zückte meine Waffe. Der Fahrer blieb sofort stehen, griff jedoch auch nach hinten, um an seine Waffe zu kommen. Ich schoss, eher er sie auf mich richten konnte. Der Fahrer ging zu Boden, hielt sich die Schulter. Er war nicht tot, würde es aber bald sein, würde man ihn nicht medizinisch versorgen. Mrs. Iwanowna schrie auf, wurde vom anderen Mann zu Boden geworfen. Man wollte sie also lebend haben.

»Проваливай!«, schrie er und griff schneller nach seiner Waffe, als gedacht. Er schoss auf mich, traf jedoch nicht. Das Adrenalin in meinem Blut ließ mich hinter mein Auto sprinten. Dort suchte ich Deckung. Schnell zählte ich meine verbleibenden Kugeln. Ich hatte erst eine abgefeuert. Blieben noch neun.

Ethan klingelte an, ich spürte die Vibrationen meines Handys in der Jackentasche. Ein sehr ungünstiger Zeitpunkt. Ich war so mit mir selbst, den Kugeln und meinem Handy beschäftigt, dass ich gar nicht die Hand kommen sah, die nach mir packte.

Der stämmige Mann riss mich vom Auto hervor und schleuderte mich auf die Straße. Ich verlor dabei meine Waffe, die über den etwas gefrorenen Asphalt schlidderte.

»Fuck«, presste ich aus meinen Lippen und griff nach meinem Messer, welches ich am Gürtel hatte. Der große Mann richtete zwar die Waffe auf mich, schoss jedoch nicht. Sein Fehler, dachte ich, hievte mich nach vorne und versuchte ihn zu treffen. Doch er wich aus, schoss erneut um sich und traf mich nicht. Ich nutzte die Gelegenheit, um auch ihn zu entwaffnen und seine Pistole gefühlt an das andere Ende der Straße zu werfen.

Es folgte ein ordentlicher Faustkampf, bei dem ich absolut unterlegen war. Der Typ war nicht nur größer, er war auch stärker als ich. Seine Kraft war so enorm, dass ich mir sicher war, er hätte mein Genick mit nur einem Griff brechen können. Mrs. Iwanowna kauerte noch immer hinter dem Van und bewegte sich nicht.

Alles, was ich zwischen der Rangelei und den Schlägen sehen konnte, war das Gesicht des Mannes. Und seine eisblauen Augen, die so hell waren, dass sie selbst im faden Mondlicht strahlten. Doch sie strahlten Feindseligkeit und Kälte aus. Aggressivität. Wut. Und Mord.

Er schlug mich ins Gesicht. So fest, dass ich zu Boden ging und einige Sekunden brauchte, um mich wieder zu fangen. Meine kleine Gehirnerschütterung kostete mich zu viel Zeit. Der Mann packte erneut nach mir und schlug meinen Kopf zu Boden.

 

Danach wurde alles schwarz.

3 - Geisel

Als ich erwachte, lag ich einem kahlen Raum. Weiß und hell. Sehr klinisch. Vermutlich, weil es ein Krankenhauszimmer war.

»Hi Kyle«, begrüßte mich Ethan und winkte mir zu, obwohl er keinen Meter von mir entfernt auf einem klapprigen weißen Stuhl saß. »Wie geht es dir?«

Ich brauchte einige Sekunden, um mich zu orientieren. Es war das Krankenzimmer, in dem ich schon öfter aufgewacht war. Es gehörte dem Geheimdienst. Ich lag auf der Arbeit. »Mein Kopf tut weh«, gab ich zu und versuchte mich etwas aufzusetzen. Dabei ziepte es enorm in meinem Brustkorb.

»Hast eine ziemliche Gehirnerschütterung gehabt. Und eine Rippe ist angeknackst. Aber nicht schlimm. Die entlassen dich morgen sicher wieder.« Ethan half mir, mich zumindest ein paar Zentimeter aufzusetzen, indem er das Kissen versetzte.

Die Infusion in meiner Armbeuge war unangenehm. Nicht gut gesetzt.

Als ich zu meinem Kollegen sah und sofort den Berg an Unterlagen in seinem Arm vernahm, seufzte ich laut auf. »Ist das etwa schon wieder der ganze Papierkram, weil mir etwas passiert ist?«

»Nein, keine Angst«, beruhigte mich Ethan und lächelte sogar etwas. »Das habe ich bereits für dich erledigt. Weiß doch, wie sehr du das hasst.«

Die Erleichterung trat trotzdem nicht ganz ein. »Was ist es dann?«

»Informationen über deinen Angreifer.«

Ich horchte auf. Als Ethan jedoch nicht weiter erzählte, deutete ich mit einem ungeduldigen Nicken an, dass er fortfahren soll.

»An was kannst du dich überhaupt erinnern?«, hakte er stattdessen nach.

Ich hob beide Augenbrauen und kratzte mich am Nasensteg, als könnte es meinem Denkvermögen auf die Sprünge helfen. »Da war Mrs. Iwanowna. Sie kam gerade aus dem Gebäudekomplex. Dann die zwei Typen. Einen habe ich angeschossen. Den Fahrer. Der andere hat dann auf mich geschossen, aber nicht getroffen. Beide haben Russisch gesprochen. Letztendlich habe ich mich mit dem einen geprügelt. Er hat wohl gewonnen.«

Mein Kollege grinste bei der letzten Schlussfolgerung. »Nicht ganz. Er war dabei, dich umzubringen. Und offensichtlich bist du noch hier.«

Ich spitzte neugierig meine Lippen. »Ihr konntet also eingreifen.«

Ethan nickte.

»Und dann?«

»Wir kamen gerade an, als er dich bewusstlos schlug. Als er nach seiner Waffe griff, um dich zu erschießen, kamen wir dazwischen. Er ist dann zum Van geflohen und hat Mrs. Iwanowna mitgenommen.«

Sowohl er als auch ich seufzten dabei erschöpft aus.

»Shit«, murmelte ich und ließ meinen Blick im Zimmer gleiten. »Irgendeine Nachricht bisher? Erpressung? Tötung?«

»Nein, nichts. Ist aber auch erst ein paar Stunden her. Vermutlich werden sie noch abwarten. Die Forderungen kommen dann sicher recht bald. Sofern sie Mrs. Iwanowna wirklich als Geisel nehmen und nicht einfach nur töten wollen.«

»Hat sie denn jemals vermuten lassen, dass man sie umbringen will? Ist sie in etwas hineingeraten?«

Da zuckte Ethan mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich kann dir auch nur das sagen, was in der Akte steht.«

»Das ist einfach zu wenig Information. Ich wusste nicht einmal, ob die Typen Freunde oder Feinde waren. Wir brauchen mehr über Mrs. Iwanowna!« Leichte Kopfschmerzen kündigten sich in meinem Frontallappen an.

»Deshalb bin ich hier«, sagte Ethan sanft und überschlug seine Beine. Eine recht feminine Geste für einen Mann wie ihn. Doch ich schenkte der Gestik keine weitere Beachtung, als er anfing, im Papierstapel vor sich zu blättern.

»Mrs. Iwanowna ist wohl in keiner festen Beziehung, jedenfalls nicht nach ihren Kollegen. Sie arbeitete in einer Fabrik als einfache Angestellte. Sie kontrollierte die Waren auf Mängel.«

»Was wurde in der Fabrik hergestellt?«, hakte ich nach, da Ethan schon mit dem Finger zum nächsten Punkt rutschte.

Etwas verwundert über meine unterbrechende Frage, rutschte er mit dem Finger zurück nach oben und suchte die Stelle, die ihm die Antwort auf meine Frage verriet. »Irgendwelche Kugelschreiber.«

»Kugelschreiber?«, hakte ich nach und blinzelte verwundert. »Sie arbeitet in einer Kugelschreiberfabrik? Wird das heutzutage nicht alles in Asien hergestellt? Oder sind das diese Luxuskugelschreiber?«

Ethan war sichtlich überfordert mit meinen Fragen, sodass er etwas aggressiv zur nächsten Seite umschlug. »Unwichtig, Kyle. Viel wichtiger sind die Kerle, die sie begleitet haben.«

Dem stimmte ich zwar nicht unbedingt zu, aber die Akte könnte ich mir später selber ansehen. Also nickte ich freundlich und gab Ethan das Zeichen, er könne fortfahren.

»Tatsächlich gehören die Typen dem russischen Mafia an.«

Ich zog scharf die Luft ein, verblieb jedoch still und horchte den weiteren Worten.

»Der Typ, den du angeschossen hattes, sitzt gerade in Untersuchungshaft. Hat natürlich direkt nach einem Anwalt gefragt und fordert jetzt seine Rechte ein. Geredet hat er bisher nicht. Wir sind da aber dran.«

»Passt auf, was er tut… die Mafia ist andere Umgangsformen gewöhnt. Wenn es sein muss, erhängen sie sich mit dem Telefonkabel im Besprechungsraum.«

Der als einfacher Hinweis gedachte Kommentar ging völlig nach hinten los. Ethan lachte verzweifelt auf und hob dabei die Augenbrauen. »Ja, natürlich. Die Russen haben doch alle Kapseln im Mund versteckt, die sie zerbeißen können, wenn es sein muss.«

»Jetzt übertreibst du«, murmelte ich und runzelte die Stirn. »Die sind zwar um einiges härter als wir, aber den Tee durch Wodka ersetzen ist vielleicht auch nicht immer von Vorteil.«

Mein Kollege ignorierte den schlechten Witz und fuhr fort, nachdem er sich mit der Hand durch sein langes Haar glitt. »Der Mann in der Zelle heißt Sergej Kusmin. Über ihn sind keine genauen Informationen bekannt, aber er scheint seit mehr als 20 Jahren als Gangster in den Straßen Russlands zu arbeiten. Wieso er allerdings hier in Großbritannien ist… Keine Ahnung. Da sind wir wie schon erwähnt noch dran. Viel schlimmer ist der andere Kerl. Der, der dir den Kopf zerschlagen wollte.«

Ich ahnte bereits, dass der Fahrer eben nur der Fahrer und die mysteriöse Figur am Straßenrand mit der Zigarette der eigentliche Jäger war.

»Alexej Wolkow«, sprach Ethan den Namen aus, als wäre er Gift. »Der grausame Wolf, wie er gerne genannt wird.«

»Der gute Mann hat also schon einen Ruf?«

»Er ist dafür bekannt, seine Opfer mit bloßen Händen auszuweiden.«

Mir fuhr ein leichter Schauer über den Rücken. Gut, dass ich diese Information nicht schon gestern hatte. Sonst wäre ich sofort auf dem Absatz umgedreht und hätte nicht den Helden gespielt. Ein Glück, dass meine Kollegen mich vorher retten konnten.

Mein Gesichtsausdruck sagte wohl bereits alles aus, was Ethan über meinen Gefühlszustand wissen musste. »Ja«, stimmte er zu, obwohl ich nichts gesagt hatte. »Mit dem Typen ist nicht gut Kirschen essen. Ganz im Gegenteil, Kyle. Halt dich von ihm fern.«

»Wie soll das gehen – jetzt, wo Mrs. Iwanowna in seinen Händen ist?«

»Vielleicht bekommen wir sie anders raus. Ihr Standort muss erst einmal ermittelt werden. Dann schauen wir weiter. Du wirst jetzt sowieso erst einmal wieder gesund.« Sein Blick wanderte zu meinem Tropf. Nachdenklich spielte er am Schlauch, was mich etwas nervös werden ließ. »Dass Alexej Wolkow hier ist, macht uns alle etwas nervös. Normalerweise schicken die Russen ihren besten Schlächter nicht einfach so vorbei, wenn sie eine einfache Dame entführen wollen. Wir sind uns noch nicht so sicher, was das zu bedeuten hat.«

»Vermutlich geht es hier um eine größere Sache, als wir dachten. Vielleicht geheime Informationen?«

Ethan zuckte auf einmal mit den Schultern, als wäre es ihm egal. »Wir werden sehen. Wolkow wird dich auf jeden Fall hier nicht finden. Aber vielleicht woanders. Er hat nämlich dein Gesicht gesehen, so wie du seins. Freya hat schon darauf bestanden, dass du dir Urlaub nimmst und erst einmal zu Hause bleibst. Mit Personenschutz natürlich.«

»Urlaub ist keine Option. Weinachten steht vor der Tür… Urlaubssperre.«

»Dann bist du eben krank«, seufzte Ethan genervt auf und klappte die dicke Mappe zu, aus der er mir vermutlich nicht einmal einen vollständigen Satz vorgelesen hat.

»Ich geh zur Arbeit«, sagte ich entschlossen und rang mich zu einem Lächeln ab. »Aber hier nehme ich gerne Urlaub.«

Da stand mein Kollege auf und schüttelte belustigt den Kopf. »Hier gibt’s keinen Urlaub. Das weißt du.«

Damit ging er aus dem Zimmer und schloss leise die Tür. Ich seufzte laut auf und ließ mich im Kissen sinken. Natürlich hatte er die Akte mitgenommen, damit ich nicht mehr darin lesen konnte. Wieso hatte ich das Gefühl man hielte mir Informationen vor? Kein Fall der Welt würde so blauäugig bearbeitet werden. Vielleicht war das der erste Akt, bei dem man hoffte, ich würde als Köder fungieren und die bösen Jungs aus ihrer Disko locken. Wenn dem so wäre: Guter Job, Freya. Ich habe die bösen Jungs rausgelockt.

 

Am Abend konnte ich bereits wieder aufstehen und alleine durch das kleine Abteil der Firma laufen, welches sich für die ärztliche Versorgung der eigenen Mitarbeiter verschrieben hatte. Einige andere Kollegen wurden hier behandelt. Ein paar Schusswunden waren dabei, doch häufig nichts schlimmeres. Dass jetzt die Russen mit uns spielen wollten, verhieß nichts Gutes. Die Wunden würden schlimmer werden. Mit Sicherheit.

Im wunderschönen weißen Baumwoll-Morgenmantel schlich ich mich durch die Gänge. Einige beäugelten meine weißen Einwegpantoffel der Klinik, andere rügten mein legeres Auftreten in einer sonst professionellen Umgebung. Erst, als ich die kleine Haftanstalt betreten wollte, ließ man mich nicht durch.

»Anordnung von Mrs. Hill«, verkündete ein Türsteher, der seine Arbeit sehr gewissenhaft durchführen wollte.

»Freya lässt mich nicht rein? Wieso?«, hakte ich genervt nach und verschränkte die Arme. Mit dem Fuß trommelte ich auf den schwarzen Fliesen rum, sodass ich wie eine hysterische Hausfrau aussah, die ihren Mann gerade rügte, weil er erneut eine Flasche Bier getrunken hatte, obwohl man sich auf Wasser einigte.

»Sie möchte, dass Sie erst gesund werden, bis Sie den Gefangenen sehen.«

»Bullshit«, rutschte mir sofort raus. Der Türsteher in zugegeben toller Uniform zuckte sofort zusammen und riss die Augen auf. »Sorry«, war dann noch alles, was ich aus mir heraus bringen konnte.

Ich schlurfte einen Gang zurück und versuchte es an einer anderen Stelle. Doch auch dieser Mann verweigerte mir den Einlass. Erst beim dritten Eingang, der vermutlich eher ein Ausgang war, stand eine verunsicherte junge Dame, die wohl ihren ersten Tag hatte. Sie sah mich mit großen Augen an und wusste mich nicht einzuordnen.

»Hi«, begann ich mit meinem charmantesten Lächeln. »Ich würde gerne zum Inhaftierten.«

Sie schluckte und richtete ihren braunen Pferdeschwanz. »H-Haben Sie eine Autorisierung dazu?«

»Ich denke schon«, lächelte ich sie aufmuntern an, »Ich bin derjenige, der ihn angeschossen hat.«

Da sprang sie einige Zentimeter zur Seite. »Dann sind Sie Mr. Lewis?«

Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich lügen sollte. Aber die gute Dame hatte vermutlich wirklich ihren ersten Tag, da wollte ich nicht sofort einen schlechten Eindruck hinterlassen. Also nickte ich zustimmend. »Der bin ich.«

»Ich bin von Mrs. Hill angeleitet worden – «

»Ich weiß«, unterbrach ich sie mit ruhiger Stimme. »‘mich nicht reinzulassen‘. Aber gute Dame… Jetzt, wo ich doch schon einmal hier bin?«

Sie zögerte einen Moment und schien zu überlegen, was nun das Richtige wäre: Mich reinzulassen und damit ihre Anweisungen ignorieren, oder mich nicht reinzulassen und dann ordentlich Ärger von mir zu bekommen. Mein hoher Rang sollte mir ausnahmsweise einmal helfen. Dass der einen Scheiß wert war, wenn Freya Anweisungen gab, schien sie offensichtlich nicht zu wissen. Erst, als sie langsam anfing zu nicken und ich anfing Hoffnung zu schöpfen, hörte ich das Klacken der italienischen Pumps von Freya.

»Mr. Lewis«, mahnte sie mich aus einer Entfernung von über 50 Metern. »Gehen Sie zurück ins Bett. Und zwar sofort!«

Ich lächelte schwach. »Nicht einmal ganz kurz? Ich hätte einige Fragen an ihn.«

»Die haben wir alle«, stellte sie streng fest und warf der kleinen Neuen einen vernichtenden Blick zu. Freya war groß, hübsch, schlank und mächtig. Wenn sie wollte, dass England seinen Frieden hatte, war dem auch so. Wenn sie wollte, dass England brenne, dann würde England gleich am nächsten Tag brennen. »Zurück mit Ihnen ins Krankenzimmer. Sie haben eine angeknackste Rippe und eine Gehirnerschütterung. Sie würden im Moment gar nichts erreichen, bis auf ein vielleicht verwirrendes Gespräch mit einem unserer wichtigsten Häftlinge.«

Mit ihren langen schlanken Fingern hielt sie zwei Akten in der Hand. Ich konnte jedoch nicht erkennen, um was es sich handelte. Ihr teures Chanel Kostümchen war im Weg.

»Wann darf ich denn mit ihm reden?«, hakte ich nach und steckte meine Hände in die Taschen des Morgenmantels.

Freya warf ihre gelockten Haare hinter die Schulter. »Wenn ich es sage. Und im Moment sind die Ereignisse noch zu jung. Hat Mr. White Sie eingewiesen?«

Ich nickte langsam. »Ja, der hat mich vorhin besucht. Allerdings fehlen mir noch immer einige wichtige Informationen. Besonders um den Verbleib von Mrs. Iwanowna. Und mehr Hintergrundinformationen zum grausamen Wolf wäre auch toll.«

Freya formte ihre Augen zu schlitzen. Sie überlegte wohl, ob ich mich gerade durchmogeln wollte, weil ich Ethan nicht richtig zugehört hatte, oder ob er mir tatsächlich einen Scheiß erzählte. Letztendlich nickte sie ein einziges Mal, bevor sie mit großen Schritten an uns vorbei ging. »Ich werde Ihnen die Unterlagen zukommen lassen. Machen Sie Urlaub.«

»Nein, danke«, rief ich ihr hinterher, doch sie hörte mich wohl nicht mehr. Die kleine schüchterne Maus neben mir wurde im Nu noch kleiner und verkroch sich zurück auf ihre Position neben der Tür. Ich lächelte ihr aufmunternd zu. »Keine Sorge. Sie trifft keine Schuld. Einen Versuch war es wert.«

Sie erwiderte zwar mein Lächeln, doch es wirkte sehr verkniffen. Als würde sie gerade versuchen herauszufinden, was ich wirklich im Schilde führte.

 

Zurück auf der Krankenstation ließ ich mich noch ein wenig Betüddeln, bevor ich wieder nach Hause fuhr. Cindy hatte mir tatsächlich eine SMS geschrieben, dass sie sich morgen etwas verspäten würde, da sie noch etwas trinken gehen wird, und fragte nebenbei, ob ich nicht vielleicht früher kommen könnte, damit unser Chef nicht alleine im Laden stände. ‚Von mir aus‘ war dann alles, was ich ihr antwortete. Meine netten Floskeln hatte ich im Kampf mit dem grausamen Wolf auf unbestimmte Zeit verloren.

Zu Hause angekommen warf ich mich sofort ins Bett. Oder kroch so gut es ging unter die Bettdecke, da meine Rippe noch immer schmerzte und mein Kopf brummte.

Meine Gedanken schweiften zur armen Mrs. Iwanowna, die jetzt vermutlich in irgendeinem Keller bei Wasser und Brot hausen musste. Gott weiß wie man sie behandeln würde. Dass allerdings niemand wirklich wusste, was eigentlich hinter dem Bäckermädchen stand, machte mich stutzig. Sie war die Tochter zweier ganz normaler Eltern, wie es schien. Entweder war der Vater in Geldschulden gekommen und man wollte nun seine Tochter als Druckmittel verwenden oder die Mutter hatte Dummheiten gemacht.

Oder: Irina hatte ihre eigenen Probleme mit den Russen bekommen. Aber wieso so einen Aufwand? Hatte sie von etwas Wind bekommen, von dem sie besser hätte nichts mitkriegen sollen?

 

Ich wälzte mich noch einige Male hin und her, bis ich in einen unregelmäßigen Schlaf fiel.

4 - Augenkontakt

Ich tat Cindy den Gefallen und kam tatsächlich einige Minuten früher zu Arbeit als sonst. Mein Chef war erst außerordentlich begeistert, dann außerordentlich wütend, als er erfuhr, dass Cindy etwas später kommen würde. Nichtsdestotrotz schlossen wir selbstverständlich den Laden auf, vor dem bereits einige Kunden ungeduldig warteten. Mein Blick huschte zum kleinen Weihnachtsmarkt und dem Tannenbaum. Davor stand der Stuhl mit demselben Schild wie vor zwei Tagen. Der gutaussehende Weihnachtsmann würde heute sicher wieder viele Kinder und viele Mütter glücklich machen.

Ich kicherte über meine dreckigen Gedanken und begann die ersten Kunden zu beraten und zu kassieren.

Nach einer Stunde huschte Cindy dann rein und fragte, ob es aufgefallen sei, dass sie nicht da war. Bei einer Crewgröße von sechs Menschen – Ja, Cindy. Das ist jedem aufgefallen.

Aus irgendeinem Grund tauschten wir beide an dem Tag Kassen. Ich stand dieses Mal näher am Schaufenster und konnte runter auf den Weihnachtsmarkt schauen.

Gegen Mittag saß er dann wieder da. Santa hörte sich geduldig ganz viele Wünsche an, die er niemals erfüllen könnte, während Mütter aufgeregt Fotos mit ihm machten. Tatsächlich setzten sich auch junge Frauen auf seinen Schoß – Gott, es war so lächerlich mit anzusehen, wie sie sich einen nach dem anderen bei ihm einschleimten. Doch er schien es ganz gelassen zu nehmen und nickte geduldig bei jeder Anfrage. Vermutlich war es sein Job geduldig zu nicken.

»Willst du nachher noch einmal runter?«, fragte Cindy, während sie sich zu mir vorlehnte, um ebenfalls aus dem Schaufenster nach unten schauen zu können. Erneut biss sie sich auf die Unterlippe und schien konzentriert zum Weihnachtsmann zu schauen.

»Vielen Dank, aber ich verzichte«, räusperte ich mich und schob sie wieder einige Zentimeter von mir weg.

»Bist du dir sicher? Ihr habt euch doch so gut verstanden.«

»Wir haben uns sehr peinlich berührt über die Arbeit unterhalten. Das muss ich nicht noch einmal haben.«

Cindy grinste breit. »Du warst peinlich berührt. Er war die Ruhe selbst.«

Ich knurrte nur genervt und tat so, als würde ich Kassenbelege sortieren.

»Wie war dein Date von vorgestern eigentlich? Gut? Erzähl mir nicht, dass du wirklich arbeiten warst«, hakte meine liebe, neugierige Kollegin nach und knibbelte an ihren Fingernägeln, als wäre sie an ihrer eigenen Frage desinteressiert gewesen. Ich hingegen schnaubte aus und wünschte mir, sie hätte diese Sache vergessen. Genauso wie sie sonst so viele Dinge vergaß.

»Nicht so gut?«, fragte sie erneut nach und sah überrascht von ihren Nägeln auf. »War sie nicht nett? Oder war es ein er?«

»… Wieso ist es wichtig, ob es ein Er oder eine Sie war?«

Da öffneten sich ihre stark geschminkten Augen um einige Zentimeter der Neugierde. »Es war also ein Mann? Wow, Kyle! Das ist ja der Wahnsinn. Erzähl – wie war’s?«

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, also presste ich einfach meine Lippen aufeinander. Als nach mehreren Sekunden nichts geschah, Cindy noch immer neugierig in meine Augen blickte und auf eine enorm heiße Story wartete, sah ich mich im Laden um und hoffte, eine Kundin würde sich wegen der dreckigen Kragen an Blusen beschweren. Als das nicht passierte, entschloss ich mich für eine gute Lüge.

»Es war… unerwartet«, gab ich schließlich von mir. War es ja auch. Gleich drei Leute auf einmal. Ziemlich unerwartet.

»Okay? Aber war es denn gut? Was habt ihr gemacht?«

»Du kriegst keine Details, Cindy«, erstickte ich ihre Neugierde im Keim. So hoffte ich jedenfalls.

»Sah er gut aus? Hat er dir gefallen?«

»Na ja«, brummte ich leise und stopfte die Kassenbelege zurück in die Schublade, während ich mich an seine Schläge auf meinen Hinterkopf erinnerte und wie er versuchte mich zu erschießen.

»Hat er dich also nicht umgehauen?«

Da musste ich lachen. Es kam so plötzlich, dass sowohl Cindy als auch ich sich erschreckten. Im Rahmen des Kontextes verging mir jedoch schnell das Lachen, als ich meine angeknackste Rippe spürte.

Cindy sah verstört in meine Richtung. »Kyle?«

Ich schnappte nach Luft und winkte ab. Schließlich grinste ich sie breit an und teilte ihr fröhlich mit: »Doch, er hat mich umgehauen.«

Im wahrsten Sinne des Wortes.

 

In der Mittagspause wollte Cindy erneut runter zum Weihnachtsmarkt, doch ich negierte. Santa war noch immer auf seinem Stuhl und hieß verschiedene Besucher willkommen, die sich auf seinen Schoß setzen wollten. Ich beobachtete ihn von meinem Schaufenster aus und musste feststellen, dass seine Art mit Kindern umzugehen, wirklich liebevoll war. Selbst, wenn mal eins weinte, schaffte er es innerhalb weniger Sekunden das Kind zu beruhigen. Im Augenwinkel erspähte ich dann auch Cindy, wie sie sich subtil immer mehr dem Tannenbaum näherte und schließlich wenige Meter von Santa entfernt stand. Sie winkte ihm schüchtern zu, machte jedoch sonst keine Anstalten zu ihm zu gehen oder mit ihm zu reden. Natürlich nicht, dachte ich. Er war ja auch am Arbeiten. Denn er ignorierte sie auch recht gekonnt.

Die Zeit verging wie Gummi, bis meine Kollegin dann endlich wiederkam und ich in die heiß ersehnte Pause entlassen wurde. Der Tag wurde gegen Ende hin immer schlimmer – nicht nur wegen der nervigen Kunden, sondern auch wegen meiner Schmerzen. Die geprellte Rippe stach bei fast jeder Bewegung. Ich entschied mich also in die nächste Apotheke zu gehen und mir Schmerzmittel zu holen. Die aus dem Krankenhaus waren mir zu stark. Ich hatte keine Lust auf einen Trip, während ich den Pelz einer Dame in Seidenpapier wickelte. Vermutlich würde ich noch glauben, ich würde ein totes Tier einpacken und völlig ausflippen.

Als ich nach unten fuhr und mich durch die Mengen schlug, die sich nicht nur vor Santa tummelten, sondern auch vor etwaigen Glühweinbuden, wanderte mein Blick erneut zum Tannenbaum. Die Geschenke waren noch alle dran. Die Tannen noch immer recht grün. Die Plastikfolien um das Styropor noch immer sehr hässlich. Ach – was redete ich mir ein? Ich blieb ja sogar stehen und starrte auf den Weihnachtsmann, als wäre er die Erlösung meiner Sorgen. Ich hasste Kinder und ich hasste Weihnachten, aber ihn mit den kleinen Dingern zu sehen, gab mir ein gutes Gefühl. Er strahlte eine Wärme aus, die zum Fest passte. Ruhig und entspannt. Irgendwie liebevoll. Man hatte das Gefühl, gemütlich irgendwo zu sitzen und zu entspannen, auch wenn die Menschenmassen um einen herum etwas ganz anderes suggerierten. Dasselbe Gefühl, was man bekommt, wenn ein anderer Mensch den eigenen Kopf massiert. Dieses Gefühl.

Die braunen Augen wanderten auf einmal in die Ferne, trotzdem ein kleiner Junge auf seinem Schoß saß und mit Fingern aufzählte, was er alles haben wollte. Santa sah mich direkt an und lächelte. Sein vermutlich angeklebter Vollbart wurde dabei nach oben gezogen, sodass die Haare noch ein Stückchen mehr von seinem Kinn abstanden. Die kleinen Lachfältchen um seine Augen wurden tiefer.

Ich konnte einfach nicht anders und musste das Lächeln erwidern. Süß, dachte ich. Lächeln wir uns gerade an, als wären wir gute Freunde?

Der Moment fühlte sich ewig an. So wie damals, als ich auf seinem Schoß saß und wir uns unterhalten haben. Nach Cindys Aussage haben wir auch mehrere Minuten miteinander gesprochen, also ging ich davon aus, dass mein Zeitgefühl mir auch dieses Mal keinen Streich spielte und wir uns tatsächlich für fast eine Minute in die Augen sahen und lächelten, als wären wir zwei glückliche Mönche jenseits des Kontinents.

Erst, als das Kind auf seinem Schoß anfing, sich zu bewegen und offensichtlich runter wollte, brach er den Augenkontakt und widmete sich wieder seiner Arbeit. Ich ergriff die Chance und machte mich auf, aus der peinlichen Situation zu entkommen. In der Apotheke bestellte ich völlig neben der Spur normale Schmerztabletten. Der Apotheker sah mich dabei an, als würde er herausfinden wollen, auf welcher Droge ich genau war; THC oder MMDA. Mein Namensschild, welches suggerierte, dass ich im Center arbeitete, machte ihn vermutlich nur noch nervöser. Als kleine Unterstützung für meine Drogensucht, gab er mir eine kleine Tüte Gummibärchen mit auf den Weg und lächelte mich aufbauend an. Ich bekam davon herzliche wenig mit, schaltete das ganze irgendwie aus und überlegte, was genau vor wenigen Minuten passiert war. Hatte der Mann Interesse an mir? Wieso sonst sollte er Cindy ignorieren und mich derart beachten?

Als ich mich durch die Menschenmassen zurück zum Weihnachtsmarkt begab, um mir ein Wasser in der nebenan gelegenen Drogerie zu kaufen, sah ich, dass der Stuhl leer war. Santa hatte wohl auch mal Pause. Noch ehe ich mich in Ruhe auf eine kleine Bank setzen konnte, um meine Schmerztablette – vielleicht auch zwei – einzunehmen, sah ich etwas Rotes neben mir stehen. Etwas erschrocken sah ich auf und blickte in die braunen Augen.

»Darf ich mich setzen?«, fragte er in seiner ruhigen, dunklen Stimme mit dem interessanten Akzent.

Da ich keinen bestimmten Grund hatte, unhöflich zu sein und ‚Nein‘ zu sagen, aber auch keinen wirklichen Drang verspürte mich jetzt mit Santa zu unterhalten, der – bis auf seine Mütze und schwere Jacke – noch in voller Montur da stand, nickte ich einfach apathisch.

Er setzte sich neben mich und zerquetschte fast einen anderen Mann, der neben ihm ein Sandwich aß, nur damit er mir genug Platz lassen konnte. Höflich, dachte ich. Etwas schusselig, aber höflich.

»Haben Sie Schmerzen?«, hörte ich ihn fragen, nachdem ich bisher noch kein Wort verloren hatte. Er deutete auf die Blisterpackung in meiner Hand, die deutlich das Wort ‚Ibuprofen‘ vermittelte.

Ich räusperte mich leise, um meine Stimme wieder zu finden. »Ja, ein bisschen. Aber nichts Schlimmes.«

»Nehmen Sie nicht zu viele. Ibuprofen geht auf den Magen.« Er lächelte mich dabei an, als hätte er gerade einen unheimlich guten Witz gemacht. Aber er hatte Recht; sollte ich jetzt etwa trotzdem lachen?

Nicht ganz sicher, was ich sagen sollte, drückte ich einfach zwei Tabletten raus und schluckte eine nach der anderen mit etwas Wasser runter. Santa sah mir dabei genauestens zu. Starrte mich förmlich an. Das machte die Situation etwas unangenehm. So unangenehm, dass ich das Gefühl hatte, die Flucht ergreifen zu wollen. Daher entschloss ich mich für die weitaus weniger peinliche Variante des Entkommens und konfrontierte ihn mit der Flucht nach vorne: Fragen von meiner Seite.

»Ist das auch Ihre Mittagspause?«

Er nickte freundlich. »Ja, aber sie geht nicht sehr lange. In ein paar Minuten muss ich wieder zurück.«

»Ich verstehe.«

Und schon gingen mir die Themen aus. Ich war einfach furchtbar in menschlicher Kommunikation. Ein Grund, wieso ich als Psychologe so versagt hatte.

»Wie lange arbeiten Sie schon hier, Mr. Lewis?«, fragte Santa und überraschte mich mit meinem Namen. Oh, richtig, ich trug ja wieder mein Namensschild. Aber vielleicht hatte er ihn sich auch gemerkt?

»Seit drei Jahren«, antwortete ich fast schon etwas beschämt, dass es bereits schon drei Jahre waren, die ich in diesem Höllenloch verbrachte. Aber in diesen Jahren hatte ich gelernt mit den Menschen, die mir so ähnlich waren, umzugehen. Wohlhabend, hochnäsig und etwas unfreundlich. Doch anstatt sich eines Besseren belehren zu lassen, habe ich mich nicht verändert. Meine Misanthropie würde nicht nur wegen eines Einzelhandelsjobs vergehen. An der hielt ich sehr gut fest.

»Ihnen gefällt der Job?«

Ob es nun echtes oder geheucheltes Interesse war, konnte ich aus seiner Stimmlage oder Mimik nicht erkennen, aber es war nett mit ihm zu reden. Seine Stimme war beruhigend. Auf ihre ganz eigene Art und Weise.

»Es geht. Es gibt schönere Jobs, so viel ist klar. Aber als halbe Stelle lässt es sich aushalten.«

»Oh, nur eine halbe Stelle? Hat es einen Grund?«

Ich lächelte zögerlich. Wieso musste ich auch immer jedem erzählen, dass es nur eine halbe Stelle war und ich eigentlich noch einen anderen Job besaß, der mir viel besser gefiel und auch sehr viel besser bezahlt war? Vermutlich hatte es was mit meinem Ego zu tun, dass ich mich aufs tunlichste immer am besten darstellen wollte. Und in einem Kaufhaus zu arbeiten war vermutlich nicht so egostreichelnd wie beim Geheimdienst zu sein.

»Ich habe noch einen anderen Job«, gab ich kurz und knapp zu verstehen, in der Hoffnung, er würde das Thema fallen lassen.

Und tatsächlich – er tat es. »Das klingt anstrengend. Aber Sie scheinen es gut zu meistern. Ich habe neben diesem Job auch noch einen anderen. Ich glaube, heutzutage kommt man kaum noch ohne einen Zweitjob aus.«

»Die Profession ist eben nicht immer die Berufung«, fügte ich neckisch hinzu und sah dabei in die Menschenmenge hinein; wundernd, als was die alle so arbeiteten, dass sie den Wochentag einfach so mit Shoppen verbringen konnten.

»Und die Berufung nicht immer Profession«, lachte Santa und faltete dabei seine langen Finger ineinander, während er sich auf seinen Knien abstützte.

Er starrte ebenso in die Menschenmenge und schwieg für einige Sekunden. Ich wusste nicht ganz, was ich noch sagen sollte. Also griff ich das Thema auf, was wir das letzte Mal besprochen hatten.

»Sie sagten, Sie lieben Kinder. Haben Sie eigene Kinder?«, hakte ich nach und versuchte den Augenkontakt wieder aufzunehmen. Interessierte mich eigentlich nicht, aber irgendwie hatte ich das Gefühl etwas sagen zu müssen.

»Nein«, antwortete er knapp und lächelte müde. »Ich habe keine Zeit für eigene Kinder. Oder eine Familie.«

Ich presste meine Lippen aufeinander. Man konnte dem Mann ansehen, dass er sich eine andere Realität wünschte. Vermutlich war es sein Zweitjob, der es ihm verbat, eine Familie zu gründen. So ein bisschen wie bei mir. Nur, dass ich nie eine Familie wollte.

»Ist es wegen Ihrem Zweitjob?«

Er nickte; schließlich sah er mir wieder in die Augen. »Ich bin viel unterwegs. Meine bisherigen Beziehungen konnten da nicht wirklich mit umgehen.«

»Das ist schade«, war das absolut dämlichste, was mir dazu einfiel. Doch Santa nickte und starrte auf die Blisterpackung in meinen Händen. Sein Blick wurde auf einmal ernster. Mikroexpressionen zeigten sogar einen leichten Anflug von Wut. Oder waren es auch Schmerzen? Seine Zornesfalte bildete sich weiter aus.

»Haben Sie auch Schmerzen? Möchten Sie eine haben?«, fragte ich und hielt ihm die Packung hin. Er sah mit großen Augen auf und schien überrascht, dass ich ihn so genau beobachtet hatte.

»Haben Sie geraten oder können Sie in meinen Kopf schauen?«, lachte er und richtete sich etwas auf. Er war nicht unbedingt peinlich berührt, aber eine gewisse Nervosität machte sich in ihm breit.

»Sie haben so auf die Tabletten gestarrt und dabei einen finsteren Blick bekommen. Ich mache das auch manchmal, wenn ich mich darauf konzentrieren will, keine Schmerzen zu haben, obwohl mein ganzer Körper gerade brennt«, erklärte ich und hielt ihm die Packung noch ein Stück näher hin.

Tatsächlich nahm er sie mit einem Nicken an und drückte sich eine Tablette raus. Als ich ihm schweigend mein Wasser anbot, lehnte er dankend ab und deutete darauf hin, dass er an seinem Stuhl eine Flasche Wasser stehen hatte und er die Tablette gleich nehmen würde.

Nachdem wir uns dann wieder anschwiegen, entschied ich, einfach zu gehen, auch wenn meine Pause noch etwas länger gedauert hätte. »Ich wünsche Ihnen gute Besserung«, sagte ich höflich und stand auf. Santa tat es mir gleich und gesellte sich auf Augenhöhe. Zumindest für mich Schulterhöhe. Er war groß. Sehr groß.

»Das wünsche ich Ihnen auch, Mr. Lewis.«

 

Mit diesen Worten ging er an mir vorbei Richtung Stuhl. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich so unfreundlich war und nie nach seinem Namen gefragt hatte. Aber ich hatte so das Gefühl, dass das nicht unser letztes Gespräch gewesen war.

5 – Schokolade

Als ich den Laden erneut betrat, kam Cindy sofort auf mich zu und schüttelte mit geöffnetem Mund den Kopf. Mit furiosen Handbewegungen unterstrich sie ihre Empörung. »Du hast gerade Mittag mit ihm gemacht?!«

Ich stellte meine Wasserflasche unter die Theke der Kasse und tat so, als wüsste ich von nichts. »Hm?«

»Hm mich nicht! Was hat er gesagt? Er hat sich zu dir gesetzt, oder? Oder hast du ihn zu dir geholt?«

Cindys Worte flossen wie ein Wasserfall voller Eifersucht auf meine sonst so tauben Ohren. Aber heute gefiel mir der kleine Sieg über unsere gemeinsame Entdeckung. »Er hat sich zu mir gesetzt. Wir haben über nicht viel gesprochen. Kinder und Arbeit.«

Da verschränkte sie die Arme. »Du redest also mit ihm über Kinder? Wow, wann heiratet ihr?«

Ich verdrehte mit einer langsamen Bewegung meine Augen. »Halt den Ball flach, Cindy. Es war ein nettes Gespräch, mehr nicht. Ich weiß nicht mal seinen Namen.«

»Echt nicht? Oh man, Kyle, du bist echt schlecht im Flirten. Das habe ich damals schon gemerkt.«

»Das mag vielleicht daran liegen, dass ich weder damals noch jetzt flirten wollte«, stellte ich mit hochgezogenen Augenbrauen klar und blinzelte ein paar Mal, um meine Aussage zu verdeutlichen. Cindy zuckte nur mit den Schultern.

»Wir wissen ja sowieso nicht, ob er überhaupt zu haben ist.«

»Ist er«, antwortete ich trocken und wartete genüsslich die Reaktion von meiner Kollegin ab.

Wie erwartet riss sie die Augen auf und klatschte ihre Handflächen auf die Theke. »Was, echt?! Du hast ihn gefragt?«

Ich zog eine Schulter hoch und tat so, als wäre es das einfachste der Welt gewesen, herauszufinden, dass er Single war. »Wir haben über Kinder gesprochen. Habe ihn gefragt, ob er selber welche hat. Daraufhin sagte er, dass er keine hätte und auch sonst keine Familie.«

»Ach, das sagt gar nichts!«, plärrte sie und pustete Luft in ihre Wangen.

»Er erzählte von sich aus, dass es keine Beziehung lange mit dem Umstand ausgehalten hat, dass er beruflich viel unterwegs ist. Daraus schließe ich sehr eindeutig, dass er derzeit Single ist.«

»Uff«, pustete Cindy Luft aus ihrem Mund. »Das hat er dir einfach so freiwillig erzählt? Oh man, ich glaube, der hat Interesse an dir.«

Am liebsten hätte ich ihr widersprochen, so wie immer, wenn sie vermutete, dass Kundinnen Interesse an mir hatten. Doch dieses Mal wusste ich nicht ganz, wieso ich widersprechen sollte. Die Indizien waren nicht eindeutig, aber sie ließen sich auch nicht völlig ausblenden. Vielleicht stand Mr. Santa auf mich. Vielleicht war er auch einfach nur nett.

Auf jeden Fall stieg in mir eine Neugierde auf, die mich freudig auf weitere Treffen warten ließ. Ich wollte wissen, was passierte. Ob es tatsächlich mehr werden würde. Dabei kannte ich den Mann noch gar nicht. Aber die Chemie, so musste ich zugeben, stimmte schon mal. Das klang in meinem Kopf zwar wie eine schlechte Liebeskomödie, doch es brachte mich auch zum Schmunzeln. Cindy hingegen schmollte vor sich hin, während sie zurück zu einer Kundin ging.

 

Den Tag verbrachte ich damit, weiter aus dem Fenster zu schauen. Mr. Santa kümmerte sich liebevoll um die Kinder, bis er dann schließlich um 18 Uhr sein Schildchen auf den Stuhl setzte und sich in den Feierabend aufmachte. Und zu meiner persönlichen Freude, drehte er sich tatsächlich einmal kurz um und lächelte sein warmes Lächeln. Es war nur kurz und ich hatte kaum Zeit, das Lächeln zu erwidern, bis er schließlich aus meinem Sichtfeld verschwand, aber ich wusste, dass es mir galt. Mir allein.

 

Am Abend schlurfte ich noch einmal zurück ins Büro. Ethan saß mir wie immer gegenüber und blätterte durch Comics, anstatt zu arbeiten.

»Gibt’s was Neues in Hinblick auf Mrs. Iwanowna?«, fragte ich leicht gereizt. Ethan mag zwar mein Informant sein, aber ich mochte es gar nicht, dass er mich in ein Schlachtfeld schickte, das er selbst nicht kannte.

»Äh, ja«, sagte er überrascht und klappte sein Heft zu. »Freya hat herausgefunden, wo sie sich in etwa aufhalten. Allerdings ist zu vermuten, dass sie die Position in ein paar Tagen wieder verlassen.«

»Wo sind sie?«

Ethan zeigte mir auf seinem Bildschirm eine Karte von London, wo sie sich in einem kleinen Vorort niedergelassen haben sollen. Eine schicke Gegend. Vermutlich hätte sie niemand dort erwartet.

»Wie hat Freya das herausbekommen?«

Da schmunzelte Ethan triumphierend. »Unser böser Wolf war so schlau mehrmals öffentlich durch die Straßen zu laufen. In diesem Gebiet hat man ihn des Öfteren gesehen.«

»Und Mrs. Iwanowna? Ein Zeichen, dass sie noch lebt?«, murmelte ich, während ich mir die Karte genauer ansah. Die Vermutung, dass Wolkow uns in eine Falle locken wollte, stand natürlich im Raum, aber es war ein Anhaltspunkt, der besser war, als gar kein Anhaltspunkt.

»Bisher nicht. Aber es kam auch noch nichts Gegenteiliges. Niemand verlangt Lösegeld oder hat sie als vermisst gemeldet.«

»Ist ja auch erst einen Tag her«, sagte ich und seufzte leise, als ich mich wieder aufrichtete. Meine Rippe schmerzte dabei wieder etwas. »Wissen wir denn wenigstens, wieso man sie unbedingt schützen sollte? Oder was die Russen von ihr wollen?«

Da kam Ethan mir ein Stück näher und flüsterte so leise, dass ich ihn kaum verstand. »Angeblich geht es hier um Geheimcodes für ein Waffenlager. Chemische Waffen oder so. Also etwas Gefährliches.«

»Mrs. Iwanowna hat diese Codes?«

Ethan nickte. »Ich weiß es nicht genau, das habe ich nur bei Freya aufgeschnappt, als sie mit der Regierung am Telefonieren war. Der Begriff Geheimcodes wurde dabei des Öfteren genannt.«

Ich hielt für einen Moment inne. Sollte Mrs. Iwanowna wirklich an solche Codes gekommen sein, würden die Russen natürlich alles tun, um diese herauszubekommen. Ein Bild, wie sie die junge Frau auf das schlimmste folterten, fiel mir in den Kopf. »Wie ist sie an diese Codes gekommen? Hast du das mitbekommen?«

Mein Kollege schüttelte den Kopf. »Nein, keine Ahnung. Vielleicht über Freunde? Bekannte? Vielleicht hatte sie eine Affäre mit einem hohen Staatstier?«

»Ist zu vermuten. Würde jedenfalls die Geheimnistuerei hier erklären. Niemand soll ja erfahren, dass ein Mann in so hoher Position mit einer kleinen Fabrikarbeiterin etwas hatte«, grummelte ich vor mich hin und setzte mich an meinen Schreibtisch. »Sende mir bitte die Daten, dann schaue ich, dass ich die nächsten Tage mal vorbeischaue.«

»Du willst da echt einfach so hinfahren? Das letzte Mal ist das ja nicht so gut gelaufen…«

Ich kreiste meinen Kopf und massierte mit der linken Hand meinen verspannten Nacken. »Was bleibt uns sonst übrig? Die arme Mrs. Iwanowna wird vermutlich gerade gefoltert oder misshandelt, damit sie die Codes preisgibt. Wir sollten ihr so schnell es geht helfen.«

Ethan wirkte nicht besonders überzeugt, sondern runzelte weiterhin seine Stirn, während er mir die Daten auf den Server legte.

»Außerdem«, fügte ich dann leichtfertig hinzu, »weiß ich ja jetzt, dass Alexej Wolkow dort ist. Dieses Mal gehe ich besser bewaffnet dorthin.«

 

Am nächsten Tag scrollte ich an der Kasse durch mein Handy, auf der Suche nach einer vermissten Frau. Doch niemand vermisste Irina Iwanowna. Zum Glück hatte man aber auch nicht ihre Leiche gefunden. Es war erneut ein Nullspiel.

»Mr. Lewis«, ermahnte mich dann irgendwann mein Chef, sodass ich das Handy unter den Tresen packte. »Arbeiten Sie bitte gewissenhaft.«

Mit diesen Worten ging er wieder. Cindy hatte heute frei, sodass ich alleine auf der Fläche war. Das bedeutete, dass ich öfter meinen heiligen Bereich der Kasse verlassen musste, um Kunden zu beraten. Doch Gott sei Dank war am Vormittag nicht viel los gewesen, sodass ich mich immer mal wieder meiner Recherche widmen konnte, anstatt zu arbeiten.

Als mein Chef mich jedoch peinlicherweise zum dritten Mal erwischte, nahm er mir das Handy ab. Ich fühlte mich auf einmal wieder zurück in die Schule versetzt, wo man sofort einen Verweis bekam, wenn man zu viele Zettelchen geschrieben hatte. Nicht, dass es zu meiner Zeit bereits Handys in der Schule gegeben hatte. Das war alles nach mir.

Noch bevor ich in Selbstmitleid versinken konnte, dass ich bereits in einem fortgeschrittenen Alter war, sah ich im Erdgeschoss, wie Santa und ein paar Engelchen Körbe in die Hand nahmen und kleine Süßigkeiten verteilten. Ah, richtig, vor kurzem war der erste Advent gewesen. Ich erwischte mich dabei, dass ich angefangen hatte zu lächeln, als mich ein Typ sehr irritiert durch die Fensterscheibe auf der anderen Seite ansah. Schnell drehte ich den Kopf wieder in den Laden und inspizierte meine Fingernägel. Als ich nach wenigen Minuten wieder aus der Scheibe sah, waren er und die Engel verschwunden.

Das Center füllte sich zunehmend, sodass auch leider die Arbeit nicht ausblieb. Mein Chef hatte sich ausnahmsweise dazu bewegen können, den Tag nicht in seiner kleinen Abstellkammer zu verbringen, wo er – wie wir alle vermuteten – heimlich rauchte, sondern half mit auf der Fläche.

Immer wieder spähte ich aus dem Schaufenster ins Erdgeschoss, doch Santa war nirgendwo zu sehen. Sowieso hatten wir heute noch keine Zeit gehabt auch nur einen Blick auszutauschen, geschweige denn miteinander zu reden. Meine Pause verschob sich in die Unendlichkeit, sollte der Ansturm weiterhin so hartnäckig bleiben. Heute also mal kein unangenehmes-angenehmes Pläuschchen am Tannenbaum.

»Sehen Sie?«, plärrte eine Kundin mittleren Alters, während ich mit meinen Gedanken ganz woanders gewesen war. »Der Fleck hier, meinen Sie, der wird weggehen?«

Ich beugte mich ein Stück nach vorne, zischte unangenehm auf, da meine Rippe sich meldete, und begutachtete den kleinen beigen Fleck am Kragen der weißen Bluse. »Das ist Make-Up. Das geht beim Waschen raus.«

»Sind Sie sicher? Es ist die einzige Bluse in meiner Größe, sonst würde ich ja eine andere nehmen. Aber sie ist so schön, daher weiß ich nicht… der Fleck ist ja schon ärgerlich.«

Meine liebe Dame, dachte ich, nimm deine scheiß Polyester Bluse für fast 200 Pfund und verschwinde aus dem Laden, damit ich weiter sinnlos aus der Scheibe glotzen kann, um den Weihnachtsmann zu erhaschen.

»Wenn Sie den Fleck nach dem Wasche nicht rausbekommen, können Sie die Bluse innerhalb von 14 Tagen mit Vorlage des Kassenbons umtauschen«, ratterte ich den typischen Satz runter, den ich in den Jahren so viele Male sagen musste.

Die Dame seufzte noch ein paar Mal unentschlossen auf, bis sie die Bluse schließlich nahm. Hinter ihr hatte sich eine Schlange gebildet, die fast in einen Ständer reichte, weil sonst kaum noch mehr Platz war. Etwas gereizt packte ich die Bluse in Seidenpapier und kassierte die Dame ab. Die nachfolgenden Kunden hatten zwar weniger Beschwerden, dafür umso mehr Teile, die ich natürlich alle feinsäuberlich falten und abscannen musste, sodass die Schlange nicht sonderlich weniger wurde.

Und genau in dem Moment, wo ich kurz davor war, einfach schreiend aus dem Laden zu laufen, weil die vierte Kundin am Tag wissen wollte, ob die Rabattaktion von letztem Monat noch galt, stand er hinter dem Schaufenster mit seinen Engeln.

Er stand einfach da, lächelte und hielt seinen Korb auf Hüfthöhe. Die Engelchen neben ihm, drei an der Zahl, waren junge Damen mit wallenden blonden Haaren. Doch anstatt ihnen irgendwie den Hof zu machen oder überhaupt mal seinen Job zu machen – nämlich die Schokoladentäfelchen in seinem Korb an die Kunden zu verteilen – starrte er durch die Scheibe in unseren Laden. Auf mich.

Ich hielt kurz inne, stopfte mental abwesend irgendetwas in eine Papiertragetasche, als ich mich dazu entschloss zurückzulächeln. Die Kundin vor mir beobachtete das Schauspiel und hatte Gott sei Dank den Anstand nichts zu sagen. Stattdessen ging ihr Blick zwischen uns hin und her, als würde sie ein spannendes Tennismatch sehen.

Die Engelchen machten sich auf einmal wieder auf den Weg und gingen den Gang weiter, als er plötzlich in unseren Laden huschte. Schnell ging er an der Schlange vorbei und bat jeder Kundin ganz höflich ein Täfelchen an, bis er zu mir an die Kasse kam.

Ich spürte mein Herz pochen und meine Wangen heiß werden. Er würde nicht wirklich… oder?

»Für Sie, Mr. Lewis. Nervennahrung«, sagte er so charmant, als wäre es das einfachste der Welt und legte mir zwei Täfelchen auf die Kasse. Die Kundin, die ich gerade bediente, kicherte leise und sah sich zu der Kundin hinter ihr um, die ebenfalls wie ein Kleinkind kicherte.

Mir blieb die Sprache im Hals hängen, also nickte ich einfach nur apathisch und nahm die Schokolade an mich. Mr. Santa lächelte noch einmal das Lächeln, das vermutlich jeden im Laden schmelzen ließ – Frauen, Männer, Schokolade – und verschwand dann wieder aus dem Laden, als wäre er nie da gewesen. Seine Engel waren bereits weit weg.

»Das war ja nett«, bemerkte die Kundin, die immer noch auf ihre Tragetasche wartete. »Dass der Weihnachtsmann extra vorbeikommt.« Da kicherte sie noch einmal auf und griff dann einfach nach ihrer Ware, um sie an sich zu nehmen. Ich starrte auf den Ausgang des Geschäfts, wo Mr. Santa einfach so verschwunden ist. Meine Wangen pochten noch immer und ich hatte das Gefühl, so rot wie die hässlichen Styropor-Geschenke am Tannenbaum gewesen zu sein.

Die restlichen Kunden vermieden es, mich auf die interessante Begegnung hin anzusprechen und ließen sich einfach abkassieren. Ich grübelte derweil, wieso er mir zwei gegeben hatte. Vielleicht, damit ich eins mit Cindy teilte? Mit meinem Chef? Oder waren beide für mich? Wieso dann nicht drei, ist doch eine schönere Zahl? Oder hat er einfach wahllos in den Korb gegriffen? Soll ich eins mit ihm teilen? Aber er hatte doch genug, nicht wahr?

Die Zeit verging auf einmal sehr schnell, während ich weiter über die Schokolade nachdachte, die unter der Hitze der Kasse etwas zu leiden begann. Nachdem viele nun Essen waren, machte auch ich endlich meine verdiente Pause.

Meine Augen suchten förmlich nach einem rot gekleideten, großen, bärtigen Mann. Und als hätte er meine innere Stimme gehört, die nach ihm rief, kam er kurz vor Ende meiner Pause mit seinen drei Engeln um die Ecke. Die Körbe waren fast leer, sodass ich davon ausging, dass die Runde durchs Center erfolgreich gewesen war. Er sah mich erst nicht, da ich wieder auf der Bank inmitten der Menschenmenge saß. Doch als er sich seine schwere Weihnachtsmannjacke auszog und die Mütze abnahm, erspähte er mich über einige Köpfe hinweg. Erneut lächelte er mich an, blieb jedoch bei seinen Engeln. Sie redeten noch ein wenig und schienen über die Arbeit zu sprechen. Die Damen wirkten sehr an ihm interessiert. Er weniger an ihnen.

Etwas in mir war froh, dass er nicht herüber kam. Wieso auch? Ich hätte vielleicht eine Gelegenheit gehabt, ihm zu danken, aber mehr auch nicht. Ein anderer Teil von mir war enttäuscht, dass er nicht zu mir kam. Wollte er nicht die unausgesprochene Regel brechen, dass wir uns bisher immer nur einmal am Tag gesehen haben? Oder hatte er schon genug von mir?

Da ich kein kleines Mädchen war, dass darauf wartete, vom Weihnachtsmann abgeholt zu werden, stand ich auf und ging einfach auf ihn zu. Die drei Mädels sahen mich schon mitleidig an, als wüssten sie ganz genau, dass ich zu denen gehöre, die den Weihnachtsmann nicht in Ruhe lassen können, auch wenn er offensichtlich nicht mehr ‚im Dienst‘ war.

»Hey«, begann ich zaghaft, was eigentlich nicht meine Art war. Doch die Blicke der Damen verunsicherten mich etwas. War es doch kein guter Augenblick zu stören?

Doch Mr. Santa drehte sich sofort zu mir um und lächelte zuckersüß. »Mr. Lewis«, begann er und blendete dabei die Engelchen völlig aus. »Möchten Sie noch etwas Schokolade?«

Ich hob sofort beide Augenbrauen und erhaschte einen Blick in die Körbe der jungen Damen. »Oh, nein, nein. Vielen Dank. Ich wollte mich nur für vorhin bedanken. Dass Sie mir welche gebracht haben.«

Da lachte er leise. Es war das Brummen eines Bären. »Ich wollte mich für die Schmerztablette bedanken. Und sie sahen aus, als hätten Sie etwas Nervennahrung gebrauchen können.«

Ein zaghaftes Lächeln bildete sich auf meinen Lippen. »Da haben Sie nicht schlecht geraten.«

»Es ist viel los heute. Die Menschen sind etwas aggressiv. Schokolade hilft ihnen wohl wieder etwas runter zu kommen.«

Seine dunkle Stimme vibrierte förmlich in meinem Brustkorb. Mein Lächeln wurde breiter. »Dann kann ich nur hoffen, dass Sie bis Weihnachten noch sehr viel öfter Schokolade verteilen werden.«

»Das werde ich. Und Ihnen bringe ich sehr gerne etwas davon vorbei.«

Erneut blieben mir die Worte im Hals stecken. Das war Flirten, richtig? Er flirtete mit mir, ja? Meine Wangen wurden schlagartig wieder rot. Herrgott, wie ich mich nicht zusammenreißen konnte, wenn ich mal nicht am längeren Hebel stand. »Danke…«, war dann alles, was ich leise aus meinen Lippen quetschen konnte. Ich vermutete, dass er nicht ganz verstanden hatte, was ich gesagt hatte, da er einfach nur weiterlächelte. Schließlich unterbrach einer seiner Engel unser Gespräch, was ich als Gelegenheit vernahm, zu gehen.

»Bis dann«, sagte ich noch höflich und drehte mich um.

»Einen schönen Abend noch«, rief mir Mr. Santa hinterher. Ich lächelte einfach nur, als ich mich auf die Rolltreppe begab. Er wurde derweil von seinen Engeln vereinnahmt und musste sich wieder umdrehen.

 

Als ich oben im Laden ankam, war seine Schicht wohl vorüber. Er kam dann nicht mehr in mein Blickfeld. Stattdessen nervten mich die Kunden noch einige Stunden, bis auch ich dann endlich gehen durfte.

Der morgige Tag war frei, sodass ich ihn für weitere Recherche zwecks Mrs. Iwanownas Verschwinden nutzen wollte. Eventuell auch, um mal den Ort zu inspizieren, den mir Ethan genannt hatte. Am helllichten Tag würden ja wohl mehr Menschen durch die Straßen fahren, als ein Geheimdienstler, sodass ich unentdeckt bleiben sollte.

 

Im Bett fiel mir dann auf, dass ich wieder nicht nach Santas Namen gefragt hatte. Vermutlich würde ich es auch niemals tun. Denn mal ehrlich: Er war der Weihnachtsmann. Mr. Santa war also kein so schlechter Name für ihn.

6 – Warnung

Nach einer sehr ruhigen Nacht saß ich motiviert im Büro am Schreibtisch und googelte sämtliche Namen und Adressen durch. Ethan las derweil weiter seine Comics und tat so, als wäre er nur eine auf kurze Dauer eingestellte Hilfskraft, die sowieso von nichts eine Ahnung hatte.

Als meine Augen langsam wund wurden, lehnte ich mich seufzend zurück und starrte an die hässliche Decke unseres Büros, bei der die Architekten wohl keine Lust oder Zeit mehr hatten, die formschönen Rohre zu verkleiden.

»Was gefunden?«, fragte Ethan und sah von seinem Heftchen auf. »Oder immer noch nichts?«

Ich streckte mich ein wenig, bevor ich antwortete, und spürte sofort meine Rippe. »Viele schöne Einfamilienhäuser. Wirkt nicht gerade wie der typische Ort, an dem sich russische Gangster zurückziehen, um eine Geisel zu halten.«

»Vielleicht gerade deswegen?« Mein Kollege klappte das Heft zu. »Wäre Wolkow nicht so dumm gewesen und in voller Öffentlichkeit ohne Verkleidung oder Tarnung rumzulaufen, hätten wir sie ja auch so schnell nicht gefunden.«

Ich vermutete immer noch, dass das eine Falle sein sollte. Oder war Wolkow wirklich so dämlich, dass er die ganzen Kameras in Londons Straßen nicht gesehen hat? »Ja, das war schon Glück …«, murmelte ich schließlich, ohne weiter auf diese Begebenheit einzugehen.

Ethan beobachtete mich einige Sekunden, bis er sich auf die Tischplatte seines Schreibtisches stützte. »Bisher scheinen sie auch noch da zu sein. Keine neuen Aufnahmen von Wolkow gefunden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Ort noch nicht gewechselt haben, ist recht hoch.«

Mein Blick wanderte langsam zu meinem Kollegen, der mich breit angrinste.

»Wolltest du nicht mal vorbei fahren? Sich ein bisschen… umschauen?«

Ich presste meine Lippen aufeinander. Seine Art und Weise, wie er es sagte, machte mich etwas stutzig. »Willst du etwa mit?«

Da streckte er seine Arme hinter den Kopf und lachte. »Ich war ewig nicht mehr im Außeneinsatz. Und du bist noch angeschlagen. Ein bisschen Hilfe wird dir gut tun. Vier Augen sehen mehr als zwei.«

Auch wenn ich Partnerarbeit wie die Pest mied, musste ich seiner Argumentation zustimmen. Es würde ein ruhiger Ausflug werden – und wenn nicht, hatte ich Unterstützung. Zwar wusste ich nun, worauf ich mich einließ, aber wenn Wolkow noch einmal mit voller Kraft auf mich einschlug, wäre ich Matsch gewesen.

»Na, schön.«

 

In der Tat war der kleine Vorort sehr schön. Viele Einfamilienhäuser, aber auch einige Mehrfamilienhäuser reihten sich aneinander. Einige davon mit schicken Gärten oder ganzen Grünanlagen.

»Sieht teuer aus«, murmelte Ethan, während er wie ein kleines Kind aus dem Fenster blickte und neugierig jedem Passanten ins Gesicht sah, den er im Umkreis von 20 Metern sehen konnte. »Glaubst du, die Russen haben hier wen überfallen? Vielleicht auch als Geisel genommen?«

Ich fuhr weiter die kleinen Straßen entlang, bis wir an einer Ampel stehen blieben. »Ich denke nicht«, sagte ich leise. »In so einer Nachbarschaft scheint man sich zu kennen. Es wäre aufgefallen, wenn jemand auf einmal nicht mehr rauskäme. Viel eher glaube ich an Einbruch, während die Besitzer im Urlaub sind. Oder sie hatten einen Mittelsmann mit viel Geld.«

»Oh, also ein reicher Mann, der hier wohnt, und einfach so russische Gangster in sein Haus lässt?«

Ich zuckte die Schultern und fuhr weiter, als die Ampel umschlug. »So in etwa.«

Das waren natürlich alles reine Spekulationen, mit Fakten konnten wir hier nicht wedeln. Ich grübelte einige Zeit darüber nach, wieso Freya mir oder eher uns nicht mitteilte, dass es sich hier um Geheimcodes ging. Für was oder für wen nützlich? Wieso Mrs. Iwanowna? Wenn eine Affäre dahinterstand, konnte ich bis zu einem gewissen Grad verstehen, dass man die Sache unter Verschluss halten wollte. Aber es ging hier um Menschenleben. Primär um das von Mrs. Iwanowna und sekundär um unser eigenes. Denn mit einem Typen, der Menschen mit bloßen Händen ausnehmen konnte, spaßte man nicht einfach so ein bisschen rum.

Seine eiskalten Augen und seine donnernde Stimme kamen wie ein Flashback zurück in meinen Kopf. Da steckte eine Menge Ausbildung in diesem Mann. Und sehr viel Erfahrung.

Ich hielt an einem kleinen Parkplatz vor einem Supermarkt an. Ethan sah verwundert raus, dann zu mir, dann wieder zum Supermarkt und hob schließlich beide Augenbrauen. »Gehen wir einkaufen?«

»Nein«, sagte ich ruhig und holte mein Handy raus. »Hier können wir kurz stehen bleiben, ohne, dass uns jemand bemerkt.«

»Äh, Kyle, hier sind überall Menschen, die uns sehen können. Ich denke schon, dass man uns sehr gut bemerken kann.«

Ich warf einen gelangweilten Blick aus der Windschutzscheibe, wo ich eine Mutter mit ihrem kleinen Kind und Einkaufswagen hantieren sah. »Die meisten sind hier um einzukaufen. Natürlich wird der ein oder andere kurz zu uns schauen und sich fragen, wieso wir nicht aussteigen, aber grundsätzlich werden sie sich sofort wieder ihrer eigenen Tätigkeit widmen: nämlich Einkaufen. In einer einsamen Seitenstraße würden wir viel eher auffallen.«

Mein Kollege schien noch nicht ganz überzeugt zu sein und runzelte die Stirn. Also fügte ich noch leicht schmunzelnd hinzu: »Notfalls schicke ich dich nachher kurz rein, um uns einen Kaffee zu holen.«

Da lachte er sarkastisch auf und schnallte sich schließlich ab. Ich tippte derweil an meinem Handy rum und durchsuchte das Profil von Alexej Wolkow.

Das Bild, was wir als Steckbrief hatten, war anscheinend ein Ausweisbild oder für einen Führerschein. Er starrte wie ein Häftling in die Kamera. Biometrisch war es mit Sicherheit, aber wenn Blicke töten könnten, wären wir alle verloren. Die etwas längeren, aber anscheinend sehr ungepflegten Haare, hatte er hinter die Ohren geklemmt. Seine Bartstoppeln ließen ihn noch ein bisschen mehr wie ein Obdachloser erscheinen. Nur der Stiernacken und die breiten Schultern zeigten deutlich, dass der Mann nicht auf der Straße lebte, sondern vermutlich in einem Fitnessstudio campte. Die markante Nase und die hohen Wangenknochen machten ihn trotz der anderen Merkmale irgendwie attraktiv. Er hatte was. Würde er sich mehr pflegen, die Haare vielleicht etwas besser legen und die unrasierten Stoppeln entfernen, könnte er als hübscher Mann durchgehen. Aber so? Beängstigend und irgendwie ein klassischer Stereotyp für einen Russen. Sogar das Silberkettchen hatte er umhängen. Zwar verdeckte es zum größten Teil das schwarze Shirt, was er trug, doch man sah am Nacken einzelne Glieder der Kette durchscheinen.

Ich analysierte sein Profilbild für einige Minuten, bis Ethan auf meinen Handybildschirm starrte. »Versuchst du ihn dir einzuprägen?«

»Seine Gesichtsmerkmale sind sehr markant. Und seine Augen ausgesprochen selten. Man sollte ihn eigentlich sofort auf der Straße erkennen. Vielmehr wollte ich mehr über ihn selbst erfahren«, murmelte ich vor mich hin und scrollte durch seine digitale Akte. »Er wurde wohl in St. Petersburg geboren. Sicher ist man sich nicht, da er ständig Identitäten wechselt. Sein Alter ist auch irgendwie ein Rätsel.«

»Der gesamte Mann ist ein Rätsel. Man hat nur die Geschichten, die man sich über ihn erzählt.«

»Also könnte nichts davon stimmen.«

»Oder alles«, gab Ethan Konter und hob dabei seine Augenbrauen an, als würde er damit ‚Vorsicht, alter Knabe‘ sagen.

Ich tippte zurück zu Wolkows Bild. »Erzähl mir, was du weißt.«

»Die Geschichten über Wolkow?«

»Nein, was der Sinn des Lebens ist«, antwortete ich sarkastisch und verdrehte die Augen. »Natürlich über Wolkow.«

»Weißt du das denn nicht selber? Ich mein…, wenn man mal mit den Russen zu tun hatte, dann auch mit Wolkow.«

»Ich hatte aber noch nie mit den Russen zu tun«, seufzte ich und rieb den Nasensteg. »Ethan, erzähl einfach. Ich weiß nichts über ihn. Oder über seine Herkunft. Eigentlich weiß ich auch kaum etwas über Russland und deren Sitten. Aber das musst du mir jetzt nicht auch noch erklären. Ich wollte ja nicht mit denen Tee trinken gehen.«

»Die würden den auch eher höflich ablehnen, schätze ich«, spaßte Ethan und zwinkerte mir zu. Als ich ihm nur einen wartenden, leicht genervten Blick zuwarf, räusperte er sich verlegen und legte los.

»Tja, also… Alexej Wolkow bereits als junger Typ seine eigenen Eltern umgebracht. Sie wollten die russische Mafia hintergehen, in die Wolkow reingeraten war. Er hat sie wohl einfach kaltblütig abgeschlachtet. Danach ging’s für ihn in eins dieser krassen Trainingslager, die kennst du doch, oder?«

Ich nickte stumm, auch wenn ich sie nur aus Filmen und Büchern kannte. Aber ich ging mal davon aus, dass es einfach eine sehr harte Erziehung zum Kämpfen war.

»Da hat er auch einige seiner Kollegen ermordet, weil sie ihm nicht gepasst haben. Und der Typ hat immer nur mit einfachen Mitteln gemordet! Ein Schlüssel oder eine Schere. Man sagt, er habe jemandem das Gehirn aus der Nase gezogen – mit einem Stift!«

Das klang für mich etwas an den Haaren herbeigezogen, doch ich schwieg. An einigen Stellen musste ich eben selbst entscheiden, was stimmen könnte und was nicht. Ethan fuhr mit seiner Gruselgeschichte fort.

»Nachdem er also dafür bekannt war, ein kaltherziger Mörder zu sein, wurde er schließlich von der Mafia abgeworben. Aber die hat ihm irgendwann auch nicht mehr gefallen – zu viel Regeln und so – da hat er sie auch umgebracht. Naja, nicht alle, aber du weißt schon. Genug, um rauszukommen. Und das alles mit seinen Händen. Ab da an war er dafür bekannt, der Schlächter zu sein, der dich mit Händen ausweiden konnte. Hat einige Aufträge angenommen, aber alles außerhalb von Großbritannien. Da waren viele Auftragsmorde dabei, aber auch Personenschutz. Ich schätze mal, er nimmt, was er kriegen kann, wenn es ihm viel Geld bringt. Jedenfalls sollte man sich von ihm fernhalten. Der Typ ist krass. Ein Glück eigentlich, dass er dich nicht umgebracht hat.« Ethans Gesichtsfarbe wurde blasser. »Vielleicht sollten wir doch lieber nicht nach ihm persönlich fahnden. Sondern den Standort ausfindig machen und dann eine Sondereinheit hinschicken. Bewaffnet mit allem Drum und Dran. Du weißt schon.«

Ich schmunzelte vorsichtig, als ich merkte, wie viel Angst Ethan hatte. »Du bist ja auch sonst nicht im Außeneinsatz. Das ist vielleicht auch gut so.«

»Kyle, der Typ wird dich in Stücke reißen, solltest du noch einmal auf ihn treffen.«

»Willst du mich jetzt herausfordern, dass ich das Gegenteil beweise?«

»Was?«, schrie er empört und wedelte mit den Händen. »Genau das will ich nicht! Wieso sollte ich dich tot wissen wollen?!«

Mein Ego meldete sich zu Wort. Mein Verstand schaltete sich wie immer aus, wenn das passierte. »Du gehst also wirklich davon aus, dass ich mich einfach so von ihm töten lassen würde?«

»Oh, Gott, Kyle, lass es«, warnte mich Ethan, bevor ich eine theatralische Einführung geben konnte, wie ich mich nicht einfach so von ihm töten lassen wollen würde. »Suchen wir Hinweise auf Mrs. Iwanowna. Sollten wir auf einen Ort stoßen, der das Versteck sein könnte, werden wir Verstärkung anfordern und uns zurückhalten. Wir sind nicht das Spezialeinsatzkommando. Wir sind der Geheimdienst. Unsere Aufgabe besteht darin im Geheimen verdeckt zu arbeiten und Informationen herauszufinden.«

Ich nickte einfach nur und ließ es gut sein. Mit Ethan hatte ich schon tausend solcher Gespräche gehabt – er würde auch jetzt nicht verstehen, dass es mir ein inneres Bedürfnis war Wolkow die Schädeldecke einzuschlagen. Einfach nur deswegen, weil alle um mich herum der Meinung waren, dass ich es nicht könnte und es andersherum laufen würde. Gut, der Typ war groß und stark, aber ich war intelligent. Und nach seiner Fahrlässigkeit bezüglich der Kameras nach zu urteilen, war er es definitiv nicht. Auch seine grobe Art und Weise zu kämpfen wirkte eher hohl. Wenig durchdacht. Sondern einfach nur schlichte, rohe Gewalt.

 

Wir durchfuhren für eine Stunde noch den weiteren Ort. Er war nicht sehr groß, jedoch groß genug, um in der Masse zu verschwinden. Sie hätten überall sein können. Keins der Häuser wies irgendwie daraufhin, dass es verbarrikadiert wurde und Gangster mit Geisel enthielt. Also fuhren wir unverrichteter Dinge wieder zurück ins Büro. Dort angekommen wurde Ethan bereits schlagartig müde und ging nach Hause. Ich setzte mich noch etwas an den Schreibtisch und versuchte weiter zu recherchieren.

»Sie sollten auch nach Hause gehen, Mr. Lewis«, kam meine Chefin Freya auf ihren Stilettos angedampft und klatschte mir paradoxerweise zu ihrer Aussage noch mehr Akten auf den Schreibtisch.

»Ich denke darüber nach«, nuschelte ich und musterte die Akten. »Was ist das?«

»Menschen, die in den letzten drei Jahren mit Irina Iwanowna näher zu tun hatten. Einige davon sind nur mit Personendaten bestückt, die anderen waren teilweise polizeikundig und deshalb mit etwas mehr Informationen.«

Meine Neugierde war geweckt worden. »Interessant«, bemerkte ich und sah Freya dabei tief in die Augen. »Haben Sie sie schon durchgesehen? War jemand dabei, der vermögend ist?«

Sie blinzelte ein paar Mal, als wüsste sie nicht ganz, was ich von ihr wollen würde. »Ich habe sie überflogen, ja. Aber so genau habe ich nicht nachgeschaut. Wieso?«

»Der Ort, wo Mrs. Iwanowna gehalten werden könnte, liegt in einem sehr teuren Viertel. Die Häuser und auch die Wohnung sind nicht billig. Aber es scheint, dass sie sich dort irgendwo aufhalten. Vermutlich haben sie einen dritten Mann, der ihnen hilft.«

Freya nickte positiv überrascht und schob mir die Akten noch ein Stückchen weiter hin. »Dann wissen Sie ja, was Sie zu tun haben.«

Damit ging sie.

Eigentlich hätte ich sie damit konfrontierten müssen, dass sie die Geheimcodes vor uns geheim hält, doch ich erachtete es für klüger, diese Information erst einmal für mich zu behalten. Sie musste nicht wissen, dass ich es wusste. Früher oder später würde sie es herausfinden, aber hey – ihr Pech, es mir nie gesagt zu haben. Wer hier mit verdeckten Karten spielte, sollte nichts Gegenteiliges von den anderen erwarten.

Ich ging die Akten nacheinander durch. Viele waren einfach frühere Mitschüler gewesen, die sie wieder getroffen hatte. Einige Kollegen aus der Kugelschreiberfabrik, die aber alle irgendeine Behinderung hatten. Bei näherer Recherche stellte ich fest, dass die Fabrik tatsächlich sehr viele Menschen mit Behinderungen einstellte. Interessant, dass Mrs. Iwanowna dann dort arbeitete. Aber vielleicht gehört sie zu den wenigen, die alle beaufsichtigte. Immerhin war sie bei der Warenprüfung gewesen. Ich notierte in meinem Gedächtnis, der Fabrik einen Besuch abzustatten.

Schließlich kam ich auf zwei Menschen zurück, die wohlhabender Natur zu sein schienen: Nadia Gromow und Lee Green. Mrs. Gromow, eine junge Freundin von Mrs. Iwanowna, ist seit Jahren mit ihr befreundet, aber nicht sonderlich gut. Ihr Wohnsitz war jedoch nicht im gesuchten Ort.

Mr. Green hingegen war mal Mrs. Iwanownas Nachhilfelehrer in der Schulzeit gewesen. Er war bereits einige Jahre älter, arbeitete als Dozent an einer Privathochschule. Ist dann aber letztes Jahr in Rente gegangen. Wieso war ein Nachhilfelehrer in diesem Stapel? Hatte Mrs. Iwanowna vielleicht eine Affäre mit ihm gehabt und sah ihn noch regelmäßig? Seine wohnhafte Adresse war leider auch ganz woanders. Aber nichtsdestotrotz recherchierte ich die Familienverhältnisse beider Parteien und siehe da:

Mr. Green hatte eine Exfrau, die in genau diesem Örtchen lebte, wo Ethan und ich uns heute Mittag etwas umgeschaut hatten. Die Adresse war eindeutig. Ich speicherte sie ins Handy und packte meine Sachen.

 

Es war vermutlich nicht sehr klug alleine mit einer geprellten Rippe in das vermeintliche Nest russischer Gangster zu fahren, aber ich war neugierig. Und ich wollte wissen, ob ich richtig lag. Ich wollte – nein ich brauchte die Bestätigung.

Als ich ankam, dämmerte es bereits. Die Sonne stand schon am Horizont und läutete den frühen Abend ein. Die Straßenlaternen ging nacheinander an. Die Straße, in der das Haus stehen sollte, war ruhig. Einige Autos fuhren an mir vorbei, ansonsten war es eine reine Wohngegend. Schön gehalten mit kleinen Vorgärten und gepflegten Häuserfronten. Modern und doch irgendwie dem üblichen Häuserstil treu. Meine Hände zitterten etwas, als ich mich der Adresse näherte.

Schließlich blieb ich einige Meter davon entfernt stehen. Es brannte Licht im Haus, doch man konnte nichts erkennen. Die Jalousien waren heruntergezogen. Ich hätte mich an das Fenster stellen müssen, um durch die kleinen Schlitze hindurchsehen zu können. Alles schien ruhig. Vor dem Haus parkte auch kein schwarzer Van, sondern ein ganz normaler Mittelklassewagen. Was mich allerdings stutzig machte, waren die Kleinigkeiten: keine Dekoration, nichts war weihnachtlich geschmückt. Das Auto war auch einfach gehalten, sehr gut gepflegt, ohne Plüschtiere oder anderen Schnickschnack. Der Garten allerdings sehr robust, ein bisschen Unkraut hier und da, keine Blumen, sondern nur Grün, was einfach zu pflegen war. Nach dem Geldeinfluss, den Mrs. Green und Mr. Green hatten, hätte man sich einen Gärtner leisten können. Doch es schien nicht von Wichtigkeit zu sein, ob der Garten gut aussah oder nicht. Das Auto hingegen war penibel und sauber. Keine Spuren von weiblichem Einfluss. Weder das Haus, noch das Auto, noch der Garten. Entweder war Mrs. Green also nie zu Hause und sie scherte sich auch wenig darum, wie ihr Haus aussah, und hatte offensichtlich eine Vorliebe für Autos – oder Mrs. Green lebte hier gar nicht mehr, sondern Mr. Green.

Meine Neugierde stieg mit jeder neuen Information, die ich aus dem Anwesen bekam, also schnappte ich mir meine Waffe, steckte sie in die Halterung an meinem Brustkorb und stieg aus. Der Wind war kalt, aber trocken. Kein Schnee oder Regen in Sicht. Also schlich ich so leise wie möglich zum Haus. Die Nachbarschaft war still, ich ging davon aus, dass mich niemand gesehen hatte.

Schnell wuselte ich mich durch den Vorgarten und huschte hinter eine Hecke, um in den hinteren Bereich des Hauses zu gelangen. Dort sah der Garten noch ungepflegter aus. Das Gras wuchs in alle Richtungen. Hier war länger niemand mehr gewesen. Das Haus diente einem anderen Zweck. Das Auto stand da nur zur Tarnung. So viel war klar.

Mit der Hand ständig an der Waffe, kroch ich an den hell erleuchteten Fenstern vorbei und erreicht schließlich die Hauswand mit der Schiebetür zum Wohnzimmer. Man hörte keine Stimmen, auch keinen Fernseher oder Musik. Entweder war das Haus wirklich gut Schallisoliert oder –

Ich wurde grob am Kragen gepackt und in die Mitte des Gartens geschleudert. Das kalte Gras schlug mir dabei unangenehm ins Gesicht. Trotz der kurzen Orientierungslosigkeit zog ich meine Waffe und richtete sie auf die dunkle Gestalt, die ebenfalls bewaffnet am Haus stand.

Mein Puls schlug enorm schnell gegen meine Haut. Die Hände zitterten noch immer vor Aufregung. Selbst im Knien wankte ich. Nahkampf war wirklich nicht meine Stärke.

»Alexej Wolkow, richtig?«, rief ich und stand mit etwas wackeligen Beinen auf. Der Mann, der offensichtlich Wolkow war, antwortete nicht, sondern starrte mich mit leicht aufgerissenen Augen an. Seine Aura versprühte eindeutig Feindseligkeit. Der Blick war starr auf mich gerichtet. Das waren die Augen eines Psychopathen.

»Wo ist Irina Iwanowna?«, fragte ich, in der Hoffnung, er würde mir einen Hinweis geben. Ein Blick, ein Muskelzucken oder sonst etwas. »Ist sie da drin? Lebt sie noch?«

Erneut antwortete er nicht. Stattdessen kam er auf mich zu. Die Waffe noch immer in der Hand, aber nicht auf mich gerichtet.

»Stehen bleiben!«, rief ich und griff die geladene Waffe mit zwei Händen. »Oder ich schieße!«

Wolkow blieb tatsächlich für einen Moment stehen. Vermutlich beobachtete er, wie sehr meine Hände und damit die Pistole zitterten. Seine Mundwinkel zuckten für einen Moment.

Allein deswegen hätte ich schon gerne geschossen. Machte er sich etwa über mich lustig? Nur, weil ich Menschen nicht sofort zerfleische, wenn ich sie sehe? Und vielleicht etwas nervös bin, wenn ich vor genau so einem Monstrum stehe, dass so etwas tut?

» Прочь отсюда«, sagte er in seiner dunklen, etwas beängstigenden Stimme. »Или я причиню тебе боль.«

»Ich verstehe kein Russisch«, raunte ich angespannt und formte meine Augen zu schlitzen. »Scheiße, verstehen Sie mich überhaupt? Sprechen Sie englisch?«

Erneut kam Wolkow einen Schritt auf mich zu. »Fuck, stehenbleiben!«, schrie ich panisch und schoss auf den Boden vor mir. Wolkow schien weniger erschrocken gewesen zu sein als ich. Er pirschte vor, griff nach meiner Waffe und verdrehte mir mein Handgelenk. Ich musste loslassen.

Danach ging alles sehr schnell. Er schlug auf mich ein, ich schlug auf ihn ein. Ich traf ihn ein paar Mal in der Magengegend, was ihn schmerzerfüllt husten ließ. Dafür traf er mich im Gesicht, meine Lippe platzte auf. Ich schmeckte sofort Blut und hatte Angst, er hätte mir einen Zahn ausgeschlagen. Oder zwei.

Ich versuchte immer wieder an meine Waffe zu gelangen, doch er packte mich ständig erneut am Kragen und warf mich zu Boden. Er schlug weiter auf mich ein – meine Rippe schmerzte in jeder Sekunde. Das Adrenalin in mir half, dass ich nicht wie ein ängstlicher toter Fisch im Gras lag, sondern mich so gut es ging verteidigte.

Wolkow wiederholte hier und da seine Worte von vorher, die ich immer noch nicht verstand. Energisch und donnernd, wie man es sich bei einem wütenden Russen vorstellte. Er fluchte, als ich ihn in die Weichteile traf. Nicht mein bester Schachzug, aber es ging hier um Leben oder Tod. Ich nutzte die kurze Pause, um von ihm wegzukommen und meine Waffe zu suchen. Doch in dem dunklen Gras, der spärlichen Beleuchtung und der panischen Hektik, fand ich sie nicht. Stattdessen erinnerte ich mich an das Messer an meinem Gürtel. Ich fummelte es heraus, schaffte es gerade so, die Klinge rauszuholen, da warf mich der Koloss von Mann um. Mein Kopf schlug unangenehm auf den kalten Rasen auf, während ich mit den Händen vor mir her fuchtelte, um Wolkow auf Abstand zu halten.

Ich schaffte es, ihm mit dem Messer am Arm zu treffen. Eine tiefe Schnittwunde, die sofort stark blutete. Er fluchte auf und griff nach seiner Waffe.

Das war’s, dachte ich und versuchte noch, mich aus seinem Griff herauszuwinden. Er packte mich, während ich mich auf allen Vieren befand, drückte mich auf den Boden mit einer Hand und schoss vier Mal in den Boden um meinen Kopf herum.

Ich zitterte. War still. Wartete auf den Gnadenstoß. Doch bis auf das laute Piepsen in meinem Ohr, vernahm ich nichts.

Wolkow hatte mich noch immer auf den Rasen gedrückt, tat aber sonst nichts. Ich hatte noch immer die Augen zugekniffen und wartete auf meinen Tod. Schließlich spürte ich Wolkows unregelmäßigen und heißen Atem an meinem Ohr.

Ich riss die Augen auf und sah die Grashalme vor meinem Gesicht an, während er mir finster zuflüsterte:

»Прочь отсюда. И не возвращайся.«

Gänsehaut bildete sich auf meiner Haut. Ich verstand kein Wort. Was hatte er gesagt?

Noch ehe ich darüber nachdenken konnte, wie gelähmt ich eigentlich war, löste sich Wolkow von mir und stand auf. Ich traute mich nicht aufzublicken. Ich traute mich auch nicht, ihm hinterherzusehen. Irgendwann war einfach alles still.

Nach mehreren Minuten, in denen das Licht im Haus ausging und man mehrere Schritte im vorderen Bereich vernahm, fuhr das Auto weg. Wolkow war einfach so gefahren. Mit Mrs. Iwanowna? Ohne sie? Mit jemand anderem? Wieso war niemand herausgekommen und hat ihm geholfen?

Ich konnte mich kaum bewegen. Alles tat mir weh. Und ich zitterte noch immer. Der Schreck saß tief.

Er hatte mich erneut verschont. Stattdessen hatte er mir eine Warnung zukommen lassen, die ich nicht verstanden habe. Mit Puddingbeinen begab ich mich zur Fensterfront des Hauses. Ohne das Licht sah ich rein gar nichts. Also beschloss ich Verstärkung anzufordern.

 

Und zu hoffen, dass Wolkow nicht zurückkam.

7 – Suspekt

Die Verstärkung kam dann recht fix, sobald sie meine zitternde Stimme ‚Wolkow‘ sagen hörten. Freya selbst erschien und inspizierte das Haus. Es war möbliert, aber soweit leer. Ethan legte mir eine Schockdecke um und reichte mir einen warmen Kaffee, den ich mit noch immer wackelnden Händen annahm.

»Du hast so unfassbares Glück, Kyle«, bemerkte er trocken und rieb über meinen Rücken, um mich zu wärmen. Eine liebevolle, wenn auch seltsam nahe Geste. »Du bist Wolkow zwei Mal entkommen. Ich glaube, das hat noch nie jemand geschafft.«

Ich nickte einfach stumm und sah dabei zu, wie die Spurensicherung Fingerabdrücke und anderes DNS Material nahm. Gerade, als ich mich zu entspannen versuchte, kam Freya auf mich zu. Ihr stierer Blick und die extrem aufrechte Haltung verrieten mir, dass sie wütend war.

»Mr. Lewis«, begann sie zischend wie eine Schlange, als sie vor Ethan und mir stehen blieb. »Wieso sind Sie alleine hierher gekommen, wenn Sie geahnt haben, dass die Subjekte sich hier befinden?«

»Ich war mich nicht sicher und wollte nur die Lage sondieren«, murmelte ich leise und tat so, als würde ich mich für meine Tat schämen. Dabei war ich Lichtjahre davon entfernt mich auch nur in irgendeiner Weise schuldig zu fühlen. Immerhin hatte ich ein Nest zerstört. Hier würden sie nicht wieder herkommen.

»Keine Alleingänge mehr von nun an«, raunte sie mich an und zeigte mit dem Finger auf mich. »Ab sofort melden Sie jedes Detail der zuständigen Stelle – nämlich mir. Ich werde dann bei ausreichend Hinweisen ein Einsatzkommando hinschicken, was sich darum kümmert. Wir sprechen hier immerhin von Geiselnahme. Mit solchen waghalsigen Aktionen bewirken Sie rein gar nichts, Mr. Lewis. Außer Ihren eigenen Tod.«

In dem Moment konnte ich auch an nichts anderes denken. Wie ich dem Tod von der Schippe gesprungen war. Weil Wolkow es so wollte. Weil er mir erlaubt hatte, weiterzuleben. Seine Warnung verstand ich trotzdem nicht. Ich sollte vielleicht anfangen, Diktiergeräte laufen zu lassen, sollte ich ihm noch einmal unterkommen, um dann das Gesprochene übersetzen zu lassen. Aber eigentlich wollte ich Wolkow nicht noch einmal unter die Augen treten.

Als ich einfach vor mich hin schwieg und apathisch in eine Ecke starrte, seufzte Freya auf und übergab Ethan die Unterlagen für den Bericht. Ein stummes ‚Du interviewst ihn‘.

Sobald sie weg war, drehte sich Ethan zu mir um und tat das, was man von ihm verlangte. »Fühlst du dich stabil genug, mir zu erklären, was passiert ist?«

»Echt jetzt, Ethan? Du willst jetzt den Bericht schreiben? Den kann ich dir morgen selber schreiben.«

»Aber jetzt ist es noch frisch. Nur kurz. Was du noch weißt«, versuchte er es vorsichtig weiter. Seine Stimme war sanft und liebevoll – er wollte mich nicht verärgern. Nur vermeiden, dass er Freya verärgerte. Ich seufzte kaum hörbar und blinzelte in den hinteren Garten, wo Wolkow mich in der Mangel hatte. Meine Lippe tat weh. Das Blut in meinem Mund war noch eindeutig zu schmecken.

Ich erzählte Ethan, was nötig war. Dass er mich überrascht hatte, als ich das Haus inspizieren wollte. Dass er nicht auf mich schoss, mich dafür aber wieder ordentlich zurichtete. Dass ich ihn jedoch am Arm getroffen hatte und das definitiv eine Narbe geben würde. Als ich zu dem Punkt kam, dass er erneut auf Russisch mit mir gesprochen hatte, fragte Ethan nach.

»Ich habe keine Ahnung«, wiederholte ich gereizt. »Ich kann kein Russisch!«

»Aber vielleicht kannst du die Wörter nachsprechen? Ich frage dann jemanden bei uns, der Russisch kann. Vielleicht erkennt er das Wort!«

Immer wieder öffnete ich den Mund und schloss ihn wieder. Mein Gehirn suchte nach den richtigen Vokalen und der richtigen Aussprache. Irgendwie bekam ich dann ein fades Wort zustande.

»Er hat mehrmals sowas wie ‚Prochatsuda‘ gesagt. An den Rest kann ich mich nicht erinnern. Das ging viel zu schnell.«

Ethan lächelte mich aufmunternd an. »Das ist doch schon mal was!« Schnell notierte er sich mein Kauderwelsch auf den Zettel. Ich bezweifelte, dass irgendein Muttersprachler das verstehen würde, aber einen Versuch war es wert.

Nachdem mich noch gefühlt zehn weitere Personen gefragt hatten, ob es mir gut ginge und ob ich ärztliche Unterstützung benötigte, schlich ich mich davon. Auch wenn ich ein ungutes Gefühl hatte, alleine ins Auto zu steigen, mit Puddingbeinen, zittrigen Händen und einer Jahres-Dosis Adrenalin im Blut zu fahren, kam ich heil zu Hause an. Dort wartete niemand auf mich. Die Wohnung war dunkel und leer.

Ich schnappte mir die Rotweinflasche und ertränkte meinen Frust am Wohnzimmerboden. Dort hockte ich wie ein armer Irrer, mit Blut im Gesicht, schmerzenden Knochen und der kompletten Polizeiausrüstung, die ich zum Einsatz anhatte. Nur langsam schälte ich mich aus der kugelsicheren Weste. Erste Hämatome machten sich bemerkbar. Ich entschloss mich, morgen krank zu sein. Meine Nerven lagen noch blank – ich hatte keine Lust mich in ein paar Stunden schon wieder mit nervenden Kunden rumzuschlagen.

Noch in der Nacht schrieb ich meinem Chef eine SMS, dass ich nicht kommen würde und dass es mir leid tat. Irgendwann schlief ich dann neben meiner Weinflasche aus Erschöpfung ein.

 

Am nächsten Morgen konnte ich mich kaum vom Boden erheben. Ich dachte daran einfach wie eine gestrandeter Wal auf dem Wohnzimmerteppich liegen zu bleiben und den Rest meines Lebens die weiße Decke anzustarren, während ich gequälte Laute von mir geben würde. Doch mein Verlangen nach einer Dusche wurde stärker, als der Drang liegen zu bleiben. So erhob ich mich letztendlich doch vom Teppich, streifte jegliche Kleidung von meinem Körper und begab mich ins Bad. Dort sah ich dann das Ausmaß der gestrigen Schlägerei. Hämatome, Quetschungen und einige Kratzer an den Bereichen, wo keine Kleidung lag. Meine Lippe geschwollen und ein wenig blutunterlaufen. Die Verletzung war Gott sei Dank auf der Innenlippe, sodass ich nur ein wenig das Flair von Drag Queen mit Lippenstift hatte, anstatt einer vermöbelten Drag Queen mit Lippenstift.

Die Dusche war Segen und Hölle zugleich. Alles tat weh, alles schmerzte, aber danach fühlte ich mich wenigstens wie ein sauberer Invalider. Ich schmiss mir sofort danach mit einer großes Tasse Kaffee ein paar Schmerztabletten ein. Beim Anblick der Blisterpackung musste ich schmunzeln. Ob Santa heute da war? Und ob er mich heute vermissen würde? Ach, dachte ich, so ein Quatsch. Er weiß doch gar nicht, wann du arbeitest. Wieso sollte er dich dann vermissen?

Ein ganz kleiner Teil in mir flüsterte jedoch:

Was, wenn er dich doch vermisst? Was würdest du dann tun? Ihn näher kennenlernen? Er ist der Weihnachtsmann, aber das stört dich nicht, richtig? Weil er Interesse an dir zeigt – so oft wie er in seiner wenigen freien Zeit im Center bei dir war? Das subtile Lächeln, die Schokolade und die intensiven Blicke. Du kannst es nicht dementieren: er gefällt dir.

 

Da ich nicht vorhatte, den Tag alleine zu Hause mit elendigem Jammern zu verbringen, fuhr ich ins Büro, wo man mir wenigstens dabei zuhören konnte.

»Man, Kyle, du solltest doch zu Hause bleiben«, seufzte Ethan, als er mich reinkommen sah. Ich schlurfte meinen Weg zum Schreibtisch, wo erneut neue Unterlagen platziert worden sind.

»Mrs. Iwanowna ist noch immer eine Geisel. Da ist keine Zeit für Wehwehchen.«

Mein Kollege warf mir einen argwöhnischen Blick zu. »Du weißt schon, dass man dich ersetzt hat? Zumindest so lange du im Krankenstand bist.«

Ich hob beide Augenbrauen an. Wie gut, dass ich diese Information mal wieder auf drittem Wege bekam. »Ersetzt? Durch wen?«

»Keine Ahnung«, murmelte Ethan und klappte sein Comicbuch zu. »Ich glaube, Freya nimmt sich dem persönlich an. Wir sind zurzeit ziemlich überlastet. Dass du ausfällst, gefiel ihr nicht so.«

»Ja, dass sie wütend auf mich war, habe ich gemerkt«, schnaubte ich genervt aus und presste die Lippen aufeinander. Dass Freya einen Fall selber übernahm, machte mich skeptisch. Normalerweise hielt sie sich aus allem raus – jedenfalls wörtlich gesprochen. Ihre schönen Finger wurden nur in etwas Dreckigem reingehalten, wenn es wirklich nicht anders ging oder es unbedingt nötig war. Also entweder machte sie sich wirkliche Sorgen um Irina Iwanowna, sodass sie selber Hand anlegte, oder ein Vorgesetzter hatte Druck gemacht. Zweiteres klang wesentlich wahrscheinlicher als ersteres, wenn man ihre sonstige Einstellung zu Opfern berücksichtigt. Die klang ungefähr so: Ist mir scheiß egal.

»Ich bin trotzdem hier, um weiter am Fall zu arbeiten«, sagte ich schließlich und schlug die Akten auf. Neue Personen, nicht wirklich etwas Neues. Wir wussten bereits, dass Mr. Green in der Sache verwickelt war. Oder seine Ex-Frau. Oder beide.

»Sie hat dich auch nicht wirklich zu 100 Prozent ersetzt. Du sollst sicherlich trotzdem noch ein paar Sachen übernehmen im Fall Iwanowna. Sie ist nur besorgt.«

Das ließ mich aufschauen. »Besorgt?«

Ethan zuckte die Schultern. »Sie sprach gestern, als du schon weg warst, davon, dass Wolkow sonst keine Überlebenden hinterlässt. Schon gar nicht schnüffelnde Geheimagenten. Sie vermutet, dass es der Beginn eines Größeren war. Oder eben ein Teil davon.«

Ich entließ angespannt Luft aus meiner Nase. »Klingt nicht nach Sorge. Klingt mehr nach Unmut.«

Mein Kollege sah mich fragend an, sagte aber nichts. Als nichts weiter kam, nahm ich es als Aufforderung mich zu erklären.

»Sei ehrlich, Ethan, es klingt eher nach Skepsis. ‚Wieso hat Wolkow meinen kleinen Agenten nicht umgebracht?‘. Genau das wird ihr im Kopf rumschwirren. Was ja auch verständlich ist – es ist seltsam, dass er mich am Leben gelassen hat. Wenn man bedenkt, dass ich derjenige bin, der ihm schon zwei Mal das Leben zumindest für ein paar Minuten schwer gemacht hat.«

Mein Ego lachte leise auf und korrigierte mich sofort, dass es sicherlich keine Minuten, sondern eher Sekunden waren, in denen Wolkow mir erlaubt hatte, irgendetwas gegen ihn zu tun. Es war eine Art Spiel, was er mit mir spielte. Ich hatte nur noch nicht ganz die Regeln verstanden.

Als Ethan weiterhin schwieg, seufzte ich erneut und wedelte mit der Hand, als könne ich damit meinen Standpunkt besser erläutern. »Sie hat vermutlich Angst, ich mache meinen Job nicht gut genug und Wolkow hat einfach nur Mitleid mit mir, weil ich so erbärmlich bin. Worst case wäre, wenn sie glauben würde, ich stecke mit denen unter einer Decke.«

»Wieso sollte sie das glauben?«, fand Ethan schließlich seine Stimme wieder.

Da zuckte ich mit den Schultern. »Ich weiß es nicht.« Und ich wusste es wirklich nicht. Doch wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, wäre es genau das, was mir durch den Kopf fliegen würde. Da läuft ein Mörder durch die Gegend, der dafür bekannt ist, kein Erbarmen zu zeigen und die Opfer mit Händen aufzureißen – und da ist ein kleiner Agent, der eigentlich im Verdeckten arbeiten sollte, ihm aber trotzdem aufgrund misslicher Zufälle schon zwei Mal in die Arme gelaufen ist und trotzdem noch lebte. Das klang in jedermanns Ohren falsch.

Ethans Blick wanderte auf den Schreibtisch vor ihm, wo sein Comic Heft unter seiner Hand lag. Er schien nachzudenken. Ob über meinen kurzen Essay, wie ich in kurzer Zeit das Vertrauen jedes SIS Mitarbeiters verlieren könnte, oder über meine Gedanken zu Freyas Verhalten – er war ganz tief drin. Schließlich sahen seine Augen zu mir auf und suchten etwas in meinem Gesicht. Während wir beide uns so anstarrten, wuchs die Ungewissheit in mir. Dachte er wirklich, ich würde mit den Russen zusammenarbeiten? Würde er mich anzweifeln? Und mich bei Freya anschwärzen? Oder würde man mir ab sofort einen Kollegen auf den Hals setzen, der mich beobachten würde, um festzustellen, ob ich tatsächlich mit den Russen interagieren würde?

Schließlich knirschte Ethan mit den Zähnen und spannte den Kiefer an. »Vielleicht hast du Recht.«

Ich räusperte mich und fragte höflich nach. »Womit?«

»Mit deiner Vermutung, dass Freya dir nicht mehr so traut.«

Ein trauriges Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. »Ach ja?«

»Sie will den Fall selbst übernehmen, weil sie denkt, du würdest mit diesen Alleingängen die ganze Sache ins Wasser ziehen. Dich einfach so vom Fall abziehen, wäre jedoch nur Ansporn für dich, erst recht weiter zu machen. Deswegen will sie jetzt jemand anderes suchen und drauf ansetzen. Bisher will den Fall aber niemand übernehmen, seitdem bekannt ist, dass Alexej Wolkow dahinter steckt.«

Nach Ethans Worten, ließ ich auch meine Zähne knirschen. »Hat sie dir das gesagt?«

»Ja«, murmelte Ethan und kratzte sich verlegen im Nacken. »Vertraulich, hieß es, aber nicht unter Verschluss. Also… dachte ich…«, er druckste noch einige Mal weiter, bis er den Kopf schüttelte und dabei einige Strähnen seiner Haare ins Gesicht fielen, »Kyle, du bist mein Freund. Auch wenn du das nicht so siehst, ich will dich nicht ins Messer laufen lassen. Aber ich will auch nicht, dass du in ein echtes Messer läufst – vorzugsweise das von Wolkow. Also lass es gut sein, okay?«

Er und Freya hatten Recht. In mir wuchs der Drang, genau das zu tun. Ins Messer von Wolkow zu laufen. Nicht unbedingt wörtlich, aber ich wollte den Fall lösen. Ich wollte Wolkow aufspüren, ihn zur Rede stellen, Irina Iwanowna retten und am Ende des Tages mit einem guten Gefühl in eine Bar gehen, um mich ins Nirvana zu saufen.

Ethan wartete geduldig auf meine Antwort, bis ich schließlich langsam anfing zu nicken. »Sicher«, war dann meine knappe Antwort auf seine Bitte. »Ich würde nur trotzdem noch gerne dabei sein. Vom Schreibtisch aus. Du weißt schon.«

»Kyle…«, seufzte Ethan und schüttelte den Kopf. »Steig doch einfach aus. Vielleicht bekommst du ja einen anderen Fall?«

Und ab dem Zeitpunkt bekam ich langsam das Gefühl, dass Freya Ethan darauf angesetzt hatte, mich zu überreden, alles zu schmeißen. Denn auf sie würde ich niemals hören. Auf Ethan schon eher.

Aber auch hier roch ich den verdorbenen Braten mehrere Meter gegen den Wind. »Ich denke darüber nach.«

Damit stand ich auf, nickte meinem Kollegen zu und humpelte aufgrund meiner Gliederschmerzen Richtung Aufzug. Anstatt jedoch nach oben zum Ausgang zu fahren, fuhr ich runter in die Zellenabteile. Dort angekommen traf ich sofort das neue Mäuschen vom letzten Mal. Als sie mich sah, entgleisten alle ihre Gesichtszüge.

»Mr. Lewis«, begann sie zitternd und sah sich nervös um. »Ich muss Sie bitten, zu gehen.«

»Hallo«, begrüßte ich sie freundlich und lächelte, so gut ich mit meiner noch geschwollenen Lippe konnte. »Ich darf also immer noch nicht zum Gefangenen? Sergej Kusmin?«

Sie schüttelte energisch den Kopf. »Anweisung… von oben.«

Ich nickte verständnisvoll und steckte meine Hände in die Hosentaschen. »Ich verstehe. Und aus welchem Grund genau?«

Die junge Dame zögerte, als wäre sie sich nicht sicher, ob sie überhaupt befugt war, mir irgendwelche Informationen zu geben. Der Grund für mein Besuchsverbot oder das Rezept für Vanillekipferl – beides hätte sie vermutlich in der ihrigen Verfassung gleichermaßen erschüttert.

»Ich darf nicht einmal den Grund erfahren?«, lachte ich, als wäre ich empört über diese Unverschämtheit. »Ist es, weil ich den Mann angeschossen habe und man vermutet, dass er gewalttätig werden könnte?«

Sie holte tief Luft, als würde sie mir auf meine Suggestivfrage eine Antwort geben wollen, doch sie schwieg weiterhin und entließ die Luft einfach wieder.

Da trat ich ein Stück näher an sie heran, um sicher zu stellen, dass niemand unser Gespräch mitbekommen würde. »Oder«, begann ich flüsternd und lehnte mich zu ihr, »hat es mit den Vermutungen zu tun, dass ich in irgendeiner Verbindung zu Wolkow stehe und er mir eventuell etwas verraten könnte, was ich nicht wissen dürfte?«

Schlagartig wurde sie bleich. Sie sah nach unten, suchte förmlich nach Worten, als würden sie geradewegs durch ihre Schuhe fließen, wenn sie nur lang genug auf dem Boden starren würde. Als nach mehreren Sekunden nichts passierte und ich eher das Gefühl hatte, die gute Frau erschreckt zu haben, winkte ich ab und setzte wieder meine freundliche Maske auf. »Alles gut, ich mache nur Witze. Sie wissen ja, sowas passiert gerne mal in Filmen. Wollte sie nur foppen. Sie sind ja immer noch neu.«

Da blickte sie wieder auf und lächelte schwach. Es war ein gezwungenes Lächeln, welches ihre sonst glatte Haut in Falten warf. »Darf ich Ihren Namen erfahren?«, fragte ich höflich, ohne irgendwie durchscheinen zu lassen, dass ich sie recherchieren werde.

Erneut suchte sie nach Worten, als hätte sie vergessen, wie sie hieß. Vermutlich stand diese Frage im ähnlichen Licht wie die nach dem Grund meines Besuchsverbot und der Vanillekipferl. Doch überraschenderweise fand sie ihre Stimme wieder. »Molly Smith.«

Oh, was für ein einfacher und üblicher Name. Das arme Kind. »Okay, Molly«, betonte ich ihren Namen besonders deutlich, »entschuldigen Sie meine Reaktionen. Ich bin einfach nur neugierig. Immerhin … habe ich den Mann angeschossen, richtig?«

Mit einem Zwinkern streifte ich schließlich ab und verließ das Gebäude.

Auf dem Heimweg überlegte ich, ob ich nicht noch einen Tag krank sein sollte, doch ich entschied mich dagegen. Irgendwie war mir nach Arbeiten in einem sichereren Umfeld.

 

Und in einem schöneren noch dazu. Besonders, wenn der Ausblick aus dem Schaufenster gegen Nachmittag immer so unterhaltend war.

8 – Glühwein

Mit einem Schal versuchte ich die schlimmsten Kratzer zu verdecken. Meine Lippe war nicht mehr so arg geschwollen, sodass ich zumindest nicht mit einem riesigen Hämatom im Gesicht hinter der Kasse stehen musste. Mein Chef war sauer, dass ich so kurzfristig krank gemacht habe, revidierte jedoch seine Aussage, als er meine lädierte Fassung mit den tiefen Augenringen sah.

»Herrje, Kyle«, sagte auch Cindy, als sie mich hinter der Kasse das Geld einsortieren sah. »Was ist denn passiert? Bist du noch krank?«

Ich ließ das Kleingeld vorsichtig zurück in das Fach der Kasse fallen und antwortete, ohne dabei aufzusehen. »Ich fühle mich noch etwas ausgelaugt. Meine Nacht war etwas kurz.«

»Was hast du denn?« Die unterschwellige Botschaft war eher ‚Ist es ansteckend?‘.

Da sah ich auf und bemühte mich um ein Lächeln. Vermutlich war es extrem verkrampft, denn auch wenn man meiner Lippe nicht unbedingt ansah, dass sie kaputt war, so war sie es trotzdem. »Nur Glieder- und Muskelschmerzen. Vermutlich vom Sport, den ich seit Ewigkeiten mal wieder gemacht habe«, log ich was das Zeug hält. »Das geht sicher schnell vorbei.«

Cindy nickte daraufhin einfach nur und dampfte ab.

 

Weihnachten rückte näher, so auch die Panik der Menschen, schnell noch Geschenke einkaufen zu müssen. Die Läden waren vollgestopft und wie jedes Jahr fragte ich mich, woher die Leute das ganze Geld haben, um sich mal eben einen knapp 2000 Pfund teuren Mantel zu kaufen, der nicht einmal schön ist. Aber Frauenkleidung ist da sowieso anders. Ich würde vermutlich auch nicht auf meine Seidensocken verzichten wollen, die mich ein Vermögen im Jahr kosten, weil sie sich so schnell abtragen. Aber das war etwas vollkommen anderes. Redete ich mir jedenfalls ein, während ich zum wiederholten Male am Tag genau diese Jacke scannte.

Gerade als ich anfangen wollte, mich über den Tag zu beschweren und bereute, überhaupt gekommen zu sein, sah ich ihn unten im Erdgeschoss rumlaufen. In voller Montur quetschte er sich durch die Menschenmassen und reagierte wie immer sehr höflich, wenn eine Dame ein Foto machen wollte. Er wurde regelrecht umschwärmt. Von Kindern und Müttern gleichermaßen.

»Na«, raunte mit Cindy von der Seite ins Ohr. »Gehst du nachher wieder zu ihm?«

Ich tat so, als hätte ich keine Ahnung, wovon sie da sprach und hob die Schultern. »Wen meinst du?«

Sie verdrehte dabei nur die Augen. Quälend langsam und in einem Ausmaß, dass sie fast ihre Lider verlassen hätten. »Du weißt genau, wen ich meine, Mr. Ich-tu-so-als-hätte-ich-kein-Interesse-an-ihm-und-flirte-trotzdem.«

Nach dieser Aussage hatte sie in meinen Augen ihren Tagesbedarf an Sarkasmus aufgebraucht, den ich in einer Schicht ertragen konnte. Also drehte ich mich wieder weg und sortierte die Tragetaschen, solange nicht schon wieder zehn Kunden vor meiner Kasse standen.

Tatsächlich erwischte ich mich dabei, dass ich in meiner Pause wieder ins Erdgeschoss fuhr. Ich redete mir ein, dass ich mir einfach nur einen Glühwein holen würde. In meiner Arbeitszeit. Wie rebellisch.

Gerade, als ich mich an den vollen Stand anstellen wollte, hörte ich das dunkle Kichern hinter mir. Von dem lauten, aufgeregten Geflüster der Frauen, wusste ich, dass es Santa war, der da hinter mir stand und in den Bart kicherte.

»Sie trinken in Ihrer Mittagspause?«, hörte ich ihn in seinem schönen Akzent fragen. Erneut rollte er das R unglaublich erotisch.

Oh Gott, dachte ich, hör auf, Kyle. Das ist ziemlich unangebracht. Er ist der Weihnachtsmann.

Ich drehte mich um und nickte, während ich vermutlich das dümmste Lächeln des Jahrhunderts auf den Lippen trug. Denn einerseits wollte ich vor Peinlichkeit meiner Gedanken sterben und andererseits tat meine Lippe noch immer sehr weh.

»Normalerweise nicht, aber… die letzten Tage waren etwas anstrengend. Ein bisschen Glühwein hilft mit den Nerven runterzukommen.«

Eigentlich schuldete ich ihm keinerlei Rechtfertigung und trotzdem kramte ich nach weiteren in meinem Kopf, während er mich herzlich anlächelte. Seine warmen, braunen Augen starrten dabei intensiv in meine. »Ich normalerweise auch nicht«, begann er, »Aber Regeln sind ja bekanntlich da, um gebrochen zu werden.«

Ich entnahm der Aussage, dass er mit mir einen Glühwein trinken würde, da er einfach neben mir stehen blieb und sich in die Schlange einreihte. »Haben Sie also auch Pause?«

Er nickte, während er die Umgebung sondierte. »Ja, aber erneut nicht so lange. Meine Schicht geht in ein paar Minuten weiter.«

»Wie lange haben Sie denn?« Nicht, dass ich gerade anfing, die Minuten zu zählen, die wir hier sinnlos vor einem Glühweinstand verbrachten und die wir viel lieber irgendwo, wo es ruhiger war, hätten nutzen können.

»20 Minuten.«

»Ah, das geht ja. Ich dachte schon, Sie sagen jetzt zehn oder weniger. So haben Sie ja genug Zeit, den Glühwein auch zu genießen.«

»Ich hätte ihn auch in zehn Minuten genossen, auch wenn ich ihn vielleicht nicht ausgetrunken hätte«, sagte er sanft und verschränkte dabei seine Arme hinter seinem Rücken. »Es ist die Gesellschaft, die das Trinken so angenehm macht, nicht wahr?«

Oh.

Oh!

Das war deutlich. Das war sehr deutlich, dachte ich und räusperte mich unbeholfen. Meine Unfähigkeit mich in sozialen Situationen angemessen zu verhalten kam von Sekunde zu Sekunde immer weiter zum Vorschein. Ich hatte keine Ahnung, was ich darauf sagen sollte. Und je länger ich schwieg, desto eher hatte ich das Gefühl, Santa zu verärgern. Doch er nahm mein Schweigen anscheinend nicht als Beleidigung, sondern sah mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zur Bedienung des Glühweinstandes. Die Dame war in voller Hektik, erkannte ihn dann jedoch sofort (natürlich, er trug ein Weihnachtsmannkostüm und saß mehrere Stunden praktisch vor ihrem Stand) und wedelte ihn zu sich rüber. »Was kann ich dir bringen?«, fragte sie sofort und lächelte breit.

Santa bestellte zwei Glühwein mit Schuss und bezahlte sofort. Ich konnte ihm kaum aufgrund der Menschenmassen an die Theke folgen, sodass ich einige Meter entfernt stehen blieb, bis er mit den zwei Tassen auf mich zukam und erneut lächelte.

»Hier«, reichte er mir eine warme Tasse an. Vorsichtig griff ich danach und sah, dass er mehrere Ringe trug. Einer davon mit einem großen, schwarzen Stein. Die Fingernägel hingegen waren etwas heruntergekaut. Oder zumindest nicht gut gepflegt. Als würde er sonst einer handwerklichen Tätigkeit nachgehen.

»Ich gebe Ihnen das Geld, Moment«, sagte ich und suchte einen Platz, wo ich die Tasse abstellen könnte. Kurz überlegte ich, ihm die Tasse einfach wieder zurück zu geben, aber wie sollte er dann das Geld annehmen? Sollte ich es ihm einfach in den Mantel stecken? Das könnte er vielleicht etwas falsch verstehen.

»Nein, bitte, Sie sind eingeladen«, nickte er mir freundlich zu und stoß vorsichtig an, um nichts zu verschütten. »Cheers.«

»Cheers«, wiederholte ich und spürte meine Wangen rot werden. Dabei hatte ich noch nicht einen Schluck Alkohol zu mir genommen. Doch in der Sekunde, wo der Glühwein meinen Gaumen traf und ich den Rum schmeckte, der großzügig in der Tasse Platz gefunden hatte, fühlte ich mich ruhiger. Zumindest redete ich mir das ein.

Wir stellten uns ein wenig Abseits zum Stand an einen kleinen runden Tisch, der zufällig frei wurde. Wie immer wahrte Santa den persönlichen Abstand, den jeder Mensch brauchte, und drückte stattdessen eine andere Dame etwas zur Seite. Doch diese beschwerte sich nicht, sondern trank einfach weiter und unterhielt sich mit ihrem Mann.

»Schmeckt Ihnen der Glühwein?«, fragte er schließlich, nachdem ich wieder einmal für weitere Minuten sozial ungeschickt war und geschwiegen hatte.

Ich nickte und nahm zum Beweis einen weiteren Schluck. »Sehr stark. Da ist noch Rum drin, richtig?«

»Ich dachte, sie wollten vielleicht etwas mehr Ablenkung von ihren Nerven.«

Das ließ mich leise kichern. Doch den Mut, Augenkontakt aufzunehmen, fand ich nicht. »Da haben Sie genau richtig geraten.«

Zufrieden mit sich selbst trank auch Santa einen großen Schluck. Schließlich wagte ich es doch einen Blick zu ihm zu erhaschen. Er erwiderte ihn natürlich sofort, sodass ich versucht war, schnell wieder wegzusehen. Doch ich war kein kleines Kind, sondern ein erwachsener Mann, der bereits Erfahrungen mit anderen Männern hatte und deswegen keine Panikattacke bekommen sollte, nur weil ein gut aussehender Weihnachtsmann offenkundiges Interesse an mir zeigte.

Also zog ich viel zu laut Luft ein und hielt sie an, weil ich erst überlegen musste, was ich sagen wollte. Schließlich kam ein viel zu schnelles »Wo kommen Sie eigentlich her?« raus, was sich vermutlich in seinen Ohren wie ‚Wokommensieeigentlichher‘ angehört haben musste.

Er hob beide Augenbrauen und stellte seine Tasse ab, als hätte ich eine schwierige Frage gestellt. Schnell fuchtelte ich mit einer Hand in seinem Gesicht rum, um mich zu erklären. Die echte Erklärung folgte mit etwas Verzögerung.

»Ich frage nur, weil… Sie haben einen interessanten Akzent.«

Da lachte er auf einmal auf. Sein dunkles Kichern hallte in meinen Ohren. »Oh, vielen Dank«, sagte er, als hätte ich ihm ein Kompliment gemacht. Es war nicht unbedingt als eines gemeint, aber doch. Doch, eigentlich war es eins. »Ich komme ursprünglich aus Litauen, wohne aber schon seit einigen Jahren hier in London.«

»Oh, Litauen, schön«, sagte ich, als wüsste ich, wo genau Litauen läge. »Ich war noch nie dort, aber es ist sicher ein schönes Land.«

»Jedes Land hat seinen Charme, würde ich behaupten«, sagte er und nahm mir etwas den Wind aus den Segeln. Das Thema schien ihm nicht sonderlich zu passen. »Sie sind aus Großbritannien, schätze ich?«

Ich nickte und trank noch einen Schluck. Der Alkohol fing langsam an zu wirken. »Geboren und aufgewachsen bin ich in Oxford. Aber beruflich hat es mich dann nach London geholt.«

Er nickte und lächelte sanft, während ich ihm erzählte, wie sehr ich London liebte und wieso Oxford immer mein Zuhause bleiben würde. Auf einmal bekam ich Logorrhö. Erst, als ich merkte, wie Santa sich in Ekstase nickte, weil er mir damit zeigen wollte, dass er noch zuhörte, hörte ich abrupt auf über die Bibliothek in Florenz zu reden, die ich vor vielen Jahren mal besucht hatte. »Entschuldigen Sie«, hauchte ich peinlich berührt und trank den Glühwein aus. »Ich schwatze Sie so zu…«

»Nicht doch, ich höre Ihnen gerne zu«, sagte er die typische Antwort, die man aus Höflichkeit gab, auch wenn es nicht unbedingt stimmte. »Ihre Geschichten sind interessant. Ich war auch einmal in Florenz. Das ist aber viele Jahre her. Vermutlich ist die Stadt jetzt ganz anders.«

Ich lächelte vorsichtig und spürte meine Wangen heiß werden. »Vielleicht. Aber die alten Gebäude werden noch immer dort stehen, das kann ich Ihnen versichern«, kicherte ich bescheuert vor mich hin und fasste mir abwesend an die Lippe. Unbeholfen tastete ich das Innere ab und spürte dabei einen kleinen Hautfetzen, den mir Wolkow rausgeschlagen haben muss. Noch bevor ich daran ziehen konnte, sah mich Santa mit großen Augen an.

»Haben Sie sich verletzt? An der Tasse?«, fragte er hastig und untersuchte sofort den Tassenrand.

»Nein, nein«, beruhigte ich ihn. Meiner Einschätzung nach begann ich bereits etwas undeutlich zu sprechen. Das konnte aber auch an der Nervosität liegen. »Ich… ich bin vor zwei Tagen gestürzt und habe mir die Lippe aufgeschlagen. Nichts Schlimmes, aber unangenehm.«

Seine braunen Augen weiteten sich etwas. »Aber Ihnen ist sonst nichts passiert, oder?«

Seine Sorge war süß. Extrem süß, wie ich feststellen musste. Und ich war erschrocken darüber, wie egal mir der Bart und die weißen Haare auf einmal waren. »Alles in bester Ordnung. Ein paar blaue Flecken, mehr nicht.«

»Dann bin ich beruhigt.« Da kam wieder das Lächeln auf seinen Lippen, was mich ein bisschen dahinschmelzen ließ. Fiel ich gerade wirklich auf diese Masche rein? Auf die hier jeder reinzufallen schien? Das nette Lächeln, die kleinen Fältchen um die Augen, die braunen Hundeaugen und der große, starke Körper, der einen nicht nur über die Türschwelle, sondern einmal über den gesamten Kontinent tragen könnte.

Ja, dachte ich. Ich falle gerade enorm tief.

»Wie lange haben Sie noch Zeit?«, fragte ich leise und schielte dabei auf meine Armbanduhr. Nicht, dass ich ihn loswerden wollte. Ganz im Gegenteil.

Er schielte mit auf meine Uhr und kam mir dabei recht nahe. Sein Aftershave oder sein Parfüm (ich war mir nicht sicher) kroch dabei in meine Nase. Es war ein herber, wenngleich süßlicher Geruch. Warm. Irgendwie erdig. Und doch … frisch. »Fünf Minuten. Aber es wird sicherlich niemand etwas sagen, wenn ich noch fünf Minuten dran hänge.«

Dabei lächelte er mich dann sofort an und zwinkerte mir zu. Meine Wangen nahmen die Farbe des Glühweins an. Und weil mir nichts besseres einfiel, fragte ich ihn, ob er noch einen zweiten haben wollen würde. Ich würde ihn einladen.

Er überlegte, während er in seine Tasse sah. »Lieber nicht«, sagte er schließlich. »Ich sollte nicht so sehr nach Alkohol riechen, wenn ich Kinder bei mir habe.«

Oh Gott, ja, natürlich. Ich war auch manchmal beschränkt. Mir war es natürlich egal, ob ich für die Tussi gegenüber von mir wie ein halber Schnapsladen roch oder nicht. Meinem Chef würde das allerdings auch nicht gefallen. Also entschied ich mich ebenfalls gegen die zweite Runde.

»Aber«, begann Santa und kam einen kleinen Schritt auf mich zu, sodass sich unsere Ellenbogen berührten. »Morgen Abend ist die Weihnachtsfeier vom Center. Kommen Sie auch?«

Ich schluckte. Die Weihnachtsfeier. Die, die es jedes Jahr gab und die eigentlich niemand mochte, aber die alle dafür nutzten, sich sinnlos zu besaufen, weil das Center den Glühwein stellte. Normalerweise habe ich dieses Event gemieden wie die Pest, weil es jedes Jahr zu Eskalationen kam. Entweder haben der Chef und die Chefin zweier unterschiedlicher Läden miteinander rumgemacht oder zwei Lackaffen mussten sich prügeln. Irgendwas war immer. Und betrinken konnte ich mich auch zu Hause. Alleine. In glücklichem Beisein meiner selbst.

Doch ich fühlte, wie mein Kopf sich bewegte und ein klares Nicken zustande brachte. »Ja«, hauchte ich schließlich leise und hielt die Luft an.

Santa erwiderte das Nicken. »Sehr schön. Dann holen wir die zweite Runde doch gleich morgen Abend nach. Wundern Sie sich nicht: Sie werden mich sofort erkennen.«

Da hob ich eine Augenbraue. »Ja?«

»Ja«, wiederholte er. »Ich werde morgen zum Unterhaltungsprogramm beitragen. Es ist also halb Arbeit, halb Freizeit.«

Eine sanfte Erkenntnis streifte meinen Verstand. »Dann werde ich Sie also wieder nur verkleidet sehen?«

»Richtig«, lachte Santa und nahm langsam meine Tasse an sich. »Tut mir leid, Mr. Lewis. Ich bleibe wohl noch etwas länger ein Mysterium für Sie.«

Da musste ich auch lachen. Es war wohl der Alkohol, der da aus mir sprach, denn nüchtern hätte ich das nie durchgezogen. »Ich mag Mysterien, wissen Sie. Dafür brenne ich.«

Ich meinte eigentlich meinen Job – so als Wink mit dem Zaunpfahl, weil ich ja eigentlich nicht sagen darf, was ich als Zweitjob mache. Doch Santa (und vermutlich jeder andere auf diesem Planeten) verstand das natürlich ganz anders.

»Das sehe ich«, brummte er auf einmal in einer tiefen Stimme, während er meine Augen fixierte.

Wir starrten uns noch einige Sekunden an, bis er schließlich den Augenkontakt brach und mit beiden Tassen zum Glühweinstand ging. Ich versuchte in der Zwischenzeit meinen Atem zu regulieren und wieder etwas runterzukommen. So angetrunken war ich lange nicht mehr. Und nach nur einer Tasse Glühwein mit Rum? Niemals! Das musste etwas anderes gewesen sein.

Als Santa wiederkam, spürte ich die Hitze erneut aufkommen.

»Dann bis morgen, Mr. Lewis«, sagte er in einem Tonfall, den ich nicht ganz zuordnen konnte. Ich nickte einfach nur und sah ihm dann hinterher, wie er seinen Platz vor dem Tannenbaum einnahm und Kinder begrüßte.

Ich torkelte stattdessen wieder hoch in den Laden. Cindy roch natürlich sofort, dass ich Alkohol getrunken hatte und drohte mir damit, den Chef zu informieren, wenn ich nicht sofort jedes kleinste Detail über Santa und unser Gespräch erzählen würde. Also tat ich, was von mir verlangt wurde und erzählte ihr im Grunde gar nichts. Nur, dass er aus Litauen kam und ich ihn zugetextet hatte. Über unsere heimliche Verabredung morgen – sei sie noch so offiziell wegen der Weihnachtsfeier gewesen – verriet ich nichts. Ich wusste nämlich, dass Cindy auch die letzten Jahre nie erschienen ist. Und das sollte auch so bleiben, denn ich wollte Santa für mich alleine.

Und während ich mich wie ein trotziges Kind an Weihnachten anhörte, schielte ich immer wieder runter ins Erdgeschoss, wo er fröhlich Kinder begrüßte und bereitwillig von sich Fotos machen ließ.

Oh, dachte ich, da hat es mich wohl erwischt. Ein Typ, dessen Namen, Alter und Aussehen ich nicht kannte, hatte mich in einem Weihnachtskostüm von sich überzeugen können. Das hatten bisher nicht viele geschafft. Um genau zu sein: niemand.

 

 

9 – Kugelschreiber

Am nächsten Morgen erwachte ich bereits um fünf Uhr in der Früh. So aufgeregt war ich das letzte Mal, als ich mich zum ersten Mal mit einem Mann getroffen hatte und wusste, dass es auf Sex hinauslaufen würde. Es war schön und gleichzeitig furchtbar gewesen. Keiner von uns beiden konnte es wirklich genießen, weil wir viel zu aufgeregt waren. Ich hegte die stille Hoffnung, dass es am zukünftigen Abend anders laufen würde und der Alkohol meine soziale Unbeholfenheit etwas abschwächte. Nicht, dass ich auf Sex aus gewesen war.

Nachdem ich um fünf Uhr wach war, die Toilette besucht habe und mich todmüde hab wieder ins Bett fallen lassen, träumte ich von Santa. Wie ich auf der Feier war und ihn gesucht habe, doch ihn nirgendwo fand. Erst, als Cindy (die ja doch eigentlich gar nicht kommen wollte/sollte) mir zusteckte, dass Santa nicht als Santa unterwegs war, bekam ich Panik. Er saß die ganze Zeit irgendwo am großen Tisch und sagte nichts. Doch wieso sagte er nichts? War es ein Spiel? Musste ich ihn erkennen? Also bin ich fast zu jedem einzelnen Gast hin und habe ihm tief in die Augen gesehen. Alle wollten irgendwie an meine Wäsche, doch ich wollte auf ihn warten. Niemand konnte mir sagen, wer er ist und wie er aussieht. Alle kannten ihn nur unter Santa. Und ich wurde von Sekunde zu Sekunde nervöser, bis er schließlich hinter mir war – erneut als Weihnachtsmann. Ich war so froh, ihn wiederzusehen, dass ich mich sofort in seine Arme hab stürzen lassen und ihn küsste. Energisch. Voller Leidenschaft.

Deine großen Hände wanderten über meinen Körper. Auf einmal waren wir nackt. Immer, wenn ich in dein Gesicht sehen wollte, drücktest du es wieder runter. Schließlich wolltest du, dass ich mich umdrehte. Also tat ich, wie von mir verlangt und streckte dir meinen nackten Hintern entgegen. Es war erotisch und doch gab es mir ein Gefühl von Verletzlichkeit. Ich war dir ausgeliefert – und ich wusste doch noch nicht einmal, wer du warst!

Schließlich erwachte ich schweißgebadet und hatte den seltsamsten Ständer seit Langem. Ich war erregt und doch etwas panisch.

Schließlich kroch ich aus dem Bett und huschte unter die Dusche. Ich hatte etwas verschlafen, aber das war nicht weiter tragisch. Immerhin war ich offiziell noch krank und nach Ethans Aussage sowieso vom Fall abgezogen. Also ließ ich mir genüsslich viel Zeit beim Masturbieren unter der Dusche. Gott sei Dank dachte ich dabei nicht an Santa. Ich hätte sonst meinen Willen zu Leben verloren, wenn ich von nun an anfangen würde, zum Weihnachtsmann zu masturbieren – jedenfalls redete ich mir das ein.

 

Als ich ins Büro kam, überraschte mich Ethan mit einem strahlenden Gesicht. »Freya ist heute nicht im Büro! Was machen wir?«

Wie ein kleines Kind hüpfte er auf und ab. Seine Laune war nur bedingt ansteckend, also behielt ich die Fassung. Besonders in Hinblick auf meine gequetschten Knochen und Muskeln, die dank Wolkow noch immer reichlich schmerzten. »Wir sind hier nicht bei Kevin allein zu Haus, Ethan. Wir machen gar nichts.«

»Sicher?«, fragte er in der typischen Tonlage, die vermuten ließ, dass er etwas in Petto hatte, was er mir im richtigen Augenblick stecken würde.

Ich drehte mich zu ihm um, bevor ich mich an den Schreibtisch setzen konnte. Seine gute Laune machte mich etwas nervös, doch er bekam mich genau da hin, wo er mich haben wollte. Neugierig hob ich beide Augenbrauen. »Sicher?«, wiederholte ich seine Aussage und wartete, ob er mich noch länger auf die Folter spannen oder mich in seinen kindischen Plan einweihen würde.

Ethan grinste breit und griff sofort in seine Hosentasche, als hätte ihn dort eine Biene gestochen. Er holte ein kleines Stück Papier raus und übergab es mir breitwillig. »Hier!«

Ich nahm es etwas angespannt an und faltete es auf, sodass ich lesen konnte, was draufstand. »Eine Adresse? Von was? Irina Iwanownas Aufenthalt?«

»Nein«, seufzte Ethan sofort und verdrehte die Augen bis fast in den Hinterkopf. »Wir wollten doch keine Einsätze auf dem Feld mehr. Außerdem wir wissen auch gerade nicht, wo sie sich aufhält. Die Ermittlungen laufen noch.«

Ich nickte etwas enttäuscht und wartete auf die Aufklärung, wessen Adresse es dann war. Als Ethan mich nur weiterhin breit angrinste, verlor ich etwas die Geduld. »Ethan«, ermahnte ich ihn. Sein kindlicher Charakter drosselte sich trotzdem nicht.

»Die Kugelschreiberfabrik!«, lachte er aufgebracht. »Wo Irina Iwanowna gearbeitet hat! Ich habe herausgefunden, wo sie ist. Vielleicht können wir mal dorthin fahren und uns die Lage anschauen. Wenn wir unsere Marken ein bisschen rumwedeln, lässt man uns bestimmt mal rein. Eventuell gibt es ja Kollegen, die mehr wissen.«

Ich zuckte mit den Mundwinkeln. Eine gute Sache. Aber… »Wie war das mit ‚keine Direkteinsätze mehr‘?«

Mein Kollege hob die Schultern und steckte die Hände in die Hosentasche. »Wolkow und Co. werden sicherlich nicht dort sein. Wir sind also nur Besucher, die im Fall von Mrs. Iwanownas Verschwinden ermitteln. Ich denke nicht, dass wir in einer Kugelschreiberfabrik unter Beschuss geraten.«

Dem konnte ich zwar nur bedingt zustimmen – denn man wusste ja nie. Da ich meine Waffe jedoch stets bei mir trug, sollte sie als Sicherheit für den Ausflug genug sein. Bis unter die Zähne bewaffnet in eine normale Kugelschreiberfabrik einzudringen unter dem Vorwand nach einer russischen Geisel zu suchen, würde auch meine Aufmerksamkeit erregen, wenn ich gerade im Untergrund zutun hätte. Und was wir gerade am wenigstens gebrauchen konnten, war erneute Aufmerksamkeit.

Ich lächelte schließlich und steckte den Zettel in meine Jackentasche. »Nun gut«, sagte ich in einem freundlicheren Ton als zuvor und deutete mit einem Kopfnicken an, dass ich zum Ausgang gehen werde. »Begleitest du mich?«

Ethan nickte enthusiastisch. »Auf jeden Fall!«

 

Die Fabrik lag etwas abgelegen in einem Vorort. Rundherum kleine Häuschen und Wohnkomplexe, die vermutlich der Mittelschicht angehörten. Ein sehr ruhiger Ort. Selbst die Fabrik wirkte trotz ihrer lauten Maschinen von außen wie eine meditative Gebetsstätte. Erst, als man den Vorraum der Betriebshalle betrat, wurde es etwas ohrenbetäubend.

»Hier werden die Mienen hergestellt«, schrie uns der Fabrikleiter an, der uns netterweise hereingelassen hatte. Zwar blickte er etwas skeptisch, aber als Irina Iwanownas Name fiel, wurde er extrem freundlich und bat uns herein. Zwar interessierte ich mich herzlich wenig, wie Kugelschreiber hergestellt wurden – billige noch dazu – aber es diente als gute Ablenkung. Denn Ethan war hellauf begeistert und nickte, wann immer der Leiter uns eine neue Maschine zeigte, die jetzt noch schneller und noch mehr Kugelschreiberteile herstellte.

»Und wo genau hat Mrs. Iwanowna gearbeitet?«, unterbrach ich die Lobreden auf sein Unternehmen. Der bereits ältere Mann räusperte sich und duckte seinen Kopf ein Stück zwischen die Schultern, als würde er sich verstecken wollen.

Er zeigte schweigend mit der Hand in eine Richtung, in der wir gehen sollten. Nur schleppend begleitete er uns. Wir durchquerten mehrere Fabriken, bis wir schließlich in einen großen Handwerksraum kamen, wo sehr viele Menschen an langen und breiten Tischen saßen. Vor ihnen mehrere kleine Häufchen von Teilen.

»Hier hat sie gearbeitet. Bei der Montage der Kugelschreiber«, erklärte der Leiter und seufzte, als wäre ihr Verlust wirklich enorm tragisch für die Firma gewesen.

Ethan sah sich neugierig um und begutachtete einen jungen Mann, wie er zügig die Kugelschreiber zusammensteckte. »Wirklich erstaunlich, dass die das so schnell können.«

»Mit der Zeit kommt die Übung, nicht?«, lachte der alte Mann und steckte seine Hände in den Kittel seiner Arbeitskleidung.

Nach näherer Begutachtung der Menschen erinnerte ich mich an Ethans Bericht über die behinderten Menschen. »Man sagte uns«, begann ich, während ich noch mit den Augen den Raum abfuhr, »dass hier Menschen mit Behinderungen arbeiten. Im Moment sehe ich niemanden. War das eine Fehlinformation?«

Sowohl Ethan als auch der Leiter sahen mich entsetzt an. »Kyle«, ermahnte mich mein Kollege zu erst und schüttelte den Kopf. »So etwas kannst du doch nicht sagen.«

»Wieso nicht?«, hakte ich mit hochgezogener Augenbraue nach. »Hier ist offensichtlich niemand behindert. Das sind ganz normale Arbeiter.«

»Manchmal sieht man Menschen ihre Behinderung nicht an. Das ist unsensibel, Kyle«, argumentierte Ethan recht aufgeregt und tauschte nervöse Blicke mit dem Werksleiter. Der holte immer wieder tief Luft, als wäre ich ihm persönlich auf den Schlips getreten.

»Also? Sind diese Menschen behindert oder nicht?«, fragte ich genervt nach, bemühte mich jedoch um einen ruhigen Ton, um nicht noch weitere Hasspredigten gegen meine unmoralischen Fragen heraufzubeschwören.

»Wir hatten… Menschen mit Behinderungen in unserer Firma, ja. Ein kleiner Anteil, der sich um die Montage des höherwertigen Modells gekümmert hat.«

»Aha?«, zeigte ich Interesse und kam einen Schritt auf ihn zu. Ein Mitarbeiter, den Ethan zuvor genauer beobachtet hatte, hörte uns offensichtlich zu. Sein Blick wanderte immer wieder zu uns hoch.

»Ja«, bestätigte der Leiter mein interessiertes Aha. »Diese kleine Gruppierung ist aber heute nicht im Haus.«

»Wie schade«, murmelte ich und presste meine Lippen aufeinander. »Und wann ist diese Gruppe zugegen? Dass man sie mal befragen könnte?«

»Wieso wollen Sie unbedingt diese Arbeiter befragen? Mrs. Iwanowna hat nicht mit ihnen gearbeitet. Sie arbeitete hier.«

Der Werksleiter wurde zunehmend nervös. Immer wieder fuhr er mit den Fingern über seinen etwas abgetragenen, goldenen Ring. Ich sah es durch die Kitteltasche.

»Ach nein? Uns wurde gesagt, sie war für die Warenkontrolle zuständig. Hier wird soweit ich das sehe nur montiert. Wo ist also die Kontrolle?«

Ethan warf mir immer wieder nervöse Blicke zu, in der Hoffnung, ich würde meinen Fauxpas, zu direkt zu sein, bemerken. Doch in dieser Welt gab es kein ‚zu direkt‘. Eine Frau war als Geisel bei russischen Gangstern und wurde vermutlich gefoltert, weil sie von irgendwelchen Codes weiß, die sie nicht hätte wissen dürfen.

Der Werksleiter räusperte sich erneut und ging schließlich an ein paar Tischen vorbei, bis er mir einen leeren präsentierte. »Hier werden Stichproben entnommen und genauer untersucht. Wir können ja nicht alle kontrollieren. Das machen die Arbeiter in der Regel ja schon beim Zusammensetzen.«

Der weiße Tisch war leergeräumt. Offensichtlich hatte man noch keinen Ersatz für Mrs. Iwanowna gefunden. »Wer macht jetzt die Kontrollen?«

»Zurzeit… äh, niemand«, murmelte der ältere Herr, während er sich über die feuchte Stirn wischte. »Wäre das dann alles? Ich müsste wieder zurück an die Arbeit. Sie können sich gerne noch etwas umschauen, aber bitte fassen Sie nichts an und stören Sie keine Mitarbeiter.«

Ohne auf eine Erlaubnis zu warten, stapfte er davon und verschwand zurück in den großen Betriebshallen, wo der Lärm deutlich zu hören war.

»Kyle, man, du darfst nicht immer so eiskalt sein. Wir sind hier nicht beim Verhör. Der Mann weiß doch gar nicht, wer wir sind oder warum wir hier sind. Oder was auf dem Spiel steht.«

»Ist ja auch vielleicht besser so für ihn«, schnaubte ich aus und ging langsam an den anderen Tischen vorbei. Alle arbeiteten ruhig vor sich hin. Manche hörten Musik, andere starrten einfach stur auf ihre Kugelschreiber. »Diese Fabrik stellt keine Luxuskugelschreiber her, trotzdem sprach er von hochwertigeren Stiften. Ich finde sie nirgends… Ethan?«

»Nein, alles dieselben«, murmelte er und kratzte sich am Haaransatz. »Vielleicht machen die wirklich nur die … naja. Du weißt schon.«

»Aber dann müssten hier doch trotzdem irgendwo Teile liegen! In einer Kiste, in einem Karton, irgendwo! Oder gibt es etwa noch einen Raum, wo montiert wird?«

»Ja«, hörte ich auf einmal den jungen Mann vom Tisch sprechen. Er drehte sich in seinem Stuhl zu uns um und sah neugierig in unsere Richtung. Er war offensichtlich indischer Abstammung, denn so war auch sein Akzent. Trotzdem war er sehr bemüht deutlich zu sprechen. »Die anderen arbeiten immer im Lager. Irina hat sie manchmal beaufsichtigt, weil sie sie so mochte. Sie hatte ein Herz für die behinderten Menschen. Die anderen haben sie nicht gut behandelt.«

Ethan und ich kamen langsam auf den jungen Mann zu. Seine Kollegen duckten sich immer weiter, als wäre es ihnen unangenehm mitanzusehen, wie einer von ihnen alles ausplauderte. Aber ich war froh darum, dass wenigstens einer hier den Mund aufbekam. Immerhin war eine Frau verschwunden – ging das denn sonst niemanden hier etwas an?

»Mrs. Iwanowna hat also manchmal mit den anderen gearbeitet? Weiß der Leiter das?«

Der junge Mann nickte. »Ja, er hat es toleriert. Aber vor einigen Tagen war dann alles vorbei.«

»Was ist passiert?«, flüsterte ich ihm laut zu, da ich das Gefühl hatte, wir mussten diskret vorgehen. Der junge Mann riskierte sonst vielleicht nicht nur seinen Job.

Er lehnte sich ein bisschen zu mir vor. »Diese Kugelschreiber… dürfen nur von den besonderen Menschen zusammengebaut werden. Niemand sonst darf sie anfassen oder sie sehen. Der Werksleiter hat Angst, dass sonst herumgepfuscht wird. Aber letzte Woche war ein behindertes Mädchen krank, sie fühlte sich nicht gut, also hat Irina sie beiseite genommen und sich auf ihren Platz gesetzt. Für ein paar Stunden hat sie dann also die Arbeit übernommen.«

Ich hörte ihm gespannt zu. Hatte es also was mit den Kugelschreibern zu tun? Der junge Mann sprach zögernd weiter und sah sich immer wieder in der Montagehalle um.

»Ich weiß das nur, weil…, weil ich dabei war. Wissen Sie, ich mochte Irina sehr.«

Da nickte ich, um ihm zu zeigen, dass ich vollstes Verständnis für ein bisschen Stalking hatte.

»Sie baute die Kugelschreiber zusammen, aber anstatt die Kugelschreibermienen aus der vorgesehenen Box zu nehmen, nahm sie ihre eigenen. Aus einer Tasche. Sie baute sie zusammen und warf sie alle in ein separates Kästchen.«

Ethan schluckte deutlich hörbar. »Sie hat also gepfuscht?«

Der junge Mann hob die Schultern. »Keine Ahnung, was sie da gemacht hat. Aber es wirkte sehr routiniert. Als würde sie das öfter machen. Jedenfalls hat der Werkstattsleiter davon etwas mitbekommen und sie dem Chef gemeldet. Seitdem ist sie nicht mehr gekommen. Und die Kugelschreiber waren auch verschwunden. Und die behinderten Menschen kamen seither auch nicht mehr.«

Die Informationen sackten langsam in meinen Magen, wo sie ein ungutes Gefühl verbreiteten. Noch ehe ich dem Mann Fragen stellen konnte, kam der Leiter zurück und pflaumte uns an, dass wir verschwinden sollten, wenn wir die Arbeiter stören würden. Gute Arbeitsverhältnisse waren das jedenfalls nicht.

 

Als Ethan und ich wieder im Büro ankamen, hielt ich ihn am Ärmel fest und deutete ihm an, dass wir noch etwas im Auto sitzen bleiben sollten. Er schloss seine Tür und sah mich mit großen Augen an.

»Das ist alles viel zu ungenau«, begann ich. »Mrs. Iwanowna arbeitet in einer Kugelschreiberfabrik in der Warenkontrolle. Alle ihre Kollegen, deren Akten damals auf meinen Schreibtisch fanden, waren Menschen mit Behinderungen. Von den normalen Mitarbeitern war nie die Rede. Und dass Mrs. Iwanownas Stelle so lange unbesetzt bleibt, zeigt doch eigentlich, dass sie diesen Job nicht dauerhaft gemacht hat.«

»Du meinst die Kontrolle?«, hakte Ethan nach und hing mir an den Lippen, während ich resümierte.

»Ja. Eigentlich arbeitete sie mit den anderen Menschen zusammen. Das war ihre Hauptaufgabe. Und Freya musste das gewusst haben, sonst hätte sie mir nicht so genau alle Akten der eingeschränkten Menschen gegeben.«

»Nenn sie nicht so«, murmelte Ethan dazwischen. »Nenn sie doch einfach… Menschen mit Behinderungen.«

Ich verdrehte die Augen. Dafür hatten wir jetzt keine Zeit und ich keinen Nerv. »Ist doch egal. Du weißt, wen ich meine. Jedenfalls hat Freya von ihrer besonderen Aufgabe gewusst. Und dass sie spezielle Kugelschreiber zusammenbaute.«

»Aber warum wollen die Russen unbedingt sie? Wegen der Kugelschreiber?«

Ich starrte auf das Lenkrad vor mir. »Du sagtest, sie habe Codes bekommen. Codes, die sie eigentlich hätte nicht erfahren dürfen.«

»Ja, das war das, was ich von Freya mitgehört hatte.«

Und dann klingelte es in meinem Kopf. Kugelschreiber waren ein tolles Versteck, nicht wahr? »Was, wenn die Codes in den Kugelschreibern waren?«

Ethan sah mich mit großen Augen an. »In den Kugelschreibern?«

»Ja, in der Miene, in der Hülle, wo auch immer! Irgendwelche wichtigen Codes wurden in dieser Fabrik von A nach B befördert. Und Irina Iwanowna hat sich darum gekümmert.«

»Du meinst also, sie steckte mitten drin?«

Ich trommelte auf meinem Knie. »Sie haben behinderte Menschen genommen, weil die niemals diese Codes hätten herausfinden können. Sie konnten Kugelschreiber zusammenbauen, aber keine Codes entziffern. Sie waren also keine Gefahr. Irina hingegen war eine. Sie hat die Codes bekommen und sie sich vermutlich aufgeschrieben. Letztendlich haben die Russen davon spitz bekommen.«

»Wieso sollte die Regierung denn Codes durch Kugelschreiber verteilen? Wäre das nicht super unsicher?«

Ich zuckte mit den Schultern und griff nach meinem Handy. »Vielleicht waren es auch keine Codes. Sondern Nachrichten. Während des Krieges hat man so manchmal wichtige Dokumente überbracht, weil man der Post nicht mehr traute. Irgendwo hat es einen Maulwurf gegeben, also versuchte man es über diesen Weg. Irina Iwanowna wurde dann darin verwickelt.«

Ethan sah mich auf dem Handy tippen. Ich notierte unsere Erkenntnisse, um einen Überblick zu bekommen. Da kräuselte sich seine Stirn. »Glaubst du Mrs. Iwanowna ist da zufällig reingeraten?«

Ich sah auf. »Nein, nicht unbedingt. Sie wurde vielleicht eingespannt. Immerhin hat ihr Kollege uns erzählt, dass sie wissentlich in eine andere Schachtel gegriffen und die Kugelschreiber anders sortiert hat.«

»Die Regierung… hat also eine Kugelschreiberfabrik und stellt dort Billigkugelschreiber her. Aber in einem kleinen Kämmerchen stellen sie mit Hilfe von behinderten Menschen hochwertigere Kugelschreiber in geringer Stückzahl her, die insgeheim aber Codes von was auch immer tragen. Und um das Ganze zu beaufsichtigen, haben sie Irina Iwanowna eingestellt, die zur Deckung hin und wieder die Kontrollen übernahm, die es aber offiziell gar nicht gab.«

»Du siehst nicht überzeugt aus«, stellte ich fest und presste meine Lippen zusammen.

»Bin ich auch nicht«, antwortete er und schüttelte den Kopf. »Das klingt irgendwie zu absurd. Sicher, es hat was mit den Kugelschreibern zu tun, aber… die britische Regierung würde niemals eine so wichtige Aufgabe in die Hände von behinderten Menschen und einer Russin geben.«

»Vorsicht«, mahnte ich Ethan und spürte meine Mundwinkel zucken. »Jetzt wirst du rassistisch.«

Schnell ruderte er zurück und fuhr sich durch sein dichtes Haar. »Du weißt, was ich meine, Kyle! Mrs. Iwanowna soll für die Regierung gearbeitet haben? Wieso sagt Freya uns das dann nicht? Dann würde diese ganze Aktion doch auch einen ganz anderen Stellenwert in unserer Abteilung bekommen. Im Moment arbeiten nur wir beide dran. Und Freya. Das war’s! So wichtige Codes können es doch dann gar nicht gewesen sein.«

Ethan warf da ein paar interessante Fakten auf. »Freya ist nicht ehrlich zu uns, das hast du ja selbst schon gesehen. Sie sagt uns nicht alles und das hat einen Grund. Welchen müssen wir noch herausfinden.«

Ich rückte ein Stück näher zu Ethan, der sich ebenfalls zu mir herüber beugte.

»Behalte das, was wir heute herausgefunden haben, vorerst für dich, okay?«, bat ich ihn. »Es ist nicht so, dass ich Freya nicht Bericht erstatten will, aber ich habe das Gefühl, da stimmt noch etwas nicht ganz. Und bevor wir nicht wissen, was da vor sich geht, recherchieren wir lieber für uns alleine, okay?«

Ich sah Ethan an, dass er von der Idee der Geheimhaltung eher nicht so überzeugt war. Trotzdem nickte er schließlich und stimmte zu. »Okay, Kyle. Ich sag nichts. Wir waren heute in der Fabrik, haben aber nicht wirklich was gefunden, weil der Leiter uns nur rumgeführt hat und wir zwar jetzt wissen, wie man Kugelschreiber herstellt, aber das Essentielle nicht gefallen ist.«

 

»Danke, Ethan«, war ich um ein aufrichtiges Lächeln bemüht. Um herauszufinden, wo Mrs. Iwanowna war, mussten wir erst einmal den Grund für ihr Verschwinden finden. Denn das schien das größte Mysterium zu sein: Wer will eigentlich was von Mrs. Iwanowna?

10 – Feier

Der Tag endete dann recht fix. Ethan und ich taten so, als wären wir im absoluten Unwissen über alles. Noch immer ließ man mich nicht zum Gefangenen und Freya schrieb nur eine kryptische Email, dass wir uns bald mal wieder für ein Gespräch bei ihr melden sollten. Das hätte alles bedeuten können. Alles und nichts.

Mrs. Iwanownas Kollegen bereiteten mir Kopfschmerzen, als ich die Akten noch einmal durchging. Da waren viele mit geistigen Behinderungen dabei, die mir vermutlich nicht sagen konnten, wer Irina Iwanowna überhaupt war. Diese Art von Arbeit war billig und ‚gutmütig‘ wie es so schön hieß, denn man bot den armen Menschen eine Stelle an, sodass sie vom sozialen Leben nicht gänzlich abgeschnitten waren. Keiner dieser Kollegen war auch lange Zeit dort. Manche nur ein paar Tage, andere vielleicht ein paar Wochen. Auf der Homepage der Fabrik bewarben sie die Arbeit mit Behinderten recht groß, weswegen ich mich damals schon gewundert hatte, wieso Mrs. Iwanowna da überhaupt arbeitete. Doch jetzt verdichtete sich der Nebel noch mehr: Geheimcodes über Kugelschreiber? Mrs. Iwanowna drin verwickelt oder nicht? Und was wollen die Russen von ihr?

Eine kleine Stimme in meinem Kopf fragte sich auch, wem die Codes gehörten: Den Russen oder der britischen Regierung.

 

Meine Gedanken lenkten mich für einige Stunden haben, bis ich auf die Uhr schielte und panisch feststellen musste, dass es schon bald soweit war. Mein geheimes-nicht geheimes Date mit dem Weihnachtsmann.

»Mit wem?«, fragte Ethan verwundert nach, als ich hektisch aufsprang und meine Tasche packte.

»Ich geh auf die Weihnachtsfeier und treffe mich da… mit einem Kollegen.«

»Oh wow«, pfiff mein Kollege erstaunt. »Ich dachte diese Cindy war die einzige, die dich interessierte?«

Da hielt ich inne und runzelte die Stirn. »Cindy ist nett, aber ich habe kein Interesse an ihr. Sie war nur ein paar Mal bei mir und wir haben Wein getrunken, während ich mir ihre langweiligen Storys über ihre Weiber anhören durfte.«

»Wie furchtbar«, kicherte Ethan und sah mir dabei zu, wie ich mich in meinen Mantel quetschte. »Und heute? Der Kollege? Hast du an ihm Interesse? Du weißt, wie die Regeln hier sind. One-Night-Stands sind ok. Alles, was fester wird, solltest du melden.«

»Ja, ja«, raunte ich und verließ schließlich meinen Arbeitsplatz. Wir wünschten uns noch einen heuchlerisch schönen Abend, als ich dann endlich das Gebäude verließ und mit heißen Reifen nach Hause fuhr. Dort angekommen stand ich peinliche 45 Minuten vor meinem Kleiderschrank und suchte nach angemessener Kleidung. Nicht zu aufgesetzt. Nicht zu wenig. Schön, aber nicht zu schön.

Ich wurde fast verrückt.

 

Eigentlich wollte ich mit dem Auto fahren, doch dann fiel mir ein, dass wir uns ja betrinken wollten. Also rief ich mir ein Taxi und ließ mich zum Center fahren. Das Parkhaus war auch sehr leer, also ging ich davon aus, dass die Idee, sich zu besaufen, mehrere hatten. Denn innen war alles beleuchtet und man hörte auch schon einige Kollegen laut lachen, die draußen waren, um eine zu Rauchen. Und dort stand auch er. Santa.

Er war tatsächlich als Weihnachtsmann verkleidet, trug aber nicht seine übliche rote Hose und die rote Weste mit der roten Jacke, sondern einen schönen Anzug mit weihnachtlicher Krawatte. Nur seine rote Mütze, der Bart und das weiße Haar deuteten darauf hin, dass er eigentlich der Weihnachtsmann sein sollte. Oh und die roten Schuhe. Rote Lackschuhe. Sehr interessant, dachte ich. Passte irgendwie zu der Extravaganz, die er mit seinen vielen Ringen bereits gezeigt hatte.  Er stand legere mit Zigarette in der Hand neben einer kleinen Gruppe Menschen, die sich nett unterhielt. Er lachte hier und da mit, hörte aber hauptsächlich nur zu.

Ich wurde auf einmal wahnsinnig nervös und blieb einige Meter vom Eingang entfernt stehen. Sollte ich Hallo sagen? Sollte ich reingehen? War das überhaupt ein Date? Nein, natürlich nicht. Aber … er wollte, dass ich komme, oder? Vielleicht hatte er auch einfach nur so nett gefragt?

Noch ehe ich mich dazu entscheiden konnte wieder zurück zum Taxi zu gehen, erblickte mich eine andere Kollegin, die bei uns immer im anderen Stockwerk arbeitete. Cindy wüsste jetzt sicher ihren Namen, ich hatte ihn natürlich schon wieder vergessen.

»Mr. Lewis!«, rief sie mir zu und winkte mich zu ihr. Die anderen in ihrer Gruppe drehten sich zu mir um. Und natürlich Santa. »Sie sind heute da? Ich bin ganz überrascht!«

Sie war schon etwas älter. Eigentlich eine sehr liebe Dame, die etwas mehr Geld zu ihrer baldigen Rente wollte, um ihre Enkelkinder regelmäßig besuchen zu können, die irgendwo anders, nur nicht in London wohnten. Sie winkte mich energisch zu sich rüber.

Nur schwermütig konnte ich mich in Bewegung setzen.

»Mr. Lewis, schön, dass Sie da sind!«

»Mhm«, brummte ich und presste die Lippen aufeinander.

»Was hat Sie umgestimmt heute zu kommen? Letzte Woche sagten Sie noch, Sie wären nicht interessiert.«

Ah, vielen Dank, liebe Kollegin. Ich war keine fünf Minuten da und schon sollte ich mich vor dem Weihnachtsmann blamieren, in dem ich zugeben musste, dass es nur wegen ihm war.

»Oh, das ist vielleicht auf meinem Mist gewachsen«, lachte er dunkel auf, noch bevor ich etwas erwidern konnte. Meine Kollegin und ein paar andere Damen formten sofort ein interessiertes O mit ihren Lippen. »Ich habe ihn überredet zu kommen. Wir wollten noch eine Runde Glühwein trinken.«

Er spielte mit offenen Karten, wie nett. Die anderen nickten amüsiert, als hätten sie schon einiges intus. Dabei war ich nur eine halbe Stunde zu spät. Genüsslich zog er an seiner Zigarette. Sein angeklebter Bart wackelte dabei interessant im Wind, wann immer er die Lippen spitzte. Er beobachtete mich, wie ich ihn beobachtete, bis er schließlich grinste und mir seine Schachtel Zigaretten hinhielt. »Wollen Sie auch eine?«

»Oh, nein, vielen Dank. Ich rauche nicht«, lächelte ich zögerlich und schüttelte den Kopf. »Aber danke.«

Santa nickte und steckt die Packung schnell wieder weg. Durch das Tratschen der anderen Damen fiel es mir zunehmend schwerer ein Gespräch mit ihm anzufangen. Ich war einfach sozial unbegabt.

Irgendwann, nachdem ich mich einfach für mehrere Minuten still dazugestellt hatte, während die anderen rauchten, ging die Gruppe wieder rein. Ich folgte wie ein braver Dackel, sagte aber nichts. Santa hielt mir mehrmals die Tür auf, nahm dann sogar meine Jacke ab und hing sie zu den anderen. Im Erdgeschoss hatte das Center dann die großen Bierbänke beieinander gestellt, sodass eigentlich fast jeder Platz hatte. Inmitten der weihnachtlichen Deko und ohne die ganzen nervigen Besucher hatte das ganze sogar irgendwie seinen Charme, musste ich gestehen.

»Kann ich Ihnen dann schon einen Glühwein holen oder möchten Sie erst etwas essen?«, fragte mich Santa, als wir uns gerade an einen freien Platz bei den Bierbänken setzen wollten. Ich hielt sofort inne und lächelte zögernd zu ihm auf.

»Ein Glühwein wäre toll«, sagte ich leise, obwohl ich genau wusste, dass ich vielleicht erst etwas Essen sollte. Bis auf ein Sandwich am Nachmittag mit Ethan hatte ich nichts. Doch Santa verschwand schnell und kam auch ebenso schnell wieder mit den zwei Tassen.

Alle um uns herum waren sich am unterhalten. Viele lachten laut, andere hatten einfach eine laute Stimme. Generell war es schwierig das eigene Wort zu verstehen, da im Hintergrund sogar weihnachtliche Musik durch die Lautsprecher tönte.

»Ich war noch nie auf so einer Feier, muss ich gestehen«, sagte ich kleinlaut und sah mich schüchtern um. »Ist eigentlich nicht so meins.«

»Dann freue ich mich umso mehr, dass Sie trotzdem hier sind«, antwortete Santa in mein Ohr, damit ich ihn verstehen konnte. Doch so nah hätte er nicht kommen brauchen – so laut war es nicht. Er tat es trotzdem. Sein Atem lag förmlich auf meiner Haut.

Und noch bevor ich es genießen konnte, vom Weihnachtsmann verführt zu werden, kam mein Chef auf uns zu. Er redete wie ein Wasserfall und hatte offensichtlich schon einiges intus. Er quatschte sogar Santa voll, der ihm geduldig zuhörte. An seinem Mundzucken und dem regelmäßigen Blickwechsel zu mir, konnte ich jedoch erahnen, dass er sich auch wünschte, mein Chef würde bald wieder gehen.

Nach einer gefühlt ewigen Ansprache unseres Centerleiters, in der ich zwischendurch kleine Häppchen für Santa und mich geholt hatte, trank ich meinen zweiten Glühwein aus.

»Wollen Sie noch einen?«, fragte Santa sofort und hatte meine Tasse schon in der Hand.

»Oh, puh«, seufzte ich und lachte verlegen. »Ich vertrage nicht so viel Alkohol. Vielleicht sollte ich eine kurze Pause einlegen.«

Natürlich bekam das meine ältere Kollegin mit, die an unseren Tisch saß, und raunte mich sofort von der Seite an. »Mr. Lewis! Trinken Sie! Es ist kostenlos! Und wenn der Weihnachtsmann Ihnen noch einen Drink holt, lehnt man das doch nicht ab!«

Dabei zwinkerte sie wie alte Damen es eben gerne taten und hinterließ bei mir ein unangenehmes, peinliches Gefühl. Stand sie etwa auch auf ihn? Sie hätte seine Mutter sein können, wäre einiges schief gelaufen. Wobei ich mir auch nicht ganz sicher war, wie viele Jahre er nun tatsächlich auf dem Buckel hatte. Er hätte alles sein können. Mit der Verkleidung war das schwer einzuschätzen.

Als er wiederkam und uns neue Tassen mit Glühwein brachte, stießen wir an und tranken einen großen Schluck. Da war wieder Rum drin. Wollte er mich abfüllen?

»Wie alt sind Sie eigentlich?«, fragte ich wie aus dem Nichts und versuchte ein Gespräch anzufangen, was nicht sofort wieder unterbrochen werden würde.

Santa lachte und zeigte mir dabei seine kleinen Lachfalten um die Augen. »Was denken Sie?«

»Oh nein«, lachte ich und winkte ab, als wäre ich ein kleines Mädchen, das sich für ein Kompliment schämte. »In solchen Ratespielen bin ich ganz, ganz schlecht.«

»Wirklich? Dann helfe ich Ihnen: Ich bin mit Sicherheit älter als Sie.«

»Sie kennen mein Alter?«, hakte ich amüsiert nach und klammerte mich an meine Tasse.

»Nein, aber ich würde Sie auf ein Alter schätzen, was definitiv unter meinem liegt.«

»Lassen Sie hören«, forderte ich ihn auf und spürte den Alkohol in meinen Wangen pochen.

»34.«

Ich lachte sofort auf. Mein Chef und meine Kollegin drehten sich bei dem ungewohnten Laut neugierig um.

»Sie sind gut«, kicherte ich und biss mir auf die Unterlippe. »Ich bin 33. Aber bald 34.«

»Sehen Sie«, sagte er mit einem breiten Grinsen. »Ich bin wesentlich älter als Sie.«

Ich formte meine Augen zu Schlitzen. Ich hasste eigentlich das Spiel ‚Rate wie alt ich bin‘, weil es immer unangenehm war. Entweder man schätzte zu jung, dann waren die Leute entweder empört (‚Ich bin doch kein Küken!“) oder geschmeichelt (‚Oh vielen Dank!‘), oder man schätzte zu alt, dann waren die Leute meistens eher empört (‚Sehe ich etwa schon so alt aus?‘). Am besten fuhr man also mit zu jung, doch was war zu jung? Es musste glaubwürdig erscheinen, zu jung durfte man also auch nicht schätzen. Wenn er sagte, dass er älter als ich war – und zwar wesentlich älter – dann …

»Über 40?«, hakte ich nach und bereitete mich schon einmal darauf vor, den Abend alleine zu verbringen. Doch Santa lachte leise.

»Sehr gut«, sagte er und stoß mit meiner Tasse an. »Punktlandung. Ich bin 40.«

Ich grinste breit – so breit, dass meine Lippe wieder schmerzte und ich etwas im Gesicht zuckte. Santas Lächeln verschwand für einige Sekunden, als er mein schmerzverzerrtes Gesicht sah.

»Sie sind doch niemals 40, junger Mann«, tönte die Stimme meiner Kollegin. Eine andere Frau, vermutlich eine Freundin von ihr im selben Alter, stimmte ihr zu. »Sie sehen viel jünger aus!«

Oh, diese Heuchler. Man sah ungefähr gar nichts von ihm. Weder sein Gesicht noch seinen Körper. Überall war er verkleidet und das als alter Mann – wie kann man da jünger aussehen?!

Doch Santa reagierte wie immer sehr höflich und bedankte sich einfach. Er haute sogar noch einen unglaublich schlechten Spruch über ‚Sie könnten doch auch meine Schwestern sein‘ raus, sodass die beiden Omis wie wild kicherten. Er war also auch noch der perfekte Schwiegersohn, so viel stand fest.

Tatsächlich verlief der Abend trotz der peinlichen Zwischenrufe sonst sehr gut. Ich unterhielt mich hier und da sogar mal mit anderen Kollegen, doch hauptsächlich blieben meine Augen auf Santa. Seine braunen Augen suchten immer wieder meine und wir redeten über Gott und die Welt. Über Länder, Kleidung, die Arbeit im Center und grundsätzliche Einstellungen. Er war so anders und mir doch so ähnlich. In vielen Punkten wirkte er grob, etwas dümmlich. Doch dann zeigte sich seine enorme Intelligenz an anderen Punkten. Er war ein sehr empathischer Mensch. Das, was mir fehlte, hatte er wohl umso mehr abbekommen. Seine Sicht auf die Menschen war enorm. Als ich ihm erzählte, was ich alles für Ausbildungen hatte, war er immens überrascht. Er unterhielt sich dann mit mir über die Psychologie, teilweise über Forschungsarbeiten und schließlich spürte ich, wie wir irgendwann über alte Gemälde und deren Wirkung in der damaligen Zeit sprachen.

»Sie sind ein sehr gebildeter Mensch«, sagte Santa irgendwann. Seine Stimme war noch immer recht stabil, als hätte er vielleicht ein Bier getrunken, aber mehr nicht. Ich dagegen lallte wie jeder andere im Raum.

»Sie aber auch«, druckste ich rum. »Selten, dass jemand so viele Dinge mit mir teilt.«

»Sie wären überrascht«, säuselte er und drehte sich noch ein Stück zu mir. Auf der Bierbank berührten sich unsere Beine schon seit Minuten. Die Wärme, die von ihm ausging, sprang förmlich zu mir herüber. Meine Wangen pochten, die Welt wankte etwas und mein Blick fixierte sich jede Minute erneut auf seinen Mund. Oh nein, dachte ich, das kann ich nicht bringen. Nicht vor versammelter Mannschaft.

»Wieso sind Sie noch so nüchtern?«, lachte ich und griff nach seiner Tasse, die so wie meine noch halbvoll war. »Schenken Sie nur mir Alkohol ein und trinken stattdessen Kinderpunsch?«

Santa lachte sein dunkles Lachen und schüttelte den Kopf. »Nicht doch. Ich bin vermutlich einfach mehr Alkohol gewöhnt. Und ich habe vorhin gut gegessen. Ich schätze mal, da wird der Unterschied liegen.«

»Sie trinken also gerne?«, kicherte ich und merkte erst im Nachhinein, dass es so klingen könnte, als wollte ich gerade seine Alkoholsucht untersuchen.

»Manchmal«, gab er jedoch ungeniert zu und zwinkerte. »Allerdings trinke ich viel lieber Schnäpse oder Liköre. Weine sind eher nichts für mich.«

»Wie schade«, murmelte ich und trank von seiner Tasse, als wäre es meine. »Ich dachte, ich könnte Sie bei Gelegenheit auf ein Glas Wein einladen.«

Noch bevor ich merken konnte, was ich da gerade gesagt hatte, lächelte Santa. Es war ein seltsames Lächeln. Vielleicht waren meine Sinne benebelt, aber ich fühlte mich auf einmal in seinem Blick gefangen. Er war das Raubtier. Ich war seine Beute.

»Für Sie mache ich gerne eine Ausnahme«, war dann schließlich seine Antwort und ich sog harsch Luft durch meine Nase.

Ich nickte. Und nickte erneut. Kein Wort kam aus mir heraus. Hatte ich mir gerade ein Date mit dem Weihnachtsmann klar gemacht? Also so ein richtiges Date? Wow. Wenn er zu mir in die Wohnung für ein Glas Wein kommen würde, war doch klar, wohin es führen würde. Und die Vorstellung mit ihm…

»E-Entschuldigen Sie mich, ich muss… muss kurz auf Toilette«, sagte ich hastig und stand auf. Dabei riss ich fast beide Tassen mit und stolperte über die Bierbank. Seine großen Hände hielten mich dabei an der Hüfte feste und stabilisierten mich. Zittrig griff ich nach seinen Schultern und stieg aus der Bierbank. Santa lächelte noch immer sein mysteriöses Lächeln und beobachtete mich, wie ich schließlich Richtung Toiletten ging. Diese waren nicht weit weg, aber wie es in Centern üblich ist, nicht unbedingt leicht erreichbar. Einige Weiber kamen mir fröhlich schnatternd entgegen, bevor ich in den Gang einbog, wo es zum Männerklo ging. Dort angekommen, spritzte ich mir sofort kaltes Wasser ins Gesicht und seufzte laut auf. Kein guter Zeitpunkt für einen Ständer. Absolut unpassend.

Nach mehreren Minuten, in denen ich versuchte mich zu beruhigen, verließ ich die Toilette dann wieder. Ich wankte ganz schön und mein Puls war noch immer beschleunigt. Der Weihnachtsmann machte mich ganz schön verrückt. So etwas passierte mir sonst nicht. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass ich nicht wirklich wusste, wer er war. Oder dass er von allen angehimmelt wurde, doch er anscheinend nur Augen für mich hatte. Das gab mir ein gutes Gefühl. Das Gefühl, dass ich wichtig war.

Als ich mich wieder zu ihm setzte, griff er erneut nach meiner Hüfte und führte mich auf die Bank. Ich ließ es geschehen und warf ihm sogar ein Lächeln zu, auf das ich enorm stolz war. Alle anderen um uns herum waren so betrunken wie ich, sodass ich mit allen sprach, ohne es wirklich mitzubekommen. Mit einer Dame unterhielt ich mich über Kinder, mit einem anderen Kerl über Männerpflege und ein anderer wollte von mir wissen, wie ich die Arbeit hier finde.

Santa derweil saß wie nüchtern neben mir und hörte gespannt zu, wann immer er in kein Gespräch gebunden war. Irgendwann stand er auf, scharrte seine Engelchen um sich, die anscheinend auch da waren, und hielt eine kleine Rede am Mikrofon der kleinen Bühne am Tannenbaum. Ich hörte nicht wirklich zu, sondern fixierte mich voll und ganz auf seinen Körper. Wie er den Mund bewegte und wie seine Hände in der Luft wedelten und dass dieser Mund und diese Hände an mir Dinge tun könnten, die ich sonst niemanden hätte tun lassen. Nach einem sehnsüchtigen Seufzen von meiner Seite, klatschten auf einmal alle. Santa ging von der Bühne, die Engel folgten ihm. Schließlich verteilte er kleine Geschenke. Jeder bekam dasselbe. Ich vermutete, dass es eine kleine Aufmerksamkeit des Centers war. Einige packten sofort aus und es war tatsächlich ein kleines Glas Marmelade und ein Stück Seife oben drauf. Sehr süß, dachte ich.

Schließlich kam Santa zu unserem Tisch und verteilte die kleinen Geschenke. Als er bei mir ankam, stand er dicht hinter mir, stellte das quadratisch Päckchen vor mir auf den Tisch und kam mir nahe. Sehr nahe. So nahe, dass ich seine Nase in meinem Nacken spürte. Der Bart kitzelte an meinem Hals.

»Für Sie, Mr. Lewis«, brummte er in mein Ohr.

Oh, ja.

Vielleicht werde ich heute doch noch Sex haben, dachte ich. Jedenfalls hatte ich die Entscheidung bereits getroffen, dass ich sofort mitgehen würde, sollte er mich fragen.

 

Später kam er wieder zu mir, nachdem er noch eine rauchen war. Er setzte sich neben mich und unterhielt sich mit anderen, ohne dabei meine Nähe zu verlassen. Schließlich, gegen Ende des Abends, legte er seine große, warme Hand auf meinen Oberschenkel. Gott, dachte ich, das ist so intim. Dabei war es die wohl oberflächlichste Gestik der Zugehörigkeit, die man nach dem Händchenhalten machen konnte. Noch bevor seine Hand immer weiter höher rutschen konnte – und ich hätte ihn nicht aufgehalten – wurde der Abend auf einmal beendet.

Die meisten Leute gingen, als sie merkten, wie spät es bereits geworden war. Viele mussten am nächsten Tag wieder arbeiten. So wie auch ich.

»Es ist ja schon halb zwei…«, murmelte ich enttäuscht und lehnte mich noch ein Stückchen näher zu Santa. Seine Hand blieb wo sie war. Sein Daumen kreiste über meine schwarze Jeans. Der Bart blieb etwas in meinen Haaren hängen.

»Sie müssen morgen auch arbeiten, oder?«, fragte er ruhig und legte schließlich sein Kinn auf meinem Kopf ab, während ich auf meinem Handy nach der Taxi App suchte.

»Ja, leider. Sie auch?«

»Nein, ich habe morgen mal frei.«

»Oh, wie praktisch. Dann können Sie ausschlafen. Schlafen Sie für mich mit«, lachte ich sichtlich angetrunken und orderte mir schließlich ein Taxi. Die Hoffnung, ich könnte vielleicht doch noch mit ihm mit, sank dann nach jeder Minute, in der er nicht fragte.

Aber ich redete mir ein, dass es auch viel zu schnell gehen würde. Wir kannten uns ja auch erst seit einer Woche. Und da nicht mal regelmäßig, bis auf ein paar Blicke und Worte. Doch der Abend machte mir Hoffnung, dass wir uns tatsächlich irgendwann näher kommen würden.

Schließlich gingen wir beide dann auch nach draußen, wo ich auf mein Taxi wartete.

»Soll ich sie ein Stück mitnehmen?«, fragte ich und deutete auf das einfahrende Auto. »Wo wohnen Sie denn?«

Er blinzelte einige Male zum Auto, dann zu mir. Andere Kollegen verabschiedeten sich von uns, schrien und grölten, während sie in die Taxen stiegen.

»Richtung Charlton«, antwortete er schließlich.

»Sehr gut, dann nehme ich Sie ein Stück mit. Ich muss in dieselbe Richtung, nur noch ein Stückchen weiter«, verkündete ich fröhlich, auch wenn es nicht ganz stimmte. Es war ein kleiner Umweg, aber ich war betrunken und ich wollte ihn noch ein bisschen länger bei mir haben. Das waren mir die paar Pfund mehr, die es kosten würde, wert.

Santa war sich wohl noch einige Sekunden lang unschlüssig, ob er mitfahren sollte, oder nicht, da er wie in Stein still dastand und sich nicht bewegte. Das Taxi fuhr derweil auf den Parkplatz des Centers und hielt an. Ich sah ihn mit großen Augen an.

»Sie müssen nicht, wenn Sie nicht wollen. Ich dachte nur, ich … kann Sie ja auch noch ein Stück mitnehmen, wenn wir doch… sowieso in dieselbe Richtung müssen.«

Sein langer schwarzer Mantel, dessen Kragen er hochgestellt hatte, ließ ihn noch größer wirken, als sonst. Seine große Statue, die langen Beine und die breiten Schultern ließen ihn fast schon etwas bedrohlich im faden Licht des Centers wirken. Besonders, weil er keine Mimik verzog. Ganz im Gegenteil: es bildeten sich Fältchen auf der Stirn.

»Sie müssen nicht«, wiederholte ich und kam auf ihn zu. »Kommen Sie dann bitte gut nach Hause. Es war ein wirklich schöner Abend. Vielen Dank.«

Damit nahm ich all meinen Mut zusammen, griff nach seinem Ärmel, zog mich ein Stückchen hoch, stellte mich auf Zehenspitzen und küsste ihn liebevoll auf die Wange. Mein Atem wurde zittrig und ich ließ so schnell wieder los, dass ich ihm gar keine Chance gab, darauf zu reagieren. Schnell drehte ich mich wieder um und stampfte zum Taxi.

»Mr. Lewis«, hörte ich seine Stimme. Eigentlich wollte ich nicht stehen bleiben. Die Angst auf eine Abfuhr lähmte mich irgendwie trotzdem, sodass ich vor dem Taxi innehielt. »Vielleicht können Sie mich doch ein Stückchen mitnehmen? Nur ein paar Straßen«, erklärte er sanft und ich spürte erneut seinen Atem auf meiner Haut. Er stand direkt hinter mir und öffnete die Tür für mich.

Ich lächelte so gut ich mit meiner Nervosität konnte und stieg in den Wagen. Santa folgte mir auf die Rückbank kurz nachdem ich durchgerutscht war. Er nannte dem Fahrer eine Straße, die ich nicht kannte.

Mit zittrigen Fingern schnallte ich mich an, als der Wagen losfuhr. Der Taxifahrer hörte irgendeine seltsame Musik im Radio, die aber nicht zu laut oder zu leise war. Sie war genau richtig für das, was in meinem Kopf schwebte und Santa tatsächlich durchführte.

Er beugte sich zu mir, rutschte auf den mittleren Sitz und legte einen Arm um mich. Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie ich seine Lippen an meinen spürte. Vorsichtig, dann immer hungriger pressten wir uns aneinander. Seine warme Haut fühlte sich enorm gut unter meinen kalten Händen an, die bereits in seinem Nacken lagen. Der Duft seines Parfüms oder Aftershaves kroch erneut in meine Nase.

Seine Lippen waren etwas rau, aber das konnte auch der Bart gewesen sein. Die Plastikhaare waren unangenehm auf der Haut. Aber als seine Zunge in meinen Mund glitt, konnte ich mich auf nichts anderes mehr fixieren, als das leidenschaftliche Gefühl, was in mir wuchs und schnell zur Gier wurde.

Gier nach mehr.

Ich presste mich während unserer leidenschaftlichen Küsse immer weiter an ihn. Seine Hände wanderten über meinen Rücken, streichelten über den dicken Stoff meiner Jacke. Sein Gewicht wurde zunehmend schwerer, je mehr ich im Sitz versank und je mehr er über mich kletterte. Der Gurt war im Weg, also schnallte ich mich mit einer etwas umständlichen Handbewegung ab. Schnell zischte er nach hinten, sodass ich mehr Bewegungsfreiraum hatte.

»Ja«, hauchte ich in seine weißen Haare, während er meinen Nacken und Hals mit Küssen übersäte. Ich fuhr mit meinen Händen über seine Schultern und glitt an seinen Armen entlang. Er machte ein zischendes Geräusch, das ich nicht ganz einordnen konnte, fuhr jedoch fort und beglückte mich weiterhin mit seiner vielen Küsse.

Schließlich begann ich mich gänzlich auf die Rücklehne zu legen, sodass er zwischen meine Beine rutschte.

Oh Gott, würden wir wirklich in einem Taxi Sex haben?

Doch ehe ich diese Frage für mich beantworten konnte, blieb der Wagen stehen. Rund zehn Minuten waren vergangen, seitdem wir eingestiegen waren. Das sah ich an der Uhr beim Fahrer. Der sagte nichts, blieb einfach stehen und räusperte sich verlegen.

Santa sah sofort aus dem Fenster und schien die Gegend wieder zu erkennen. Sein Gesicht war wie immer: ruhig, gelassen. Etwas gebräunt, keine Anzeichen von Röte. Bis auf seine Lippen, die im Laternenlicht mit etwas Speichel benetzt glitzerten, deutete nichts daraufhin, dass er mich gerade verführt hatte.

»Ich muss hier aussteigen«, sagte er leise und beugte sich noch einmal zu mir vor, um mich intensiv zu küssen. Der Kuss artete erneut in einem leidenschaftlichen Zungenkuss, bis er sich tatsächlich von mir löste und dem Taxifahrer einen Schein in die Hand drückte.

»Nein, nein, ich zahle das schon«, sagte ich hektisch und versuchte das Geld zu erhaschen. Doch ich war zu betrunken, also griff ich daneben. »Ich muss doch eh noch weiter!«

»Schlafen Sie gut, Mr. Lewis«, sagte Santa stattdessen in seiner dunklen, beruhigenden Stimme. »Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen.«

Mit einem letzten Lächeln stieg er schließlich aus und machte die Tür zu. Der Taxifahrer blieb stehen und wartete wohl, dass ich ihm sagte, wohin er fahren sollte. Murmelnd nannte ich ihm meine Adresse, sodass er vorsichtig losfuhr, während ich Santa dabei zusah, wie er die dunkle Straße entlang ging und schließlich hinter einer Ecke verschwand.

 

Mein betrunkenes Gehirn dachte noch sehnsüchtig an die Knutscherei. Und meine Erektion tat es ebenso.

 

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