Das hier ist nur eine Leseprobe! Das bedeutet, ihr könnt hier die ersten 3 Kapitel lesen. Falls ihr Interesse an der Story habt, schaut doch mal in meinem Store vorbei, dort erhaltet ihr die komplette Print Version! ♥

 

Prolog: Hilf mir!

 

Ich liebte mein Leben und alles was damit verbunden war. Doch wo verdammt noch mal blieb meine Rettung?

 

Ich saß im riesigen Wohnzimmer meiner Mutter auf ihrer knatschroten Couch. Vor mir wurzelte sich der kleine, hässliche Glastisch, auf dem meine Cola stand. In ihr schwammen die Eiswürfel ihre Runden, während meine Mutter ihren siebzigsten Vortrag hielt. Neben mir lag mein Handy und schrie danach, benutzt zu werden, nur um meiner Mutter zu entgehen.

Sie redete irgendetwas von »Ich verstehe dich einfach nicht, Hiro« oder »Kannst du nicht mal jemanden nettes vorbei­bringen?«. Solche Dinge bemängelte sie zu genüge und ging auch immer davon aus, ich würde ihr zuhören. Wie gesagt, es war nun schon das siebzigste Mal, dass sie solch einen Vortrag vor meiner Cola hielt. Natürlich hörte die ihr noch weniger zu als ich es vielleicht hätte tun sollen.

Ich legte meinen rechten Arm lässig über die Couchlehne und versuchte entspannt zu sein. Doch meine gesamten Muskeln spannten sich abrupt an, als meine Mutter ihre Stimme ein paar Oktaven höher legte. Das tat sie immer, wenn sie sehr genervt, nervös und wütend war. Verzweiflung kam meistens auch dazu.

 

Aber was konnte ich schon ausrichten? Ich war doch nur ein armer, junger Mann, der nach dem Sinn des Lebens suchte. Ich heiße Hiroshi Kabashi und bin achtzehn Jahre alt. Ich bin schlank und wohl auch recht sportlich. Meine Frisur gleicht einem Skaterboy-Schnitt und lässt meine fast weißen, blonden Haare fransig abstehen. Ich würde behaupten, nicht schlecht auszusehen, wenn ich nicht trotzdem riesen Probleme mit meinem Aussehen hätte. Die blau-violetten Augen haben mich schon viele dumme Kommentare gekostet. Wieso ich wie ein Albino aussehe, wusste ich auch nicht. Meine Vermutung lag darin, dass meine Mutter wahrscheinlich Drogen genommen hatte, als sie schwanger mit mir war.

Ich habe mich noch nie als ein sehr schwieriges Kind einge­stuft. Meine Mutter schon. Ich lebte meine Pubertät in vollen Zügen aus und bin demnach für jeden Erwachsenen wahrscheinlich schwierig gewesen. Ich liebte es meine Mutter auf die Palme zu bringen, liebte es sie reinzulegen oder zu erschrecken, wenn sie in einer ihrer Frauenzeitschriften vertieft war. Na gut, vielleicht war ich kein schwieriges, sondern einfach nur ein gemeines Kind.

Mein Kosename ist Hiro. Die Kinder aus der Grundschule, gemein wie sie halt sind, machten sich gerne den Spaß und nannten mich »Hero«. Jedenfalls wussten die damals nicht, dass das »Held« heißt, sonst wäre es ja keine Beleidigung gewesen. Aber leider wusste ich das auch nicht und habe sie immer aus Wut verprügelt. Nach nur wenigen Monaten haben sie es dann nicht mehr gesagt. Wenn mich im Erwachsenenalter jemand so nannte, dann lachte ich drüber und hörte sogar auf den Namen. Meine Mutter fand ihn schrecklich; wieso war mir unbegreiflich, wo es doch im Grunde ein Kompliment war.

Ich wohnte mit ihr alleine in einer kleinen Wohnung. Ja, richtig. »Riesiges Wohnzimmer« und »kleine Wohnung« widersprachen sich. Aber meine Mutter bestand damals darauf, dass es ein großes Wohnzimmer sein musste. Der Rest war ihr egal. Denn nach ihrer Meinung ist das Wohnzimmer der Hauptpunkt der Wohnung. Ja, zum Glotze gucken und rumgammeln war es klasse, aber da würde mir auch ein 10 Quadratmeter Zimmer reichen. Meiner Mutter zum Beispiel nicht. An unserem kleinen Glastisch stellte sie immer ihr Ikebana hin, welches sie an unserem großen Esstisch fabrizierte. Tausende Frauenzeitschriften lagen auf dem riesigen Schlafsofa, welches sich mitten vor dem Balkon erstreckte, sodass man noch nicht mal die hässliche Aussicht auf die dreckige Innenstadt  mit der Hauptstraße unter einem genießen konnte; wenn man sich nicht gerade an dem Sofa vorbeiquetschte. Ihre knatsch­rote Couch, auf der ich bequemlich saß, erstreckte sich vor einem Plasma­fernsehr, der an einer goldfarbigen Wand hing – an der auch Van Gogh und Hundertwasser platziert war. Meine Füße trampelten auf einem beigefarbenen Teppich von irgendeiner unbekannten Marke. Sowieso war das ganze Wohnzimmer billig eingerichtet, ausgenommen der Plasmafernsehr. Aber selbst den hat sie ersteigert und ist demnach Secondhand.

 

Meine Mutter heißt Ai Kabashi. Ich weiß nicht wie alt genau sie war, aber um die vierzig war sie bestimmt. Ihr Mädchenname ist Ai Hamase. Aber weil sie meinen Vater vor achtzehn Jahren heiratete, nahm sie seinen Namen an. Sie hatte lange blond gefärbte Haare, in Wirklichkeit waren sie dunkel blond. Sie war schlank, hatte aber eine Menge Falten im Gesicht, die sie mir zuschrieb. Sie zog sich immer sehr Modebewusst an, obwohl die Kleidung oft wie ein ausgerupfter Kakadu auf mich wirkte. Aber das war wohl Trend. Wie meine Mutter so drauf war, erwähnte ich bereits. Ikebana, Kochen, Möbel, Accessoires, Life-Style, Frauenzeitschriften, starker Kaffee für ihre Nerven, Kunstbanause, Cola-Hasserin, Starbucks-Liebhaberin, Versace und Dolche und Gabbana (Wobei sie sich das nicht leisten konnte) und noch vieles, vieles mehr. Sie arbeitete als Sozifuzi. Sie hatte Sozialpädagogik studiert, wobei sie mehr Freizeit als Studium hatte, so wie sie es mir erzählte, und arbeitete nun in einer Beratungsstelle für Drogenabhängige und Leute, die Probleme mit der Liebe haben. Also Liebeskummer oder irgendwas dazwischen. Die Kombination war mir etwas schleierhaft, aber wer’s mag?

Der Job warf, so gern sie ihn auch tätigte, nicht viel Geld ab. Ihr Lifestyle kostete zusätzlich viele Moneten, sodass wir am Ende des Monats auch schon mal kein Geld mehr für Lebensmittel hatten.

Mein Zimmer ähnelt einer Abstellkammer und ihr Zimmer einer noch kleineren Abstellkammer. Das Bad war fast kleiner als in diesen Mitternacht-Hotels und die Küche ähnelt einem Schlachtfeld, weil wir kaum Platz für Geschirr oder Lebensmittel hatten. Nur unser Wohnzimmer: Das war ein Palast; ein Zimmer, was in so einer Wohnung nichts zu suchen hat. Als meine Mutter damals mit ihrer wunderbar bescheuerten Idee ankam, eine Wohnung zu suchen, die ein so großes Wohnzimmer hat, wie alle restlichen Zimmer zusammen, dachte ich, so was muss erst gebaut werden. Aber anscheinend gibt es Architekten, die denken wie meine Mutter. Also Schraube locker.

 

Das war nun schon sieben Jahre her. Seitdem wohnte ich mit meiner verrückten Mutter in einer super winzigen Wohnung. Das einzig gute war, dass sie nah an der Innenstadt lag. Ich brauchte nur in die Straßenbahn, welche unter unserem Balkon hielt, einsteigen und befand mich inmitten der Stadt. Auch meine Schule, auf die ich zu meinem großen Leidwesen noch gehen musste, befand sich in nächster Nähe. Doch auch all die Nähe brachte mich nicht dazu, mich um sie zu kümmern. Für meine Mutter natürlich ein tragisches Ereignis, welches sich alle halbe Jahre zum Semesterende abzog: Zeugnisse. Generell verzweifelte sie regelmäßig an mir: Ich war schlecht in der Schule und pfiff auf sie. Ich hatte »böse« Freunde, die skaten und auch mal an einem Joint zogen. Ich hatte keinen Modegeschmack, weil ich aufgeschlitzte Jeans und schwarze T-Shirts trug mit Aufdrucken wie »Never Die« oder »I live hard, because I hear Hard Rock«. Ich war zu verwöhnt, weil ich nichts im Haushalt machte. Ich spülte und staubsaugte nicht. Ich war unsauber, weil ich Staubflocken auf meinen Möbeln züchtete und die Milben in meiner Bettwäsche Tango tanzen ließ. Ich räumte mein Zimmer nicht auf und wenn ich es tat, packte ich alles in das Zimmer meiner Mutter oder unter mein schon vollgepacktes Bett. Wie man merkt, habe ich es mit Ordnung und Sauberkeit noch nie so eng gesehen; meine Mutter natürlich schon, weswegen es des Öfteren ein paar Abreibungen gab.

Und all dies verkörperte für sie das Sinnbild eines schlechten Sohnes, der nur an sich dachte. Musste ich ihr schon ein wenig Recht geben.

 

Ihr Vortrag (der noch immer anhielt) hatte seinen Ursprung an einem Mittwoch­nachmittag. Ich hatte meinen Kumpel ohne Vorwarnung mitgebracht. Und was war schlimmer für eine neurotische Mutter, als einen Sohn zu haben, der aussieht, als wäre er schon einmal tot gewesen? Natürlich: Einen Sohn zu haben, der Freunde hat, die ge­nauso aussehen wie der Sohn: bereits tot.

Sie war stinksauer, dass ich ihr nicht Bescheid gesagt hatte, und sie quasi ins kalte Wasser geschmissen hatte. Als ich das Argument am Esstisch brachte, dass ich mein Handy aber nicht dabei hatte, hob sie die Hand und schüttelte den Kopf. Das typische »Ich-will-da-jetzt-nicht-drüber-Reden«-Handsignal. Und der »Darüber-reden-wir-später-noch«-Blick folgte kurz danach.

»Später« war nun jetzt. Aber das »Wir-reden-darüber«-Prinzip war zu einem »Ich-rede«-Prinzip mutiert. Die Eiswürfel in meiner Cola waren schon zu Wasser geworden und schwammen nun gesellig dahin. Dieser Frieden kotzte mich an.

Sofort war die Cola in meinem Bauch verschwunden, sodass ich das Glas mit einem kräftigen Schlag auf der Glasplatte abstellte.

 

»Bitte, Hiro, hör auf die Gläser immer so auf die Glasplatte zu hauen. Das ist nicht gut für die Beschichtung«, flehte meine Mutter und riss mir das Glas aus der Hand, um kurz danach mit ihren Fingern über die Glasbeschichtung zu fahren. Ihre künstlichen, bunt angemalten Nägel kratzen dabei fürchterlich auf der glatten Fläche. Und meiner Meinung nach, war dieses Kratzgeräusch sehr viel unangenehmer als wenn Glas auf Glas traf.

Kaum hatte meine Mutter meine leere Cola in der Küche entsorgt, ging das Geräusch in meinen Ohren weiter. Wie ein Wasserfall redete sie auf mich ein und verkündete mir, dass ich einen meiner »bösen« Freunde mitgenommen hatte, ohne sie vorgewarnt zu haben – das wiederum führte zu dem Problem, dass er das unaufge­räumte Wohnzimmer gesehen hatte. Dabei war es doch der wichtigste Raum in der Wohnung! Nämlich der gezeigt wird, wenn Gäste da sind. Auch wenn es ihr immer schwer fiel, einen meiner Freunde als »Gast« zu bezeichnen.

Natürlich war meinem Kumpel egal, ob die Frauenzeitschriften nun zerstreut auf dem Sofa lagen oder gestapelt neben dem Sofa. Oder ob ihr Ikebana schon fertig auf dem Glastisch oder noch unfertig auf dem Esstisch stand. Meine Mutter machte allein der Gedanke an die anderen Mütter, die dann über ihre Unordnung im Wohnzimmer herziehen würden, Angst.

Doch ich pflegte ihr immer zu sagen : 1. Bei denen sieht es wahrscheinlich noch schlimmer aus, als bei uns. 2. Mein Kumpel würde nie auf die Idee kommen, seiner Mutter von den Frauenzeitschriften oder dem Ikebana zu er­zählen. Der konnte Ikebana doch noch nicht mal buchstabieren.

 

Je mehr Zeit verging und ich in meinen Gedanken bereits in meiner Lieblingskneipe saß, hörte ich meine Mutter laut Seufzen. Ihr ging wohl so langsam die Puste aus, wie mir schien.

»Hiro, ich hab gestern mit deinem Vater gesprochen«, erzählte sie mir in einem strengen Ton, der aber mehr verzweifelt als furchteinflößend klang.

»Wirklich? Das ist aber mal was Neues …«, spottete ich. Immerhin hatte ich meinen Vater seit meiner Geburt nicht mehr gesehen, sodass ich mich nicht an ihn erinnerte. Angeblich hatte er damals die Schnauze voll und hat die Fliege gemacht. Jedenfalls schilderte es Mom wie einen wirklich tragischen Vorfall, in dem sie verlassen wurde. Er war ein böser Mann, der nichts verstand und nur an sich selber dachte. Also im Grunde wie sie auch mich immer darstellte.

»Hiro, bitte.«

»Danke.«

Sie seufzte genervt auf und ließ sich auf einen Esstischstuhl fallen, der schräg gegenüber des Sofas stand. Sofort sah sie mich böse an und versuchte wieder streng zu wirken. In genau solchen Momente empfand ich doch ein Stück Bewunderung für sie. Immerhin hatte sie es ganze achtzehn Jahre mit mir ausgehalten, obwohl ich die ersten paar Jahre sicherlich noch kein so vorlauter Bengel war, wie ich es in meinen späten Teeniejahren zu sein pflegte. Damals war ich ja noch klein und brav. Meine Mutter erzählte mir immer vom Gegenteil, dass ich genau da ein noch größerer Rotzbengel war.

 

Irgendwann fand meine Mutter ihre Stimme wieder, nachdem sie für einige Sekunden verschnauft hatte.

»Er möchte dich sehen«, ließ sie schließlich in den Raum fallen, was dazu führte, dass ich meine Kinnlade der Schwerkraft überließ. »Jetzt am Wochenende, wenn die Ferien anfangen, fliegst du zu ihm.«

»Das erzählst du mir jetzt? Drei Tage davor?« Meine Stimme wurde etwas lauter. Mein Herz klopfte wie verrückt.

»Ich habe das auch erst gestern mit ihm ausgemacht«, schrie mich meine Mutter mit ihrer drei Oktaven höheren Stimme an.

»Das wäre immerhin ein Tag mehr gewesen!«

»Hiro, bitte!«

»Ich habe ihn seit achtzehn Jahren nicht mehr gesehen. Also eigentlich noch nie. Und jetzt soll ich ihn in drei Tagen besuchen gehen? Was, wenn der Kerl ein Kinderschänder ist?«

»Hiro, es ist dein Vater!«

Klar. Deswegen ja.

»Mama, das kannst du mir nicht antun«, quengelte ich und setzte mich im Schneidersitz auf die Bonbon-Couch.

»Deine Ausreden funktionieren jetzt nicht. Du fährst hin. Und zwar für eine Woche.«

Was?

»Was?«, rief ich ungläubig. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Konnte sie das wirklich ernst meinen?

»Es wird bestimmt lustig für dich.«

»Glaub ich weniger …«

»Wenn du schon mit so einem Gesicht zu ihm gehst, schickt er dich früher weg«, ermahnte sie mich und hob ihren bösen Zeigefinger in die Luft.

»Gut«, prustete ich entnervt aus meinen Lippen und verschränkte trotzig die Arme vor meiner Brust.

»Hiro, bitte, benimm dich«, bettelte meine Mutter in einer verzweifelten Tonlage.

»Und was, wenn nicht?«

»Das entscheidet dann dein Vater.«

Ich seufzte und ließ meine Arme wieder in meinen Schoß fallen. Der Tag konnte nur besser werden.

»Dein Vater wohnt im Norden.«

Okay, es ging wohl doch noch schlechter.

»Ich pack schon mal nur Regensachen sein …«, murmelte ich. Der Norden war dafür bekannt, dass es dort nur regnete und kalt war. Im Winter mochte das ganze ja ganz nett gewesen sein, wenn Schnee lag und die Weihnachtsstimmung auf den kleinen, spärlich bewohnten Dörfchen lag. Aber nicht im Sommer, wenn ich an den See gehen wollte, um mich mit meinen Freunden zu besaufen.

»Hiro, noch mal: Benimm dich.«

»Ja-ha …«

Beide, der anwesenden Personen, waren genervt. Meine Mutter, weil ich sie nicht vorgewarnt hatte – ich, weil sie mir einen Stunden-Vortrag hielt – dann wieder sie, weil ich den mit einem Desinte­resse feinster Art verfolgte – ich wiederum, weil sie mir mit einer plötzlichen »Vater-Besuchs«-Aktion ankam – und sie schließlich wieder, weil ich so genervt von der »Vater-Besuchs«-Aktion war. Im Grunde war es ein typischer Ablauf eines Nachmittags, wenn da nicht mein anderes Elternteil eine Rolle gespielt hätte.

 

Nach wenigen Sekunden stand meine Mutter auf und schob den Stuhl wieder an den Tisch. Sie ging in die Küche und kramte mit gesenktem Haupt Töpfe und Pfannen raus.

»Ich koche jetzt.«

Mit einem Schwung erhob ich mich von der Couch und wollte schon in mein Zimmer gehen, da hielt mich meine Mutter natürlich auf:

»Und du hilfst mir.«

Seufzend machte ich kehrt und schlenderte in die viel zu kleine Küche.

»Mama, die Küche ist zu klein für uns beide. Entweder du kochst oder ich, aber wir beide, das geht nicht.«

Noch ehe ich realisieren konnte, was genau ich da gesagt hatte, schmunzelte mich meine Mutter wissend an.

»Dann kochst du heute«, befahl sie und hielt mir den Koch­löffel entgegen.

»Wenn du sterben willst, okay.«

»Hiro«, mahnte sie mich abermals und zog eine Augenbraue hoch.

»Ja, Mama«, spottete ich in einem viel zu höflichen Ton und verbeugte mich vor ihr. Sie gab nur irgendeinen Laut von sich und zwängte sich an mir vorbei. Kaum war sie aus dem Raum, griff ich zum Telefon und wählte eine mir bekannte Nummer.

Kurz danach verließ auch ich die Küche.

Meine Mutter saß auf dem Sofa vor der Terrasse und las in einer ihrer Zeitschriften. Verwundert über mein Vor­haben, mich in mein Zimmer zu begeben, sah sie mir hinterher.

»Und wo ist das Essen, junger Mann?«

»Noch in der Pizzeria. Aber es müsste in circa achtzehn Minuten hier sein. Die wirst du ja wohl noch warten können, oder?«

 

Natürlich rastete sie aus und schrie wieder viel zu laut in mein Ohr. Ich schaltete einfach ab und wartete sehnsüchtig auf meine Pizza. Auch wenn es meiner Mutter nicht ganz passte, bezahlte sie trotzdem das Essen, was wir kurz darauf schweigend aßen. Ich entnahm ihrem Blick, dass sie mit der Gesamtsituation unzufrieden war. Wie immer. Und wie immer gab es nur einen Schuldigen: nämlich mich.

Nach dem Essen wurde ich dazu verdonnert, die Pizza­schachteln nach unten in den Müll zu bringen und danach in mein Zimmer zu gehen. Und dort auch bis zur nächsten Mahlzeit zu bleiben. Die würde offiziell erst wieder morgen früh stattfinden. Natürlich würde ich mich da nicht dran halten und trotzdem ihre Joghurts um Mitternacht essen. Denn gerade nachts packte mich oft ein unglaublicher Hunger.

Als ich in meinem Zimmer saß und aus dem verdreckten Fenster sah, dachte ich über die »Vater-Besuchs«-Aktion nach. Wie er wohl aussehen wird? Vielleicht habe ich dann ein Déjà-vu Erlebnis und erinnere mich schlagartig an ihn, wie ich ihn damals mit meinen Kulleraugen nach meiner Geburt angesehen hatte.

Mir huschte ein Grinsen über meinen Mund. Als ob.

Langsam, fast wie in Zeitlupe ließ ich mich auf mein Bett sinken und starrte die weiße Wand mit den riesigen Rissen an. Renovierungsfähig, dieser Raum. Obwohl ich es nach so vielen Jahren endlich geschafft hatte, mich in ihm häuslich einzurichten, sodass ich mich wohl fühlen konnte. Früher, als ich und meine Mutter noch frisch hier eingezogen waren, machte sie sich noch die Mühe mein Zimmer täglich aufzuräumen. Doch jetzt war sie natürlich der Meinung, dass ich alt genug war, um das selber zu machen; was natürlich nie geschehen würde. Denn nur mit der Unordnung fühlte ich mich geordnet. Nur dann hatte ich das Gefühl von Heimat.  

Ich drehte mich genüsslich auf die Seite und starrte auf meine digitale Funkuhr. Zeit. Was bedeutete schon Zeit, wenn man sie mit solchen belanglosen Dingen verbringen musste?

Ich drehte die Uhr zur Seite, sodass ich meine tickende Uhr nicht sehen musste und starrte auf ein Bild mit meinen Freunden drauf. Wir waren vor einigen Jahren mal mit der Schule in einem Vergnügungspark, wo keiner wirklich Lust drauf hatte, da es kein typischer Freizeitpark mit Achterbahnen und Gruselkabinetten war, sondern einzig und allein eine Erkundungstour durch die Gezeiten. Oder so ähnlich – es sollte jedenfalls Wissen vermitteln. Trotzdem hatten wir Recht viel Spaß und alberten auf einer Wiese rum, bis wir nach Hause fuhren. Das Wetter damals war traumhaft: Bedeckter Himmel, ohne Regen und ohne Sonne. Ach damals ...

 

Ich versank noch für einige Minuten in der Vergangenheit, bis ich an die Zukunft dachte.

So viel wie ich wusste, hieß mein Vater Fudo Kabashi. Er war etwas älter als meine Mutter, aber wie alt er war, konnte ich nicht einschätzen. Ich hatte erst einmal ein Bild von ihm gesehen. Er hatte kurze braune Haare und einen ordentlichen Anzug an. In der Hand hielt er eine Mappe und schien gerade auf der Arbeit zu sein, da das Gebäude, in dem er stand, groß und geräumig aussah. Alles war aus Marmor und hell eingerichtet, wobei man nur Pflanzen und ein Paar Gegenstände sah. Im Hintergrund sah man noch eine marmorne Treppe. Sie war eine geschwungene, leicht gebogene Treppe mit einem Geländer, das golden schimmerte. Jetzt, wo ich mir das alles wieder in den Kopf zurückrief, musste er einen gut bezahlten Job haben. Wer in so einem Palast arbeitete, der konnte nur viel Kohle haben. Selbst als Sekretär würde man da wahrscheinlich mehr verdienen als manch anderer. Nur das erklärte mir die Tatsache, dass er mir mal eben einen Flug zu sich gebucht hatte.

Ob er allein wohnte? Wie seine Wohnung wohl aussehen mochte? Vielleicht hatte er ja sogar ein Haus? Im Norden zu wohnen war bestimmt nicht so teuer, wie hier im Süden, wo es schön warm war und Touristen herkamen. Wer wollte schon da oben hin und sich Ziegen beim Grasen angucken?

Wie mein Vater wohl sonst so ist? Ob er nett ist? Auf jeden Fall, wenn er so ist wie ich. Ich sagte immer Bitte und Danke, fragte immer nach und war nicht zu direkt, aber auch nicht zu schüchtern. Ich wusste was ich wollte und setzte es meistens auch durch; ich war strebsam, wenn es um Dinge ging, die ich erreichen wollte. Der Erfolg in der Schule gehörte nun leider nicht dazu. Auch die Aufmerksamkeit meiner Mutter sollte niemals in meine gelernte Etikette reinpfuschen. Ich wusste damals noch nicht wieso, aber ich wollte der Rebel bleiben. Zu Hause sollte sie ruhig denken, dass ich das Bitte und Danke in meinem Alkoholsuff vergessen hatte. Unsere Beziehung fühlte sich manchmal wie ein Spiel an: Wenn sie gemein zu mir war, so gab ich ihr diese Gemeinheit zurück. Denn ihr Bild von mir konnte im Grunde nicht schlechter sein: Drogen, Alkohol und diese furchtbare Musik. So nett wie sie nämlich manchmal war, fragte sie sich in meiner Gegenwart lautstark, wie ich zu Freunden käme. Ob ich sie bestechen würde, mit mir nach Hause zu kommen, um die arme Mutter im Glauben zu lassen, ich wäre sozial und hätte Freunde.

 

Ich langweilte mich zu Tode, während ich das Bild meiner Freunde wieder sorgsam an die Wand heftete. Nichts in dieser Abstellkammer konnte mich beschäftigen. Das einzige, was hier reinpasste, war ein Bett, ein Schrank und ein Schreib­tisch. Wobei der dazugehörige Stuhl immer in der Ecke stand. Ich machte ja nie etwas an meinem Schreibtisch. Hausauf­gaben? So was gab es bei mir nicht. Hobbys? Sehe ich aus, als würde ich malen? So was kann ich nicht.

Die Spannung lag förmlich in meinem Nacken, als ich weiter darüber nachdachte, dass ich eine ganze Woche bei meinem Vater verbringen würde. Mich wurmte, wieso er ausgerechnet jetzt von meiner Existenz wissen wollte. Wieso er unbedingt jetzt an meinem Leben teilhaben wollte. Vielleicht heiratete er wieder und wollte, dass ich sie kennen lernte? Aber was hätte ich mit der am Hut gehabt? Einen feuchten Dreck eigentlich, denn soweit ich mich erinnerte, war meine Mutter schon seine dritte Ehe. Aber ich bin wohl sein erstes Kind, denn aus den Ehen davor kam nie ein Kind zustande. Gut für mich: ein Einzelkind hat’s oft leichter.

 

Früher wollte ich immer einen Geschwisterchen haben, doch meine Mutter hat auf meine Bitte immer sehr allergisch reagiert. Am liebsten wäre mir ein großer Bruder gewesen, der mich vor meinen blöden Klassenkameraden beschützen hätte können. Außerdem hätte ich seine Freunde kennen gelernt. Demnach auch seine Freundinnen. Wäre doch nicht schlecht gewesen, auch wenn ich gestehen musste, nie ein Händchen für Frauen gehabt zu haben.

 

Frauen hin oder her: was der Grund für Vaters kurzfristiges Interesse war, ging mir nicht in den Kopf. Mit Sicherheit hätte er eine schöne Überraschung für mich parat gehabt; soweit war ich mir sicher. Ich machte mich einfach auf das Schlimmste gefasst: Er will eine komische Frau heiraten, die bereits schwanger war, und er will mich enterben. Oder so etwas.

 

Ich hoffte, es würde nicht schlimmer werden …