Bloody Love

Die Geschichte um Ryan und Takuto, zwei Vampire unter dem scharfen Auge ihres Vorgesetzten Riccardo. Als Ryan vor vielen Jahren in die Villa von Riccardo kam - nachdem er seine Mutter umgebracht hatte - , warf Takuto bereits ein Auge auf ihn. Doch die Fassade eines eingespielten Teams konnte nicht lange aufrechterhalten werden, sodass Ryan immer weiter verunsichert wurde, nur um am Ende festzustellen, dass er mehr um Takutos Liebe kämpfen muss, als ihm lieb ist ...

 

Der Roman ist von 2007-2008. Er wurde seitdem nicht bearbeitet.

 

Trigger: Adult und Blut - Lesen auf eigene Gefahr!

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-Prolog-

 

Ich lag auf meinem Bett und lauschte leise wie der Regen an meinem Fenster rasselte. Wir hatten Ende Januar und der ganze Himmel erstreckte sich in einem hässlichen Grauton. So hässlich wie der Himmel, so hässlich fühlte ich mich auch. Das Halbjahr in der Schule war nun endlich um. Ein verlängertes Wochenende stand an und jeder freute sich. Nur ich nicht.

 

Warum? Weil ich im pubertierendem Alter war. Das hieß: Alles war blödsinnig. Natürlich, ich wusste, dass es so war, warum habe ich es dann nicht geändert? Weil es unmöglich war. Dass ich es nicht wollte, stellte ich meistens ans Ende der Liste.

 

Mein stolzes Alter von 15 Jahren war grausam. Zum einen, weil ich eine Niete in der Schule war, und zum anderen auch noch aussah wie Eine und mich auch so verhalten habe. Jeder Grund zum Leben wurde mir zunichte gemacht. Ich trug eine Brille, meine Haare waren hellblond, meine Augen ähnelten zwei großen blauen Knöpfen und mein Körper war schwächlich und mager. Trotz meiner Größe von knapp 1,90 m, sah ich doch zierlich aus und manchmal, wenn meine Haare nach dem Duschen verwuschelt waren, hatte ich das Gefühlt ich wäre ein Mädchen.

Ich wollte einen Schlussstrich ziehen. Es war ja so schwer einen Schlussstrich zu ziehen. Gerade dann, wenn man es schon 55 Mal vorher versucht hatte. Andere Kleidung hat nichts gebracht und auch eine andere Frisur hat nichts bewirkt. Heute sage ich mir, dass die Kleidung, die ich damals trug, auch schrecklich war und die Frisur, wo meine Haare höchstens 5 mm lang waren, alles nur noch schlimmer gemacht hat.

 

Ich wälzte mich auf meinem Bett hin und her. Der Regen machte mich verrückt, ebenso wie mein Magen, der die ganze Zeit knurrte und nach Nahrung schrie. Meine halbe Magersucht habe ich meinen Kochkünsten zu verdanken. Ich mochte Fertiggerichte nicht besonders. Und kochen kam für mich gar nicht infrage. Sonst wäre die Küche explodiert.

Meine Mutter war meistens Arbeiten, manchmal sogar Tag und Nacht. Solange war immer mein Vater da, aber der hat nur getrunken und sobald ich mich meldete, ich hätte Hunger oder derartiges, holte er aus und meine Wange hatte dann ab dem Zeitpunkt einen blauen Fleck.

 

Ich war damals schon seltsam. Mir ist nämlich nie eingefallen, dass ich meine Brille mal gegen Kontaktlinsen eintauschen könnte oder meine Latzhosen durch weite Hosen ersetzen könnte. Meine Mutter war nämlich auch nicht gerade unschuldig daran. Sie wollte immer einen braven und lieben Sohn haben. Den hatte sie, auf jeden Fall. Aber ich wollte nach einer gewissen Zeit nicht mehr so sein. Da ich eher von der schüchternen Sorte war, traute ich mir nie etwas zu. Bis ich meine erste Freundin bekam. Ich verliebte mich in sie, ob sie sich in mich verliebte frage ich mich heute noch. Jedenfalls waren wir zusammen und sie machte mir Mut. Sie sagte immer, sie will mich nicht verändern, aber sie würde es sich wünschen, würde ich mich verändern. Ihr zu liebe tat ich das. Aber leider ging meine Veränderung in die falsche Richtung. Ich dachte, Mädchen stehen auf Schlägertypen, die einen auf Gangster machen. Meine Freundin war nicht von der Sorte Mädchen. Also machte sie Schluss. Meine ganze Welt war zusammengebrochen. Mein Selbstbewusstsein, dass sie so Mühsam bei mir aufgebaut hatte, war zunichte gemacht worden.

 

Und meine Freunde waren eine Katastrophe. Aber was für eine. Der eine sah mir so ähnlich, dass viele dachten, wir seien Geschwister. Der andere hatte eine Schneckensammlung zu Hause, die er einmal in der Woche mit in die Schule nahm, weil er nach dem Unterricht in seine eigene AG ging. Die AG bestanden hauptsächlich aus Loser. Jeder hatte irgendeine Sammlung, die er vorstellte. Danach unterhielt man sich darüber. Ich sollte auch mal als ‚Freund’ mit in diese AG kommen. Also beschloss ich auch eine Sammlung anzufangen. Als ich aber mit meiner Riesen-Heuschrecken-Sammlung ankam, schmissen sie mich raus. Das konnte ich damals gar nicht verstehen. Heute schon.

Da waren dann auch Mädchen, die so aussahen wie ich. Die waren aber mehr blöd als klug, also ließ ich Abstand von denen.

Auch wenn meine Noten in den Keller fielen, ich war weder dumm noch hohl. Ich war einfach faul. Ich sah es nicht ein für Sachen zu schuften, für die ich später auch schuften müsste, nur um nachher von einem Mini-Luxus-Leben zu profitieren. Nicht gerade goldige Aussichten gewesen. Ich ging nur in die Schule, weil’s Pflicht war. Und weil meine Mutter mich sonst hingetreten hätte. Sie wollte ja einen ganz tollen Jungen haben.

 

Langsam schloss ich meine Augen. Brachte schreckliche Momente, aber auch schöne in meinen Kopf. Die schrecklichen überwiegten leider.

Von peinlich bis hin zu grausam. Alles war dabei. Selbst die schönen Momente hatten irgendwo eine nicht so schöne Stelle.

Ich dachte noch eine Weile nach. Dann schlief ich ein. Ich freute mich rein gar nicht aufs Wochenende. Keine Freunde, keine Familie und auch kein Hobby. Sprich: Keine Beschäftigung, nur im Zimmer sitzen und das tun, was jeder kann: Atmen.

 

Am nächsten Morgen ging ich morgens um 9 Uhr Brötchen holen. Allerdings nur für mich. Meine Mutter war seit dem Tag davor nicht mehr aufgetaucht und mein Vater war zu betrunken, um zu essen.

Als ich zu Hause ankam und mich schon fast gefreut hätte auf meine Brötchen, hörte ich, dass meine Mutter da war.

Sie schrie. Dann brüllte sie rum, danach brüllte mein Vater. Aus Neugierde näherte ich mich dem Wohnzimmer, wo sich das ganze abspielte. Meine Mutter blutete am Arm.

Ich sah wie mein Vater wieder ausholte und auf sie Einschlug. Meine Knie fingen an zu zittern und ich sank am Türrahmen zusammen. Bei jedem Schlag auf meine Mutter zuckte ich zusammen.

Das ging fast noch weitere 5 Minuten so. Ich konnte während des Schreiens einzelne Bruchstücke wahrnehmen. Meine Mutter schien in der Zeit, wo sie weg war, bei jemand anderem gewesen zu sein. Bei einem Mann. Und den scheint sie auch schon etwas länger zu haben. Sie war immer nur am Tag arbeiten und hat nachts manchmal bei diesem Mann geschlafen. Womöglich dann auch mit ihm.

Ich griff nicht ein. Ich habe mich nicht getraut. Auf einmal griff meine Mutter zu einer Bierflasche, die auf dem Sofa stand, zersplitterte sie an der Tischkante und schlug damit auf meinen Vater ein. Er fiel zu Boden und blutete. Er stand nicht mehr auf. Ich riss meine Augen auf und starrte in die Richtung, wo meine Mutter noch Angriffsbereit stand.

Im nächsten Moment schnappte sie sich ihre Handtasche, kramte einen Schlüssel raus und rannte zum Tresor. Sie schloss ihn auf und nahm sich alles, was meinem Vater gehörte, raus. Unter anderem auch seine Kreditkarte.

Als mir plötzlich das Wort ‚Mama’ rausrutschte, erschrak meine Mutter und drehte sich ruckartig zu mir um. Plötzlich schrie sie mich an.

 

»Was machst du denn hier du Dreckskind?«

»... Was? ...«

Mehr brachte ich nicht zu standen.

 

»Verschwinde! Du bist nicht mehr mein Sohn!«, schrie sie erneut.

Mit weiten Augen starrte ich sie an. Nicht mehr ihr Sohn...

 

»Aber ... Du hast mich doch immer geliebt ... Und ich war doch so ... Wie ...«, stotterte ich.

 

»Pah! Als ob ich so jemanden wie dich wollte! Sieh dich doch an! Du bist ein Waschlappen, ein Schlappschwanz! Verschwinde endlich! Ich will dich nie wieder sehen.«

Schnell packte sie weiter alles aus dem Tresor in ihre Tasche.

Sie hatte wohl keine Angst, dass ich sie anzeigen könnte. Ich war viel zu ängstlich.

Ich blieb immer noch am Türrahmen sitzen und rührte mich nicht.

 

Als meine Mutter mir aber einen tödlichen Blick entgegen warf, sprang ich auf und rannte nach oben in mein Zimmer. Ich kramte meine riesige Sporttasche aus und stopfte so schnell es ging alles hinein. Meine ganzen Kleidungsstücke, Schuhe, Bücher, mein Tagebuch ...

Ich stockte. Ich war ein Waschlappen und ein Schlappschwanz. Das waren die Worte meiner Mutter. Ich ließ meine Sporttasche zu Boden fallen und schnappte mir eine kleinere Tasche. Ich hatte sie mal von meinem Onkel geschenkt bekommen. Sie war schwarz und ‚cool’. Ich fand sie damals hässlich, deswegen habe ich sie nie benutzt.

Ich schnappte mir die wichtigsten Sachen, wie Geld und Ausweise und stopfte es in diese ‚coole’ Tasche. Ich erhob mich und rannte nach unten.

Ich sah meine Mutter in der Küche, wie sie irgendwelche Medikamente in sich hineinstopfte. Ich wusste nicht, dass meine Mutter Medikamente nahm. Aber das war nun auch kein großer Schock mehr, nach dem ersten jedenfalls nicht.

Ich raste aus der Tür hinaus. Es war helllichter Tag. Vielleicht gerade mal 10 Uhr.  

Mein Schritt verlangsamte sich, als ich auf einer großen Kreuzung stand und meine Exfreundin sah. Mit einem anderen Typen. Er sah gut aus. Er sah richtig cool aus. Im Gegensatz zu mir ja schon fast ein Gott.

Noch schlimmer konnte es ja gar nicht mehr kommen. Es kam jedoch schlimmer. Als ich an meiner Schule vorbeikam, brannte diese. Mein letzter Zufluchtsort brannte gerade ab. Ich hätte mich für die Feiertage in die Sporthalle, die immer offen war, einnisten können. Dies ging aber nun auch nicht mehr.

Ich sah die Polizei auf dem Schulhof stehen wie sie gerade 3-5 Jugendliche festnahm. Typisch ...

Heulend lief ich durch die Straßen. Wann ich wohl angefangen habe zu heulen? Wahrscheinlich schon, als meine Mutter mich angeschrieen hatte. Peinlich eigentlich für einen Jungen heulend durch die Straßen zu laufen, da sich schon alle Leute nach mir umdrehten. Aber würde jemand wissen, was ich da gerade durchgemacht hatte, würde er wohlmöglich auch heulen. Aber auch nur vielleicht.

 

Es wurde dunkel. Der Abend brach an, es war vielleicht mittlerweile schon 23 Uhr. Ich hatte keine Uhr an. Ich war den ganzen Tag gelaufen. Von unserer Stadt, bis hin zum nächsten Ort,  in die nächste Stadt. Sie war groß und laut. Leuchtende Schilder erhellten die Straßen. Tanzende Jugendliche grölten auf den Straßen. Musik war zu hören. Überall standen Frauen in der Gegend herum und hatten knappe Kleider an. Eine Frau fragte mich, ob ich nicht Lust hätte. Ich schaute sie verwirrt an und ging dann weiter. Ich muss wohl nicht dazusagen, dass ich damals noch Jungfrau war und eigentlich nichts davon wusste. Nur, dass man damit Kinder zeugen konnte. Erbärmlich, nicht wahr? Mit 15?

 

Meine Füße taten mir weh und mein Hunger war noch größer als sonst. Zwar hatte ich mir zwischendurch ein Fertiggericht reingestopft, welches ich mir gekauft hatte, doch das reichte nicht für den Tag.

Müde und Erschöpft und eigentlich mit immer noch verheulten Augen lief ich die Gassen entlang. Die Anzahl der Frauen, die mich ansprachen, erhöhte sich, je näher ich in den Kern der Stadt kam.

Ich bog in eine Seitengasse ein. Es war eine Sackgasse. Enttäuschend wollte ich wieder umkehren, doch ich hörte Schritte hinter mir.

Langsam drehte ich mich um und schaute in zwei rot glühende Augen. Mich ergriff die Angst. Meine Knie fingen wieder an zu zittern. Ich war schwach und eine Waffe hatte ich nicht.

 

»Willst du nicht einer von uns werden?«

 

Als ich die Stimme hörte, musste ich Schlucken. Sie war dunkel und mysteriös. Als dieses Etwas mit den roten Augen näher an mich herantrat schrie ich es an:

 

»Komm nicht näher! Oder ... Oder ich schlage dich!«

 

Das Etwas lachte und griff mit seiner Hand nach mir. Vor Schreck schlug ich diese weg. Sofort spürte ich seine andere Hand an meinem Hals. Die Gestalt drückte feste zu und ich musste röcheln.

 

»Du willst doch stärker werden, nicht wahr?«

 

Die Gestalt fing wieder an zu lachen. Ich verstand die ganze Situation nicht.

»Also, willst du einer von uns werden?«, wiederholte das Etwas seine Frage.

»Einer von euch? Was bist du denn?«, fragte ich vorsichtig, aus Angst er würde mir meinen Hals zerquetschen.

 

Als er noch näher an mich herankam, erschrak ich. Das Etwas war ein Mann, Mitte 20. Er hatte Rubinrote Augen und aus seinem Mund blitzten spitze lange Zähne.

»Bist du ... Nein ... Die existieren nicht ...« Mein stottern zeigte dem Mann, dass ich unsicher war. Das nutzte er aus.

 

Ich spürte einen Schmerz in meinem Hals. Er durchzog meinen ganzen Körper. Seine Zähne bohrten sich in meinen Hals immer tiefer und tiefer. Ich wollte schreien, jedoch kam nichts. Plötzlich nahm er seine Zähne aus meiner Haut und ich merkte, dass mir schwindelig wurde. Mir wurde schwarz vor Augen und ich konnte nur noch Umrisse wahrnehmen. Jedoch eins nahm ich noch sehr gut wahr: Der Mann trank mein Blut! Ich hörte wie er immer wieder schluckte und ich dachte, er tötet mich. Als er von mir gelassen hatte, küsste er mich auf den Mund. Seine Zunge drang in meinen Mund ein und ich schmeckte mein Blut durch. Ich habe mich immer geekelt vor meinem Blut. Doch dieses Mal schmeckte es mir richtig gut. Ich erschrak vor meinen eigenen Gedanken. Der Mann ließ von mir ab.

 

»Man sieht sich, Süßer.«

Damit ging er. Hatte ich mich verhört? Er hatte wirklich ‚Süßer’ zu mir gesagt? Ob er Schwul war? Bestimmt.

Ich fühlte mich, als hätte ich Drogen genommen. Meine Sinne waren benebelt und ich erkannte nur Umrisse. Bis alles schwarz vor meinen Augen wurde und ich in Ohnmacht fiel.

 

Als ich erwachte, fand ich mich in der gleichen Gasse wieder, in der ich auch in Ohnmacht fiel. Ich erhob mich und versuchte aufzustehen, doch ein Schmerz in meiner Brust hinderte mich daran. Der Schmerz erinnerte mich an den von letzter Nacht. Ich packte mir bewusst an meinen Hals. Nichts war zu spüren. Ich hob ein stück Glas vom Boden auf und hielt es gegen die Wand. Ich schaute genauer in das Glasstück um mich gut sehen zu können. Nach der Begutachtung meines Halses, musste ich komischerweise feststellen, dass dort weder eine Wunde noch irgendetwas war, das darauf hinweisen könnte, ein blutiges Erlebnis gehabt zu haben. Ich erklärte mir einfach, dass es ein Traum gewesen sein musste. Doch der Geschmack von Blut war in meinem Mund. Und dieser Mann hatte mich doch geküsst.

„Geküsst?“, schrie ich voller Verzweiflung in die Gasse. Ich realisierte die Situation und drehte mich ruckartig um. Leute starrten mich kurz an, gingen dann aber weiter.

Dass meine Mutter die fliege gemacht und meinen Vater vorher umgebracht hatte war wohl kein Traum gewesen. Seufzend ging ich aus der Gasse. Meine schwarze Tasche war samt ihrem Inhalt noch vorhanden gewesen.

Ich wusste wieder nicht wie viel Uhr es war. Doch ich beschloss wieder nach Hause zu gehen. Das Haus musste noch stehen. So was verschwindet ja nicht nach einem Tag und einer Nacht. Nach einem langen Fußmarsch hatte ich mein Haus endlich erreicht. Es sah bewohnter aus denn je. Der Garten war gepflegt und die Haustür war mit einer Blume geschmückt. Verwundert darüber ging ich die Veranda hoch und schloss die Tür auf. Als ich hinein ging hörte ich lautes Stöhnen und Schreien.

Ich näherte mich der Stelle woher es kam. Als ich die Tür öffnete und hineinspähte, sah ich meine Mutter mit einem Kerl im Bett. Sie haben gerade ganz viel Spaß. So glaubte ich jedenfalls hieß das, was sie dort taten.

Plötzlich knatterte die Tür ein wenig. Ich schreckte zurück und ließ vor lauter Schreck auch noch meine Tasche fallen. Ich hielt inne. Doch das stöhnen und das quietschen des Bettes ging weiter.

Erleichtert darüber, nahm ich meine Tasche wieder auf die Schulter und ging runter ins Wohnzimmer.

 

Ich stellte meine Tasche ab und begutachtete die Fotos, die auf einer kleinen Kommode standen. Darauf zu sehen waren meine Mutter und der Typ. Beide Glücklich. Doch kein einziges Foto von mir. War ja auch klar, ich war ja nicht mehr ihr Sohn. Ich war ein Waschlappen und ein Schlappschwanz. Dieser Satz heftete sich in mein Herz und fraß sich seinen Weg. Ich hasste ab diesem Zeitpunkt meine Mutter. Ich verachtete sie. Ich hätte alles dafür getan, sie zu töten ...

In diesem Moment hörte ich hinter mir Schritte.

 

»Du?!«, rief meine Mutter. »Was willst du denn hier? Ich hatte doch gesagt ich will dich nie wieder sehen!«, brüllte sie mich an. Ich drehte ihr noch den Rücken zu. In mir kochte es. Ich hörte wie mein Blut pochte. Plötzlich kam mir der Geschmack von meinem Blut auf meiner Zunge wieder. Ich schluckte, als jedoch kein Blut kam, hatte ich dieses Verlangen. Mein Hass und meinen Durst auf einmal zu stillen.


Ich stürzte mich auf meine Mutter, hielt sie fest und drückte sie auf den Boden. Ich wusste nicht wie mir geschah, da schluckte ich schon ihr Blut runter. Es schmeckte nicht gut. So roh und farblos. Trotzdem trank ich weiter und weiter. Bis ich die Stimme des Kerls hörte. Als er mich sah, riss er die Augen auf und starrte meine Mutter und mich an. Ich erhob meinen Kopf und sah ihn an. Mein ganzer Mund voller Blut. Es lief schon an meinem Kinn runter.

 

»Du Monster!«, rief er und wollte kräftig zuschlagen. Doch ich war schneller und als er bemerkte, dass ich gar nicht mehr bei meiner Mutter stand, war ich schon an der Haustür und rannte hinaus.

Heulend lief ich die Straße entlang. Ich hatte meine Mutter getötet. Und ich hatte sie durch Blutaussaugen getötet. Letzte Nacht war doch kein Traum. Es war Real.

 

Als es schon dunkel wurde, setzte ich mich auf einen Container auf dem Müllplatz. Ich ließ meine Tasche sinken. Mein T-Shirt war durchgeschwitzt und meine Latzhose dreckig und zerrissen. Meine Schuhe waren ebenfalls dreckig und die Sohle drohte abzugehen.

Erschöpft saß ich auf dem Container. Ich starrte auf den Boden. Alles war so unrealistisch. Ich fühlte mich so anders.

 

So neu.

 

Ich sprang vom Container und schnappte mir meine Tasche. Nachdem ich mich vor den Container gestellt hatte schleuderte ich meine Tasche zur Seite und fing an mich auszuziehen. So etwas hätte ich mich früher nie getraut, aber es war mir seltsamerweise in diesem Moment egal. Ich warf alles auf den Container. Ich verstrubbelte meine Haare und zog meine Brille ab. Ich warf sie mit lautem Geschmetter in den Container. Da stand ich nun. Nackt und nur mit einer schwarzen Tasche in der Hand ging ich die Straße entlang. Bis ich in den Wald kam. Dort sah ich eine riesige Villa. Ich hatte sie zuvor noch nie gesehen.

Sie war prächtig. Alles war verschnörkelt und verziert mit Gold und Silber. Die Fenster waren getönt, sodass man nicht hineinschauen konnte.

Ich verspürte keine Angst. Ich fühlte mich eher hingezogen.

Auf einmal ging die Tür auf. Dort standen zwei Frauen. Kurz bekleidet, mit langen blonden Haaren. Sie hielten mir die Hand entgegen. Langsam näherte ich mich den zwei Damen. Es war mir weder peinlich noch unangenehm nackt vor zwei hübschen Frauen zu stehen.

Schließlich trat ich in die Villa ein.

 

 

Seit dem habe ich mein altes Ich abgelegt. Ich habe in der Nacht nicht nur meine Sachen weggeschmissen, sondern auch den Schwächling. Und ich habe wohl auch aus Versehen mein Herz verworfen ...  

- Kapitel 1-

 

 

»Gib mir mein Eis wieder!«, hallte es durch die langen und breiten Gänge der Villa. Ein kleiner Junge düste mit Hochgeschwindigkeit an mir vorbei. Mit einem Eis bewaffnet. Kurz danach kam ein kleines Mädchen hinterher. Zwei kleine Zöpfe schmückten ihren niedlichen Kopf. Mit lautem Geschreie und Getrampel rannten sie die Gänge entlang.

 

Ich stand an meinem Lieblings-Ort. Angelehnt an der großen weißen Wand im Foyer. Das Foyer war geschmückt mit Säulen und Verzierungen. Es standen geordnet Sessel und Tische im Raum. Da und dort saßen junge Frauen und tratschten. Und manchmal kamen sogar Männer hierhin, um sich entweder, wie ich, cool irgendwo hinzustellen oder sich auszuruhen, weil in ihrem Zimmer irgendein Babe lag.

 

Ich wartete auf meinen Partner. Takuto ließ sich natürlich wie immer reichlich Zeit. Wahrscheinlich hatte er gerade noch einen Quicki zu erledigen. So wie eigentlich immer.

 

»Hey, Ryan! Sorry, dass ich zu spät komme, aber ich habe mich aus Versehen im Klo eingeschlossen und ...«, begrüßte mich Takuto wie immer mit irgendeiner Ausrede.

»Sei doch einfach ehrlich«, sagte ich kühl zu ihm.

Er stutzte etwas. Danach fing er an breit zu grinsen.

»Okay, okay. Kleiner Quicki dazwischen geschoben«, gab er nun zu und kratze sich verlegen am Nacken.

»Aber jetzt können wir los!«

Ich stieß mich von der Wand ab und kramte meinen Autoschlüssel aus meinem Mantel. Gemeinsam ging ich mit Takuto zum Wagen. Es machte zweimal ‚Piep-Piep’ und der Wagen öffnete seine Türen. Ich und er stiegen ein. Sofort startete ich den Motor und fuhr aus der Tiefgarage. Es war mitten in der Nacht. Wir hatten wieder einmal einen Auftrag zu erledigen.

Ich fuhr an meinem alten Haus vorbei. Es stand leer. Überall wuchs Efeu und Unkraut. Ein Trauriger Anblick, der aber zu verkraften war.

Ich gab kräftig Gas.

 

Meine Mutter brachte meinen Vater um, ich bin weggelaufen, wurde von einem mysteriösen Mann gebissen, wurde zum Vampir und tötete meine Mutter, indem ich sie aussaugte. Das ist nun schon 6 Jahre her. Ich bin mittlerweile Anfang 21 und habe eine Charakterdrehung von 180° gemacht. Man könnte mich nicht mehr Loser nennen, sondern einen Düsteren Typen. Alles in schwarz: Mantel, Stiefel, mein Hemd und sogar meine Haare. Das einzige was nicht schwarz war, war meine Hose.

Als ich damals in die Villa eintrat, völlig nackt und benebelt, empfingen mich zwei nette Damen. Diese führten mich wiederum zu dem Mann der mich gebissen hatte. Er stellte sich als Riccardo heraus, der Vampiroperhaupt. Er erklärte mir, dass ich nun einer von ihnen sei. Das hieß: Gras über die Sache wachsen lassen und einfach weiterleben. Nur ich durfte niemandem etwas von meiner Vampirexistenz erzählen. Oder ich tötete ihn danach. Durfte ich mir aussuchen. Das Leben hatte ich mir keinesfalls ausgesucht. Es wurde mir zugeteilt. Aber es war wesentlich besser, als das was ich davor gelebt habe.

Ich wurde auf ein Zimmer geschickt. Währendessen kamen mir alle möglichen Leute in diesen riesigen Fluren entgegen. Von Jung bis Alt. Alles dabei. Und anscheinend alles Vampire. Diese Villa scheint nur für Vampire sichtbar zu sein. Ich erklärte mir das Rätsel jedenfalls so, dass ich dieses schöne Haus nicht schon vorher gesehen hatte.

In meinem Zimmer wusch ich mich erst einmal und zog mir andere Sachen an. Zu meinem Erstaunen fand ich die Sachen, die ich anhatte richtig cool. Obwohl es nur ein normales schwarzes T-Shirt mit einer weiten Jeans war. Zu meinem Aussehen zuvor war das richtig Angesagt.

Und ein Problem weniger: Ich konnte sehr gut sehen. Auch ohne Brille. Dabei waren meine Augen immer sehr schlecht. Schien sich durch meine Verwandlung reguliert zu haben.

Nach einigen Wochen lernte ich noch mehr Vampire kennen. Ich war am Anfang sehr abweisend, obwohl man das eher von den anderen erwarten hätte können. Immerhin kam ich nackt einfach so in ihr Haus rein, als Fremder. Ich drehte den Spieß um. Unfreundlich wie ich war, machte ich mir am Anfang nicht sehr viele Freunde.

Ich dachte immer, ich wäre unberechenbar gewesen. Aber es gab eine Person, die einer anderen hätte sagen können, was ich gefrühstückt hatte und was ich zu Abend essen werde. So berechnen konnte sie mich. Und diese Person war nun mein Partner. Takuto. Zusammen erledigten wir die kuriosen Aufträge unseres Bosses, Riccardo. Er hatte immer etwas auf Lager. Egal ob es ein einfacher Mord war oder eine Opfersuche. Die Aufträge gingen von blödsinnig bis hin zu professionell. Doch die professionellen ließen meistens auf sich warten. 

 

Nun saß ich mit meinem mehr oder weniger nervigen Partner in meinem schwarzen Cabriolet. Auch wenn er manchmal nervte oder ziemlich gemein zu mir war, mochte ich ihn doch. Kam es daher, dass ich sonst niemanden hatte? Oder einfach nur, weil er manchmal eine Art an sich hatte, die mich so leicht um den Finger zu wickeln schien? Ich wusste es nicht. War mir auch egal. So wie vieles andere aus dieser verdammten Welt auch.

Am Zielort angekommen, standen wir vor einem großen Lager. Die Schilder wiesen darauf hin, dass es sich hierbei um eine Möbellagerhalle handelte. Nichts Gefährliches. Unser Auftrag war eine einfache Suchen-Umrbingen-Mitnehmen-Geschichte. Wie gesagt, die Aufträge waren mehr sinnlos als sinnvoll.

Takuto knallte die Tür laut und deutlich auf. Ich haute mir mit meiner linken Hand auf die Stirn und ließ sie runter zu meinem Kinn gleiten. Wie dumm konnte man nur sein?!

Angenervt folgte ich ihm in die Lagerhalle. Sie war groß und sehr viele Möbel schienen dort zu stehen. Kurz dachte ich einen Schatten wahrgenommen zu haben. Ich schien mich aber geirrt zu haben, denn als ich genauer hinsah, war nichts zu sehen, außer Möbelpakete natürlich.

»Huhu! Ist hier jemand?«, rief Takuto und sein Echo verdeutlichte die Frage noch ein wenig stärker. Wieder musste ich seufzen und schaute Takuto böse an. Würde er sich noch so etwas leisten, könnten wir uns von unserem Opfer verabschieden und ihm mit einem weißen Taschentuch zuwinken, wenn wir ihm zusähen, wie er sich mit seinem Auto aus dem Staub machen würde. Allein wegen Takuto hatten wir schon viele Pannen und verloren deswegen unser Opfer aus den Augen. Natürlich, ein paar Stunden später hatten wir die Viecher meist wieder, aber der zusätzliche Aufwand wurde nicht bezahlt.

Langsam traten wir in die Lagerhalle weiter ein. Wieder dachte ich einen Schatten gesehen zu haben. Aus lauter Wut, dass dieser ‚Schatten’ mich für blöd verkaufen wollte, schoss ich mit meiner Desert Eagle in die Richtung, wo ich dachte ihn gesehen zu haben. Ein lautes stöhnen war zu hören.

»Bist du verrückt? Wir sollten ihn lebend zum Boss bringen!«, schnauzte mich Takuto von der Seite an.

»Halt du die Klappe und geh lieber nachgucken, ob er das auch wirklich war«, schnauzte ich zurück, was bei Takuto mehr oder weniger Gehorsam hervorrief.

Also ging er hinter einer der Möbelkisten und sah sich die Leiche an. Ich hatte wirklich jemanden getroffen?

»Ne, war der nicht. Ist irgendein Typ«, rief Takuto mir zu. In Gedanken versunken hörte ich ihm gar nicht mehr zu.

Unser Auftrag war regelrecht so gedeutet, dass wir einen Kriminellen auffinden und bewusstlos schlagen sollten, ihn dann mitnehmen und ihn dem Boss ausliefern sollten. Keine große Sache, war da doch ein kleiner Haken. Bei diesem Kriminellen handelte es sich nicht um einen Menschen sondern um einen Vampir, der den Clan verraten und sich auf eigenem Fuß Kriminell gemacht hatte.

Vampire waren nicht sehr leicht zu fangen. Für einen gewöhnlichen jedenfalls. Für uns, sprich Takuto und ich, war es ein Kinderspiel.

Trotzdem schien dieses Viech uns an der Nase herumzuführen. Ärgerlich. Für mich ja erst Recht, da ich mich sehr schnell aufrege. Grundsätzlich.

Takuto war genervt von meinen nicht vorhandenen Reaktionen. Also schmiss er mir mit voller Wucht ein Möbelstück gegen den Kopf.

»Bist du verrückt geworden?«, schrie ich ihn an. Doch der lachte sich nur schlapp und warf mir noch ein Tischbein entgegen. Ich wich aus und warf das erste zu ihm zurück. Es war eigentlich nicht meine Art, solche Spielchen zu spielen, aber es war irgendwo witzig seinem Partner Tischbeine an den Kopf zu werfen.

Die Minuten vergingen und man hörte aus der Lagerhalle nur Gekicher und Gelache. Manchmal fragte ich mich, ob ich nun Erwachsen war oder nicht. Meistens entschied ich mich in solchen Situationen für das Nicht-Erwachsensein.

Als Takuto plötzlich die Tischbeine ausgingen, rannte er auf mich zu und schmiss mich mit seiner ganzen Körperkraft um.

»Hey, hey! Was machst du da?«, fragte ich ihn als seine Hand unter mein T-Shirt rutschte.

Er grinste mich nur an und war anscheinend schon mit seinen Gedanken bei etwas, was man normalerweise nicht in einer Möbellagerhalle tat. Unsere Spielchen mit ein wenig Gewalt endeten meist immer so. Endeten damit, dass ich Takuto entweder Bewusstlos schlug oder irgendetwas dazwischen kam. Denn selbst zu einem Kuss, den sich Takuto anscheinend sehr wünschte, kam es noch nie. Ich wollte schon zu einem Schlag ausholen, da mussten Takuto und ich uns schon zur Seite rollen, da ein riesiger Schrank auf uns zu fallen drohte. Der Schrank versplitterte in seine Einzelteile und Takuto und ich schauten uns fragend an.

Wir hörten im Hintergrund ein leises lachen. Unsere Blicke fuhren zur Decke der Halle. Dort stand ein Typ mit langen braunen Haaren und lachte uns aus. Ich war mehr als wütend und vielleicht auch ein wenig peinlich berührt. Man hatte mir zugesehen, wie ich meinem Partner mit Tischbeinen beworfen habe und wie er mich danach fast Flachlegen wollte. Mir rutschte ein leichtes Knurren raus.

»Hey, jetzt mach den Kerl doch nicht gleich so an!«, sagte Takuto empört über mein Knurren zu mir. Ich schaute ihn böse an und er schien zu verstehen. Müsste ich ihn im Moment mit einem Wort beschreiben würde ich das Wort ‚Arschloch’ wählen.

Der Typ oben an der Decke lachte immer noch. Ich hatte die Nase voll von diesem Kerl und schoss daher mit meiner Waffe noch oben. Ein Vampir kann schnell ausweichen. Leider er dann auch. Ärgerlich wie ich war, rannte ich dahin, wo er auch hinrannte. Takuto blieb einfach stehen. Mit einem fetten grinsen machte er mir deutlich, dass ich den Typ zu ihm scheuchen sollte.

Der bewegt sich nie, schoss mir durch den Kopf, hoffentlich erstickt er mal an seinen Donats, die er Tag ein Tag aus frisst.

Die Ausdauer des Kerls ließ zu wünschen übrig, dafür war er umso flinker. Ich hatte Mühe dem Kerl zu folgen. Die Lagerhalle war groß und unübersichtlich. Diese ganzen Möbelpackungen und Regale bildeten viele kleine Gänge, die es erschwerten ihm zu folgen. Vor allen Dingen hielt ich kurz inne und musste erst einmal wieder überlegen, wo Takuto überhaupt stand. Das Fang-den-Feind-Spiel ging circa zehn Minuten. Dann wurde es mir zu blöd. Ich holte meine zweite Desert Eagle aus meinem Halster und schoss wie wild durch die Gegend. Plötzlich fiel der Kerl zu Boden. Ich blieb ebenfalls stehen und atmete erst einmal tief durch. Takuto kam auch angerannt und lief zu dem Mann. Er riss die Augen auf und schaute mich entsetzt an.

»Du hast ihn umgebracht, du Idiot! Wir sollten ihn doch Lebend bringen!«, schrie er mich an. Mit einem Mörderblick gab ich ihm meine Antwort auf diese Aussage. Ich war wirklich angenervt. Und dann kommt mir mein Partner auch noch so. Zum Glück gehörte ich zu der Sorte Menschen, die ihre Wut gut kontrollieren konnten, also erschoss ich ihn nicht auch noch.

Ich steckte meine Waffen zurück in die Halster und ging zu Takuto und der Leiche. Takuto fluchte noch etwas und seufzte anschließend. Er nahm die Leiche über seine Schulter und schaute mich böse an. Er war auch sauer, weil ich den Auftrag vermasselt habe. Tat mir irgendwo auch Leid. Immerhin wird Riccardo nicht Glücklich sein. Und daran werde ich vermutlich dann nicht alleine Schuld sein. Sondern Takuto wird die Schuld mit mir teilen müssen. So war das immer. Aber wenn ich da so darüber nachgedacht habe, musste ich immer daran denken, wie oft ich schon die Hand ins Feuer legen musste, weil Takuto den Auftrag vermasselt hatte.

Wir beiden stiegen angenervt ins Cabriolet zurück. Die Leiche lag im Kofferraum. Manchmal fühlte ich mich bei so Aufträgen wie die Mafia oder derartiges. Die ganze Fahrt hin schwiegen wir uns an. Ich fuhr schneller als erlaubt und raste mit 60 km/h um Ecken. Ich sah im Augenwinkel immer Takuto leicht fluchen. Er hätte sich wahrscheinlich zu gerne beschwert.

Als wir an der Villa ankamen, brach der Morgen schon fast an. Takuto holte die Leiche aus dem Kofferraum, danach fuhr ich in die Tiefgarage. Angenervt schloss ich den Wagen ab und ging Richtung Aufzug. Ein Seufzer rutschte mir raus.

»Na, war’s wieder anstrengend mit Takuto?«, kam eine Frauenstimme aus dem Hintergrund. Ich drehte mich um und sah in zwei wunderschöne grüne Augen.

»Sasha ... Was willst du denn?«, kam ich ihr spöttisch entgegen. Sie grinste mich an und kam auf mich zu. Sie hatte ein rotes Lederkleid an und hohe Stiefel. Um ihr Kleid zu beschreiben, wäre ein einziges Wort schon zu lang. Der Ausschnitt ließ mehr zu, als sie wollte.

»Oh, ich wollte dir nur einen kleinen Besuch abstatten, mein süßer Ryan.« Sie kam auf mich zu und streichelte mir sanft über meine Wange. Mit ihrer anderen Hand glitt sie langsam über meine Brust. Erotisch schaute sie mich an und wollte zu einem Kuss ansetzen.

»Hey! Was soll das werden, wenn’s fertig ist?«, rief Takuto durch die Tiefgarage. Sasha wich zurück und starrte Takuto verwirrt an. Ich war irgendwie erleichtert. Danke Takuto, dachte ich mir nur.

»Was willst du denn, du Möchtegern-Cooler?«, schnauzte sie Takuto an, weil er ihr ja die Show verdorben hat.

»Ich will das unterbinden, was du vorhattest, du Schlampe. Du springst doch mit jedem in die Kiste. Also verschon meinen Partner.«

Takuto schien leicht gereizt zu sein. Sasha ebenfalls. Ich fühlte mich wie eine süße Plastikpuppe, um die sich gestritten wird, wer als erstes mit ihr ins Bett darf. Das Gefühl war nicht sehr angenehm.

»Verzieh dich, Sasha!« Takuto kam neben mich und schubste sie in den Aufzug, der gerade offen stand. Mit lautem gepolter fiel sie in den viereckigen Raum und ehe sie wieder aufstehen konnte, ging die Tür schon zu. Mit einem fiesen Grinsen verabschiedete sich Takuto von ihr.

Nach langem Schweigen in der Tiefgarage, brach ich die Stille.

»Danke, Takuto. Du weißt, dass ich sie nicht mag.«

»Oh ja, das weiß ich wohl. Aber ich mein, wer mag sie schon?«

»Die Mehrzahl der Männer in diesem Haus.«

Takuto stutzte. Dann schaute er mir direkt in die Augen. Er war ein Stück größer als ich, trotzdem hatte ich nicht mehr Respekt vor ihm. Er kam immer näher. Ich wich weiter zurück und stieß irgendwann gegen eine Wand. Ich schaute Takuto böse an, in der Hoffnung er würde stehen bleiben. Ich hatte wohl eher das Gegenteil erreicht.

Er stützte seine Arme an der Wand neben meinem Kopf ab und kam mit seinem Gesicht nah an meines ran.

»Was fühlst du?«, fragte er mich mit seiner sanften Stimme.

»Rein gar nichts«, war meine kühle Antwort. Sie war nicht nett und passte rein gar nicht in diese Situation. Aber diese Antworten war Takuto von mir gewohnt. Er streichelte mit seiner rechten Hand meine Wange. Diese Anmache war wohl sehr beliebt. Jedoch fühlte ich mich besser, als vorhin, wo Sasha dies auch tat. Doch unter besser verstand ich nicht Wohlfühlen.

»Also wie immer. Du fühlst nie etwas«, flüsterte Takuto mir mit ernster Miene entgegen. Doch in seinen Augen spiegelte sich Trauer wieder.

Immer, wenn er so etwas tat, wollte ich wissen, was er fühlt. Aber ich habe mich nie dazu zwingen können, es zu fragen. Diesmal ging es doch ...

»Und was fühlst du?«

Takuto öffnete seine Augen etwas mehr. Auf diese Frage war er wohl nicht vorbereitet. Nachdem er sich gefasst hatte, küsste er mir leicht auf die Stirn und flüsterte:

»Ich fühle einen Drang. Den Drang, deine harte Schale aufzubrechen und zum weichen Kern zu kommen.«

Ich musste kurz nachdenken, über das was er gesagt hatte. Als ich ihm den Satz ‚Diesen Kern gibt es nicht’ entgegen bringen wollte, spürte ich schon etwas anderes auf meinen Lippen.

Er hatte es tatsächlich geschafft.

Da standen wir nun. In der kalten Tiefgarage mit gedämpften Licht und einem unangenehmen Geruch in der Nase. Ich stand regungslos an der Wand und ließ mich küssen. Ich hatte nicht vor Anstalten zu machen. Warum? Ich war zu faul. Nein, die Ausrede war billig. Also noch mal, warum? Weil ... Ich wollte es mir nicht eingestehen.

Unser Kuss zog sich ziemlich in die Länge. Als Takuto merkte, dass ich gleich anfangen würde mich zu wehren, schob er mir seine Zunge in den Mund. Für ihn war ich ja so berechenbar, ich hasste das. Ich war erschrocken, dieses weiche, nasse Etwas in meinem Mund zu spüren. Ich versuchte ihn wegzustoßen, doch seine Zunge animierte meine mitzumachen. Ich kniff die Augen zusammen. Ich konnte mich nicht wehren. Warum? Wieder eine so schwere Frage ...

Takuto nahm meinen Kopf in seine Hände und drehte ihn so wie er es wollte. Ich hatte danach das Gefühl, dass ich mich ziemlich dumm dabei angestellt habe. Aber ich wollte es ja auch nicht.

Als er endlich von mir ließ, wollte ich direkt anfangen ihn anzuschreien und ihn fertig zumachen, warum er das getan hatte, doch dazu kam ich nicht, denn ehe ich mich versah, steckte seine Zunge schon wieder in meinem Mund. Ich merkte wie seine Hand erneut unter mein T-Shirt rutschte. Dieses Mal hatte ich schon fast Angst davor was er vorhatte. Denn es war alles anders als sonst. Wir küssten uns zum ersten Mal und warum sollte so was dann nicht auch zum ersten Mal passieren. Aber in der Tiefgarage? Ich konnte mir vor allen Dingen darunter nichts vorstellen, wie zwei Männer es miteinander tun sollten. Ich hatte schon davon gehört, aber wie das ging, davon sprach niemand.

Als er plötzlich an meinen Brustwarzen zu drehen begann, gab ich einen Laut von mir, der mich selber erschrak. Doch das brachte Takuto nicht aus der Ruhe. Dem schien es nämlich zu gefallen. Mir eher weniger, beziehungsweise gar nicht. Wenn einer in die Tiefgarage käme und uns so sähe. Allein die Vorstellung machte mich blass.

Ich spürte plötzlich, dass es eng in meiner Hose wurde. Wie peinlich mir das doch war. Mit aller Gewalt versuchte ich mich zu wehren, aber ich wollte vermeiden, dass, wenn er von mir ließe, meine gewölbte Hose sähe. Also ging das Wehren nicht ohne weiteres. Doch ihm schien es im unteren Körperbereich nicht anders zu gehen, denn als er sein Bein an die eben genannte Stelle schob, spürte ich an meinem Bein auch etwas Seltsames. Es war einfach schrecklich. Ich konnte mich nicht wehren und Takuto machte immer weiter. Auch noch in der Tiefgarage! Wären wir woanders gewesen, hätte ich es auch nicht zugelassen, aber da hätte ich ja weglaufen können, ihn mit irgendwelchen Sachen beschmeißen können oder sonst irgendetwas. Aber hier ...

Als seine Hand auch noch dahin wanderte, wo vorher sein Bein war, gab ich wieder so einen Laut von mir, der mir im Nachhinein peinlich war. Aber die ganze Situation war für mich peinlich. Takuto dagegen schien alles voll und ganz zu genießen. Ich spürte wie seine Hand in meine Hose rutschen wollte. Ich schrie innerlich ein klares Nein aus. Verzweifelt wie ich war, betete ich zu Gott, dass er aufhören sollte ...

 

Unerwartet ging plötzlich hinter mir die Wand auf. Ich fiel zurück und Takuto gleich mit. Wir landeten auf dem harten Boden und ich starrte in das Gesicht von Riccardo. Verwirrt wie ich war brachte ich kein Wort raus. Takuto ebenfalls. Doch er nahm schnell seine Finger wieder zurück, wo sie hingehörten, und stand langsam auf. Ich erhob mich ebenfalls. Als ich mich umschaute fanden wir uns im Aufzug wieder. Die genannte Wand schien die Aufzugtür gewesen zu sein. Mein Kopf, der sowieso schon seit der Betatschung von Takuto die Farbe rosa hatte und jetzt knallrot wurde, schien zu kochen. Ich starrte immer noch Riccardo an. Der schon etwas ältere Mann, so Mitte 30, fing an zu lachen. Ich schaute verlegen zur Seite und sah danach zu Takuto. Der hatte ebenfalls einen rötlichen Schimmer im Gesicht.

»Ihr beiden scheint ja von der ganz wilden Sorte zu sein!«, rief er lachend und drückte auf einen Knopf im Aufzug.

»Riccardo, dass ...«, fing ich an, doch er unterbrach mich.

»Natürlich, ihr beide wolltet gerade zu mir kommen. So sah das auch aus.« Wieder lachte er. Er fand das wohl sehr lustig. Immerhin hatte er mich, als er mich gebissen hatte, auch danach geküsst. Anscheinend konnte er die Gefühle von Takuto voll und ganz verstehen. Ich weniger. Ich war nicht Schwul! Ich sah weder so aus, noch liebte ich irgendeinen Mann. Takuto war mein Partner. Vielleicht noch mein Kumpel. Okay, ich gebe zu, vielleicht auch mein Freund, aber ein guter Freund und nicht mehr. Ich liebte ihn nicht. Dass er mich liebte, schien ab dem Zeitpunkt deutlich gewesen zu sein. Alle Gefühle in mir schienen sich zu überschlagen. Ich war böse, peinlich berührt, traurig, genervt, überrascht und was weiß ich noch alles.

Riccardo machte sich nur lustig über uns. Das ging noch bis in sein Büro so weiter. Das Problemchen in meiner Hose legte sich auf dem Weg. Zum Glück trug ich schön weite Hosen, sodass es nicht direkt auffiel. Bei Takuto legte sich das Problemchen erst, als wir im Büro angekommen waren. Denn da huschte das Lachen von Riccardo weg und zu sehen war ein böses Gesicht.

»Ihr habt ihn getötet!«, schrie er uns an. Wir zuckten etwas zusammen. Ich ergriff die Initiative.

»Nein, ich habe ihn getötet. Es war meine Schuld.«

Verwundert über meine eigenen Worte, sah ich Riccardo entschlossen an. Takuto hätte jetzt genauso die Strafe verdient wie ich. Das würde ich ihm noch heimzahlen, dass er so etwas getan hatte.

Riccardo hob eine Augenbraue.

»Für mich seid ihr beide Schuld. Ihr beide bekommt eure Strafe.«

Ein seufzen rutschte mir raus.

Ich schaffte es wirklich nie Riccardo zu meiner Meinung zu überreden. Takuto packte mir mit einer Hand auf meine Schulter. Ich drehte meinen Kopf zu ihm.

»Ist schon okay«, flüsterte er mir zu. Er sollte ja nicht glauben, dass ich versucht habe, ihn da raus zu holen. Aber ich wollte keine Diskussion. Also ließ ich ihn in dem Glauben.

Riccardo zog ein Stück Papier aus seiner Schreibtischschublade.

»Das erledigt ihr bitte bis nächste Woche. Alles ohne Bezahlung natürlich.«

 

Ich nahm das Papier an. Takuto und ich verließen danach schweigend sein Büro ...

-Kapitel 2-

 

 

»Gib mir mal den Zettel.«, sagte Takuto, während wir den langen Gang zu unseren Zimmern entlang gingen.

»Nein, du verschlampst den«, gab ich knapp zurück und behielt den Zettel in der Hand.

»Stimmt doch gar nicht!«

»Doch, den letzten hast du auch verschlampt.«

»Ne, der liegt noch in meiner Schublade!«

»Jetzt. Als wir ihn brauchten, lag er nicht dort.«

»Woher willst du das wissen?«

»Weil wir keinen hatten ...«

»Klar hatten wir einen!«

»Nachdem Riccardo uns einen neuen gegeben hat.«

»Gar nicht!«

» ... «

Ich war ja so gereizt. Und Takuto schaffte es echt immer wieder das noch zu steigern. Nachdem ich nichts mehr dazu gesagt hatte, hielt auch er seine Klappe. Nach wenigen Minuten standen wir vor unseren Zimmern. Die lagen am Ende eines Korridors und die Türen waren nebeneinander.

»Wir fangen später um 21 Uhr an«, entnahm ich dem Zettel.

»Schon so früh?«, protestierte mein lieber Nachbar.

»Ja.«

»Nö!«

Mein Kopf dröhnte und ich bekam Kopfschmerzen. Hatte ich einen erwachsenen Mann neben mir stehen oder ein kleines Kind? Natürlich einen erwachsenen Mann. Nur manchmal war ich mir da nicht mehr so sicher.

Als nach zwei Minuten immer noch geschwiegen wurde, drückte ich die Klinke meines Zimmers runter.

»Warte ...«

Ich hielt inne und drehte mich zu Takuto um. Verlegen schaute er auf den Boden.

»Das wegen vorhin ...«

Ich drückte die Klinke weiter runter und öffnete die Tür. Als ich gerade einen Fuß in mein Zimmer stellte hielt Takuto mich am Handgelenk fest. Erschrocken wie ich war, drehte ich mich hastig um und schlug ihm feste ins Gesicht.

Perplex starrte ich Takuto an. Ich wusste grade selber nicht, warum ich ihn gleich geschlagen hatte. Aber es kam einfach so aus mir heraus ...

»Weißt du überhaupt was du da getan hast? Wäre Riccardo nicht im Aufzug gekommen, wer weiß was du mit mir gemacht hättest!«, schrie ich ihn an. Sein Blick sah verzweifelt aus. Es tat ihm Leid. Jedoch wollte ich ihm das so vergraulen, dass er auch nie wieder auf die Idee kommen würde, so etwas noch mal zu machen.

»Wahrscheinlich war Sasha so sauer, dass sie bei Riccardo petzen gegangen ist. Kam mir ganz Recht. Weißt du warum? Weil ich das nicht wollte. Und du wusstest das und hast nicht aufgehört. Wenn du noch mal so etwas machst, schicke ich dich in die Hölle. Verstanden?«

Ich ging in mein Zimmer und knallte die Tür zu. Ziemlich Mädchenhaft, aber in meiner Situation, glaube ich, völlig zu verstehen.

Langsam ging ich auf mein Bett zu und ließ mich fallen. Den Zettel, wo die Aufgaben drauf standen, schmiss ich auf den Boden. Meinen Kopf in mein Kissen gedrückt, zog ich mir im Liegen meinen Mantel aus. Ich war so erschöpft. Langsam ließ ich das Kleidungsstück auf den Boden gleiten. Ich schloss meine Augen und versuchte mich ein wenig auszuruhen. Doch ich musste an das Geschehen in der Tiefgarage denken. Ich kniff meine Augen zusammen, um die Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen. Doch es ging nicht.

Wie er mich geküsst hat. Und wie er meine Brustwarzen umgedreht hatte. Das tat so weh. Ich setzte mich hin und zog mein T-Shirt aus. Ich stand auf. Als ich vor dem Spiegel stand, sah ich, dass meine rechte Brustwarze sehr rot war. Dieser Idiot. Mit riesigen Rändern unter den Augen, schlurfte ich zurück aufs Bett. Nach ein paar Minuten schlief ich endlich ein.

Ich träumte, dass ich in der Lagerhalle war. Mit Takuto. Wie wir es tatsächlich miteinander taten. Mitten in der Lagerhalle. Ich spürte, dass es mir angenehm war. Ich versuchte mich genauer darauf zu konzentrieren, wie das gehen sollte, aber genau an dieser Stelle verschwamm meine Erinnerung. Jedoch eins merkte ich genau: Ich stöhnte sehr laut und schien es zu genießen. Takuto stöhnte ebenfalls und sein Körper rieb immer wieder an meinem. Das harte stoßen ließ mich aufschreien. Als plötzlich Takuto inne hielt und die Augen feste zusammenkniff, schien er gerade zu kommen. Ich spürte etwas Warmes auf meinem Bauch. Wie eklig das war. Aber in meinem Traum schien es für mich normal gewesen zu sein. Als Takuto sich entspannte, tat ich es auch. Da lagen wir beide nun, Arm in Arm und genossen die Nähe des anderen. Der Traum gefiel mir nicht. Ich schüttelte heftig den Kopf.

Plötzlich wachte ich auf und stieß mir heftig den Kopf an meinem Bettpfosten. Die Hand am Kopf, setzte ich mich auf. Ich blickte auf die Uhr. Es war mittlerweile schon kurz vor 19 Uhr. Jedoch immer noch zu früh. Ich versuchte, mich noch mal hinzulegen. Zu meiner Überraschung schlief ich wieder ein. Diesmal blieb mein Kopf von so etwas abartigem verschont.

Im Halbschlaf hörte ich ein zartes klopfen an meiner Tür.

»Ryan? Bist du da?«

Es war Takuto. Ich warf etwas gegen die Tür. Es hörte sich nach meiner Uhr an, die danach zersplitterte. Danach öffnete sich die Tür. Als ich hörte, wie Schritte hereinkamen und die Tür schlossen, versuchte ich meine Augen zu öffnen. Mit Schlitzaugen, konnte ich Takuto’s Gesicht wahrnehmen. Er kam immer näher an mein Bett heran.

»Komm ... nicht ... näher ...«, brachte ich Stückchenweise heraus. Ich war wirklich noch im Halbschlaf, aber ich wollte auch nicht aufwachen.

»Es ist schon halb zehn. Wolltest du nicht schon um neun anfangen?«, lächelte mich Takuto an. Wahrscheinlich lachte er mich innerlich gerade aus, weil ich verpennt hatte.

»Jetzt ist ... eh zu ... spät.«

Ich drehte mich auf den Bauch und drückte meinen Kopf ins Kissen. Ich versuchte weiter zu schlafen. Für mich hieß die Aussage von mir, dass er jetzt gehen kann und wir das auf später verschieben.

»Du stehst jetzt auf!«, ermahnte mich Takuto und riss mir das Kissen weg. Ich murrte ein wenig und vergrub meinen Kopf in meinen Armen. Als Takuto merkte, dass er mich auch nicht so aus dem Bett bekam, seufzte er.

»Man, Riccardo wird ausflippen«, meinte Takuto und schien aufzugeben. Aber da hatte ich mich wohl geirrt. Seine Hand strich sanft über meinen Rücken. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich ja immer noch oben ohne dalag.

»Hör ... auf ...«, murmelte ich und drehte meinen Kopf zur Seite.

»Wie süß du aussiehst, wenn du Augenringe bis zu den Mundwinkeln hast«, lachte Takuto und fing an mit seiner zweiten Hand auch meinen Rücken zu streicheln.

»Hnn ...!« Ich kniff meine Augen zusammen. Ich bekam überall Gänsehaut. Aber eher weil mir das unangenehm war. Ich vergrub meinen Kopf wieder in meinen Armen, damit Takuto nicht sehen konnte, wie ich rot wurde. Er fing nämlich an meinen Rücken abzuküssen. Immer wieder spürte ich seine Lippen auf mir. Er arbeitete sich zu meinem Nacken hin. Als er dort ankam drückte er seine Lippen zwischen Hals und Schulter und saugte.

»Nein ... kein Knutschfleck ... Bist du ... verrückt?«, murmelte ich erneut. Doch Takuto schien sich nicht davon beeinflussen zu lassen, was ich sagte. Als er zufrieden mit seinem Werk an meinem Hals war, wanderte er küssend von der einen Schulter zur anderen. Seine Hände griffen meine Handgelenke.

Wahrscheinlich wusste Takuto wieder, dass ich beim nächsten Knutschfleck anfangen würde mich zu wehren. Wie fies. Als er beim zweiten Knutschfleck war, versuchte ich mich zu wehren, aber es ging nicht. Ich war total gerädert und hatte demnach nur die Hälfte meiner Kräfte zur Verfügung. Mit hochrotem Kopf versuchte ich mich vergeblich gegen seine Arme zu wehren.

Plötzlich rissen seine Hände meine Handgelenke um und ich musste mich drehen, sonst hätte er meine Handgelenke gebrochen. Ich schämte mich so sehr. Mir war das wieder so peinlich. Er hatte wirklich nichts gelernt. Ich würde ihn umbringen. Das habe ich ihm gesagt. Selbst Schuld.

»Ich werde ... dich umbringen ...«, nuschelte ich mit halbgeöffneten Augen und hochrotem Kopf. Er hatte meine Handgelenke über meinem Kopf platziert, sodass ich wirklich keine Anstalten hätte machen können. Er setzte sich auf meine Hüften, breitbeinig natürlich. Die etwas perverse Stellung ließ mein Blut kochen. Ihm schien das wieder zu gefallen.

»Und wenn du mich umbringst. Dann werde ich dieses eine Mal genießen«, hauchte er mir ins Ohr. Ich schloss meine Augen und betete wieder, dass es aufhörte. Jedoch kam diesmal nichts.

Seine Hände immer noch auf meinen Handgelenken, küsste er meine Brust ab. Als er an meinen Brustwarzen erneut war, fing er an, an ihnen zu lutschen.

»Hah ...!«, rutschte mir raus. Das war wieder so anders, als in der Tiefgarage. Er knabberte kurz an ihnen und ließ dann ab.

»Sie sind ja ganz hart geworden ...«, flüsterte er. Meine Augen wanderten nach unten und ich musste erschreckend feststellen, dass er Recht hatte. Aber diese perverse Aussage hätte er sich auch sparen können. Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende geführt, da spürte ich seine Zunge an der anderen Brustwarze. Wieder versuchte ich mich zu wehren, jedoch ging das wieder nicht. Ich fühlte mich so schwach. Ich konnte nichts ausrichten. Ich hätte am liebsten geheult, aber das habe ich mir unterdrückt.

Nachdem er auch diese Brustwarze bearbeitet hatte, nahm er sich meinen Mund vor. Seine Zunge spielte mit meiner. Unser Speichel floss schon an meinem Kinn herunter. An seinem ebenfalls. Ich war so in unserem Kuss vertieft, dass ich gar nicht mehr spürte, dass er inzwischen meine beiden Handgelenke mit einer Hand festhielt, während die andere in meine Hose rutschte. Er ließ von meinem Mund ab und leckte meine Brust. Wie ich mich doch widerte. Es war so eklig. Alles war so feucht und nass auf meiner Brust. Als er kurz davor war, meinen kleinen Freund zu betatschen, ließ er von mir ab und zog sich sein Hemd aus. Da lag ich nun schwer atmend und erregt auf dem Rücken auf meinem Bett. Er saß auf mir und war ebenfalls schwer atmend und erregt. Als er sein Hemd auf den Boden gleiten ließ, drückte er seine Brust auf meine. Jetzt war sie auch so nass und klebrig wie meine. Durch meine Wehrversuche, rieben unsere Körper feste aneinander. Sie wurden richtig heiß. Es war mir so peinlich, da ich die ganze Zeit so schwer atmete und dabei manchmal ein kleiner Laut mit raus kam. Aber Takuto stöhnte auch nicht schlecht, wenn meine harten Brustwarzen an seinen rieben.

Auf einmal zuckte ich heftig zusammen, als er meinen kleinen Freund berührte. Sanft und langsam rieb er dran, sodass mir viele kleine Hitzewellen durch den Körper flossen. Ich öffnete meine Augen kurz und blickte in Takuto’s Gesicht. Er lächelte mich an und drückte mir einen kleinen Kuss auf den Mund. Kurz danach fing er an, heftiger zu reiben. Je schneller und heftiger er rieb, desto lauter stöhnte ich. Ich wollte es unterdrücken, doch irgendwie wollte meine Stimme unbedingt raus. Er lutschte zu den Reibungen an meiner rechten Brustwarze. Mein Stöhnen wurde heftiger und energischer. Ich war doch wirklich kurz vorm Kommen. Auf einmal hörte Takuto auf zu Reiben. Ich wollte ihn schon anschnauzen, wenn er schon dabei ist, kann er es auch durchziehen. Aber ehe ich dies dachte, knöpfte er meine Hose auf und zog sie mir aus.

»W-Warte! Was hast du vor?«

Ich wunderte mich kurz danach, dass ich einen vollständigen Satz zustande gebracht hatte. Ich war voll und ganz wieder mit meinen Sinnen da.

»Bleib einfach ruhig ...«, sagte Takuto in einer ruhigen Stimmlage. Ich setzte mich ein wenig auf, weil Takuto von mir stieg und weiter nach unten rutschte. Er schob meine Beine auseinander und leckte an meiner empfindlichen Stelle.

»Ah!«, rief ich und legte meinen Kopf in meinen Nacken. Jetzt war ich selbst an dieser Stelle feucht. Plötzlich spürte ich, wie es richtig warm wurde. Er nahm ihn in seinen Mund und lutschte an ihm. Ich krallte mich vor Erregung an der Matratze fest. Das ging eine ganze Weile so, bis ich wieder kurz vorm Kommen war. Takuto spürte das und nahm ihn aus seinem Mund.

Kurz danach spürte ich das weiße, klebrige, flüssige und warme Etwas auf meinem Bauch. Ich hörte auf zu stöhnen und starrte entsetzt die Decke an. Ich bin gekommen. Und das von einer Männerhand.

Ich hob meinen Kopf und sah in Takuto’s Gesicht. Dieser grinste mich an. Ich ahnte nichts Gutes.

»Jetzt könnte es etwas wehtun. Aber du bist ja ein harter Mann«, kicherte Takuto und nahm meine Waden in die Hände.

»Es reicht, Takuto!«, schrie ich ihn an und setzte mich auf, doch plötzlich durchfuhr mich ein heißer Schmerz. Ich schrie auf und fiel wieder zurück ins Bett.

Als ich die Situation realisierte, merkte ich, dass er zwei Finger in meinem einzigen unteren Loch hatte.

»Das ... das ist ja eklig ...«, quietschte ich leise. Ich spürte wie seine zwei Finger die Innenwände abtasteten. Ich stöhnte ungewollt immer wieder auf.

Als es mir zu schmerzhaft wurde, fragte ich ihn:

»Wie lange willst du das noch machen?«

Er schaute mich erregt an und grinste danach.

»So lange, bis ich meinen Höhepunkt hatte. Ich will immerhin meine letzten Lebenssekunden mit dir genießen.«

Ich stutzte. Er ging wirklich davon aus, dass ich ihn gleich umbringen würde. Im Moment war ich zu schwach, um ihn umzubringen. Dass ich gekommen bin, hat viel Energie verbraucht. Takuto aber strotzte nur so vor Energie. Er hatte seinen Spaß. Das sah ich ihm an.

Er nahm seine Finger endlich raus. Ich dachte, jetzt ist es endlich vorbei. Doch ich hatte falsch gedacht. Jetzt ging’s erst richtig los.

Er zog seine Hose aus und schmiss sie auf den Boden.

Wieder nahm er meine Beine und drückte sie noch ein Stückchen auseinander. Er hielt mit der einen Hand meine Brust fest und mit der anderen führte er etwas an mich heran.

Plötzlich spürte ich, wie er in mich eindrang. Ich schrie auf und wollte mich aufsetzen, doch Takuto’s Hand hielt mich davon ab. Er hatte es wieder vorhergesehen. Dieses elende Arschloch ...

Als er ganz in mir war, legte er seine Brust wieder auf meine. Ich ekelte mich nicht mehr so sehr wie am Anfang. Ich hatte mich an dieses schleimige, flüssige Etwas gewöhnt. Takuto fing an, sich zu bewegen. Es war wie in meinem Traum. Nur, dass ich es unangenehm fand und nicht wie in meinem Traum angenehm.

Das Stoßen tat immer mehr weh. Trotzdem wurde es immer heftiger. Unsere Körper rieben wieder so sehr aneinander, dass mir wieder ganz warm wurde und Takuto anscheinend auch. Während er immer wieder seinen Freund in mich hineinstieß, massierte er meinen. Als ich kurz inne hielt, hörte ich Takuto zum ersten Mal richtig stöhnen. Alleine sein Stöhnen erregte mich noch mehr. Wie komisch das alles war. So unrealistisch. Wie ein Traum. Das war es... Ich habe nur geträumt... Doch als er meinen Kopf an seinen ranführte und unsere Zungen wieder miteinander spielten, wurde sein stoßen heftiger und schneller. Ich war kurz davor, wieder zu kommen. Und er anscheinend auch.

 

Ich spürte nur noch einen kleinen Schmerz und wie etwas Heißes, Flüssiges in mich hinein gespritzt wurde. Gleichzeitig wurde das Gleiche gegen Takuto’s Körper gespritzt.

Es war einige Sekunden Stille. Dann nahm Takuto ihn raus und legte sich auf mich. Er nahm mich feste in den Arm.

Ich ekelte mich wieder ein wenig. Überall lag das weiße Zeug. Wir waren nass geschwitzt. Unsere Körper waren so heiß und unser Speichel lief an ihnen runter.

Takuto umarmte mich feste und atmete schwer. Sein Mund war direkt an meinem Ohr, sodass ich seinen Atem gut mitbekam. Ich schloss meine Augen. Mein Hintern schmerzte. Er schmerzte sogar so sehr, dass ich mir nicht vorstellen konnte, aufzustehen.

»Ryan ...«

Ich öffnete meine Augen wieder und blickte nur zur Decke und sah vereinzelt Takuto’s Haare.

 

»Ich liebe dich ...«

 

Ich schloss meine Augen wieder. Ich wollte nichts dazu sagen. Und das wusste Takuto. Ich war für ihn ja sehr berechenbar. Ich wollte Takuto sichtbar machen, dass ich sauer war. Und zwar richtig. Er hat es gegen meinen Willen mit mir getan. Es war mein erstes Mal. Ich hatte es selbst davor noch nicht mit einer Frau getrieben. Ich habe mit einem Mann geschlafen. Auch noch mit Takuto. Meinem Freund.

Ich spürte wie vereinzelt warme Wassertropfen meinen Nacken entlang flossen. Takuto schluchzte kurz auf. Er weinte. Warum?

»Warum weinst du?«, fragte ich stimmlos. Die Frage wurde von mir kälter gestellt, als ich es eigentlich wollte.

»Weil ich dir wehgetan habe ... Und ich das nicht wollte ...«, schluchzte er mir in mein Ohr.

»Es tut mir so Leid, Ryan.«

Sein Griff wurde fester. Er vergrub seinen Kopf in meinen Nacken. Ich legte meine Hände auf seinen Rücken. Ich umarmte ihn. War ich denn verrückt geworden? Aber er tat mir irgendwo Leid. Dabei hatte er ja nicht mal so Unrecht. Er hat etwas getan, was ich nicht wollte, hat mir dabei sehr wehgetan und heult mir jetzt einen vor. Im Grunde hätte ich keinen Einzigen Grund, Mitleid für ihn zu empfinden.

Trotzdem hatte ich welches.

Er liebte mich.

Na und?

Er liebte mich so sehr, dass er das nicht unterdrücken konnte.

Aber es war selbstsüchtig und Egoistisch von ihm.

Er hat sich entschuldigt und bereitet sich darauf vor, dass ich ihn umbringen würde.

Würde ich das wirklich tun?

Natürlich. Ich habe es gesagt, also tu ich es auch. Er wollte ja nicht hören.

Aber ich brauche ihn doch.

 

Moment. Da war was komisch in meinen Gedanken. Hatte ich wirklich gedacht, dass ich ihn brauche? Nein, ich brauche ihn nicht. Jemanden, der mich aus Liebe verletzt, kann ich wirklich nicht gebrauchen.

Hätte er die Sache Schritt für Schritt angehen lassen, hätte ich ihn sanft zurückgewiesen. Aber so?

Da lagen wir. Nackt aufeinander, verschmiert, klebrig, nass, auf meinem Bett. Es wurde mittlerweile wieder dunkel. Der Zettel mit den Aufgaben lag unter Takuto’s Hose. Aber der Gedanke, dass wir unsere Aufgabe eigentlich schon angefangen hätten müssen, kam mir nur kurz in den Kopf. Ich und Takuto atmeten mittlerweile wieder normal. Der Schmerz ließ nach. Trotzdem war er da.

Takuto hatte schon wieder aufgehört zu weinen.

Er hob seinen Kopf an und schaute mir tief in die Augen. Seine giftgrünen Augen stachen aus seinem dunkelbraunen Haar raus.

»Ryan ...«, flüsterte er und nahm meinen Kopf in seine Hände. Meine Hände lagen noch auf seinem Rücken.

Er küsste mich vorsichtig. Nur unsere Lippen berührten sich. Ich schloss weder meine Augen, noch genoss ich diesen Kuss. Trotzdem hielt ich Still. Denn dieser Kuss schmeckte komisch. Als plötzlich etwas Speichel von ihm in meinen Mund floss, schmeckte ich sein Blut durch. Ich schluckte es runter. Ich riss meine blauen Augen auf und packte Takuto’s Handgelenke. Ich schmiss ihn auf den Rücken und fuhr meine spitzen Zähne aus. Ich drückte sie tief in Takuto’s Fleisch.

Er stöhnte kurz auf und drückte meinen Kopf feste gegen seinen Hals. Ich trank sein Blut. Es schmeckte um so vieles besser, als das von Menschen. So süß.

Ich spürte, wie Takuto seine Fingernägel in meinen Rücken reinpresste. Sofort blutete ich. Es lief langsam runter.

Ich ließ von Takuto’s Hals ab. Sofort danach küsste er mich. Unsere Zungen spielten wieder miteinander. Takuto schluckte sein eigenes Blut runter. Ich merkte, wie ihn das anmachte. Aber ich konnte nicht leugnen, dass mich das nicht erregte. Für mich war Blut heilig. Das wusste Takuto. Das Arschloch hat sich auf die Lippe gebissen und mich dann geküsst, damit er mich wieder geil machen konnte.

Zu meiner Verwunderung hatte er es tatsächlich geschafft. Beim küssen, rieben unsere langen, spitzen Zähne immer wieder aneinander.

Er nahm meinen Hals und drückte nun auch seine Zähne tief in mein Fleisch. Ein leises Stöhnen entfuhr auch mir. Aber er hörte es nicht. Mein ganzes Gesicht war Blut verschmiert. Sein Blut. Mein Rücken schmerzte etwas. Als Ausgleich krallte ich mich in seine muskulösen Arme.

Als er von mir ließ, küssten wir uns leidenschaftlich. Und er nutzte es voll und ganz aus, dass ich mitmachte.

Blut bewirkte bei mir wohl mehr als sonst.

Das ging mehrere Minuten so. Das ganze Bett war Blutverschmiert, so wie unsere heißen Körper. Sie rieben immer wieder aneinander. Wir setzten uns auf das Bett, dann lag er mal unten, dann mal wieder ich. Das Bett quietschte nur so hin und her. Es war erstaunlich, wie viel Kraft ich noch besaß.

Unsere kleinen Freunde standen natürlich wieder wie eine eins.

Doch als Takuto mit seiner Hand meinen anfasste, riss ich sie weg.

»Wir wollen doch nicht wieder übertreiben, oder?«, flüsterte ich ihm spitz ins Ohr. Trotzdem hatte ich ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Takuto hörte auf mich und nahm seine Hand weg und legte sie um meine Hüfte. Er verschmierte das Blut lieber noch etwas. Komischerweise fand ich das nicht eklig. Ich fand es sogar angenehm. Ich musste laut loslachen, als Takuto mich in die Brust biss.

Ich war so dumm.

Ich ließ es zu.

Es gefiel mir, mit ihm so etwas zu tun.

Mein Lachen wurde immer lauter.

 

So ging das die ganze Nacht durch. Takuto und ich hatten unseren Spaß. Doch trotzdem sagte mir meine innere Stimme, dass ich das nicht zur Regel machen durfte. Dabei machte es so einen Spaß ...

-Kapitel 3-

 

 

Die Sonne kitzelte mein Gesicht. Durch mein kleines Fenster schien die strahlende Sonne. Sie tat mir in den Augen weh.

Ich lag auf Takuto’s starker Brust. Mit offenen Augen. Ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Takuto dagegen schon. Er schlief immer noch. Mit meinen halb geöffneten Augen starrte ich schon seit fast 2 Stunden den Zettel an, der am Boden lag, mit unseren Aufgaben. Takuto’s Hose versteckte ihn halb. Ich konnte zwar nicht lesen, was drauf stand, trotzdem starrte ich auf den Zettel.

Ich fühlte mich so dreckig. Sowohl innen als auch außen. Außen, weil ich blutverschmiert war, mit noch anderen Flüssigkeiten, die ich lieber nicht nenne. Und von Innen, weil Takuto mich gezwungen hatte, mit ihm zu schlafen, und weil ich vor circa drei Stunden noch ein heißes Spielchen mit ihm hatte. Mit einem Mann. Das war es, was mich schon die ganze Zeit störte. Ich war nicht schwul. Ich hatte nur so einen Spaß, weil Blut in der Geschichte dabei war. Sonst nichts. Takuto dagegen liebte mich. Anscheinend so sehr, dass es den Tod in kauf genommen hätte. Ich hatte ihm nämlich gesagt, dass ich ihn umbringen würde, würde er weitermachen. Er hat weitergemacht, trotzdem lag er noch lebend unter mir. Er schlief ruhig. Ich hörte seinen Herzschlag in meinem Ohr. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, schlief er wie ein Engel. Dabei kam er eher aus der Hölle, so gemein wie er sein konnte.

Trotz allem, trotz allem schlechten, fühlte ich mich geborgen. Das letzte Mal, wo ich mich geborgen gefühlt hatte, war, als ich hier aufgenommen wurde und mir jeder hinterhergelaufen war. Damals fühlte ich mich in Sicherheit. Jetzt eher nicht. Takuto machte mir tief in meinem Inneren Angst. Ich war für ihn so berechenbar, aber er für mich nicht.

Die ganzen Jahre verliefen ruhig. Wir hatten da und dort mal Kabbeleien und ich musste manchmal auch Handgreiflich werden, damit er aufhörte. Trotzdem war nie etwas Ernstes passiert. Und jetzt kam alles auf einmal. Alles an einem Tag. Der erste Kuss, das erste Mal und das erste gemeinsame Blutbad. Ich fühlte mich so elend.

Im Grunde hätte ich mich wehren können. Ich tat es nicht. Ich war schwach. Das war ärgerlich. Und ich gehörte zu der Sorte, die sich schnell aufregen. Ich erwähnte das schon einmal.

Ich wollte wissen wie viel Uhr es war, jedoch hatte ich meine Uhr gegen die Tür geschmettert, um Takuto ans Hereinkommen zu hindern. Ich hatte es zwar nicht geschafft, aber die Uhr war trotzdem kaputt.

Ich lehnte mich halb aus dem Bett und kramte aus meiner Hose mein Handy. Mit der Blutverschmierten Hand holte ich es raus. Ich klappte es auf und starrte auf das Display. Sieben neue Nachrichten. Herr Gott noch mal, wer schreibt denn da so oft? Ich tippte ein wenig drauf rum und machte es mir wieder auf Takuto bequem.

Als ich auf den Eingang ging, sah ich von wem die sieben SMS waren. Von Takuto. Die erste lautete ungefähr so:

‚Ryan, es tut mir so Leid. Bitte verzeih mir. Du bist doch mein Bester Kumpel.’

Die zweite war wohl die Fortsetzung:

‚Ich will dich doch nicht verlieren. Bitte, wenn du schon nicht mit mir redest, schreibe wenigstens!’

» ... « Ich seufzte etwas und sah mir noch die restlichen fünf an. Im Grunde schrieb er mir die ganze Zeit, wie sehr es ihm Leid tat und dass ich ihm verzeihen soll.

Also, durch die Sache von letzter Nacht, konnte ich ihm wohl jetzt nicht mehr verzeihen. Jedenfalls hatte ich das nicht mehr vor. Ich hasste ihn. Jetzt noch mehr als vorher. Wenn ich ihn so hasste, warum ging ich dann nicht weg?

Meine Gefühle und Gedanken überschlugen sich. Ich sagte so viele Sachen und machte doch das Gegenteil. Wie weh es doch tat.

Jetzt hatte ich doch glatt vergessen auf die Uhr zu schauen. Ich drückte die SMS weg und starrte auf die Uhr. Mit Gewalt riss ich meine Augen auf und sprang schreiend aus dem Bett.

»Es ist ja schon gleich 11 Uhr!«, schrie ich verzweifelt. Takuto machte erschrocken die Augen auf und sah mir zu, wie ich nackt durch mein Zimmer lief und meine Sachen einsammelte.

»Was ist los?«, fragte er noch etwas verschlafen.

»Du Depp, wir haben verpennt!«

Ich packte all meine Sachen in eine große Kiste, die ich Wäschekorb getauft hatte, und zog mir aus dem Schrank neue Sachen raus. Natürlich alles schwarz.

Takuto bewegte sich nur langsam aus meinem Bett und schnappte sich seine Sachen.

Während ich schon in meinem kleinen Bad war und unter der Dusche stand, hörte ich nur wie Takuto fragte, ob er sich Sachen leihen dürfte. Mit einem Grummeln erlaubte ich es ihm, doch solle er sich bitte vorher Duschen.

Ich hörte wie die Duschtür hinter mir aufging und zwei Hände meinen Bauch ertasteten.

Ich drehte mich ruckartig um und rutschte fast aus, weil alles nass und glitschig war. Wegen der Seife natürlich.

Ich starrte in die grellen grünen Augen von Takuto.

»Raus«, zischte ich ihm zu. Doch er grinste mich nur an und fing an, mich an ihn zu drücken.

»Sag bloß, du magst das nicht? Mit deinem Kumpel zu duschen?«, lachte er leise und griff hinter mir zum Duschgel.

»Nein. Schon gar nicht, wie du schon sagtest, mit nur einem Kumpel.« Dabei lag meine Betonung auf ‚nur’.

»Ach, halt doch die Klappe.«

Huch, was konnte er plötzlich grob werden. Ich versuchte ihn von mir zu drücken, doch er hielt mich am Rücken fest und drückte mich weiter zu sich. Plötzlich spürte ich, wie er das Duschgel auf meinen Rücken fließen ließ.

»Hör auf!«, schrie ich und drehte mich ruckartig um und schlug ihm das Duschgel aus der Hand. Es fiel zu Boden und lief dort aus.

»Was machst du denn, Ryan?« Takuto lächelte mich in irgendeiner Weise böse an. War er etwa sauer?

»Oh, jetzt sag bitte nicht, du bist sauer?«, lachte ich ihn aus, doch blieb ich dabei ernst. Denn ich war schon wieder nackt mit ihm irgendwo. Diesmal, schwor ich mir, würde ich mich wehren. Auch wenn ich ihn dabei töten müsste.

»Ich bin sauer«, zischte er mir zu und schubste mich grob gegen die Duschwand. Das Wasser prasselte von oben auf unsere Köpfe. Eigentlich erotisch, würden wir uns nicht so streiten, als wären wir schon zehn Jahre verheiratet.

»Ich bin sauer, weil du mich behandelst wie deinen Knecht. Du gibst die Anweisungen und tust so als sei ich dumm und wüsste nicht wovon du redest. Ich verstehe so viel wie du und nur weil ich vielleicht manchmal mich ein wenig kindisch benehme, bin ich nicht gleich unterentwickelt. Das müsste ich eher von dir sagen. Du wusstest mit 15 nicht was in der Welt vorgeht. Okay, dafür konntest du indirekt nichts. Doch du bist still und sagst zu nichts etwas, regelst alles mit Gewalt und Drohungen. Wo ist dein Leben? Hast du überhaupt noch eins? Oder ist es schon in deinem hasserfüllten Herz untergegangen?«

Takuto’s Worte stachen in meiner Brust. Verärgert und vor Scham schaute ich zur Seite.

»Worauf willst du hinaus?«, murmelte ich.

»Worauf? Ich will dir damit sagen, dass es nicht so weitergehen kann. Du solltest dein Leben genießen, solange du es noch hast. Ich will nicht, dass du so weiterlebst. Du tust dir damit selber keinen Gefallen. Also lass dir doch helfen. Ich will derjenige sein, der dir hilft.«

Ich schaute ihn verwirrt an. Ich wusste was er vorhatte.

»Also, halt still und tu nicht so erwachsen. Das bist du nämlich gar nicht ...«, flüsterte er mir ins Ohr und zog mich zu sich.

Meine Hände lagen auf seiner Brust, während er mich feste am Rücken hielt und mich an sich drückte. Er küsste mich leidenschaftlich und kaum realisierte ich die Situation, spürte ich wieder seine Zunge. Schmeckte etwas nach Duschgel ...

Überall war es so glitschig und rutschig, denn das Duschgel schäumte langsam an uns auf, weil unsere Körper wieder aneinander rieben.

Er stand ja schon wieder ... Und nicht nur meiner, auch seiner. Das spürte ich wohl ganz genau. Ich wollte mich doch wehren.

Ich versuchte auf einmal mich loszureißen, rutschte dabei aber aus, weil es so glitschig am Fußboden war. Das Duschgel war ja ausgelaufen. Ich fiel hin und riss Takuto wie immer gleich mit.

»Aua ... Was machst du denn, du Dummkopf«, fluchte Takuto und rieb sich seinen Kopf, den er sich an der Duschwand gestoßen hatte.

»Ich wollte nur ...«

»... still halten? Find ich gut!«

»Nein, das wollte ich nicht ...«

Mehr konnte ich nicht antworten, weil er mich schon wieder küsste. Da spürte ich sein Bein zwischen meinen Beinen. Er rieb etwas. Ich musste aufstöhnen. Schon wieder, schon wieder! Ich schrie innerlich, dass ich das nicht wollte.

Ich drehte mich auf den Bauch und wollte wegrobben, da ergriff er mich an meiner Brust.

»Schön hier bleiben ...«, zischte er. Ich erschrak. Da drehte er wieder an meinen Brustwarzen.

»Hah ... Ah ... Takuto ... Das tut weh ...!«, rief ich und versuchte seine Hände von dort wegzunehmen, aber das tat er schon von alleine. Eine Hand glitt runter und massierte meinen kleinen Freund. Ich wollte mich aufsetzen, rutschte aber ab und fiel in seinen Schoß und fasste aus Versehen auf seinen Kleinen. Mittlerweile fand ich den gar nicht mehr so klein, sondern eher groß. Denn er tat ziemlich in mir weh ...

Takuto lachte etwas und zog mit seiner linken Hand mein Kinn zu sich. Mit der rechten war er noch unten beschäftigt. Er leckte mich etwas ab und glitt dann wieder mit der linken Hand über meine Brust. Es schäumte richtig auf und das Duschgel wusch von uns beiden die Reste des Blutes ab.

Auf einmal drückte er mich auf den Boden.

»So. Glaub mir, jetzt wird es gar nicht mehr wehtun, vor allen Dingen, weil es besser rutscht«, sagte Takuto und machte sich bereit.

»Was? Du kannst doch nicht ... Hey! Stopp! Wir können es doch jetzt nicht in der Dusche tun!«, schrie ich ihn an und versuchte mich vergeblich zu wehren.

»Doch, grade hier!«

Er hatte die Worte noch nicht ganz zu Ende gesprochen da spürte ich ihn schon wieder in mir. Ich schrie auf und musste wirklich kurz weinen. Mein Hintern tat noch von gestern weh und jetzt musste er schon wieder hinhalten. Das war echt hart. Zum Glück merkte Takuto meine Tränen nicht, weil ich sowieso schon von der Dusche nass war.

Ich versuchte mich aufzurichten und aufzustehen, um wegzukommen. Doch weil ich wieder nicht nachdachte, rutschte ich erfolgreich wieder aus und landete wieder in Takuto’s Schoß. Jedoch hatte der seinen ‚großen’ Freund immer noch in mir drin. Das hieß, sehr schmerzhaft. Jetzt wurde er richtig in mich hineingedrückt, weil ich nun auf ihm saß. Wieder schrie ich auf und merkte nur, wie Takuto das sehr Recht kam. Denn das weiße klebrige Zeug spritzte wieder. Geschockt darüber, dass ich schon zum dritten Mal bei ihm gekommen bin, merkte ich nicht, dass Takuto die Stellung wechselte. Er drückte mich wieder auf den Boden und stieß heftig ihn in mich hinein. Beim ständigen Aufstöhnen floss mir das ganze Wasser in den Mund. Takuto stöhnte auch sehr laut. Er holte ihn aus mir raus und gab die weiße Flüssigkeit ebenfalls ab. Erschöpft und schwer atmend hingen wir nun in der Dusche und klammerten uns an den jeweils anderen.

»Wie konntest du nur ...«, brachte ich schwer atmend raus und drückte ihn trotzdem feste an mich. 

»Das soll mir helfen? Das macht alles nur noch schlimmer ...«

Takuto regte sich nicht. Er streichelte nur die ganze Zeit meinen glitschigen Körper und verteilte noch etwas das Duschgel. Nach wenigen Sekunden streichelte er sanft mein Gesicht.

»Glaub mir. Du könntest dich wehren. Du bist stärker als ich. Aber du tust es nicht.«

Kurz hielt ich inne. Er hatte Recht. Scheiße, Verdammt. Er hatte ja so Recht!

»Ich liebe dich, Ryan. Das musst du leider akzeptieren«, grinste er mich an und wollte wohl darauf hinweisen, dass ich mit ‚so etwas’ dann auch leben müsste.

»Ich will aber nicht damit leben.«

Ich erhob mich und schaltete das Wasser aus. Blödes Arschloch. Als ich aus der Dusche gehen wollte, umarmte er mich.

»Und ich liebe deinen Körper.«

Takuto küsste meinen Hals und musste kichern.

»Die zwei Knutschflecke sind immer noch gut zu sehen.«

»Grr ...« Ich knurrte ihn an und löste mich dann aus seinem Bann.

 

Mir tat alles weh. Vom Kopf, wegen der Kopfschmerzen, bis hin zu den Füßen, weil ich drei Mal ausgerutscht war. Mir ging’s ja so dreckig. Und Takuto machte alles nur noch schlimmer. Nachdem wir uns angezogen hatten machten wir uns auf den Weg für unsere Aufgaben. Die erste Aufgabe lautete so:

 

Fahrt zur Möbellagerhalle, wo ihr den Auftrag vermasselt habt, und sucht nach dieser Kiste:

03991 0301

Bringt den Inhalt zu Nana.

 

Während ich den Auftrag las, nervte Takuto, er habe Hunger.

»Beherrsch dich. Wir liegen eh schon ein Tag zurück. Dafür bleibt keine Zeit.«

»Du kannst das ja, nichts essen, aber ich nicht. Wenn ich nichts esse, kippe ich dir um.«

»Unterdrück es einfach.«

Als wir in der Tiefgarage waren, drückte ich auf den Öffner und mein Auto machte wieder ‚Piep-Piep’. Doch zu meiner Verwunderung stand das Auto nicht dort, wo ich es das letzte Mal geparkt hatte. Ich dachte mir nicht viel bei und stieg ein.

Als Takuto und ich aus der Tiefgarage fuhren, quietschte der Wagen kurz.

»Was war das?«, fragte ich und hielt kurz an.

»Man, Ryan, das ist ein Auto. Autos machen manchmal Geräusche. Es muss nicht gleich explodieren«, meinte Takuto und betrachtete einen seiner kleinen Pickel im Seitenspiegel.

»Ich kenne meinen Wagen, und der macht garantiert nicht solche Geräusche.«

Ich stieg aus und sah sofort, was das quietschen war: Von einem der hinteren Reifen war das Gummi schlaff und hatte wahrscheinlich deswegen gequietscht.

»Krass! Das sieht ja fast so aus, als wäre da jemand über heiße Kohlen gefahren!«, rief Takuto aus dem Auto raus. »Ryan, wann haben wir denn eine kleine Spritztour alleine gemacht? Hm?«

Ich schaute ihn vor dem Reifen kniend böse an.

»Falls es dir noch nicht entfallen sein sollte, sind wir seit dem wir hier angekommen sind zusammen gewesen. Wann bitte hätte ich das tun sollen?«

»In der Zeit wo ich in meinem Zimmer war und du in deinem!«

» ... «

Der Typ hatte echt einen Schuss in den Kopf bekommen, als er geboren wurde. Okay, konnte ich verstehen. Wahrscheinlich war er schon damals so nervig ...

»Also, wer auch immer das war, wir kommen so garantiert nicht weit. Wir müssen den Reifen wechseln«, sagte ich zu Takuto, der danach aus dem Auto ging und sich neben mich vor den Reifen stellte.

»Ja, dann fang mal an!«, grinste er mich von der Seite an.

»Ich hab mich wohl verhört.«

»Anscheinend ja nicht. Ich hol den Reifen und du machst ihn dran. Ist immerhin dein Auto.«

»Wenn du mir als kleine Erhebung dienst, gerne.«

Takuto wollte schon etwas sagen, hielt dann aber inne, weil er wohl dann verstand was ich damit meinte.

»Ich leg mich doch nicht unters Auto! Du Idiot!«, schrie er mich an. Ich konnte mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

Während Takuto sich noch schwarz ärgerte, stieg ich wieder in mein Cabriolet und fuhr Rückwärts die Tiefgarage wieder runter.

Takuto folgte langsam und murmelte irgendetwas vor sich hin. Wahrscheinlich ärgerte er sich wieder über mich. Aber das tat er ja immer.

Als ich eingeparkt hatte, blieb ich stumm im Auto sitzen.

Wie kann ich ihm eigentlich noch in die Augen sehen? Einfach so, dabei müsste ich ihn hassen. Das tat ich auch. Aber trotzdem sprachen wir miteinander wie sonst auch. Wo war der Unterschied? Gab es überhaupt einen? So viele Fragen und anscheinend keine Antwort.

Takuto holte mich aus meinen Gedanken, als er gegen die Fensterscheibe klopfte.

»Na, aus dem Träume Land erwacht? Ich hoffe, ich kam auch drin vor.«

»Oh ja, wie ich dir gerade den Kopf abgeschlagen habe«, zischte ich ihm zu und stieg aus dem Auto. Sein Blick wurde gehässig und er musste grinsen. Als er merkte, dass ich zum Aufzug ging, rief er mir hinterher:

»Hey, wo willst du denn jetzt hin?«

»Ich will zu Johnny. Der soll die Karre wieder auf Vordermann bringen.«

Takuto kam angelaufen und stellte sich neben mich in den Aufzug.

»Zu unserem Mechaniker? Na, das wird lustig. Wahrscheinlich wird er dir erst einmal eine Predigt halten, dass du mit deinem Auto doch gefälligst besser umgehen solltest. Immerhin hat es doch auch eine Seele.«

Wir beide mussten lachen. Solche Momente liebte ich an Takuto. Ganz normale Momente, einfach rein freundschaftliche. Doch die waren recht selten. Und kurz.

Oben angekommen, gingen wir durch das Foyer in den Hinterhof, wo er eine kleine Garage hatte. Dort wohnte  Johnny. Johnny war unser verrückter Mechaniker. Er kümmerte sich um alle Autos und LKWs. Seiner Meinung nach hat jedes Auto, jedes Stückchen Blech eine Seele. Und wenn man sein Auto, oder das Stückchen Blech, nicht ordentlich genug pflegte, stirbt die Seele. Und das ist für ihn Mord. Ich meine, nicht dass wir Vampire noch nie jemanden umgebracht hätten, wäre das doch eine Schande, die Seele eines Autos zu vernichten durch mangelnde Pflege.

Wir standen vor der verschlossenen Garage. Sie war schwarz und düster. Für einen Auto freundlichen Mechaniker war das ein Touch zu düster.

»Oh man, dem will ich nicht Nachts begegnen.«, meinte Takuto und betrachtete die Garage.

»Man merkt, dass du selten hier bist. Vor allen Dingen, dass du kein Auto hast«, grummelte ich und öffnete die Garage.

Wir wurden erst einmal von einem Hard Rock Sturm fast wieder rausgeschmissen. Die Musik war so laut, dass das mindestens 10 Dezibel waren.

»Man, kann der die Musik nicht leiser drehen?«, schrie mich Takuto an.

»Hä?«, rief ich zurück, ich hatte nichts verstanden. Wir standen am Garagentor und hielten uns die Ohren zu.

Auf einmal hörte die Musik abrupt auf. Verwundert darüber schauten wir uns um und sahen in dem ganzen Chaos von Blech und anderem Metallischen Zeug einen kleinen Mann mit Brille rumlaufen.

»Was wollt ihr hier, junge Burschen?«

Johnny war klein und hatte eine Halbglatze. Er trug eine Brille, die seine Augen auf Glasgröße mutieren ließen. Seine Haltung war etwas gekrümmt, also hatte er einen kleinen Buckel.

»Burschen? Das sagt doch heute keiner mehr!«, flüsterte Takuto mir ins Ohr.

»Der kommt aus der etwas älteren Generation, musst du verstehen«, flüsterte ich ihm zurück.

»Also, wir sind hier, weil mein Cabriolet einen etwas seltsamen Platten hat«, rief ich Johnny zu, der etwas weiter weg, hinter seinem ganzen Kram, stand.

»Seltsamer Platten? Warum fahrt ihr Jugendlichen denn nicht mal anständig?«, maulte Johnny rum und kramte schon Arbeitsgeräte zusammen.

»Na ja, das seltsame an diesem Platten ist ja, dass wir ihn nicht gefahren haben. Es sieht so aus, als wäre jemand über etwas sehr heißes gefahren. Jedenfalls ist der Reifen schrott«, sagte Takuto und sah sich Johnnys Schraubensammlung an.

»Hah? Das hatte ich letztens schon einmal. Wartet, lasst mich überlegen.« Johnny stand mitten im Raum und starrte an die Decke.

»Da hab ich’s! Fabian hatte letztens auch so eine Panne!«, rief er durch die Gegend und freute sich, dass sein Gehirn noch funktionierte. Mehr oder weniger.

»Fabian? Ist das nicht der Freund von Sasha?«, stutzte ich.

»Nicht mehr«, kam Takuto zu mir herüber, »Der hat letzte Woche mit ihr Schluss gemacht, weil sie ihn tyrannisiert hat.«

»Verständlich«, murmelte ich. Ich dachte an Sasha. Er hatte eine Autopanne. Ich auch. Und Wir beide haben Sasha zurückgewiesen. Warum sollte Sasha das nicht gewesen sein?

»Takuto, was denkst du. Meinst du, es war Sasha?«, fragte ich Takuto. Er schaute mich mit aufgerissenen Augen an.

»Diese Schlampe erlaubt sich ja echt alles! Wenn ich die in die Finger bekomme ...«

»Später. Wir müssen endlich unseren ersten Auftrag erledigen«, stoppte ich Takuto. Der Murmelte etwas vor sich hin und folgte mir dann mit Johnny im Schlepptau zum Auto.

Für Johnny war das keine große Arbeit, so war das dann auch schnell erledigt.

Als Takuto und ich endlich an der Lagerhalle ankamen, wurde es mittlerweile schon wieder dämmrig.

»Man, und wir haben wieder nichts geschafft!«, motzte Takuto hinter mir, während wir zum Eingang gingen.

»Was wolltest du außer diesem Auftrag denn noch schaffen?«

Die Frage hätte ich lieber nicht gestellt.

»Och, na ja ... Also wenn du schon so fragst ...«

»Denk erst gar nicht daran«, zischte ich ihm zu, als wir noch vor der Lagerhalle standen. Wir traten ein. Alles war dunkel und wir konnten kaum etwas erkennen.

»03991 0301 ...«, murmelte ich und durchsuchte die Gänge nach einem Computer.

»Nichts zu machen. Ich glaube hier stehen keine Computer«, seufzte Takuto und setzte noch hinzu: »Ich glaube, wir müssen einzeln danach suchen.«

Ich war schon wieder angepisst. Alles wieder an einem Tag, jede Panne, jeder Schrecken und jede Last. Wieder alles nur an einem Tag. Alles fing schon damit an, dass Takuto mich schon wieder dazu gezwungen hatte, es mit ihm in der Dusche zu tun. Danach tat mir mein Hintern so weh, dass wir nur im Schneckentempo zum Auto kamen. Dort angekommen, mussten wir feststellen, dass unsere liebe Sasha uns einen platten Reifen gefahren hatte. Also mussten wir zu Johnny, der auch nicht der schnellste war, und den blöden Wagen reparieren lassen. Nun konnten wir endlich losfahren und als wir ankamen, durften wir erst einmal die scheiß Kiste einzeln Suchen. Von vielleicht 1000 Kisten war eine davon unsere. Aufgeteilte Arbeit hieße nur noch 500 Kisten zu durchsuchen. Na, was für eine Erleichterung.

Nach einer halben Stunde Gängeabgehen, rief Takuto endlich:

»Ich hab sie!«

Ich kam schnell angerannt und war schon zu glücklich, dass Takuto sie gefunden hatte. Doch da stand unser nächstes Problem:

»Das ... ist sie?«, fragte ich stockend und zeigte auf die Kiste.

»Sieht so aus, hm?«

Vor uns stand eine Kiste mit einer Länge von mindestens drei Metern und einer Breite von mindestens 2,5 Metern. Über das Gewicht brauchte man nicht lange nachdenken, da das Regalbrett schon halbdurchgebrochen war.

»Hast du eine Idee?«, fragte Takuto.

»Sehe ich so aus?«

Takuto nickte mit einem breiten grinsen. Mehr als einen bösen Blick hatte ich für diese Gestik nicht übrig.

»Versuchen wir sie anzuheben«, meinte Takuto und ging zur Kiste hin.

Ich starrte ihn nur mit skeptischem Blick an.

»Sehe ich aus wie Herkules oder kann ich zaubern?«, murrte ich ihn an und stellte mich mit verschränkten Armen hinter ihn.

»Nein, aber du siehst aus wie Ryan, der Super-Vamp!«

Takuto lachte und drehte sich wieder zur Kiste um. Ein müdes Lächeln blieb mir für diese Aussage übrig.

»Von mir aus ...«, seufzte ich und stellte mich auf die andere Seite. Gemeinsam versuchten wir, die blöde Kiste zum Auto zu bringen, wo eigentlich das nächste Problem auf uns wartete: Wie bekommen wir diese Kiste ins Auto und kann das Auto dieses schwere Teil tragen?

Es war mittlerweile schon dunkel geworden und mein Magen knurrte. Takuto’s auch.

Wir hatten die Kiste schon bis zum Eingang/Ausgang geschaffen, aber dort machten wir schlapp.

»Ich hab Hunger ...«, nörgelte Takuto und setzte sich auf den Boden.

»Nicht nur du ...«, seufzte ich und ließ mich neben Takuto fallen.

»Wir haben das blöde Teil ja noch nicht sehr weit bekommen. Weißt du überhaupt was da drin ist?« Takuto schaute mich von der Seite aus an.

»Nein, keine Ahnung. Es ist für Nana. Die Diva. Wahrscheinlich irgendein neues Möbelstück oder derartiges.«

»Ja wahrscheinlich.«

» ... «

»Du, Ryan?«

»Ja?«

»Was machst du heute Abend?«

»Die Kiste nach Hause befördern, wie du.«

»Danach, du Depp.«

Ich stutzte kurz.

»Nichts, bis jetzt. Warum?«

»Hast du Lust, heute Abend etwas mit mir zu machen?«

Takuto lächelte mich an. Mein Blick weitete sich etwas, als er wieder näher an mich heran kam. Sein Kopf näherte sich und seine Hände umschlangen meinen Körper.

»Takuto ... Hör auf!«, schrie ich ihm ins Ohr, als er mir den Hals ableckte.

Seine Arme waren so feste um mich herum, dass ich mich kaum bewegen konnte. Plötzlich spürte ich seine Lippen.

 

Alles, nur das nicht! Das war mein erster Gedanke. Takuto suchte sich wirklich immer die besten Plätze für so was aus ... 

-Kapitel 4-

 

 

Versteckt hinter der riesengroßen Kiste, küsste mich Takuto. Er schien es wieder bis zum Letzten Moment zu genießen. Ich gar nicht. Am Eingang einer Lagerhalle. Allein schon die letzten Male! Er hat es definitiv drei Mal zu oft mit mir getrieben.

Mit aller Kraft schlug ich ihm in die Magengrube. Als er aufschrie und sich krümmte, schlug ich ihm mit meinem Ellebogen noch einmal kräftig auf den Rücken. Nun lag er am Boden und keuchte vor Schmerzen.

»Warum ... Hast du das gemacht?«, fragte Takuto vom Boden aus, während ich aufstand.

»Weil du sonst wieder zu weit gegangen wärst. So wie die letzten Male.«

Ich hätte ihn töten können. Aber ich hatte keine Lust die ganzen Aufgaben allein zu machen. Er soll noch schön bis zu seinem letzten Atemzug leiden. Bitter und Schmerzhaft soll er verrecken.

Ich hielt den Atem an. Was dachte ich bloß da? Ich war doch kein Arschloch. Na ja, schon.

»Komm, wir müssen die Kiste ins Auto bringen, oder besser aufs Auto«, befahl ich und zog Takuto auf die Beine. Er hustete kurz und hielt sich verkrampft an der Kiste fest, um stehen zu können.

»Ich kann ... aber nicht ...«, schluchzte er.

»Stell dich nicht so an. Das war doch gar nicht so hart. Diente nur zur Abschreckung.«

»Abschreckung? Du spinnst wohl! Das war total hart! Du weißt gar nicht wie weh das tut. Ein normaler Mensch hätte jetzt wahrscheinlich irgendwelche Quetschungen oder Knochenbrüche!«, schrie Takuto mich an und fing schon fast an zu heulen.

»... Deswegen brauchst du doch nicht gleich heulen.«

»Ich heule auch nicht.«

Er schaute kurz zur Seite und richtete sich dann auf. Auf seiner Wange war etwas Nasses. Oder hatte ich mich versehen?

Gemeinsam trugen wir schweigend die Kiste zum Auto. Wir brachten das scheiß Teil an den Rücksitzen an und am Kofferraum. Mein schönes Auto schleifte während der Fahrt mit der Stoßstange auf der Straße. Auch während der Fahrt sprachen wir kein Wort miteinander. In letzter Zeit stritten wir uns oft. Na, warum wohl. Wegen ihm. Ich verhalte mich ganz normal. Denke ich mal ...

Als wir nun endlich angekommen waren, fuhren wir in den Innenhof und parkten das Auto unter einem großen Kirschbaum. Er blühte gerade. Es sah schon wunderschön aus.

»Weißt du wo Nana ist?«, fragte ich Takuto in einem ganz normalen Ton. Der drehte sich aber nur stur um und gab mir keine Antwort.

»Hey, ich hab dich was gefragt!«, rief ich ihm zu, doch er reagierte wieder nicht. Ich wurde wütend. Da habe ich mich mal gewehrt, wie man es eigentlich von jemandem erwarten müsste, der zu etwas gezwungen wird, was er eigentlich nicht will, und da wird der schon zickig.

Ich ging zu ihm herüber und packte ihn an der Schulter und wollte ihn zu mir drehen.

»Hey, rede mit mir!«, schrie ich ihn an. Doch kaum hatte ich den Satz ausgesprochen, drehte er sich schnell um und schlug mir ins Gesicht. Ich taumelte ein paar Schritte zurück und schaute geschockt zur Seite. Ich spürte nur wie mein Blut aus meiner Nase und meinem Mund floss. Ich drehte mich zu ihm um und schaute ihn unverständlich an.

Doch Takuto sah mich böse an und drehte sich endgültig um und ging. Ich blieb an meinem Auto stehen, blutete aus Nase und Mund und starrte meinem ‚Kumpel’ hinterher.

»Alles klar bei dir?«

Ich drehte mich um und starrte in Sashas Gesicht.

»Takuto ist ja ziemlich abgedreht«, kicherte sie und hielt sich die Hand vor den Mund, damit man ihr Kichern nicht so sehr sah.

Oh man, die fehlte mir noch.

»Hast du meinem Auto die Platten gefahren?«, fragte ich spitz und formte meine Augen zu schlitzen.

»Huh? Wie kommst du darauf? Nur weil ich Fabian die Platten gefahren habe?«

Sie schaute mich mit großen Augen an und versuchte ihre Unschuld damit sichtbar werden zu lassen.

»Genau.«

»Ach, Ryan! Das glaubst du? Das hat dir doch bestimmt Takuto eingeredet.« Sie kam auf mich zu und streichelte mir über die Brust. Ich blutete immer noch. Es tropfte schon auf meine Haut und floss unter mein T-Shirt.

»Nein, darauf kam ich von ganz alleine. Toll, nicht?«, grinste ich.

Ich nahm ihr Kinn mit meiner rechten Hand und fasste ihre Hüfte mit meiner linken. Ihr schien das zu gefallen und stützte ihre Arme auf meine Schultern.

»Sei doch nicht so gemein zu mir«, flüsterte sie mir ins Ohr.

Wenn sie glaubte, ich würde sie jetzt vernaschen, so wie die anderen Männer, dann hatte sie sich aber geschnitten.

»Tut mir Leid, ich bin nun mal Realist.«

Mit diesen Worten schoss ich ihr mit meiner linken Desert Eagle in den Bauch. Sie ließ von mir und fiel zu Boden.

Die anderen Vampire auf dem Hof schauten mich entsetzt an. War mir egal. Sie war ja nicht tot.

»Schlampe.«

Mit dem Wort drehte ich mich um und ging Richtung Gebäude. Ich lief wieder durch die langen Gänge. Ich wischte mir das Blut vom Gesicht, was mir mehr oder weniger gelang.

Als ich vor einer großen, rosa Tür stand, klopfte ich zaghaft. Hinter der Tür erklang ein ‚Komm rein’.

Ich öffnete sie und trat in das größte Prinzessinnenreich ein. Alles war rosa, pink, weiß oder gold. Silber waren nur ihre Kissen auf dem rosa Sofa.

Auf einem pink gepunkteten Sessel saß eine wunderschöne Frau. Ihre langen schlanken Beine überschlug sie und ihre langen Arme ruhten auf der Lehne. In ihren dünnen Händen hielt sie eine Zeitschrift. Sie trug einen kurzen Rock mit einem rosa Oberteil. Ihre langen hellblonden Haare waren zu einem Zopf zusammen gebunden und fielen ihr leicht über die Schulter.

»Oh, Ryan! Was für eine Überraschung! Seit wann kommst du mich denn Besuchen?«

»Ich bin hier, um dir dein zu groß geratenes Päckchen zu geben, Nana. Das kostet dich extra Porto.«

Nana lachte und stand von ihrem Sessel auf. Ihre Kugelrunden braunen Augen schauten mich an und dann suchte sie hinter mir jemanden. Ich drehte mich kurz um und schaute, wen sie suchte, doch da war niemand.

»Wo ist Takuto? Solltet ihr mein Päckchen nicht zusammen holen?«, fragte sie und legte ihre Zeitschrift auf einen weiß lackierten Tisch. Sie kam auf mich zu und klopfte mir auf die Brust.

»Oder habt ihr wieder einen eurer Ehestreits?«, kicherte sie und ging an mir vorbei.

»So in etwa ...«, murmelte ich und folgte ihr.

Ich führte sie danach in den Innenhof. Sasha war schon weg. Als ich vor meinem Auto stand, war es ganz zerkratzt und hatte beulen.

» ... «

Ich starrte es an und murmelte ‚Sasha’.

»Sasha? War sie das etwa?«

Nana ging die Kratzer entlang und musste lachen.

»Die erlaubt sich wirklich viel. Ich wundere mich, warum du sie nicht schon geköpft hast.«

»Warum sollte ich das tun?«

Nana grinste mich an.

»Na, weil sie dich tausendmal um den Finger wickeln wollte, weil sie deinem Auto nette Platten verpasst hat und weil sie jetzt auch noch dein Auto zerkratzt hat. Wer weiß, was sie dir noch so antut.«

Verwundert über diese Informationen, stellte ich mich neben sie und ging danach ins Auto, um die Kiste vom Kofferraum zu treten.

»Woher weißt du das alles?«, fragte ich, nachdem die Kiste mit einem lauten Knall auf dem Boden landete.

»Das spricht sich alles rum. So wie das Gerücht, dass du es mit Takuto getrieben hast.«

Mit einem Mal stieg mir das Blut in den Kopf und schoss mir wieder aus der Nase.

»Waaaaaas?«, schrie ich und sprang vom Auto.

»Oh, es ist also wahr?«

Nana kam ganz nah an mich heran und flüsterte mir ins Ohr:

»Glaub mir, bis jetzt ist es nur ein Gerücht. Ich kann schweigen.«

Danach kicherte sie etwas. Erleichtert sah ich Nana an und bedankte mich bei ihr. Mit einer lässigen Handbewegung ließ sie mich wissen, dass es okay sei.

Nach wenigen Minuten rief Nana jemanden vom Handy aus an. Kurz darauf kamen zwei riesengroße Bodyguards angerannt und stemmten die Kiste hoch, als wäre sie nur zwei Kilo schwer oder derartiges.

»Du hast echt alles.«, sagte ich zu Nana, die ihr Werk begutachtete.

»Na ja, als Diva braucht man so was halt.« Sie klopfte mir auf die Schulter.

»Hast du nicht noch Lust in die Cafeteria mit mir zu gehen und einen kleinen Kaffee zu trinken?«

Nana lächelte mich süß an. Da konnte ich natürlich nicht nein sagen.

Gemeinsam gingen wir also in die Cafeteria und setzten uns lässig an einen Tisch.

Als wir endlich unseren Kaffee hatten, musste ich an Takuto denken. Wir saßen auch mal hier und tranken Kaffee. Wir lachten und hatten Spaß. Wir machten gerade für einen Auftrag Pläne. Wir saßen fast vier Stunden hier. Ich weiß noch, hier umarmte er mich das erste Mal. Ich verstand damals nicht ganz, warum er das tat. Wahrscheinlich hatte er schon damals eine Zuneigung zu mir. Und ich bemerkte das nicht. Unbewusst und verwirrt umarmte ich ihn auch. Danach war er mehr als glücklich und wir gingen auf unsere Zimmer. Seit dem hat er mich öfter umarmt. Irgendwann fragte ich ihn, warum er das immer tat. Er antwortete nicht und umarmte mich lieber. Wieder verwirrt über die Sache ...

»Hey, Ryan! Jetzt erzähl doch mal!«, holte mich Nana aus meinen Gedanken.

»Hä ...? Was soll ich erzählen?«, fragte ich noch etwas verträumt.

»Na, warum du und Takuto schon wieder Streit habt!«

Ich stutzte kurz und dachte nach. Sollte ich es ihr wirklich erzählen? Aber warum nicht? Immerhin hat sie gesagt, sie hält dicht. Und falls sie bei der Sache nicht dicht hält, auch egal. Spätestens nächste Woche weiß es eh jeder.

Also erzählte ich Nana alles. Von Anfang an. Von der Tiefgarage bis hin zur Lagerhalle mit der Kiste. Sie lachte und gab manchmal Kommentare zu meiner Story, die mich auch zum lachen brachten. Während wir so miteinander lachten und Spaß hatten, musste ich feststellen, dass sie richtig nett war. Fast hätte ich sogar gesagt, netter als Takuto ...

 

Nachdem wir nun unseren dritten Kaffee ausgetrunken hatten, standen wir auf und gingen. Ich brachte sie noch bis zu ihrem Zimmer.

»Dann gute Nacht, Ryan.«, sagte Nana und blieb vor ihrer Tür stehen und schaute mich mit einem niedlichen lächeln an.

»Ja, dir auch eine gute Nacht.« Ich lächelte zögernd zurück. Ich wollte schon gehen, da sprach sie mich noch einmal an:

»Ryan ...?«

Ich drehte mich um und sah, dass ihr Gesicht eine rosa Färbung bekam.

»Heute war echt schön mir dir. Die Gerüchte, du seiest so still und ernst, stimmen eigentlich gar nicht. Können wir vielleicht ...«

Sie stockte und schaute zu Boden. Ich spürte, wie mein Blut an zu pochen begann. »... mal wieder zusammen einen Kaffee trinken gehen?«

Ich beruhigte mich wieder. Sie war ja schon süß.

Ich nahm ihre Hand und küsste sie auf den Handrücken.

»Gerne, Prinzessin. Ich glaube, ich hätte für den morgigen Tag gegen Abend noch etwas Zeit.«

Ihr Gesicht wurde nun rot und sie lächelte.

»Oh, danke, Ryan!«

Mit den Worten sprang sie mir um den Hals und drückte mich feste. Ich umarmte sie, aber nicht feste. Danach ließ sie mich los und verschwand mit einem großen Grinsen in ihrem Zimmer. Sie war eine nette Freundin.

Während ich so die langen Gänge entlang ging, versuchte ich herauszufinden, wie sehr mir Nana ans Herz gewachsen ist. Ich mochte sie schon immer ein wenig. Aber ich konnte mir nie vorstellen, irgendetwas mit ihr anzufangen. An meinem Zimmer angekommen, konnte ich es immer noch nicht. Sie war eine Freundin, mehr nicht. Und Takuto ...?

»Na, du und Nana scheint euch ja prächtig zu amüsieren. So gut wie ihr euch schon versteht.«

Reglos blieb ich an meiner Tür stehen. Ich wusste wer da hinter mir stand.

»Hast du nichts Besseres zu tun, als mir hinterherzulaufen und mir nachzuspionieren? Takuto?«

Ich hörte ein leichtes lachen.

»Du hast immer gesagt, ich sei dein bester Freund. Oder wie du es immer nanntest, Kumpel. Aber davon spüre ich nichts.«

Ich schwieg. Ich konnte mich daran erinnern, dass ich das öfter zu ihm gesagt hatte.

»Würdest du dich auch wie ein Kumpel verhalten, würde ich dich auch so behandeln.«

Mit diesen Worten ergriff ich die Türklinke und ging in mein Zimmer. Ich wollte mit ihm darüber nicht reden. Nicht jetzt. Ich setzte mich ruhig auf mein Bett. In meinem Zimmer war es so still.

Auf einmal wurde die Tür aufgerissen und Takuto kam herein gesprungen. Er kam auf mich zu gerannt und drückte mich mit dem Rücken aufs Bett.

»Lauf nicht immer davon! Ich will die Sache jetzt aus der Welt schaffen!«, schrie er mich an. Er war kurz vor den Tränen.

»Ich laufe nicht weg.«

»Doch, tust du!«, schrie er weiter. Jetzt tropfte die erste Träne auf meine Wange.

»Seit unserem ersten Kuss behandelst du mich ... wie so einen Idioten. Ich glaube sogar, dass du mich schon davor für einen gehalten hast. Ich bin dir dumm hinterhergelaufen und hab dir jeden Fehler verziehen. Weil ich dich geliebt habe. Aber du hast meine Liebe immer mit Füßen getreten. Auf Dauer kann selbst der härteste Typ nicht mehr. Du bist so anders geworden. Bin ich Schuld?«

Die zweite, dritte, vierte Träne tropfte auf mein Gesicht. Ich blieb Gefühlskalt einfach liegen und sah in das gequälte Gesicht von Takuto.

»Zwischen mir und Nana läuft nichts.«

»Das wollte ich doch gar nicht wissen! Ist mir auch egal, ob da zwischen dir und der was läuft, aber dann sag es mir!«

»Es läuft doch nichts zwischen uns. Und zwischen dir und mir läuft auch nichts, kapierst du das nicht?« Ich wurde immer lauter.

Er hörte abrupt auf zu schluchzen. Die letzte Träne tropfte von seinem Gesicht auf meines. Er starrte mich nur entsetzt an. Als ob er das noch nicht gewusst hätte.

»Das ... das hab ich mir schon gedacht«, meinte er nur kurz und ließ von mir ab. Ich setzte mich auf und schaute Takuto ohne jegliche Miene ins Gesicht. Der stand regungslos vor mir und wischte sich die Tränen weg.

»Okay.«

Ich horchte auf und machte ein Fragendes Gesicht.

»Ich lass dich ab jetzt in Ruhe. Unsere Partnerschaft ...

... gibt es jetzt auch nicht mehr. Ich lasse dich voll und ganz in Ruhe.«

Damit drehte er mir den Rücken zu. Ich stand auf und schrie los:

»Warum? Warum brichst du jetzt unsere Freundschaft? Gibt es für dich nur Gut und Böse? Gibt es für dich nur Lieben und Hassen? Warum bleiben wir nicht Freunde? Wieso kann es nicht so wie früher sein? Antworte, man!«

Er drehte sich ruckartig um und schrie zurück:

»Weil ich nicht so wie früher sein kann. Es war schmerzhaft mit dir. Jeden Tag, jede Minute, jede Sekunde war Schmerzhaft. Ich kann einfach nicht mehr! Akzeptiere das jetzt!«

Ich schwieg und starrte ihn entsetzt an. Sein böser Blick löste in meinen Augen etwas Nasses aus. Ich hatte das Gefühl, ich verliere hier gerade einen sehr guten Freund. Nur weil ich nicht mal Gefühle zeigen kann. Nur wegen mir. Dabei ist er mir doch so wichtig.

»Nimm doch Nana als deine neue Partnerin!«

Danach hörte ich nur ein Türknallen. Immer noch mit dem Blick auf die Tür gerichtet, ließ ich mich wieder auf mein Bett fallen. Als ich dort saß, kullerte mir das Nasse aus meinen Augen auf meine Hose.

»Verloren ...«, sprach ich ihn die Stille hinein.

Meine Uhr im Handy piepste zweimal. Es war Mitternacht.

Erstarrt saß ich auf meinem Bett. Wieder war es so still. Ich hoffte darauf, dass er jetzt die Tür reinkommen würde. Dass er mich in den Arm nehmen und mich trösten würde. Aber er kam nicht.

Lautlos ließ ich mich auf mein Bett fallen. Ich verschränkte die Arme über meinen Kopf. Dieses Nasse, was ich Zeichen der Trauer nannte, hörte nicht auf. Meine Tränen verschwanden in meinem schwarzen Haar. Ich drehte mich zur Seite und krümmte mich. Mit meinen Händen auf meinem Gesicht, flossen mir die Tränen auf das Bettlaken. Ich schluchzte in die Stille hinein. Wo war sein warmer Körper, den ich jetzt so sehr brauchte? Wo war seine sanfte Stimme, die ich jetzt so sehr hören wollte? Wo waren jetzt seine Hände, die ich jetzt so sehr vermisste? Wo war seine Liebe, die ich so sehr brauchte?

Weg. Alles bei ihm und nie wieder bei mir. Nie wieder.

»Takuto ...«, schluchzte ich.

Ich heulte wirklich, weil mein Kumpel, der mich drei Mal vergewaltigt hatte und mich aber liebte, nun gegangen war. Ich war Schuld, dass ich ihn verloren hatte. Ich wollte das wieder richtig biegen, doch der Gedanke, er würde es nicht wollen, machte mir Angst.

»Takuto ...«, schluchzte ich erneut.

Es tat so weh. Warum? Wegen Nana? Oder wegen mir? Oder vielleicht sogar wegen allem?

»Komm wieder zurück ...«, schluchzte ich und versteckte mein Gesicht in meinen Händen. Verzweifelt wie ich war, weinte ich und versuchte krampfhaft einzuschlafen, um meine Tränen zu trocknen. Doch ich konnte nicht. Nicht mit dem Gedanken, alles verloren zu haben. Alles? War Takuto etwa alles? Nicht alles, aber viel. Was war viel? Eine Menge. Zu Viel, um es einfach verdrängen zu können.

»Takuto! Komm zurück!«, schrie ich in meinen Raum. Würde er es hören? Nein, wohl eher nicht, da ich in meine Hände schrie und in mein Bettlaken.

Ich war so verzweifelt und zitterte am ganzen Körper. Wann würde diese schreckliche Nacht endlich vorbei sein? Ich weiß es nicht ...

 

Als ich am nächsten Tag aufwachte, war es kurz nach acht Uhr. Ich hatte mit meinen Sachen geschlafen, die nun ganz zerknittert waren. Ich stand auf und ging zu meinem großen Spiegel. Meine Augenringe gingen bis zu meinen Mundwinkeln und mein Augenweiß war mehr rot als weiß. Mein ganzes Gesicht war versalzt von meinen Tränen. Meine Haare waren verwuschelt und hingen mir Strähnen Weise über mein Gesicht. Ich hatte Kopfschmerzen und mein Magen tat weh von dem vielen Kaffee gestern. Auf leerem Magen nicht allzu gut. Ja, mein Hunger machte sich auch bemerkbar.

Als ich mich auszog, um Duschen gehen zu können, betrachtete ich mich noch einmal im Spiegel. Plötzlich fielen mir zwei rote Flecken an meinem Hals auf. Ich berührte sie. Einer auf der rechten und einer auf der linken Seite.

Es waren die Knutschflecken von Takuto. Von unserem ersten Mal. Mein Blick wurde trübe. Meine Augen wurden wieder glasig und eine kleine Träne floss wieder herab. Schnell wischte ich sie mir weg und ging ins Bad.

 

Später setzte ich mich an meinen Schreibtisch. Da war doch noch etwas ...

Ich kramte aus meiner alten Hose den Zettel raus, auf dem unsere Aufgaben standen. Ich stutzte. Was machen wir denn jetzt? Sollen wir die Aufgaben trotzdem machen? Aber unsere Partnerschaft war zu Ende. Das waren seine Worte. Ich beschloss zu Riccardo zu gehen.

Auf dem langen Gang traf ich Nana. Ich versuchte normal zu klingen.

»Hey, Ryan! Wohin gehst du?«, fragte sie mich mit einem Lächeln.

»Ich will zu Riccardo.« Ich versuchte ihr Lächeln zu erwidern, aber es klappte nicht ganz.

»Oh, cool, in die Richtung muss ich auch. Darf ich mitkommen?«

»Klar, warum nicht?«

Nana erzählte mir auf dem Weg viel. Ich hörte ihr einfach zu. Sie erzählte vom Fernsehen letzte Nacht. Und dass ihr der Kaffee nicht ganz bekommen ist. Und dass sie ihren linken Ohrring nicht mehr findet. Und halt noch so vieles mehr.

Als wir vor Riccardos Tür standen wartete ich darauf, dass sie fragte, was ich hier will.

»Okay, dann bis später ja? Es bleibt doch noch bei unserer Verabredung?«, lächelte sie und war schon im Begriff zu gehen.

»Äh, ja klar. Heute Abend um sieben hol ich dich ab, okay?«

»Okay! Dann bis später!« Sie Symbolisierte einen Luftkuss und ging dann um die Ecke. Stand sie etwa auf mich? Es wäre mir lieber, wenn nicht. Aber ich will sie nicht auch noch verlieren. Wie Takuto. Takuto ...

»Ryan, willst du nun reinkommen, oder möchtest du nur die Tür anstarren?«

Ich drehte mich um und starrte in Riccardos Augen.

»Äh ... Ich wollte eigentlich reinkommen.«

Riccardo lachte und bat mich rein. Hatte der eigentlich nie etwas zu tun?

Ich setzte mich auf einen Stuhl an seinem Schreibtisch und wollte anfangen zu erzählen, doch da fing er schon an.

»Vergiss die Aufgaben.«

Mein Lächeln erstarrte und ich blickte ihn verwirrt an.

»Was?«, war alles was ich heraus bekam.

»Takuto war gestern schon hier. Er meinte, eure Partnerschaft sei beendet. Es wäre für euch beide das Beste. Also vergiss die Aufgaben.«

Riccardo sah nicht mehr so glücklich aus, wie als er mir die Tür öffnete.

»Kümmere dich lieber um Takuto. Der läuft nämlich seit gestern wie eine Leiche durch die Gänge.«

Mein Blick senkte sich. Takuto war also schon hier.

»Ich glaube, ich kann da nicht mehr viel machen.«, murmelte ich und knickte den Zettel.

»Ich glaube schon.«

»Nein, ich nicht ...«, murmelte ich noch etwas leiser.

Plötzlich haute Riccardo seine Fäuste auf die Tischplatte. Ich erschrak dermaßen, dass ich mich am Stuhl festkrallte.

»Ryan! Was bitte ist denn mit dir los? Ich kann mir denken, was mit euch beiden los ist, aber ich weiß, dass Takuto dir viel bedeutet! Also kämpf doch mal um ihn!«, schrie er mich an und ich saß nur Stumm und verkrampft auf dem Stuhl.

»W-Woher willst du das wissen?“, stotterte ich und wollte nicht ganz glauben, dass Riccardo auch schon fast alles weiß. Wenn nicht schon alles.

»Das ist doch wohl offensichtlich. Deinen Satz ‚Takuto! Komm zurück!’ habe ich bis hier hin gehört.«

Mein Kopf wurde schlagartig rot.

»Du kannst froh sein, dass zu der Zeit die meisten im Foyer waren, weil dort ein Geburtstag gefeiert wurde. Takuto war aber dafür auch nicht in seinem Zimmer.«

»Wo war er denn?«

»Wenn ich das wüsste, wäre ich um einiges schlauer. Aber er kam gegen Morgengrauen wieder. Wie eine Leiche sieht er aus. Wie eine depressive Leiche.«

Mein Gewissen fing nun endlich an, an mir zu knabbern.

»Oh ...«

»Oh? Ich hab mich wohl verhört?«, schrie Riccardo erneut. Ich zuckte zusammen und stand auf.

»Ist ja gut! Ich rede mit ihm. Warum ist dir das so wichtig?«

Riccardo war zufrieden und schmunzelte.
»Weil ihr das einzige Team gewesen seid, das meine kuriosen Aufträge gemacht hat.«

Mein Blick verriet, dass ich ihn gerade in meinen Gedanken ein Arschloch nannte.

Als ich aus der Tür ging, hörte ich Riccardo lachen. Der Typ ist nicht nur krank, sondern auch noch so gemein, wie vermutlich das ganze Haus zusammen.

Langsam trabte ich die Gänge entlang. Ich schaute kurz im Foyer vorbei. Dort schliefen noch Alkoholleichen und manche waren schon am aufräumen. Wer wohl Geburtstag hatte? War mir auch egal.

Ich ging langsam weiter. Ich schlurfte über den Boden. In meinem Kopf drehte sich alles. Ich überlegte mir meine Worte, die ich Takuto sagen würde.

Da stand ich nun. Vor seiner Tür. Ich atmete einmal tief ein und wieder aus. Ich klopfte zaghaft. Keine Reaktion war zu hören. Ich klopfte noch einmal. Wieder nichts. Er schien nicht da zu sein.

»Takuto? Bist du da?«, fragte ich. Jedoch hatte ich das Gefühl mit der Tür geredet zu haben.

Ich wollte schon umdrehen und zu meinem Zimmer gehen, da öffnete sich die Tür von ihm einen kleinen Spalt.

»Was willst du?«, fragte eine seltsame Stimme. Es war Takuto, keine Frage. Aber er klang ziemlich fertig.

»Ich ... Ich wollte mir dir reden ...«

Mein Herz raste. Mein Blut kochte und mein Puls war wahrscheinlich auf 180. Seit wann war ich eigentlich so? Oh man, wie so ein kleiner Junge.

»Ich aber nicht mit dir. Die Sache ist geklärt.«

Er wollte schon die Tür schließen, da schob ich meinen Fuß dazwischen.

»Für mich aber noch nicht. Bitte, Takuto, lass mich rein kommen.«

Ich schob die Tür etwas weiter auf. In seinem Zimmer war es stockdunkel.

»Bitte ...«, wiederholte ich. Seine Augen verkleinerten sich zu schlitzen.

»Von mir aus«, antwortete er kurz und öffnete die Tür gerade so weit, dass ich durchpasste.

 

Ich hatte ein wenig Angst. Wovor? Dass ich alles nur noch schlimmer machen würde ...

-Kapitel 5-

 

 

Er schloss die Tür. Es war so dunkel in seinem Zimmer, dass ich gerade meine Hand sah, als ich sie zehn Zentimeter vor meine Augen hielt. Er konnte mich wahrscheinlich sehen, er war schon länger hier.

»Könntest du bitte das Licht anmachen?«, fragte ich in die Stille der Dunkelheit.

Nein, lieber nicht. Ich will ihm nicht in die Augen sehen.

»Nein, ich will nicht, dass du mich siehst«, meinte Takuto. Er stand genau hinter mir, das konnte ich hören.

»Na dann ...« Zum Glück.

»Ich will mit dir über uns reden ...«, versuchte ich es vorsichtig.

»Dann rede.«

Die kühle Antwort von Takuto kam etwas überraschend, da das sonst mein Part war, die kühlen Antworten zu geben.

» ... «

Ich wollte etwas sagen. Doch es kam nichts. Ich zögerte.

»Es tut mir so Leid ...« Keine Reaktion. Hat er es überhaupt gehört? »Takuto ... Hey ...«

»Ich hab’s gehört.«

Wieder so eine kühle Antwort. Oh man, so fühlt man sich also, wenn man nur solche Antworten bekommt. Kein schönes Gefühl.

»Vergibst du mir?«

»Warum sollte ich?«

Das war hart. Die Aussage war klar und deutlich.

»Du hast mir auch nicht verziehen«, sprach Takuto weiter.

Das stimmt. Ich hab ihm nicht verziehen. Aber seine Sünde war um einiges schlimmer als meine. Oder? Ich habe ihn Jahrelang so behandelt, ohne zu wissen, wie weh das tut. Und dann hat er mir einmal seine Liebe in der Form gezeigt.

»Würdest du zu mir zurückkommen, wenn ich dir verzeihen würde?« Ich hätte mich für diesen Satz schlagen können. Das klang ja gerade so, als ob ich ihm nur dann verzeihe, wenn er auch zu mir zurückkommt. Ich sollte ihm so oder so verzeihen!

»Ich meine ... ich verzeihe dir auch so ...«, fügte ich hinzu. Ich konnte schon Umrisse erkennen. Auch wo Takuto stand. Er stand direkt hinter mir, gerade mal einen Meter entfernt. Wenn er nur einen Schritt machen würde, stände er bei mir. Ich drehte mich langsam um. Ich versuchte zu erkennen, was Takuto für ein Gesicht machte, konnte jedoch nichts erkennen.

»Takuto ...?«, fragte ich vorsichtig.

»Warum bist du auf einmal so lieb zu mir?«

Der Satz hallte in meinem Kopf noch nach.

»Weil ich merke, dass ich dich brauche.«

Die ganze Sache erinnerte mich an eine Bilderbuchgeschichte von früher. Meine Mutter hat sie mir immer vorgelesen. Nur in der Geschichte war es nicht dunkel und es ging um eine Frau und einen Mann. Halt das normale Blabla. Aber hier war nur der Inhalt mit der Geschichte zu Vergleichen. Der Rest war etwas völlig anderes.

»Brauchen? Was verstehst du denn schon von ‚jemanden brauchen’?«, lachte er spöttisch.

»Mehr, als du vielleicht denkst. Ich versuche mich grade wieder mit dir zu versöhnen und alles was dir dazu einfällt, ist mich auszulachen? Na, danke! Dann verzichte ich lieber!«, schrie ich durch den Raum.

»Ich behandle dich so, wie du mich behandelt hast!«, schrie er zurück. Wieso musste das immer so enden?

Ich schwieg. Er hatte ja Recht. Aber ...

»Du gibst mir ja noch nicht einmal eine Chance, es anders zu machen ...«, nuschelte ich. Darauf kam keine Antwort. Er schwieg. Ich ebenfalls.

Es war zum Schreien. Diese Stille drückte so sehr auf mich. Und ich glaubte, nicht nur auf mich. Takuto’s Nervosität war deutlich zu spüren.

»Takuto ...?«

Ich sah wie er seinen Kopf hob und mich anschaute. Ich konnte immer noch keine Mimik in seinem Gesicht wahrnehmen.

»Keine Chance, huh ...?«, murmelte er. »Und wenn ich dir eine geben würde? Würdest du dich ändern? Oder ist das nur ein Versuch, mich wieder rumzukriegen?«

Diese drei Fragen waren ein ziemlicher Klumpen in meinem Hals. Ich war mir selbst nicht so sicher. Würde ich es wirklich schaffen, oder würde es so wie immer enden? Im Streit?

Ich will ihn nicht verlieren, aber lieben will ich ihn auch nicht. Er ist ein Mann. Also bitte, das ist absurd und abartig. Allein die Dinge, die er schon mit mir gemacht hat, waren schlimm genug. Wenn ich ihm jetzt noch weiter in die Arme laufe, werde ich in fünf Minuten wieder mit ihm in der Kiste liegen. Nackt wohl gemerkt. Angezogen wäre das kein Thema ...

»Ich kann dir nichts versprechen, aber ich gebe mein Bestes.«

»Schwörst du wenigstens das?«

Würde ich das tun?

»Ja, ich schwöre.«

Nach wenigen Sekunden spürte ich Takuto’s Hände um mich. Ich dachte schon, er würde mich küssen, doch er drückte mich nur feste. Er hatte wohl verstanden, was ich wollte. Ich drückte ihn auch und kuschelte meinen Kopf in seine Schulter. Ich schloss angenehm meine Augen und genoss den Moment. Er war angenehmer als sonst. Vielleicht, weil ich das auch wollte? Aber was wollte ich?

Auf einmal spürte ich Takuto’s Lippen auf meinen, kurz danach seine Zunge.

Das wollte ich garantiert nicht!

In der Umarmung machten wir eine halbe Drehung und Takuto drückte mich nach hinten. Als ich einen Widerstand an meinen Knien spürte, er aber weiter drückte, fiel ich nach hinten. Ich landete weich, also schlussfolgerte ich, dass das sein Bett war.

Okay, ich hätte ihm auch in die Arme laufen können, ich landete wohl so oder so im Bett mit ihm.

»Hm ... Takuto ... Hm ... Warte ...!«

Ich konnte keinen vollständigen Satz aussprechen, da Takuto mich ständig küsste. Ich hätte machen können, was ich wollte, jetzt war es eh zu spät, da Takuto auf mir lag und es dunkel war. Das hieße: Bis ich mich befreit hätte, würde ich nur wenige Sekunden haben, um abzuhauen. Da es aber dunkel war und ich die Tür sicher nicht auf Anhieb finden würde, würde ich es nicht schaffen.

»Lass es doch einmal zu ...«, flüsterte Takuto und zog mir mein T-Shirt aus. Zulassen? Dass er es mit mir tut? Bin ich bescheuert, oder was?

»Nie ... Im Leben!«, stöhnte ich schon halb, weil sein Bein schon wieder meine intime Zone streichelte. Bei ihm musste man wohl nichts mehr streicheln, da war schon alles am stehen ...

Takuto fing an, meine Brustwarzen zu bearbeiten. Während er mich nicht anschaute, überlegte ich über seine Worte. Zulassen         ... Was hab ich schon zu verlieren? Meine Ehre? Die hab ich danach immer noch. Meinen Stolz? Den hat er mir schon bei unserem ersten Mal entrissen. Und der Rest? Scheiß drauf.

»Okay, einmal ...«, stöhnte ich und nahm seinen Kopf in meine Hände. Er schaute mich erst verwundert an, verstand aber die Situation, als ich ihn küsste.

»Im Ernst jetzt?« Takuto schien sich ja riesig zu freuen.

»Ja, aber denke ja nicht, ich sei schwul!«, bestätigte ich seine Frage. Kurz darauf drückte Takuto mich in sein Bett und küsste mich wieder und wieder. Zwischendurch zog er sich sein T-Shirt aus.

Als seine Hand unter meine Hose rutschte, musste ich unerwartet aufstöhnen. Es war mir erst peinlich, als ich aber darüber nachdachte, war es auch egal. Gehörte dazu.

»Dreh dich mal auf den Bauch ...«, murmelte Takuto mir ins Ohr. Schon verschwitzt und alles voller Speichel in meinem Gesicht, drehte ich mich Mühsam auf den Bauch. Takuto fasste meine Hose und zog sie mir aus.

»H ... Hey!«, drückte ich aus mir raus. In meinem Hals war die ganze Zeit irgendetwas komisches, wie ein Kloß, der mich nicht sprechen lassen wollte.

»Ganz ruhig ...«, flüsterte Takuto und legte sich auf mich. Seine eine Hand drehte meine linke Brustwarze und seine andere rutschte runter, während seine Zunge meinen Hals in Angriff nahm. Mein Stöhnen wurde immer lauter und Takuto’s Atem wurde auch immer stärker.

Als er kurz aufhörte, versuchte ich mich etwas zu drehen, um zu sehen, was er machte. Er zog sich halb benebelt seine Hose aus und warf sie zu meinen Sachen auf den Boden. Ich war nicht minder benebelt.

»Du kennst das ja ...«, grinste er etwas und hielt seine eine Hand auf meinen Rücken, während seine andere das Etwas an mich heranführte. Ja, das kannte ich wohl. Und Schmerzhaft würde es auch wieder werden. Aber ich entspannte mich, im Gegensatz zu sonst.

Es tat zwar etwas weh, war aber erträglich. Lag es daran, dass ich es schon gewohnt war? Oder lag es etwa daran, dass ich mal mitmachte?

Nachdem wir so einige Minuten stöhnend verharrten, drehte ich mich wieder auf den Rücken. Sein Stoßen wurde immer schneller und härter. Plötzlich spürte ich, wie das heiße, weiße Zeug auf meinen Bauch spritzte. Ich war echt schon wieder gekommen. Doch irgendwo war es schön.

Ich hielt Takuto ganz feste an mich heran, während er seinen Unterleib immer gegen meinen stieß. Auf einmal setzte sich Takuto hin und nahm mich mit. Jetzt saß ich auf ihn. In mir sein Teil. Es tat wieder etwas weh, doch ich hätte schwören können, dass es diesmal angenehmer war, als bei unserem Dusch Erlebnis, wo mir das aus Versehen passiert ist.

Ich bewegte meine Hüfte auf und ab und manchmal auch zur Seite. Die Reibungen, die dabei entstanden, fand ich so angenehm, dass ich nicht daran dachte aufzuhören. Takuto schien es ebenfalls zu gefallen. Als sein Griff um mich fester wurde und er aufstöhnte, spürte ich Sekunden danach schon das Heiße in mir.

Da ich auf ihm saß, war ich einen halben Kopf großer als er. Ich nahm seinen Kopf in meine Hände und starrte ihn benebelt an. Seine Augen waren auch Schlitzförmig. Wir beide waren verschwitzt und überall klebte es wieder. Er war immer noch in mir. Jedoch machte ich keinerlei Anstalten aufzustehen und ihn somit raus zu nehmen.

»Was ist los ...?«, fragte Takuto außer Atem und legte seine Hände ruhig auf meine Hüfte.

Mein Blick wanderte kurz zur Seite auf seine Uhr. Wir taten es gerade mal eine halbe Stunde.

»Schon vorbei?«, stellte ich eine Gegenfrage. Ich küsste ihn leicht auf den Mund. Als ich wieder von ihm lassen wollte, drückte er seine Lippen weiter auf meine. Daraus wurde dann ein leidenschaftlicher Zungenkuss. Seine Hände wanderten wieder auf meinen Rücken und pressten meinen Körper an seinen.

Er verstand wohl, dass ich noch nicht aufhören wollte.

Warum?

Es machte Spaß.

Spaß?

Ja, mit ihm zu schlafen. Es war befriedigend. Pervers, nicht wahr? Aber schön ...

An dem Tag hätte ich mich für meine Gedanken schlagen können. Ich trieb es mit einem Mann und es gefiel mir. Ich war nicht schwul ... Oder doch? Takuto ließ mich immer Fragen stellen, die ich erst mit nein beantwortete. Später mit Oder doch? Und am Schluss mit Ja. So war das bis jetzt immer. Und bei dieser blöden Frage schien es wieder so zu sein. Aber ich wollte das nicht. Oder doch? Da, schon wieder. Ich gab’s auf.

Alles geschah am helllichten Tage, jedoch war es in Takuto’s Zimmer derart dunkel, dass ich selbst nach einer Stunde Aufenthalt gerade mal einen Meter weit gucken konnte.

Es war so wunderschön. Ich hätte mir nie erträumen lassen, dass es mal so schön mit Takuto sein würde. Ich genoss es richtig und er auch. Sein Herz schlug für mich, das spürte ich. Schlug meins auch für ihn? Ich hoffte es für ihn, jedoch bezweifelte ich das. Ich konnte mich einfach nicht verlieben, weder in eine Frau noch in einen Mann.

Trotzdem kam es mir so vor, als würden Takuto und ich schon ewig zusammen gewesen sein.

 

Ich kuschelte mich in Takuto’s Arme. Es war schon 18.30 Uhr. Takuto und ich waren geduscht und er hatte sein Bettlaken gewechselt. Wir lagen in Boxershorts, aneinander gekuschelt, unter der warmen Bettdecke von Takuto. Wir lagen schon eine Stunde so da, doch keiner von uns beiden schlief. Takuto war mehr als glücklich. Er strahlte über das ganze Gesicht hinweg. Ich habe ihm wahrscheinlich vorhin seinen größten Traum erfüllt. Ich konnte auch nicht leugnen, dass ich glücklich war.

Doch ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, etwas vergessen zu haben. Aber was war das nur?

Mein Magen grummelte etwas. War dieser blöde Kaffee immer noch nicht verdaut, oder warum hört dieses Gluckern nicht mal auf? Moment mal, Kaffee? Nana?

Nana!

Ich hatte Nana total vergessen! Ich wollte mit ihr doch um sieben wieder in die Cafeteria! Eine halbe Stunde hatte ich noch Zeit. Doch was sollte ich Takuto erzählen?

»Was ist los, Ryan?«

»Mir ist grade was eingefallen ...« Ich richtete mich auf und wollte Takuto nicht in die Augen sehen.

»Was denn?«

Takuto richtete sich ebenfalls auf.

»Äh ...«

Ich konnte ihm ja wohl nicht sagen, dass ich gleich ein Date mit Nana habe. Nach unserem ersten ‚gewolltem’ Mal wäre das nicht so angebracht.

»Riccardo ... Er wollte mich sprechen, noch mal wegen der Sache mit unserer Partnerschaft.«

Eine bessere Lüge fiel mir nicht ein, huh?

»Ach so. Dann solltest du besser losgehen, ja.«

Takuto klang etwas enttäuscht. Irgendwo auch verständlich. Trotzdem musste ich gehen, sonst würde Nana dem auf die Spur gehen und würde meines Glückes auch noch herausfinden, dass ich während der eigentlich verabredeten Zeit mit Takuto halb nackt im Bett hing. Nicht gut ...

»Ja, hast Recht! Ich beeil mich, also ich hoffe, dass er sich beeilt! Bis später!«

Mit den Worten raste ich mit meinen Klamotten halb am Körper aus Takuto’s Zimmer Richtung Cafeteria. Dort angekommen, hatte ich mich schnell angezogen. Mein Hintern schmerzte bei jedem Schritt. Hat sich mein Körper immer noch nicht dran gewöhnt? Um ehrlich zu sein, konnte ich mich mit dem Gedanken, es mit Takuto Bewusst getrieben zu haben, nicht anfreunden. Aber was soll’s?

Nana saß schon an einem Tisch und blätterte wieder in einer Zeitschrift. Sie schien noch nicht lange zu warten.

»Hallo Nana«, sagte ich und lächelte sie gestresst an.

»Oh, hallo Ryan! Schön, dass du gekommen bist!« Nana lachte mich glücklich an und deutete auf den ihr gegenüberliegender Platz. Ich setzte mich hin und wollte eigentlich gleich wieder gehen, nachdem ich abgesagt hätte. Aber Nanas glückliches Gesicht wollte ich nicht zerstören, also blieb ich allen Ernstes bei ihr.

Am Anfang war es schwer sich mit ihr zu unterhalten, da sich meine Gedanken in dem Moment nur um Takuto und die Situation drehten und dass ich mir nichts anmerken lassen durfte. Jedoch wurde es immer Entspannter und ich vergaß die Zeit. Im Gespräch vertieft, merkte ich gar nicht, dass Nana immer näher rückte. Erst als fast auf meinem Schoß saß und ich ihre Haare schon auf meinem Arm spürte, bemerkte ich ihre Nähe.

»Nana? Warum bist du so nah?«, fragte ich ruhig und war mehr als entspannt.

»Weil ...«, murmelte Nana und wurde rot, »Weil ich deine Nähe haben will.«

Mit den Worten drückte sie ihre vollen Brüste gegen meinen Oberkörper und schloss ihre Augen. Ich riss meine dafür umso weiter auf. Ich versuchte sie wegzudrücken, doch da war’s auch schon zu spät. Ihre Lippen lagen schon auf meinen. Und ich hatte natürlich wieder ein Glück an dem Tag ...

»Ach, Riccardo hat sich aber ganz schön verändert.«

Nana ließ von mir ab und riss nach einem Blick hinter mich auch ihre Augen auf. Ich drehte mich ruckartig um und mir entwichen alle Gesichtszüge.

»T-Takuto ...«

Takuto stand mit verschränkten Armen vor mir und schaute mich böse an. Ich merkte, dass ich grade alles zerstört hatte.

»Nein ... Nein, Takuto, das war nicht so wie es aussah!«, rief ich und stand auf.

»Nein, natürlich nicht. Der Kuss war nur gespielt.« Er schaute mich von der Seite aus an.

»Du bist schon seit über zwei Stunden weg. Ich hab mir schon nach einer Stunde Sorgen gemacht. Riccardo redet zwar viel, aber so viel nun auch wieder nicht«, fügte Takuto hinzu und wurde mit jedem Wort lauter. Andere Leute in der Cafeteria drehten sich schon um und fingen an zu murmeln.

»Ich will’s mir eigentlich nicht anhören ... Aber komm schon, erzähl mir deine Ausrede!«, schrie er mich nun an und ich merkte, wie es in ihm brodelte.

»Ich ...«, mehr bekam ich nicht raus. Mir war zum heulen. Seit dem ich mit Takuto so eine Beziehungsscheiße durchmachte, war ich vollkommen verweichlicht. Ich könnte ständig heulen. Zu jeder Gelegenheit. Auch zu dieser.

Und mein Körper schaffte es, sich gegen meinen Willen zu behaupten und ließ eine kleine Träne über meine Wange rollen. Man, war mir das peinlich.

»Jetzt hör auf zu heulen! Das macht die Sache auch nicht besser!«, schrie Takuto weiter auf mich ein. Jeder Ausdruck in meinem Gesicht schien zu verschwinden. Ich senkte meinen Kopf und versteckte meine verheulten Augen unter meinem schwarzen Haar.

»Ausrede oder nicht ... Ich musste nicht zu Riccardo ... Ich hatte eine Verabredung mit Nana. Aber mehr als ein nettes Gespräch war das auch nicht. Sie fing plötzlich damit an ...«, murmelte ich daher. Ob er es verstanden hatte?

»Natürlich. Und was hat Nana dazu zu sagen?« Takuto schaute Nana fragend an und zog seine linke Augenbraue hoch.

»Ich weiß nicht wovon er redet.« Nana schaute verlegen zur Seite und tat auf braves Mädchen.

»Wie bitte?«, schrie ich sie an und weitete meine Augen wütend. Ich drehte mich zu ihr um und hätte sie töten können.

»Du bist das Letzte, Nana!«, schrie ich weiter.

»Sorry, Ryan, aber im Moment steht alles gegen dich.«

Ich drehte mich wieder zu Takuto um.

»Danke, dass du die Situation für mich gedeutet hast«, zischte ich ihm zu. Nana war das Letzte und Takuto ebenfalls.

Ich hatte schon einen guten Grund, immer alleine gewesen zu sein.

»Ryan! Antworte!«, schrie Takuto und sein Blick verriet seine Ungeduld. Ich hatte die Frage gar nicht mitbekommen. Gleichgültig wie mir das war, ging ich an Takuto vorbei und rempelte ihn dabei an.

»Verschwinde!«, zischte ich wieder und vergrub meine Augen wieder unter mein Haar. Wütend wie ich war, stampfte ich aus der Cafeteria. Ich wurde immer schneller auf dem Gang, bis ich rannte. Doch mitten auf dem Gang fiel mir ein, dass Takuto nicht ruhen wird. Das hieß, wenn ich in mein Zimmer gehen würde, würde er so lange klopfen, bis ich aufmachen würde. Und da würde wieder alles von vorne Anfangen. Ich beschloss zu Riccardo zu gehen. Der hat eh immer genug Zeit.

Vor seiner Tür dachte ich noch mal an das Geschehen. Dann klopfte ich drei Mal. Die Tür öffnete sich und heraus schaute mich ein Mann an, der Mitte Dreißig war und dunkel braune Haare hatte.

»Oh, Ryan. Du besuchst mich in letzter Zeit öfters wie mir scheint.« Riccardo grinste mich an öffnete die Tür weiter, sodass ich rein kommen konnte.

»Darf ich dein Büro für heute mal meinen Unterschlupf nennen?«, fragte ich erschöpft und ließ mich auf einen Sessel fallen.

»Sicher, wenn du mir sagst, was passiert ist.«

Riccardo setzte sich auf den daneben stehenden Sessel. Als keine Antwort von mir kam, nahm er mein Kinn und schob es samt meinem Kopf etwas nach oben, sodass meine Mimik zu sehen war.

»Lass dich erst mal anschauen ... Mensch, was ist denn mit dir passiert?«

Meine Augenringe hingen diesmal bis zum Kinn, meine Haare waren zerzaust, meine Augen Blutrot und meine Gesichtsfarbe hätte sich an einer Perlweißen Wand tarnen können.

»Zu viel ...« Ich ließ mein Kinn auf seiner Hand liegen. Mir war zum kotzen, so schlecht ging’s mir. Ich schloss die Augen.

»Nicht einschlafen, Ryan!«, lachte Riccardo. Ich murrte kurz vor mich hin und ließ meinen Kopf von seiner Hand fallen. Mein Blick fiel ganz kurz zu Riccardos Uhr. Schon kurz nach halb zehn. Viel zu spät, dafür, dass ich die letzten zwei Tage kaum geschlafen hatte. Und es sah diesmal auch nicht nach mehr Schlaf aus.

Riccardo nahm mein Kinn erneut in seine Hand und führte es zu sich. Ich spürte seine Lippen. Ein Kuss von Riccardo? Früher hätte ich echt gekotzt, wenn mich ein Mann geküsst hätte.

Aber seitdem ich weiß, dass hier sowieso alle Schwul sind, hab ich mich dran gewöhnt. Und ich hatte das Gefühl, dass jeder was von mir wollte. Eigentlich schön für einen Typen zu wissen, dass alle auf einen stehen. Aber nicht, wenn dieses ‚Alle’ sich auf fast nur Männer bezieht und man selber ein Mann ist.

Riccardos Zunge spielte mit meiner. Er packte mich bei unserem Kuss an meiner Hüfte und zog mich auf seinen Schoß. Breitbeinig saß ich auf ihm und ließ alles über mich ergehen. Seine Hände gingen unter mein T-Shirt und streichelten mich sanft. Sein Kuss wurde immer energischer. Es schien ihm wohl sehr zu gefallen. Meine Hände baumelten nur runter und ich fühlte mich wie eine Willenlose Puppe. Er zog mir mein T-Shirt aus und schmiss es auf meinen Stuhl, auf dem ich vorher gesessen hatte.

Mussten es denn alle gleich mit mir treiben?

Er ließ von meinem Mund und knabberte an meiner rechten Brustwarze. Riccardo schien schon etwas mehr Erfahrung mit so was gemacht zu haben, als Takuto. Denn seine ganzen Bewegungen waren weniger Zart als Takuto’s. Er knabberte viel Härter und auch seine großen Hände um griffen mich stärker.

Als er so an meinen Brustwarzen zugange war, spürte ich seine andere Hand bei mir unten. Sie massierte ruhig. Trotzdem war der Griff etwas robuster als der, den ich gewohnt war. Es war nur eine Sache von ein paar Minuten, da saß ich schon nackt auf Riccardo, der ebenfalls nackt war. Er küsste mich leidenschaftlich und spielte mit meiner Zunge. Ich war noch immer wie Willenlos und noch immer saßen wir auf diesem Sessel. Ich immer noch auf seinem Schoß. Wir beide atmeten schon schwer und waren erregt. Als Riccardo meine Hüfte fest packte, hob er mich ein Stückchen hoch. Ich klammerte mich an seinen Oberarmen fest um nicht nach hinten zufallen.

Plötzlich spürte ich, wie er in mich eindrang, indem er einfach meine Hüfte losließ. Ich schrie kurz auf, doch mein Schrei wurde durch Riccardos Kuss unterbrochen. Wieder fasste er meine Hüfte und hob sie etwas an und ließ sie wieder runter. Diese Reibungen taten mir weh, doch Riccardo schien es sehr zu gefallen. Er stöhnte und atmete richtig schwer. Nach wenigen Sekunden bewegte ich meine Hüfte von alleine auf und ab. Riccardos eine Hand rieb heftig an meinem kleinen Freund. Als ich kurz vorm Kommen war, wurden meine Auf und Ab Bewegungen schneller und ich fing selber an zu stöhnen. Riccardo küsste mich. Kurz danach spürte ich das heiße und weiße Zeug an mir. Ich entspannte mich und war noch erschöpfter als vorher. Mir taten meine Beine weh von den vielen Auf und Ab Bewegungen. Langsam ließ ich mich auf Riccardo sinken. Er war immer noch in mir. Doch auf einmal drückte er mich auf die Beine und er stand ebenfalls auf.

»Jetzt nicht schlapp machen, Süßer«, flüsterte er mir ins Ohr und drückte mich mit dem Bauch auf seinen Schreibtisch. Ich hing mit dem Oberkörper auf seinem Schreibtisch, während er meine Hüfte wieder in seine Hände nahm. Ich musste kurz Aufschreien, als er wieder in mich eindrang und feste stieß. Ich krallte mich am anderen Ende des Schreibtisches fest, während er immer wieder in mich hinein stieß. Es tat so unglaublich weh. Er war so hart, ganz im Gegensatz zu Takuto. Der ging immer ganz Zärtlich mit mir um. Der Gedanke daran ließ mich schon wieder heulen. Mit Tränen in den Augen, stieß ich immer wieder gegen den Schreibtisch. Riccardo stieß immer weiter und massierte meinen Freund immer heftiger. Ich schien schon wieder zu kommen. Das merkte Riccardo und rieb schneller. Ich stöhnte und schrie gleichzeitig auf. Schon wieder, war der einzige Gedanke von mir in diesem Moment. Doch wenige Sekunden später spürte ich, wie die heiße Flüssigkeit in mich Hineinfloß. Erschöpft hing ich auf dem Schreibtisch und atmete heftig. Auch Riccardo schien erschöpft zu sein und ließ sich auf mir nieder. Er nahm ihn raus und packte mich an den Schultern und an den Beinen. Er hob mich hoch auf seine Arme und trug mich in sein Bett, welches in einem kleinen Nebenzimmer stand. Meine Arme baumelten wieder runter und ich starrte mit halbgeöffneten Augen Riccardo ins Gesicht. Er legte mich ins Bett und deckte mich zu, nachdem er das weiße Zeug weggewischt hatte.

»Bis morgen«, flüsterte er und küsste mich auf die Stirn. Dann ging er zur Tür. Er blieb kurz stehen und drehte sich noch einmal kurz um und grinste.

»Träum was schönes, von Takuto zum Beispiel.«

Danach ging er und machte die Tür zu. Ich drehte mich auf die Seite und kuschelte mich in die Decke hinein. Nackt lag ich nun in Riccardos Bett. Wir hatten es getan. So war das nicht geplant. Eigentlich war mein ganzes Leben nicht so geplant gewesen.

Erst wollte Takuto etwas von mir. Er schaffte es tatsächlich mit mir zu schlafen. Wir stritten uns und ich suchte Trost bei Nana. Währenddessen versöhnte ich mich wieder mit Takuto. Doch Nana ist damit noch nicht aus der Welt. Die hatte sich anscheinend in mich verliebt und versuchte nun mit allen Mitteln an mich heran zu kommen. Selbst wenn das bedeuten würde, mich und Takuto auseinander zu bringen. Der erwischte mich nämlich in einem beschissenen Moment. Wir stritten uns wieder und Nana befürwortete Takuto’s These auch noch. Ich flüchtete zu Riccardo, der meinen benebelten Zustand voll und ganz ausnutzte und es dann auch noch mit mir getrieben hat. Jetzt lag ich da und mir kamen schon wieder die Tränen. War ich denn nicht stark? Dachte ich das immer nur? Konnten mich solche Beziehungsschwierigkeiten echt so fertig machen?

 

Ich schlief irgendwann ein. Ich träumte bestimmt von Takuto, denn meine Tränen trockneten sehr schnell. Ich vermisste ihn so sehr. Alles an ihm. Er ist mir wirklich in der letzten Zeit echt ans Herz gewachsen ...

-Kapitel 6-

 

 

Am nächsten Morgen wachte ich dort auf, wo ich auch eingeschlafen war. Riccardos Zimmer war verdunkelt durch Rollos. Als ich mich aufrichtete, sah ich meine Sachen zusammengefaltet und ordentlich auf einem Stuhl neben dem Bett liegen. Langsam kroch ich aus dem Bett und zog mich erst einmal an. Ich blickte in den Spiegel und bereute es kurz darauf, da ich wie eine Leiche aussah.

Langsam schlürfte ich in Riccardos Büro. Er war nicht da. Dabei war es mittlerweile schon halb 9. Er müsste schon längst im Dienst sein. Aber vielleicht ist er gerade deswegen nicht da.

Ich öffnete leise die Tür, da der Gang auch nicht sehr belebt war. Niemand war zu sehen. Ich schloss die Tür und ging leise den Gang entlang.

Als ich an meinem Zimmer ankam, stand die Tür offen. Ich wunderte mich und öffnete sie noch einen Spalt um hineintreten zu können. Mein Zimmer war abgedunkelt. Ich konnte kaum etwas sehen. Verunsichert suchte ich den Lichtschalter. Als ich ihn fand, betätigte ich ihn und meine Augen weiteten sich auf einen Schlag.

»Takuto!«, schrie ich entsetzt.

Dort lag Takuto, mitten auf meinem Bett, alles voller Blut. Seine Augen waren aufgerissen und seine Arme baumelten blutüberströmt runter. Auf dem Boden lag eine Rasierklinge. Ich hob sie auf und starrte auf Takuto’s Handgelenk.

Hatte er wirklich ...?

»Takuto! Sag doch was!«, schrie ich erneut.

Ich hob Takuto’s Kopf etwas an und schüttelte ihn etwas. Sein regloser Körper schien auf meinen Armen zu zerfließen. Ich rüttelte weiter an seinem Körper. Immer wieder schrie ich seinen Namen. Sein starrer Blick war immer nur an einen Punkt gerichtet.

»Takuto ...«, quietschte ich leise, da ich anfing zu weinen. Er hatte wirklich ... Er hatte wirklich Selbstmord begangen. Auf meinem Bett. In meinem Zimmer. Aber nicht in meiner Gegenwart. Ich hatte ihn verloren.

Ich krallte mich an seinen Schultern fest. Ich zitterte so sehr. Mein Kopf glühte und meine Tränen tropften immer wieder auf sein blasses Gesicht. Mit meiner rechten Hand strich ich zart über seine Augen, um seinen starren Blick verschwinden zu lassen.

»Takuto ... Es tut mir so Leid ... Verzeih mir ...«

Ich nahm seinen Kopf in meine Hände und hielt ihn feste. Ich kniff meine Augen zusammen. Ich wünschte mir so sehr, es sei nur ein Traum. Ein dummer Traum aus dem ich erwachen wollte.

Doch mein ganzes Leben war wie ein Traum. Wie ein grausamer Traum, aus dem ich nicht erwachen konnte. Ein Alptraum ohne Ende.

Ich küsste ihn kurz auf seine Lippen. Danach vergrub ich meinen Kopf zwischen seiner Schulter und seinem Hals. Ich weinte unerbittlich und mein zittern hörte einfach nicht auf. Mein Schluchzen und mein Aufglucksen ließen meinen Oberkörper immer wieder auf und ab sinken. Ich kniete neben meinem Bett und lag halb auf Takuto. Noch immer regte sich nichts an ihm.

»Wach auf ...«, flüsterte ich. »Wach einfach auf. ...«

Nichts passierte. So eine Leere in meinem Raum. So eine Leere in meinem Kopf. Ich hatte ihn verloren. Und ich war Schuld. Alles war meine Schuld. Wäre ich doch gar nicht erst geboren worden. Dann wären alle glücklicher gewesen. Selbst ich.

Wäre ich nicht da gewesen, würde meine Mutter von Anfang an einen anderen Typen gehabt haben, oder wäre vielleicht sogar mit meinem Vater glücklich geworden. Wäre ich nicht gewesen, wäre niemand gestorben. Wäre ich nicht gewesen, würde Riccardo wen anders hier haben. Wäre ich nicht gewesen, wäre Nana jetzt mit jemandem viel Glücklicher. Und wäre, verdammt noch mal, ich nicht gewesen, wäre Takuto jetzt noch am leben!

Ich will aufwachen. Aufwachen aus diesem schrecklichen Traum, der nie zu enden scheint ...

Ich schaute Takuto noch einmal an. Mein Blick war verschwommen, dass ich ihn kaum erkennen konnte. Meine Augen taten mir schon weh.

»Warum?«, flüsterte ich wieder. Doch die Stille gab mir keine Antwort.

Wieder schluchzte ich los.

»Ich brauche dich! Wach auf! Du kannst mich nicht allein lassen!«

Ich schrie mit all meinen Kräften ...

 

»Ich liebe dich, Takuto!«

 

Mein Satz hallte noch nach. Doch die Stille gab mir wieder keine Antwort. Und Takuto auch nicht. Ich gluckste und schluchzte wieder und senkte meinen Kopf. Alles sollte endlich ein Ende haben.

Aber nicht so eins.

 

Plötzlich wurde das Licht aus und an gemacht. Ich drehte mich ruckartig um und starrte Riccardo an.

»Riccardo ... Ich ...«, stotterte ich. Ich wusste gar nicht wo ich anfangen sollte.

Riccardo lächelte mich an.

Ich verstand nicht ganz und sah ihn irritiert an.

Kurz darauf trat Nana in den Raum. Sie grinste ebenfalls und warf mir eine Flasche entgegen. Ich fing sie und las laut vor, was auf ihr stand.

»Rote Lebensmittelfarbe ...«

Mein Blick wanderte langsam zu Riccardo und Nana. Beide grinsten mich an.

»Na, komm schon! Der Plan war doch gut, oder?«, lachte plötzlich Riccardo los.

Ich sah beide verschwörerisch an.

Plötzlich spürte ich eine leichte Umarmung von hinten.

»Ach, mein Schatz! Ich glaube, das musst du erst einmal verkraften!«

Ich drehte mich ruckartig um und starrte in die giftgrünen Augen von Takuto. Der lachte mich an und hielt mich im Arm.

Mein Blick wanderte von Takuto zu Riccardo und Nana. Dann wieder zu Takuto. Ich war verwirrt und checkte in der Situation nichts. Doch als ich danach die Flasche ansah und danach Takuto’s Blut, machte es in meinem Gehirn ‚Klick’.

Ich schubste Takuto von mir und schrie:

»Ihr Schweine habt mich reingelegt!«

Ich schmiss die Flasche auf Riccardo und Nana und schaute Takuto danach böse an.

»Hey, hey! Beruhig dich ...! Das war doch nicht schlimm ...!«, versuchte mich Takuto zu beruhigen. Vergeblich.

»Nicht Schlimm? Ich hab gedacht du wärst tot! Weißt du, was das für ein Gefühl war?«

Ich wurde immer lauter und meine Stimme immer greller. Bei jedem meiner Worte schien Takuto zusammenzuzucken.

»Ryan, bitte beruhig dich!«, lachte Riccardo und hielt mich von hinten an meinen Armen fest, um Takuto nicht doch tot zu prügeln.

»Beruhigen? Bescheuert?«, schrie ich ihn an.

»Ryan, das war doch alles nur gespielt«, sagte Nana und stellte sich neben mich. Ungläubig sah ich sie an.

»Riccardo und ich wussten schon immer, dass Takuto etwas von dir wollte. Also haben wir beschlossen, dass es dir nicht schaden würde, dich auch mal zu verlieben«, grinste sie.

Riccardo fuhr fort:

»Also besprach ich mit Nana, dass ich einen Auftrag für euch machen würde und der für sie sein solle. Takuto wurde auch eingeweiht. Erst war er ja dagegen, aber als wir ihm erzählten, was alles dabei passieren könnte, willigte er ein.«

Nana lachte kurz auf.

»Also hat Takuto dich verführt. Du bist zu mir gekommen und ich hab gespielt, dass ich in dich wäre. Takuto hat einen auf Eifersüchtig gemacht. Wie süß das war, wie du verzweifelt versucht hast, ihn wieder für dich zu gewinnen. Und als du es sogar mit Riccardo getrieben hast ...«

»... da griffen wir zum letzten Mittel. Und wie wir sehen, hat es geklappt. Du hast endlich gesagt, dass du ihn liebst.«

Riccardo ließ mich los und beide fingen an zu lachen. Mein Mund öffnete sich etwas und das Entsetzen machte sich in meinem Gesicht breit. Alles nur gespielt ...

Mein Blick wanderte zu Takuto. Der kratzte sich verlegen am Nacken und senkte den Blick.

»Tut mir Leid, Ryan«, murmelte er. Ich schüttelte leicht meinen Kopf. Alles war nur gespielt. Von Anfang an! Alle haben mich angelogen!

»Dein ... Tut mir Leid ... kannst du dir sonst wo hin stecken!«, schrie ich Takuto an und schlug ihm ins Gesicht. Danach drehte ich mich um und schubste Nana gegen meinen Schreibtisch. Riccardo bekam meinen besten Fußtritt in seinen Schritt. Wütend auf alle riss ich meine Schublade von meinem Schrank auf. Ich kramte meine schwarze Tasche raus. Sie sah immer noch so aus wie damals. Ich packte alles Wichtige von meinem Schreibtisch in diese Tasche und rannte aus meinem Zimmer.

»Ryan!«

Ich hörte Takuto’s Stimme, doch ich wollte sie nie wieder hören. Sie haben mich alle reingelegt. Alle. Und da hatte ich mich doch glatt verliebt. In so jemanden.

Ich rannte aus dem Gebäude und danach in die Tiefgarage. Ich lief an der Stelle vorbei, wo er mich das erste Mal geküsst hatte. Ich schüttelte wieder leicht den Kopf und rannte weiter zu meinem Wagen. Ich stieg ein und startete den Motor.

»Wo willst du denn so eilig hin, Junge?«

Johnny stand neben meinem Auto und putzte grade einen Schraubenzieher mit einem Tuch, welches auch mal gewaschen hätte können.

»Weg!«, war meine kurze Antwort und ich fuhr los.

Ich sah wie Takuto auf der Straße stand und versuchte mich aufzuhalten. Erst dachte ich ans Bremsen, doch dann sammelte sich all mein Hass.

Kleine Tränen bildeten sich in meinen Augen und ich drückte mit voller Wucht auf das Gaspedal. Der Wagen summte kurz auf und fuhr dann mit knapp 100 km/h die Straße entlang direkt auf Takuto zu. Ich zögerte nicht. Und er anscheinend auch nicht. Was auch immer jetzt passieren würde, ich konnte nicht mehr bremsen. Takuto sah mich entschlossen an und fing auch an zu weinen. Er biss sich auf die Unterlippe und eine Träne kullerte von seiner Wange. Plötzlich wurde er von Riccardo zur Seite gerissen. Ich hatte die Augen zugekniffen. Ich schaute in den Rückspiegel und seufzte auf, als ich Takuto und Riccardo beide auf dem Gehweg sah. Lebend natürlich.

Trotzdem nahm ich meinen Fuß nicht vom Gaspedal. Ich wollte weg. So weit weg wie möglich. Ich fuhr auf die Autobahn und schaltete mein Handy aus. Niemand, wirklich niemand, sollte mehr mit mir in Verbindung treten können.

Während der Fahrt, wohin sie auch immer gehen sollte, überlegte ich über das Geschehnis. Ich fing mit dem Gedanken an, dass alle mich nur reingelegt haben. So wie damals meine Mutter. Sie hatte mich auch reingelegt. Sie war wie eine Mutter sein sollte, fürsorglich, lieb und verantwortungsbewusst. Doch am Ende schmiss sie mich aus dem Haus und nannte mich nicht mehr ihren Sohn.

Alle waren so nett zu mir. War nun auch alles vorbei? Die Sache mit Takuto?

Ich hielt diese Gewissenskonflikte nicht mehr aus, also schaltete ich das Radio ein. Die Musik ließ mich ein wenig vergessen. Ich summte leise mit und fuhr immer weiter und weiter. Irgendwann kam ein Schild der nächsten Stadt. Ich bog die Ausfahrt ein und war auch schon direkt im Kern der Stadt. Es war Nachmittag und die Leute liefen in Massen durch die Gegend. Alle hatten eine Einkauftüte bei sich, oder einen dicken Rucksack. Trotz der vielen Menschen und der lauten Umgebung, fand ich nur Leere in all diesen Menschen. Sie leben, um zu arbeiten. Leben, um ihren Alltagstrott nachzugehen und nichts anderes zu tun, als ihre kleinen Bedürfnisse des Lebens zu erfüllen. Traurig, aber wahr. Ich mache es nicht anders.

Ich bog langsam auf einen großen Parkplatz eines Supermarktes. Er war ziemlich voll. Es stand das Wochenende an. Jeder musste unbedingt noch etwas kaufen, bevor die Läden schlossen. Auch ich stieg aus meinem Auto und ging Richtung Supermarkteingang. Ich hatte Hunger, immerhin hatte ich noch nichts gegessen. Meine Laune hatte sich nicht wirklich verbessert. Missmutig ging ich die langen Gänge entlang, die gefüllt mit Menschen waren. Jedoch hatte ich das Gefühl ganz alleine in diesem großen Nichts zu sein. Ohne jegliche Seele. Ohne jegliche andere Seele.

Nachdem ich mir ein Fertiggericht gekauft hatte, setzte ich mich auf eine Mauer, die den Parkplatz des Supermarktes abgrenzte. Langsam schlürfte ich meine Nudeln runter und beobachtete die Leute. Alle hektisch und auf dem Weg irgendwohin. In diesem Falle zum Supermarkt.

Ich vermisste Takuto.

Wie kam ich denn darauf? Ich vermisste ihn? Anscheinend ja. Seine Nähe, seinen Körper, seine Zärtlichkeit. Ich hatte mich wirklich Hals über Kopf in diesen Chaoten verliebt. Und das in meinem Alter. Ich benehme mich wie 15.

Dieses Alter ließ mich stutzen. Damals, da war alles so anders. Die Welt, die Menschen, die Umgebung und vor allen Dingen die Einstellung zu Männern.

Ich stellte den Pappkarton mit den Nudeln zur Seite und kramte mein Handy aus meinen weiten Hosentaschen. Ich starrte es kurz an, beschloss dann es einzuschalten. Ein Piepton und mein Pin war alles. Kurz darauf folgte eine SMS. Sie war von Takuto. Ich zögerte kurz sie zu lesen, da ich Angst verspürte.

»Ryan, wo auch immer du bist, ich werde dich schon finden und dann werde ich mich so lange entschuldigen, bis du mir ein Küsschen gibst!«

Ich musste kurz kichern. Ganz leise und nur für mich hörbar. Typisch Takuto. Eine kleine Träne tropfte auf das Display meines Handys. Ich kicherte weiter und drückte die SMS weg. Ich löschte sie kurz darauf, so wie alle anderen SMS von ihm. Danach packte ich mein Handy weg und widmete mich wieder meinen Nudeln.

Gegen Abend fuhr ich mit meinem Wagen in eine Tiefgarage, in der das Parken über Nacht kostenlos war. Als ich unten den Motor ausschaltete, krabbelte ich nach hinten auf den Rücksitz und machte mein Cabriolet zu. Ich ließ mich auf den Rücksitz fallen und kramte unter dem Sitz eine Decke hervor. Die hatte ich immer dort, man kann ja nie wissen.

Ich kuschelte mich ein. Es war kalt und meine Gedanken schwirrten nur um dieses eine Geschehnis. Ich hatte geweint, weil ich dachte, Takuto sei tot. Es fühlte sich so schrecklich an.

Als ich kurz vorm Einschlafen war, hoffte ich innerlich, er würde mich finden. Er würde mich in der Tiefgarage in meinem Auto finden und zu mir unter die Decke kommen. Nur wir beide in einem Auto, eingekuschelt in eine Decke. Da würde mir sicher schnell warm werden, dachte ich. Doch Takuto kam nicht.

 

Am nächsten Morgen wachte ich verstrubbelt auf und alles tat mir weh. Ich vermisste nicht nur Takuto sondern auch mein weiches, kuscheliges Bett. Das klang zwar ziemlich Mädchenhaft, aber ich beschwerte mich ja nicht. Als Mann hält man so was aus. Trotzdem vermisste ich mein Bett ...

Ich packte meinen Autoschlüssel und fuhr aus der Tiefgarage raus. Es war helllichter Tag und die Sonne schien. Jedoch waren nicht so viele Menschen unterwegs, wie am vorherigen Tag. Es war Sonntag und die Geschäfte hatten geschlossen. Jetzt sah diese Stadt noch träger aus als vorher.

Ich wollte in die nächste Stadt fahren. Also fuhr ich auf die Autobahn und hörte wieder Radio. Zwischendurch kam wieder eine SMS von Takuto.

»Wo bist du? Etwa schon in deiner Welt? Lass mich auch dort hin, ich will mit dir gemeinsam leiden.«

Ein kleiner Lacher rutschte mir raus. Wie kam er darauf, dass ich leiden würde? Okay, ich litt, aber war das so vorhersehbar? Vorhersehbar? Für Takuto war das bei mir noch nie eine Schwierigkeit.

Diesmal löschte ich diese SMS nicht. Ich schmiss mein Handy einfach wieder zurück auf den Beifahrersitz.

Die Musik und das Autofahren waren befreiend. Ich fühlte mich um Einiges besser, als am vorherigen Tag. Blendend ging’s mir trotzdem nicht. Meine Gedanken kreisten immer noch um Takuto. Warum fahre ich nicht zurück zu ihm, wenn ich ihn so vermisse?

Weil dort alles so weiter gehen würde wie bisher.

Nach einer halben Stunde fahrt, stand ich im Stau. Ich war etwas angenervt, da das kostbare Zeit in Anspruch nahm. Während die restlichen Autos und ich zockelnd weiter fuhren, sah ich neben mir ein Pärchen rumknutschen. Ein Mann und eine Frau, ziemlich jung. Als ich die beiden so sah, kam ich mir vor wie ein alter Knacker, der gerade seinem Leben entflieht. Ich seufzte kurz auf und setzte meinen Blick wieder auf die Straße vor mir.

Einen Kuss von Takuto. Das wäre jetzt toll. Normalerweise saß er auch neben mir. Hätte ich jetzt Lust auf einen Bussi von ihm, würde er mir mit Vorliebe einen geben. Aber als mein Blick wieder neben mir hinglitt, saß dort kein Takuto. Nur mein Handy, welches Stumm im Sitz lag und den Bildschirmschoner anzeigte.

Ich war wirklich besessen nach Takuto. Das merkte ich, als mir endlich mal auffiel, wie sehr ich ihn mir wünschte. Warum hätte mir das nicht schon früher klar werden können? Dann säße ich nicht hier im Auto. Vielleicht schon, aber nicht alleine und traurig.

Ich fühlte mich wie ein Häufchen Elend, fliehend vor irgendeiner großen Ungewissheit. Mein Kopf fiel auf das Lenkrad. Die Autoschlange bewegte sich nicht. Ein kleines Moped quetschte sich durch die Lücken. Ich betrachtete es. Plötzlich hob ich meinen Kopf und riss meine Augen auf. Der Typ auf dem Moped sah aus wie Takuto.

Mein Blick normalisierte sich jedoch wieder, als ich sah, dass ich mich irrte. Traurig darüber legte ich meinen Kopf wieder zurück auf das Lenkrad.

Nach einer viertel Stunde ging es nun endlich weiter. So wie immer, war nach dem Stau nichts los. Da fragte ich mich jedes Mal, woran das jetzt gelegen hatte. Wahrscheinlich wieder irgend so eine Tussi wieder gepennt und alles aufgehalten. Wie gemein ich doch war, aber wenn ich so an Nanas Fahrkünste dachte ...

Unbewusst wurde ich wegen einer Umleitung zur Ausfahrt geführt. Ich fuhr durch viel Grün. Eine lange Landstraße und viele Felder. Hin und wieder kam ein Baum. Es sah so friedlich aus. Während ich dort so lang fuhr, wuchs mein Wunsch, hier zu bleiben, immer mehr. Nach wenigen Minuten kam ich in einen kleinen Ort. Hier war die Welt noch in Ordnung. Ein paar Kinder spielten am Straßenrand. Die Leute sahen alle nett aus. Von ganz Jung bis sehr Alt. Ich fuhr langsam eine kleine Straße entlang. Dieser Ort erinnerte mich an meine kleine eigene Welt. Ich wünschte mir immer eine idyllische, schöne und freundliche Heimat. Hier wäre sie. Aber ohne jemand anders, also ganz alleine, wäre das doch langweilig.

Natürlich fiel mir im ersten Moment nur eine Person in den Kopf. Doch die war wieder nicht hier, also konnte ich sie nicht fragen. Und jetzt, nach all dem, sie noch zu fragen fände ich etwas seltsam. Obwohl Takuto mir sicher verzeihen würde.

Ich hielt an einem Schotterweg. Hier war niemand, außer Feld. Der Nachmittag brach an und mein Hunger wurde größer. Ich griff nach hinten und holte eine Plastiktüte hervor. Ich hatte noch mehr Fertiggerichte gekauft. Doch das war sicherlich keine Lösung für längere Zeit. Ich stellte den Motor aus und machte das Radio leise an. Mein Verdeck war immer noch oben, ich hatte keine Lust es runter zu machen.

Als ich fertig war, entspannte ich mich auf dem Rücksitz und zog mir die Decke über. Mittlerweile wurde es schon wieder dunkel. Ich hatte das Gefühl, mein Leben zu verschwenden. So schnell verging die Zeit, und das einzige was ich tat, war Autofahren, Essen und Schlafen. Ich war mittlerweile schon fast 1300 km gefahren. Das war verdammt viel. Ich war bestimmt schon am Rande des Landes. Sollte ich ins Ausland? Aber wohin? Und Wer würde mich schon aufnehmen? Ich habe weder Studium noch Abi. Geschweige denn irgendeine Ausbildung. Ich könnte nicht arbeiten, außer irgendwo in irgendeinem Geschäft, wo nur menschlicher Verstand gefragt war. Da ich aber selbst den nicht hatte, wurden meine Probleme immer größer und häuften sich.

Während ich dort so lag, dachte ich an Takuto. Plötzlich vibrierte etwas in meiner Hosentasche. Ich holte mein Handy raus und starrte aufs Display. Wieder eine Nachricht von ihm.

»Ich vermisse dich. Du mich auch? Ich brauche dich so sehr, antworte doch wenigstens einmal. Ich will wissen, ob es dir gut geht. Wenn ich das nicht bald erfahre, werde ich verrückt. Und dann kann das passieren, was du gedacht hast, hätte ich getan. Ich liebe dich doch so.«

Ich riss meine Augen auf und meine Muskeln spannten sich an. Er wollte mich zwingen, dass ich mich melden sollte. Meinte er das ernst? Psychopathisch genug war er. Also nahm ich eine SMS in Angriff.

»Mir geht’s gut. Fühle mich wohl hier wo ich bin. Du wirst mich nie finden, denn ich bin schon längst im Ausland. Au Revoir

Es tat mir innerlich sehr weh, so etwas zu schreiben, da ich mir wirklich wünschte, er würde mich finden. Aber die anderen sollen nichts davon wissen. Ich will ihn ganz alleine, in einem kleinen Eckchen nur für mich haben. In einem kleinen Eckchen, wo wir uns Küssen und Berühren können, ohne das irgendwelche dummen Leute lachen oder uns verspotten. In einem kleinen dunklen Eckchen, wo wir ungestört Dinge tun können, die so sehr Spaß machen. Wo er mich berühren kann, wo ich es so sehr liebe und wo er mich leidenschaftlich vernaschen kann.

Meine Gedanken erschraken mich. Ich öffnete meine Augen ruckartig. Ich hatte gar nicht gemerkt, sie zu gemacht gehabt zu haben. Mein rechter Arm baumelte mit dem Handy in der Hand auf den Autoboden, während mein linker Arm auf meiner Brust ruhte. Erschreckend musste ich feststellen, dass es in meiner Hose etwas eng wurde.

»Das glaub ich jetzt nicht ...«, murmelte ich vor mich hin, während ich das Werk meines Körpers betrachtete.

»Takuto würde das jetzt voll und ganz ausnutzen«, murmelte ich weiter, als mein Kopf eine rosa Farbe annahm. Ich stellte mir vor, wie seine Hand zärtlich mich dort berühren würde, mich streicheln würde. Ich würde leicht aufstöhnen und seinen starken Körper an mich reißen. Wie schnell würden wir nackt sein und uns einander hingeben. Wie schnell würde ich ihn wieder in mir spüren. Wie schnell würde ich Spaß daran finden.

Im Unterbewusstsein spürte ich, wie meine Hand unter meine Hose rutschte. Vorsichtig streichelte ich die empfindliche Stelle. Meine Fantasien mit Takuto wurden in meinem Kopf immer wilder, während meine Hand mit ihren Streichelbewegungen immer schneller wurde. Ich stöhnte leise und mir wurde heiß. Immerhin lag ich in meinem Auto mit einer Decke auf mir, die noch mal schön warm hielt. Mein Rubbeln wurde stärker und mein Drang, mit Takuto hier und jetzt zu schlafen, war so groß, dass ich wirklich kam. Ich unterdrückte mir ein lautes Aufstöhnen, da ich nicht vergessen hatte, dass ich mich immer noch in meinem Auto befand. Ich hielt kurz inne und starrte geschockt auf meine mit dem weißen Zeug verklebte Hand. Zum Glück war nur meine Hand nass. Ich kramte aus meiner schwarzen Tasche ein Taschentuch und wischte das eklige Zeug weg. Mein Kopf wurde immer röter.

»Hoffentlich wird Takuto das nie erfahren ...«, flüsterte ich in die dunkle Atmosphäre.

Danach war ich sehr müde und kuschelte mich wieder in meine Decke ein. Dabei merkte ich gar nicht, dass Takuto mir nach meiner SMS auch noch eine Nachricht geschickt hatte. Doch ich war schon eingeschlafen.

Als ich aufwachte, tat mir alles weh. So wie letztes Mal auch schon. Ich wurde von der Vibration meines Handys geweckt. Ich suchte es und stellte dabei mein ganzes Auto auf den Kopf. Als ich es fand, waren aus einer SMS schon 3 geworden.

Die erste, von gestern Abend war:

»Wie kannst du so gemein sein? Ich brauche dich! Und du hast gesagt, du brauchst mich! War das etwa gelogen?«

Meine Antwort fügte ich in meinen Gedanken hinzu. Nein, ich habe dich nicht angelogen. Doch ich bin ein zu großes Arschloch um zuzugeben, dass ich dich brauche.

Die zweite SMS war von 3 Uhr morgens:

»Jetzt betrinke ich mich alleine in deinem Zimmer. Das willst du gar nicht wissen, stimmt es? Ich muss die ganze Zeit an dich denken. Ich vermisse dich so sehr. Du Arschloch.«

Ich nickte kurz und drückte sie dann weg. Ja, Arschloch fasste meinen jetzigen Umgang mit anderen Leuten gut zusammen.

Die dritte hatte er vor zwei Minuten geschrieben:

»Ich liebe dich. Ich liebe dich. Und ich liebe dich. Komm zu mir zurück. Ich finde dich wirklich nicht. Bist du jetzt glücklich? Und weißt du was? Ich sitze jetzt in einer Bruchbude, weil ich aus der Villa ausgezogen bin. Niemand würde uns ärgern. Bitte komm zurück!«

Ich seufzte und mein Blick trübte sich. Er brauchte mich. Warum weigerte ich mich dann zu ihm zu gehen? Weil ich wollte, dass er zu mir kommt.

»Komm zu mir. Ich warte auf dich in der Nacht zum Neumond an der Kappelle von XXX.«

Ich hoffe er verstand, was ich damit sagen wollte. Er solle kommen und auch hier bleiben. Mit mir. Und ich würde ihm verzeihen. Und ich würde ihn küssen. Und ich würde ihn überreden, dass wir es in meinem Auto treiben würden. Hach, was freute ich mich schon auf ihn. Nicht nur wegen der Autogeschichte, sondern grundsätzlich auf meinen Chaoten.

Ich wartete wirklich Stunden nur in meinem Auto und hörte Radio. Ich wartete darauf, dass es Nacht werden würde. Wann würde das wohl endlich sein?

Ich schlief währenddessen ein. Meine Gedanken kreisten um meine Vergangenheit, vor der ich weglief. Ich lief und lief, immer weiter in ein schwarzes Loch. Nichts war zu sehen, außer meiner Vergangenheit, die mich verfolgte. Doch plötzlich stand Takuto vor mir. Ich lief ihm in die Arme. Aber ich hatte selbst in seinen Armen Angst vor diesem Monster, welches mich verfolgte. Doch Takuto beruhigte mich und redete ruhig auf mich ein. Er küsste mich und versuchte mir mein Hemd auszuziehen. Doch ich wehrte mich, weil ich Angst hatte. Ich hatte Angst, dass ich Takuto in meine schreckliche Vergangenheit mit hinein ziehen könnte. Doch Takuto lachte mich danach nur aus. Er erklärte mir, dass ich ihn nur in meine Zukunft ziehen kann, aber nicht in meine Vergangenheit. Die Vergangenheit ist geschehen und wiederholt sich selten. Wie soll ich ihn also in etwas reinziehen, was schon gar nicht mehr existierte? Ich hielt inne und sobald ich die Situation realisierte, verschwand das Monster der Vergangenheit und meine Umgebung wurde weiß. Ich fühlte mich viel wohler. Ich hielt Takuto an meiner Hand. Er sah mich glücklich an. Ich lächelte ihm zu. Gemeinsam gingen wir einen langen Weg entlang. Ich wollte ihn nicht loslassen. Wir lachten viel und redeten die ganze Zeit. Manchmal, da stoppte er und gab mir ein Küsschen. Und manchmal, da schubste er mich in einen Graben, ganz Geheim. Dann kicherten wir leise und hatten unsern Spaß mit unseren Körpern. Ich liebte ihn. Er mich. Wir waren glücklich. Wie ein Traum ...

Etwas piepste neben mir. Mein vernebelter Blick wanderte auf meine Handyuhr. Es war 9 Uhr. Ich rieb mir die Augen und stellte den Alarm meines Handys aus.

»Es war ein Traum ...«, murmelte ich und stieg aus dem Auto. Mein Herz klopfte heftig. Ob er kommen würde? Seit meiner SMS hat der sich nicht mehr gemeldet.

Plötzlich sah ich jemanden mit einer großen Tasche den Feldweg entlang gehen. Ob er das war? Aber zu Fuß? So viele Kilometer? Das geht nicht!

Als die Person immer näher kam und sie kurz unter einer Laterne langging, erkannte ich sein Gesicht. Die wunderschönen grünen Augen, die langen Beine, die verwuschelten, nie gekämmten braunen Haare, seinen gut gebauten Körper und sein Lächeln, als er mich ansah. Ich öffnete meine Augen immer weiter. Ich ging auf ihn zu. Meine Schritte wurden immer schneller. Tränen liefen an meinem Gesicht herunter. Ich war so ein Weichei. Aber ich wollte in dem Moment eins sein, damit Takuto einen Grund hatte mich zu umarmen. Aber ich glaubte, er hatte immer einen. Ob es auch nur der sei, dass er mich liebte.

Ich rannte auf ihn zu und schrie seinen Namen.

»Takuto!«

Er ließ seine Tasche auf den Boden fallen. Ich sprang ihm in die Arme und drückte ihn feste an mich. Er hob mich ein wenig vom Boden ab und drückte mich auch feste.

»Ich bin so froh, Ryan. So froh, dich wieder zu umarmen«, flüsterte er mir sanft in mein Ohr und ließ mich vorsichtig auf den Boden gleiten. Meine Arme lagen noch um seinen Hals, als ich meinen Kopf vor seinen schob.

»Ich auch ...«, flüsterte ich und lächelte ihn glücklich an.

Sanft drückte Takuto mir seine Lippen auf meine. Wie lange war das her? Grade mal drei Tage. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Leidenschaftlich berührten sich unsere Zungen und keiner von uns beiden dachte auch nur ans Aufhören.

Trotzdem lösten wir uns nach unendlicher Zeit. Er nahm mich an die Hand und schnappte sich seine Tasche.

»Ich wusste ja gar nicht, dass du so romantisch sein kannst«, grinste er mich an.

»Wusste ich selber nicht«, gab ich knapp zurück und wendete meinen Blick von Takuto weg. Doch Takuto nahm sanft mein Kinn und führte es zu sich zurück. Er drückte mir einen leichten Kuss auf den Mund und lächelte mich an. Kurz darauf gingen wir Hand in Hand zu meinem Auto. Auf dem Weg dorthin, schwiegen wir uns an. Jedoch war das kein peinliches Schweigen. Es war das Schweigen, wobei keiner von uns beiden glauben konnte, dass wir wirklich zusammen waren.

»Du sag mal ... Wie bist du eigentlich hier hingekommen?«, fragte ich Takuto leise.

»Mit dem Zug. Mit dem Auto hätte ich ewig gebraucht. Und na ja ... Du kennst meine Fahrkünste ja«, lachte er kurz.

»Stimmt«, murmelte ich vor mich hin und erinnerte mich an die Chaotenfahrten, die ich des Öfteren mit Takuto durchlebt hatte.

Es war so schön mit ihm an der Seite zu gehen. Das Gefühl, dass er für immer an meiner Seite bleiben wird, machte mich so unglaublich glücklich.

»Ryan?«

»Ja?«

»Du hast mal gesagt, dass du mich nicht liebst. Stimmt das immer noch?«

Ich stutzte kurz. Hatte ich das wirklich mal gesagt? Kann schon sein, immerhin war ich der Meinung vor wenigen Tagen auch noch.

»Nein ... Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt ... «, lächelte ich ihn an. Er riss mich in seine Arme und murmelte ein ‚Danke’. Verstanden hatte ich es nicht, aber das war mir auch egal, Hauptsache Takuto war Glücklich und ich auch.

Als wir am Auto standen, schmiss Takuto seine Tasche in den Kofferraum. Er schaute mich etwas verwirrt an, als ich ihm sagte, er solle hinten einsteigen und er sah, dass ich es ihm gleich tat. Im Auto schließlich sagte ich ihm:

»Wir bleiben die eine Nacht am besten noch hier, da ich sehr müde bin und ich während der Autofahrt nicht einschlafen will«, log ich ihn an. Immerhin hatte ich vor unserem Treffen noch geschlafen.

»Ist in Ordnung.«

Danach schwiegen wir wieder. Aber diesmal war es das Schweigen der Ungewissheit. Ich konnte ihm nicht um den Hals fallen, das war nicht meine Art und Takuto wollte mir nicht um den Hals fallen, weil er Angst hatte wieder alles kaputt zu machen. Doch plötzlich spürte ich Takuto’s Hände auf meinem Körper. Er zog mich langsam zu sich und deckte mich mit der Decke zu. Ich kuschelte mich ganz dicht an ihn heran, dass ich seinen Herzschlag fast in meinem spüren hätte können. Ich erinnerte mich daran, dass ich mir das so sehr gewünscht hatte. Und jetzt, war es wahr geworden.

Zwischendurch küssten wir uns. Die Küsse wurden immer mehr und intensiver. Takuto’s Hände streichelten mich energisch am Rücken und ich spürte schon, dass Takuto mit seinen Gedanken ganz woanders war.

Ich umarmte seinen Hals und wollte ihn nicht mehr loslassen. Seine Hände rutschten unter mein T-Shirt und zogen es hoch. Kurz darauf zog er es mir aus und schmiss seines gleich hinterher. Wie schön das Gefühl war, seine nackte Haut auf meiner zu spüren. Wie seine Hände meinen Körper streichelten und meine seinen.

Nach wenigen Minuten stöhnte ich laut auf, da Takuto mit seinem Mund meine empfindliche Stelle intensiv behandelte. Immer wieder lutschte oder leckte er. Das Geräusch, das dabei entstand, ließ mich hin und wieder auflächeln. Wir sprachen nicht viel miteinander, da unsere Körper das für uns erledigten. Doch manchmal flüsterten wir uns Gegenseitig ein ‚Ich liebe dich’ ins Ohr, was zu mehr Lust führte.

Im Auto war es eng und eigentlich ziemlich unbequem. Trotzdem ließen wir uns nicht daran stören und konzentrierten uns ganz auf den anderen.

»Bereit?«, stöhnte Takuto aus seinen schnellen Atmungen heraus. Ich nickte ihm zu. Kurz darauf spürte ich, wie er in mich eindrang. Ein kleiner Schrei rutschte mir raus. Ich krallte meine Fingerkuppen in Takuto’s Schultern. Der stöhnte nur auf und verpasste immer wieder Stöße. Sie taten gar nicht mehr weh. Ich konnte es richtig genießen. Vielleicht war mein Körper vor Liebe nur schon so taub, dass ich wirklich nichts mehr großartig wahrnahm. Doch dass sich mein Traum erfüllte, mit Takuto wieder zu schlafen, nahm ich sehr wohl wahr. Zum Glück ... Und die Sache, dass ich ihn erst überreden müsste, damit wir es in meinem Auto treiben würden, konnte ich mir sparen. Er kam von ganz alleine drauf. Auch wenn es nicht das originellste war, es war definitiv das schönste Mal.

Erschöpft lagen wir noch aneinander gedrückt auf der Rückbank. Schwer atmend flüsterten wir uns manche Worte zu.

»Ich liebe dich ...«

»Ich dich auch ...«

»Bist du müde?«

»Ein bisschen ...«

»Ich auch ...«

»Dann schlafen wir jetzt ...«

»Okay, gute Nacht, mein Engel der Finsternis.«

Mich durchfuhr eine Welle der Gänsehaut, als er dies zu mir sagte. Ich musste grinsen.

»Gute Nacht, mein Engel der Hoffnung.«

Nach diesem Satz von mir drückte er mich noch ein wenig stärker an sich.

»Ich lass dich nie wieder los ...«

 

Kurz darauf schliefen wir ein. Ich träumte von uns beiden. Ich war glücklich und er auch. Nichts konnte dazwischen funken. Oder doch? Ich sah immer einen schwarzen Punkt in unserer weißen Wiese des Glücks. Eine perfekte Welt gibt es nicht. Auch nicht bei mir ...

-Kapitel 7-

 

 

Mein Körper nahm ein leichtes Rütteln wahr. Ich öffnete langsam meine Augen, da die Sonnenstrahlen brannten. Zum Glück war ich kein Vollblütler, sonst würde ich jetzt sterben. Vollblütler waren Vampire, die von ihrer Geburt an Vampire waren. Ich wurde erst mit 15 gebissen. Doch allzu lange dürfte ich mich auch nicht in der prallen Sonne aufhalten. So kann ich wenigstens immer meine blasse Haut erklären.

Nachdem ich meine Augen vollständig geöffnet hatte, sah ich, dass sich das Auto bewegte. Vor Schreck setzte ich mich auf und starrte aus dem Fenster. Es fuhr auf einer Landstraße entlang. Ich drehte ruckartig meinen Kopf zum Fahrer.

»Du bist ja endlich wach«, lächelte mich Takuto aus dem Rückspiegel aus an.

»Takuto … Warum fahren wir?«, fragte ich erschüttert über die Situation, dass wir fuhren.

»Weil ich das Auto fahre«, lachte Takuto und hielt an einem Seitenstreifen an. Er drehte sich zu mir um und gab mir einen Kuss.

»Wir fahren zurück zur Villa. Riccardo und die anderen machen sich schon Sorgen.«

Meine Augen weiteten sich.

»Nein! Ich will da nicht hin zurück!«, schrie ich Takuto an und krallte mich an der Decke fest.

»Hey, Ryan! Nicht ausrasten!«

Takuto hielt meine Schultern fest und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Wir müssen dort ja nicht bleiben. Aber wenigstens hinfahren und uns zeigen, dass wir noch leben. Okay?«

Ich schwieg und verkrampfte mich. Ich zog ein Gesicht wie ein 5 Jähriger Junge, der seinen Lolli nicht bekam. Böse sah ich Takuto an und wich immer mehr zurück. So weit, wie es das Auto mit seinen Rücksitzen bot.

»Ich will aber nicht.«

Takuto seufzte und ließ von mir. Er packte sich an seinen Kopf und schloss nachdenklich die Augen.

»Ryan … Bitte benimm dich nicht wie ein kleiner Junge. Du bist stolze 21 und solltest dich auch so benehmen.«

»Nö.«

Ich drehte meinen Kopf eingeschnappt zur Seite. Ich musste das Spiel nur lang genug durchziehen, dann würde Takuto schon noch schwach werden und aufgeben.

»Gut. Dann halt nicht.«

Wie? Schon gewonnen?

»Dann muss ich halt die harte Tour nehmen.« Takuto stellte den Motor aus und schnallte sich ab. Er kroch zu mir nach hinten riss mir die Decke weg. Trotzdem wir eigentlich nun ein Paar waren und wir uns schon oft nackt gesehen haben, war es mir doch peinlich, so entblößt vor Takuto zu sitzen. Nachdem er die Decke auf den Vordersitz geschmissen hatte, küsste er mich. Er drückte mich gegen die Autotür und streichelte mich am Oberkörper.

»Stopp! Takuto!«, schrie ich, während seine Küsse immer energischer wurden. Er knöpfte sein Hemd auf und drückte seinen Oberkörper an meinen. Wir rutschten zusammen immer weiter runter, bis er auf mir lag.

»Also Ryan … Fahren wir da jetzt hin oder nicht?«

Ich verstand schon, was er mir damit sagen wollte. Entweder wir fuhren zur Villa, oder wir trieben es noch mal. Ich überlegte. Anscheinend zu lange für Takutos Geschmack, da seine Hand schon zu meiner Empfindlichen Stelle glitt. Er rieb ein wenig.

»Okay, okay!«, schrie ich und riss seine Hand weg. »Wir fahren hin!«

Sofort ließ Takuto von mir ab und grinste mich an.

»Schade eigentlich. Hättest du dich noch weiter geweigert, hätte ich deinen Körper noch einmal für mich gehabt.«

Mit einem Blick aus Wut und Ekel, drückte ich ihn von mir. Kurz darauf kletterte Takuto zurück nach vorne und startete den Motor. Er schnallte sich an und fuhr los. Während der Fahrt kramte ich meine Sachen zusammen und zog mich krampfhaft im Auto um. Als wir an einer Ampel standen, kletterte ich zu Takuto nach vorne und setzte mich auf den Beifahrersitz. Schmollend verschränkte ich meine Arme und ließ mich etwas im Sitz sinken.

»Ryan, du bist wie ein Kleinkind«, kam es von meiner Seite.

»Halt die Klappe. Lieber ein Kleinkind, als Sexsüchtig.«

Ich sah, wie Takutos Blick sich weitete und er entsetzt mich ansah. Ich starrte weiter geradeaus auf die Fahrbahn.

»Das war gemein, Ryan. Das stimmt nicht.«

»Das stimmt. Wie oft haben wir es nun schon gemacht? In einer Woche?«, schrie ich ihn an und setzte einen empörten Blick auf.

»Mag ja sein, dass das ziemlich oft war. Aber du wolltest es ja auch!«, schrie er zurück und wechselte zwischen Straße und meinem Augenkontakt.

»Zwei Mal von fünf?«

»Das stimmt nicht!«

»Doch!«

»Nein!«

Das ging noch eine Weile so. Ich wusste nicht mehr genau, wie oft wir es nun getan haben und wie oft ich das wollte und wie oft nicht. Aber ich glaubte, auch Takuto wusste das nicht mehr so genau. Trotzdem wollte keiner von uns beiden Nachgeben.

Als wir an der Villa ankamen, wollte Takuto in die Tiefgarage fahren, doch die war zu. Feste Gitter versperrten den Weg.

»Seit wann haben die das runtergelassen?«, fragte ich Takuto.

»Äh …«

Takuto starrte das Gitter an und war selber entsetzt.

»Dann parken wir halt am Straßenrand. Geht ja auch«, meinte er daraufhin und fuhr zurück. Nachdem wir das Auto geparkt hatten, stiegen wir aus und gingen Richtung Tür. Es war eine große, massive Tür. Takuto versuchte sie aufzudrücken, jedoch bewegte sie sich keinen Millimeter.

»Was ist denn los?«, fragte Takuto.

»Die Tür wird dir keine Antwort geben«, meinte ich kühl und kramte aus meiner schwarzen Tasche, die ich um die Schulter hängen hatte, einen großen Schlüsselbund. Dort waren alle möglichen Schlüssel dran. Für den Keller, für mein Zimmer, für das Foyer, für die Küche, für den Tiefgaragenaufzug, für alle anderen Aufzüge und was weiß ich noch alles für Schlüssel. Ich hatte sie damals von Riccardo bekommen, damit wir nicht bei jedem Auftrag zu ihm kommen und ihn wegen der Schlüssel fragen müssten.

Ich kramte den Schlüssel für die Tür raus und versuchte ihn in das Schlüsselloch zu stecken, doch ich stieß auf einen Widerstand. Ich nahm den Schlüssel wieder aus dem kleinen Loch und sah rein. Aus dem Schlüsselloch floss Blut. Ich packte rein und zog etwas raus.

»Was ist das?«, fragte Takuto angeekelt, da es Blutverschmiert war.

»Sieht nach … sieht nach einem Finger aus …«, sagte ich und hielt ihn höher, sodass wir ihn begutachteten konnten.

»Mein Gott, wer macht denn so was?«

»Ich. Aber ich war ja nicht hier«, meinte ich kühl und ließ den Finger fallen. Nun kam ich wieder mit dem Schlüssel und schloss die Tür auf. Sie ließ sich schwer öffnen. Als Takuto und ich im Foyer standen, wussten wir auch warum. Überall lagen Leichen und vier versperrten die Tür.

»Das sind doch unsere Wächter …«, murmelte Takuto, der sich neben die Leichen kniete.

»Was hier wohl passiert ist …«, murmelte auch ich und ging weiter in das Foyer hinein. Überall auf den Stühlen und Tischen waren Blut und Leichen. Darunter sah ich bekannte Gesichter.

»Nana!«, rief ich und lief auf eine Leiche zu. Es war Nana. Und sie sah nicht mehr sehr lebendig aus. Ich kniete mich neben sie und hob leicht ihren Kopf. Ich untersuchte sie auf Wunden. Ihr ganzer Hals war zerschossen. Das Blut fing schon an zu trocknen. Vorsichtig ließ ich sie wieder sinken. Ich versuchte aufzustehen, stolperte aber über eine andere Leiche und fiel hin.

»Ryan? Alles klar?«, rief Takuto und kam zu mir angerannt.

»Ja, alles klar. Bin nur gestolpert.«

Takuto hielt mir seine Hand entgegen. Ich nahm sie an und er half mir auf. Ich sah mich um und entdeckte eine Leiche, die ich nicht kannte. Wieder kniete ich mich neben sie. Vorsichtig drehte ich den Kopf der Person hin und her. Es war ein Mann. Mit vielen Waffen am Gürtel und einer Schussweste am Oberkörper.

»Schau mal, Takuto! Das hier ist ein Mensch!«, sagte ich entsetzt und sah mich im Foyer um. Hier war nicht nur eine Menschenleiche.

»Scheint so, als ob die hier gekämpft haben«, meinte Takuto und sah sich ebenfalls um.

Auf einmal schrie Takuto auf und wurde nach hinten gerissen. Ich sprang auf und weitete meine Augen. Es war ein noch lebender Mensch. Er griff Takuto von hinten an und hielt ihm ein Messer an seine Kehle. Takuto versuchte sich zu wehren, doch eine falsche Bewegung hätte ihm das Leben gekostet.

»Gib mir …«, schrie der Mensch.

Ich sah ihn verwirrt an. Ich versuchte näher zu kommen.

»Bleib stehen!«, schrie er erneut und deutete darauf hin, dass wenn ich näher komme, er Takuto den Hals aufschlitzen würde.

»Okay …«, versicherte ich ihm.

»Gib mir…!«, wiederholte er.

»Was denn, du Idiot?«, schrie Takuto den Mann an und musste das mit einem kleinen Einschnitt in seinem Hals bezahlen.

»Gib mir … Amulett!«

Ich überlegte. Ich hatte kein Amulett. Und Takuto auch nicht. Eigentlich besaß keiner hier ein Amulett.

»Wir haben kein Amulett«, versuchte ich den aufgebrachten Menschen zu beschwichtigen.

»Gib mir das Amulett!«, schrie er wieder und ließ Takuto zu Boden fallen. Er kam auf mich zu gerannt und stach mit seinem Messer in meine Brust. Ich krümmte mich etwas, gab jedoch keinen Laut von mir. Der Mann wunderte sich und hielt inne, da ich nicht umfiel.

Langsam hob ich meinen Kopf und funkelte ihn mit Rubin roten Augen an. Ich holte weit aus und schlug dem Menschen mit meinen Krallen ins Gesicht. Sein Gesicht wurde zerfleischt und er fiel zu Boden. Reglos blieb er auch liegen. Das Blut floss aus seiner Wunde und aus seinem Mund. Doch er atmete noch. Ich griff nach meiner Desert Eagle und ging auf ihn zu. Mit meinem rechten Fuß trat ich auf seinen Brustkorb und schoss genau vier Mal in seinen Kopf. Als der Mensch auch nicht mehr atmete, nahm ich meinen Fuß von seiner Brust. Ich steckte meine Waffe wieder weg und griff nach dem Messer. Ich riss es mit voller Wucht aus mir raus. Das Blut floss meinen Arm hinunter und tropfte zu Boden. Ich starrte es an und atmete schwer.

»Ryan …«

Ich riss meine Augen auf und hob meinen Kopf. Ich starrte Takuto mit meinen Psycho-Augen an. Sie waren so Rot wie das Blut an meiner Brust. Meine Finger waren so dünn und knochig geworden, so wie alles andere an mir auch. Meine Fingernägel waren zu riesigen Krallen mutiert und das Blut bahnte sich seinen Weg durch die Rillen der Fingernägel.

»Ryan, was …«, stotterte Takuto und sah mich entsetzt an. Noch immer kauerte er auf dem Boden zwischen all den Leichen. Unsere Blicke ließen nicht voneinander ab. Ich hatte den Ausdruck des Tötens und Takuto den des Entsetzens.

Auf einmal hörte man Knarren hinter mir. Ich drehte mich abrupt um und lief direkt auf dieses Etwas zu, welches das Knarren verursacht hatte. Ich packte es am Hals und wollte ihm schon meine Krallen in den Hals jagen, als es schrie:

»Halt, Ryan! Ich bin’s doch!«

Ich hielt inne und sah mir mein Opfer genauer an.

»Riccardo …«, murmelte ich und ließ ihn sofort los. Ich spürte, wie ich mich beruhigte und mein Aussehen in den Normalzustand kam.

»Riccardo, was ist denn hier passiert?«, fragte Takuto, der sich neben ihn kniete und ihn stützte.

»Es ging alles so schnell …«, murmelte er.

»Ich saß in meinem Büro, als plötzlich hier aus dem Foyer alle anfingen zu schreien.«

Takuto und ich sahen uns kurz an, dann wanderten unsere Blicke zurück auf Riccardo. Er war am Bluten und seine Lebensspanne schien nicht mehr allzu lang zu sein.

»Wir sollten erst einmal Verbandszeug holen und dich verbinden. Sonst kratzt du uns hier noch ab«, meinte ich kühl und wollte schon aus dem Foyer zum Sanitätsraum gehen.

»Nein!«

Ich drehte mich um und blickte in Riccardos entschlossenen Augen. Ich drehte mich vollständig um und ging wieder zurück zu Takuto und Riccardo.

»Es hat keinen Sinn mehr …« Riccardo musste husten und spuckte eine gewaltige Menge Blut mit aus. Ich spürte, wie Takuto gerne eingegriffen hätte, doch er hielt sich streng zurück.

»Hört zu …«, begann Riccardo, »Diese Menschen haben unsere Villa entdeckt. Ich weiß nicht wie und warum, aber sie …«

Er stockte.

»Sie metzeln uns einem nach den anderen ab.« Sein Blick wurde trüb. »Nur ein kleiner Teil konnte fliehen. Doch sie werden nicht lange überleben, da die Nacht ihre Opfer sucht.«

Takuto konnte sich nicht mehr zurück halten:

»Aber was sollen wir denn tun? Wir wissen nicht, was das für Menschen sind und was sie wollen! Außerdem, selbst wenn wir es wüssten wir können nicht zu zweit eine ganze Organisation platt machen!«

Riccardos Zustand wurde immer schlechter. Er atmete schwer. Als Takuto zu Ende sprach, wurde Riccardos Blick traurig.

»Das weiß ich … doch auch … nicht wie ihr sie töten sollt …«

Auf einmal stockte Riccardos Atem und er krümmte sich. Er hustete schwer und das Blut floss an unseren Schuhen vorbei. Takuto und ich wollten ihn stützen, doch da fiel er schon zur Seite und bewegte sich nicht mehr. Geschockt über die Situation blieben Takuto und ich regungslos in der Position stehen, in der wir Riccardo stützen wollten. Unsere Blicke wollten sich nicht von ihm lösen, da unser Glaube es nicht zulassen wollte, dass er tot war.

Plötzlich, nachdem wir uns aufgerichtet hatten, fing Takuto an zu weinen. Er schluchzte etwas auf und wischte sich ein paar Tränen aus dem Gesicht.

»Hör auf zu heulen. Du bist kein Mädchen.«

Takuto schaute mich verstört an und seine Tränen rannen um die Wette. Auf einmal wurde er böse und keifte mich an.

»Und du bist kein Roboter!«

Verärgert wich ich ein kleines Stück von ihm weg und schaute zur Seite. Er hatte Recht. Und das war es, was mich ärgerte. Er hatte nämlich immer Recht. Ich ballte meine Fäuste und biss mir auf die Unterlippe.

»Takuto …«, schluchzte ich nun auch. Ich wunderte mich selber über das Geschehnis, dass ich wirklich weinte. Okay, ich hab oft geweint in letzter Zeit. Wegen Takuto, wegen mir selber und wegen irgendwelchen verzwickten Situationen.

Mir kullerten vereinzelt Tränen aus den Augen und ich krallte mich in Takutos Arme.

»Was sollen wir denn tun? Wenn wir noch die Einzigen sind, können wir das doch gar nicht schaffen!«

Die Verzweiflung machte sich in mir breit. Wenn wirklich alle sterben, sterben auch wir. Denn unter den geflohenen Vampiren schienen auch die Ältesten gewesen zu sein. Und wenn die Ältesten sterben, sterben alle von ihnen gebissenen.

Ich stockte.

»Takuto … Riccardo ist tot …«, flüsterte ich. Er sah mich verwirrt an.

»Ja … und?«, fragte er zögernd. Ich krallte mich immer noch an seinen Armen fest. Mein Blick senkte sich auf den Boden. Meine Gesichtsfarbe wurde noch bleicher, als sie eh schon war. Takuto gab einen Laut der Erleuchtung von sich.

»Warte mal … Wurdest du nicht von ihm gebissen?«

Verzweifelt nahm Takuto meinen Kopf in seine Hände und schob ihn nach oben, um mir in die Augen zu sehen.

»Ja …«

Ich stand den Tränen nahe. Ein Vollblütler starb erst, wenn seine ganze Blutlinie starb. Das war der kleine Nachteil an Vollblütlern. Nicht nur, dass sie sterben würden, wenn sie in die Sonne gehen würden, sondern auch, weil ihre Blutlinie meist nur aus den Eltern und eventuell noch aus Geschwistern bestand. So etwas konnte man leicht ausrotten. Aber das geschah trotzdem sehr selten, weil die Vollblütler ja nicht dumm waren. Sie passten sehr gut aufeinander auf. Und weil Vollblütler sowieso sehr selten waren, wurden sie auch von den Wachen beschützt und waren die Oberhäupter der Clans.

Jedoch starb ein Halbblütler recht schnell. So Todeshändler wie wir, waren nicht gerade angesehen und wurden schnell verbannt oder derartiges, wenn sie störten. Sie erledigten dreckige Aufgaben und mussten gehorchen, sonst wurde ihnen das Leben ausgehaucht. Ich konnte von Glück sagen, dass Riccardo mich sehr mochte und Takuto auch. Wir lebten als Todeshändler schon sehr angenehm. Nur die Oberhäupter waren befugt, andere zu beißen und sie zu Vampiren zu machen. Und das nicht vorher ohne die Absprache von allen Ratsmitgliedern. Starb dennoch ein Vollblut mal bei einem Kampf oder derartiges, starben alle, die er auch gebissen hatte. Das war oft ein sehr großer Verlust. Deswegen wurden sie noch mehr beschützt und zogen nur selten mit zu Kämpfen.

In dieser Situation wurden alle abgeschlachtet. Und wenn einer überlebte, dann starb er vermutlich trotzdem, weil sein ‚Vater’ auch starb. Für uns Todeshändler sind unsere Erschaffer die ‚Väter’.

Und mein ‚Vater’ war Riccardo. Und der lag tot neben mir. Es würde nicht lange dauern.

»Wie lange hast du denn noch?«, fragte mich Takuto energisch und total aus dem Konzept gebracht. Er zitterte, genauso sehr wie ich. Mir war so kalt auf einmal.

»Weiß nicht …«, brachte ich noch raus. Ich sah mir meine Hände an. Sie waren weiß und man sah meine Adern, die lila durch die Haut schauten. Ich sah wie mein Blut durch meine Adern floss und ich spürte wie es immer kälter wurde. Mein Atmen wurde schneller.

»Ryan! Halt durch!«, schrie Takuto verzweifelt und kniete mit mir nieder. Meine Sicht wurde unklar und ich vernahm nur noch weit entfernt Takutos Stimme. Sie schien immer leiser zu werden. Ich wollte noch nicht sterben … Nicht jetzt, wo ich mit Takuto glücklich war,  nicht jetzt.

Meine Sicht verschwamm nun endgültig und ich nahm nur noch Umrisse wahr. Ich schien zu liegen und Takuto schien über mir zu sein. Er schien etwas zu mir zu sagen, doch ich nahm keine Stimme wahr. Ich hörte nur, wie mein Blut pochte. Es pochte immer stärker. Ich sah wie Takuto in seinen Arm biss und sein Blut tröpfelte auf meinen Mund. Ich schmeckte sein Blut noch durch. Es war so süß. Es floss mir in den Rachen und ich musste etwas husten.

Ich musste lächeln. In der Situation? Ja, es war so lustig mit an zusehen, wie Takuto verzweifelt versucht, mich zu retten, obwohl ich mit einem Fuß schon im Jenseits stand.

Meine Sicht wurde so gräulich.

Ich hörte mein Pochen nicht mehr. Alles schien stehen zu bleiben. Mein Atem stockte. Alles in mir hörte auf. Meine Sicht wurde Schwarz. Das letzte was ich wahrnahm, war Takutos warmes, süßes Blut.

Alles schwarz …

Jetzt bin ich tot. Und alleine. Wie am Anfang. Keiner ist da, der mich in den Arm nimmt, weil ich weine. Ich bin verzweifelt. Takuto würde mich jetzt in den Arm nehmen. Takuto? Wer ist das? Ich kann mich nur noch an seinen Namen erinnern. War er einer von uns? Aber wer war uns? Ich war etwas Bestimmtes. Daran erinnere ich mich noch. Ich hatte immer so ein Verlangen. Aber was für eins, weiß ich nicht mehr. Meine Knie sind schon wund, weil ich die ganze Zeit drauf knie. Ich sehe etwas Flüssiges. Ich sehe meine Hände an. Sie sind weiß und bilden einen schönen Kontrast zum schwarzen Hintergrund. Ich bemerke mein schwarzes Haar. Es fällt mir vereinzelt ins Gesicht. Ich ließ meine Hände fallen. Das Flüssige färbte auf ihnen ab. Es war schwarz. Ist es das, was ich immer so wollte? Ist es Blut? Aber schwarz? Ich spüre, wie er sogar aus meinen Augen fließt. Es tropft wie Tränen. Ich tunke meinen Finger hinein und stecke ihn mir danach in den Mund. Es schmeckt eklig. Ich spucke es wieder aus und wische meinen Finger an meiner Hose ab. Hose? Was ist das? Das was ich anhabe? Aber ich habe nichts an. Ich bin nackt. Das ist meine pure Haut. Ich erinnere mich an eine Zeit, da habe ich meinen Körper gehasst. Aber jetzt fühle ich mich richtig wohl in meiner Haut. Es kommt wahrscheinlich daher, dass eine Person ihn so geliebt hat. Wer war das? Ich hatte vorhin seinen Namen genannt. Ich vermisse die Person. Sie war mir wichtig. Trotzdem ist sie nicht hier. Sie ist weit weg. Wo bin ich eigentlich? So dunkel. Ich kann nichts erkennen. Ich erinnere mich an diesen Vorfall. Ich hatte schon einmal alles schwarzgesehen. Ich erinnere mich. Ein Mann. Er hat mich gebissen. In den Hals. Und es tat weh. Danach hat er mich geküsst. Ich habe etwas geschmeckt. Aber es schmeckte anders, als das, was ich vorhin probiert hatte. Danach wurde ich Ohnmächtig und fand mich in einer Straße wieder. Ich war noch jung. Ich habe das Gefühl, ich bin es immer noch. Denn ich weiß nicht mehr und nicht weniger als früher. Wer bin ich? Was bin ich? Wo bin ich? Und wo gehöre ich hin? Hier hin? Hier in das schwarze Loch meiner eigenen Gefühle? In das schwarze Loch der Verzweiflung und meiner verunsicherten Identität? Die Fragen häufen sich so in meinem Kopf. Er tut ziemlich weh. Ich fasse mit meinen Händen in mein schwarzes Haar. Ich schaue auf den Boden und erkenne mein Spiegelbild. Ich habe ein Spiegelbild? Ich sehe mich, mit meinem schwarzen Blut aus den Augen tropfend und dem blassen Gesicht. Mein hellblonder Haaransatz wird sichtbar. Ich sehe schrecklich aus. Aber die eine Person, an die ich mich kaum erinnere, würde mich auch so lieben. Sie würde mich auch so in den Arm nehmen und trösten. Ich weine so sehr. Mein Herz tut weh. Ich brauche …

»Takuto …«

Ich flüstere seinen Namen in die Dunkelheit … Ich erinnere mich an ihn. Der Mann mit den braunen Haaren und den Giftgrünen Augen. Der Mann, der ein kleines Stückchen größer als ich ist. Der Mann, der mich liebt und dessen Blut noch in meinen Venen schlägt. Ich spüre seinen Herzschlag.

 

Auf einmal sah ich in seine Augen.

Schwer atmend starrte ich in seine giftgrünen Augen. Sein Gesicht war voller Blut. Insbesondere sein Mund. Er schien wen gebissen zu haben … Das darf er gar nicht.

»Ryan! Es hat wirklich geklappt! Du lebst!«, rief er und drückte mich feste an sich. Er weinte und zitterte stark. Ich realisierte die Situation nicht ganz. Ich konnte es nicht fassen, wieder in dem Raum zu sein, indem ich gestorben war. Und es schien nicht so, als ob es ein Traum wäre.

»Takuto … was …«, brachte ich raus. Immer noch sichtlich geschockt über das Ereignis.

»Ich habe dich gebissen!«, rief er lächelnd mir entgegen. Meine Augen weiteten sich etwas.

»Gebissen?«, wiederholte ich.

»Ja! Du warst kurz davor zu sterben! Ich wusste nicht, wie ich dir helfen sollte! Da erinnerte ich mich daran, dass du nur stirbst, wenn dein ‚Vater’ tot ist. Und wenn ich dich beißen würde, würdest du nicht sterben, weil …«

» … du dann mein ‚Vater’ sein würdest …«, führte ich fort und starrte ihn entsetzt an. Takuto nickte und wischte sich seine Tränen aus dem Gesicht. Mein Ausdruck blieb entsetzt und als Takuto das mitbekam, verschwand auch sein Lächeln aus dem Gesicht.

»Ryan … Was ist denn? Freust du dich nicht? Du lebst!«, fragte er mich besorgt, da sich mein Ausdruck von Entsetzt in Böse verwandelte.

»Freuen? Wie soll ich mich freuen, dass du dein eigenes Schicksal grade besiegelt hast?«, schrie ich ihn an.

An Takutos Mimik konnte ich feststellen, dass er nicht ganz verstand, was ich zu meinen versuchte.

»Du wirst gehängt! Oder verbrannt, oder was weiß ich! Aber wenn rauskommt, dass du unerlaubt mich gebissen hast, nur um mein Leben zu retten, werfen sie dich auf den Scheiterhaufen! Und mich wohlmöglich gleich mit! Hättest du mich in Ruhe sterben lassen … dann …«

Ich konnte nicht mehr. Meine Augen fingen an zu feuchten und eine Träne nach der anderen kullerte über mein Gesicht. Ich schluchzte auf und konnte nicht weiter sprechen, da sich in meinem Hals ein derartiger Klumpen angesetzt hat, dass ich es für unmöglich hielt meinen Satz zu beenden. Mein Kopf glühte und die Verzweiflung stieg in mir hoch. Ich nahm meine Hände und hielt sie vor mein Gesicht. Ich weinte unerbittlich in meine Hände.

»Nur wegen mir … sterben … wir … du …«, schluchzte ich aus meinen Händen heraus.

Plötzlich spürte ich seine Hände. Sie umschlossen mich sanft und er nahm mich in seinen Arm.

Da saßen wir nun. Keiner von uns beiden sprach ein Wort. Wir saßen in einem Leichenfeld, alles voller Blut und der Gestank von Leichen übertönte alles. Es war so still. Man hörte nur mich schluchzen und weinen. Ich wusste in dem Moment nicht ganz, warum ich weinte. Ich hatte keinen bestimmten Grund. Es war Takutos Entscheidung. Trotzdem hatte ich das Gefühl, wenn ich nicht gewesen wäre, dann wären alle glücklicher. Diesen Gedanken hatte ich, als ich Takuto ‚tot’ auf meinem Bett gefunden hatte. Der Gedanke kommt wahrscheinlich deswegen wieder, weil es auch dieses Mal um seinen Tod geht. Er wird sterben. Sicherlich. Und wenn er stirbt, sterbe ich auch. Ich habe immer nur in Geschichten gelesen, dass es möglich ist, seinen ‚Vater’ zu wechseln, jedoch hab ich es nie miterlebt, dass jemand so etwas getan hat. Und jetzt stecke ich mittendrin. Die Ältesten werden es herausfinden und Takuto auf den Scheiterhaufen binden. Dieser Moment flammte regelrecht schon in mir auf. Das war die Verzweiflung. Es ging mir nicht um mein Leben. Es ging mir nicht darum, dass er mich gerettet hat und es ging mir nicht darum, dass ich sterben werde, wenn er hingerichtet wird. Es ging mir darum, dass er hingerichtet wird.

Ich fühlte mich so, wie in meinem schwarzen Loch. Und ich sehe nur noch schwärzere Löcher um mich herum. Und das Schicksal hat mir freigegeben, dass ich mir eins aussuchen darf, in welches ich hineinspringen kann. Denn egal was ich tun würde, es würde auf den Tod von Takuto zurück fallen. Wir könnten fliehen, doch die Räte würden uns sicher schnell finden. Takuto stirbt. Wir suchen die anderen Vampire, wir finden sie und es kommt alles raus. Takuto stirbt. Wir versuchen die Oberhäupter zu beschwichtigen, funktioniert aber nicht. Takuto stirbt. Wir bleiben hier und ruhen uns aus, die Menschen finden uns und töten uns. Takuto stirbt. Wir töten die anderen Ratsmitglieder und lassen nur Todeshändler leben. Takuto stirbt. Sein ‚Vater’ würde sterben.

Egal was wir tun würden. Takuto wird sterben.

Was für ein Idiot.

 

Ich schlief mit der Zeit in seinen Armen ein. Meine Tränen trockneten sich nicht. Ich hatte das Gefühl im Schlaf weiter zu weinen.

Als ich erwachte, fand ich mich in meinem Bett wieder. Ich öffnete langsam meine Augen und sah mich um. Die Rollladen waren unten, sodass ich nicht sehen konnte, wie lange ich geschlafen hatte. Alles war unordentlich und deutete auf eine Schlacht hin.

Neben mir lag Takuto. Er schlief noch. Mit traurigem Blick streichelte ich seine Wange.

Die Erinnerungen kamen zurück. Wie Takuto und ich das erste Mal hier miteinander geschlafen haben. Ich war böse auf ihn. Er zwang mich mit ihm zu schlafen. Danach hatten wir unseren Spaß bei einem Blutbad. Das gefiel mir. Am nächsten Tag haben wir zusammen geduscht und er zwang mich wieder mit ihm zu schlafen. Das war hart an dem Tag. Wir hatten damals den Auftrag vermasselt und mussten deswegen Aufgaben erledigen, die uns Riccardo gegeben hatte. Ich sah alles noch vor mir, als ob ich es noch einmal wieder durchlebte. Takuto und ich hatten danach erst einmal einen Streit. Der hielt aber nicht lange. Danach waren wir in seinem Zimmer und ich habe das erste Mal mit ihm geschlafen, weil ich es wollte. Es war angenehm und schön. Danach musste ich Sachen gerade biegen. Es gelang mir nicht und Takuto war sehr wütend auf mich. Ich zischte ihm ‚Verschwinde!’ ins Ohr, worauf er sich den Gnadenstoß gegeben hat. Bevor ich das wusste, habe ich mit Riccardo geschlafen. Aus lauter Verzweiflung. Als ich Takuto dort so tot sah, brach ich in Tränen aus und ich dachte, die Welt würde untergehen. Das Gefühl war scheußlich und ich hätte mir am liebsten auch die Pulsadern aufgeschnitten. Zum Glück kam aber raus, dass alles nur ein Scherz war und dass Takuto, Riccardo und Nana alles nur geplant hatten. Ich rastete aus, lief weg und merkte, wie es sich anfühlte, alleine zu sein und wirklich niemanden zu haben. Ich dachte immer ich wäre allein. Aber da war immer jemand, sei es Takuto, Riccardo oder sonst wer gewesen. Es war jemand da. Takuto schrieb mir immer Nachrichten aufs Handy. Ich antwortete aus Sehnsucht nach ihm und er kam. Wieder schliefen wir miteinander, im Auto sogar. Am nächsten Tag fuhren wir hier hin. Und nun …

Ist alles zerstört. Keine Erinnerung ist mehr übrig geblieben. Alles liegt in Schutt und Asche. Hier, wo die Erinnerungen ihren Ursprung hatten, kann niemand mehr wohnen. Es dauert wohl nicht sehr lange, da werden diese schrecklichen Menschen merken, dass noch welche überlebten. Und sie werden uns finden und töten. Außer wir verbünden uns mit den anderen, doch da steht der Tod auch nicht außer Frage, weil Takuto etwas Verbotenes getan hat. Er hat mich gerettet und hat mich gebissen. Fatal dieser Fehler. Was man alles aus Liebe tut.

Ich sah ihn an. Wie er friedlich schlief. Liebe …

Ich beugte mich über ihn und drückte ihm meine Zähne in den Hals. Ich trank sein Blut und übertrug meine Viren auf ihn. Er wurde wach. Er sagt jedoch  nichts, sondern drückte nur meinen Kopf mit seiner rechten Hand noch weiter in seinen Hals. So ging das Minuten, bis ich losließ. Ich küsste ihn auf den Mund. Das Blut tropfte über Takutos Kinn auf das Laken. Er nahm meinen Kopf in seine Hände und sah mich nach unserem Kuss glücklich an. Trotzdem war der traurige Blick in seinen Augen nicht zu übersehen. Ich zwang mich ebenfalls zu einem Lächeln. Jedoch gelang mir dies nicht so gut wie Takuto. Ich liebte einen Mann. Die Vorstellung allein macht krank. Aber ich liebe diese Vorstellung, weil sie von Takuto handelt. Und Takuto ist in letzter Zeit mein Leben. Wenn er stirbt, sterbe ich auch. Sterbe ich, stirbt auch er. So war das jetzt. Egal was passieren würde, wir würden nie wieder getrennt werden. Niemand konnte die Blutlinie auseinander bringen.

Wir verharrten noch Stunden in unserer Umarmung.

Wie melancholisch ich in letzter Zeit geworden war. Aber die Situation riss an mir. Ich will schreien. Schreien, weil ich alles überhören will. Ich will keine Vorschriften haben. Ich will leben wie ich will. Ich will niemandem gehorchen! Ich will anderen sagen, was ich denke, ohne dabei getötet zu werden! Ich will weg von hier!

Ich will mein Leben zurück!!

 

Ich riss meine Augen auf und starrte an Takuto vorbei. Mein Herz raste. So wie meine Gedanken. Das einzige, an das ich dachte, war töten. Alles töten, was nicht für mich stand. Alles nieder hauen, was sich mir in den Weg stellte.

Ich befreite mich von Takutos Umarmung. Er verstand meine Reaktion am Anfang nicht ganz, doch als er meine Augen sah, wusste er was los war.

Meine Fingernägel wurden spitz und mein Körper wurde wieder spargeldünn. Meine Augen färbten sich rot und meine Zähne wuchsen. Das passierte immer, wenn ich die Kontrolle über mich verlor.

»Ryan! Was ist denn los?«, fragte Takuto aufgeregt und sprang aus dem Bett. Er sah mich fragend an. Ich starrte zur Tür.

»Sie sind da.«

Takuto hielt den Atem an. Nun starrte auch er zur Tür. Gespannt sahen wir zur jeweiligen Stelle. Ich spannte meine Muskeln an und ließ meine Knochen in meinen Fingern knacken. Takuto griff instinktiv hinter seinen Rücken. Dort hatte er immer einen kleinen Dolch.

Mit einem Mal sprang die Tür auf und herein kamen vier oder fünf Männer. Sie feuerten mit Schnellschusswaffen viele Patronen auf uns ab. Takuto und ich sprangen zur Seite und versteckten uns hinter Schreibtisch und Schrank. Als sie das Feuer einstellten, sprang ich hinter dem Schreibtisch hervor und fiel einen Mann an. Blitzschnell schlug ich ihn nieder. Während die anderen noch mit der Situationsrealisierung beschäftigt waren, sprang auch Takuto hinter dem Schrank hervor und stach einen anderen Mann nieder. Und sofort fingen einige wieder an zu schießen. Ich bekam einige Kugeln ab, jedoch hielt mich das nicht auf. Ich entriss dem einen Mann sein Schnellschussgewehr und durchbohrte ihn damit. Er fiel nieder und sofort schoss ein anderer auf mich. Diesem riss ich den Kopf ab. Das Blut spritzte über all hin. Selbst in mein Gesicht. Takuto veranstaltete aber auch nicht weniger ein Blutbad, weil er alle bedrohlichen Personen mit seinem Dolch abschlachtete.

Nach wenigen Minuten stand kein einziger Mann mehr. Doch hörten wir andere Stimmen weiter entfernt.

»Komm!«, befahl ich Takuto. Er nickte und wir liefen los. Auf dem Weg kamen uns weitere in den Weg. Während ich ihnen die Gedärme ausriss, hackte Takuto ihnen den Kopf ab. Ich bewunderte, wie stark sich Takuto beherrschen konnte. Er verwandelte sich nicht. Dabei tat ich dies schon bei der kleinsten Blutberührung oder wegen meines Instinktes. Aber darauf konnte ich ihm später noch ein Loblied drauf singen. Im Foyer angekommen, wurden wir wieder mit Patronen bombardiert. Geschickt wichen wir ihnen aus. Trotzdem wurden wir hin und wieder getroffen. Das Gemetzel fing wieder von neu an. Irgendwo machte es mir Spaß. Das Blut floss regelrecht über die Leichen entlang. Über die entstehenden und den schon vorhandenen Leichen.

Nach wenigen Minuten wurde es still um uns. Takuto und ich atmeten schwer. Wir sahen uns kurz an und nickten uns zu. Wir rannten nach draußen.

Kaum hatten wir die Tür geöffnet und traten heraus, wurden auf uns über 100 Waffen gerichtet. Alle bereit zu schießen.

»Scheiße, was machen wir jetzt?«, flüsterte Takuto mir zu.

»Bei drei springen wir, klar?«, flüsterte ich zurück und beobachtete dabei unsere Gegner. Sie wussten genau, dass wir gleich springen würden und richteten ihre Waffen schon Etwas weiter über uns.

»Okay!«

»1 …«

Alle luden ihre Waffen.

»2 …«

Ich ergriff Takuto’s Handgelenk.

»3!«, rief ich. Takuto wollte schon springen, doch ich riss ihn runter und rannte schnell in ein Gebüsch. Ich hörte nur, wie alle schossen. Die Patronen trafen auf die Wand und prallten ab. Man hörte, wie sie brüllten und wie alle anfingen zu laufen. Sie suchten uns. Ich lief so schnell, dass keiner bemerkte wohin. Ich beobachtete sie aus weiter Entfernung. Ich saß breitbeinig hinter einem Baum, die Beine angewinkelt. Zwischen ihnen saß Takuto. Ich hielt ihm den Mund zu und drückte ihn an mich. Wir beide waren außer Atem und versuchten möglichst leise zu sein.

Als es still um uns wurde, ließ ich seinen Mund los. Ich entspannte mich und verwandelte mich in meinen Normalzustand. Ich schloss meine Augen und seufzte. Takuto drehte sich zu mir um.

»Schlau von dir gewesen, Ryan«, lobte er mich und lächelte.

»Ja, ja …«, murmelte ich nur und hob meine Arme. Ich legte sie auf Takutos Schultern und ließ mich in seine Arme fallen. Ich war geschafft. Wir waren voller Blut und waren verschwitzt. Wir rochen nicht grade gut. Insbesondere wegen des Leichengestanks.

»Wir sollten gehen …«, meinte Takuto auf einmal.

»Warum?«, murmelte ich in seine Schulter herein.

»Die Polizei wird bestimmt bald aufmerksam. Wir sollten gehen, bevor die uns entdecken.«

Klang gar nicht mal so dumm.

Sofort machten Takuto und ich uns auf den Weg. Wir nahmen uns an die Hand und liefen weiter. So schnell wir konnten. Hin und wieder dachte ich daran, dass wir so lange laufen sollten, bis wir die Unendlichkeit erreicht hätten. Aber die Unendlichkeit existiert nicht. Sie ist irreal. Schade aber auch.

Nach wenigen Minuten waren wir schon aus dem Ort. Wir mussten wirklich aufpassen, da überall kleine Lastwagen standen. Ich beobachtete, während Takuto und ich eine kurze Pause einlegten und verschnauften, wie einer dieser Menschen eine Familie aus ihrem Haus zerrte. Die Frau schrie und wollte ihr Kind nicht aus den Armen lassen. Das Kind war schätzungsweise 6 Jahre alt. Doch der Mensch entriss der Frau das Kind und schmiss es mit Gewalt in den Wagen. Es schrie entsetzlich.

»Fürchterlich, nicht wahr?«, hörte ich Takuto hinter mir sagen. Ich drehte mich langsam um und sah in Takuto’s trauriges Gesicht.

»Ja …«, murmelte ich und wendete mich wieder dem Schauspiel zu. Inzwischen wurde auch die Mutter in einen anderen Wagen eingesperrt.

»Ich frage mich wirklich, warum die das machen …«, nuschelte ich für mich hin.

»Anscheinend geht es sich nicht nur um uns. Sondern auch um die normalen Menschen«, beantwortete Takuto meine Frage und griff wieder nach meiner Hand.

»Komm, wir sollten weiter.«

Ich nickte und schon liefen wir wieder. Alles war so seltsam. Die Polizei griff auch gar nicht ein. Als ich genauer auf die Wagen schaute, musste ich anhalten. Ich starrte entsetzt auf einer der kleineren Wagen.

»Was ist?«, fragte Takuto etwas verwirrt.

»Die Wagen … Das sind Polizeiwagen!«

Mein Ausdruck verlieh dem Satz einen Touch des Entsetzens. Da war das überhaupt keine Organisation, sondern die Polizei persönlich!

 

»Na super! Als ob wir zwei Super-Vamps mal eben die staatliche Polizei zum stillstand bringen würden!«, rief Takuto sarkastisch in eine kleine Gasse und überschlug seine Hände über den Kopf. Ich betrachtete kurz Takuto, dann fiel mein Blick zurück zu den Wagen. Der Gedanke, dass der eine Mensch von vorhin ein Amulett wollte, ließ mir keine Ruhe …

-Kapitel 8-

 

 

Es wurde langsam wieder dunkel. Die Zeit schien nur so vorüber zu gehen. Die Sache wurde ernst. Wir hatten wirklich die staatliche Polizei an unseren Fersen, die wirklich im allen Ernst versuchte uns auszurotten. Ein Polizist demnach forderte vor kurzem ein Amulett von uns. Weder Takuto noch ich hatten eine Idee, welches Amulett der Mensch meinen könnte. Außerdem  wäre da noch die Sache, dass komischerweise alle Menschen aus ihren Häusern gezerrt und in Streifenwagen gepackt wurden. Wenige von unserer Rasse waren auch noch auf der Flucht. Takuto und ich waren nicht mehr auf die anderen angewiesen, jedoch wäre es undenkbar gewesen, sich von unserer Rasse zu trennen. Auch wenn wir uns liebten und unzertrennlich waren, für die Zukunft unserer Art waren wir nicht zuständig.

 

Takuto und ich saßen zusammengekauert in einer kleinen Scheune. Sie war sehr verwüstet und einzelne Teile vom Dach lagen auf dem Boden. Es schien, als würde hier keiner mehr nach uns suchen.

»Warum bleiben wir nicht hier …?«, frage Takuto der mir gegenüber saß und auf den Boden starrte.

»Du weißt, dass das nicht geht.«

»Weiß ich das?«

»Du musst …«

Ich schaute nach rechts zur Tür. Sie war halb herausgetrennt. Eine Mistgabel war in ihr aufgespießt. Überall lag Stroh.

»Erklär mir warum, Ryan!«, forderte Takuto mich zum Reden auf und sah mich entschlossen an. Ich schaute nur müde zurück.

»Warum kannst du nicht selber nachdenken?«, fragte ich ermüdend.

»Weil du dafür zuständig bist, oder etwa nicht?«

»Du wolltest mich immer vom Gegenteil überzeugen …«

»Gegenteil?«

»Ja, dass du nicht der Dummkeks bist, für den ich dich immer gehalten habe.«

Takuto stutzte kurz. Dann sah er wieder zum Boden. Ich streckte meine Beine aus und berührte dabei die Füße von Takuto. Er sah zu mir herüber.

»Wir können nicht hier bleiben, weil wir eine Rasse zu verteidigen haben. Wir können es nicht verantworten, dass unsere Art ausstirbt. Wir sind nicht Adam und Eva. Wir sind Adam und Adam …«, murmelte ich und kuschelte mich dabei ins Stroh.

»Es gibt Adam zweimal? Wir sind doch keine Klone!«

Ich hielt in meiner Bewegung inne und sah Takuto etwas ungläubig über das was er gesagt hatte an. Nach wenigen Sekunden des Verharrens, wühlte ich im Stroh weiter.

»Du weißt was ich meine …« Nach diesem Satz schmiss ich mich auf die Seite und musste feststellen, dass es doch nicht so bequem war, wie in vielen Filmen immer gezeigt wurde. Takuto blieb still in der Position sitzen, wie er sich zu Anfang hingesetzt hatte. Er umklammerte seine Beine, die er eng an seinen Körper angewinkelt hatte. Dabei starrte er zum Boden.

Ich war schon kurz davor einzuschlafen, da hörte ich ein kleines Murren.

»Ryan …?«

Ich horchte kurz auf und murrte ein unverständliches ‚ja?’ zurück.

»Was machen wir denn jetzt?«

Takuto klang leicht verzweifelt. Es war eigentlich nicht meine Art, in einer organisatorischen Situation abzublocken, aber ich war mehr als müde und erschöpft.

»Erzähl ich dir morgen …«

Damit war die Sache für mich erledigt. Für Takuto noch lang nicht.

»Warum morgen erst? Was ist wenn wir dafür keine Zeit haben?«, fragte Takuto energisch.

»Dann folgst du mir einfach …«, nuschelte ich und kramte mein Stroh unter mir zusammen.

Mit der Antwort gab sich Takuto nicht zufrieden. Er krabbelte zu mir herüber und setzte sich auf seine Beine hinter mich. Er beugte sich leicht über mich.

»Gib es zu, du hast überhaupt noch keinen Plan, wie wir das Regeln, stimmt’s?«

Ich grummelte mir was zusammen und vergrub meinen Kopf in meinem Arm.

»Hey! Ich rede mit dir!«, schrie Takuto mir ins Ohr.

»Nein, ist ja schön …«, murmelte ich, sichtlich genervt von seinen Kapriolen, die mich dazu bringen sollten, ihm meinen noch nicht vorhandenen Plan zu erzählen.

»Ryan …«, nörgelte er weiter. Er legte sich mit voller Wucht auf meine linke Seite.

»Au!«, rief ich und drehte mich ruckartig auf den Rücken. Takuto lag auf meinem Bauch, lang gestreckt.

Ich seufzte laut auf und ließ mich wieder in mein Stroh fallen. Ich legte meine Hände einfach auf Takuto drauf. Ich spürte noch, wie er es sich auf mir gemütlich machte und dann einschlief.

Als ich mich kurz aufrichtete um zu sehen, ob er auch wirklich schlief, war ich etwas enttäuscht. Ich dachte, er würde wieder abdrehen. Er würde sauer auf mich werden, weil ich nicht mit ihm reden will. Ich dachte, er würde mich ergreifen und mich gegen meinen Willen küssen. Mir unter mein T-Shirt fassen und meine Brustwarzen drehen. Mich wild ausziehen und sich auch. Mir es besorgen. Ja, richtig. Mir einen runterholen. In letzter Zeit war ich pervers geworden. Aber richtig. Ich hatte immer mehr Lust auf ihn. Jetzt konnte ich ihn verstehen, warum er damals immer mit mir schlafen wollte. Wenn man einmal das Glück hatte, es zu genießen, will man immer wieder. Jedoch konnte ich weniger verstehen, warum Takuto jetzt nichts unternahm. Ich dachte, er würde meinen Freund massieren und in mich eindringen. So lange stoßen und reiben, bis er seinen Höhepunkt hatte. Und so laut stöhnen, dass wir es vor Erregung noch einmal getan hätten.

Ich musste Seufzen. Er stand wie eine eins. Perfekt, dachte ich nur. Takuto lag auch noch genau drauf. Hoffentlich wird er jetzt nicht wach …

»Huch … Ryan?«, murmelte es von meiner Brust aus. Geschockt sah ich ihn Takuto’s giftgrünen Augen. Mir schoss das Blut nur so in den Kopf. Aber als Takuto die Stelle abtastete, floss es wieder woanders hin.

»Was ist das? Dein Handy?«, fragte Takuto und tastete die Stelle ab.

»Na klar …«, murmelte ich. Es war das einzige was ich raus bekam. Ich kniff ein Auge zu. Er tastete nicht nur sondern rieb auch etwas an meiner Hose entlang.

»Dein Handy also? Lass mich mal gucken …«

Mit den Worten rutschte er etwas runter und knöpfte meine Hose auf. Ich starrte ihn erst entsetzt an und wollte mich schon wehren, da durchfuhr mich ein heißer Schreck. Takuto zog mir meine Boxershorts etwas runter, sodass nur mein kleiner Freund sichtbar wurde. Ich richtete mich etwas auf um zu sehen, was er da tat. Mein Kopf war am brodeln. Takuto bekam auch eine leichte Röte im Gesicht als er die leichte Erregung von mir sah.

»So, so. An was dachtest du denn grade, hm?«, fragte Takuto, während er ihn in die Hand nahm und mal zudrückte und wieder losließ.

»Ich … An nichts … Das …« Ich bekam keinen anständigen Satz heraus, da ich mir ein kleines Aufstöhnen unterdrücken wollte. Jedoch wollte mir dies nicht ganz gelingen, als er die Barriere durchbrach. Er nahm ihn in seinen warmen Mund und lutschte heftig daran.

»Ha! Ah! Ta … Takuto!«, stöhnte ich schon halb und wollte seinen Kopf wegdrücken. Doch Takuto ließ sich nicht wegstoßen.

Als dies ein paar Minuten so ging und ich am liebsten schreiend weggelaufen wäre, hörte er abrupt auf. Stattdessen lehnte er sich über mich und leckte meinen Hals, während er mein T-Shirt hochzog.

Wie er das immer schaffte, dass ich allein wenn er mich küsste, noch mehr wollte …

Takuto zog mir mein T-Shirt aus und warf seines gleich mit. Er fing an, an meinen Brustwarzen weiter zu arbeiten. Mir rutschte immer wieder ein Stöhnen raus. Auch wenn ich es schon langsam gewohnt war, fand ich es trotzdem peinlich. Denn Takuto gab während der ganzen Prozedur keinen einzigen Laut von sich.

Als ich nach wenigen Minuten des Vorspiels nun endlich splitternackt im Stroh lag, zog auch Takuto endlich seine Hose aus.

»Wir … tun es … in einer Scheune …«, meinte er leise, nachdem er mich geküsst hatte.

»Na und?«, fragte ich etwas gereizt, weil es ihm anscheinend nicht sonderlich passte.

»Wenn du meinst …«, murmelte er und war schon halb wieder an meinem Hals zugange.

Ich riss seinen Kopf nach oben, sodass ich ihn gut sehen konnte.

»Was ist los mit dir? Willst du das nicht? Oder was ist los?«, schrie ich ihn etwas an. Takuto blickte nur zu Seite und vermied jeglichen Augenkontakt mit mir. Ich jedoch drehte seinen Kopf wieder zu mir.

»Du bist nur mit halbem Herzen bei der Sache! Was passt dir denn nicht? Dass wir in einer Scheune sind?«

Ich wurde wohl mit jedem Wort lauter, da sich Takuto’s Blick immer mehr verzerrte.

»Oder … Zwinge ich dich indirekt grade hierzu?«

Ich hatte die Bombe wohl zum platzen gebracht.

»Nein! Es ist mir egal, wo und wann wir es machen! Ob in unseren Betten, ob in einer Scheune oder auf dem Schreibtisch vom Präsidenten der Vereinigten Staaten! Aber …«, schrie Takuto, stockte jedoch.

»… aber was?«, führte ich fort.

Er schwieg kurz. Blickte mich nicht an, sondern starrte das Stroh unter mir an.

Er nahm meinen Kopf in seine Hände und flüsterte mir zu, während er mir tief in die Augen blickte:

 

»Ich will dich auch mal in mir spüren …«

 

Ich starrte ihn wohl mehr als entsetzt an, da er nach einigen Sekunden von mir abließ. Er suchte sich seine Boxershorts und fing schon an sich anzuziehen.

»W-Was? Du willst … dass ich? Ich? In dir? Aber ich …«

Ich war mehr als verwirrt. Takuto wollte, dass ich mal die Oberhand haben sollte? Ich sollte mit Takuto mal die Rollen tauschen? Im Ernst?

»… ich weiß … doch gar nicht wie das geht …«, murmelte ich. Takuto hatte schon seine Hose wieder an.

»Ist schon okay. Es war nur so eine Idee von mir.«

Mit diesen Worten ergriff er sein T-Shirt und zog es sich über.

»Ich … kann es doch versuchen …?«, fragte ich vorsichtig. Ich lag immer noch halb auf dem Stroh. Mir tat Takuto irgendwo Leid. Er hat mir meistens jeden Wunsch erfüllt und nun wünscht er sich das eine Mal etwas, und ich bin nicht in der Lage es ihm zu erfüllen.

»Nein, ich bin jetzt nicht mehr in Stimmung. Ein anderes Mal vielleicht …«

Er hob meine Sachen auf und schmiss sie mir in meinen Schneidersitz.

»Zieh dich an.«

Takuto’s Blick war eine Mischung aus Wut, Trauer und Enttäuschung. Er hätte jetzt sicher gewollt, dass ich nach seinem Satz ihn umgeschmissen, ihn wie wild geküsst und durchgenommen hätte. Aber vielleicht auch nicht …

Ich machte keine Anstalten mich anzuziehen. Ich sah nur wütend auf meine Sachen …

»Ist mein Anblick denn so widerlich, oder warum soll ich mich so plötzlich anziehen, nachdem du mich doch schon ausgezogen hast?«

Ich sah Takuto nicht direkt an, trotzdem spürte ich seinen Blick auf mir.

»Nein, das wollte ich damit nicht sagen, aber es wäre doch sicherlich angenehmer, oder?«

»… angenehmeres als es mit dir hier zu tun, kann ich mir im Moment nicht vorstellen …«

Mein Blick wanderte zu Takuto, der mich mehr geschockt als alles andere ansah.

»Du willst es mit mir tun? Ja? Willst du mich dazu zwingen?«, provozierte mich Takuto und stemmte seine Arme auf seine Hüfte.

»Wenn du nicht freiwillig wieder zu mir kommst, muss ich wohl …«

Mein Grinsen würde etwas hämisch. Ich wusste ganz genau, dass wenn er schon so fragte, er es wollte, dass ich ihn zwänge.

»Pf … Mich bekommst du nicht ins Bett … Oder ins Stroh …«

Damit drehte er sich wieder um und ging ans andere Ende der Scheune.

»Gut, wie du willst.«

Ich stand auf und ließ meine Sachen fallen. Ich ging langsam auf ihn zu. Er lag lässig im Stroh und beobachtete wie ich nackt auf ihn zukam. Er musste kurz grinsen:

»Du bist bescheuert, Ryan. Läufst hier nackt durch eine Scheune.«

Ich ließ mich direkt vor ihm nieder und packte ihn an den Schultern.

»Und du bist noch bescheuerter, wenn du gleich hören wirst, wie du schreien kannst!«, zischte ich ihm ins Ohr. Der Satz hatte wohl Eindruck verschaffen, da seine Augen sich etwas weiteten.

Leidenschaftlich küsste ich ihn und spielte mit seiner Zunge. Ich dachte die ganze Zeit daran, es einfach wie er zu machen. Und damit fing er auch immer an.

Takuto versuchte mich kurz wegzudrücken, verstand dann aber doch was ich vorhatte und ließ sich gehen.

Ich brauchte nicht lange, um Takuto wieder frei zu machen. Für einen kleinen Moment habe ich gezögert, sein Teil in meinen Mund zu stecken, habe mich aber dann doch getraut. Am Anfang war es seltsam, es war immerhin Premiere, dass ich so etwas im Mund hatte. Jedoch gewöhnte ich mich schnell an die Situation und genoss es voll und ganz, Takuto stöhnen zu hören. Jetzt wusste ich, wie es war, wenn Takuto mich in der Situation hatte.

Nach einiger Zeit drückte ich seine Beine auseinander und tat wohl das ekligste der Welt. Für einen Mann jedenfalls.

Ich nahm meine zwei Finger und drang in Takuto ein. Der Schrie kurz auf und krallte sich an meine Arme fest. Jetzt konnte er mal spüren, wie das so ist.

Ich tastete mich auch an seiner Innenwand ab und immer wenn ich an einer ganz bestimmten Stelle vorbeikam, stöhnte Takuto nicht schlecht. Als ich mich auch von dieser Stelle mit meinen Fingern verabschiedete, küsste ich Takuto’s Brust ab.

»Ha … Du bist … gut …«, grinste mich Takuto stöhnend an. Ich musste ebenfalls grinsen und dachte mir nur: Du wirst gleich was anderes sagen, wenn ich erst einmal in dir drin war. Danach kannst du weder laufen noch sitzen, nur liegen und selbst das kaum. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede …

Nachdem ich seinen ganzen Körper genossen habe, beschloss ich auf den Höhepunkt unseres kleinen Spieles zu kommen. Ich drückte seine Beine noch etwas weiter auseinander. Langsam führte ich meinen kleinen Freund zu seinem einzigen Loch. Es war ziemlich eng und klein. Ich hatte wirklich Befürchtungen, dass ich da nicht reinkommen würde.

Doch es handelte sich noch nicht einmal um ein paar Sekunden, da war ich schon in ihm. Wir beide stöhnten heftig auf. Takuto schrie sogar. Ich verharrte eine Weile so und genoss diesen engen Raum. Ich hatte so etwas ja noch nie gemacht, weder bei einer Frau noch bei einem Mann. Als ich Takuto etwas entspannen sah, begann ich mit den Bewegungen. Es war so unglaublich angenehm. Es war unbeschreiblich schön. Diese Reibungen in ihm. In Takuto, in meinem Kumpel … Nein, in meinem Geliebten.

Ich massierte seinen Freund so lange bis er tatsächlich kam. Ich war mehr als stolz auf mich. Ich hatte es geschafft, ihn zum kommen zu bringen!

Wir redeten nicht viel. Die Situation war zu angespannt. Wir beide konzentrierten uns auf die Sache, die wir taten. Takuto hatte Angst, sich zu sehr zu verkrampfen und alles zu versauen und ich hatte Angst, alles falsch zu machen, was man als Oberhand des Spielchens falsch machen könnte. Wobei ich mir nicht ganz sicher war, was man dabei falsch machen könnte …

Es dauerte nicht lange, da kam auch ich. Kurz vorher war ich mir unsicher, ob ich in ihn hinein meine Flüssigkeit spritzen durfte, oder lieber nicht. Ich hätte am liebsten gefragt, doch ich erinnerte mich daran, dass Takuto es auch immer in mich hineinspritzte. Es war eklig, wenn das Zeug dann später wieder heraus kam, aber ich wollte ihm nichts ersparen.

 

Nach getaner Arbeit, lagen wir beide Erschöpft aufeinander. Wir beide umarmten uns und atmeten den jeweils anderem schwer ins Ohr.

»Du, Takuto …?«

»Ja?«

»Hab ich mich … sehr dumm angestellt …?«

»… Nein, du warst gut …«

»Wirklich?«

»Ja, fast so gut wie ich, aber nur fast …«

Dann lachten wir beide und schwiegen danach wieder.

»Aber, Ryan …«

»Ja?«

»Nächstes Mal wieder alte Stellung, oder?«

»Auf jeden Fall …«

Wir seufzten gleichzeitig und mussten wieder lachen. Auch wenn es mal etwas Neues war, es war doch komisch und anders. Ich konnte mich kaum gehen lassen. Und er anscheinend auch nicht. Wir beide waren die ganze Zeit so darauf fixiert nichts falsch zu machen. Sicher, das würde nach mehreren Malen vergehen. Doch anders war es mir viel lieber. Auch wenn es immer wehtat, auch wenn ich danach nie gehen konnte und auch wenn ich dann sein ekliges, weißes Zeug in mir hatte, so war ich es gewohnt und so hatte ich auch den vollen Genuss. Takuto schien meiner Meinung zu sein.

 

Wir schnappten uns nur unsere Mäntel und zogen sie über uns. Da lagen wir dann nackt in einer Scheune und vergaßen alles um uns herum. Doch trotzdem …

Der Kloß, dass Takuto sterben wird …

… verließ mich auch nicht im Schlaf.

 

Ich wachte auf und fand mich alleine wieder.

»Takuto?«, fragte ich in den leeren Raum. Die Stille gab mir keine Antwort. Ich packte meine Sachen und zog sie mir erst einmal über. Ich brauchte dringend eine Dusche. Das Blut, der Schmutz, der Leichengestank und jetzt auch noch die Reste des Spielchens letzte Nacht waren nicht zu übersehen. Trotz allem vermisste ich Takuto’s Sachen und Takuto natürlich selbst.

Ich öffnete langsam die Scheunentür und spähte heraus. Es war helllichter Tag und die Sonne schien. Ich schützte meine Augen vor Sonnenstrahlen indem ich meine Hand vor mein Gesicht hielt. Es war nicht gut, dass ich raus ginge, aber ich musste doch Takuto suchen.

Auf einmal, als ich einen Schritt machen wollte, fiel der Boden unter mir zusammen. Ich schrie so laut ich konnte und landete nach wenigen Sekunden auf dem Boden. Ich schaute nach oben.

»Eine Fallgrube?«

Ich sah mich in der Grube um. Sie war ausgebaut. Mit Metall und Aluminium. Ich stand auf und wollte schon versuchen raufzuklettern, doch da bewegte sich eine Wand, sie klappte um und ich landete anscheinend in einem Nebenraum. Er war dunkel. Ich konnte nichts sehen, nicht mal meine eigenen Füße.

Verunsichert ging ich den Gang wieder zurück und versuchte die Drehtür zu finden durch die ich auch gekommen war.

»Takuto? Bist du hier irgendwo?«

Irgendetwas sagte mir, dass er hier sei. Seltsam, ich spürte ihn, doch er schien nicht wirklich hier zu sein.

Plötzlich gingen alle möglichen Lichter an. An den Seiten, an der Decke und sogar Scheinwerfer vom Boden aus. Und sie leuchteten an die Wand.

Ich erschrak zu Tode, überall standen diese Polizisten.

»W-Was? Was geht hier ab?«

Da hing Takuto, angekettet an einer Stahlwand. Er blutete am Kopf und war bewusstlos.

»Takuto!!«, schrie ich aus vollem Halse.

Doch die Polizisten hinderten mich zu ihm zu laufen. Ich riss meine Augen auf, als ein Polizist mit einem riesigen Dolch ankam und ein anderer Takuto’s Kopf höher hielt, damit der andere besser zustechen konnte.

 

Er stach zu.

 

Takuto’s Kopf rollte vor meine Füße. Seine Augen waren starr geöffnet.

 

Sein Blut floss an meinen Schuhen vorbei.

 

Mir kamen die Tränen. Die Polizisten lachten. Sie lachten so laut. Sie zeigten mit dem Finger auf Takuto. Und auf mich. Ich riss mich von den Polizisten los und lief zu Takuto’s Kopf. Ich drückte ihn feste an mich. Das ganze Blut floss an meiner Kleidung runter. Ich schrie und flennte, ich schrie seinen Namen und meine Tränen vermischten sich mit seinem Blut. Warum starb ich nicht? Warum dauert mein Ende so lange? Ich will gleich bei ihm sein. Ihn in meine Arme schließen. Auch wenn wir tot waren. Es war mir egal. Hauptsache ich …

Meine Augen wurden immer schwerer. Mein Herz pumpte kaum noch mehr Blut. Meine Adern wurden wieder blau. Ich Erinnere mich daran. Ich spürte noch, wie ich zu Boden fiel, mit Takuto’s Kopf in meinen Armen.

Dann war ich … tot?

 

So schnell? So einfach? So abrupt? So leicht? So irreal? So gar nicht möglich …?

 

Trotzdem verschwand dieses schreckliche Bild nicht vor mir. Ich versuchte die Augen zuzukneifen, doch sie waren ja schon zu. Ich sah es. Wie Takuto’s Körper, Blut überströmt, noch an der Stahlwand hing und sein Kopf neben mir lag. Er starrte mich an. Dieser Blick machte mich verrückt. Takuto war tot. Ich nicht? Warum verschwindet dieses Bild nicht? Ich will ihn wieder sehen! Aber lebendig! Ich ließ es zu? Ich ließ Takuto sterben? Hab ich ihm nicht geholfen? Konnte ich ihm nicht helfen?

 

»TAKUTO!«, brüllte ich.

 

Eine Person neben mir schreckte hoch und schrie:

»Was? Wer? Ich? Warum? Hä?«

Ich atmete schwer. Ich drehte mich langsam um.

Ich sah in ein sehr verschlafenes Gesicht, welches mich anstarrte, als ob gleich neben uns ein Flugzeug abgestürzt wäre und er mich fragen würde, warum wir nicht tot wären.

»Takuto?«, fragte ich zaghaft.

»Ja … Ja? Ja, ich glaube so heiße ich …«

Er kratzte sich am Nacken und sah zu Boden.

»Warum hast du so geschrien?«, fragte er danach. Ich umarmte ihn schlagartig und schmiss ihn wieder ins Stroh zurück.

»Hab schlecht geträumt … Mehr nicht«, flüsterte ich ihm ins Ohr. Er verstand nicht ganz was ich meinte, und warum ich jetzt so erleichtert war ihn in meinen Armen halten zu dürfen, aber er nahm mich auch in den Arm.

Es war zum Glück nur ein dummer Traum. Zum Glück. Zum Glück …

 

 

»Mm …«

Als ich versuchte meine Augen zu öffnen, hatte ich meine ganzen Haare in ihnen. Ich strich sie verschlafen aus meinem Gesicht und rieb meine Augen. Ich richtete mich langsam auf und stellte dabei fest, dass ich immer noch nackt war.

Mein Blick wanderte durch die Scheune. Draußen war es ungemütlich dunkel, obwohl es grade mal 14 Uhr war. 14 Uhr? Ich hatte aber lange geschlafen …

»Takuto? Bist du hier?«, sprach ich in die leere Scheune. Es war kein Takuto zu sehen und auch seine Sachen waren nicht hier. Nur meine lagen neben mir ordentlich gefaltet im Stroh. Immer noch reichlich verschlafen, zog ich mich an.

Als ich fertig war, kramte ich mein Handy raus.

»Mm, na toll. Akku alle«, murmelte ich und steckte es wieder zurück in meine Hosentasche. Ich schlurfte zur Tür der Scheune und drückte sie mit einem lauten Geknatter auf. Die Scheune lag auf einem großen Feld, das abgeerntet war. Der Himmel war dunkel grau und es schien gleich ein Schauer runterzukommen.

Er faszinierte mich. Ich starrte ihn an. In dieses Grau. Es erinnerte mich an den letzten Tag, den ich als Mensch verbracht hatte. Es regnete und alles war trübe und schrecklich.

Stumm und reglos stand ich auf dem Feld und starrte in den Himmel. Wie lange ich da wohl stand?

Ich dachte über viele Dinge nach. Unter anderem fragte ich mich, was schlimmer wäre:

Immer noch zu sein wie früher, ein Waschlappen in Latzhose mit hellblonden, kurz abrasierten Haaren und einer fetten Brille, oder ein düsterer Typ mit spitzen Zähnen, der schwul ist.

Ich konnte mich mit dem Gedanken, dass ich schwul wäre, nicht anfreunden. Ich liebe Takuto, aber die Bezeichnung Schwul für mich zu benutzen, konnte ich auf den Tod nicht ab. Takuto war für mich, wie als wenn ich ein Mädchen lieben würde. Nur er war natürlich Keins.

 

Wo war Takuto eigentlich? Ich sah mich in verschiedene Richtungen um. Etwas weiter gelegen war eine kleine Straße, die zu einem kleinen Dorf führte. Das Dorf sah in dem Himmel sehr verlassen aus. Auf der anderen Seite war nur Feld, so weit das Auge reichte. Hinter mir war die Scheune. Und vor mir war die Stadt aus der wir kamen.

Auf das Feld wird er wohl nicht gerannt sein. Und zurück in die Stadt? Warum sollte er das tun? Wäre mein Handy doch an, dann könnte ich ihn anrufen. Ärgerlich.

Während ich mich entschied in die Richtung des kleinen Dorfes zu gehen, hörte ich Schüsse und Schreie. Sie kamen aus der Stadt. Ich drehte mich kurz um, doch ich sah nichts.

Ich machte mir langsam Sorgen um Takuto. Wie lange war er weg? Ich hoffte natürlich, dass sich mein Traum nicht verwirklichte.

Doch bis jetzt war ich weder in eine Grube gefallen, noch sah ich die komischen Polizisten.

 

Während ich den kleinen Feldweg entlang schlürfte, dachte ich noch einmal über die Worte des Mannes nach. Ein Amulett. Doch ich hatte keins. Und ich wüsste auch Niemanden, der ein Amulett besäße. Was das wohl alles auf sich hat?

Diese Gedanken verflogen jedoch wieder sehr schnell, da Andere mir in den Kopf kamen. Ich habe Takuto gestern …

Ich konnte es mir immer noch nicht vorstellen, dass ich mit Takuto geschlafen habe und nicht, wie sonst, anders herum. Wo er wohl ist? Was er sich immer dabei dachte, mich allein zu lassen. Ständig lief er weg, oder entfernte sich. Ich gab zu, ich war auch weggelaufen, aber da war er meistens nicht ganz unschuldig dran. Aber er, er verschwindet immer einfach so und keiner weiß wohin. Toll ist das ja immer. Und dann steh ich meistens wie so ein kleiner Junge im Wald, verloren und heult rum!

Genau wie jetzt auch. Ich weinte schon wieder. Nur weil Takuto weg war?

Ja! Ich machte mir so große Sorgen! Er war einfach verschwunden. Hoffentlich war da nichts passiert, dachte ich nur.

Als ich in diesem Dorf ankam, war keine Menschenseele zu sehen. Zum Glück war es Bewölkt, da ließ es sich am Tag besser durch die Gegen latschen.

Ich ging kleine Feldwege entlang und spähte hin und wieder in ein Haus hinein. Niemand war zu sehen.

Ich erreichte eine Kirche. Für einen Ort wie diesen hier war sie recht groß. Ich ging die paar Treppen hoch und öffnete die Tür. Sie war alt und massiv. Sie erinnerte mich an die Villa, in der die Vampire lebten. Als ich in der Kirche war, war es stockduster. Nur die großen bunten Fester ließen ein wenig Licht hinein, welches aus den Wolken auf die Erde kam.

»Hallo? Ist hier jemand?«, hallte meine Stimme durch die Kirche. Der Altar war schön geschmückt mit Blumen und anderen Kränzen. Die Bänke waren ordentlich gesäubert und gestellt. Niemand schien hier zu sein. Ich ging bis vorne zum Altar. Ich starrte auf das große Jesuskreuz, welches über ihm hing.

»Du hast mir schon sehr viel Unglück gebracht. Warum gibst du mir nicht mal ein ordentliches Leben, wie jedem anderen auch?«, flüsterte ich in die leere Kirche.

 

»Ein unglückliches Leben? Na, Dankeschön!«, ertönte es hinter mir.

Ich drehte mich ruckartig um.

»Takuto!«, rief ich und lief auf ihn zu.

»Ryan!«, rief auch er und öffnete seine Arme leicht. Doch anstatt Takuto in die Arme zu laufen schlug ich ihm feste ins Gesicht. Er fiel leicht zur Seite und hielt sich seine Wange.

»H-Hey, wofür war das denn?«, schrie Takuto mich verwirrt an.

»Wo warst du? Du bist einfach weggegangen! Ohne mir was zu sagen! Ich hab mir zu Tode Sorgen gemacht!«, schrie ich zurück.

Takuto raffte sich wieder auf und nahm mich in den Arm.

»Tut mir Leid, Ryan. Aber hier in dem Dorf war Rauch zu sehen. Ich dachte, ich könnte noch irgendwem hier helfen, doch es war niemand mehr hier. Tut mir wirklich Leid, du brauchst doch nicht weinen.«

Ich stockte. Langsam packte ich mit meinen Fingern an mein Auge und merkte, dass ich wirklich weinte. Geschockt wischte ich sie schnell weg.

»Ja, ist okay …« Ich löste mich langsam von Takuto.

»Hier ist wirklich niemand?«; fuhr ich fort.

»Nein, absolut niemand. Das Dorf ist leer.«

Ich schwieg kurz. Dann sah ich wieder zum Altar rüber.

»Meinst du, die wurden auch von diesen Polizisten entführt?«, fragte ich, während ich zum Altar herüber ging.

»Bestimmt. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. So ein Dorf verschwindet nicht mal eben so.«

»Was die wohl mit all den Leuten machen? Ich meine, das sind Unmengen von Menschen, die da verschleppt werden.«

»Sicher irgendwelche Forschungen. Oder die brauchen einfach ein paar Kollegen. Die Polizei war ja noch nie jedermanns Sache«, scherzte Takuto und musste über seinen eigenen Witz lachen. Ich drehte mich nur müde um.

»Das ist nicht witzig, das weißt du.«

Takuto stockte und hörte abrupt auf zu lachen.

»Ja, ich weiß.«

Wir standen noch eine Weile in der Kirche, bis ich mich in eine Bank hineinsetzte. Takuto setzte sich neben mich.

»Bist du Gläubig?«, fragte er mich in einem vorsichtigen Ton.

»Schon, irgendwie.«

»Echt?«

»Ja, sonst würde ich es doch nicht sagen.«

»Ich nicht, weißt du. Ich glaube zwar an einen Gott, aber er existiert nicht in dem Sinne für mich, wie für andere.«

»Jeder glaubt an das seine.«

Danach schwiegen wir uns an. Ich war nicht wirklich Gläubig in dem Sinne, dass ich regelmäßig in die Kirche ging und betete. Ich war Gläubig, weil ich an jemanden glaubte, der schon die Fäden des Schicksals zieht. Andere, wie zum Beispiel Takuto, nennen das Zufall und nicht Schicksal.

Unser Schweigen wurde langsam drückend. Die Kirche war in einer Totenstille gehüllt und Draußen war auch nichts zu hören. Ich starrte nur auf den Altar. Takuto dagegen starrte mich die ganze Zeit an.

»Hab ich da ’n Keks an der Wange kleben, oder warum starrst du da so hin?«, fuhr ich ihn von der Seite an. Sichtlich aus seinem Traumland geholt, schaute mich Takuto verwundert an.

»Nein, noch sehe ich keinen - Aber ich sag dir bescheid, wenn einer aus dir wächst«, scherzte Takuto. Ich fand das weniger witzig.

»Du hast meine Frage trotzdem nicht beantwortet. Warum starrst du mich so an?«

»Was bist du denn so aggressiv auf einmal?«

»Ich bin nicht aggressiv, es nervt nur.«

»Gut, dann guck ich dich halt nicht mehr an.«

Takuto drehte schnippisch seinen Kopf zur Seite.

»Du kennst auch nur Schwarz und Weiß, hä?«, fauchte ich ihn an.

»Ja, Grau kenn ich nicht.«

Ich seufzte laut auf und haute mir meine linke Hand gegen meine Stirn.

»Ja, ist gut …«

Nachdem ich ein wenig in die Bank gerutscht war, wurde es wieder still um uns. Keiner sprach ein Wort mit dem anderen und keiner von uns beiden wechselte einen Blickkontakt.

Ich machte mich innerlich total verrückt, weil ich dachte, ich hätte ihn wieder verärgert.

Aber er macht auch immer so dumme Scherze. Immer dann, wenn es nichts zu lachen gibt. Die Situation ist Ernst und Leute gehen wohlmöglich dabei drauf, dachte ich. Und wir sitzen in einer Kirche und schweigen uns an …

Ich ließ wieder einen lauten Seufzer raus.

»Takuto …«, sprach ich ihn leise an.

»Was?«, kam eher verärgert zurück.

»Sollten wir nicht langsam gehen?«

»Wohin?«

»Na, Recherchen tätigen. Wir sollten langsam, so ganz langsam mal anfangen uns gegen diese Polizei wehren, oder?«

»Nicht wirklich.«

»Was? Warum das denn jetzt auf einmal?«, schrie ich ihn ein wenig an. Meine Stimme wurde immer Lauter und das Hallen durch die Kirche ebenfalls.

»Es ist doch egal, ob wir uns wehren oder nicht …«, murmelte er.

»Das ist doch nicht egal-«

»Doch ist es!«, schrie Takuto und drehte sich zu mir um. Er packte mich am Kragen und zog mich an ihn ran:

»Wir sterben, egal was wir machen! Wenn wir uns gegen die Auflehnen, sterben wir! Als ob wir beide das schaffen! Und wenn wir hier sitzen bleiben und unsere letzte Zeit noch genießen, sterben wir auch irgendwann! Vielleicht finden uns diese Bullen oder unsere Clanmitglieder! Und du weißt ganz genau, dass wenn sie uns finden, sie uns töten werde, weil wir gegen das Gesetz verstoßen haben! Also wäre es mir jedenfalls lieber, auf die zweite Art zu sterben. So hatten wir wenigstens noch ein schönes und angenehmes Leben!«

Ich sah ihn geschockt an. Waren das wirklich Takuto’s Worte? Er machte mir richtig Angst, wie er mich mit seinen Hasserfüllten grünen Augen anstarrte. Er sah aus, als würde er jeden Moment einen Mord begehen. Und ich hatte das Gefühl, dass ich da nicht ganz unschuldig dran war.

»A-Aber …«, versuchte ich es.

»Nichts ‚aber!«, schrie er mich wieder an. Er schüttelte mich dabei etwas.

»Wir haben nur unser Leben zu verlieren, und was geht’s mich an? Selbst wenn wir es schaffen würden, die Bullen zu besiegen und in die Flucht zu schlagen, überleben würden wir ja doch nicht! Spätestens dann würden doch die restlichen Ratsmitglieder uns finden. Wir sind billige Todeshändler! Uns kann man ersetzten, das ist denen doch dann egal, ob wir sterben oder nicht! Und außerdem sind wir zwei Männer, was bringen wir schon? Kinder kriegen ist nämlich nicht grade unser Spezialgebiet!«

Mir kamen echt langsam die Tränen. Er krallte so fest meinen Kragen, dass ich schon fast keine Luft mehr bekam, und dann nur schwer.

»T-Takuto … Wir …«

»Du hast keine Wahl! Du musst mir Recht geben, du weißt selber, dass es stimmt! Wir sind Wertlos! Wir haben in deren Sicht doch keinen Stolz. Wir sind nur Bedienstete, die für die Arbeiten. Gegen schlechte Bezahlung noch dazu. Sieh es ein, Ryan! Lass uns doch nicht den Rest unseres Lebens für die schuften! Du hast dir doch selber immer ein freies Leben gewünscht. Das hast du mir gesagt! Und hier wäre die Gelegenheit! Warum greifst du sie nicht?«

» … «

Ich kniff die Augen zusammen und verkrampfte meine Hände um seine Fäuste, die meinen Kragen umpackten. Ich versuchte die Tränen zu unterdrücken, doch es funktionierte nicht. Mir kullerte die Erste, dann die Zweite und die Dritte über die Wange.

Takuto hatte Recht. Aber ich wollte nicht Tatenlos zusehen, wie die ganzen Menschen in Polizeiwagen gesteckt werden und irgendwo hinverschafft werden, während unsere Rasse ausstirbt, weil sie von ihnen gejagt und getötet werden.

»Kannst du … Kannst du denn zusehen, wie andere Menschen verschleppt werden, während wir uns hier ein schönes Leben machen?«, quietschte ich schon fast.

»… Natürlich nicht. Aber was sollen wir denn tun?«, rief Takuto wieder. Er schüttelte mich immer weiter.

»Weiß ich doch nicht!«, schrie ich zurück und versuchte ihn von mir zu drücken.

Ich wehrte mich so weit es seine Fäuste zuließen. Doch plötzlich ließ sein Griff nach und ich fiel leicht nach hinten auf die Bank. Verwundert über die plötzliche Wandlung sah ich Takuto feste in die Augen. Er hatte Tränen in ihnen und schaute mich verzweifelt an.

»Ich … will doch nur nicht so enden … wie vielleicht die Anderen …«

Sein Blick wanderte auf den Boden.

»Enden …?« Ich hatte ein mulmiges Gefühl im Magen. »Weißt du was darüber, Takuto …?«

 

Er sah verkrampft neben sich. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen …

-Kapitel 9-

 

»Weißt du was darüber, Takuto?«, wiederholte ich, wesentlich unsanfter als davor.

Takuto stand auf und ging aus der Bank. Er stand noch eine Weile mit dem Rücken zu mir. Doch dann drehte er sich um und zeigte mir eines seiner lieblichsten und sanftesten Lächeln, die er hatte.

»Natürlich nicht. Sonst hätte ich es dir doch erzählt, oder?«

Seine Stimme klang süß und verständnisvoll. Doch es war ein kleiner zittriger Unterton zuhören.

Mir blieb für diese zu nette Gestik nur ein ungläubiger Blick übrig.

»Takuto …«, mahnte ich ihn und erhob mich ebenfalls von der Bank.

»Ich will jetzt keinen Streit …«

Er sah mich nur verwirrt an und wich einen Schritt zurück, als ich einen Schritt auf ihn zumachte.

»Ich auch nicht … Also, warum glaubst du mir nicht?«

Sein aufgetragenes Lächeln führte zu meinem grimmigen Gesicht.

»Weil du dich vorhin verplappert hast! Du hast gesagt, dass du nicht wie die Anderen enden willst. Wie enden die denn? Woher willst du wissen, was mit ihnen passiert?«

»Na … das sagt einem doch der normale Menschenverstand, den wir von Geburt an haben, dass die unsere Art ausrotten wollen, sonst hätten die ja nicht unsere Villa gestürmt. Und die haben die ganzen Menschen bestimmt nicht zu einem Kaffeekränzchen eingeladen … ja, oder?«, versuchte es Takuto und kam schon an der gegenüberliegenden Bank vom Gang an, da er immer weiter von mir abwich.

»Takuto … sag mir, was du weißt …!«, mahnte ich ihn nochmals.

»Ich weiß genauso viel wie du auch, Schatz …«

Jetzt wurde Takuto’s Blick auch zerknirscht und ich spürte seine Nervosität.

»’Schatz’ ist im Moment nicht! Sag mir was los ist, verdammt!«, schrie ich ihn an. Es reichte.

Er hielt mich für dumm. Er verschweigt mir doch was. Ich bin doch nicht blöd! Dafür kenne ich ihn schon zu lange…

»Schrei mich nicht schon wieder an!«, schrie Takuto selber.

»Du schreist mich doch auch an!«

»Aber nur weil du angefangen hast!«

»Na, sicher! Jetzt bin ich es wieder Schuld!«

»Wenn du doch anfängst!«

»Jetzt lenk nicht vom Thema ab!«

 

Auf einmal wurde die Tür der Kirche eingerammt. Mein Atem stockte und ich wollte schon in Deckung gehen, doch mein Körper wollte sich nicht bewegen. Takuto schien der Schock ebenfalls überwältigt zu haben.

Ein kreischendes Mädchen rannte in die Kirche. Sie hatte lange weiße Haare und trug eine schwarze Weihnachtsmütze. Sie war noch jung, vielleicht 10 oder höchstens 12. Sie rannte auf uns zu und sprang zu mir in die Bank. Sie umklammerte feste mein T-Shirt und versteckte sich hinter mir.

Sofort kamen die ganzen Polizisten angerannt. Alle bewaffnet und in Uniform. Takuto stand immer noch regungslos mitten im Gang. Ich ergriff die Initiative und nahm das Mädchen auf meinen Arm, Takuto an der Hand und rannte so schnell ich konnte in die Sakristei. Sofort stellte ich alle möglichen Bänke vor die Tür. Das würde sie zwar nicht lange aufhalten, aber für einen kurzen Moment. Ich schnappte mir die beiden wieder und sprang durch das Fenster. Das Mädchen kreischte und Takuto wurde endlich wach. Wir waren aus dem ersten Stock gesprungen. Nicht sehr weit, doch trotzdem knickte ich mit meinem Fuß unglücklich um.

»Ah!«, rief ich und fiel mit dem kleinen Mädchen auf den Boden.

»Ryan?«

Takuto kam zu mir gelaufen und stützte mich. Er nahm das Mädchen an die Hand und mich huckepack. Zusammen liefen wir dann weiter … Wohin? Keine Ahnung, ich verlor das Bewusstsein …

 

»Ryan …?«

Ich vernahm weit entfernt eine Stimme wahr. Hörte sich nach Takuto an.

»Ryan? Bist du wach?«

Ich öffnete meine Augen und starrte glücklicherweise in Takuto’s Augen. Ich griff mir an die Stirn und rieb sie ein wenig.

»Was ist passiert?«

Ich richtete mich langsam auf, wurde aber von Takuto davon abgehalten.

»Leg dich wieder hin, wir sind in Sicherheit. Fürs erste«, sagte er und deckte mich mit einer Wolldecke zu. Schockiert darüber, dass ich in einem Bett lag mit einer Wolldecke zugedeckt, sah ich mich um. Ich war in einem Raum. Er war klein und geräumig. Alles war aus Holz. Und neben einem Schrank stand ein Schreibtisch. Auf dem dazugehörigen Stuhl saß das kleine Mädchen. Es starrte mich traurig an. Takuto bemerkte unsere Blicke.

»Sie heißt Penelope. Sie ist vor den Polizisten geflüchtet. Sie lief doch zu uns in die Kirche. Und als du aus dem Fenster gesprungen bist, hast du dir den Fuß umgeknickt. Du bist umgefallen und hast dir heftig den Kopf gestoßen. Geht es dir denn gut?«

Verwirrt über die Geschichte von Takuto, gab ich nur ein Murren wieder, was ein Ja oder auch ein Nein hätte sein können.

Das Mädchen, oder Penelope, kam auf mich zu. Sie setzte sich neben Takuto auf mein Bett.

»Danke, dass du mir geholfen hast«, sagte sie mit ihrer piepsigen Stimme. Sie war schon auf eine gewisse Weise süß.

»Geht schon klar«, murmelte ich und setzte mich wenigstens etwas auf.

»Wie alt bist du eigentlich?«, fragte ich Penelope.

»14.«

Ich sah erst sie, dann Takuto an. Der zuckte nur die Schultern.

»14? So … so siehst du jetzt aber nicht aus …«

»Ich weiß.«

Sie war zwar süß, aber etwas sehr seltsam …

»Und was machst du hier?«, fragte Takuto sie nun. Sie drehte sich kurz um und sah danach wieder mich an.

»Ich bin von den Polizisten weggelaufen, weil sie mich verschleppen wollten.«

»Verstehe«, murrte ich und zog meine Decke etwas weg, um meinen Fuß zu sehen. Er war angeschwollen und tat weh.

»Soll ich ihn dir verbinden? Ich wollte es nicht machen, während du geschlafen hast, weil … du sonst nur wieder gemeckert hättest«, meinte Takuto mit einem etwas eingeschüchterten Blick.

»Nein, geht schon. Das heilt gleich wieder.«

Ich sah Penelope wieder an und musterte sie. Sie trug ein schwarzes Kleid mit vielen Rüschen dran. Sie hatte Pinke Schleifen draufgestickt. Schwarze Stiefel ließen ihre dünnen Beine noch dünner wirken. Sie war eigentlich ganz in schwarz, nur ihre rosa Schleifen und ihre weißen Haare blitzten hervor. Ihre Haut war ebenfalls schon fast weiß und ihre Augen hatten ein mattes Rot. Rot?

»Du siehst nicht sehr menschlich aus, Kleine«, rutschte es mir raus. Takuto warf mir nur einen geschockten Blick zu. Penelope sah das ganz locker.

»Ich habe auch nie behauptet einer zu sein«, sprach sie etwas Altklug.

»Na dann erzähl uns doch mal, welcher Rasse du angehörst«, versuchte ich etwas spöttisch zu klingen. Ein normaler Mensch würde das erst mal für Schwachsinn halten. Unsere Tarnung sollte schließlich nicht gleich auffliegen.

»Ich bin ein Vampir. Ist doch klar. Als ob du das nicht sehen würdest.«

Geschockt sah ich sie an. Takuto’s Blick wurde ebenfalls etwas geweitet. Synchron fassten Takuto und ich unsere Verwunderung kurz:

»Was?«

Penelope fand das nur zu komisch und fing an zu kichern.

»Ihr seid doch auch Vampire, also warum das formelle Getue?«

»Aber ich dachte unser Haus wäre ausgerottet worden und nur die Ältesten konnten fliehen?«, fragte Takuto und konnte seinen Mund schon fast nicht mehr zu bekommen.

»Ich komme auch nicht aus eurem Haus. Ich komme aus diesem Dorf hier. Meine Familie und ich lebten hier schon sehr lange. Bis diese … Schweine kamen und sie abgeschlachtet haben … Meine Eltern … und Geschwister …«

Penelope bekam in ihren Augen ein klares Zeichen von Wut. Sie ballte ihre Fäuste und starrte den Pfosten meines Bettes böse an.

»Waren deine Eltern dann auch Vampire?«, versuchte ich es vorsichtig. Ich wollte sie ja nicht grade wieder auf den Tod ihrer Eltern erinnern, aber es war schon wichtig.

»Nein, es waren nur meine Pflegeltern. Aber sie haben mich geliebt, als wäre ich ihr richtiges Kind gewesen …«

Nach ihrem etwas angesäuerten Blick, wurden ihre Augen feucht und eine kleine Träne kullerte ihr über die Wange.

»Was soll ich denn machen? Ich hab doch jetzt niemanden mehr!«, weinte Penelope los und hielt ihre Hände vor ihr Gesicht.

Takuto und ich waren mehr als überfordert mit dieser Situation. Wir beide starrten uns entsetzt an. Da saß ein kleines süßes Mädchen auf dem Bett und weinte, weil sie ihre ‚Familie’ verloren hatte.

»A-Aber Penelope … Du kannst doch bestimmt zu deinem ‚Vater’ zurückkehren, oder?«, versuchte es Takuto und hielt leicht ihre Schultern.

»Genau! Du lebst ja … also muss dein ‚Vater’ doch auch leben«, fügte ich hinzu.

»Nein! Riccardo ist doch vor euch gestorben!«, schluchzte sie und weinte weiter.

Takuto sah mich verwirrt an. Ich ihn ebenfalls.

»Riccardo? Unser Riccardo?«, fragte ich vorsichtig.

»Na, wer denn sonst?«, schrie sie mich an und war mehr als wütend.

Geschockt über den Situationswandel sah ich sie an. Überhaupt war diese ganze Geschichte zum Schocken.

»Wie kannst du dann leben?«, hörte ich Takuto fragen.

Penelope sprang vom Bett und hob ihr Kleid hoch.

»H-Hey, hey, hey!«, rief ich und fuchtelte mit den Armen vor meinem Gesicht rum.

Doch ich musste schlucken, als sie uns eine Brandnarbe an ihrem Bauchnabel zeigte.

»Was ist das …?«, fragte ich und musterte die Brandnarbe.

»Das haben mir diese bösen Menschen auf den Bauch gehalten. Es war heiß und aus Metal. Es ist ihr Markenzeichen. Irgendein Impfstoff ist darin enthalten gewesen«, erklärte Penelope und deutete auf das seltsame Zeichen. Es sah aus, als hätte es kleine Flügel.

»Das habe ich doch irgendwo schon einmal gesehen …«, überlegte ich laut. Ich streckte die Hand aus um die Brandnarbe zu berühren, doch da wurde sie schon von Takuto weg geschlagen. Er räusperte sich laut und sah mich dabei böse an. Ich seufzte innerlich und nahm meine Hand dahin zurück wo sie hingehörte.

Penelope ließ ihr Kleid wieder nach unten fallen und wischte sich die restlichen Tränen weg.

»Der Impfstoff scheint die Virenwirkung der Vampire aufzuhalten …«

Takuto sah mich verwirrt an.

»Meinst du?«

»Wie würdest du es dir sonst erklären, dass sie noch lebt?«

»Vielleicht hat sie eine andere Gabe oder Riccardo hat sie gar nicht wirklich gebissen.«

»Na klar! Als ob! Du hast vielleicht Ideen.«

»Besser als deine Impfstoff-These!«

»Nicht wirklich.«

»Doch!«

»Keine Diskussion!«

»Du willst immer Recht haben!«

»Ja, wenn es doch auch so ist?«

»Es ist aber nicht immer so.«

»Aber in diesem Falle schon.«

»Nein.«

»Doch.«

Penelope musste plötzlich auflachen. Sie hielt sich ihre kleinen Händchen vor ihren Mund und lachte laut.

»Was ist daran so lustig?«, fragte Takuto und schaute sie grimmig an.

»Haha! Ihr beiden seid einfach lustig! Ihr seid doch Ryan und Takuto, oder? Ihr seid doch Schwul, oder irre ich mich?«, lachte sie laut und krümmte sich schon.

Meine linke Augenbraue zuckte leicht nach oben, als sie das Wort ‚Schwul’ erwähnte.

»Nein, ich bin nicht schwul …«, zischte ich leise in den Raum. Plötzlich herrschte Stille.

»Als was würdest du dich denn bezeichnen?«, fragte mich Takuto spitz und verschränkte seine Arme.

»Dass ich ein Kerl bin, der einen anderen liebt. Fertig.«

»Das ist Schwul, dass weißt du schon, oder?«

»Ich bin nicht schwul!«

»Aber du liebst mich doch! Ich bin ein Typ!«

»Na und? Wo ist das Problem?«

»Es gibt keins, aber du machst dir eins!«

»Nein, mache ich nicht!«

»Doch!«

»Nein!«

Wieder fing Penelope an zu lachen. Ihr Lachen schallte schon fast in den Wänden. Takuto und ich diskutierten noch weiter.
Das ging eine Weile noch so weiter …

Ich weigerte mich einfach, den Begriff ‚Schwul’ für mich anzuwenden. Ich mag dieses Wort nicht. Ich verbinde es immer mit solchen halben Männern, die in Rosa rumlaufen und mehr mit ihren Hintern wackeln, als irgendeine Frau. Ich denke an Männer, die sich die Beine rasieren und sich Schminken, Schmuck anlegen bis zum abwinken und zum Friseur gehen um sich ‚Strähnchen’ in ihr Haar rein zumachen.

Natürlich sagt Takuto über sich selber, dass er Schwul ist. Er rasiert sich weder die Beine noch wackelt er mit dem Hintern. Vielleicht ein bisschen …

Wir beschlossen noch eine Weile in der kleinen Hütte zu bleiben. Sie lag am Rande des Dorfes und war hinter ein paar Büschen ganz gut versteckt. Während Penelope mit ihren Haaren spielte und aus dem Fenster starrte, saß ich mit Takuto auf dem Bett. Wir redeten kein Wort miteinander. Er sah nachdenklich aus. Auch ich dachte viel nach.

Takuto wusste etwas über die Sache. Und wollte es mir nicht sagen. Er hat mich angelogen. Vielleicht reagiere ich auch nur über und habe schon Halluzinationen. Aber bis jetzt hat mich mein Instinkt noch nicht getäuscht. Ich würde ihn gerne noch einmal fragen, aber Penelope ist hier. Ich möchte das nicht vor ihren Augen machen. Außerdem würde Takuto in Gegenwart einer anderen Person schon mal gar nichts sagen, das war klar.

Aber das Zeichen gab mir auch keine Ruhe. Ich hatte es schon einmal irgendwo gesehen. Aber mir wollte einfach nicht einfallen, wo und wann. Ich hatte es schon öfters gesehen. Nicht nur einmal. Es kam öfters in meinen Alltag. Ist schon lange her. Sehr lange her. Ich hatte es mal als Glückbringer mit bei einer Arbeit in der Schule. Mensch, wie lange ist das her? Sechs oder Sieben Jahre vielleicht. Aber wem gehörte der Glücksbringer. Und was war das für ein Glücksbringer …?

Mir fiel es einfach nicht ein. Ich hörte Takuto laut seufzen. Er ließ sich nach hinten fallen und schloss die Augen.

»Bist du müde?«, fragte ich leise und sah ihn über meine Schulter an.

»Ja. Dieses ganze Tag-Gedackele macht mich total müde.«

»Stimmt. Es ist schon anstrengend«, stimme ich ihm zu und sah wieder vor mir auf den Boden. Die Beziehung zwischen mir und Takuto war irgendwie so wie vorher. Ich fühlte mich so, als würde ich immer noch nur sein Kumpel sein. Nicht, als würden wir zusammen sein. Warum? Mir wurde ziemlich heiß. Liebte ich ihn etwa nicht? Oh Mann! Warum denke ich immer so viel?

Ich ließ mich ebenfalls nach hinten fallen und sah in Takuto’s Gesicht. Er hatte immer noch die Augen zu und sah mich indirekt an.

»Takuto?«

»Mm?«

»Liebst du mich noch?«

Takuto öffnete die Augen und sah mich an.

»Wie kommst du darauf?«

»Beantworte doch einfach meine Frage.«

Er sah mich noch eine Weile an. In mir stieg immer mehr das Blut. Musste er erst einmal über die Antwort nachdenken? Wenn ja … das wollte ich mir gar nicht vorstellen.

Doch dann nahm er meine Hand in seine und drückte sie feste. Dann kam er nah an mich ran und küsste mich leicht auf den Mund.

»Natürlich liebe ich dich. Sonst würde ich doch jetzt nicht hier mit dir liegen, oder?«

In meinem Gesicht machte sich ein beruhigtes Lächeln breit.

»Stimmt.«

Und ich dachte schon …

Plötzlich stürmte eine Person zwischen uns.

»Penelope!«, rief Takuto und zog schnell seine Hand weg, sonst hätte Penelope sie zerquetscht.

»Ich möchte aber auch in dem Bett schlafen!«, quengelte sie und kuschelte sich in meine Arme. Ich seufzte leicht und sah Takuto fragend an. Der, etwas angesäuert, zuckte nur mit den Schultern und drehte mir und Penelope den Rücke zu.

Ich sah etwas verwirrt aus und Penelope sprach das aus, was ich dachte:

»Was ist denn mit dem los?«

»Keine Ahnung. Lass uns schlafen, dann können wir morgen Nacht weiterziehen.«

Penelope nickte und kuschelte sich an meine Brust.

Sie war zwar süß, aber ich bin jetzt nicht ihr Ersatzpapa. Schon gar nicht, weil ihre Mama ein Mann sein müsste. Aber Theoretisch wäre ich die Mama. Ach Gott, wie kompliziert …

Ich schlief bald mit Penelope im Arm ein. Ich träumte irgendeinen Mist und wachte hin und wieder kurz auf. Alles war still und dunkel. Alles war so seltsam. Irreal. Ich schüttelte nur heftig den Kopf und schlief weiter.

Als ich endgültig aufwachte war es mitten in der Nacht. Das fahle Mondlicht schien durch das Fenster. Noch immer in meinen Armen schlief die kleine Penelope. Sie war hübsch in diesem Licht. Ihr blasses Gesicht sah so zart aus.
Nachdem ich mir für diese Gedanken hätte schlagen können, stand ich langsam auf. Takuto lag auch noch im Bett und schlief. Mir huschte kurz ein Lächeln auf die Lippen, welches aber so schnell wieder verschwand, wie es gekommen war.

Mein Hals war so trocken. Er tat schon fast weh. Ich ging in das kleine Bad, welches im Nebenzimmer war. Ich drehte den Wasserhahn auf und trank ein wenig Wasser. Es war kalt und schmeckte sehr metallisch. Doch mein trockener Hals blieb. Was nur mit mir los war?

Ich ging wieder zurück ins Hauptzimmer und stellte mich ans Fenster. Nachdem ich die Landschaft mit den Augen ein wenig erkundet hatte, sah ich einen kleinen Hasen im Gras hoppeln. Ich leckte mir über die Lippen. Mein Hals wurde immer trockener. Ich spürte, wie sehr mein Durst stieg. Durst nach etwas, was der Hase hatte. Blut …

Ich öffnete leise das Fenster und stieg hinaus. Ich schlich mich leise an den Hasen an, wie ein Raubtier auf allen Vieren. Meine Augen leuchteten schon rot und meine Zähne waren angriffsbereit. Als ich nur noch einen Meter Entfernung vom Hasen hatte, sprang ich aus meinem Versteck und ergriff den Hasen. Ich hielt das quiekende Tier fest in meinen Pranken. Ich riss schon meine Fangzähne aus meinem Mund.

Auf einmal wurde ich nach hinten gerissen und auf den Boden gezerrt. Ich ließ vor Schreck den Hasen los, der sich natürlich sofort vom Acker machte.

Ich riss wütend meinen Kopf nach oben.

»Takuto!«, brüllte ich die Person an und fuchtelte feste mit den Armen.

»Bist du verrückt? Einfach so raus zu schleichen, nur weil du deinen Durst nicht kontrollieren kannst?«

»Du verstehst das nicht! Du hast doch noch nie diesen verführerischen Drang nach Blut gehabt!«, fauchte ich ihn weiter an, ohne wirklich darüber nachzudenken, was ich da gerade zu ihm sagte. Er packte mich feste am Kragen und riss mich auf seine Kopfhöhe.

»Und ob ich diesen Drang schon hatte«, zischte er mir zu. »Ich konnte ihn bis jetzt immer nur besser kontrollieren, als du es kannst.«

»Pah! Als ob! Du kennst diesen Drang nur nicht!«

»Und ob ich den kenne!«

»Woher denn?«

Mit festem Vorhaben drückte er mich mit den Handgelenken über meinem Kopf ins Gras.

»Von dir«, zischte er wieder und kniete sich in meine gespreizten Beine. Er legte sich auf mich und leckte meinen Hals ab.

Ich schloss die Augen und kniff sie etwas zusammen. Ich bekam überall Gänsehaut. Es kribbelte überall.

Als Takuto in meine Hauptschlagader hinein biss, musste ich laut aufstöhnen. Es tat mit sehr weh und ich verkrampfte mich.

Ich verzerrte mein Gesicht und starrte in den klaren, dunklen Himmel hinauf. Ich hörte Takuto immer nur schlucken und lecken.

Nach mehreren Minuten ließ er endlich von mir ab. Er hatte so viel Blut von mir getrunken, dass ich meine Augen kaum offen halten konnte. Ich blickte ihn geschwächt an. Sein ganzer Mund war von meinem Blut verschmiert.

»Du … Arschloch …«, brachte ich raus und blickte Takuto verschwörerisch an.

»Erst mich anlügen … Dann einen auf beleidigt machen … Mein Abendessen versauen … Und jetzt mich auch noch auffressen …«

Er packte mich an meinem Kinn und hielt es fest.

»Selbst Schuld, wenn du so eine große Klappe riskierst«,flüsterte er. Darauf küsste er mich. Er drang mit seiner Zunge in meinen Mund und spielte mit meiner Zunge. Ich schmeckte deutlich mein Blut durch. Doch ich hatte trotzdem Durst. Ich wollte Takuto’s Blut haben, hier und jetzt. Aber ich war zu schwach, um ihn zu überwältigen und ihn auszusaugen.

Ärgerlich. Dabei war ich sonst stärker als er.

Während er mit meiner Zunge spielte und mein Blut sich schon unter mir breitmachte, dachte ich an früher.

Takuto war der liebe, verständnisvolle, immer beliebte, junge Typ, mit dem man alles machen konnte. Und jetzt …?

Ein Monster, das immer nur das eine will. Er beißt mich, saugt mir mein Blut aus, dreht oft durch und fängt grundlos an auf mich einzuschreien. Seitdem unsere Villa zerstört wurde und ich ihn hier in dem Dorf wieder getroffen habe, ist er anders geworden. Herrisch und Rechthaberisch. Eigentlich war ich das doch immer früher.

Ich liebe ihn noch immer, aber wenn er so zu mir ist, fühle ich mich nicht wohl …

»Takuto …«, flüsterte ich, als er für einen kurzen Moment mit dem Küssen aufhörte.

»Ja?«

Takuto küsste mich auf meine Wange.

»Was weißt du über diese Polizisten …?«

Abrupt hörte er auf. Er war genau neben meinem Kopf, so konnte ich ihm nicht in die Augen sehen. Wäre sowieso sehr schwer gewesen, da ich meine Augen kaum offen halten konnte.

»Dieses Thema hatten wir schon einmal ...«

»Ich weiß … Du hattest mir schon damals keine Antwort gegeben …«

Nach diesem Satz sah er mir feste in die Augen. Seine Giftgrünen Augen verformten sich zu Schlitzen.

Auf einmal zog er aus seinem Gürtel seinen Dolch und rammte ihn durch meine beiden Hände, die noch über meinem Kopf gelegen hatten.

Ich schrie wie am Spieß auf und zuckte heftig zusammen. Ich merkte, wie er meinen Gürtel aufmachte und meine Beine weiter auseinander drückte. Er zog meine und seine Hose ein Stück hinunter.

»Weißt du … ich hab auch keine Lust dir eine Antwort zu geben!«, zischte er mir ins Ohr und küsste mich kurz auf den Mund, während er in mich eindrang.

»Ah!«, rief ich und versuchte mich loszureißen, doch der Dolch hätte meine Hände zerfetzt. Wir lagen mitten auf einer Wiese, mein Blut schmückte die Erde und Takuto war in mir. Ich spürte ihn in dieser Stellung genau. Es tat bei jeder Reibung weh. Ich konnte mir diese Schmerzenstränen nicht verkneifen.

»Du … Sadist!«

Takuto grinste mich fies an. Dann packte er mich wieder an meinem Kinn und drückte feste zu.

»Tz … Als ob ich ein Sadist wäre … Ich will nur meinen Spaß!«

Danach lachte er kurz und setzte seine rhythmischen Bewegungen fort. Wir stöhnten heftig, obwohl mein stöhnen auch Leid verdeutlichte. Ich spürte meine Hände mittlerweile nicht mehr, ebenso wie meinen Hintern. Trotz der Erregten Situation, verhielten wir uns relativ still. Keiner von uns beiden wollte irgendwie verantworten, dass wir entdeckt werden würden.

»Hör auf … Takuto … Hör auf!«, schrie ich in die Nacht. Doch er machte immer weiter.

»Wenn du … nicht aufhörst … Kann ich dir nie wieder in die Augen sehen …«, drohte ich ihm. Er sah mich nur verständnislos an. Dann machte sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht breit und er lachte hämisch.

»Mein Schatz … Selbst wenn ich jetzt aufhören würde … Würdest du mich hassen.«

Stimmt. Ich hasste ihn mittlerweile schon wieder. Wie konnte er mir nur so etwas Schmerzhaftes antun. Dabei waren wir doch so glücklich. Warum musste er das so zunichte machen?

»Was denkst du … dir eigentlich dabei immer?«

»Ich hab halt meinen Spaß …«

Daraufhin küsste er mich und streichelte mir sanft über meinen Bauch. Er wurde nun etwas sanfter, trotzdem empfand ich es weder als schön noch angenehm. Es reichte mir.

Instinktiv trat ich Takuto mit voller wucht gegen den Bauch. Er fiel nach hinten auf seinen Rücken.

Schmerzhaft wie es war, drückte ich meine Hände hoch und zog so den Dolch aus der Erde. Ich zog den ihn mit meinem Mund aus meinen Händen. Überall spritzte das Blut und es war so schmerzhaft, dass ich es eigentlich schon gar nicht mehr spürte.

Ich richtete mich auf und wollte schon auf Takuto losspringen, da knackste mein Fuß und ich brach auf Takuto zusammen. Dass unsere Hosen immer noch uns an den Kniekehlen hingen, war wohl eher nebensächlich.

Ich packte Takuto am Kragen und schüttelte ihn heftig.

»Ich sollte dich umbringen, du Arschloch! Was denkst du dir dabei, mir immer so wehzutun? Ich denke du liebst mich? Was für ein Verständnis von Liebe hast du? Das fing schon damit an, als du mich dazu gezwungen hast mit dir das erste Mal zu schlafen! Da hast du mir schon verdammt wehgetan. Und jetzt das!«, brüllte ich ihn an.

Er sah nur zur Seite. Er mied den Augenkontakt mit mir. Ich sah in seinen Augen diese Gleichgültigkeit. Er schien mich nicht ernst zu nehmen. Ich fing erneut an:

»Hörst du? Was denkst du dir dabei? Was ist los mit dir? So kenne ich dich gar nicht! Hat das was mit dieser Polizei zu tun?«

Plötzlich drehte er seinen Kopf zu mir.

»Verdammt, du und diese Polizei! Geh doch hin und frag sie! Du bist ja schon besessen von dieser Organisation!«, schrie er mich an.

Mein Blut überströmte seinen Kragen und floss auf das flache Gras. Mein Atmen wurde immer schneller und ich konnte mir die Tränen nicht verkneifen.

»Mach ich …«, murmelte ich.

Takuto sah mich fragend an.

»Mach ich, du Vollidiot! Ich geh dahin! Ich frag die! Ich bring die um! Einer nach dem anderen! Und warte nur, wenn ich herausfinden sollte, dass du etwas gewusst hast, bring ich dich eigenhändig um! Und das ist ein Versprechen!«, brüllte ich und schüttelte ihn nach jeder Silbe einmal heftig.

Takuto machte ein seltsames Geräusch und spuckte mir direkt ins Gesicht.

»Mach doch! Verpiss dich, du Dreckskerl! Bring mich dann doch um!«

Ich stockte. Allein die Tatsache, dass er mir ins Gesicht gespuckt hat und das ziemlich eklig war, gab er indirekt zu, dass er etwas wusste. Wir stritten uns, wie so oft auch. Aber diesmal war es schlimmer. Ich spürte, dass, wenn ich zu weit gehen und meinen Wutausbrüchen freien Lauf lassen würde, es zwischen mir und Takuto vorbei sein könnte. Und das wollte ich, trotz dieser Situation nicht.

Ich ließ von Takuto ab und stand auf. Ich knöpfte meine Hose zu und ging stur an ihm vorbei Richtung Haus. Ich vernahm ein Rascheln im Gras, was mich wissen ließ, dass er sich auch erhob und mir folgte. Ich schmiss mich auf einen Sessel und legte die Füße auf die Heizung, die daneben gelegen war. Takuto machte es sich neben Penelope gemütlich. Irgendwann schlief ich ein, mit den schrecklichen Gedanken von dem Geschehen und der Angst, im Schlaf getötet zu werden. Takuto traute ich viel zu, wenn er so war.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war es dunkel im Zimmer. Keine Sonne am Himmel. Alles war in grau getunkt. Ich richtete mich auf und schlürfte zum Fenster. Nachdem ich alles so wieder fand, wie ich es auch im Schlaf verlassen hatte, ließ ich meinen Blick zum Bett rüberwandern. Takuto schlief noch. Jedoch war er weder süß noch schön im schlaf. Sein blasses Gesicht hatte sich ins Grimmige verformt und seine dunkelbraunen Augenbrauen ließen ihn böse wirken. Mir kam kurz der Gedanke, dass ich endlich mal meine Augen geöffnet habe und nicht mehr durch die Rosarote Brille sah. Doch den Gedanken verwarf ich mit dem, dass ich noch nie durch eine Rosarote Brille gesehen habe.

Meine Hände schmerzten noch ein wenig. Eine kleine Narbe hatte sich an der Stelle, wo das Messer drinsteckte, gebildet.

Doch plötzlich vermisste ich Penelope. Sie war nirgends zu sehen. Mir stieg mein Blut in den Kopf und mir wurde heiß um die Ohren. Hatte Takuto sie vielleicht getötet und sie irgendwo vergraben? Das würde ich ihm nie vergeben …

»Ryan.«

Ich drehte mich ruckartig um und starrte in rote Augen.

»Penelope … Gott sei Dank du lebst!«, flüsterte ich, um Takuto nicht aufzuwecken.

»Warum flüsterst du?«, sagte sie in einem normalen Ton.

»Um Takuto nicht aufzuwecken«, flüsterte ich erneut.

»Der schläft tief und fest. Die Tabletten wirken langsam.«

»Tabletten?«, fragte ich verwundert und ging auf Penelope zu.

»Ich hab gestern alles mitbekommen. Mit Takuto stimmt was nicht. Da brauch ich ihn auch nicht 6 Jahre für kennen.«

»Danke, dass mal einer meiner Meinung ist …«, nuschelte ich in meinen Mantel hinein.

»Wir sollten ihn aber nicht hier lassen, sonst holen ihn noch die Polizisten.«

»Mm, ich weiß nicht. Mitnehmen will ich ihn im Moment aber auch nicht. Ich häng sehr an meinem Leben, verstehst du?«

»Er wird dich schon nicht umbringen. Also nimm ihn schon.«

Ich sah Penelope von oben aus mies an.

»Hey, hey! Seit wann erteilst du hier die Befehle?«, meckerte ich sie an.

»Seit dem du und Takuto den Verstand verloren habt. Und weil ich die Frau bin.«

»Frau … Frau … Oh man …«, murmelte ich und ging langsam ans Bett ran. Ich hievte Takuto auf meine Schulter und verließ mit Penelope das Haus.

Wir gingen einen langen Feldweg entlang. Nirgends war eine Menschenseele zu sehen. Ich wusste nicht wohin wir gingen, ich folgte Penelope einfach. Seltsamerweise wusste sie anscheinend schon wohin sie wollte.

Nach zirka einer halben Stunde erreichten wir eine Stadt. Erst nachdem wir schon fast in der Stadtmitte waren, erkannte ich alles wieder. Es war die Stadt in der ich wohnte, in der ich starb und in der ich wieder auferstanden bin. Hier hat alles seinen Lauf genommen.

»Und was wollen wir hier?«, fragte ich mürrisch mit dem Gedanken, Takuto hoffentlich bald wieder abzuladen, da meine Schulter sehr schmerzte.

»Wir suchen das Amulett«, sagte Penelope und sah sich in den einzelnen Häusern um.

»Sag bloß, du hast nen Schimmer, was die für ein Amulett suchen!«

»Nein, aber du.«

Mit einem fragenden Gesicht ließ ich Takuto von meiner Schulter sinken und setzte ihn auf einer Bank, die am Straßenrand stand, ab.

»Wie? Ich soll das wissen? Ich bin ja froh, dass ich Amulett buchstabieren kann …«

Penelope kicherte kurz und schnipste mit ihrem Finger.

»Na, denk doch mal nach! Welche Personen kennst du, von denen du so gut wie nichts weißt?«

»Ne Menge. Wie soll mir das helfen?«

Ich setzte mich mit Penelope neben Takuto. Der war immer noch am Schlummern.

»Bei mir im Dorf haben die Polizisten die ganze Zeit von einem Ryan gesprochen. Ryan hier, Ryan da. Irgendeiner muss dich doch kennen.«

»Ich kenn ne menge Leute und es gibt bestimmt noch mal doppelt so viele, die mich kennen. Und jetzt, durch diese Organisation, auf jeden Fall noch mehr. Woher soll ich also wissen …«

»Mensch, Ryan! Schalt dein Gehirn ein, bevor du laberst! Es muss jemand sein, der dich gut kennt. Der viel über dich wusste. Und der noch lebt, sonst könnte er es ja nicht den Polizisten gesagt haben. Denk nach!«

»Denken ist nicht meine stärke …«

»Takuto’s auch nicht.«

»Ich weiß … Ich denk ja schon …«

Ich ging alle Personen durch. Aus dem Clan konnte es schon mal keiner sein, weil die alle tot waren. Sonst wüsste ich keinen mehr, der mich genauer kannte. Nur noch Takuto. Aber Takuto konnte es nicht gewesen sein, weil er, während das hier alles losging, bei mir war. Natürlich hätte er die Gelegenheit dazu gehabt, aber warum sollte er das tun? Er war damals ja noch ganz normal. Erst seit dem wir in dem Dorf gelandet waren.

»Mir fällt keiner ein, Sorry.«

»Wieso nicht? Ryan!«, schrie Penelope und klopfte mir auf dem Kopf rum.

»Au! Au! Hör auf! Au! Das tut doch weh!«, rief ich ihr zu und versuchte meinen Kopf mit meinen Armen zu schützen.

»Wie sieht’s denn mit Familie aus?«, versuchte Penelope weiter.

»Hab ich nicht …«

Doch! Moment! Meine Mutter habe ich eigenhändig umgebracht, mein Vater wurde von meiner Mutter umgebracht. Und wer war da noch?

»Der Freund meiner Mutter! Vielleicht ist es ja der! Den hab ich nämlich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.«

Penelope kreischte und klatschte heftig in die Hände. Dann sprang sie auf und hüpfte wie wild in der Gegend rum.

Plötzlich vernahm ich ein leichtes Murren neben mir. Takuto schien wach zu werden.

»Hey, hey Prinzessin! Takuto wird wach!«, flüsterte ich etwas lauter zu Penelope.

Die kam schnell angelaufen und kam ganz nah an Takuto’s Gesicht heran.

»Mm, du? Du hast doch … Du Miststück … Was …«, nuschelte Takuto und versuchte sich aufzurichten.

Penelope grinste über beide Ohren und zwinkerte mir zu. Ich sah sie nur fragend an und versuchte Takuto etwas zu stützen, obwohl ich ihn eher zu Boden hätte schlagen können. Doch da holte Penelope weit aus und schlug Takuto feste auf den Kopf. Der schrie auf und fiel zu Boden. Geschockt über die Situation sprang ich auf und stand fassungslos neben meinem Freund.

»P-Penelope! W-War das wirklich notwendig?«, brachte ich, immer noch sichtlich geschockt, raus.

»Ich hab kein Schlafmittel mehr. Ich hab ihm schon die ganze Packung reingedröhnt.«

»Du hast was?«, schrie ich und schlug die Hände über meinem Kopf zusammen. Sofort kniete ich mich zu Takuto und schüttelte ihn heftig. Er lallte irgendetwas von ‚ich töte dich’ und ‚Pass auf’. Doch ans Aufwachen wollte er wohl nicht denken.

»Du weißt schon, dass eine Überdosis an Schlaftabletten tödlich sein kann? Wo hast du die überhaupt her?«

»Die waren von meinem Vater. Und außerdem verschreiben die einem immer nur so viel, dass man gar nicht an einer Überdosis sterben kann.«, klugscheißerte Penelope schon wieder.

»Red nicht so, als wüsstest du ganz genau, was Apotheker verschreiben!«

»Das verschreiben Ärzte, Apotheker geben es dir nur.«

»Jetzt ist aber mal gut!«, schrie ich zum letzten Mal und haute Penelope leicht auf den Kopf.

Ich hielt Takuto immer noch in meinen Armen. Er lallte noch etwas weiter, verstummte dann aber nach einiger Zeit.

»Und was ist jetzt mit Takuto?«, fragte ich Penelope, die sich neben mich stellte und Takuto betrachtete.

»Woher soll ich das wissen?«

»Du weißt doch sonst immer alles, du Klugscheißer!«, brüllte ich sie an und verzweifelte langsam an meinem Verstand. Ist das hier überhaupt noch alles real? Gleich kommen die Marsmännchen und eröffnen ein neues Einkaufszentrum.

Auf einmal flog mir etwas Großes gewaltig gegen den Kopf. Ich fiel zu Boden und sah nur noch Sternchen auf Schwarzem Hintergrund.

»Hey! Guck mal, Ryan! Eine Blechschachtel! Da steht ja was drauf …«, rief Penelope und hob die Schachtel auf. Ich rieb mir nur den Kopf und richtete mich auf.

»Die Marsmännchen kommen …«, murmelte ich und konnte mir ein verzerrtes Grinsen nicht unterdrücken.

»Marsmännchen? Bist du noch klar im Kopf?«

Penelope drehte die Schachtel einmal las laut vor, was drauf stand:

»Vorsicht Glas.«

Ich stand auf und hievte Takuto zurück auf meine Schulter.

»Was auch immer drin war, das ist jetzt kaputt.«

»Genau wie das in deinem Kopf.«

Ich sah sie verwirrt an.

»Ach nein, tut mir Leid, da kann ja gar nichts kaputt gehen. Wo nichts ist, kann auch nichts kaputt gehen.«, kicherte sie los und öffnete die Schachtel.

»Pass auf, Kleine. Kannst froh sein, dass ich kleinen Kindern nicht gleich das Genick breche …«, murrte ich und schaute desinteressiert zur Seite.

»Och, da ist ja gar nichts drin. Nur ein doofer Zettel …«, sagte Penelope enttäuscht über den Inhalt der Schachtel.

»Gib mir mal den Zettel«, forderte ich sie auf und versuchte den Zettel mit Takuto auf der Schulter zu lesen.

»Im Haus des Storches liegt das Pentagramm.«

Penelope und ich schwiegen einen kurzen Moment. Dann sprachen wir unsere Gedanken gleichzeitig aus:

»Hä?«

»Verstehst du das?«, fragte sie mich.

»Genauso wenig wie du.«

Ich starrte den Zettel eine Weile noch an, mit dem Gedanken, dass ich ihn vielleicht noch verstehen werde, aber es funktionierte nicht. Ich steckte den Zettel wieder zurück in die Schachtel.

»Ach egal, lass uns weiter gehen. Wir müssen den Freund meiner Mutter suchen«, entschied ich entschlossen und nahm Penelope an die Hand.

»Weißt du denn wie er heißt?«

Ich stutzte.

»Äh … Nein …«, musste ich gestehen und blieb auch sofort wieder stehen.

Penelope seufzte und hob noch einmal den Zettel auf.

»So Blechschachteln fliegen nicht durch die Gegend. Das muss ein Hinweis sein!«, meinte sie und drehte und wendete den Zettel.

»Das glaubst aber auch nur du … Vielleicht war es ja auch der Wind, der die Schachtel gegen mein Gesicht geschleudert hat.«

»Natürlich, wir haben auch Windstärke 9, die eine Blechschachtel auf die Höhe bringen kann.«

Penelope und ich tauschten kurze Blickkontakte.

»Klugscheißer«, meinte ich stur.

»Vollidiot«, meinte sie zurück.

Sie sah sich den Zettel noch weiter an. Während sie rumrätselte, was das bedeuten könnte, lief ich mit meinem Freund auf der Schulter und einem kleinen, superschlauen Mädchen durch die Gegend und hatte keinen Plan wohin.

Hauptsache erst einmal wieder Klarheiten schaffen und Takuto wieder erlangen … Ich hatte ein kleines Bedürfnis zu stillen, welches aber nur mit dem richtigen Takuto zu stillen ging.

Und wir mussten alleine sein. Penelope könnte das glaube ich nicht ganz verkraften …

 

Ach Takuto …

-Kapitel 10-

 

Die Stunden vergingen und wir liefen immer weiter in der Stadt herum. Penelope hatte sich mittlerweile einen anderen Zettel von der Straße genommen und kritzelte mit meinem Kugelschreiber drauf rum. Manchmal rief sie laut ‚Ich hab’s!’, aber Sekunden darauf seufzte sie und schob ein ‚Doch nicht …’ hinterher. Takuto war immer noch bewusstlos. Langsam machte ich mir Sorgen, ob er überhaupt noch lebte. Aber auch das stärkste und klügste Mädchen fängt irgendwann an zu meckern …

»Ryan … Ich muss mal …«, nörgelte sie und zog an meinem Mantel.

»Dann geh …«, murrte ich und zeigte auf einen Busch im Stadtpark.

»Kommst du mit?«

Ich konnte mir einen Seufzer nicht verkneifen. Ich habe kleine Kinder schon immer gehasst. Warum musste ich ausgerechnet, in solch einer Situation des Chaos’, auch noch eins an der Backe kleben haben.

»Von mir aus …«

Ich ging mit Penelope an der Hand in den Stadtpark und setzte mich mit Takuto auf eine Bank, während Penelope hinter dem Busch verschwand.

Ich seufzte kurz und blickte in den grauen Himmel. Ich war froh endlich mal sitzen zu können. Die Füße taten mir weh, die Schultern ebenfalls und die Hände froren mir langsam ein. Es wurde nämlich kühl, der Winter stand an. Es war Mitte Oktober. Normalerweise war es um diese Zeit schon ziemlich kalt. Doch der Sommer versüßte noch etwas länger unsere Zeit. Ich vermisste ihn jetzt schon, obwohl er gerade erst gegangen war.

Mein Blick fiel auf Takuto. Er saß schlapp auf der Bank und ließ seinen Kopf hängen. Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen. Ich hob seinen Kopf an und führte ihn zu mir. Sanft küsste ich ihn auf den Mund. Wie lange wir uns schon nicht mehr geküsst hatten …

Auf einmal öffneten sich Takuto’s Augen. Er sah mich verwirrt an. Doch als er die Situation realisierte und merkte, dass ich ihn gerade geküsst hatte, schlug er mit voller Wucht meine Hände weg und setzte sich auf.

»Bist du bescheuert? Was tust du da?«, brüllte er mich an.

Ich sah ihn nur geschockt an. Ich bin bescheuert? Weil ich meinen Freund geküsst habe? Was eigentlich zur Tagesordnung in einer Liebesbeziehung gehört?

»Was ist denn mit dir los?«, schrie ich zurück. In mir kochte es fürchterlich. Ein falsches Wort von ihm …

»Was mit mir los ist? Ich sag dir, was los ist: Mit so einem blutverrückten, schwulen Monster, dass vor hat, mich zu töten, will ich nichts zu tun haben! Das ist los!«, rief er und hielt schon seine Fäuste hoch.

Da waren definitiv viele falsche Worte enthalten …

Ich holte weit aus und schlug ihm ins Gesicht. Er fiel von der Bank auf den Rücken und hielt sich sein Gesicht vor Schmerzen.

»Bist du bescheuert?«

Takuto fing an aus der Nase zu bluten. Sein Blick weitete sich und er schien mich grade innerlich zu verfluchen.

»Nein, aber du! Wir haben uns geliebt, haben uns umarmt, geküsst, geschmust und keine Ahnung was noch! Und jetzt weist du mich auf die kälteste Art ab, die ich kenne. Du bist fies zu mir, vermeidest jeglichen Körperkontakt mit mir, der auch nur einen funken Liebe enthalten könnte und beschimpfst mich mit Wörtern, die ich noch nie aus deinem Mund gehört habe!«, schrie ich, kurz davor in Tränen auszubrechen und die Kontrolle über mich zu verlieren. Ich sprang auf Takuto und packte ihn am Kragen.

»Was haben die mit dir gemacht? Wo ist mein Takuto? Wo ist meine kleine Klette? Wo ist der Vampir, der es liebte, mich zu Sex zu zwingen? Wo ist Takuto?«, rief ich immer wieder und schüttelte Takuto hin und her. Der versuchte sich immer wieder zu wehren und fuchtelte mit seinen Händen in meinem Gesicht rum.

Es brummte schon im Himmel. Danach donnerte es wieder. Gewitter kam auf. Vereinzelt tropften dicke Regentropfen auf den Asphalt. Es dauerte nicht lange, da regnete es in Strömen.

»Ryan! Es fängt an zu regnen! Lass uns …«, rief Penelope und kam aus dem Gebüsch hervorgesprungen. Jedoch stockte sie, als sie Takuto und mich sah.

Meine Tränen vermischten sich mit dem Regen und mein Gesicht verzerrte sich verzweifelt. Immer wieder rief ich Dinge und schlug Takuto auf den Boden. Ich schüttelte ihn und schrie ihn an. Ich versuchte alles, was ihn veränderte abzuschütteln, doch es ging nicht. Alle meine Klamotten wurden pitschnass und klebten an meiner Haut. Meine Schuhe füllten sich ebenfalls mit Wasser und immer, wenn ich meinen Mund öffnete, floss mir das ganze Wasser rein. Ich konnte kaum reden, weil ich so weinen musste. Ich schluchzte immer wieder auf, verschluckte mich an dem vielen Wasser und musste vereinzelnd heftig aufatmen, weil ich sonst keine Luft mehr bekommen hätte. Ich war so verzweifelt. Ich war verletzt worden. Ich hatte wieder alles verloren?

Takuto schien es gestunken zu haben. Er holte mit seinem Bein aus und trat mir in meine Magengrube. Ich krümmte mich und fiel zur Seite. Takuto sprang auf und ging stur an mir vorbei. Ich hörte noch, wie Penelope versuchte ihn aufzuhalten, doch er schubste sie nur zur Seite. Dann war er weg.

Ich lag auf dem Boden und bewegte mich kaum. Ich schluchzte immer noch und weinte. Ich konnte einfach nicht anders. Meine ganzen Gefühle kamen wieder an einer Stelle zusammen. Die ganze Zeit schwirrten mir nur zwei Gedanken im Kopf.

Takuto hasst mich jetzt, er liebt mich nicht mehr, finde dich damit ab, dass es einfach keine Person gibt, die es länger als ein paar Jahre mit dir aushält.

Und, hör auf zu weinen, du bist kein Mädchen, kein Mädchen!

Ich hörte Schritte auf mich zukommen. Penelope kniete sich neben mich hin und streichelte meine Schulter. Doch ich schlug ihre Hand weg.

»Fass mich nicht an!«, schrie ich ihr entgegen. Sie erschrak kurz und nahm sofort ihre Hände weg. Trotzdem blieb sie neben mir sitzen.

Wie lange ich wohl weinte …

 

Nach zirka einer Stunde hörte es endlich auf zu regnen. Penelope und ich hatten uns derweilen unter einem Vorbau eines Geschäftes untergestellt. Wir sprachen kein Wort miteinander. Trotzdem kuschelte sie sich ganz nah an mich ran und hielt sich mit ihren kleinen Händchen an meinem nassen T-Shirt fest. Ich hielt sie im Arm und starrte in die Ferne. Sah dem Regnen zu, wie er auf dem Asphalt aufkam. Wie er weiter floss, bis in einen Abwasserkanal.

Ich hatte mir einen Plan ausgedacht. Ich würde dieses Amulett finden, würde die Organisation erpressen, eliminieren und Klarheit schaffen. Ich würde jeden einzelnen töten. Und das wichtigste an diesem Plan: Ich werde Takuto töten. Und ich folge ihm. Er ist mein ‚Vater’ und ich bin seiner. Wenn wir erst einmal tot sind, können wir immer noch Zusammensein und uns bis in alle Ewigkeit streiten. Mir soll alles egal sein, Hauptsache die Menschen hier haben endlich Ruhe.

»Ryan?«, fragte die piepsige Stimme von Penelope.       

»Ja …?«

»Hasst du Takuto jetzt auch?«

Ich musste kurz überlegen.

»Nein, ich liebe ihn. Aber nicht den Takuto, der dich vorhin in den Schlamm geworfen hat.«

»Meinst du, die Polizisten haben ihm etwas angetan?«

»Bestimmt.«

»Hoffentlich geht’s ihm gut …«

Innerlich stimmte ich ihr zu. Ich hoffte so sehr, dass er nichts damit am Hut hatte, aber alles schien dagegen zu sprechen.

Ich sah mir den mysteriösen Zettel noch einmal an.

»Im Haus des Storches liegt das Pentagramm …«, las ich die Schrift murmelnd vor.

»Ich hab mir was überlegt, aber das ergibt keinen Sinn …«, sagte Penelope und deutete auf den Zettel.

»Erzähl. Vielleicht kann ich mit meinem Spatzenhirn etwas raus finden.«

»Also ‚Haus des Storches’ hab ich mal so gedeutete, dass damit vielleicht das Krankenhaus gemeint ist. Weil man erzählt kleinen Kindern ja, dass die Kinder vom Storch kommen. Und Kinder werden ja im Krankenhaus geboren. Und mit dem Pentagramm, könnte ein böses Omen gemeint sein. Ein Gegenstand, der nichts Gutes bringt. Aber es gibt tausende Krankenhäuser …«

»Mm, also ich wurde in keinem Krankenhaus geboren … Meine Mutter konnte nicht ins Krankenhaus, weil sie keinen Führerschein hatte und mein Vater zu betrunken war. Deswegen mussten dann Hebammen kommen. Die haben meiner Mutter dann geholfen, mich zu gebären.«

Penelope machte ein trauriges Gesicht. Sie wollte etwas sagen, schwieg aber.

»Das ist es!«, rief sie plötzlich und löste sich von mir.

»Das ist es doch! Natürlich! Du wurdest in deinem Haus geboren, das ist das Haus des Storches! Und das Pentagramm, damit ist das Amulett gemeint! Jetzt macht alles Sinn! Das Amulett liegt bei dir zu Hause!«

Penelope sprang auf und klatschte heftig in die Hände. Ich blieb nur träge sitzen.

»Und wenn das eine Falle ist?«, fragte ich ermüdend und kratzte mich am Nacken, während ich versuchte mich zu erheben.

»Natürlich! Wenn es eine Falle sein soll, würde ich so ein kompliziertes Rätsel nicht machen. Die Gefahr, dass wir es nicht verstehen würden, wäre doch zu hoch.«

Ich hätte am liebsten wieder Klugscheißer zu ihr gesagt, aber das habe ich mir mal unterdrückt, denn immerhin hat sie das Rätsel gelöst.

Also nahm ich Penelope an die Hand und wir gingen in Richtung meines alten zu Hause. Dort angekommen, war alles noch so, wie ich es verlassen hatte. Der Garten mehr oder weniger gepflegt, die Rollläden waren halb unten und die Fenster schienen geputzt.

»Guck mal, Ryan. Alle anderen Häuser sind zerstört, nur deins nicht«, sagte Penelope und zeigte auf die Nachbarhäuser.

»Ist doch klar, wenn hier mal die Geliebte dieses Mannes lebte. Dann zerstört der das doch nicht«, meinte ich nur kühl und ging die kleine Veranda hoch. Ich öffnete die Tür, indem ich sie ausriss.

»Musst du so grob sein?«, meckerte Penelope und stampfte mit dem Fuß auf den Boden.

»Wie hättest du es denn gemacht? Mit einer Haarklammer versucht das Schloss zu öffnen? Wir haben nicht ewig Zeit …«

Ich ging in den Flur und ließ Penelope, angesäuert wie sie war, stehen. Erst sah ich mich ein wenig um und musste feststellen, dass alles Ordentlich war. Nichts wurde zerstört. Ich ging ins Wohnzimmer und suchte nach einem Eiförmigen Amulett. Ich hatte es als Glücksbringer für eine Arbeit dabei. Daran erinnere ich mich wieder. Mensch, mein Kopf mutiert auch immer mehr zum Sieb.

Im Wohnzimmer war nichts zu finden und auch in der Küche, im Bad, im Schlafzimmer meiner Mutter und im Büro. Jetzt fehlte nur noch mein Zimmer. Ich öffnete langsam die Tür. Mich traf der Schlag:

Mein Bett war zerstört, der Schrank war eingekracht und mein Schreibtisch war nur noch Kleinholz. Die Tapete wurde von den Wänden abgerissen und mein Sofa wurde zerrupft. Alle meine Bücher und Hefte waren zerstreut auf dem Boden verteilt und meine Bilder waren zersplittert. Die Gardinen lagen auf dem Boden und die Lampe, die vorher an der Decke hing, lag nun auf dem Boden. Alles war ordentlich, nur mein Zimmer wurde verwüstet bis auf den letzten Stift.

Ich ging langsam in die Trümmer hinein. Unter meinen Füßen knirschte es heftig. Trotzdem sah ich weder ein Amulett, noch irgendetwas Ähnliches. Nach der Verwüstung zu urteilen, scheint man hier schon gesucht zu haben. Vielleicht haben sie das Amulett schon. Deswegen ist hier auch keiner mehr. Ich beschloss wieder runter zu Penelope zu gehen. Doch da knirschte es hinter mir.

Ich drehte mich um und starrte in die grünen Augen von Takuto.

»Takuto!«, zischte ich, als ich sah, was er da in der Hand hielt.

Das Eiförmige Amulett mit dem Brandmal von Penelope. Es baumelte von Takuto’s linker Hand.

»Ihr beide habt aber ziemlich lange für das Rätsel gebraucht«, meinte er und grinste mich hämisch an.

»Hast du es geschrieben?«

»Nein …«, sagte er und ging auf mich zu, »… das war jemand anders. Aber ich habe alles mitbekommen, als Penelope es vorgelesen hat. So ein leichtes Rätsel und ihr kommt erst nach fast drei Stunden auf die Lösung …«

Takuto lachte kurz und warf mir dann das Amulett zu. Ich fing es und starrte es an.

»Warum gibst du mir das?«, fragte ich misstrauisch. Takuto winkte nur ab.

»Was soll ich damit? Sollen sie dich doch deswegen töten. Mir soll’s egal sein.«

Ich erschrak kurz, weil es ihm anscheinend egal war, ob ich getötet werde oder nicht. Doch dann Dämmerte es mir.

»Stopp mal. Wenn ich sterbe, stirbst du auch! Schon vergessen, dass wir uns gegenseitig gebissen haben?«, rief ich ihm zu. In der Hoffnung, er würde vielleicht aufwachen und sich daran erinnern, warum wir uns gegenseitig gebissen haben. Und das, weil wir uns liebten …

»Das denkst aber auch nur du. Wenn du stirbst, lebe ich weiter. Wie die kleine Penelope …«, lachte er und hob unschuldig seine Arme. Ich rannte auf ihn zu und drückte ihn gegen die Wand. Mit einem Mal zog ich sein T-Shirt hoch.

»Du …«

Mehr bekam ich nicht raus. Takuto hatte auch ein Brandmal an seinem Bauchnabel. Es war das Zeichen von dem Amulett.

»Warum …?«, stotterte ich. Ich konnte es nicht fassen, dass er auch eins hatte. Aber wie es schien, hatte er es sich mit vollem Bewusstsein machen lassen.

Auf einmal schnellte seine rechte Hand vor und packte meinen Hals. Er drückte ihn feste und stemmte mich hoch. Ich röchelte und schnappte nach Luft, während ich das Amulett in meine Hosentasche steckte. Ich packte mit meinen beiden Händen nach Takuto’s Arm und drückte ihm meine Krallen in die Haut. Das Blut lief an seinem Arm herunter und tropfte auf den Boden.

»Zwecklos, Ryan«, meinte er nur und belustigte sich daran, dass ich fast keine Luft mehr bekam.

»Soll ich dich mal aufklären? Damit du nicht weiter rätseln musst?«

Ich kämpfte immer noch mit seinem Arm, doch er schien keinerlei Schmerzen zu empfinden.

»Diese ganze Sache nimmt seinen Ursprung vor 6 Jahren. Du hast deine Mutter umgebracht. Und Toni wollte sich rächen.«

»T … Toni?«, versuchte ich noch rauszukriegen. Takuto merkte, dass wenn er mich nicht bald loslässt, ich ihm noch während er mich alles erklärt, noch abkratze. Also ließ er mich los und schmiss mich auf den Boden. Ich prallte gegen die Holzstücke meines Bettes. Ich saß schlapp auf dem Boden, angelehnt an die Holzbretter und die Füße weit von mir gestreckt, und schnappte nach Luft. Takuto packte mich am Kragen und setzte sich breitbeinig auf meinen Schoß.

»Toni ist der Freund deiner Mutter. So weit wird dein Spatzenhirn doch auch schon gekommen sein, oder, Ryan?«

Ich versuchte zu nicken, was mir mehr oder weniger gelangt. Wusste ich es doch. Der Typ heißt also Toni und er liebte meine Mutter so sehr, dass er mir Rache schwur.

»Er wusste, dass du ein Vampir warst. Er recherchierte und musste natürlich feststellen, dass er als Mensch keine Chance gegen jemanden wie dich hat. Also forschte er nach. Er war Professor an einem Institut, die übernatürliche Kräfte forschten. Er missbrauchte die Forschung und entwickelte einen Impfstoff, der die übernatürlichen Kräfte eines Menschen hervorrufen kann. Dieses nette Amulett, was du da in deiner Tasche hast, ist der Datenträger. Es gehörte deiner Mutter und trägt das Zeichen, das fast jeder hier in der Stadt auf seinem Bauch trägt. Jeder, der es trägt, verpflichtet sich zum Dienst. Toni will es wiederhaben, koste es was es wolle. Und wenn er es erst einmal hat, kann er seine eigenen Fähigkeiten ausleben und … dich töten.«

Takuto musste lachen. Sein Griff um meinen Kragen wurde fester. Er zog mich ganz nah an sein Gesicht heran.

»Er wird dich töten, und dann bekommt er seine Rache. Nach 6 langen Jahren hat er sein Ziel erreicht.«

»Und warum … der ganze Aufwand … Würde es nicht reichen, mich in einen Hinterhalt zu locken und mich umzubringen? Warum … mussten so viele sterben …?«

Takuto verformte seine Augen zu Schlitzen.

»Wenn man die ultimative Waffe hat, warum sie dann nicht auch einsetzen? Wäre doch dumm, sie unbenutzt in der Ecke verstauben zu lassen. Die Vampire aus unserem Clan wollten sich nicht anschließen, sie rebellierten, genau wie du …«

Mir kamen ein paar Tränen, die kurz darauf auf meiner Wange runterkullerten.

»Und … warum du nicht?«

Takuto schloss die Augen und lehnte sich zufrieden zurück.

»Weil du mich mit Füßen getreten hast, du hast mit mir gemacht was du wolltest. Ich hab es nicht mehr ausgehalten. Ich sah darin die Chance, dir einmal zu zeigen, wie viele Schmerzen ich in diesen 6 Jahren erleiden musste. Und jetzt … brauch ich dich nicht mehr. Du bist wertlos und zu nichts zu gebrauchen. Sieh es ein! Du warst früher ein Nichts und bist es heute immer noch!«

Takuto lachte immer lauter. Es schallte schon in meinen Ohren nach. Ich konnte mich kaum beruhigen. In mir kochte es und ich hätte ihn am liebsten zerhackt. In alle Kleinstücke. So verteilen, dass man ihn nie wieder zusammen flicken könnte. Sodass er für immer tot ist.

»Ryan! Ryan! Da unten sind böse Männer!«, rief Penelope und stürmte in das Zimmer herein. Sie stockte kurz, als sie mich und Takuto sah.

»Ryan!«, kreischte sie und lief auf uns zu. Doch Takuto schnipste einmal und Penelope fiel in Ohnmacht.

»Sie ist dumm, die Kleine. Sie hat das Brandmal bekommen und ist danach abgehauen. Jetzt wird sie auch sterben, wie du. Dumm, nicht wahr?« Takuto grinste mich siegessicher an. Ich schüttelte leicht den Kopf.

»Gleich wird es vorbei sein, Ryan. Dann hast du deine ewige Ruhe!«

Und sofort fing Takuto wieder an zu lachen. Seine Lache war so anders, so künstlich und böse.

Auf einmal sprang eine schwarze Gestalt durch das Fenster. Die ganzen Splitter zerstreuten sich auf dem Boden. Die Gestalt zog in Sekundenschnelle ein Samuraischwert und schlug damit nach Takuto. Der wich schnell aus und rutschte auf einem Heft aus. Er flog auf den Boden. Die Gestalt hielt ihm das Schwert an die Kehle. Eine mörderische Stimmung schwankte im Raum. Takuto schlug mit einem Mal das Schwert zur Seite und trennte dabei einige Finger von seiner linken Hand ab. Mit einem schmerzverzerrten Gesicht rannte er an Penelope vorbei und sprang aus dem schon zerbrochenen Fenster.

Plötzlich schossen weitere Gestalten nach der einen, die Takuto in die Flucht geschlagen hatte. Die schwarze Gestalt rannte nach draußen in den Flur und metzelte einen nach dem anderen ab. Diese Person veranstaltete ein reines Blutbad. Ich krabbelte zu Penelope und zog sie in eine sichere Ecke hinter den Betttrümmern. Dort wartete ich, bis die Gestalt mit ihrem Späßchen fertig war.

Nach wenigen Minuten hörte ich das Summen der Klinge, wie sie ausgeschüttelt und wieder in die Scheide zurückgesteckt wurde. Ich drehte mich langsam um und sah an der Bettkante vorbei. Die Gestalt kam genau auf mich und Penelope zu. Ich drückte sie feste an mich und versuchte sie zu schützen. Als die Gestalt genau vor mir stand, konnte ich nicht anders, als die Augenzukneifen und hoffen, dass es kurz und schmerzlos sein würde.

»Keine Angst, Ryan. Ich bin’s doch.«, hörte ich eine sehr bekannte Stimme. Ich öffnete langsam meine Augen und starrte in die roten Augen von …

»Riccardo!«, rief ich und fiel ihm um den Hals. Ich war so froh, eine bekannte Seele wieder zu treffen. Riccardo und ich kuschelten erst einmal ausgiebig. Danach löste ich mich von ihm.

»Wieso bist du hier? Ich dachte du wärst tot!«, sagte ich erleichtert darüber, dass er es doch nicht war.

»Na ja, so ganz ohne ist mein Leben nicht, aber es reicht fürs Erste«, meinte Riccardo und zog seinen Umhang etwas hoch. Mein Blick wurde Trübe, als ich auch an Riccardo das Zeichen am Bauchnabel sah.

»Verstehe …«, murmelte ich nur und sah zur Seite.

»Keine Angst, ich hab nicht den Verstand verloren, wie Takuto. Komm erst mal mit mir in die Villa zurück. Dort warten die anderen schon auf uns.«

»Die anderen?«, fragte ich verwundert. Doch Riccardo zwinkerte mir nur zu und nahm mich an die Hand. Wenn ich bei Riccardo war, fühlte ich mich immer wie ein kleiner Junge, der noch unerfahren und dumm ist. In gewisser Weise war ich das auch …

Nachdem wir das Haus verlassen hatten und ich Penelope Huckepack genommen hatte, liefen wir die paar Meter zur Villa. Sie lag immer noch in Trümmern, doch innen brannte Licht. Wir betraten das Haus und mich traf der Schlag.

»Ist jetzt nicht wahr …«, staunte ich nicht schlecht, als ich den ganzen Clan gemütlich im Foyer sitzen sah. Viele waren zwar noch verwundet und erschöpft, trotzdem lebten alle. Sofort begrüßte mich auch eine alte Bekannte.

»Ryan! Du lebst!«, kreischte Nana und kam auf mich zugelaufen. Sie sprang mich regelrecht an und, hätte mir Riccardo nicht schnell Penelope abgenommen, wäre ich umgekippt.

»Schön dich wieder zu sehen Nana.«, meinte ich und drückte sie auch erst mal feste. Sie fand drücken anscheinend noch nicht genug, da küsste sie mich erst einmal auf den Mund.

»Ich hab dich so vermisst!«

Nana sah nicht so gepflegt aus wie sonst, ihr Haar war verstrubbelt und sie trug nur einen Ohrring. Ihre Haut hatte blaue Flecken und Kratzer. Trotzdem war sie Glücklich und ihr Grinsen reichte bis über beide Ohren.

»Ich dich auch …«, versuchte ich nett zu klingen. Sie übertrieb mal wieder etwas …

Riccardo sah auch nicht sehr gut aus. Er sah eigentlich noch älter aus als vorher.

»Jo, bring sie doch bitte in die Krankenstation!«, rief Riccardo einem Mann zu. Der nahm Penelope in seine Obhut und trug sie in einen Nebenraum.

»Ist ja krass, dass ihr alle wieder hier seid«, freute ich mich und begutachtete die restlich Überlebenden.

»Wir alle wurden von den Leuten wiederbelebt, die uns erst getötet haben. Doch wir konnten Widerstand leisten und haben sie getötet. Im Moment haben wir Ruhe, aber das wird nicht lange anhalten. Die kommen wieder und geben uns diesmal wirklich den Rest«, sprach Riccardo und sah mich hoffnungsvoll an.

»Moment mal … Ich … Ich soll was tun?«, stotterte ich und fand mich alleine gegen diese ganzen übernatürlichen Cracks etwas unterlegen.

»Du bist der Einzige der etwas unternehmen kann! Wir sind nur Marionetten dieser Organisation. Von diesem Toni. Aber du hast das Amulett. Damit schaffst du es bestimmt!«, machte mir Riccardo Mut. Ich kramte leicht verwirrt das Stück Blech aus meiner Hosentasche.

»Nicht im Ernst …! Damit?«, fragte ich und hielt verwundert das Stück Blech etwas höher.

»Na klar.«

»Sind wir jetzt in einem Fantasyfilm oder was? Macht’s gleich ‚Pling Pling’ und ich bin ein Magical-Girl? So wie in Wedding Peach?«

»Ryan, bitte! Ein bisschen mehr Ernst …«

»Ernst? Ich hoffe ja die ganze Zeit, dass du das mit dem Stück Blech nicht Ernst meinst!«

»Doch natürlich. Das ist doch das, was Toni will. Hinter diesem Amulett muss doch was stecken!«

Ich drehte das Amulett.

»Ja, ein Preisschild.«

»Ryan!«

»Was? Was?«, fragte ich empört. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass Riccardo meinte, dass ich eine ganze Horde übernatürlicher Cracks mit einem billigen Blechamulett platt machen kann. Wie sähe das denn aus? Ich stell mich vor die hin und schreie ganz laut ‚Kniet nieder vor dem heiligen Blechamulett für 9,99 € aus dem Billigladen an der Ecke! Ja, genau der, der neben dem Supermarkt ist! Kniet nieder und ergebt euch, oder ich werfe euch das Blechteil an den Kopf!’

Klar, klappt. Hundertpro.

»Riccardo!«, rief ich nun, »Das ist doch nicht dein Ernst! Dieses Stück Blech kann Nichts bewirken. Weder kann es eine ganze Organisation platt machen noch gibt es uns einen Anhaltspunkt. Und das ist Tatsache!«

Riccardo sah mich traurig an. Sein Blick senkte sich Richtung Boden. Er schwieg und seufzte kurz. Danach setzte er murmelnd wieder an:

»Dann müssen wir uns wohl geschlagen geben und zurück in die Hölle gehen …«

Ich stockte und mein Blick weitete sich. Riccardo drehte mir den Rücken zu und begab sich ans andere Ende des Foyers. Ich stand regungslos an der Eingangstür und starrte ihm hinterher. Ich biss mir leicht auf die Lippe und sah zweifelnd das Amulett an.

»Was soll ich nur machen …?«, fragte ich leise mich selber.

 

Nach mehreren Stunden saß ich in meinem alten Zimmer. Es war unaufgeräumt und das Fenster war zersplittert. Ich saß auf meinem Bett. Kurz vorher hatte ich es repariert. Aber sehr stabil sah es trotzdem nicht aus. Ich starrte die ganze Zeit dieses Amulett an.

Takuto sagte, es sei ein Datenträger für Tonis Forschungen. Warum gab er sie dann erst aus den Händen. Wenn es doch meiner Mutter gehörte, dann war es, als es ihr noch gehörte, kein Datenträger, weil sie ja noch lebte und er keine Rache erst entwickeln musste. Warum also liegt es hier in meinem Zimmer? Und wer hatte Penelope und mir dieses Rätsel geschrieben? Ein Rätsel verfolgt das andere. Und alle wollen gelöst werden.

Mein Zimmer verdunkelte sich immer mehr. Der Himmel zog sich immer mehr mit Wolken zu. Ich sah kaum noch etwas. Ich erhob mich und griff nach einer schwarzen Kerze, die vorher auf meinem Schriebtisch stand und jetzt auf dem Boden lag. Der Dort war schon etwas kaputt, doch als ich mein Feuerzeug rausholte, brannte er trotzdem. Ich stellte die Kerze neben mir auf das Nachttischschränkchen. Ein kleines Lichtchen in der großen Dunkelheit. Manchmal fühlte ich mich wie das kleine Lichtchen. Niemand ist da, der meine Flamme vergrößern kann. Nur jeder versucht sie auszumachen. Und mit ausmachen meine ich mein Leben ‚ausmachen’. Mein Blick fiel noch einmal auf das Amulett. Ich durchdachte die Situation in meinem Zimmer noch einmal durch. Auf einmal musste ich mich heftig schütteln, weil mir ein kalter Schauer über den Rücken lief. Takuto hatte das Schwert von Riccardo weg geschlagen und hat sich dabei den Zeigefinger und den Mittelfinger abgetrennt. Und ich glaube, die Fingerkuppe vom Ringfinger war auch dabei. Die abgetrennten Finger lagen noch bei mir im früheren Zimmer. Der Anblick allein hat mir gereicht.

Ich nahm das Teil und zog es mir über. Noch einmal sah ich es verzweifelt an. Ich seufzte kurz und ließ meinen Kopf nach vorne sinken.

Plötzlich löschte eine Hand die Kerze. Mit einem Schlag wurde es Stockdunkel in meinem Zimmer. Ich spürte wie zwei Arme mich von Hinten streichelten. Sie fuhren von meinen Schultern aus bis zu meiner Brust, wo sie dann diese massierte.

»Du zerbrichst dir ja immer noch den Kopf …«, lachte eine Person hinter mir.

»Drei mal darfst du raten, wer Schuld ist …«, zischte ich.

Ich schlug die Hände von meiner Brust und drückte die Gestalt in mein Bett. Ich umfasste ihren Hals und drückte heftig zu. Doch diese lachte nur.

»Du hast keine Chance. Wenn du nicht weißt, wie man es benutzt, bist du auch nicht stärker als vorher.«

»Es reicht, Takuto!«, rief ich und wollte schon zu einem Schlag ausholen. Doch er hielt die Hände vor sich und sagte Stopp.

»Ich bin hier, um mit dir zu reden. Nicht um zu kämpfen.«

Ich verzog mein Gesicht und ließ meine Faust sinken.

»Reden …«, murmelte ich und setzte mich wieder normal hin.

»Dann rede«, forderte ich Takuto auf, damit ich ihn so schnell wie möglich zur Strecke bringen konnte. Er setzte sich neben mich und sah mich mit einem hämischen Grinsen an.

Er sah zwar so aus, als würde er gleich lossprechen, doch das ließ auf sich warten. Mein Blick fiel auf seine linke Hand.

»Wie ich sehe, hast du deine geliebten Finger wieder …«

»Toni hat sie mir wieder drangemacht.«

»Drangemacht?«

»Mit Hilfe von Laser, der mein abgetrenntes Gewebe wieder zusammengefügt hat.«

»Aha …Scheint ja ein toller Hecht zu sein, dieser Toni.«

Er musste kurz auflachen.

»Du hast doch keinen Plan, was hier abgeht oder?«

Ich wurde etwas arrogant.

»Tz, ich hab mir so was doch schon gedacht.«

»Das mein ich nicht. Nicht die Sache mit Toni.«

Verwundert, aber trotzdem noch arrogant, sah ich ihn an. Er lehnte sich zurück und winkelte seine Beine an.

»Was dann?«

»Warum das Amulett bei dir im Zimmer lag, warum das hier alles fabriziert wird, warum sein Rachefeldzug nicht nur dir gilt sondern auch anderen, warum er deine Freunde wiederbelebt hat und vor allen Dingen, warum ich ihm diene und dich von jetzt an als Feind sehe. So ist es doch, oder?«

Mit genervtem Blick lehnte ich mich auch an die Wand zurück.

»Okay, Quizmaster. Dann gib mir mal die Antworten für die eine Million, die es hier zu gewinnen gibt.«

Takuto lachte leise und schloss seine Augen.

»Ich weiß auch nicht alles, weißt du. Ich kann dir nur das sagen, was ich auch weiß.«

Ich packte ihn am Kragen und zog ihn zu mir.

»Siehst du? Das ist auch wieder so eine Sache, die ich nicht kapier! Warum sagst du mir alles? Was willst du damit bezwecken? Ich dachte, du willst, dass ich sterbe! Dann wäre es doch viel einfacher, mir einfach nichts zu sagen, oder etwa nicht?«, schrie ich und wollte ihm deutlich machen, dass er der Hauptgrund meiner Verwirrung war.

Takuto nahm sanft meine Hände von seinem Kragen und schlug mir danach aber heftig ins Gesicht. Sein Grinsen verschwand aber nicht aus seinem Gesicht. Ich machte eine 180° Drehung und landete mit dem Bauch auf dem Bett. Ich spürte nur, wie er sich auf mich drauflegte und mir ins Ohr flüsterte:

»Ich sag dir was, Ryan. Man bekommt zwar viel mit Gewalt, aber nicht alles. Ich sage dir alles, weil es so mehr Spaß macht, dich verrecken zu sehen. Ich gebe dir keine Antworten, das müsstest du doch mal gemerkt haben. Ich gebe dir Informationen, die nur noch mehr Fragen verursachen. Das ist der Sinn. Ich war eigentlich hier, um dir zu sagen, wo du Toni im Moment finden kannst, aber das lasse ich, glaube ich, lieber wieder.«

»Nein …! Nein, sag mir wo Toni ist!«, rief ich und versuchte die Augen aufzumachen, doch es Schmerzte von Takuto’s Schlag noch zu sehr.

»Und was bekomme ich dafür?«

»Was du dafür bekommst? Einen Faustschlag von mir!«, rief ich weiter.

Er biss mir kurz ins Ohr, was kurz danach anfing zu bluten.

»Darauf kann ich verzichten. Dann sag ich nichts …«

Ich sah ihn zwar nicht grinsen, aber ich konnte es mir lebhaft vorstellen.

»Okay, okay! Was willst du von mir?«

Ich spürte, wie er an meinem Ohr leckte und sich zu meiner Wange vorarbeitete.

»Es ist lange her …«, murmelte er, während er mit seinen Händen mein T-Shirt hochzog. Sofort schlug ich sie weg.

»Ich hatte noch nie etwas mit dir, wer auch immer du bist! Also nimm deine dreckigen Pfoten von mir!«

»Na, na, na! Ich dachte, ich bin dein Takuto?«

»Du nicht! Bestimmt nicht …«

Ich kniff meine Augen zusammen und schluchzte kurz in die Matratze hinein. Takuto’s Hände massierten sanft meinen Oberkörper und er küsste mich am Nacken.

»Sei mein, mein Schatz …«, flüsterte er mir zu, während er meine Brustwarzen drehte.

»Ah!«, schrie ich auf und lief rot an.

»Ich bin nicht dein Schatz! Hör auf!«, rief ich und versuchte mich zu wehren. Doch es gelang mir nicht, weil er auf mir lag und sich richtig auf mich stemmte.

»Dann bist du halt nicht mein Schatz … Aber lass uns Spaß haben!«, lachte er und zerriss mein T-Shirt. Er warf die fetzen auf den Boden. Geschockt sah ich ihnen hinterher, wie sie auf den Boden glitten.

»Bist du verrückt? Das war mein Lieblings-T-Shirt!«, meckerte ich und trauerte innerlich meinem T-Shirt hinterher.

»Du brauchst kein T-Shirt …«

Takuto leckte meinen Rücken ab und drehte erneut an meinen Brustwarzen. Ich stöhnte immer wieder auf. Es erinnerte mich an alte Zeiten …

Takuto’s Hand wanderte von meiner linken Brustwarze runter in meine Hose. Dort massierte sie meinen kleinen Freund, der von Reibung zu Reibung größer wurde. Ich atmete heftig, trotzdem versuchte ich mich zu wehren. Takuto ließ kurz von mir ab, um sich sein T-Shirt auszuziehen. Danach zog er sofort meine Hose runter, doch er zog sie nicht ganz aus. Er zog auch seine Hose nur bis zu den Knien runter. Sofort danach hob er meine Hüfte in die Höhe, um besser in mich eindringen zu können.

»Hör auf, du Vollidiot!«, stöhnte ich. Er massierte meinen kleinen Freund nicht schlecht. Ich bekam richtig Lust auf mehr.

Doch er wurde brutaler als zuvor. Er drang sofort in mich ein, ohne irgendwie irgendwas zu befeuchten. Ich schrie heftig auf und hielt mich verkrampft an der Matratze fest. Ich atmete schwer und schwitzte schon ziemlich. Doch der Schmerz in meinem Hintern ließ mich fast alles vergessen. Takuto begann sich zu bewegen. Jetzt rutschte es durch mein entstandenes Blut wesentlich besser.

»Du … Arschloch tust mir weh!«, schrie ich und konnte mir kleine Tränen nicht unterdrücken.

»So macht es mir aber mehr Spaß …«, flüsterte Takuto und griff nach meinen Haaren. Er zog kräftig an ihnen. Ich schrie auf und warf meinen Kopf nach hinten, sonst hätte er mir alle ausgerissen. Ich halte zwar viel aus, aber das strapazierte nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Geist. Ich weinte und schluchzte, während er mich durchnahm. Es war so schrecklich. Als ich meine Augen öffnete, sah ich schon riesige rote Flecken auf der Matratze. Warum kommt keiner und hilft mir? Wieso hört niemand mein Schreien?

Mir wurde nach wenigen Minuten schwarz vor den Augen. Ich hörte mich nur Stöhnen, Takuto auch und wie ich schrie. Wörter wie ‚Nein!’ und ‚Hör auf!’ bekam ich noch heraus. Doch zu mehr war ich nicht mehr im Stande. Manchmal hustete ich heftig, weil ich mich an meinem Speichel verschluckt hatte. Mein Hals brannte. Meine Augen taten weh. Mein Hintern schmerzte. Mein Rücken tat mir auch weh, weil ich meinen Kopf seltsam nach oben hielt und Takuto meinen Rücken nach unten drückte. Mein Kopf tat weh, weil Takuto mir an den Haaren zog. Ich spürte meine Füße schon nicht mehr. Meine Hände waren schon wund, weil ich die Matratze die ganze Zeit umklammerte. Ich kniff meine Augen feste zusammen, und betete, dass es endlich aufhört oder dass ich gleich sterbe.

 

Mein Zimmer wurde in einem Blaustich getunkt, da es langsam hell wurde. Ich lag halb auf meinem Bett. Immer noch nackt. Und die Schmerzen hörten auch nicht auf. Meine Matratze war zur hälfte von meinem Blut rot gefärbt und an manchen Stellen zerrissen. An mir klebte das weiße Zeug und meine Augen wurden mit roten Ringen umgeben, von Takuto’s Schlag. Ich habe keine Ahnung wo er nun ist. Nachdem ich einfach nicht mehr konnte, bin ich zusammengebrochen. Während dem Sex. Irgendwo war mir das jetzt peinlich, aber auch verständlich, dass man bei solchen Sadistischen Spielchen irgendwann zusammenbricht. Takuto hat sich danach wahrscheinlich aus dem Staub gemacht, oder auch nicht. Er schien jedenfalls noch gekommen zu sein. Ob mein Zeug hier auch rum lag, wusste ich nicht. Mir Schmerzte wirklich alles. Wenn ich mich so in meinem Zimmer umsah, lagen um mein Bett herum sogar vereinzelt Haare. Zur Hälfte Blond, zur Hälfte Schwarz. Im Moment hatte ich aber wirklich andere Probleme, anstatt meinen Ansatz zu Färben. Meine Haare gingen mir schon über die Schulter. Ich begutachtete meine Spitzen und drehte sie ein paar Mal. Danach griff ich nach dem Fenstersims und hielt mich daran fest. Ich zog mich langsam hoch und stöhnte dabei vor Schmerzen auf. Warum ist keiner gekommen? Wo waren die denn alle? Ich versuchte aufzustehen und Richtung Bad zu gehen. Die Tür war eingeschlagen und die Duschwand zersplittert. Während ich zur Dusche ging, trat ich in tausende Splitter. Aber dieser Schmerz war kein Vergleich zu den restlichen Schmerzen. Als ich am Duschkopf angekommen war, musste ich feststellen, dass er abgebrochen war. Ich riss ihn ab und schmiss ihn neben die Toilette. Der blanke Schlauch tat es genauso gut. Die vereinzelten Wunden heilten zwar langsam ab, doch der Schmerz um meine Augen und meinem Kopf ließ mir keine Ruhe.

Als ich endlich fertig war, schlurfte ich in mein Zimmer zurück. Ich trocknete mich mit einem zerfetzten Bettlaken ab. Mit halb geöffneten Augen zog ich mich an. Doch mein T-Shirt hatte Takuto ja erfolgreich zerrissen. Da stand ich nun mit einer Hose, aber keinem T-Shirt. Ich seufzte kurz und ging Richtung Tür. Ich lief kurz an meinem zertrümmerten Spiegel vorbei und bemerkte etwas Seltsames.

Langsam ging ich wieder zurück und stellte mich vor den Spiegel.

Meine Augen weiteten sich von Mal zu Mal.

Ich bemerkte, dass hinter mir an der Wand etwas geschrieben stand. Sofort drehte ich mich um und starrte an eine blutverschmierte Wand. Und es roch nach Takuto’s Blut.

 

»Ich weiß nicht alles, aber ich sage dir viel. Du kannst Toni dort finden, wo die

Liebe das jüngste Gericht ankündigt. Frage das kleine Gör, die weiß bescheid und weist

Dich, nimm sie auch mit, dort hin. Vielleicht erkennst du das wahre im Leben,

Ryan. See U in Hell …«, las ich von der Wand ab.

 

Ich stockte. So viel Blut. Alles von Takuto. Hätte er nicht einfach einen Stift und ein Papier nehmen können?

Dort wo die Liebe das jüngste Gericht ankündigt. Mir fiel einfach kein Ort ein. Wieso sollte die Liebe das jüngste Gericht ankündigen? Wirklich seltsam.

Ich ging aus meiner Tür und beeilte mich, so weit es mein Körper zuließ, zu Penelope zu kommen. Im Foyer befanden sich all die anderen. Manche waren noch mehr verletzt als vorher und andere lachten schon wieder. Ich sah Nana, wie sie mit einer Freundin quatschte.

»Nana! Kannst du mir sagen, wo Penelope ist?«, rief ich ihr zu.

Sie drehte sich kurz zu mir um und weitete ihre Augen. Sie stand auf und ging auf mich zu.

»Was ist denn mit dir passiert?«, fragte sie hysterisch.

»Hatte gestern Abend eine kleine Auseinandersetzung mit Takuto.«

Sie machte einen Hundeblick und fing leicht an zu weinen. Ich verdrehte leicht die Augen, was mir danach aber mit einem harten Schmerz zurückgezahlt wurde.

Nana rutschte ein kurzes ‚Oh!’ raus.

»Ryan-Schatz. Hast du kein T-Shirt mehr?«, fragte sie lieb und streichelte verwundert meinen Bauch.

»Das ist im Moment eher Sekundär. Wo ist Penelope, weißt du das?«, fragte ich noch einmal.

»Ja, die ist noch in der Krankenstation. Da hinten lang«, sagte sie und zeigte mir den Weg.

»Danke!«

Ich beeilte mich und stolperte eher zur Krankenstation. Ich öffnete heftig die Tür und erschrak erst einmal.

Da saß Riccardo auf einem Bett mit irgendeinem Typen. Es war der von dieser Krankenstation, der Penelope hier hin gebracht hat. Die beiden knutschten heftig miteinander rum und befummelten sich. Als sie aber merkten, dass ich grade die Tür rein gekommen war ließen sie voneinander ab und starrten mich an.

»Sorry!«, rief ich und machte schnell wieder die Tür zu. Geschockt blieb ich noch neben der Tür stehen. Riccardo treibt es echt mit jedem.

Plötzlich wurde neben mir die Tür aufgemacht. Riccardo schaute raus.

»Ryan? Was ist denn mit dir passiert?«, fragte er besorgt und wollte schon aus der Tür rauskommen.

»Nichts! Ich hab mich gestern selbst geschlagen!«

Riccardos Augen weiteten sich.

»Wieso das denn?«

»Weil … weil ich so gemein zu dir war. Gestern. Das mit dem Amulett.«

»Aber deswegen brauchst du dich doch nicht selber schlagen!«

Nach der Ausrede, hätte ich mich wirklich selber schlagen können.

»Jetzt ist egal. Wo ist Penelope?«

»Die ist auf der Suche nach dir. Ich glaube, sie ist grade in deinem Zimmer.«

Ich nickte kurz und lief, mehr oder weniger, wieder zurück. Ich fühlte mich ziemlich blöd, weil ich sehr seltsam durch die Gänge lief, ohne ein T-Shirt an, mit blau geschlagenen Augen und blauen Flecken am ganzen Körper.

An meinem Zimmer angekommen, musste ich erst einmal verschnaufen. Diese kleine Anstrengung war schon zu viel für mich und meinen Körper. Ich öffnete die Tür und entdeckte Penelope. Sie stand vor der Blutverschmierten Wand und sah geschockt und traurig zugleich aus.

»Penelope, gut, dass ich dich gefunden habe …«, meinte ich schwer atmend.

»Ryan … War Takuto gestern etwa bei dir?«, stotterte sie etwas.

»J-Ja, war er. Und er hat das hier geschrieben …«

Ich stellte mich neben Penelope.

»Das ist ja Wahnsinn! Takuto ist ja richtig schlau geworden!«, rief sie begeistert und ergriff fest entschlossen nach einem Edding. Sie steckte den Deckel auf die Rückseite des Stiftes und begann an meine Wand zu kritzeln.

»W-Was tust du da? Bist du verrückt?«, schrie ich verzweifelt darüber, dass sie zwischen den Zeilen von Takuto rumkritzelte.

»Ich versuche dir zu helfen, du Idiot!«

Sie kritzelte verschiedene Dinge an die Wand. Neben manche Wörter schrieb sie wieder andere. Dann stellte sie sich auch einen Stuhl, um auch an die oberen Wörter zu kommen.

Nach wenigen Minuten stockte sie. Sie sprang vom Stuhl und stellte sich weiter weg von der Wand.

»Ryan … Schau mal …«, flüsterte sie. Ich ging zu ihr und schaute auch auf die Wand.

»Was ist denn?«, fragte ich und beugte mich zu ihr runter.

Sie zeigte auf die Anfangszeilen.

»Ich … liebe … dich, … Ryan …«, las sie vor.

Ich erhob mich langsam wieder und konnte meinen Blick nicht mehr von der Wand lösen. Ich schlurfte zur ihr und berührte die mit Blut geschriebenen Wörter.

»Ich liebe dich …Ryan …«, wiederholte ich das, was Penelope sagte. Ich biss mir auf die Lippe und umfasste mit dem linken Arm meinen Brustkorb, während ich meinen rechten auf den linken abstützte und mir die Hand vor mein Gesicht hielt. Ich schüttelte leicht den Kopf und las die anderen Wörter.

»Natürlich …«, flüsterte ich.

Penelope kam neben mich und griff nach meiner linken Hand.

»Eure Liebe hat in der christlichen Kirche keine Chance. Homosexuell zu sein ist eine Sünde. Und dort wird dann das jüngste Gericht für diejenigen gesprochen. So war es früher.«

Ich nickte und stürmte mit Penelope an der Hand aus meinem Zimmer.

»Wir holen uns Waffen und das was wir sonst noch brauchen und gehen zu jeder Kirche, die hier in der Nähe ist!«, befahl ich und rannte mit Penelope in den Keller, wo die ganzen Waffen gelagert waren.

Doch mitten auf der Kellertreppe kam mir Sasha entgegen.

»Ryan, Ryan. Dass es dich auch noch gibt«, grinste sie hämisch und verschränkte ihre Arme. Sie stellte sich uns genau in den Weg.

»Sasha, geh mir aus dem Weg«, zischte ich ihr zu. Doch sie lachte nur kurz.

»Und ein kleines Kind schleppst du auch noch mit dir rum. Sag bloß du bist von Takuto Schwanger geworden und das ist euer Kind!«

Nach diesen Worten lachte sie sich über ihren eigenen Witz kaputt. Sie krümmte sich und wischte sich sogar vereinzelnd Tränen aus dem Gesicht.

»Du Hure! Kannst du nicht einfach in der Hölle schmoren? Und schön angebraten werden, damit ich dich dann essen kann?«, schrie ich sie an. Kurz danach verstummte ihr Lachen.

»Tz, ein Gentlemen bist du ja nicht grade …«

»Du bist auch keine Dame!«

Ich versuchte an ihr vorbei zu gehen, doch sie ergriff mein Handgelenk.

»Was willst du von diesem Takuto? Er hasst dich doch jetzt! Warum also noch diese Zuneigung?«, fragte sie mich spitz und kam ganz nah an mein Gesicht heran.

»Weißt du, so was nennt man Liebe!«, zischte ich ihr wieder zu und riss mein Handgelenk von ihrer Hand weg. Ich nahm Penelope Huckepack und rannte in einen der Keller hinein. Nachdem ich die Tür zugemacht hatte, musste ich seufzen.

»Wer war das?«, fragte Penelope, nachdem ich sie abgesetzt hatte. Sie setzte sich auf einen Karton.

»Das war eine blöde Kuh, der du niemals über den Weg laufen solltest, außer es lässt sich nicht vermeiden.«

Ich griff nach einer Bazooka und hing sie mir um.

»Sie ist eine falsche Schlange und es würde mich nicht wundern, wenn sie auch hinter der ganzen Geschichte stecken würde …«, murmelte ich und steckte mir noch weitere Waffen in meine Hose und an meinen Gürtel.

»Aha …«, seufzte Penelope und hüpfte von der Kiste. Sie ging an einen großen, massiven Schrank und öffnete ihn. Sie zog ein riesiges Samuraischwert heraus. Als ich sah, wie Penelope sich das Schwert an ihr Kleid band, stutzte ich.

»Du … willst doch nicht im Ernst damit kämpfen?«, fragte ich leicht verwirrt.

»Natürlich, oder denkst du ich schlepp das aus Spaß mit mir rum?«, rief sie empört.

»Ist das nicht was schwer-?«

»Ich kann meine Kräfte im Gegensatz zu dir sehr gut einschätzen und weiß, ob etwas zu schwer für mich ist oder nicht!«, meckerte sie und ging mit den Händen an der Hüfte stur an mir vorbei.

»Schon klar, Klugscheißer.«

Ich seufzte einmal laut und folgte ihr.

Wir liefen im Morgengrauen durch die verlassenen Gassen. Es war recht frisch, sodass man unseren Atem sah. Mir wurde richtig schlecht, als wir die erste Kirche sahen. Die Aufregung allein machte mich fertig. Vielleicht sterbe ich gleich, vielleicht treffe ich Toni und erfahre endlich die Wahrheit. Aber vielleicht töte ich auch Takuto. Ich glaube davor hatte ich am meisten Angst.          

Wir betraten den Hof der Kirche. Ein leichter Wind wehte und die grauen Pflastersteine wurden in einem Blaulicht getunkt. Ich umfasste die massive Türklinke. Ich atmete einmal tief ein und schloss die Augen. Ich stellte mich jetzt auf alles ein. Ich nickte Penelope kurz zu, sie nickte zurück. Sofort danach drückte ich die Klinke runter und schmiss die Tür auf.

Die massive Tür machte einen lauten Knall gegen die Wand. Schussbereit ging ich mit der Waffe jeden Blickwinkel ab. Penelope hielt ihr Samuraischwert griffbereit. Mein Herz schlug so feste in meiner Brust, ich dachte es springt heraus. In der Kirche war niemand zu sehen. Die Sakristei wurde vereinzelnd zerstört. Die Bänke sahen an einigen Stellen verbrannt aus. Doch von irgendeinem Mann war keine Spur. Ich atmete feste aus und ließ meine Waffe sinken.

Sofort bekam ich einen Schlag gegen meinen Kopf. Ich flog den Gang bis zum Altar entlang. Ich hörte wie Penelope kreischte und zu mir lief. Sofort drehte ich mich um und starrte in ein bekanntes Frauengesicht.

»Sasha! Was sollte das?«, schrie ich und versuchte aufzustehen. Ihr übliches Lächeln versiegte und sie kam auf mich zu.

»Misch dich nicht in Tonis Angelegenheiten ein!«

»Hä? Ich? Ich soll mich nicht einmischen? Entschuldige, aber ich glaube du verstehst hier was nicht ganz …«, rief ich ihr zu und hielt meine Waffe bereit.

»Toni verlangt Rache von dir. Trotzdem geht er seiner Arbeit nach! Und wir sind nah an unserem Ziel dran. Also soll so ein kleiner Fisch wie du es nicht kaputt machen!«, zischte sie verärgert.

Ich schmunzelte etwas.

»Ich brauch also nicht mehr fragen, ob du mit diesem Toni unter einer Decke steckst …?«

»Pah …«

Sasha fasste sich zwischen ihre Brüste und holte eine kleine Waffe heraus. Sie hielt sie mir direkt ins Gesicht. Dann blieb sie stehen.

»Du kannst eh nur große Reden schwingen …«, sagte sie spöttisch und drückte ab.

Der Schuss ging direkt in meine Stirn. Durch die Schlagkraft, fiel mein Kopf in den Nacken. Ich hielt mich an Sashas rechtem Oberarm fest.

Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Mit voller Kraft zog ich sie an mich heran und schlug ihr heftig mit meinem Kopf gegen ihren. Sie schrie auf und ließ die Waffe dabei fallen. Vor Schmerzen packte sie sich an ihren Kopf und schüttelte ihn heftig.

»Bist du verrückt? Du Arschloch!«, rief sie und krümmte sich schon etwas.

»Ich hab schon so viele Kopfschmerzen, da macht das hier auch nichts mehr …«, lachte ich und zog mir die Patrone aus meiner Stirn. Es tat mir höllisch weh, doch der Schmerz ging in dem vorherigen unter. Mir lief das Blut an meinem Nasenbein bis zu meinem Kinn herunter. Ich bückte mich und griff nach ihrer Waffe.

Langsam ging ich auf Sasha zu. Danach schubste ich sie zu Boden und stemmte meinen rechten Fuß auf ihren Bauch. Ihr Blick galt ganz der Waffe, die ich auf sie gerichtet hatte.

»Ich will dich ja nicht einfach umbringen …«

»Tu es doch!«, schrie sie schrill. Es hallte durch die ganze Kirche. Ihr Augenweiß wurde plötzlich schwarz und ihre Eckzähne wuchsen. Mir wurde auf einmal richtig heiß.

Mein Kopf dröhnte, meine Hand zitterte, meine Füße gingen einen Schritt nach hinten. Meine Augen konnten sich nicht von Sasha lösen. Ich dachte an die Situation von damals. Als das hier alles seinen Lauf nahm. Als Takuto und ich in die Villa kamen und alle abgeschlachtet waren. Wo mich der eine Polizist anfiel. Ich verwandelte mich. Fast genau so. Nur Sashas Verwandlung sah noch schlimmer aus, als die meine. Ich musste heftig schlucken.

Es hallte.

Penelopes Stimme holte mich aus meiner Trance wieder zurück.

»Ryan! Werd wach!«, rief sie durch die ganze Kirche. Vor Schreck drückte ich ab. Das Stöhnen und Kreischen von Sasha hörte abrupt auf. Ich atmete schwer und starrte auf die erstarrte Frau, die vor mir auf dem Boden lag. Ihr Blut floss an meinen Füßen vorbei. Bis zum Altar. Am Taufbecken vorbei in eine Rille, die bis zu einem heruntergefallenen Kreuz ging. Das Blut färbte das Holz dunkelrot.

Nachdem ich mich beruhigt hatte, kam Penelope auf mich zu.

»Ryan, was war denn mit dir los …?«, fragte sie sanft und legte eine Hand auf meinen Arm.

»Scheiße!«, rief ich laut und schmiss die Waffe mit voller Wucht auf den Boden. Der Boden bekam Risse und die Waffe zersprang. Penelope wich ängstlich zurück und wechselte die Blicke zwischen mir und der zersprungenen Waffe.

»Ich wollte sie ausfragen! Ich wollte Informationen! Und jetzt hab ich sie umgebracht!«, schrie ich durch die Kirche und fasste mir verzweifelt an den Kopf.

»Sie wusste eh nicht viel«, ertönte eine Stimme. Ich schüttelte den Kopf, nachdem die wohl bekannte Stimme sprach.

»Und woher weißt du das jetzt wieder, Riccardo?«, flüsterte ich, was aber durch den Schall der Kirche lauter wurde.

Ich hörte Schritte, die auf mich zukamen und schließlich vor mir stehen blieben. Riccardo legte die rechte Hand auf meine linke Schulter.

»Sasha hat uns verpfiffen. Sie hat diesen Männern erzählt, wo die Villa ist. Das hat mir Jo erzählt.«

»Jo? Wer ist Jo?«

»Der Krankenpfleger.«

»… Was hat der damit zu tun?«

»Er ist der bisherige Freund von Sasha gewesen. Sie wollte ihn auch überreden für Toni zu arbeiten. Da hat sie ihm alles ausgeplaudert. Deswegen … hast du mich mit Jo ‚erwischt’. Das habe ich nur geplant, damit ich etwas über die ganze Sache herausfinden kann.«

Ich riss meinen Kopf nach oben und starrte in Riccardos Gesicht. Ich packte ihn am Kragen und schüttelte ihn heftig durch, während ich schrie:

»Du wusstest die ganze Zeit von dieser Scheiße hier? Warum hast du mir nichts gesagt?«

»Ich wollte, doch du warst ja gestern Abend mit Takuto und heute mit Penelope beschäftigt.«

»Was? ... Das ist nicht dein Ernst! So etwas ist wichtig! So etwas sagst du mir doch nicht, nur wenn ich lange für dich Zeit habe?!«, schrie ich verzweifelt, immer noch sichtlich geschockt, dass er mehr wusste als ich.

»Ryan, beruhig dich! Mit deinem Kopf kannst du doch keinen klaren Gedanken fassen!«, versuchte Riccardo sich aus meinem Griff zu wehren, doch ich ließ nicht locker.

»Ich sag dir mal was, Player-Vamp! Ich fühl mich hier wie ein kleines Kind! Ein Kind, das von nichts wissen darf und trotzdem am Ende die Arschkarte zieht! Ich fühl mich so richtig verarscht! Von dir, von Takuto und vor allen Dingen von diesem Toni! Was soll der Scheiß?«

Riccardos Gesicht wurde verärgert und er gab mir eine heftige Backpfeife. Es schallte durch die ganze Kirche. Penelope zuckte heftig zusammen und hielt sich hinter einer Bank versteckt.

»Und ich sag die mal was, Depri-Vamp! Es gibt mehr im Leben, als nur Heulen und in Selbstmitleid versinken! Es gibt mehr als die Rosarote Traumwelt der Liebe! Es gibt die harte Realität! Bis jetzt konntest du dich wirklich nicht beschweren: Du hast ewiges Leben von mir erhalten, hast den ganzen Tag nichts gemacht, bist nur hin und wieder raus gegangen! Du hast deine Liebe deines Lebens gefunden und glücklich mit ihr gewesen! Du hast alles gehabt, von einer Familie bis hin zu einem festen Freund! Und jetzt kommt der Nachteil ans Licht: Vampir sein bedeutet Verantwortung und Standhaftigkeit. Das was du hier abziehst, ist Selbstmitleid und eigen geschaffte Probleme! Ich habe dir damals den Zettel mit dem Rätsel geschickt. Ich habe dich vor Takuto gerettet. Ich habe dich schon so oft gerettet. Jetzt ist es an der Zeit, dass du mich mal rettest. Und nicht nur mich, sondern alle. Deine Rosarote Zeit ist jetzt vorbei, warum schnallst du es nicht? Warum kommt das in deinem Spatzenhirn nicht an?«

In dem Moment kämpfte ich wirklich mit den Tränen. Alle hassen mich, hatte ich das Gefühl. Takuto, Sasha, Penelope bald sicher auch und Riccardo jetzt. Mein geliebter Zieh-Vater, mein ‚Vater’ in der Vampirgeschichte, mein einziger, richtiger Halt. Und jetzt werde ich von ihm runter gemacht. Keiner versteht richtig, was ich bis jetzt durchgemacht habe. Nur Takuto hat mich immer verstanden, weil er mich so gut kannte. Er kannte mich in und auswendig. Und das vielleicht sogar wörtlich.

Ich sprang auf und lief an Riccardo vorbei. Meine Schritte hallten in der Kirche und der Schlag der massiven Tür wurde durch den Schall verdeutlicht. Ich hörte noch wie Penelope und Riccardo nach mir riefen.

Obwohl es Tag war, war es dunkel, da eine dicke Wolkenschicht die Sonne verdeckte. Es war kalt und man sah meinen Atem. Ich wusste nicht wohin ich rannte, aber ich rannte weg von allem.

Nach mehreren Minuten blieb ich endlich stehen. Ich konnte nicht mehr und ich wusste auch nicht mehr wo ich war. Nur die Stille war bei mir. Ich ließ mich auf dem Boden fallen. Um mich herum war nichts. Nur Feld. Abgeerntetes Feld. Ich sah weit entfernt einen kleinen Wald. In der anderen Richtung sehr weit entfernt Chemiewerke. Hinter mir noch vereinzelte Häuser der Stadt. Ich schien sehr viel gelaufen zu sein.

Verzweifelt rammte ich meine Fäuste in den matschigen Boden. Ich biss mir auf die Lippe und mir liefen Tränen über die Wange.

»Ich weiß, dass ich ein Weichei bin! Ich weiß, dass ich Depressiv bin, ich weiß, dass ich oft in Selbstmitleid versinke, ich weiß, dass ich dich brauche, Takuto! Das hier ist doch alles nur eine große Lüge! Nichts als eine Lüge! Kann ich überhaupt noch zwischen Richtig oder Falsch unterscheiden? Ich brauche dich! Jetzt ist der Zeitpunkt, wo du auftauchen kannst! Komm her! Takuto! Takuto!«

Meine Schreie versanken im Wind, der über den Acker wehte. Meine verzweifelten Schreie nach Hilfe erhört fast nie jemand. Warum sollten sie jetzt gehört werden?

Mir war kalt und auch nach mehreren Minuten kam niemand.

 

Ich war allein.

-Kapitel 11-

 

 

Als ich meinen Kopf das erste Mal nach vielen Stunden erhob, brach schon die Nacht herein. Wie die Zeit verging und ich machte nichts, außer weinen. Das erinnerte mich an die Worte von Riccardo.

Ich erhob mich langsam aus meiner Schlammgrube. Als ich stand, musste ich entsetzt feststellen, dass aus der Stadt Rauch kam. Es brannte sicher. Mein Blick weitete sich und ich wurde hysterisch. Ich wollte schon losrennen, doch da versiegten meine Beine. Ich fiel wieder auf den Boden und atmete feste.

»Was …?«

»Keine Angst. Das ist normal am Anfang.«

Ich drehte mich schlagartig um.

»T-Takuto!“, rief ich erfreut. Jedoch merkte ich, dass es er ja mein Feind war und man sich normalerweise nicht sonderlich positiv freut, wenn der Feind neben einen steht.

Takuto kniete sich neben mich und streichelte meine Wange.

Mit einem Lächeln verkündete er mir:

»Jetzt bist du einer von uns …«

Mein Lächeln verschwand und mein Blick weitete sich. Erst verstand ich nicht ganz, was er meinte, doch dann verstand ich. Sofort schaute ich auf meinen Bauch.

»Nein … Nein! Nein! Nein! Was hast du gemacht?«, schrie ich und tastete das Zeichen an meinem Bauch ab.

Takuto’s Gesicht kam von unten an meines heran. Mit seiner rechten Hand fasste er an meinen Bauch, wo sich das Zeichen befand.

»Ich finde, es passt hervorragend zu dir …«

Danach drückte er mir einen leichten Kuss auf den Mund. Der Kuss war lange, obwohl sich nur unsere Lippen berührten und wir in einer Position verharrten. Trotzdem schloss ich fast die Augen und blinzelte nur durch meine Haare hindurch. Takuto ließ kurz von mir ab und fasste dann mit seinen beiden Händen meinen Kopf und strich mir meine Haare an der linken Seite nach hinten. Sein Kuss wurde energischer und intensiver. Er kniete sich auf beide Knie und hob seinen Oberkörper nach vorne, sodass er größer war als ich. Ich saß auf meinen Beinen und ließ meine Arme in meinem Schoß liegen. Ich hob den Kopf an und ließ mich von ihm Küssen. Es war schön, nach langer Zeit konnte ich endlich wieder richtig entspannt mich in meiner Welt einnisten und niemanden außer Takuto an mich heranlassen. Doch alles hat ein Ende, so auch unser Kuss. Takuto sah mich noch eine Weile sehnsüchtig an, dann umarmte er mich feste um meinen Hals. Ich umarmte ihn auch und drückte ihn feste an mich. Es fing an zu Gewittern. Tropfen fielen auf uns herab. Der Regen wurde stärker. Der Boden unter uns schien sich fast aufzulösen. Es donnerte hin und wieder. Doch der Regen ließ die Stille versiegen. Man hörte nur das Tröpfeln auf dem Boden. Der Regen war zwar kalt, doch Takuto’s Umarmung war mehr als angenehm warm. Alles um mich herum war mir egal. Nur mein Takuto war bei mir. Mir war es egal, ob ich nun zu Toni gehörte, oder ob ich bald sterben werde, oder ob Riccardo mich hasst. Alles … Nur Takuto …

 

Plötzlich wurde mir schwarz vor den Augen und ich hörte nur noch den Regen auf dem Boden plätschern. Doch selbst den hörte ich bald nicht mehr.

 

Nach scheinbar ewig langer Zeit vernahm ich Stimmen. Die Stimmen waren mir unbekannt. Es waren viele Männer, aber auch Frauen waren darunter. Es schien eine große Menge von Leuten zu sein. Aber sie klangen alle sehr seltsam. Langsam öffnete ich die Augen. Ich starrte in ein grelles Licht. Es sah aus, wie das beim Zahnarzt. Ich drehte meinen Kopf leicht zur Seite. Ich sah viele Menschen um einen Tisch stehen. Ich lag auf einer Art Liege. Die Menschen waren weiß gekleidet. Waren es überhaupt Menschen? Sie haben alle … Hörner? Sie haben Hörner … Das sind keine Menschen, und wenn dann mutierte Menschen.

Mein Kopf brummte immer noch. Reflexartig fasste ich an meinen Kopf. Ich stieß an etwas Hartes, Raues. Ich stockte. Meine Hand tastete das etwas an meinem Kopf ab. Mit der anderen Hand tastete ich meine andere Seite am Kopf ab und dort stieß ich auch auf etwas Hartes. Nach der Verformung zu urteilen, waren es Hörner! Genau die, die diese mutierten Menschen auf dem Kopf hatten. Geschockt setzte ich mich auf und starrte in eine Glaswand. Ich spiegelte mich darin.

» … «

Sichtlich geschockt über meinen Anblick, wurden nun auch die anderen Hörnchen auf mich Aufmerksam. Sie redeten auf mich ein, doch ich verstand kein Wort. Sie sprachen so undeutlich, oder ich hörte einfach nicht richtig hin.

Ich hatte etwas Seltsames an, so wie bei einer Operation. Meine Haut war so blass wie Porzellan, mein Körper so schlank wie eine Puppe und meine Augen so rot wie Blut. Meine Haare waren sehr lang geworden und mein Ansatz wurde mir anscheinend nachgefärbt, denn der 10 cm Ansatz war nicht mehr da. Trotzdem …

… das war nicht ich. Meine Nägel waren mir zu lang, ich war mir zu blass, meine Haare zu lang und diese Hörner gehörten ganz sicher nicht zu mir.

Hinter all diesen Hörnchen sah ich Takuto an einem Türrahmen mit verschränkten Armen lehnen. Er sah mich ernst an. Ich musterte ihn. Er sah normal aus, so wie ich ihn in Erinnerung hatte. Ich versuchte aufzustehen, war jedoch recht wackelig auf den Beinen. Mir wurde kurz schlecht und alles schien sich zu drehen. So als ob ich auf Drogen wäre. Die Hörnchen schrieben sich Dinge auf irgendwelche Blöcke auf. Ich ignorierte sie völlig und hatte nur noch Takuto um Blickfeld. Als ich endlich bei ihm war, ließ ich mich in seine Arme fallen. Er fing mich auf und legte meinen Arm um seine Schulter um mich zu stützen. Er sagt kein Wort zu mir, doch ich wusste, oder ahnte, warum. Überall wurden wir bestimmt beobachtet. Kameras, Aufseher oder die Hörnchen. Auf dem Weg zu irgendetwas begegneten wir ganz vielen Hörnchen. Alle musterten Takuto, mich eher weniger, obwohl ich wesentlich seltsamer rüber kam.

Nach einer Weile machten wir an einer futuristischen Tür halt. Takuto tippte etwas in einen Apparat neben ihr ein. Es machte ein lautes ‚Piep’ und die Tür öffnete sich automatisch wie eine Schiebetür im Supermarkt. Nur das diese hier aus massivem Stahl war.

Wir traten in einen halbdunklen Raum. Er war nicht sehr groß, ein kleiner Schrank, ein Schreibtisch mit einer Lampe und ein Bett standen in ihm. Der Raum schien gemütlich, doch es gab kein einziges Fenster, nur einen Lüftungsschacht.

Kaum war die Tür geschlossen, fiel mir Takuto um den Hals und drückte mich gegen die Tür.

Ich umarmte ihn ebenfalls und schloss die Augen.

Niemand sagte ein Wort, man hörte nur die Lüftung brausen und im Gang ganz leise Stimmen.

Ich spürte Takuto’s Atem in meinem Nacken und wie sein Herz in seiner Brust pumpte. Auf einmal bewegte er seine Arme und fuhr mir über den Rücken. Ich bekam eine leichte Gänsehaut und krallte mich ein wenig an Takuto’s Mantel fest. Langsam küsste er mich auf den Hals. Er arbeitete sich küssend zu meinem Kinn vor und machte kurz vor meinem Mund halt. Er sah mir feste in die Augen.

»Es war die einzige Möglichkeit …«, flüsterte er.

»… Was meinst du?«, flüsterte ich zurück.

»Ich will nicht, dass du gegen Toni kämpfst … Es war die einzige Möglichkeit, dass er dich nicht tötet … Dass du für ihn Arbeitest, meine ich.«

»… Was redest du da? Ich will aber gegen Toni kämpfen! Und wieso sollte er mich nicht umbringen?«

Mein Flüstern wurde etwas energischer und lauter.

»Weil ich ihn davon überzeugen konnte, dass, wenn du für ihn arbeitest, du gehorchst und ihm nicht mehr in die Quere kommst. Ich weiß nicht, ob er mir das wirklich geglaubt hat oder doch nur ein Spielchen mit uns spielt. Aber die Hauptsache ist, dass du noch lebst … Deine Exekution sollte schon gestern gewesen sein …«

Auch Takuto’s Flüstern wurde lauter.

»Ich werde ihm nie gehorchen! Er hat uns alle getäuscht, er hat unseren Clan ausgerottet und aus ihnen Sklaven gemacht, die nach seinem Willen tanzen, wenn er es befiehlt! Niemals werde ich sein Sklave!«

»Ryan! Sei vernünftig-!«

»Vernünftig?«, schrie ich schon fast, »Wenn du ein bisschen Vernunft gehabt hättest, wären weder du noch ich hier!«

Takuto löste sich von mir und stellte sich vor mich. Während ich mit meinem Kreislauf kämpfte, starrte er mich nur traurig und enttäuscht an. Mein Blick wandelte sich auch vom Bösen ins Traurige. Ich griff nach Takuto’s Arm.

»Tut mir Leid …«, flüsterte ich wieder und zog mich an ihn. Ich drückte ihn feste an mich und atmete tief seinen Geruch ein.

»Klär mich auf … Bitte …«, flehte ich ihn an.

»Ich darf nicht …«

Takuto legte nur seine Arme um meine Hüfte.

»Warum nicht?«, fragte ich spitz nach.

»Es ist mir verboten worden …«

»Da wäre ich jetzt nicht draufgekommen … Warum ist es dir verboten worden …?«

»Wenn du so viel wissen würdest, würdest du dich in Tonis Angelegenheiten einmischen.«

Ich löste mich von Takuto und schubste ihn gegen sein Bett.

»Stimmt«, sagte ich und versuchte trotz meines schwachen Kreislaufes ein ernstes Gesicht zu machen. Ich ging langsam auf Takuto zu, der halb auf seinem Bett lag. Er sah mich finster an.

»Ich würde mich einmischen. Ich würde alles dafür tun. Toni hat nicht nur unseren Clan ausgelöscht, er hat noch so viele andere Verbrechen begangen. Ist dir das eigentlich bewusst?«

Takuto’s Augen verformten sich zu schlitzen.

»Er hat mir ganz am Anfang meine Mutter weggenommen. Danach hat er unseren Clan ausgerottet. Folglich die ganze Stadt. Und zum krönenden Abschluss hat er mir auch noch dich weggenommen. Ich weiß nicht, was so toll an diesem Toni sein soll, dass sich jeder ihm hingibt. Aber mich kotzt der Kerl an! Ich will Informationen! Und zwar im Moment …«

Nachdem ich mich herunter gebeugt hatte, griff ich nach Takuto’s Kragen und zog ihn ein bisschen an mich heran.

»… von dir! Was mit mir im Moment geschieht, ist mir egal und ich will auch gar nicht wissen, warum ich plötzlich so aussehe und du nicht. Ich will wissen wo Toni ist, was er vorhat und wo seine Schwächen sind! Und zwar sofort!«

Takuto schloss die Augen und griff sanft nach meinen Händen. Er legte sie beiseite und nickte.

»Wenn du es so willst. Von mir aus. Aber wenn das rauskommen sollte, dass du mehr weißt, als du darfst, trägst du allein die Verantwortung dafür, verstanden?«

Ich nickte ihm zustimmend zu und setzte mich auf den Schreibtischstuhl, den ich mir ans Bett zog.

»Wo soll ich denn eigentlich Anfangen …«, murmelte er vor sich hin.

»Am besten am Anfang«, meinte ich kurz und stützte mich an die Rücklehne des Stuhls.

»Alles begann mit deiner Mutter. Sie wurde von dir getötet. Er hat das nicht ganz verkraftet und schwor Rache. So weit wusstest du bescheid.«

»Sieht so aus, ja.«

»Er arbeitete schon vorher im Forschungslabor für Übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten. Er missbrauchte die Forschung und entwickelte einen Impfstoff. Der Datenträger ist das Amulett …«

»Apropos! Wo ist das?«, rief ich und sprang von meinem Stuhl auf.

Takuto blieb ruhig und kramte in seiner Hosentasche. Er zog einen Chip heraus und reichte ihn mir.

»Das ist zwar nicht das Amulett, aber es ist der Chip vom Datenträger. Hier sind die Sachen drauf, die Toni haben will. Das Amulett wurde beschlagnahmt. Natürlich haben die sofort gecheckt, dass der Chip fehlte. Aber jeder hier vermutet, dass du es versteckt hast und das Amulett nur als Blendmittel diente.«

Ich nahm erleichtert den Chip und setzte mich wieder.

»Halleluja … Und ich dachte schon, jetzt ist alles zu spät …«

»Ich weiß, dass du mich für dumm verkaufst, aber ich muss dich leider enttäuschen.«

Ich packte den Chip weg und schaute verschnippt zur Seite.

»Das ist nur so, seitdem du die Seite gewechselt hast.«

»Da kann man ja sehen, an wem es lag …«

Ich stutzte. Geschockt sah ich Takuto an, der nur seine Arme verschränkte.

»Das ist jetzt nicht dein Ernst …«

»Ich weiß es selber nicht ganz …«

Takuto sah traurig auf den Boden, als ob es stimmen würde und es ihm Leid täte.

Ich musste leicht grinsen.

»Ich weiß, dass unsere Beziehung im Moment nicht die Beste ist. Das ist, denke ich mal, auch verständlich bei den Torturen, die wir durchmachen. Also lassen wir es erst einmal sein, mit Beleidigungen und Liebkosungen. Konzentrieren wir uns bitte auf das Wesentliche, um unsere Existenz als Vampire.«

»Ich gebe dir nur ungern Unrecht, aber wir sind keine Vampire mehr. Wir sind … Wesen der Unterwelt. Aber Vampire schon lange nicht mehr.«

Mein Blick veränderte sich kein Stück. Immerhin hatte ich so was mir schon gedacht.

»Wir können nun Dinge, die wir vorher nicht konnten. Wir sind stärker und brauchen gar kein Blut mehr. Also vergiss deine Existenz als Vampir«, setzte Takuto hinzu.

»Ungern, Blutsauger. Ich hab mich an mein Dasein als Vampir gewöhnt und lebe es auch weiter aus. Immerhin hab ich schon fast die Hälfte meines bisherigen Lebens als Vampir verbracht!«

Ich drehte mich einmal mit dem Stuhl und winkelte meine Beine auf dem ihm an. Ich grinste hämisch und biss mir leicht auf den Finger.

»Blut ist doch lecker …«

Ich hielt Takuto meinen blutenden Finger hin.

»Ist das nicht lockend?«

Takuto verfolgte die Bewegungen meines Fingers. Mit gierigem Blick atmete er schwer. Mein Grinsen wurde immer breiter.

Auf einmal riss Takuto meine Hand zu sich und saugte heftig an meinem Finger. Es fühlte sich seltsam an, wie das Blut durch meinen Finger strömte. Ich stieg langsam vom Stuhl ab und bewegte mich zu Takuto. Ich war schon mit einem Knie auf der Bettkante, da schlug Takuto meine Hand weg.

»Was mach ich hier? Ich bin kein Vampir mehr! Du verleitest mich zu falschen Dingen …«

»Falsch? Das war Richtig! Du bist und bleibst ein Blutsauger! Da kann selbst ein Toni nicht dazwischen funken!«

Takuto sah etwas angewidert aus. Er schluckte heftig. Er wollte mehr haben, mehr Blut. Doch sein Gewissen wollte das nicht zulassen.

Ich kniete mich neben Takuto an die Bettkante und hielt ihm meinen Hals hin. Meine Hauptschlagader schien durch meine blasse Haut blau heraus. Ich drehte meinen Kopf noch etwas weiter zur Seite, damit sie fast durch meine Haut gedrückt wurde.

Ich spürte, wie Takuto zitterte und sich nur schwer zurückhielt. Er schloss die Augen und versuchte sich zu beruhigen, was aber nicht ganz klappte.

»Nur zu …«, flüsterte ich ihm ins Ohr.

Mit seinen zittrigen Händen ergriff er meinen Hals und zog ihn an sich heran. Ich wartete den Biss ab. Doch Takuto zögerte immer noch.

»Ist dieses Verbot so tief in dir drin? Mach schon, hier sind nur wir, ganz alleine …«

Mit einem Mal spürte ich den Biss tief in meinem Hals. Mein Blut tropfte auf Takuto’s Schoß. Ich hörte ihn trinken. Tiefe und ausgiebige Schlucke meines Blutes drangen durch seinen Hals. Ich atmete schwer, weil mein Kreislauf wieder schlapp machte. Ich hatte mich immer noch nicht ganz auskuriert und jetzt verliere ich auch noch eine Menge Blut. Damit ich nicht die Fliege mache, während Takuto meinen edlen Tropfen genießt, hielt ich mich an Takuto’s Schulter fest. Doch all das brachte nichts. Ich verlor mein Gleichgewicht an der Bettkante und fiel mit Takuto ins Bett. Er drückte mich auf den Rücken und trank weiter. Ich schloss die Augen und streichelte Takuto’s Nacken.

Irgendwann war auch er gesättigt und ließ von mir ab. Er sah mich mit seinem blutverschmierten Mund sehnsüchtig an. Das Bettlaken unter mir färbte sich schon rot. Ich grinste ihn angriffslustig an.

»Siehst ja nicht grade brav aus mit der Blutspur auf deinem Gesicht …«

Er grinste mich zurück an.

»Dann mach sie weg«, sagte er und hielt mir auffordernd den blutverschmierten Mund hin. Dabei sah er mich wartend an.

Ich griff nach seinem Kopf und leckte um seinen Mund mein eigenes Blut ab. Das ging eine Weile so, bis er seine Zunge auch aus seinem Mund steckte und mit meiner spielte. Ich genoss es in vollen Zügen wieder mit ihm alleine zu sein und keinen Anschein von Streit in der Luft zu spüren. Doch trotzdem war es anders. Vielleicht weil ich anders war? Oder weil die Umgebung beängstigend war? Oder auch, dass wir beide wussten, dass es jeden Moment mit uns zu Ende sein könnte. Unser Leben einfach ausgelöscht werden könnte. Wir hatten das Bedürfnis alles schnell zu machen, damit wir so viel Zeit wie möglich für uns hatten und sie genießen konnten.

Aber das war falsch. Ein falsches Genießen. Ich genoss es zwar mit Takuto zusammen zu sein, aber der Gedanke, dass er eigentlich mein Feind ist, zögerte meine Handlungen.

 

Nach mehreren Stunden des Genießens lagen wir regungslos im Bett. Auf dem Rücken liegend und den anderen an der Hand. Wir starrten beide an die Decke und sagten Nichts. Man hörte wieder nur die Lüftung brausen. Bis ich die Stille brach.

»Du warst am erzählen …«, murmelte ich.

»Am erzählen?«

»Ja, du wolltest mich aufklären … Wir sind beim Amulett stehen geblieben …«

»Ach ja … Ich erinnere mich …«

Aber mehr kam da auch nicht. Ich wartete noch mehrere Momente ab, ob noch etwas kam, doch Takuto redete nicht weiter.

»Willst du es mir nicht sagen?«, hakte ich nach.

Takuto schüttelte leicht den Kopf.

»Ich will es dir sagen, aber …«

»Aber …?«

Takuto wollte nicht ganz mit der Sprache rausrücken.

»Es wird nur Schlimmer, je mehr du weißt …«

Ich stutzte und sah Takuto fragend an.

»Weißt du … Informationen können Fragen beantworten, doch meistens stellen sie andere Fragen in den Raum. Genauso ist es hier auch. Ich gebe dir Informationen mit denen du eventuell wenige Fragen beantworten kannst, doch schon kurz darauf hast du wieder Andere, Neue. Und irgendwann weißt du so viel über diese ganze Sache hier, dass es schwer wird, es zu vertuschen. Es wird schwer, sich zurückzuhalten. Und es wird schwer, einen kühlen Kopf zu bewahren.«

»Egal, erzähl mir alles, was du weißt. Ich giere nach Informationen, musst du wissen«, lachte ich zögerlich. Takuto fand das weniger witzig.

 

»Toni hat deiner Mutter dieses Amulett vor langer Zeit geschenkt. Er hat ihr nicht erzählt, dass dort seine Forschungen draufgespeichert waren, die nur darauf waren, weil es seine persönlichen Fortschritte waren und er sie geheim halten wollte. Mit der Zeit wurden die Forschungen alt und niemand dachte mehr an die Daten. Deine Mutter gab dir dann irgendwann das Amulett als Glücksbringer, richtig? Und dann hast du es irgendwo hingelegt und niemand hat es seit dem mehr gesehen. Dann kam die ganze Geschichte mit dir auf, du wurdest zum Vampir und hast deine Mutter getötet. Toni schwor dir Rache, da er deine Mutter über alles liebte. Natürlich hat er herausgefunden, dass du ein Vampir bist. Nach langjährigen Forschungen und Untersuchungen hat er einen Impfstoff entdeckt, der die übernatürlichen Kräfte eines Menschen hervorrufen kann. Er wusste zwar, dass du ein Vampir bist, doch nicht wo du warst. Ich denke, du hast schon herausgefunden, dass Sasha auch in der Sache verwickelt war. Sie hat Toni in einer Bar kennen gelernt. Der hat sofort erkannt, welchen Schatz er da aufgegabelt hatte. Sasha natürlich hat alles ausgeplaudert, wo die Villa war und wer da das Sagen hatte. Er wusste, dass sein Impfstoff zwar wirksam war, aber nicht vollständig. Er brauchte die Datei von dem Amulett. Er kramte dein ganzes Haus von vorne bis hinten durch. Doch er fand Nichts. Du warst der Einzige, der noch eine Ahnung haben könnte, wo es sein könnte. Tonis Erfindung machte sich bezahlt und er rottete die meisten Vampire unseres Clans aus. Zu seinem Enttäuschen waren wir nicht anwesend. Er musste ja nur abwarten, bis wir wiederkamen. Und was mich angeht… Ich hatte mein Tief, mein richtiges Tief. Ich liebte dich zwar, aber du hast an meinen Nerven gerissen. Ich traf Sasha durch Zufall eine Nacht wieder. Sie erzählte mir alles, mit einer riesigen Begeisterung. Sie erwähnte natürlich auch, dass es hierbei um dich ging. Ich dachte, es wäre mal eine nette Abwechslung, wenn ich mal sauer auf dich wäre und nicht wie immer, umgekehrt. Das hieß, dass ich dir mal zeigen konnte, dass ich nicht immer der blöde Takuto war, der dir immer nachlief. Ich traf Toni, der meine Entscheidung natürlich wunderbar fand. Mit der Zeit wurden mir Dinge eingeredet, von denen ich selber nicht ganz überzeugt war. Trotzdem glaubte ich an diese Dinge und lebte danach. Was ich mit dir getan habe, weißt du sicher ja noch. Und das Amulett … Natürlich bekam ich den Auftrag, das Amulett zu suchen und als dein Vertrauter Informationen darüber herauszufinden. Ich vergaß es immer wieder und wenn ich mal daran dachte, hast du immer gesagt, ich sei dein Schatz und du weißt von keinem Amulett. Ich hatte größte Schweigepflicht. Hätte ich diese gebrochen, wären wir beide in die Hölle geflogen. Irgendwann hat es mal bei mir Klick gemacht. Ich hatte die ganze Zeit das Amulett. Du hattest es mir mal anvertraut. Du wolltest deine Erinnerungen an deine Mutter loswerden. Aber wegschmeißen konntest du es auch nicht, deswegen gabst du es mir. Ich sollte darauf aufpassen. Riccardo hat dir das Rätsel geschrieben, er wusste, dass ich es dir geben würde, also lockte er dich und mich in dein altes Haus. Und jetzt hat Toni die Macht an sich gerissen. Die ganze Stadt ist ein Opfer seiner Macht geworden. Er wollte dich eigentlich töten, doch ich konnte ihn überreden, dich erst mal zu einem seiner Sklaven zu machen. In den nächsten Tagen entscheidet er, was mit dir geschieht. Ich hoffe das Beste für dich, Ryan. Du weißt, dass du mein Ein und Alles bist, auch wenn ich dir das nicht immer gezeigt habe.«

 

Die drückende Stille trat ein.

Takuto drehte seinen Kopf zu mir und sah mich an. Ich starrte an die Decke und verarbeitete die Informationen. Er drehte sich auf die Seite und gab mir einen Kuss auf die Wange. Danach drehte auch ich meinen Kopf zu ihm um.

»Wie kam es dazu, dass du jetzt so denkst?«

»Menschen müssen mit ihren Augen blinzeln, damit sie nicht austrocknen. Manchmal sind die Augen offen, sodass sie sehen, was geschieht, aber manchmal müssen sie ihre Augen zu machen und einfach mal laufen, ohne zu wissen wohin. Aber nach jeder eingehenden Dunkelheit kommt das Licht ...«

Ich schloss die Augen.

»Willst du damit sagen, dass du einfach nicht richtig gesehen oder gedacht hast, als du hierher gekommen bist?«

»So in etwa, ja.«

»Verstehe …«

Ich drückte Takuto einen Kuss auf den Mund und legte meine Stirn danach auf Seine. Ich drehte mich auch auf die Seite und fasste seine andere Hand. Ich schloss die Augen. Mir rutschte ein Seufzer raus.

»Ich finde, die Hörner stehen dir, du Teufelchen«, scherzte Takuto. Sofort öffnete ich meine Augen und sah in Seine.

»Warum hast du eigentlich keine?«

»Du bist hier in der Abtei 666. Hier laufen nur solche Leute rum wie du. Nur ein kleiner Teil der Verwandelten bekommen Hörner. Es war erstaunlich, dass du zu der Sorte gehörst. Die, die Hörner haben, sind stärker als die ohne. Doch was genau du bist, oder was du kannst, weiß ich auch nicht.«

»Ich fühl mich grade wie Satans Enkel …«, murmelte ich. Takuto lachte ein bisschen.

»Wer weiß, vielleicht bist du es ja?«

»Als ob … Das wüsste ich doch!«

»Meinst du?«

Takuto machte eine mysteriöse Miene und grinste fies.

»Mach mir nicht so Angst, du Arsch! Ich hab in der letzten Woche zu viel erlebt! Da würde mich das jetzt auch nicht mehr wundern …«, seufzte ich und schloss meine Augen. Takuto küsste mich auf die Stirn und lachte.

»Du bist nicht Satans Enkel … Immerhin hast du mich doch lieb, oder?«

»Du kennst mich doch so gut … Was denkst du?«

Takuto dachte kurz nach. Er starrte mir tief in die Augen und schien meine Gedanken zu lesen.

»Ich denke, du liebst mich so sehr, dass du gar nicht mehr ohne mich kannst. Dass du dir ein Leben ohne mich gar nicht mehr vorstellen kannst.«

»Das glaubst du?«

»Sicher.«

»Hm!«, brummte ich und kuschelte mich ganz nah an Takuto ran.

»Hast du mal so ’nen Kurs belegt? Gedankenlesen in 6 Wochen?«

Takuto lachte und drückte mich ganz feste an sich.

Wir waren wieder vereint. Wie früher. Trotzdem fühlte ich mich nicht richtig wohl. Dieses Unbeschwerte fehlte mir regelrecht. Dieses Gefühl, frei zu sein, einfach das zu machen, wozu man Lust hatte.

Irgendwann schlief ich bei Takuto ein. Niemand kam, um nach uns zu sehen. Niemand kümmerte sich um uns.

 

Ich träumte etwas Seltsames. Takuto und ich würden alleine in einem kleinen Raum sein. Doch das Gefühl, die ganze Zeit beobachtet zu werden, war stets präsent …

-Kapitel 12-

 

 

Der nächste Morgen verlief ruhig. Takuto und ich standen erst gegen 11 Uhr auf. Takuto fing an seine Sachen auszuziehen.

»Warum ziehst du dich aus?«, fragte ich, während ich wartend auf der Bettkante saß. Takuto lachte ein wenig und schmiss mir sein T-Shirt ins Gesicht.

»Ich gehe, im Gegensatz zu dir Schweinchen, mich duschen.«

Er stemmte seine Arme in seine Hüfte und grinste mich auffordernd an.

»Schweinchen hin oder her, ich hab ja wohl mehr mitgemacht als du!«, meckerte ich und zog meine Nase arrogant nach oben. Takuto seufzte und machte seine Gürtelschnalle auf. Mein Blick wanderte langsam von der Seite zu seiner Gürtelschnalle. Ich räusperte mich kurz.

»Was soll das werden, wenn’s fertig ist?«

Takuto stockte in der Bewegung sich seine Hose auszuziehen.

»Also ich weiß ja nicht wie du duschst, aber ich dusche nackt …«

»Sehr witzig! Aber kannst du das nicht im Bad machen?«

Ich warf Takuto sein T-Shirt vor seinen Intimbereich. Der lachte nur und fing sein T-Shirt auf. Jedoch blieb es nicht lange dort, wo ich es hingeworfen hatte. Er hielt es nach oben und stellte sich direkt vor mich.

»Was ist denn los mit dir? Ich hab nicht mehr und nicht weniger als du! Okay, vielleicht weniger …«, lachte er und tickte mir auf meine Hörner, »Die hab ich wohl nicht!«

Sein Grinsen ging ihm über beide Ohren. Meine Haut färbte sich leicht rosa. Ich sah einfach zur Seite und murmelte, dass er sich endlich duschen gehen soll. Enttäuscht stellte sich Takuto wieder richtig hin.

»Kommst du nicht mit?«

Meine Haut färbte sich jetzt knallrot.

»W-Was? Also ich weiß nicht …«, stotterte ich und sah verlegen auf den Boden.

Takuto zog eine Augenbraue hoch und verschränkte seine Arme.

»Traust dich nicht mit einem Waschechten Mann zu duschen, was?«

Jetzt fühlte ich mich aber in meiner Ehre verletzt. Ich glaube, dass wollte er auch voll und ganz erreichen.

»Waschechter Mann? Du bist doch ’ne Schwuchtel! So was kann schon kein Mann sein!«

»Dann bist du aber auch ’ne Schwuchtel!«

»Ja und? Ich behaupte auch nicht, ein ‚Waschechter Mann’ zu sein.«

»Was dann? Ein Weichei?«

Ich schwieg. Als ich bedrückt auf den Boden sah und nichts mehr zu dem Thema sagte, verschwand auch von Takuto’s Gesicht das Lachen. Er ließ seine Arme sinken und nahm mit seiner rechten Hand mein Kinn. Er hob es etwas an, um mir einen leichten Kuss auf den Mund zu geben.

»Ich geh dann duschen«, sagte er und verschwand dann in einem Nebenraum.

Ich saß wie ein kleines Häufchen Elend auf der Bettkante, in meinem grünlichen Kittel und starrte traurig und erniedrigt auf den Boden. Takuto meinte es sicher nicht so. Ich reagiere wieder über. Aber das hätte er sich auch verkneifen können …

Ich zog mir meinen Kittel aus und legte ihn aufs Bett. Langsam tapste ich zu dem Nebenraum und öffnete die futuristische Schiebetür. Ich sah Takuto hinter einen großen Milchglaswand stehen, wie er gerade das Wasser anmachte und sich durchs Haar fuhr. Ich nahm all meinen Mut zusammen und stieg zu ihm in die Dusche. Ich wusste nicht ganz genau, warum ich all meinen Mut zusammen nehmen musste, aber mein Herz klopfte wie wild. Wie beim Anfang, nur dass ich jetzt mal die Initiative ergreife und nicht Takuto.

Langsam glitschte ich über die schwarzen Fliesen zu Takuto. Der schien mich noch nicht bemerkt zu haben, denn er drückte auf einen Behälter an der Wand und heraus kam Shampoo.

Um ihn nicht zu erschrecken, fasste ich ihm sanft an seine Seiten und strich mich zum Bauch vor. Dort umarmte ich ihn und drückte mich feste an seinen Rücken. Entweder es ist schon zu lange her, dass ich ihn nackt umarmt hatte, oder aber seine Muskeln haben sich vervielfältigt. Sein Bauch war noch härter als vorher.

»Ryan? Du bist ja doch gekommen …«, sagte Takuto sanft und legte seine Hände auf meine.

»Ich will kein Schweinchen sein, weißt du …«, murmelte ich und schloss meine Augen.

Der Brausestrahl war angenehm auf dem Kopf und das Wasser bahnte sich seinen weg von unseren Körpern. Ich wäre am liebsten ewig so verharrt geblieben, aber ich glaube, dann hätten wir Ärger wegen der Wasserrechnung bekommen.

Takuto drehte sich langsam zu mir um und strich mir über mein Gesicht. Er strich die nassen Haare aus meinen Augen und sah mir tief ihn sie.

»Ich habe jede Minute an dich gedacht, Ryan …«

Ich stockte etwas und sah zur Seite.

»Das was du da abgezogen hast, kann ich dir irgendwie nicht verzeihen …«, murmelte ich. Ich vernahm Takuto’s traurigen Blick und sofort nahm er seine Hände von meinem Gesicht.

»Verstehe …«

Wieder herrschte so eine drückende Stille, wie so oft. Das Wasser plätscherte auf uns und den Boden herab. Wir beide starrten auf die Wand oder auf den Boden. Reglos warteten wir darauf, dass irgendetwas die Stille brach.

»Aber … Ich kann dir eine neue Chance geben …«, sagte ich sanft und sah Takuto hoffnungsvoll an. Doch der schloss nur seine Augen und ließ seinen Blick gen Boden gerichtet. Er schüttelte leicht den Kopf, wodurch seine nassen Haare ihm immer wieder gegen sein Gesicht schlugen.

»Selbst wenn ich eine neue Chance bekommen würde, ich glaube, ich würde sie nicht nutzen …«

»Was? Aber warum nicht?«

Takuto’s Blick wurde auf mich gerichtet, tief in meine Augen. Sein Blick sagte eigentlich schon alles. Er wollte, dass Schluss ist.

 

In meinen Augen sammelten sich Tränen, die mit dem Wasser aus der Brause zusammenliefen.

»Verstehst du, Ryan … Wir sind einfach zu unterschiedlich. Und jetzt ist das noch mehr auseinander gedriftet«, versuchte Takuto seinen Blick zu erklären.

Doch ich hörte ihm schon gar nicht mehr zu. Meine weit geöffneten Augen richteten sich gen Boden und mein Atem wurde abrupt schneller. Ich fasste mir vorsichtig mit meinen Händen an mein Gesicht. Meine Mundwinkel zitterten und ich konnte mir nur schwer das Schluchzen verkneifen.

»Ryan, wirklich … Ich kann dir das erklären …«

Takuto kam mit seiner rechten Hand auf mich zu, doch bevor er mich berühren konnte, schlug ich seine Hand weg. Das kam vielleicht etwas Mädchenhaft rüber, aber ich erklärte mir dieses Verhalten damit, dass ich für Takuto eh ein halbes Mädchen war.

»Spar dir deine Ausreden!«, rief ich völlig verzweifelt in meine Hände. Ich ging mit schnellen Schritten aus der Dusche und rannte pitschnass ins Zimmer zurück. Zitternd nahm ich meine Sachen und versuchte mich anzuziehen, doch mein Körper zitterte zu stark. Wegen der Aufregung und des Schocks. Takuto macht Schluss. In der Dusche! Na ja, wenn man bedenkt, dass er seine Geständnisse gerne an kuriosen Orten verkündet, war das hier noch im Normalbereich.

Ich ließ mich verzweifelt neben dem Bett sinken und weinte still vor mich hin. Ich starrte auf den kalten Stahlboden und wusste nicht woran ich denken sollte. Dabei waren wir doch gestern noch so glücklich! Wir waren doch wieder vereint! Oder war ich mit meinen Gefühlen gestern alleine?

Ich hörte wie zwei nasse Füße über den Boden patschten und sich mir näherten. Ich konnte Takuto zwar nicht sehen, da ich ihm den Rücken zuwendete, aber ich spürte seinen traurigen Blick auf mir. Er kniete sich neben mich und umarmte mich sanft. Ich dachte zuerst daran, dass ich ihn wegdrücken sollte, doch ich befand mich nicht in der Verfassung gegen ihn anzukommen.

»Ryan … Bitte … Vergib mir, dass ich das so plötzlich von dir verlange, aber es ist das Beste für uns beide.«

»… Wie kommst du bitte darauf?«, fragte ich mit zitternder Stimme.

»Wir beide verfolgen zweierlei Ziele. Ich will dir nicht dazwischen funken und du mir nicht. Aber wenn wir so ein enges Verhältnis haben … Du merkst es ja selber. In welchem Gespräch wir auch sind, es ist egal. Immer keifen wir uns dann an … Das hält die Beste Beziehung nicht aus …«

»Die beste Beziehung hält das nicht aus? Nur weil wir uns hin und wieder streiten?«, schrie ich verzweifelt und schlug um mich. Takuto fiel nach hinten und sah mich entsetzt an.

»Unsere Beziehung hat schon andere Dinge durchgemacht! Und sie hat trotzdem gehalten! Du hast doch ein anderes Problem! Welches ist es? Ist es wegen mir? Bin ich dir im Weg? Oder besser: Bin ich Toni im Weg?«

Eine drückende Stille trat ein. Ich sah wütend und traurig Takuto an. Er sah mich eher entsetzt an. Keiner sagte ein Wort zum jeweils anderen. Ich schüttelte leicht meinen Kopf.

»Sag doch was!«

Takuto blickte nur stumm zur Seite und machte ein Gesicht, als ob er nach einer Antwort suchen müsste.

Ich hatte aufgehört zu weinen. Meine Gedanken schwirrten in meinem Kopf wie wild.

Eigentlich eine ziemlich peinliche Situation. Wir beide saßen uns nackt gegenüber und keiner sagte ein Wort.

»Ryan …«, versuchte es Takuto, doch ich unterbrach ihn.

»Hat Toni dir das befohlen? Hat er dir befohlen mit mir Schluss zu machen?«

Takuto sah mich erst etwas überrascht an, dann blickte er traurig zu Boden und schloss entschlossen seine Augen.

»Ja …«, war seine kurze Antwort. Sie dröhnte hart in meinen Ohren und stoppte all meine Spekulationen, warum er Schluss gemacht haben könnte.

»Ja? ... Und du hörst auf ihn?«

Ein verzweifeltes Lächeln machte sich über mein Gesicht breit.

»Es ging um mehr! Es ging nicht nur um unsere Beziehung!«, schrie Takuto mich an, als ob er sich für seine Entscheidung rechtfertigen müsste.

»Um was dann?«, schrie ich zurück.

Wieder endete es in einem Geschrei. Aber diesmal ging es wirklich um mehr, als um ein blödes Thema, bei dem wir uns nur wieder in der Wolle hatten.

»Um … Um unser Leben! Um jedes Leben hier in der Abtei! Um dich und mich! Um Toni! Um alle hier! Ich liebe dich Ryan! Ich liebe dich so sehr, dass ich mich in den Tod stürzen würde, wenn du dafür wieder frei wärst! Aber ich kann nichts machen! Es liegt ganz allein in den Händen unseres Clans uns hier rauszuholen!«, schrie er weiter und ich sah vereinzelt nasse Stellen an seinen Augen. Er stand auf und ging stur wieder in die Dusche. Ich hörte wieder das Wasser plätschern. Regungslos blieb ich auf dem Boden sitzen und bewegte mich nicht. Ich sammelte meine Gedanken.

Takuto hat mit mir Schluss gemacht, weil Toni es so wollte. Anscheinend geht es hierbei nicht nur um mich und Takuto und dass es Toni offenbar stört, dass wir ein Glückliches Paar sind, sondern vielmehr darum … Alles in Grund und Boden zu stürzen und alles zu zerstören. Toni hat einfach vor mich seelisch fertig zu machen. Durch Takuto. Er weiß ganz genau, was meine Schätze sind. Meine Mutter, der Clan, Takuto… Alles zerstört er einfach. Ich warte die ganze Zeit auf seinen Rachefeldzug, dabei bin ich schon mittendrin. Ich bin schon mitten in seiner Rache. Das fing schon mit meiner Mutter an. Schon als ich zum Vampir wurde. Ab da begann sein Rachefeldzug.

Ich muss ihn töten. So schnell es nur geht. Ohne Verzögerung und ohne Rücksicht auf Takuto. Er hat sich für Toni entschieden. Was auch immer da lief, ich werde ihn töten und wenn Takuto sich mir in den Weg stellt, gehe ich bis ans Äußerste und werde jegliche Wege einschlagen, nur um an Toni zu gelangen. Tut mir Leid, Takuto. Das muss sein.

 

Ich schnappte mir meine Sachen. Es waren auf keinen Fall meine Sachen, die ich anhatte, bevor ich hier hingekommen bin. Trotzdem zog ich sie an. Es war ein roter Poncho mit vielen Schnallen. Er sah eigentlich ganz gut aus, jedoch war er rot und ich bevorzugte ja schwarz. Doch war es eine schwarze Hose und schwarze Springerstiefel.  Ich sah recht merkwürdig aus, doch im Moment war mir das regelrecht egal. Ich suchte das kleine Zimmer nach Waffen ab, aber ich hätte mir schon denken können, dass hier wohl keine liegen würden.

Ohne dass Takuto es merkte, schlich ich mich aus seinem Zimmer. Innerlich drückte ich ihn noch einmal feste an mich und nahm abschied von ihm. Ich wusste, dass wir uns vielleicht nie wieder sehen würden. Ich hatte vor, meinen Plan jetzt umzusetzen.

Langsam ging ich den Gang entlang. Hin und wieder kamen mir diese Hörnchen entgegen und musterten mich nur kurz. Wie auf einer normalen Straße. Ich hatte ziemlichen Durst bekommen. Wie es Takuto wohl aushielt ohne Blut? Ich kann ohne Blut einfach nicht richtig denken. Während ich den futuristischen Gang entlang ging, sah ich die Wände nach Kameras ab. Hin und wieder sah ich eine in einem Lüftungsschacht oder versteckt in einer Tür. Pflanzen oder Bilder gab es nicht. Sitzgelegenheiten oder gemütliche Dinge suchte man hier vergebens. Ich versuchte mich in diesen seltsamen Gängen zurechtzufinden, doch alles war verwinkelt und nirgends war ein Schild zu sehen.

Ich kam an einen Aufzug. Eine große silberne Tafel war neben ihm. Ich versuchte zu lesen was auf ihr stand, doch die Buchstaben waren so klein, dass man kaum etwas erkannte. Und die Wörter, die ich erkannte, ergaben nur Schwachsinn. Verwundert über diese Tafel ging ich einfach zum Aufzug und wartete auf ihn.

Als er kam wollte ich eintreten, doch zum Glück merkte ich vorher, dass der Aufzug überhaupt keinen Boden hatte. Ich zweifelte an meinem Verstand. Eine Tafel, auf der nur Schwachsinn steht, eine Aufzug ohne Boden. Was kommt als nächstes? Eine Treppe ohne Treppenstufen?

»Suchst du irgendetwas?«, kam eine zierliche Männerstimme hinter mir. Ich drehte mich langsam um und erblickte einen ‚kleinen’ Jungen. Er war bestimmt 15 oder 16 und hatte hellblonde Haare. Er sah aus wie ich, als ich 15 war. Doch er war wesentlich hübscher als ich damals.

»Ja, ich will zu Toni«, sagte ich kurz und knapp. Der Junge lachte.

»Zu Toni? Zu dem kommst du nicht einfach so durch einen Aufzug! Du musst da erst durch Sicherheitsschranken und Aufsichtspersonal. Und nur wenn du da durch bist, darfst du mit Bodyguards zu ihm. Aber auch nur mit einem guten Grund. Wenn du nur ein nettes Gespräch mit ihm haben willst, geht das schon mal nicht. Also …?«

Ich sah den Jungen ernst an.

»Sehe ich so aus, als würde ich spaßen? Wo ist Toni?«, fragte ich energisch und leicht gereizt.

Der Junge seufzte und ging in den Aufzug. Doch zu meiner Verwunderung fiel er nicht runter. Ich schien wohl ein ziemlich verdutztes Gesicht gemacht zu haben, denn er lachte wieder.

»Das hier ist Glas! Du kannst ruhig rein kommen.«

Etwas peinlich berührt ging ich zu dem Jungen in den Aufzug. Er drückte einen Knopf und die Tür schloss sich.

»Und woher weißt du, wie man zu Toni kommt?«, fragte ich den Jungen.

»Das weiß hier jeder. Du bist aber auch neu, oder Ryan?«

Der Junge sah mich lächelnd an.

»Und woher weißt du wie ich heiße?«

»Das weiß hier jeder.«

Etwas gereizt über die dämlichen Antworten dieses Jungens, verkniff ich mir lieber eine spitze Bemerkung.

Nach circa einer Minute hielt der Aufzug an und der Junge ging mit mir aus dem Aufzug. Der Gang war nicht sehr lang und am Ende konnte man zwei Männer in Schwarz sehen. Sie waren groß und schienen die Art Bodyguards zu sein. Sie trugen schwarze Sonnenbrillen, wie in solchen Amerikanischen Filmen.

»So, einfach den Gang entlang, durch die Sicherheitsschranken durch und schon bist du bei Toni. Alles klar?«

»Ja, danke«, sagte ich stumm und ging los. Doch der Junge hielt mich an meinem Poncho fest.

»Wenn du es schaffen solltest, gib ihn mir, damit ich meine Eltern rächen kann … Ja?«, fragte der Junge mit trauriger Miene.

Ich verstand und nickte kurz. Darauf ließ der Junge von mir ab und ging zurück in den Aufzug. Die Tür ging zu. Toni hatte seine Eltern auf dem Gewissen.

Ich atmete tief ein und überlegte mir schon, während ich zu den Männern in Schwarz ging, wie ich gegen Toni kämpfen sollte.

Als ich am Ende des Ganges ankam, machten die Männer keinerlei Anstalten mich von der Tür fernzuhalten. Ich sah sie fragend an und blieb kurz vor ihnen stehen. Ich wartete kurz ab und als ich merkte, dass sie mich nicht einmal beachteten, ergriff ich die beiden Türklinken, die sich in der Mitte befanden. Die Tür passte nicht zum restlichen Ambiente. Sie war alt und mit Goldschnörkeln verziert. Aber sie war schön. Ich drückte die Klinken runter.

 

Mit einem Mal spürte ich zwei Klingen in mir. Die Bodyguards stachen zwei Samuraischwerter in die Seiten. Ich spuckte Blut und krümmte mich nach hinten. Mit aufgerissenen Augen sah ich die Bodyguards in meinen Augenwinkeln. Durch die Sonnebrillen konnte ich keinerlei Mimik in ihren Gesichtern erkennen. Aber es waren Menschen, jedenfalls menschlicher Abstammung.

Ich packte nach den Hälsen der Beiden und riss heftig daran. Wenige Sekunden später hielt ich zwei Köpfe in meinen Händen. Das Blut spritzte gegen die Wände und die Tür und gegen mich. Einen Moment lang sah ich zu, wie das Blut von den Köpfen tropfte und es sich auf den leblosen Körpern und dem Boden verteilte. Doch dann fing ich an die kostbaren Tropfen mit meiner Zunge aufzufangen. Genüsslich schluckte ich es runter und spürte wie es durch meinen Rachen floss. Der Schmerz in meinen Seiten wurde weniger, doch er war noch da. Wenige Minuten später ließ ich die Köpfe fallen und zog mir die Schwerter aus meinem Körper. Kurz danach verschwanden die Wunden. Es hat nur Vorteile ein Vampir zu sein, dachte ich mir, während ich meinen Mund genüsslich ableckte. Ich drückte die Klinke runter und betrat den zweiten Raum. Er war grau mit vielen roten Lichtern. Es wirkte ein wenig beruhigend. Niemand war in dem Raum zu sehen. Nur das Problem war, dass es außer der Tür zurück noch drei weitere Türen gab. Und ich wusste von keiner was sich dahinter befand.

Vorsichtig näherte ich mich der ganz linken. Sie war rot und mit Blutflecken versehen. Doch die Flecken waren nur gemalt und nicht echt. Ich drückte die Klinke runter und versteckte mich hinter der Tür. Als nichts passierte, schaute ich langsam an der Tür vorbei. Hinter ihr befand sich nichts, nur eine schwarze Mauer. Ich seufzte kurz und schloss die Tür danach wieder. Ich ging zur mittleren Tür. Sie war pink und auf ihr waren Blumen und Herzchen. Ich musste etwas seufzen, warum Toni eine solche Tür hat malen lassen …?

Ich öffnete sie langsam. Als ich in sie hineinsah, sah ich eine Art Schwimmhalle. Das Becken war mit heißem Wasser gefüllt und überall im Raum befand sich Wasserdampf. Plötzlich sah ich zwei nackte Frauen auf mich zukommen. Die eine war blond, die andere brünett. Sie waren gut gebaut und sahen auch nicht schlecht aus. Nur zu dumm, dass ich Schwul bin. Kurz bevor sie an der Tür waren, um mich zu ihnen zu ziehen, schmiss ich die Tür vor ihrer Nase zu.

»Weiber …«, murmelte ich vor mich hin.

Also ging ich zur letzten Tür, ganz links. Sie war blau und hatte Wolken auf ihr. Mittlerweile fragte ich mich, was das hier mit Sicherheitsschranken zu tun haben soll und warum Toni das machte …

Ich öffnete langsam die Tür und versteckte mich vorsichtshalber hinter ihr. Als wieder nichts passierte, sah ich in den Raum. Er war in Glas gebaut und man konnte in den Himmel sehen. Er war wunderschön blau und die Sonne strahlte vereinzelnd auf die Fensterscheiben. Sonst war der Raum weiß und ähnelte einer Aussichtsplattform. Jedoch war das sicher nicht das Wetter, wie es in Wirklichkeit war. Denn wir waren mitten im Winter und als ich das letzte Mal den Himmel sah, war er grau und duster. Mit sehr viel Regen vor allen Dingen. Das hier war definitiv ein Trugbild. Ich schloss die Tür wieder und stellte mich in den Raum davor, um die Türen zu betrachten. In keinem Raum befand sich ein direkter Zugang zu Toni. Und in keinem Raum, war eine andere Tür, um zu ihm zu gelangen.

»Toni! Was soll das für ein Spiel sein? Wo bist du? Stell dich wie ein Mann und spiel keine Spiele!«, schrie ich in den leeren Raum. Mein Blick fiel an die Decke. Dort sah ich eine vierte Tür. Sie war genauso verschnörkelt und schön wie die andere.

»Na, bitte. Geht doch«, sagte ich grinsend und sprang nach oben und hielt mich an der Tür fest. Ich trat feste gegen sie. Sie öffnete sich und ich sprang in einen anderen Raum. Es sah aus wie ein Büro. Eine Art Arbeitszimmer, aber es war sehr nobel und gemütlich ausgestattet. Wieder war nirgendwo eine Gestalt zu sehen. Jedoch war der Stuhl am Schreibtisch umgedreht. Mit einem Mal sprang ich auf den Schreibtisch und zerhackte den Stuhl mit meinen zwei Schwertern. Zu meinem Pech saß aber niemand darauf. Ich schnaubte kurz und sah mich verärgert im Raum um. Auf einmal sah ich einen Zettel auf dem Schreibtisch liegen. Auf ihm Stand: „Hier kündigt die Liebe das jüngste Gericht an.«

Ich stockte.

Das war eine Zeile aus Takuto’s Vers, den er mir an meine Wand mit Blut geschrieben hat. Dann hatte das Klugscheißerchen mal doch nicht Recht. Es handelte sich dabei gar nicht um eine Kirche, sondern um seinen Arbeitsplatz? Aber wer kommt da schon drauf, Takuto? Niemand … Aber hier scheine ich richtig zu sein. Nur nirgendwo ist ein Toni zu sehen.

Ich sprang ungeduldig von dem Schreibtisch und stieß dabei ein Bild um. Ich hob es auf und schaute es mir an. Es war meine Mutter mit mir an der Hand. Doch mein Gesicht wurde wie wild mit einem schwarzen Stift durchgestrichen. Ich starrte noch eine Weile auf das Bild, dann stellte ich es wieder zurück an den Schreibtisch. Seufzend ging ich zu einem der großen Fenster und blickte in die graue Welt hinaus. So hatte ich die Welt auch das letzte Mal gesehen. Ich starrte auf ein abgeerntetes Feld. Und was dahinter war, konnte ich schon nicht mehr erkennen.

 

»Traurig, nicht wahr?«

 

Diese Stimme. Sie kam mir so bekannt vor. Es war die Stimme, die damals zu mir ‚Du Monster!’ schrie. Es war die Stimme, die nie eine Bedeutung für mich hatte, aber jetzt zu einer Person gehört, die mein Leben kontrolliert. Wut entbrannt drehte ich mich um und wollte dem Mann meine zwei Schwerter in seinen Körper stechen, doch er fing sie mit einfach mit zwei kleinen Messern ab. Geschockt über die plötzliche Wendung, bewegte ich mich nicht.

Ich starrte in die zwei blauen Augen und verspürte mehr als Hass. Ich hätte ihn in Stücke schlagen können.

»Endlich sehen wir uns wieder, Ryan«, sagte Toni und bewegte seinen Kopf kurz zur Seite, um eine braune Strähne aus seinem Gesicht zu entfernen.

»Du Arsch brauchst gar nicht so zu tun, als würden wir uns zum Kaffeeklatsch treffen!«, entgegnete ich ihm spitz.

Er lachte kurz auf.

»Stimmt, du hast Recht. Mir ist der Kaffee ausgegangen. Wie wär’s? Nehmen wir doch dein Blut, das geht doch genauso …«, zischte er und schlug meine Schwerter zur Seite. Ich konnte sie grade noch so in meinen Händen halten. Doch da rammte er schon eines seiner kleinen Messer in meine Schulter. Ich schrie auf und wurde von ihm an die Wand gedrückt. Unter schmerzen versuchte ich ihm auch eines meiner Schwerter in den Bauch zu rammen, doch es prallte direkt wieder ab.

»Ha …?«

Toni musste lachen und sah mich dabei überlegen an.

»Meinen Stahlkörper kannst du nicht mit solchen läppischen Samuraischwertern zerstören.«

Er sprang von mir weg und nahm sein kleines Messer aus meiner Schulter.

»Stahlkörper, huh?«, murmelte ich und ging etwas gekrümmt, damit die Schmerzen nicht allzu groß waren.

Toni öffnete langsam sein Hemd und zeigte mir seinen Maschinenkörper. Er klopfte ein paar Mal drauf rum.

»Massiver Stahl. Tut mir Leid, Ryan, aber du hast keine Chance.«

Toni lachte wieder und sprang auf mich zu. Ich wich aus und schnitt ihm seine Hand ab. Diese war aber auch aus Stahl und fiel einfach nur zu Boden. Toni schien dabei keinerlei Schmerzen zu empfinden. Innerlich fluchte ich auf allen Arten, die es gab. Doch helfen tat es trotzdem nicht. Ich schnappte mir seine Hand und rollte mich aus der Gefahrenzone.

»Und warum, wenn ich fragen darf, hast du einen Stahlkörper?«, fragte ich gelassen und ließ seine Hand an Kabel runterbaumeln. Toni entgegnete dem nur grinsend und meinte kühl:

»Für Versuche brauch man auch Versuchskaninchen. Und weil man selbst immer am besten weiß, wo Grenzen sind …«

Ich sah ihn angewidert an und beobachtete, wie das Blut von meiner Schulter über meinen Arm auf den Boden tropfte.

»Du bist geisteskrank … Und das Wortwörtlich!«, schrie ich und lief gradewegs auf ihn zu. Ich schlug immer wieder auf ihn ein und versuchte seinen Kopf zu treffen, doch er schien meine Schläge immer vorauszuahnen, denn er fing sie immer gut ab. So kämpften wir und kämpften und nichts geschah. Hin und wieder streifte er mich am Bein oder Arm und ich ihn an seinem Stahlkörper.

Nach einer guten halben Stunde war ich vollkommen erschöpft und meine Konzentration nahm regelrecht ab. Er dagegen war noch in Topform. Ich passte nur einen kurzen Moment nicht auf, da lag ich schon auf dem Boden mit seinen zwei Messern an meinem Hals. Ich atmete schwer und sah geschockt zu den Messern.

»Ich könnte dein Leben jetzt einfach aushauchen. Ohne, dass du wahrscheinlich etwas merkst. Aber das wäre doch langweilig, findest du nicht auch?«, meinte er spitz und grinste mich gemein an. Ich sagte nichts und starrte ihn einfach nur böse an. Ich wartete auf seinen Schlag in meinen Hals und dass sich mein Kopf abtrennt. Die Vorstellung allein ließ mich schaudern. Wie in solchen Horrorfilmen. Wo der Kopf dann noch nach der Abtrennung mit den Augen zwinkerte.

»Ich lasse dich lieber schmoren und leiden …«

Sofort danach spürte ich eines seiner Messer in meinen Hals. Ich schrie heftig auf und mein Blut spritzte Toni ins Gesicht. Mit letzter Kraft wollte ich Toni meine Schwerter in den Hals jagen.

Es gab ein Schuss, Toni rollte sich blutend von mir runter und sprang zu seinem Schreibtisch. Er blutete heftig am Kopf und sah zu einer Person, die am Eingang stand.

»Das Spiel ist aus, Toni.«

 

»Takuto!«, rief ich heißer und rollte mich zur Seite. Mit einem Mal zersprangen die Fenster und andere stürmten den Raum. Darunter waren Riccardo, Nana und dieser Jo. Aber auch noch andere Gesichter, an die ich mich nur schwach erinnern kann. Sie umzingelten Toni und hielten die Waffen auf ihn gerichtet.

Takuto kam auf mich zu gerannt.

»Ryan, sprich nicht, sonst wird alles nur noch schlimmer«, sagte er sanft und zog mir langsam das Messer aus dem Hals. Ich kniff meine Augen zu und gab seltsame Laute von mir.

 

»Toni, gib auf. Es ist jetzt eh zu spät«, sagte Riccardo und hielt ihm eine Bazooka hin.

»Time’s out!«, rief Nana und zielte mit zwei kleinen Pistolen auf ihn.

Toni lachte nur und krümmte sich etwas.

»Ihr habt doch keine Chance gegen mich … Mich, der euch geschaffen hat … Sklaven!«

Er hielt eine kleine Puppe hoch und drückte sie fest. Sofort schrien alle in dem Raum anwesenden und krümmten sich. Selbst Takuto krümmte sich vor Schmerzen. Ich empfand ebenfalls einen leichten Schmerz, doch er war nicht so stark, wie er bei den anderen zu sein schien. Ich schob meinen Poncho etwas weiter hoch und sah auf das Zeichen. Es glühte ein wenig und man sah die einzelnen Datenstränge. Wie bei einem Computerchip. Ich griff nach dem kleinen Messer von Toni und schnitt mir unter großen Schmerzen das Stück Haut weg. Ich musste mir wirklich schwer ein Schreien unterdrücken. Es Blut floss an meiner Hose runter und tropfte auf den Boden. Meine Hände färbten sich ebenfalls rot und das schon eingetrocknete Blut von den Bodyguards wurde von meinem frischen weggespült. Nach wenigen Sekunden hatte ich den Hautfetzen in der Hand. Ich schwitzte stark und atmete schwer. Ich nahm das kleine Messer und stach mein Stück Haut auf. Ich holte aus und warf das Messer, mitsamt meinem Hautfetzen, in Tonis Bein. Der spürte wie immer nur einen Stoß und sah verdutzt nach unten. Er vernahm den Hautfetzen mit seinem Zeichen drauf und sah mich geschockt an. Dann grinste er aber wieder und schmiss die Puppe auf den Boden. Alle anderen in dem Raum taten es der Puppe gleich und krümmten sich. Toni jedoch kam auf mich zu gerannt und holte eine Waffe heraus. Damit hatte ich nicht gerechnet und musste das auch gleich mit einem Streifschuss bezahlen. Ich konnte grade noch so ausweichen. Er schoss im Sturmfeuer. Ich wich immer wieder aus und wusste aber langsam nicht mehr wohin, denn ich wollte auch nicht, dass die anderen getroffen werden. Plötzlich stolperte ich und flog gradewegs aus dem Fenster. Toni sprang direkt hinter mir und feuerte weiter. Ich stieß mich immer wieder von der Hauswand ab und landete nach wenigen Sekunden in einem Baum. Schnell sprang ich von diesem in einen anderen Raum. Ich sah mich kurz um und befand mich anscheinend in einem Versuchslabor. Überall standen Tanke, gefüllt mit grüner Flüssigkeit. Schläuche und Rohre gingen durch die ganze Halle. Nirgendwo war jemand zu sehen.

Kaum hatte ich mich umgesehen, sprang auch schon Toni hinterher und attackierte mich. Ich wich aus und er schoss wieder um sich.

»Sag mal, wie viel Munition hast du dabei?«, rief ich und lief weiter, um den Schüssen auszuweichen.

»Dauermunition, Ryan!«, schrie er und sprang mit einem Mal hoch und war direkt über mir. Da eröffnete er ein Sturmfeuer kopfüber. Ich konnte grade noch so aus der Gefahrenzone entweichen.

Außer Atem und schon total am Ende, versteckte ich mich hinter einem Tank. Ich hörte nur Tonis Atem und ich spürte wie er nach mir suchte.

»Zeig dich, Blutsauger … Ich bring dich um!«, schrie er durch die Halle. Ich suchte nach irgendetwas, was ich als Waffe benutzen könnte. Verzweifelt darüber, dass ich nichts fand, bewegte ich mich langsam von meinem Versteck ins Nächste. Toni bemerkte das und schoss in mein altes Versteck. Der Tank brach auf und heraus kam die eklige Flüssigkeit. Sie war glibberig und zäh. Sie sah richtig giftig aus. Ich suchte und suchte, bis ich auf eine Eisenstange traf. Fürs erste reichte die. Aus Versehen streifte ich mit ihr das grüne Zeug. Trotzdem warf ich sie Toni ins Gesicht. Es machte nur ein bekanntes Geräusch, nämlich das, wenn zwei Metalle aufeinander prallten. Doch plötzlich schrie Toni auf.

Ich sah kurz hinter meinem Versteck hervor. Er hat seine Waffe fallen gelassen und packte sich unter Schmerzen ins Gesicht. Ich konnte nichts erkennen, bis Toni kurz seine Hände aus seinem Gesicht nahm. Da sah ich es.

Das Grüne Zeug hat seine Haut weggeätzt. Sofort machte ich einen großen Sprung zur Seite, da ich nicht scharf darauf war, mit dem Zeug in Verbindung zu geraten.

»Du Arsch! Ich mach dich platt!«, schrie Toni immer wieder.

»Du Arsch!«

Ich hörte wie Fenster zersprangen und der Rest des Clans wieder den Raum stürmte. Aber ohne zu zögern, begann ein Sturmfeuer auf Toni. Der konnte aber ausweichen und aus heiterem Himmel fielen auch noch andere Schüsse. Mein Blick wand sich zur massiven Stahltür. Dort standen noch mehr von solchen Bodyguards, wie ich sie schon mal erledigt hatte.

In mir sammelte sich Wut und mit meinen Samuraischwertern in den Händen lief ich auf sie zu. Sie schossen zwar, aber mehr als Streifschüsse waren nicht drin. Einem nach dem anderen hackte ich den Kopf ab. Das Blut spritzte mir nur entgegen. Ich genoss es in vollen Zügen. Mein Blut kochte in meinen Adern und ich spürte, wie mein Verlangen nach mehr stieg.

Ich hörte Schreie, doch sie schienen so weit weg.

Ich hörte Geschosse, doch auch sie schienen weit weg.

Ich hörte mein Blut kochen.

Ich hörte das Blut plätschern.

Ich hörte die Hilfeschreie meiner Opfer.

Ich hörte Takuto’s Stimme.

Ich hörte Tonis Stimme.

Ich hörte so viel, doch alles so weit weg.

Nur eines wusste ich. Ich bin hier und muss es zu Ende bringen und zwar so schnell wie möglich!

 

Ich verlor die Kontrolle über meinen Körper, ein anderes Wesen kontrollierte mich, ich konnte nicht aufhören. Ich tötete alles und jeden, der sich mir in den Weg stellte. Das Monster in mir schien erwacht.

 

»Ryan!«

Ich stockte. Plötzlich sah ich, wen ich vor mir hatte.

»T-Takuto …«, murmelte ich verblüfft. Ich hielt ihm meine zwei Schwerter an die Kehle und drückte ihn gegen einen Tank. Langsam nahm ich die Schwerter runter und atmete schwer.

»Ryan, hast du den Verstand verloren?«, fragte Takuto und schüttelte mich etwas an meinen Schultern. Ich war auf einmal so schlapp und konnte nicht antworten. Ich schüttelte leicht den Kopf und versuchte mich auf meine Feinde zu konzentrieren, nicht auf meine Freunde.

»Wo … ist Toni?«, sagte ich, mit den Augen suchend nach ihm.

»Der ist hier irgendwo im Raum. Wir suchen ihn auch grade«, meinte Takuto kühl und ließ mich los.

»Ryan, beruhig dich erst mal wieder! Du bist schon wieder so … komisch. Und deine Hörner sind auch schon so groß geworden!«

Ich stockte. Ja, fast schon erschrocken war ich.

»Meine Hörner?«, wiederholte ich und fasste mich langsam an meinen Kopf. Tatsächlich waren sie um das doppelte gewachsen. Verzweifelt und völlig von Sinnen drückte ich Takuto an die Wand und schüttelte ihn.

»Was soll ich denn machen? Was sind das für Hörner? Mach sie weg! Ich will die nicht haben!«, rief ich immer wieder.

Takuto schüttelte nur den Kopf.

»Ich weiß es doch auch nicht, Ryan …«, murmelte Takuto.

-Kapitel 13-

 

 

Ich schüttelte Takuto immer weiter.

»Wie bekomme ich die weg? Sag’s mir!«, schrie ich ihn an. Wieso ich so ein Theater machte wegen dieser Hörner, wusste ich auch nicht. Ich verlor völlig die Kontrolle. Aber es war auch so schwer sie wieder zu erhalten.

Takuto schlug mir heftig ins Gesicht.

»Mach nicht mich fertig, mach ihn fertig!«, schrie er und zeigte auf Toni, der in einem Lüftungsschacht versuchte, seinen Roboterarm wieder dranzukriegen.

Mit wütendem Blick und Hass im Herzen sah ich zu Toni. Der lachte nur und schrie mir spöttisch ins Gesicht:

»Selbst in deiner Verwandlung hast du keine Chance!«

Wie ein Tier sprang ich die Wand entlang zu Toni. Ich griff nach seinem Arm und schnitt ihm den auch ab. Ohne Arme, fiel Toni die Wand hinunter und stemmte sich mit seinen Beinen auf einem Tank ab. Ich folgte ihm, begierend darauf ihn zu töten. Alles ging auf einmal so schnell. Meine Füße bewegten sich ganz von allein und mein einziger Trieb, Tonis Leben ein Ende zu setzten, ließ mich meine Schwerter gegen ihn schwingen. Meinen Hass und meine Wut …

Toni wich meinen Schwertern aus und sprang zum nächsten Tank. Leider hatte ich den Tank unter Toni nicht ganz berechnet und schlug einen heftigen Riss in das Glas. Es zersprang und die grüne Flüssigkeit machte sich auf dem Boden breit. Es stank fürchterlich.

»Was ist das denn?«, rief Nana und hielt sich die Nase zu.

»Bleibt weg von dem Zeug! Das ätzt euch alles weg!«, schrie Takuto durch die Halle und schubste einzelne von der Flüssigkeit weg. Danach spürte ich seinen Blick auf mir.

»Ryan, so wird das nichts!«, rief er mir zu. Ich fixierte mich nur auf Toni, der lachend auf einem anderen Tank stand.

»Und was, deiner Meinung nach, soll ich tun?«, fragte ich Takuto, den Blick noch auf Toni gerichtet.

Es dauerte eine Weile bis er antwortete:

»Stell ihm eine Falle … Oder derartiges.«

»Oder derartiges? Was soll denn ‚oder derartiges’ sein?«, keifte ich Takuto an und wendete meinen Blick für einen kurzen Moment ab.

»Na, leg ihn rein- Ryan! Hinter dir!«

Ich drehte mich um und vernahm nur noch, dass Toni mit einer Klinge im Mund auf mich zukam. Ich versuchte auszuweichen, doch der Schmerz in meiner linken Hand sagte mir, dass es mir nicht gelungen war.

Ich fiel vom Tank und röchelte ein wenig. Takuto kam auf mich zugelaufen und schreite unverständliche Dinge. Wahrscheinlich wollte er sich nach meinem Zustand erkundigen. Er hob mich auf seine Knie und riss sich ein großes Stück von seinem Mantel ab. Damit verband er meine Hand. War sie überhaupt noch dran? Mein ganzer Arm wurde taub. Mit schwerem Blick, versuchte ich mich auf meine Hand zu konzentrieren. Ich sah sie noch. Sie bewegte sich sogar. Sie hing noch an einem Knochen an mir. Takuto verband aber schnell die Stelle.

Während Takuto mit mir beschäftigt war, mischten sich die anderen ein. Sie versuchten Toni in die Enge zu treiben und schossen auf ihn ein. Aber die meisten Kugeln blieben stecken oder prallten einfach ab, sie wirkten gar nicht auf ihn ein.

Ich stemmte mich mühvoll auf und ließ eines meiner Schwerter bei Takuto.

»Takuto … Ich hab eine Idee … Hilfst du mir?«, fragte ich ihn ohne ihn dabei anzuschauen.

»Natürlich.«

Er stand auf und stellte sich neben mich. Ich erklärte ihm meinen Plan, er nickte und schon liefen wir los. Es schmerzte etwas in meinem linken Arm und besonders meine Hand. Aber ich unterdrückte den Schmerz und versuchte mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Toni stand mittlerweile auf einem Gasrohr und wartete auf weitere Patronen, die er nur abwehren brauchte.

Takuto und ich sprangen jeweils auf die andere Seite von Toni. Da standen wir nun. Takuto rechts von Toni, ich links von Toni. Alle auf dem Gasrohr.

»Wollt ihr mich in die Enge treiben?«, fragte er mit einem großen Grinsen im Gesicht.

»Nicht nur das …«, zischte ich und gab Takuto das Zeichen zum Angriff. Ich sprang auf Toni drauf und hielt ihn fest. Er versuchte sich gar nicht zu bewegen. Doch als Takuto dann mit dem anderen Samuraischwert kam, rutschte er mit mir vom Gasrohr, sodass Takuto in dieses einschlug. Während Toni und ich fielen, riss ich ihm Kabel aus dem Körper, ohne ein bestimmtes vor Augen zu haben. Er zuckte immer leicht zusammen und versuchte meine Hände weg zuschlagen. Als wir am Boden aufkamen, zersprangen Tonis Beine in ihre Einzelteile. Ich konnte mich grade so abfedern, doch meine Schuhe landeten in der grünen Flüssigkeit. Es rauchte ganz schön, sodass ich so schnell wie es nur ging, wieder weg sprang. Zu meiner Enttäuschung richtete sich Toni wieder auf, auch wenn er nur auf seinem Körper stand. Trotzdem … Das war meine Chance. Alle anderen schossen noch einmal auf Toni drauf, sodass er nicht wirklich von seinem Platz verschwinden konnte.

Kaum war der Sturm der Kugeln vorbei, sprang ich in die Höhe.

»Nein!«, rief Toni und erblickte mich über seinem Kopf. Er riss die Augen auf und versuchte noch im letzten Moment auf einen Tank sich in Sicherheit zu bringen. Doch ich folgte ihm.

»Das hier ist für all deine Sünden!«, schrie ich und holte weit mit meinem Schwert aus …

 

Tonis Kopf rollte den Tank hinunter. Doch anstatt ein geschocktes Gesicht zu machen, grinste er. Selbst als sein Kopf im Fallen war, lachte er noch und beendete damit sein Leben. Doch kaum war der Kopf auf dem Boden aufgekommen, lachte er immer lauter und lauter. Worte wie »Es ist noch lange nicht vorbei« und »Ihr könnt mich nicht besiegen« kamen aus seinem scheußlichen Mund. Ich sprang zu seinem Kopf und stopfte ihm den Chip mit den Daten in den Mund.

»Hier sind deine Daten, du Arsch …«, zischte ich und hob mein Schwert.

»Und das ist für den kleinen Jungen, dessen Eltern du getötet hast!«

Ich stach ihm das Schwert durch den Chip in seinen Mund. Er schrie noch etwas Unverständliches.

Doch plötzlich explodierte sowohl sein Körper als auch sein Kopf. Die grüne Flüssigkeit entzündete sich und die ganzen Gasleitungen fingen an zu brennen.

»Ryan!«, hörte ich Takuto aus den Flammen schreien. Ich bewegte mich nicht. Ich brach zusammen und starrte auf meine Freunde, wie sie versuchten aus dem Feuer zu entfliehen. Ich sah auch Takuto, wie er auf mich zu gerannt kam und mich am Arm packte. Ich sah noch in seine grünen Augen und dann versagte mein Körper …

 

Als ich wach wurde, hing ich in Takuto’s Armen. Ich hörte energische Stimmen, Schreie und Getrampel. Es hämmerte ziemlich in meinem Kopf und bereitete mir Kopfschmerzen. Langsam erhob ich mich aus Takuto’s Armen und stellte mich neben ihn. Der realisierte erst nach meiner Bewegung, dass ich wach war.

»Ryan … Wie geht es dir?«, fragte er besorgt um mich und hielt mich an der Schulter fest.

»Beschissen … Was ist denn passiert?«

Ich klang ziemlich quälend.

»Du hast Toni umgebracht.«

Kurz und knapp. Ich sah zu Takuto und er sah zu mir. Wir beide starrten uns an, wobei er ein kleines Stückchen größer war als ich. Ich sah in seine giftgrünen Augen und versank wieder in ihnen. Takuto lächelte sanft, obwohl er wahrscheinlich ziemliche Schmerzen hatte. Sein ganzes Gesicht war voller Blessuren und sein Körper sicher auch. Ich lächelte zurück. Dann ließ ich mich wieder in seine Arme fallen und drückte ihn feste an mich. Er stank nach Blut und Dreck. Ich wahrscheinlich noch mehr. Aber auch Takuto umarmte mich und verharrte so. Ich war so glücklich. Ich war noch am Leben und hatte Toni besiegt. Gut, ich musste meine halbe Hand herhalten und auch Takuto und andere mussten ziemlich leiden. Aber dafür war es jetzt vorbei.

Überall standen Leute aus der Abtei, aber auch welche aus unserem Clan um das brennende Versuchslabor.

Ich sah wie Riccardo einen kleinen Jungen an der Hand hielt. Es war der Junge, der mir den Weg zu Toni gezeigt hat. Ich musste lächeln. Er und Riccardo verstanden sich so gut. So … zu gut. Aber ich gönnte es den beiden.

Etwas weiter entfernt sah ich Nana, wie sie mit einem anderen Mädchen plauderte und tratschte und lachte. Dahinter sah ich Jo mit jemandem reden. Dieser Jemand war auch ein Typ, der wie aus einer Krankenstation entlaufen aussah.

»Ryan! Takuto!«, hörte ich eine kleine Piepsstimme rufen. Ich drehte mich um und sah die weißen Haare im Wind wehen.

Ich freute mich wahnsinnig, den kleinen Klugscheißer wieder zu sehen.

»Penelope!«, rief ich und nahm sie auf meinen Arm. Sie umarmte mich feste und kuschelte sich an meinen Hals.

»Ich bin so froh, dass ihr beide noch lebt!«, meinte sie dann erleichtert.

»Na, und wir erst«, lachte Takuto und streichelte Penelope durchs Haar.

»Und du bist wieder normal?«, fragte Penelope etwas zurückhaltend. Takuto lächelte nur.

»Jep!«

 

Später versammelte sich der ganze Clan vor der Villa. Ich stand mit Takuto bei Riccardo.

»Und was wird jetzt aus uns? Jetzt, wo Toni doch tot ist«, fragte Takuto in die kleine Runde rein.

»Mal sehen, was passiert. Noch sind wir am leben und ich fühle mich auch nicht so, als würde ich jeden Moment sterben«, lachte Riccardo, obwohl ich das weniger lustig fand.

Ich seufzte nur kurz vor mich hin.

»Und was passiert mit meinen Hörnern?«

Riccardo und Takuto sahen mich kurz an, dann den jeweils anderen und dann wieder mich.

»Gute Frage«, meinte Riccardo und klopfte ein paar Mal auf meine Hörner. Ich zuckte leicht zusammen.

»Wir können sie dir ja rausoperieren«, meinte Takuto kühl und griff nach einer Eisenstange, die an die Hausmauer angelehnt war. Er setzte kurz an meine Hörner an und holte dann weit aus.

»Nein!«, rief ich und bückte mich mit den Händen schützend über meine Hörner. Takuto lachte nur und warf die Eisenstange wieder weg.

»War doch nur ein Scherz!«, sagte er und legte seine Hand auf meine Schulter. Ich verformte meine Augen nur zu Schlitzen und fand das mal gar nicht lustig. Doch als auch Riccardo lachen musste, konnte auch ich mir ein Grinsen nicht unterdrücken.

Die anderen fingen schon an, aufzuräumen.

»Vielleicht sollten wir mithelfen …?«, fragte Takuto. Ich nickte ihm kurz zu und sah fragend zu Riccardo. Der musterte nur uns beide und grinste fies.

»Ab an die Arbeit, Untertanen! Euch erwartet sowieso eine deftige Strafe, dass ihr beiden euch gegenseitig gebissen habt!«

Takuto und ich, sichtlich geschockt über die Worte von Riccardo, sahen uns an und ging mit weit aufgerissenen Augen zu den anderen in die Villa.

Riccardo lachte nur. So ging das den ganzen Tag. Wir schufteten und Riccardo sah uns dabei zu. Dafür versprach er uns eine genüssliche Party, mit viel Alkohol.

 

Na, dann. Prost!

-Epilog-

 

 

Nach drei Monaten kehrte langsam wieder Ruhe und Frieden in unsere Villa zurück.

Alles funktionierte wieder, wie damals. Riccardo nahm seinen Platz als Oberhaupt wieder ein, Jo als Krankenpfleger, Ich und Takuto als Sklaven von Riccardo und Penelope zog bei uns ein.

Die restlichen ‚Menschen’ aus der Abtei lebten sich leicht wieder in die normale Gesellschaft ein. Nach circa einer Woche kam dann das Militär und durchsuchte die ganze Stadt. Zum Glück fanden sie nichts Außergewöhnliches, was nach dem vergangenen Chaos kein Wunder gewesen wäre. Sie verschwanden sogar recht schnell und überließen den Menschen der Stadt den Aufbau. Natürlich kamen wir in allen Möglichen Nachrichten und Talkshows. Es wurde spekuliert und getratscht, warum die ganze Stadt so verwüstet worden ist und keiner es aus anderen Städten mitbekommen hat. Als einfachste Erklärung nahmen sie einfach die These, dass ein einfaches Experiment schief gegangen sei und eben den Rest mit sich geschleift hat. Die Beteiligten dieses ‚Experimentes’ wurden festgenommen und auf Lebenslang eingesperrt. Das waren einfach die Leute, die Toni geholfen haben und nicht wegen uns draufgegangen sind.

 

Riccardo bat uns eines Tages in sein Büro zu kommen. Es ging um unsere Strafe, weil wir uns gegenseitig gebissen hatten.

Die Strafe war, dass wir einen Tag lang, von morgens bis abends, im Dienstmädchenkostüm für Riccardo arbeiten mussten. Das war recht peinlich, aber noch eine aushaltbare Strafe …

 

Als unten im Foyer die Party stattfand und alle ihren Spaß hatten, zog mich Takuto am Ärmel aus der Menge.

»Ryan … Ich hab keine Lust mehr hier zu bleiben, kommst du mit aufs Zimmer?«, fragte er leise. Erst verstand ich nicht, warum er jetzt auf einmal keine Lust mehr auf Party hatte, doch dann verstand ich was er meinte. Ich nickte kurz und folgte ihm dann Händchen haltend in sein Zimmer.

Die Sache mit dem Schlussmachen hatten wir kein einziges Mal mehr angesprochen. Es war selbstverständlich, dass wir wieder ein Paar waren und es auch blieben. Takuto sagte mir jeden Tag, wie sehr er mich liebt und dass er nie wieder auf den Gedanken kommen würde, mit mir Schluss zu machen. Wie niedlich ich das immer fand. Mittlerweile finde ich es recht schnulzig. Aber hey! Er ist mein Freund!

 

Kaum waren wir in seinem Zimmer angekommen, schloss Takuto die Tür hinter sich zu und umarmte mich zärtlich. Er küsste mich am Hals und streichelte meinen Rücken. Ich erwiderte seine Umarmung und genoss die Liebkosungen. Dann küsste mich Takuto sanft auf den Mund und verwickelte mich in einen langen und intensiven Kuss. Während er mit meiner Zunge spielte, ließ er seine Hand in meine Hose gleiten. Dort massierte er meinen kleinen Freund, der schon so lange auf so etwas gewartet hatte. Ich ließ mich von Takuto auf sein Bett führen und wurde von ihm auf den Rücken geschmissen. Wir küssten uns wild und zogen unsere T-Shirts aus. Takuto löste sich von mir und leckte meinen Oberkörper mit seiner gierigen Zunge ab. Langsam fing er an, an meinen Brustwarzen zu knabbern. Ich stöhnte leicht auf und genoss weiterhin die Streicheleinheiten unter der Gürtellinie. So ging das eine Weile, bis er meine Hose ganz auszog und ihn in seinen heißen Mund nahm. Ich stöhnte mittlerweile gar nicht mal so schlecht auf und krallte mich an dem Bettlaken fest. Takuto lutschte und leckte immer weiter. Es war so angenehm …

Ich spürte schon wie ich kurz vorm Kommen war. Mensch, ging das wieder schnell… Aber bevor es so weit kommen konnte, drückte Takuto meine Beine auseinander. Plötzlich spürte ich seine zwei Finger in mir und ich musste unerwartete aufstöhnen. Takuto tastete mein Inneres ab und fand immer wieder meine erregende Stelle.

»Ha … Ah … Takuto …«

Ich konnte es mir einfach nicht unterdrücken. Ich musste seinen Namen sagen. Dieses Gefühl. Es erinnerte mich an damals. Wo wir auch hier lagen, oder bei mir, und haben es getrieben. Mal gegen meinen Willen, mal nach meinem Willen.

Nach wenigen Minuten zog auch Takuto seine Hose aus und drückte meine Beine noch ein kleines Stückchen mehr auseinander. Er führte seinen langsam an mich heran.

»Ah … Bereit?«, flüsterte er mir zu. Ich nickte kurz und schon spürte ich ihn in mir.

Ich stöhnte heftig auf und auch er gab erregende Laute von sich. Er bewegte sich ein paar Mal. Ich spürte jede einzelne Bewegung. Es ist immerhin auch schon eine Weile her, wo wir das letzte Mal Sex hatten. Aber es war mehr als angenehm.

Er massierte meinen kleinen Freund noch ein wenig weiter, bis ich endlich kam. Ich stöhnte laut auf und krallte mich an Takuto’s Rücken fest. Das weiße Zeug, was ich absonderte, klebte sich an meinen und Takuto’s Bauch.

Doch er hörte keineswegs auf sich zu bewegen. Sein Stoßen wurde immer heftiger und schneller. Er stöhnte immer lauter und drückte mich immer mehr an sich. Seine Küsse wurden energischer und intensiver. Er spielte mit meiner Zunge und streichelte dabei meinen Nacken. Ich legte meine Arme auf seinen Nacken und drückte ihn zu den Bewegungen passend an mich.

Schon bald spürte ich, wie Takuto sich leicht verkrampfte und die heiße Flüssigkeit in mich hinspritzte.

Kurz darauf entspannten wir uns beide. Er nahm ihn raus und legte sich auf mich. Mein Blick fiel auf seine Uhr.

Eine dreiviertel Stunde. Nicht schlecht.

 

»Ich liebe dich …«, flüsterte Takuto mir ins Ohr.

»Ich dich auch …«, flüsterte ich ihm zurück.

 

So waren wir also wieder vereint. Ziemlich schnulzig, wie ich finde. Für Takuto wahrscheinlich grade richtig!

 

 

Die Villa blieb in ihrem Zustand.

Alle lebten ihr Leben weiter, welches ewig dauern sollte.

An einem Abend regnete es in Strömen. Der Winter brach nun völlig in die Welt hinein. Der Tag, der so grau war, wie ich mich einst fühlte, neigte sich dem Ende. Der Vollmond stand am Himmel und lachte auf uns Nachtwesen herab.

 

Ich glaubte, ein Heulen am Ende des Waldes vernommen zu haben …

 

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