Bitter Death

Akuma-Sato Yamamoto - Top Manager einer großen Firma in Japan - hasst und liebt seinen Job zugleich. Es kam, wie es kommen musste: Eines späten Abends erwischt ihn sein erster und letzter Schlaganfall. Sato weiß nicht, wie ihm geschieht, als er anstatt zu sterben, einen jungen Mann vor sich sitzen sieht. Der erklärt ihm schnell, was Sache ist: Sato müsste eigentlich tot sein und im Jenseits sitzen. Stattdessen klammert sich seine Seele noch an seinen Körper und dem jungen Mann ist es schier unmöglich, Satos Seele überzuführen. Da wird dem Geschäftsmann schnell klar: Dieser silberhaarige Mann ist nicht irgendwer: Es ist sein persönlicher Todesengel.

 

Trigger: Sexszenen, BDSM und Yaoi. Lesen auf eigene Gefahr!

 

Nur für Erwachsene gedacht!

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Tag 1

 

Dort, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte, kannte man so etwas wie Feierabend nicht. Auch keine Feiertage oder generell das Wort „feiern“. Es gab nichts zu zelebrieren, höchstens ein lobendes Wort, dass die Firma erneut die Gewinnprognosen übertroffen hatte und man die „freiwillig“ tausend abgeleisteten Überstunden der ausgebeuteten Mitarbeiter sehr schätzte. Jeden Tag wurde aufs Neue erwartet, dass man sich verbesserte, dass man nach mehr strebte – für die Firma. Denn man lebte für sie. Und man starb auch für sie.

Es war der erste Dezember und Akuma-Sato Yamamoto starrte aus dem großen Fenster neben seinem Schreibtisch. Die Menschen auf den Straßen huschten wie Ameisen hin und her, um die letzten Geschenke für das große Fest zu besorgen. Viel zu teure Dinge für Menschen, die man beeindrucken oder deren Liebe man sich erkaufen wollte, dachte Sato, genervt von den Menschenschaaren unter seinem Fenster. Obwohl er im 24. Stock saß und die Menschen ihn in keiner Weise beirren sollten, ließ sich der Manager trotzdem von seiner Arbeit ablenken. Der Bericht zum Jahresende seiner Abteilung sollte längst beim Chef eingereicht sein. Die Kostenstelle sollte ebenfalls in den nächsten Tagen eine Übersicht erhalten. Seine Mitarbeiter warteten auf die Arbeitsanträge für das neue Projekt, welches im neuen Jahr starten sollte. Sowieso lag mehr Arbeit auf seinem Schreibtisch, als Sato lieb war.

Seufzend erhob er sich, um sich einen weiteren Kaffee aus der kleinen Küche im Flur zu holen, als er sein Handy in der Hosentasche vibrieren hörte. Um keine weitere Zeit zu vertrödeln, kramte er es im Gehen raus und wischte über den Bildschirm. Eine Nachricht seiner Ex-Freundin blitzte vor seinen Augen und hinterließ einen bitteren Geschmack im Mund.

„Ich habe noch dein Geschenk hier und will es dir geben. Können wir uns die nächsten Tage treffen? Dann sehen wir uns noch vor Jahresende und ich muss das Geschenk nicht zurückgeben.“

Seufzend und etwas gereizt packte Sato das Handy wieder weg und stellte seine Tasse unter den vollautomatischen Kaffeeautomaten. Obwohl er ihr schon vor Wochen den Laufpass gegeben hatte, klammerte sie weiterhin an den Überresten, die man mal eine Beziehung hätte nennen können. Er war vieles – Manager, Arbeitstier, guter Chef, konsequent, belastbar und fair –, aber kein Schmusetiger, den man auf Familienfeiern und Geburtstagen mitnahm, um sich als Traumpärchen darzustellen. Und er war sich bewusst, dass diese SMS ein letzter, mitleidserfüllender Versuch war, ihn zurückzugewinnen. Wahrscheinlich hatte sie ihn bereits bei der Familie angekündigt und wollte nun der Scham entrinnen, dass er sie hat sitzen gelassen – so kurz vor Weihnachten.

Doch Sato hasste solche Festivitäten. Das war mitunter auch einer der Gründe, wieso Sato seine eigene Familie mied. Umso weniger sah er ein, wieso er die Familie seiner Ex-Freundin kennenlernen sollte. In den letzten Wochen wurde sie sowieso im Umgang immer schwieriger, also machte er Schluss. Nicht einmal der Sex konnte ihn überzeugen, noch ein bisschen auszuhalten. Sie war nett, ganz hübsch und relativ intelligent. Eigentlich das, was Sato mochte. Aber was er eben nicht leiden konnte, waren komplizierte Themen wie Liebe, Heiraten, Kinder und Familienfeiern. Und genau solche Themen wurden im Laufe der letzten Monate immer häufiger angeschnitten. Nicht nur von seiner Ex, auch von seinen Kollegen und Mitarbeitern. Er war doch schon Mitte 30, wo blieb denn die eigene Familie? Aber er konnte ja nicht mit jedem Schluss machen, der ihn auf seine nicht vorhandene Familienplanung ansprach.

Gelangweilt von sich selber, dass er solche Gedanken erneut an den Arbeitsplatz brachte, obwohl er mit dem Ende der Beziehung gehofft hatte, nicht mehr damit konfrontiert zu werden, setzte er sich mit einer heißen Tasse Kaffee zurück an seinen Schreibtisch, um den Bericht weiter zu schreiben.

„Yamamoto-Sama?“, kam eine zögerliche Frauenstimme hinter der Glastür zu seinem Büro. Ohne von seinem Computerbildschirm aufzusehen, brummte Sato seine Sekretärin hinein. Sie trug einen engen und kurzen Bleistiftrock, den Sato eigentlich immer an ihr zu schätzen wusste und es ihr gerne mitteilte. Sie kicherte dann errötend auf und zog die Schultern hoch, als würde sie sich schämen, den Rock angezogen zu haben. Dabei war sich Sato sicher, dass sie ganz genau wusste, welche Wirkung sie damit erzielen würde. Doch nach der Nachricht von seiner Ex, war ihm nicht zum Flirten zumute.

Zögerlich, die Stimmung nicht ganz einschätzend, kam die junge Frau in Satos Büro und ließ die Tür offen. Es ging wohl um nichts Großes, vermutete der Manager und tippte weiter an seinem Bericht.

„Ihr Termin für heute Abend wurde abgesagt. Wenn Sie möchten, kann ich das Meeting auf morgen Abend setzen. Der Kunde war sehr offen, was – “

„Setzen Sie Ihn auf Übermorgen. Ich muss morgen Abend etwas Privates erledigen“, sagte Sato spitz und machte sich eine mentale Notiz, dass er seinen Besuch noch bei seiner Ex ankündigen sollte.

Die junge Frau nickte verunsichert und verließ den Raum mit schnellen Schritten, ohne dabei nicht noch einen kurzen Blick zu ihrem Chef zu werfen, der sie weiterhin ignorierte.

Es wurde langsam dunkel und die glitzernden Lichter der Stadt funkelten unangenehm in den trockenen Augen von Sato. Er rieb und drückte gegen seine müden Augenlider, in der Hoffnung der Schmerz würde nachlassen. Erst, als selbst die Lichter der Straßen dunkler wurden und seine Sekretärin schon lange ihre Schicht beendet hatte, schielte Sato auf seine Uhr am Computer. Es war bereits kurz vor 23 Uhr.

Der Bericht war noch immer nicht fertig, auch wenn er die freie Zeit nach der Terminabsage so effizient genutzt hatte, wie es nur irgendwie ging. Der Manager wägte im Bruchteil einer Sekunde ab, ob er weiterschreiben oder nach Hause gehen sollte, doch als er sich daran erinnerte, dass ihn niemand in seinem Loft erwarten würde, beschloss er weiter am Bericht zu schreiben, auch wenn seine Augen langsam aufgaben. Es vergingen Minuten, in denen Sato angestrengt auf den hellen Bildschirm starrte und nicht merkte, wie die Buchstaben langsam unklar wurden. Alles verschwamm in seinem Gesichtsfeld, was ihn mehrfach blinzeln ließ. Doch als er sich ins Gesicht fassen wollte, konnte er seinen Arm nicht heben. Ein lautes Piepsen ertönte in seinen Ohren, alles um ihn wurde weiß, dann schwarz. Der Bericht blitzte noch ein letztes Mal vor seinen Augen auf, als Sato merkte, wie er vom Stuhl fiel und sein Kopf den harten Boden traf. Alles in ihm brannte, ließ ihn keuchen und nach Luft schnappen.

Er wusste nicht viel über den menschlichen Körper, immerhin war es nicht sein Fachgebiet, wieso sollte er sich also damit beschäftigen? Aber eins hatte er in einem dieser langweiligen Pflichtseminare gelernt: Hinweise auf einen Schlaganfall. Schnelles Handeln rettet Leben und je länger man wartet, desto mehr Gehirnzellen stürben ab. Gut, dass niemand mehr im Büro war.

Wunderbar, dachte Sato, während seine halbseitige Lähmung eine komplette wurde, und wer soll jetzt die Übersicht für die Kostenstelle schreiben? Innerlich über seinen sarkastischen Kommentar lachend, spürte er wie alles etwas leichter wurde. Ah, dachte Sato, das war’s dann wohl? So kurz vor Weihnachten. Na, er hatte es kommen sehen. Wobei er eher auf Herzinfarkt plädiert hatte. Immerhin stieg der Kaffeekonsum exponentiell mit den Arbeitsstunden an, die er in der Firma verbrachte.

Die Sekunden verstrichen auf einmal wie Sekunden und Sato erinnerte sich an sein bisheriges Leben. Seit seinem Abschluss verbrachte er sein Leben in der Firma. Hier und da gab es eine Frau in seinem Leben, die er einige Zeit mit sich zog, aber das war’s dann auch. Sato bereute es etwas, sich nie ein Haustier angeschafft zu haben. Aber irgendwie war ihm, als würde er dadurch seine Härte verlieren, die Glaubwürdigkeit bei seinen Mitarbeitern, die ihn fürchteten, aber auch schätzten.

Sterben dauerte viel zu Lange. Also schloss der Manager die Augen und schmunzelte über die Tatsache, dass er selbst vom Sterben gelangweilt und genervt war.

Auf einmal spürte er eine sanfte Berührung am Oberarm. Oh, huschte Sato durch den Kopf, es war doch noch jemand im Büro? Vielleicht eine Putzfrau? Im nächsten Moment hörte er nervöses Murmeln. Offensichtlich eine Männerstimme, wenn auch eine eher feminin wirkende. Die Leichtigkeit des Todes wurde immer schwächer, bis Satos Ungeduld den Zenit erreichte. Wenn diese Person neben ihm offensichtlich wusste, was hier vor sich ging, sollte er doch eigentlich etwas unternehmen. Einen Krankenwagen rufen zum Beispiel. Der Manager wusste in dem Moment nicht, ob er genervter von der Inkompetenz der bei ihm sitzenden Person war oder vom Gefühl der Erniedrigung, bedingt durch seine Unfähigkeit sich zu bewegen und dem Sabber, der ihm vermutlich am Mundwinkel herunterlief.

Doch es war, als wäre er dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen. Die Schmerzen und die Lähmung ließen mit jeder verstrichenen Sekunde nach. Schließlich öffnete Sato die Augen und erschrak, als er einen jungen Mann mit silbrigen langen Haaren über sich gebeugt sah. Dieser bemerkte erst nicht, dass der Manager ihn mit großen Augen anstarrte, da er in irgendeinem kleinen Notizbuch hektisch las und vor sich hinmurmelte. Erst, als Sato sich aufsetzen wollte, um der peinlichen Situation wieder etwas mehr Würde zu verleihen, zuckte der Junge heftig zusammen und sprang förmlich einen Schritt nach hinten. Er landete schmerzhaft auf seinem Hintern, fluchte dabei leise auf.

„Wer sind Sie und was machen Sie hier?“, fragte Sato in seinem üblich fordernden und kalten Ton. Der Junge sah ihn mit großen Augen an, antwortete jedoch nicht. Panisch fing er an in seinem Notizbuch zu blättern, als würde dort eine Antwort auf seine Identität stehen. Der Manager setzte sich langsam auf und übte in der Zwischenzeit seine Hände zu schließen. Problemlos konnte er sie auch wieder öffnen. Das war wohl nur ein temporärer Schwächeanfall, dachte Sato und schmunzelte. Ihn bekam niemand klein. Weder die Chefetage noch irgendein dummer Schlaganfall.

Der Silberkopf suchte noch immer hektisch in seinem Notizbuch nach einer Antwort, als Sato ihn anfing zu mustern, um selber eine Schlussfolgerung seiner Herkunft machen zu können. Erst dann bemerkte er die seltsame Kutte, die der Junge trug. Es waren weiße Gewänder aus schwerem Stoff mit goldenen Verzierungen. Aha, dachte Sato, vielleicht ein Ausländer. Aus dem Orient vielleicht? Trug man dort nicht solche Tuniken? Ein langer Schal in Karmesinrot lag locker um den schmalen Hals des Jungen. Generell wirkte er so schmächtig und klein, dass Sato erleichtert feststellte, dass er keine Gefahr war. Ein Einbrecher war er also schon mal nicht – was war er dann? So ging man doch nicht Putzen, oder etwa doch?

„Verstehst du mich nicht oder willst du mir einfach nicht antworten?“, machte Sato entnervt etwas mehr Druck. Der Fremde blätterte noch zwei Seiten, bis er erneut panisch zu Sato aufsah. Etwas in seinen braunen Augen strahlte eine gewisse Wärme aus, die gleichzeitig Resignation signalisierte. Vermutlich war es der kalte, stiere Blick, den Sato immer gut draufhatte, wenn es um etwas ging, was er wollte. Und das war in diesem Fall eine plausibel klingende Antwort.

Der Junge fing an, Satos Gesicht zu mustern und jedes Detail abzufahren. Seine Mandelförmigen Augen, seine schmalen Lippen, das spitze Kinn und die große, wohlgeformte Nase, die einer römischen Statue ähnelte. Das schwarze, glatte Haar, welches kurz geschoren im Businessstyle Satos markante Gesichtszüge intensivierte, glänzte im faden Licht des Büros.

Normalerweise fühlte sich Sato geschmeichelt, wenn andere Menschen ihn bewundernd ansahen, doch der Junge stierte schweigend vor sich hin, was dem Manager enorm missfiel.

„Nun gut“, sprach Sato mit zuckenden Schultern, während er langsam versuchte, aufzustehen, in der Hoffnung, seine Beine würden ihm gehorchen, „Dann rufe ich eben die Polizei.“

Selbst diese Drohung ließ den Jungen nicht aus seiner Starre bringen. Er saß weiterhin auf dem Boden, die schweren weißen Stoffe auf seinem Schoß liegend, den Blick Sato folgend. Das ließ den Manager eine Vermutung äußern:

„Sprichst du eine andere Sprache? English? Français? Español? Deutsch?“ Sato ging alle Sprachen durch, die er sich irgendwann mal zumindest in den Grundkenntnissen angeeignet hatte. „Italiano? Russkiy? Oder vielleicht …“, murmelte der Manager vor sich hin. Er wusste selbst nicht ganz, wieso er es noch einmal auf die nette Weise versuchte, immerhin stand ein wildfremder Junge in seinem Büro, der ausländisch aussah und definitiv nicht sehr kommunikativ war, was seine Identität anging.

„Du siehst verdammt jung aus. Wo sind deine Eltern und wie bist du überhaupt hier reingekommen? Bist du der Sohn von jemandem?“, sprach Sato weiter mit dem Junge, der wie zur Salzsäule erstarrt noch immer Satos Figur musterte.

Der Geduldsfaden vom Manager wurde immer kürzer. Als er beschloss, den Jungen einfach hochkant rauszuschmeißen, einfach aus dem Grund, dass er keinen Stress mit der Polizei wollte, sprang der blonde Silberkopf auf, um Satos Händen zu entrinnen. Nach einem kurzen Moment der Stille, in dem Sato überlegte, wie er den Jungen zu fassen kriegen könnte, ohne sein komplettes Interior zu zerstören, schluckte der Junge offensichtlich einen großen Kloß runter, der seine Stimme befreite.

„Sie können… mich sehen?“, fragte er schließlich zögerlich in das stille Büro.

„Wieso sollte ich nicht? Ich brauche nur eine Brille zum lesen“, scherzte Sato trocken und richtete seinen maßgeschneiderten blauen Anzug. Der Junge war mindestens einen ganzen Kopf kleiner als er. Ihn zu übermannen schien zumindest eine machbare Alternative zu sein. „Außerdem stelle ich hier die Fragen. Wer bist du und wie bist du hier reingekommen?“, führte Sato wieder die monotone Stimmlage ein.

Der junge schüttelte unglaubwürdig den Kopf, als hätte er wieder nicht alles von dem verstanden, was Sato gesagt hatte. Erneut blätterte er in seinem Notizbuch. „Unmöglich…“, murmelte er vor sich hin.

„Hallo? Ignorier mich nicht, du ungezogener Bengel! Es reicht, raus mit dir!“

Mit den Worten griff Sato nach dem Silberkopf und riss ihn von seinem Schreibtisch weg in Richtung Glastür. Der Junge war offensichtlich überrascht und geschockt zugleich, dass er nach vorne gerissen wurde und stolperte über seine eigenen Füße.

„Sie können mich auch anfassen?“, rief er panisch hinter Sato, was ihn den Kopf schütteln ließ. Selbstverständlich kann ich den Jungen anfassen, dachte der Manager bei sich und zog ihn weiter durch den spärlich belichteten Flur. Ist er vielleicht geistig gestört? Vielleicht ist er aus einer Anstalt entflohen und man sollte ihn wieder zurückbringen. Haben solche Leute nicht normalerweise ein Bändchen um das Handgelenk, was Kontaktdaten enthielt?

Sato blieb abrupt stehen, inspizierte die schmalen, weißen Handgelenke des Silberkopfs, der fast in den Manager hineingelaufen wäre, nachdem der so plötzlich zum Stehen gekommen war. Bis auf bläuliche Äderchen konnte Sato nichts ausmachen, was nach einem Psychiatriebändchen aussah.

„Lassen… Lassen Sie mich bitte los! Da muss ein Fehler vorliegen“, jammerte der Junge auf einmal los und wand sich im eisernen Griff von Sato.

„Davon gehe ich aus. Verschwinde von hier, bevor ich mich doch dazu entscheide, die Polizei zu holen“, zischte Sato und ließ den Junge wie gewünscht los, in der Hoffnung, er würde einfach verschwinden. Als dieser sich jedoch nicht vom Fleck bewegte, sondern wieder einmal erstarrt zu Sato hochsah, verdreht er entnervt die Augen. „Geht.“

„Nein, Sie verstehen nicht… Das ist ein Fehler… Ich verstehe aber nicht wieso, Sie müssten eigentlich –„, begann der Blondschopf, wurde jedoch unhöflich von Sato unterbrochen.

„Geh. Sofort“, wiederholte er in einem bedrohlichen Ton, der den jungen zusammenzucken ließ. „Oder es setzt was.“

Die schmalen Hände des Jungen fingen an zu zittern, klammerten sich an das Notizbuch, welches geschlossen an seine Brust gedrückt wurde. Als würde der Junge überlegen, ob er wirklich gehen sollte, nickte er schließlich und setzte sich in Bewegung, um an Sato vorbeizukommen. In dem Moment, wo der Manager drei Ave-Maria betete, dass der Junge endlich verschwand, starrten ihn die braunen Augen wieder an.

„Sie müssen unbedingt zu Hause bleiben! Gehen Sie nicht unter Leute, bis ich geklärt habe, was passiert ist!“, sprach der Junge ganz aufgeregt. Sato hob nur beide Augenbrauen und konnte sich ein sarkastisches Grinsen nicht verkneifen.

„Na klar“, war alles, was er amüsiert aus seinen Lippen presste.

„Nein, wirklich, Yamamoto, Sie müssen unbedingt menschlichen Kontakt vermeiden, bevor es noch zu irgendwelchen Problemen – “

„Ich bekomme Probleme, wenn ich nicht zur Arbeit gehe. Und jetzt Abmarsch!“, befahl Sato zum wiederholten Male und fragte sich, woher er die Energie aufbringen konnte, den Jungen höflichst zu bitten, endlich zu gehen.

Als der Blondschopf erneut zum Konter ansetzen wollte, vibrierte Satos Handy in seiner Hosentasche. Seufzend kramte der Manager sein Handy aus der Hosentasche und starrte auf den Bildschirm. Seine Ex hatte ihm erneut geschrieben und ihm die Uhrzeit genannt, zu der er morgen aufkreuzen sollte.

Nachdem er das Handy wieder in die Hosentasche gleiten ließ und er aufblickte, war der Junge verschwunden. Es dauerte einen Moment, bis Sato sich räusperte und versuchte sich zu fangen.

Was war das für ein seltsamer Zwischenfall? Wie konnte der Junge so schnell ohne ein Geräusch verschwinden? War der Schlaganfall der Auslöser für eine Halluzination? Existierte der Junge vielleicht gar nicht?

 

Kopfschüttelnd und dankbar, dass man ihm wohl doch noch etwas mehr Zeit auf Erden schenkte, schlurfte er müde zurück in sein Büro. Er packte seine Sachen und verließ das Gebäude schließlich durch den Aufzug – sich fragend, woher er nur diese Engelsgeduld mit dem blonden Jungen aufbringen konnte.

Tag 2

 

So gut wie in der letzten Nacht hatte Sato lange nicht mehr geschlafen. Er fühlte sich erholt, ausgeruht und irgendwie entspannt, trotzdem er dem abendlichen Termin bei seiner Ex eher mit gemischten Gefühlen entgegensah.

Als er morgens aus seiner Wohnung ging und in seinen Firmenwagen stieg, um ins Büro zu fahren, hielt er kurz inne und erinnerte sich an die Worte des blonden Jungen, er solle zu Hause bleiben. Schmunzelnd und nicht weiter daran denkend, betätigte er die Zündung und fuhr mit hoher Geschwindigkeit über den Highway in die Innenstadt.

Seine Sekretärin begrüßte ihn mit einer Tasse Kaffee auf dem Schreibtisch und weiteren Unterlagen. „Ihr 10 Uhr Termin wurde bestätigt und findet in Raum 210b statt. Takeshi-San fragte an, ob Sie mit Ihm Mittagessen gehen und bittet um eine E-Mail. Der Jahresabschlussbericht wurde heute Morgen in Empfang genommen und …“

Sato hörte zwar noch zu, doch er blätterte bereits im Papierstapel, der sich wie immer mehrere Zentimeter hoch auf seinem Schreibtisch türmte. Erst, als seine Sekretärin aufhörte zu reden, sah er auf und blickte in ihre dunklen Augen.

„Ja?“, hakte er harsch nach, als würde sie diejenige sein, die ihn unfreundlich behandeln würde.

„Ich sende Ihnen eine Auflistung per Mail zu, dann haben Sie eine Übersicht“, formulierte sie höflich, wissend, dass Sato nicht zugehört hatte und sie ihn nur noch mehr verärgern würde, sollte Sie ihre lange Predigt erneut wiederholen.

„Tun Sie das“, bestätigte er und setzte sich auf seinen Chefstuhl. Die junge Frau verbeugte sich höflich und verschwand mit schnellen Schritten aus dem Büro. Ohne weiter über irgendetwas anderes als die Arbeit nachzudenken, vertiefte sich Sato in seine Projektarbeit.

Der Vormittag verlief ruhig. Als wäre nie etwas passiert, dachte Sato auf einmal, als er seine Geldbörse in seinen Anzug steckte, um sich für das kommende Mittagessen mit Takeshi vorzubereiten. Sato starrte auf den Boden, wo er am Abend zuvor gelähmt lag und dachte, er würde nun in seinem Büro sterben. Vielleicht hätte er in der Nacht noch ins Krankenhaus fahren sollen und abchecken lassen, ob ihm überhaupt etwas fehlte. Doch es ging ihm sehr gut. Er fühlte sich fitter, stärker und besser als sonst.

Der seltsame Junge ging Sato auch nicht aus dem Kopf. Er hatte den Manager beim Namen angesprochen. Nun, Akuma-Sato Yamamoto war kein unbekannter Mann, es schien also nicht allzu abwegig, dass der Junge ihn kannte. Doch in wie genau kannte der Junge ihn? In welcher Beziehung stand er zum Unternehmen, dass er einfach zu ein und ausgehen konnte?

Als Sato sich mit seinem Kollegen, der eine andere Abteilung leitete, vor dem Gebäude traf und sie gemeinsam zum Restaurant gingen, fragte Takeshi direkt nach dem Thema, welches Sato nicht anschneiden wollte.

„Wie geht es Mei? Eure Trennung muss sie ja ganz schön mitgenommen haben…“, murmelte er so leise, dass Sato ihn kaum verstand. Der etwas rundliche und kleine Mann hätte Satos Vater sein können. Genauso liebevoll hatte er sich auch seit Anbeginn um den jüngeren Manager gekümmert, doch solche Themen überstiegen seine Rolle immens.

„Ich treffe sie heute Abend. Aber es geht ihr gut.“

„Oh? Du triffst sie? Hast du es dir noch einmal überlegt?“

„Nein“, war alles, was Sato noch dazu sagen wollte. Thema beendet, dachte er, als er das kleine Restaurant gegenüber des Bürokomplex betrat. Etwas warmer Ramen tat ihm gut, er wollte seine Hände aufwärmen. Doch Takeshi blieb eisern, als sich beide nebeneinander an die Theke setzten, wo sie direkt freundlich begrüßt wurden.

„Aber du weißt schon, dass du ihr damit… na ja, klarmachst, dass du eigentlich noch auf sie eingehst?“

„Ich fahre hin, sage ihr, dass es endgültig aus ist und dass sie meine Nummer löschen soll. Sollte sie mich dann noch einmal kontaktieren, lasse ich sie vom Mobilfunkanbieter sperren.“

Takeshi wurde etwas blasser, kicherte dann nervös auf. „Du bist so kalt, Yamamoto. Der Wahnsinn.“

Sato konnte nur mit den Schultern zucken und aus dem Fenster starren, welches hinter der Theke großflächige Sicht auf einen kleinen Innenstadtplatz zuließ. Einige Menschen huschten wieder einmal hin und her, trugen große Taschen mit sich, andere offensichtlich Bürohengste, genau wie Takeshi und er.

Der Ramen wurde nach wenigen Minuten gebracht, sodass Sato nicht weiter zögerte und zu essen begann. Takeshi hielt es nicht vom Reden ab:

„Hast du denn schon eine Neue? Ich mein, es gehen Gerüchte rum, du hättest dir Hanakuro unter den Nagel gerissen.“

„Wieso sollte ich etwas mit meiner Sekretärin anfangen?“, schnaubte Sato, während er die heiße Brühe schlürfte.

„Sie steht offensichtlich sehr auf dich“, grinste Takeshi vor sich hin und schüttelte den Kopf. „Ich liebe meine Frau über alles – natürlich auch meine kleine Tochter. Aber wenn Hanakuro ein Auge auf mich geworfen hätte… Oh, ich würde mich so geschmeichelt fühlen!“

„Ich fühle mich geschmeichelt. Trotzdem würde ich nichts …“, murmelte Sato, als ihn zwei braune Augen aus der Ferne anstarrten. Takeshi ließ sich nicht beirren und plauderte einfach weiter.

„Ach, komm schon! Du bist Single, jung und erfolgreich! Du bist das, was die Frauen wollen, also lass es doch zu. Hanakuro ist wirklich hübsch und sie scheint sehr großes Interesse – “

Da stand er.

Der Junge von gestern, dachte Sato und starrte auf den kleinen Platz jenseits des Fensters. Er trug wieder einen karmesinroten Schal, doch dieses Mal etwas legerer. Vielleicht lag es auch daran, dass er keine auffällige weiße Kutte mehr trug, sondern ganz normale schwarze Chucks, eine dunkelblaue Jeans und eine dunkelgrüne Jacke mit weißem Pelz an der Kapuze. Mit den Händen in den Hosentaschen stand er in der Mitte des Platzes und starrte zu Sato rüber. Die Menschen um ihn herum schienen ihn völlig zu ignorieren und liefen einfach an ihm vorbei.

Sato wurde innerlich etwas nervös. Der Blick des Jungen verhieß nichts Gutes. Neutral stierte er in die grauen Augen des Managers, der seinen Blick nicht abwenden konnte, aus Angst, in genau der Zeit könnte etwas passieren.

„Sag, Takeshi“, begann Sato seinen Kollegen im Redefluss zu unterbrechen, „Kennst du einen Jungen mit blonden Haaren? Lockig, relativ klein und mit Zugriff auf unseren Gebäudekomplex?“

Takeshi hielt kurz inne, überlegte und schüttelte schließlich den Kopf. „Nein, noch nie gehört. Wieso? War mal ein blonder Junge bei uns?“

„Gestern Nacht, ja. Ich war noch spät im Büro, da bin ich ihm begegnet“, murmelte Sato, während er noch immer in die braunen Augen in der Entfernung blickte. Wie eine Salzsäule stand der Junge da. Er schien keine Ambitionen zu haben auf Sato zuzukommen. Aber auch keine zu gehen.

„Im Ernst? Das musst du melden!“, rief Takeshi laut los und erweckte damit die Aufmerksamkeit der anderen Gäste. „Ist er eingebrochen? Vielleicht wollte er etwas klauen!“

„Wir waren im 24. Stock. Wie sollte er dort einbrechen? Er musste eine Chipkarte besessen haben, sonst wäre er gar nicht erst in den Aufzug gekommen.“

Das ließ Takeshi stutzen. „Du meinst, es war vielleicht ein Sohn von irgendwem?“

„Vermutlich?“

„Was wollte er denn? Hast du seinen Namen?“

Genau da war der Punkt, wo Sato sich selber in den Arsch beißen wollte, da er nicht die Polizei gerufen hatte. Er hatte den Jungen einfach so gehen lassen, ohne jegliche Konsequenzen herbeizuführen. Was, wenn es wirklich ein Einbrecher gewesen war, der die Chipkarte dupliziert und nun freien Zugang zum Gebäudekomplex hatte? Dann wäre es definitiv seine Schuld gewesen.

„Ich habe ihn nur von weitem gesehen. Als ich auf ihn zukam und ihn zur Rede stellen wollte, war er verschwunden“, log der Manager, als er seine Augen endlich von dem Jungen nahm und Takeshi ansah. „Er steht dort draußen.“

Mit einer unauffälligen Augenbewegung deutete er zum Fenster. Takeshi schluckte und sah vorsichtig in genannte Richtung. Sato wartete auf eine Reaktion, doch es kam keine. Nach mehreren Sekunden, die verstrichen, sah er selber genervt aus dem Fenster, nur um festzustellen, dass dort niemand stand.

„Ich habe ihn nicht gesehen. Ein blonder Junge ist ja doch eher auffällig. Vielleicht hast du ihn verwechselt?“, fragte Takeshi und sah wieder zu seinem Kollegen.

Sato schwieg.

Er wusste nicht, was er sagen sollte. Bis vor wenigen Momenten stand der Junge doch noch wie eine Salzsäule da. Und nun? War er wieder einmal wie von Geisterhand verschwunden. Vielleicht wäre ein Besuch beim Arzt doch keine so schlechte Idee gewesen. Sato beschloss, den Besuch noch nachzuholen, sollten die Halluzinationen weiter anhalten.

Während er mit Takeshi wieder zurückging und ihn reden ließ, versank Sato in Gedanken. Eine Halluzination schien mit den gestrigen Erlebnissen wie ausgeschlossen. Er hatte ihn berührt, ihn angefasst, mit ihm gesprochen und interagiert. War das menschliche Gehirn fähig, eine solche Erfahrung vorzugaukeln? Was, wenn sein Kopf nach dem Schlaganfall doch irreparable Schäden erlitten hat?

Sato wünschte sich nichts sehnlicher, als dass der Tag endlich vorbeigehen würde. Die Arbeit stapelte sich weiter, seine Sekretärin schien ihn mehr denn je den Hof machen und bei jeder Gelegenheit mit ihm reden zu wollen. Selbst in seinen Raucherpausen auf der Terrasse des 24. Stocks stand sie neben ihm. Es war kalt und nass und sie rauchte nicht mal. Takeshi würde vermutlich sagen „Das ist wahre Liebe!“.

„Wann werden Sie heute Abend gehen?“, fragte sie mit leicht geröteten Wangen, als wäre es eine peinliche Frage.

„Um 8“, pustete Sato den Rauch in ihre Richtung. Sie sollte wissen, dass ihre Anwesenheit nicht gewünscht war. Doch bis auf ein leichtes Schnauben, als sie der Rauch traf, kam nicht.

„Konnten Sie die Zeit gestern Abend noch gut nutzen?“, fragte sie weiter und ging gar nicht auf Satos Antwort ein.

Etwas genervt, brummte er und nickte. Wieso interessierte sie das?

„Sie sehen heute so … erfrischt aus. Als hätten Sie gestern Abend etwas getan, was Ihnen guttat“, redete sie weiter. Vermutlich wollte sie nur ein Kompliment machen, doch die suggestive Neugierige hinter der Aussage, ließ Sato aufseufzen.

„Ich habe am Bericht geschrieben“, log er ein zweites Mal. Er wollte ihr nicht erzählen, dass er einen Schlaganfall und eine seltsame Begegnung mit einem blonden Jungen hatte. Denn keines der beiden Ereignisse würde man als guttuend auffassen.

Hanakuro lächelte schüchtern und hielt ihre Hand vor den Mund, um zu kichern. „Sie finden wahrscheinlich überall etwas Entspannung“, säuselte sie und hob die Schultern an, wie sie es gerne tat.

Als Sato seinen Zigarettenstummel wegwerfen und wieder ins Büro gehen wollte, sah er im Flur vor der Tür seiner Sekretärin den jungen stehen.

„Unmöglich“, murmelte Sato entsetzt vor sich hin, nicht weiter darauf achtend, dass Hanakuro neben ihm stand und zuhörte.

„Was ist unmöglich?“, fragte sie höflich nach und folgte Satos Blick.

„Der Junge … wie ist der hier reingekommen?“, fragte der Manager ruhig, möglichst bedacht, die Fassung zu wahren.

„Welcher Junge?“

„Der vor deinem Büro?“, giftete er Hanakuro an und deutete auf den Flur jenseits der Glasscheibe.

Seine Sekretärin schaute weiter konzentriert in den Bürokomplex und suchte mit den Augen die offenen Gänge ab. Hier und da kreuzte jemand den Weg, doch niemand war „jung“.

„Ich glaube, ich verstehe Sie nicht ganz, Yamamoto-Sama…“, murmelte sie entschuldigend und machte sich instinktiv kleiner, als sie war, aus Angst, ihr Chef würde gleich aus allen Fugen springen.

Sato schüttelte den Kopf und ging wutentbrannt rein, ohne den Blick vom Jungen zu nehmen. Er würde nicht noch einmal entwischen, jetzt würde er ihn zur Rede stellen. So würde sich auch klären, ob es eine Halluzination oder eine echte Person war.

Der Blondschopf hatte noch immer dieselbe Kleidung an und stand fast etwas verloren im Flur. Er las den Namen neben der Glastür und fuhr mit der Fingerkuppe über das Schild.

„Du!“, rief Sato wütend in den Gang, als er ihn betrat und stampfend auf den Jungen zukam.

Er drehte sich schnell um und setzte einen ernsten Blick auf. „Yamamoto“, antwortete er mit tiefer Stimme. Zumindest so tief, wie es seine hohe Stimmlage zuließ.

„Was machst du hier?“, zischte Sato und kam dem Kopf kleineren Jungen sehr nahe. „Du hast hier nichts verloren, das habe ich dir gestern schon klargemacht.“

„Und ich habe Ihnen klargemacht, dass Sie zu Hause bleiben sollten!“, verteidigte sich der Blondschopf und stellte sich etwas auf Zehenspitzen, um mit Sato auf Augenhöhe zu sein. „Sie haben sich auch nicht drangehalten.“

„Wer zur Hölle bist du? Wie kommst du hier rein? Und was sollte die Psychonummer vorhin auf dem Platz?“, raunte Sato weiter, ohne auf die Vorwürfe des Jungen einzugehen.

„Ich muss auf dich aufpassen, bis deine Seele frei wird“, zischte der Blondschopf.

Sato riss die Augen auf und öffnete überrascht den Mund. „Wie bitte? …Bist du doch aus einer Anstalt? Oder ist das so ein Öko-Scheiß?“

Der Junge verschränkte die Arme und sah empört zur Seite. „Ihr Menschen seid wirklich anstrengend und verletzend!“

Noch bevor Sato erneut zum Konter angehen konnte, wurde er von Takeshi unterbrochen. „Hey, Yamamoto, was machst du hier auf dem Gang? Hanakuro ist schon ganz besorgt. Führst du Selbstgespräche?“

Sato drehte sich zu seinem Kollegen um und gestikulierte in Richtung des Jungen. „Ich kläre da gerade etwas“, raunte er den Unterbrecher an.

„Haha, was genau klärst du denn mit der Wand?“, lachte Takeshi und schüttelte ungläubig den Kopf.

Der jüngere Manager konnte seinen Ohren nicht glauben. Umso weniger wohl auf seinen Augen, als er sich wieder umdrehte und niemand neben ihm stand.

Entsetzt ging er einen Schritt zurück, um den Boden genauer zu inspizieren. Schließlich drehte er sich hin und her, suchte die Büros mit seinen Augen ab, wo der blonde Schopf stecken könnte. Dieses Spielchen fing an extrem zu nerven.

„Alles in Ordnung, Yamamoto? Du hast gestern lang gearbeitet. Vielleicht gehst du lieber nach Hause?“, schlug Takeshi vor und griff fürsorglich nach Satos Arm, um ihn in die Realität zurück zu holen.

„Auf keinen Fall“, brummte er schließlich und versuchte sich zu fassen. „Ich… bin gerade nur etwas müde. Ich trinke ein oder zwei Kaffee und gehe dann zurück an den Schreibtisch.“

Takeshi nickte einfach nur und ließ seinen Kollegen ziehen. Was auch immer los war, er konnte es nicht zu dem Zeitpunkt nicht ändern.

Als Sato in seinem Büro saß und nervös um sich blickte, um sicher zu gehen, dass der Junge nicht auf einmal hinter ihm stand, öffnete er seinen Browser und suchte nach den Anzeichen einer Psychose.

Zwar schienen Psychosen nach einer Hirnverletzung nichts ausgeschlossen, doch häufig sprachen die Websites von Lichtern oder Geräuschen, Stimmen oder ähnliche fremdartige Dinge, die man wahrnahm. Aber Sato nahm eine komplette Person wahr. Da waren alle Sinnesorgane vertreten. Bis auf Schmecken konnte er den Jungen extrem gut wahrnehmen.

Sato zögerte nicht lange, als er bei der Betriebsärztin anrief und einen Termin für übermorgen ausmachte. Das musste abgeklärt werden. Sato hoffte einfach nur, dass er dem Jungen bis dahin nicht noch einmal begegnen würde.

Als der Abend sich mit schnellen Schritten näherte und Sato sich mit unangenehmen Gefühlen vor die Haustür seiner Ex stellte, drehte er sich noch einmal unsicher um. Keine Spur vom Jungen. Seufzend klingelte er und schüttelte abermals den Kopf. Nun wurde er auch noch paranoid.

Die Tür öffnete sich und eine brünette, junge Dame lächelte Sato warmherzig an. „Schön, dass du da bist“, murmelte sie etwas verunsichert von Satos dominanten Auftreten. Sein schwarzer Mantel, der offen und geradezu perfekt auf seinen Schultern saß, offenbarte den ebenfalls perfekt sitzenden Anzug darunter. „Du kommst direkt von der Arbeit?“, vermutete sie in einer Frage formuliert und öffnete die Tür noch ein Stück weiter, um ihn herein zu lassen.

„Von wo sonst“, raunte er seine Ex an und betrat die unordentliche Wohnung. Er hasste die Zimmer seiner Ex. Es gab einen besonderen Grund, wieso er darauf bestand, dass sie immer zu ihm kam: Ordnung. Dieses Wort hatte sie wohl noch nie gehört, sonst lägen nicht überall Gegenstände herum. Von der zu Weihnachten passenden Dekoration hielt er auch nicht viel. Es war ein Fest wie jedes andere: unbedeutend und kommerziell.

„Setz dich. Magst du einen Tee haben?“, fragte Mei höflich und bot ihm das freigeräumte Sofa an.

„Nein, ich will auch nicht lange bleiben. Was gibt es denn so dringendes, was du noch mit mir besprechen wolltest?“, ging er gleich das Thema an, was er endlich begraben wollte. Ohne seine Schuhe oder seinen Mantel auszuziehen, blieb er im Flur stehen und betrachtete desinteressiert die Fenster, welche schon länger keinen Putzlappen mehr gesehen hatten.

„W-was lässt dich glauben, dass ich was besprechen wollte?“, fragte sie hektisch und umkreiste ihn nervös, nicht wissend, wohin mit ihr. „Ich wollte dir nur das Geschenk geben und dachte, wir verbringen noch etwas Zeit, bis der Stress um Weihnachten kommt und so…“

„Mei, es ist aus“, verkündete er kühl. „Akzeptiere das. Ich brauche dein Geschenk nicht. Ich will es auch nicht. Und ich will auch nicht mehr mit dir irgendein Gespräch führen.“

Sato war selber überrascht, dass er solche kalten Worte aussprechen konnte. Immerhin war Mei immer sehr fürsorglich gewesen. Immer sehr nett und umsorgt. Es gab keinen Grund für ihn so persönlich angreifend zu werden. Doch wenn er eins in der langen Geschichte seiner Frauenabenteuer gelernt hatte, dann, dass man hart durchgreifen muss. Sonst würden sie es nie verstehen. Und Mei bewegte sich geradewegs darauf zu.

„Dann weiß ich nicht, wieso du hier bist“, raunte Mei auf und verschränkte die Arme. Wieso ihr Ex immer gleich so gemein werden musste, was ihr unbegreiflich. Als sie sich kennen gelernt hatten, war es charmant und zuvorkommend. Ein wahrer Gentleman. Vermutlich war das alles nur Show, dachte sie und verlagerte ihr Gewicht auf das andere Bein.

„Das weiß ich auch nicht.“ Mit diesen Worten drehte sich Sato wieder um und stampfte aus dem Haus seiner Ex in die nasse Kälte. Sie ließ ihn gehen, wenn auch mit einer gewissen Feucht in den Augen. Schließlich hörte Sato die Tür zuknallen.

Er blieb an seinem Auto stehen, welches er auf der anderen Straßenseite geparkt hatte. Wieso musste es immer so laufen? Menschliche Gefühle, das ganze drum herum, dieses ständige, nervige Gerede um Nichts und wieder Nichts. Für ein bisschen Spaß im Bett und ein paar schöne Momente immer so einen Terz?

In dem Moment, wo Sato für sich beschlossen hatte, für die nächste Zeit Single zu bleiben, hörte er Fußschritte und ein leises Seufzen. Noch ehe er sich umdrehen konnte, hörte er den Jungen sarkastisch sagen:

„Du bist ein echter Liebhaber. So einfühlsam. Wieso überrascht es mich nicht?“

Wieder einmal starrte Sato in die braunen Augen. Wissend, dass er gerade von einer Diskussion in die nächste gelaufen war, presste die seine schmalen Lippen aufeinander. „Du kommst und gehst, wie es dir passt. Wann erfahre ich denn mal, mit wem ich es hier überhaupt zu tun habe?“

Der blonde Junge zuckte mit den Schultern und sah auf die nasse Straße. Die Laternen ließen ihn im fahlen Licht älter erscheinen, weswegen Sato sich fragte, ob der Junge vielleicht doch kein Junge mehr war, sondern eher ein Erwachsener.

„Ich halte es für nicht sehr sinnvoll zu bleiben, wenn du deine Aufmerksamkeit wieder auf andere richtest. Deshalb verschwinde ich wieder. Außerdem will ich dich in keine unangenehmen Situationen bringen. Menschen verstehen das nicht so.“

Sato hob beide Augenbrauen an und nickte, als wüsste er, wovon der Junge sprach. Als keiner der beiden ein weiteres Wort sagte, grinste der Blonde. „Du hast keine Ahnung, was hier abgeht, oder?“

„Erleuchte mich“, brummte Sato schließlich und war froh, dass er nicht nachfragen musste. Sein Stolz hätte das nicht zugelassen, auch wenn er es für albern hielt, gegen einen Jungen zu argumentieren.

„Du hattest einen Schlaganfall“, begann der Blondschopf und trat etwas näher an Sato heran. Dieser nickte.

„Ich erinnere mich.“

„Du bist gestorben.“

Der Manager zog scharf die Luft ein und sah noch einmal kurz zum Haus seiner Ex, welches in der Küche Licht brennen hatte. „Daran erinnere ich mich nicht. Immerhin stehe ich ja auch noch hier, oder nicht?“

Der Junge hielt seinen Kopf etwas zur Seite und schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete und in Satos ungeduldige Augen blickte, zog er die Schultern hoch. „Ja, das sehe ich und da liegt das Problem. Ich war angewiesen, dich ins Reich der Toten zu bringen und … dann passierte das“, sprach er aufgeregt und gestikulierte schließlich mit seiner Hand in Richtung Sato. „Du bist noch hier, deine Seele hat seinen Körper nicht verlassen. Und anstatt, dass ich dich von seiner Fessel befreien konnte, hältst du dich weiter daran fest. Jetzt ist dein Körper noch am Leben und du damit auch. Dabei müsstest du tot sein!“

Sato hörte dem Jungen gespannt zu. Wartete auf die Kamera, die gleich irgendwo aus dem Gebüsch sprang und ihn darauf aufmerksam machte, dass das hier alles eine neue Fernsehshow sei. Doch als nichts dergleichen passierte, schmunzelte Sato. „Schöne Geschichte. Und du bist … wer? Ein Todesengel?“

„Einer von vielen Todesengel, ja“, bestätigte der Junge und nickte zustimmend.

Sato fing an leise zu lachen und kramte seinen Autoschlüssel auf dem Wollmantel. „Okay, Todesengel, dann mach’s mal gut. Bitte belästige jemand anderen.“

„Du glaubst mir nicht?“, fragte der blonde Junge in hoher Stimmlage, als Sato die Autotür öffnete. „Komisch, dass mich niemand außer dir sehen kann, nicht?“

Hätte der Junge nicht genau das Thema angesprochen, was in Satos Kopf noch unbeantwortete Probleme bereitete, wäre er einfach weggefahren. Die ganze Sache roch nach Verarsche und zwar nach einer ganz miesen.

„Und wieso kann dich niemand außer mir sehen?“, hakte Sato entnervt nach und schwang seinen Schlüsselbund um den Zeigefinger. Er konnte selbst nicht glauben, dass er sich auf diese Art von Konversation einließ.

„Weil du zwischen Jenseits und Diesseits hängst. Menschen im Diesseits können mich nicht sehen oder wahrnehmen. Ich bin wie Luft für sie. Aber für dich eben nicht.“

„Aha“, brummte der Manager und nickte abermals, als würde nun alles einen wahnsinnig tollen Sinn ergeben.

„Verlasse endlich deinen Körper und folge mir in Jenseits, Yamamoto. Dann siehst du mich auch nie wieder.“

„Na klar, jetzt verkauf mir endlich deinen dämlichen Yoga-Kurs zur spirituellen Ganzheit und lass mich nach Hause fahren“, raunte Sato auf und hielt dem Jungen die offene Handfläche hin – wartend, dass er ihm einen Flyer oder derartiges in die Hand drücken würde.

„So funktioniert das aber nicht“, raunte der Blondschopf. „Du musst bereitwillig gehen. Ich versuche noch zu klären, wie ich dir diesen Schritt erleichtern kann, aber bisher bin ich noch zu keinem Ergebnis gekommen…“

„Dann sind wir hier also fertig.“ Mit diesen Worten stieg Sato endgültig in seine Limousine und knallte die Tür zu. Als der Motor startete, hörte er den Jungen noch etwas sagen, konnte aber nicht verstehen, was.

 

Es war ihm egal, dass er vielleicht einen Minderjährigen auf einer dunklen Straße stehen ließ. Er wollte einfach nur nach Hause, die dämlichen Gespräche um Beziehungen und Tod hinter sich lassen. Absoluter Humbug, dachte Sato und fuhr mit erhöhter Geschwindigkeit in sein Loft.  

Tag 3

 

Verkniffen blickte Sato auf seinen Bildschirm und versuchte sich zu konzentrieren. Gestern Nacht war fast genauso ereignisreich gewesen, wie die Nacht davor. Nur, dass er keinen weiteren Schlaganfall bekommen hatte. Der Manager konnte es kaum erwarten, morgen mit der Ärztin zu sprechen. Vermutlich wird sie ihn für verrückt halten und ihn einweisen lassen. Er sollte seine Worte also mit Vorsicht wählen.

„Yamamoto-Sama?“, kam Hanakuros hohe Stimme von der Glastür seines Büros. „Sie… haben Besuch.“

„Besuch?“, hakte Sato nach und hob ungläubig seinen Blick. Es würde doch nicht etwa –? „Schicken Sie ihn herein.“

„Sind Sie sicher?“, hakte Hanakuro nach und knibbelte an ihrem roten Nagellack. „Sie wirkt sehr aufgelöst und ich bin mir nicht sicher, ob das kommende Gespräch hier geführt werden sollte“, gab sie vorsichtig zu vermuten, dass es sich bei dem Besuch um eine eher heikle Angelegenheit handelte. Sato konnte nicht ganz abschätzen, was genau sie meinte, deutete ihr aber mit einer schnellen Handbewegung an, dass sie den Besuch einfach hereinlassen sollte. Wenn der Junge ihm irgendwas von dummen Märchen erzählen wollte, dann bitte. Es war, als wäre Sato unfassbar aufgeregt, wann immer er an den Jungen dachte. Ein Teil von ihm fragte sich regelmäßig, was sein würde, wenn der Kleine wirklich ein Todesengel wäre? Es wäre eine wirklich abartig traurige Sache, so hilflos und klein auszusehen und dann einen so miesen Job machen zu müssen. Niemand würde ihn doch ernst nehmen! Sato eingeschlossen.

Doch die anfängliche Nervosität, dem Jungen zu begegnen und wieder ein Gespräch auf Metaebene zu führen, verflüchtigte sich, als er die braunen Locken seiner Ex erblickte. Mit schnellen Schritten lief sie wütend und gleichzeitig aufgelöst in sein Büro und schloss die Glastür. Sato ließ sich entnervt im Stuhl sinken und überkreuzte seine Beine. Um nicht gleich mit der flachen Hand auf die Tischplatte zu schlagen, führte er beide Hände in eine ruhende Position zusammen und legte sie in seinen Schoß. „Mei“, begrüßte er den überraschenden Besuch und versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben.

„Ich hasse dich“, fing sie an und ehe Sato etwas Kühles erwidern konnte, sprach sie weiter: „Wieso bist du so zu mir? Was habe ich dir denn getan, dass du mich so behandelst?“

Mei setzte sich auf einen der beiden Stühle, die vor Satos Schreibtisch standen und stellte ihre Handtasche neben sich auf dem Boden ab. Sein Blick fiel auf das glatte Leder, welches mit einem kleinen goldenen Anhänger noch edler wirkte. Er hatte die Handtasche wirklich gut ausgesucht.

„Ignorier mich nicht, ich weiß, dass du mich hören kannst!“

Das ließ Sato aufseufzen. „Okay, und was willst du hören? Es war nun mal meine Entscheidung und du akzeptierst sie nicht. Hier aufzukreuzen, als wärst du noch meine Partnerin, macht es nicht besser. Du kannst froh sein, dass Hanakuro noch nicht die Security gerufen hat.“

„Das wäre ja auch nun wirklich übertrieben! Die unten am Empfang haben mich ja auch in den Aufzug gelassen. Sie kennen mich, sie wissen, wer ich bin. Und ich bin enttäuscht, dass du so tust, als wäre ich eine Terroristin!“, jammerte Mei weiter und gestikulierte mit ihren gemachten Fingernägeln vor Satos Gesicht.

„Mhm“, brummte er und suchte auf seinem digitalen Telefon, welches neben dem Bildschirm stand, nach der Nummer der Security. Als er sie gefunden hatte und gerade den Knopf zum Wählen drücken wollte, ertönte die helle Männerstimme.

„Im Ernst? Du willst sie rausschmeißen?“, fragte der Junge trocken, während er neben Mei auf dem Stuhl saß.

Sato konnte seinen Augen nicht trauen und stierte mit leicht geöffnetem Mund in die Richtung des vermeintlichen Todesengels. Nervös sah er sofort zu Mei, die kurz vor den Tränen stand und sich mehrmals über ihr Gesicht wischte; bedacht darauf, nicht an ihr Make-Up zu kommen.

„Sie kann mich nicht sehen. Auch nicht hören, wie du vielleicht merkst“, säuselte der Blondschopf und grinste siegessicher. „Du glaubst mir noch immer nicht?“

„Unmöglich“, antwortete Sato fast flüsternd und starrte in die warmen braunen Augen seines Gegenübers.

Mei hatte er völlig ausgeblendet. Erst als sie nachfragte, was genau unmöglich sei, zuckte Sato zusammen. Seine Ex sah ihn fragend an und wartete auf eine Reaktion. Wieder einmal wechselte Sato die Blicke zwischen dem Jungen und seiner Ex. Sie schien ihn tatsächlich nicht wahrzunehmen.

„Unmöglich, dass du hier bist“, resümierte der Manager trocken und nahm den Finger vom Telefon. Auch wenn er gerne die Security gerufen hätte – das Erscheinen seines persönlichen Todesengels machte ihn weitaus nervöser als seine Ex-Freundin.

„Ich will keinen Streit mit dir. Lass es uns einfach klären, vielleicht haben wir uns damals ja missverstanden“, erklärte Mei ihr Vorhaben und lächelte aufbauend.

So sehr sich Sato auch anstrengte, er konnte nicht anders, als immer wieder zum Jungen zu schauen. Der saß ruhig und zurückgelehnt im schwarzen Stuhl und musterte ihn. Erwartete er etwas? Was sollte er denn auch schon machen? Ihr eine neue Chance geben? Machte wenig Sinn, wenn er doch eigentlich irgendwann in nächster Zeit erneut sterben sollte.

„Mei, ich habe mich damals klar genug ausgedrückt, dass ich kein Interesse mehr an unserer Beziehung habe. Akzeptiere das. Such dir wen anders“, raunte er seine Ex an und wechselte dabei die Stellung seiner Beine.

„Du bist wirklich herzlos“, murmelte der Blonde und seufzte leise auf. „Sie will doch nur mit dir reden. Wovor hast du Angst, dass sie dich überzeugen könnte, es doch noch einmal zu versuchen?“

„Sicher nicht“, sagte Sato energisch und schnaubte aus, während er in die Richtung des Jungen sah.

„Ich habe doch noch gar nichts gesagt“, stellte Mei fest und knibbelte unsicher an ihrem Rocksaum. „Sato, ist alles in Ordnung? Du wirkst… als würdest du nicht mit mir reden, sondern mit wem anders…“ In diesem Augenblick drehte sie sich um ihre eigene Achse und blickte sich im Büro um, als würde sie tatsächlich jemanden erblicken, mit dem Sato ein Gespräch führte. Doch als sie niemanden sah und sich wieder zu ihrem Ex zuwendete, konnte der nur den Kopf schütteln.

„Bitte geh einfach!“

„Wen meinst du?“, fragte der Junge amüsiert nach. „Sie oder mich?“

„Beide!“, schnaubte Sato aus, sich selber sofort verfluchend, dass er erneut vergessen hatte, dass Mei den Jungen ja nicht sehen konnte.

„Beide?“, hakte Mei sofort nach und schien von Sekunde zu Sekunde verwirrter zu sein. „Sato, was ist los?“

„Geh einfach, bitte, komm nie wieder und lass es einfach gut sein!“

Das ließ den Jungen auflachen. „Okay, jetzt sprichst du aber mit ihr, oder? Denn deinen Tod kann ich nicht einfach so gut sein lassen.“

Für den Manager wurde das Szenario einfach zu unübersichtlich. Normalerweise konnte er mit Leichtigkeit mehrere Personen in einem Gespräch bedienen, aber wenn einer dieser Personen den anderen überhaupt gar nicht erst wahrnehmen konnte, wurde alles auf ein völlig neues Level gehoben. Letztendlich entschloss er sich, den Jungen zu ignorieren und sich völlig auf Mei zu konzentrieren, damit sie so schnell wie möglich verschwinden würde.

„Geh jetzt“, wiederholte Sato seine Bitte und sah seiner Ex tief in die Augen. „Sofort. Oder ich rufe die Security.“

Das ließ Mei bitter aufstoßen. Sie griff nach ihrer Tasche, stand abrupt auf und schwang ihre Haare hinter die Schulter. „Du bist so ein herzloser Mann. Ich weiß gar nicht, was ich in die sah.“

Mit diesen Worten verließ sie das Büro des jungen Managers und ließ ihn mit seiner Halluzination alleine. Als die Glastür geschlossen und Mei außer Reichweite war, adressierte Sato wieder seinen Geist.

„Was bist du?“

„Ein Todesengel. Die Information habe ich dir aber schon einmal gegeben“, bemerkte der Junge mit einem fast nicht sichtbaren Grinsen. Nur seine Augen verrieten seine Heiterkeit.

„Auf mich wirkst du eher wie eine Einbildung. Halluzination, Psychose oder eine Raum-Zeit-Störung.“ Sato fixierte das Gesicht seines Gegenübers und versuchte auszumachen, ob es sich wirklich um eine reale Person oder um etwas Imaginäres handelte. „Außerdem wirkst du viel zu jung für einen Engel mit einer so großen Aufgabe. Kein Wunder, dass irgendwas schiefging.“

Da weiteten sich die Augen des Jungen schlagartig. „Für einen Menschen mit gerade einmal 33 Jahren auf dem Buckel große Worte.“

„Wie alt bist du denn? 16? Oder ist das genauso ein Geheimnis wie dein Name?“, stichelte Sato, merklich erfreut über die Tatsache, dass er wieder die Zügel in der Hand hatte.

Der blonde Junge knirschte mit den Zähnen und beugte sich schließlich vor, um seine Arme auf der Tischplatte aufzustützen. Die aggressive Haltung gab dem Engel das Gefühl einer Chance gegen den dominanten Geschäftsmann, der ihn so leicht unterbutterte mit seiner arroganten Art. Ein Mensch, der einem Todesengel begegnet, sollte voller Angst und Demut sein.

Dieser hier schien sein eigener Gott zu sein.

„Mein Name ist Naoyuki und ich bin 176 Jahre alt. Diese Informationen gebe ich dir nur, weil ich nicht weiß, wie lange wir beide noch miteinander zu tun haben werden. Sollte sich herausstellen, dass das Ganze noch etwas länger dauert, ist es vielleicht angebracht, dass du meinen Namen kennst.“

„Okay, Yuki“, begann Sato spielerisch, innerlich über das Alter lachend „ich habe nicht vor noch mehr Zeit mit dir zu verbringen. Mach es entweder schnell und bringe mich um, oder lass es. Und damit meine ich: geh.“

„Es ist Naoyuki und ich bin hier genauso gefangen wie du. Außerdem bringe ich dich nicht um – du bist gestorben. Ich begleite deine Seele nur“

„Mir scheiß egal, weißt du?“, raunte Sato in den Satz von Yuki und lehnte sich zufrieden zurück. Er würde nachher eine Anfrage ans Bürgeramt stellen. So viele Naoyukis mit blonden Haaren und dem Körper eines 16-jährigen wird es nicht geben. Der Typ bei der Behörde schuldete ihm eh noch etwas. „Es ist einfach lächerlich von dir zu behaupten, du seist 176 Jahre alt. Siehst du dich so, wie ich dich sehe? Du bist höchstens 18.“

„Meine körperliche Erscheinung verändert sich nicht über die Jahre, meine Güte“, seufzte Yuki. „Auch wenn es dir missfällt, ich muss bei dir bleiben, bis deine Seele frei ist. Es könnte jeden Moment passieren, dass du dich von deinem Körper trennst. Dann muss ich in der Nähe sein, um dich vollständig ins Reich der Toten zu überführen. Ansonsten wirst du für immer als Geist durch die Menschenwelt wandern. Willst du das?“ Der Engel bemühte sich offensichtlich sehr ruhig zu bleiben und Sato alles zu erklären, was er wissen musste.

„Klingt immer noch wie eine erfundene Geschichte aus irgendeinem Hollywoodstreifen.“

„Glaube, was du willst. Ich bekomme deine Seele, auf die eine oder auf die andere Weise“, sagte Yuki leise und sah gelangweilt aus dem Fenster. „Ich würde auch lieber wieder in mein Reich zurück.“

„Dann geh dorthin, damit tust du uns beiden einen Gefallen“, bat Sato den Eindringling, als er nervös an ihm vorbeiblickte und Hanakuro von ihrem Büro in seins hineinsah; sichtlich überrascht. Vermutlich sah sie ihn reden und wusste nicht mit wem. Er nahm schnell sein Handy zur Hand und tippte für sie sichtbar darauf rum. So konnte sie annehmen, dass er jemanden auf Lautsprecher in der Leitung hatte.

„Ich kann nicht zurück. Nicht solange du hier bist.“

Naoyukis Worte ließen Sato vom Handy aufschauen. „Du darfst also erst nach Hause, wenn du mich umgebracht hast, ja?“

„Ich bringe dich nicht um!“, rief Yuki empört und setzte sich gerade hin. „Du bist bereits tot! Du bist nur noch nicht … Na ja, richtig tot! Aber gestorben bist du bereits! Und zwar selbst verschuldet!“

Sato konnte bei dem Argument nur die Augen rollen. Sicher, er war sich bewusst, dass er einige Jahre hätte länger leben können, würde er nicht so ein Arbeitstier mit Zigaretten-, Alkohol- und Liebesproblemen sein. Alle drei Dinge hätten ihm früher oder später ein schnelles Ende gebracht. Wie sich herausstellte eher früher als später.

„Ich toleriere dich in meiner Nähe“, informierte Sato den Todesengel recht lustlos, „mit dem Zusatz, dass du auf Abstand gehst. Solche Besuche wie gerade eben mit Mei gehen nicht. Du kannst nicht einfach in irgendeinem Meeting auftauchen und mit mir reden. Die Leute werden mich für verrückt halten.“

„Ich entscheide, wo und wann ich mich in deiner Nähe aufhalte, Yamamoto“, antwortete Yuki streng.

„Dann lerne ich, dich zu ignorieren. Mit sofortiger Wirkung“, verkündete der Manager, stand auf und ging mit einer Zigarettenschachtel an Yuki vorbei. Dieser seufzte lautstark und schüttelte den Kopf.

Sato hätte schwören können, dass Yuki ihm zum Rauchen folgt und ihn weiter in Bedrängnis bringen würde. Letztendlich stand er alleine auf der Dachterrasse und zündete sich einen Glimmstängel an.

Als er wieder sein Büro betrat, kam Hanakuro direkt auf ihn zu. „Yamamoto-Sama… Ich wollte nur fragen…“, begann sie, stoppte sich jedoch selber, als sie in die finstere Miene ihres Bosses sah.

„Was?“, fragte er raus nach und blieb vor ihr stehen. Sie war genauso groß wie Yuki, fast sogar etwas größer. Es mag an ihren Schuhen liegen, doch es ließ Sato etwas schmunzeln. Ein Todesengel. Auf gerade einmal geschätzten 1,60 m. Beängstigend.

„Ihr… Besuch“, formulierte seine Sekretärin recht vorsichtig, „hat Ihnen eine Nachricht hinterlassen. Soll ich Sie vernichten oder möchten Sie sich lesen?“

„Nachricht? Ist es eine Bombe oder ein Stück Papier?“, scherzte Sato, obwohl ihm nicht zum Lachen zumute war.

Überrascht über den trockenen Witz ihres Chefs, hob sie unsicher die Schultern an und murmelte leise vor sich hin, dass es ein Stück Papier sei.

„Ja, geben Sie her“, antwortete er harsch und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht rum, dass sie ihm den Fetzen Papier geben sollte. Hanakuro rannte in ihr Büro, holte den Umschlag und reichte ihn Sato.

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging der Manager schnurstracks zurück in sein eigenes Büro, schloss die Glastür und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Unsicher, aber neugierig, öffnete er den Umschlag und zog zwei Karten mit einer Haftnotiz raus.

„Hier du Penner, geh mit einem deiner Schlampen hin“, las Sato die Notiz vor und seufzte leise. Nach weiterer Inspektion des vermutlich von ihr gekauften Weihnachtsgeschenks, legte er die beiden Karten auf die Platte seines Schreibtischs. Es waren Eintrittskarten für das an Weihnachten stattfindende Konzert der Philharmonie. Sato liebte klassische Konzerte und Mei wusste dies wohl umzusetzen. Jedoch zu spät, dachte er sich und legte die Karten wieder zurück in ihren Umschlag. Vielleicht würde er sie Takeshi schenken. Dann könne er mit seiner Frau hingehen und er hätte kein schlechtes Gewissen, sie verfallen zu lassen.

Der letzte Termin des Tages kam schneller, als Sato lieb war, da er sich trotz der Verschiebung nicht wirklich darauf vorbereitet hatte. Es ging wieder einmal um ein großes Projekt, welches der Firma in die Hände gelegt wurde. Im Zuge dessen hatte Sato ganz vergessen, das Bürgeramt anzurufen und seinen Gefallen einzutreiben. Er legte das Vorhaben mental vor seinen morgigen Arztbesuch.

Die Angestellten der anderen Firma waren einfache Leute, mit denen Sato ungerne Zeit verbrachte. Das Restaurant, was sie sich ausgesucht hatten, war ihm zu einfach, das essen mittelmäßig und selbst der Alkohol verdammt lahm. Das machte die Projektbesprechung enorm langwierig und anstrengend.

Nach dem fünften Glas Cognac, welches er sich schon vom Barkeeper automatisch nachfüllen ließ, spürte er die Müdigkeit in seine Knochen fahren. Es war bereits nach Mitternacht und er wollte einfach nur ins Bett. Die zwei Männer um ihn herum tratschten fröhlich vor sich hin, gar nicht mehr wirklich über das Projekt am Sprechen.

„Yamamoto-San, sagen Sie, haben Sie eine Frau?“, fragte der eine mit dem Rattengesicht und starrte dabei in Satos Gesicht, als hätte er Krümel im Gesicht.

Trotzdem er so unhöflich angesprochen wurde – da es offensichtlich war, dass der Manager eine weitaus höhere Position genoss, als die beiden kleinen Heinis – antwortete Sato wahrheitsgetreu: „Nein.“

„Wirklich nicht? Dabei sind Sie doch so ein guter Fang!“, bemerkte das Walrossgesicht und stupste dabei die Ratte an. „Oder sind Sie… Na, Sie wissen schon…?“

Sato wusste erst nicht, was er „Sie wissen schon“ sein sollte, als er weiter an seinem Cognac nippte. Erst, als er sich selber in der rotbraunen Flüssigkeit spiegeln sah, verstand er, welche Implikation im Raum stand. Verärgert über die zweite Anmaßung an dem Abend, blickte er zu den Tiergesichtern und wusste nicht, was er zynisches darauf antworten konnte.

„Ach, Sie müssen es nicht zugeben! Ich habe auch einen Kollegen, der ist schwul und der ist suuuuuper nett!“, lachte das Walross laut los, offensichtlich angeheitert vom Alkohol.

„Also ich würde es ja mal ausprobieren“, stimmte die Ratte mit ein und nickte vor sich hin.

Wie schön für euch, dachte Sato und trank seinen Cognac in einem Zug aus. Als der Barkeeper nachschenken wollte, schüttelte der Manager den Kopf und hielt ihm stattdessen seine Kreditkarte hin.

„Gentlemen, ich werde Sie nun für heute verlassen. Einen schönen Abend noch“, raunte er genervt, steckte seine Kreditkarte wieder ein und bemühte sich sehr, die professionelle Fassung zu wahren. Immerhin ging es um ein Projekt der Firma und nicht um etwas Persönliches.

„Bitte seien Sie nicht verärgert! Wir wollten Sie nicht angreifen!“, sprach die Ratte schnell und sprach wankelnd vom Barhocker, um sich tief zu verbeugen. Das Walross mimte die Gestik nach und beugte sich ebenfalls weit nach vorne. Sato konnte die Schuppen und die fettigen Haare genauestens erkennen. Angewidert nickte er einfach nur und stolzierte erhobenen Hauptes aus dem Restaurant. 

Während er auf dem Weg zum Auto war und noch kurz bei sich dachte, dass es unverantwortlich wäre, betrunken zu fahren, stieg er trotzdem ein und startete den Motor. Er blickte kurz auf die Uhr und merkte, dass es bereits halb 1 war. Er müsste in circa 4 Stunden wieder aufstehen.

Seufzend schnallte er sich an und schaltete das Radio ein. Vielleicht sollte er die Nacht durchmachen? Angetrunken wie er war, drückte er sich durch die Sender, bis eine blasse Hand an seinem Gesicht vorbeihuschte und den Motor wieder ausmachte.

 

„Du fährst auf keinen Fall betrunken Auto.“

Tag 4

 

Das blasse Händchen drückte gekonnt auf den Startknopf des Autos, sodass es wieder ausging. Sato wusste nicht ganz, wie er reagieren sollte, also tat er das, was er betrunken immer gut konnte: Schweigen und so tun, als wäre er nüchtern.

Er sah auf den Beifahrersitz und starrte in die braunen Augen, die ihn mahnend anstarrten.

„Du fährst auf keinen Fall betrunken Auto, mein Lieber“, raunte Yuki und schüttelte den Kopf. „Du gefährdest dich und andere.“

„Und… das interessiert mich inwiefern?“, hakte Sato ironisch nach und verdrehte dabei die Augen.

„Sind dir andere Menschen so egal? Kein Wunder, dass keine deiner Beziehungen länger als 6 Monate hielt und du keine Freunde hast.“

„Ich muss mir von einem kleinen Engel nichts anhören. Wenn du schon auf einer Schulter sitzen willst, um den guten Einfluss zu spielen, such‘ dir eine andere“, murmelte Sato vor sich hin und startete den Motor erneut. Erst jetzt merkte er den Alkohol mit voller Wucht in seinem Kopf pochen. Er hatte doch mehr getrunken, als nötig. Besonders der letzte Cognac, den er mit Schwung fast komplett auf einmal geleert hatte, hämmerte nun gnadenlos durch seine Adern.

„Yamamoto, schalte den Motor aus!“, keifte Yuki und wollte erneut an Satos Händen vorbei den Knopf ausschalten. Mit einer einfachen, aber starken Armbewegung drückte er Yuki zurück in seinen Sitz und presste ihn in das weiche Leder.

„Ich fahre jetzt. Wenn du ein Engel bist, wird uns ja nichts passieren, hm?“, schloss der Manager aus der Bibellogik, die ihm sonst immer ziemlich schnuppe war.

„Nein, so funktioniert das nicht! Ich bin ein Todesengel, kein Schutzengel!“, protestierte Yuki und klammerte sich an Satos Unterarm, der ihn mit erstaunlich viel Kraft in den Sitz drückte.

Da lachte Sato dunkel auf, als er langsam mit einer Hand aus der Tiefgarage fuhr. „Es gibt sie also wirklich? Schutzengel?“

„Eher Schutzpatrone…“, murmelte Yuki und wurde für einen Moment nachdenklich. Todesengel waren nun mal die Drecksarbeiter. Schutzengel hingehen… Man liebte sie einfach. Dass Sato sie ansprach, hinterließ bei Yuki einen unangenehmen Geschmack im Mund. „Yamamoto, bitte, fahr rechts ran, lass das Auto stehen. Ich bringe dich auch nach Hause!“

„Das ist nicht unbedingt ein überzeugendes Argument“, lachte Sato amüsiert auf. „Es soll niemand denken, ich würde mir einen Stricher mit nach Hause nehmen.“

Ein empörtes Glucksen kam aus Yukis Mund, als die Beleidigung seine Ohren traf. „Wie kannst du es wagen?! Ich bin ein Todesengel und keine Hure!“, rief der Engel wütend und klatschte endlich Satos Unterarm weg. „Außerdem sieht mich doch sowieso niemand, also was redest du für einen Schwachsinn?“

„Es geht einfach schneller mit dem Auto, klar?“, gab der Manager schließlich aggressiv zu verstehen und fuhr auf den Highway Richtung Loft. „Und ich will einfach nur ins Bett, also halt deine beschissene Klappe! Wenigstens für den Rest des Abends muss ich mir dein melancholisches Gejammer über den Tod nicht anhören, okay?“

Yuki zuckte bei den harten, fluchenden Worten zusammen und presste sich weiter in den Sitz. Alles, was er nun tun konnte, war den Manager übermannen und einen Unfall provozieren. Oder ihn einfach fahren lassen, in der Hoffnung, sie würden schon heil ankommen.

Der blonde Engel schwieg und fand sich mit Option zwei ab, Sato einfach fahren zu lassen. Dem Manager entging nicht, dass Yuki fügig wurde und musste natürlich noch einen draufsetzen, um auch wirklich deutlich werden zu lassen, wer hier die Oberhand hatte:

„Soll ich die Prinzessin irgendwo absetzen, wenn ich hier schon Taxi spiele?“

„Nicht nötig“, brummte Yuki fast unverständlich und verschränkte die Arme. Fast hätte Sato ihn angeraunzt, dass er sich bitte anschnallen sollte, damit er keinen Strafzettel bekäme. Doch dann fiel ihm ein, dass ihn ja tatsächlich niemand außer ihn sehen konnte.

„Wo wohnst du denn?“, hakte Sato nach. Eigentlich interessierte es ihn die Bohne, aber so hielt er sich wach.

„Im Himmel.“

„Nein“, brummte Sato, „Jetzt, wo du hierbleiben musst.“

Yuki schwieg und sah aus dem Fenster. Er wollte dem toten Mann nicht antworten. Besonders nicht, wenn er so betrunken war und sich lieber auf die Straße konzentrieren sollte.

„Hallo?“, fragte Sato nach. „Spielen wir wieder dieses ‚Ich sag’s dir erst, wenn du noch 300 Mal fragst‘ Spiel?“

„Was interessiert es dich?“, schnauzte Yuki zurück und sah seinen Fahrer eindringlich an. „Ich wohne zurzeit nirgendwo. Es war nie geplant, länger als 5 Minuten hier zu bleiben.“

Sato schwieg und starrte konzentriert auf die Straße. „Mit anderen Worten: Du bist obdachlos.“

Die Definition erntete Sato nur ein dunkles Schnauben, also ging er davon aus, dass es stimmte. „Musst du denn so etwas wie essen und trinken? Menschliche Bedürfnisse stillen?“

Wieder einmal verdrehte Yuki die Augen und ließ sich sichtlich angepisst im Ledersitz sinken. „Ich kann, muss aber nicht. Also nein, ich bin kein Mensch geworden.“

„Also musst du auch nicht schlafen“, schlussfolgerte Sato aus der Antwort. „Dann brauchst du ja auch keine Bleibe.“

Yuki seufzte und starrte einfach weiter aus dem Fenster. Er wollte die Sache einfach hinter sich bringen. Wieso wollte dieser Mann nicht loslassen? Was war im Leben so wichtig, dass er nicht in den Himmel wollte? Vor allen Dingen schien dieser Mann zwar in großem Luxus zu wohnen, doch hatte er von diesem Geld nichts. Er arbeitete jeden Tag bis spät in die Nacht und hechtete von einem Termin zum anderen. Wo blieb der Spaß? Selbst Yuki, der sonst immer pflichtbewusst seiner Taten nachging, empfand Satos Lebensweise als viel zu streng. Aber so wie der Manager sich benahm, wollte mit hoher Wahrscheinlichkeit sowieso niemand mit ihm befreundet sein.

Nach einigen Minuten der Stille und in denen sich Sato angestrengt auf die Straße konzentrierte, kamen sie am Loft an. Es war eine eher kleine Lagerhalle, doch sie war immer noch immens groß für eine Wohnung. Um das Loft herum gab es einen kleinen Grünstreifen, der puristisch gehalten wurde. Sowieso wirkte auch die Fassade recht… ernüchternd.

„Hier wohnst du?“, hakte Yuki nach und sah durch die Windschutzscheibe skeptisch nach draußen in die Dunkelheit. Nur ein kleines Licht beleuchtete spärlich den Weg zur Tür.

„Ja. Neidisch?“, foppte Sato und hob eine Augenbraue.

„Nicht im Geringsten“

Sich nicht weiter beirren lassend, stieg der Manager aus und knallte die Tür zum Wagen lautstark zu, nicht darauf achtend, dass Yuki noch im Wagen saß. Er sperrte das Tor, durch das er gefahren war, ab und schaltete den Alarm ein.

Erst, als er an der Tür stand und mit seinem Fingerabdruck die Tür aufschloss, drehte er sich zu seinem Wagen um und sah Yuki noch immer darinsitzen. Der Silberschopf starrte nachdenklich auf seinen Schoß und schien keine Ambitionen zu hegen, den Wagen zu verlassen. Sato wartete noch einen Moment, bis er entnervt zurück zum Auto ging, die Beifahrertür aufriss und Yuki mit etwas mehr Gewalt, als notwendig, aus dem Wagen riss.

„Du wirst bestimmt nicht die Nacht in meinem Wagen verbringen!“, raunte er laut auf und wankte bei dem Versuch die Tür elegant zu schließen. Etwas tollpatschig betätigte er die Zentralverriegelung und zog den Todesengel genervt mit sich. Der stolperte nur so vor sich hin und versuchte sich aus dem eisernen Griff von Sato zu befreien.

„Was wird das? Lass mich los! Ich hatte nicht vor, in deinem Auto zu schlafen!“, schnauzte Yuki auf und wurde schließlich in die Wohnung gezerrt. Mit einem lauten Klacken fiel die Tür zu und verriegelte sich automatisch. Sato schüttelte entnervt den Kopf.

„Du kommst und gehst doch sowieso, wie es dir passt. Als hätte ich da etwas zu melden“, murmelte er, sichtlich müde vom Alkohol und vom angespannten Verhältnis, welches er zu seinem Todesengel pflegte.

Yuki konnte nur abermals seufzen. „Gut erkannt.“

Die Wohnung war spärlich, aber stilvoll eingerichtet. Ein typisch modernes Loft, mit großem Sofa und großem Fernseher, einem Glasschreibtisch und einem riesigen King-Size Bett. Eine kleine Treppe führte in eine höhere Etage, die mit einem Glasgeländer abgegrenzt war und vermutlich als Stauraum diente. Die Küche war direkt neben einem großen Esstisch, ebenfalls aus Glas und Metall. Nur das Bad war in einem separaten Raum untergebracht. Doch man sah durch die offene Tür, dass auch dieses hauptsächlich aus Glas und Metall bestand.

Sato trat seine teuren Lederschuhe von den Füßen und ging automatisch zum TV-Schrank, neben dem eine große Vitrine mit sehr viel Alkohol stand. Seufzend schüttete er sich einen erneuten Drink ein und trank ihn zügig aus.

„Du hast ein Alkoholproblem“, bemerkte Yuki und hob beide Augenbrauen, als das Glas ein zweites Mal gefüllt wurde.

„Vermutlich“, gab Sato ohne Scham zu. „Wenn du meinen Job 10 Jahre gemacht hast, sprechen wir uns noch einmal.“

Yuki zog seine Chucks mit dem jeweils anderen Fuß aus und schlurfte weiter in den Wohnraum hinein, bis er sich ungefragt auf dem großen Ledersofa niederließ. „Nein, danke. Ich mag meinen Job. Jedenfalls bis vor ein paar Tagen.“

Das ließ Sato grinsen, während er weiter an seinem Drink nippte. „Wir nennen unvorhergesehene Dinge Herausforderungen. Es gibt keine Probleme, nur Herausforderungen.“ Mit diesen Worten zog er sich endlich seinen Blazer aus und warf ihn über die Sofalehne neben Yuki. Mit einem Seufzer setzte er sich neben seinen Gast und lockerte seine Krawatte. Der frische Alkohol hob den Pegel wieder in ein angenehmes Level.

„Du schläfst also wirklich nicht?“, fragte Sato nach, als er seinen Kopf auf die Rückenlehne des Sofas lehnte und dabei an die Decke starrte.

„Ich kann, muss aber nicht.“

„Träumst du dann auch?“

Yuki überlegte für einen Moment und drehte sich zu Sato, der ihn schließlich betrunken, aber aufmerksam ansah. „Was ist das für eine Frage?“

Da zuckte Angesprochener die Schultern und sah zurück an die Wand. „Kam mir gerade so in den Kopf.“

Der blonde Engel wusste darauf keine Antwort und sah wieder auf seinen Schoß. Hatte er schon einmal geträumt? Das letzte Mal, wo er Schlaf fand, war Ewigkeiten her. Die letzten zwei Nächte hatte er so wie diese hier wach verbracht. Er suchte nach einer Lösung, hatte versucht andere Todesengel zu kontaktieren, doch die meisten blieben nie länger als notwendig auf der Erde. Normalerweise starb ein Mensch, man nahm seine Seele, sie löste sich vom Körper und man begleitete sie ins Jenseits. Ende.

Doch dieser hier, dachte Yuki und drehte sich zu Sato, der noch immer auf die Wand starrte. Dieser hier ist anders. Er will leben, aus welchem Grund auch immer. Er schien sehr bissig zu sein, was seine Arbeit anging. Sowieso ging er völlig in seinem Element auf, das war Yuki die Tage bereits aufgefallen.

„Hast du vor heute zu schlafen?“, fragte Sato auf einmal in die Stille. Yuki wusste erst nicht, wie er darauf antworten sollte – er wusste es schlichtweg noch nicht. „Ich frag nur, sonst gebe ich dir eine Decke. Es sei denn, so etwas braucht ihr coolen Engel auch nicht, dann sei es drum.“

Yukis Augen weiteten sich etwas, als er das indirekte Angebot hörte. „Du lässt mich freiwillig hier?“

„Habe ich eine Wahl?“, stellte Sato eine Gegenfrage und grinste dabei schamlos in Yukis Gesicht. „Wenn du wirklich hierbleiben willst, bleibst du hier. Ich kann dich so oft rausschmeißen, wie mir lieb ist… im nächsten Moment teleportierst du dich doch sowieso wieder hierher.“

Da musste selbst Yuki schmunzeln. „Da hast du wohl Recht“, stimmte er seinem Schützling zu und zuckte mit den Schultern. „Eine Decke wäre nett.“

Der Manager nickte nur, erhob sich langsam aus seiner Starre und schlurfte Richtung der kleinen Treppe. Oben angekommen hörte Yuki ihn etwas rumräumen, bis er schließlich mit einer großen Decke unter dem Arm wiederkam. Er warf sie auf Yukis Schoß und schlurfte weiter zum Bett. Wortlos griff er nach einem der vielen Kissen, die auf dem liebevoll drapierten Bett lagen und warf es ebenfalls zum Engel.

Yuki wollte sich bedanken, schluckte die Worte allerdings runter, als er Sato ins Bad gehen sah. Er würde die Worte sowieso nicht schätzen, dachte der blonde Engel und faltete die Decke auf. Sie war leicht und wahrscheinlich aus Daunen. Das Kissen hatte einen goldenen Bezug und schimmerte im sanften Licht des Raumes. Nur langsam schälte sich Yuki aus seiner Jacke, legte sie über einen Stuhl am Esstisch und wickelte den Schal vom Hals. Mit seinen langen Fingern streifte er durch sein silbriges Haar und entknotete es etwas.

Als Yuki sich wieder auf das Sofa fallen lassen wollte, hörte er die Spülung der Toilette aus dem Bad. Erschrocken musste der Engel feststellen, dass der Hausherr die Badtür aufgelassen hatte. Vermutlich aus reiner Gewohnheit, da ja sonst niemand zu Besuch kam. Und wenn, waren es Liebhaberinnen, die ihn sowieso nackt sehen würden.

Sato stand bis auf die Unterhose ausgezogen vor dem großen Spiegel und betrachtete sein müdes Gesicht. Die Nacht würde kurz werden, dachte er und strich sich durch sein dichtes Haar. Ob es so eine gute Idee war, Yuki hier zu lassen? Aber wenn der Junge keine Bleibe hatte, was sollte er schon tun? Wo er jetzt schon mal da war und bereits so großkotzig angekündigt hatte, nicht von seiner Seite zu weichen, bis seine Seele sich vom Körper gelöst hatte (was Sato immer noch zum Schmunzeln brachte), konnte er ihn auch gleich hierbehalten. Was machte es für einen Unterschied?

Vermutlich war es der Alkohol, der ihn so locker über die Anwesenheit des Engels denken ließ. Ihm war alles egal, er wollte nur ins Bett und schlafen. Also putzte er sich halbherzig die Zähne, bürstete die Haare und schlurfte schließlich wieder aus dem Bad. Er bemerkte, wie der Engel ihn anstarrte, ihn wie ein Kunstwerk betrachtete. Sato blieb stehen und kreuzte den Blickkontakt mit Yuki.

Es herrschte eine kurze Stille, in denen sich beide Männer anstarrten.

„Gefällt dir, was du siehst?“, fragte Sato schließlich und spannte instinktiv etwas seine Bauchmuskeln an. Die Trainingsbank im oberen Stockwerk sollte sich wieder einmal bezahlt machen. Die Frauen mochten es und er gefiel sich ebenfalls besser im Spiegel, wenn ein paar Adern hervorstachen und seine Muskeln im faden Licht noch besser zu sehen waren.

Yuki wurde schlagartig rot, spürte die Hitze in den Wangen steigen und sah beschämt zur Seite. „Nicht im Geringsten.“

„Ich verstehe“, nickte der Manager zufrieden von der Reaktion des Engels und schlurfte weiter zum Bett. In solchen Momenten liebte Sato die Dominanz und den Stolz von Yuki dem Erdboden gleichzumachen. Es war, als würde er dauernd angespornt werden, noch einen drauf zu setzen. Ihn noch mehr aus der Reserve zu locken. Es war wie ein dauernder Kampf um die Stellung im Raum. Und Yuki verlor – jedes Mal.

Der Engel räusperte sich schließlich, als er die Decke des Bettes hörte. Sato lag friedlich auf dem Rücken und starrte die Decke an. Mit einer kurzen Handbewegung fasste er über seinen Kopf und schaltete das Licht aus. Nur noch das fahle Mondlicht erhellte den Raum durch die großen Fenster neben dem Bett. Ein leises Summen war zu hören und Yuki sah die Rollläden herunterfahren.

„Der Wecker geht um 5“, verkündete Sato in den stillen Raum. Yuki saß noch immer auf dem Sofa, die Decke halb über seinem Schoß. Würde er wirklich heute Nacht hierbleiben? Bei dem Mann, der eigentlich tot sein müsste?

„Okay“, war alles, was der Engel aus dem Mund bekam. Er kannte so etwas wie Müdigkeit nicht, also war es ihm schlichtweg egal, wann Sato aufstehen musste und wann nicht.

Es raschelte und Sato schlief in wenigen Minuten ein. Seine Gedanken beim Engel, der auf seinem Sofa schlief.

 

Als der Wecker klingelte und Sato die rachesuchenden Kopfschmerzen vom Alkohol spürte, seufzte er laut auf und drehte sich aus dem Bett. Die Rollläden gingen langsam hoch und erhellten das Zimmer mit dem noch am Himmel stehenden Mondlicht. Erst, als er ein weiteres Seufzen hörte, blieb er im Raum stehen. Sofort, fast panisch, schaltete er das Küchenlicht an und erntete dabei ein weinerliches Murren.

Yuki lag zusammengekauert auf dem Sofa, die Decke wie eine zweite Haut um ihn geschlungen. Vorsichtig sahen Sato braune Augen an.

„Schon aufstehen?“, fragte er etwas heiser in die Stille. Der Schwarzhaarige stand noch wie angewurzelt an der Küchentheke, bis er schaltete, dass er höchst persönlich dem Engel erlaubt hatte, die Nacht bei ihm zu verbringen.

„Ja, ich muss zur Arbeit“, murmelte Sato, ging dann mit schnellen Schritten ins Badezimmer und schloss die Tür. Nervös zog er sich aus und stellte sich unter die Dusche, in der Hoffnung, der Schock würde nachlassen.

Yuki setzte sich auf und streckte sich ausgiebig. Dafür, dass er keine Müßigkeit zu kennen vermag, war er ganz schön geschafft. Seine linke Körperhälfte tat ihm etwas weh, vermutlich, weil er zu lange auf einer Seite geschlafen hatte. Ein seltsames Gefühl, gestand sich Yuki ein. Als er lang und ausgiebig gähnen musste, wünschte er sich, er könnte noch etwas länger schlafen. Doch die Pflicht rief, den Manager zu begleiten.

Nach einigen Minuten, in denen der Engel einfach nur auf dem Sofa saß und auf den Boden starrte, kam Sato frisch geduscht und nur mit einem Handtuch um die Hüften gebunden aus dem Bad. Yuki konnte nicht anders, als den Menschen erneut anzustarren. Die Perfektion in diesem Körper war unvorstellbar. Bisher hatte er in seiner Laufbahn als Todesengel nur ältere oder sehr kranke Menschen begleitet. Noch nie einen so jungen und gesund aussehenden. Sowieso auch noch nie einen, der so hartnäckig am Leben festhielt.

Der Schwarzhaarige spürte erneut die Blicke auf seinem Körper. Jetzt, wo er zwar Kopfschmerzen hatte, aber soweit wieder nüchtern war, konnte er sich den Spaß einfach nicht nehmen, sich vor seinen großen Spiegelschrank zu stellen und demonstrativ das Handtuch fallen zu lassen. Er war viel zu selbstbewusst, als dass ihm neidische Blicke eines anderen Mannes stören würden. Ganz im Gegenteil: es streichelte förmlich sein Ego.

Mit hochrotem Kopf wandte sich Yuki sofort vom Manager ab, der nun nackt in seinem Schrank wühlte und sich Kleidung herauszog. Wieso nur, fragte sich der Blondschopf und knibbelte nervös an seinen Nägeln. Sato wusste doch, dass er da war!

„Willst du auch duschen?“, fragte Sato schließlich in die peinliche Stille und grinste triumphierend vor sich hin. „Oder tun Engel so etwas auch nicht.“

Yuki schnaubte aus und traute sich noch nicht wieder zu Sato zu blicken. Er verschränkte die Arme und murmelte vor sich hin: „Doch, schon.“

„Dann geh, Handtücher sind im weißen Schrank ganz oben“, raunte der Manager etwas enttäuscht, dass er keine weitere amüsante Reaktion von Yuki herauslocken konnte.

Ohne weiter darüber nachzudenken, stampfte der Engel ins Badezimmer und schloss hastig die Tür hinter sich. Als er sich umdrehte, konnte er die Einrichtung der Wohnung ein zweites Mal bewundern. Weißer Marmor zierte den Boden, zwei große Waschbecken mit einer riesigen Spiegelwand zur linken Seite, eine riesige Regendusche mit Glaswand auf der rechten Seite und der weiße Wandschrank direkt daneben. Doch das Highlight war das riesige Becken am Ende des Zimmers. Vermutlich eine Badewanne mit Jacuzzi-Funktion, überlegte Yuki, während er sich der großen Fensterwand näherte. Draußen waren nur Bäume und Büsche, niemand konnte also hineinsehen. Die Fensterfront, die die Badewanne umschloss, ging sogar bis in die Decke und ließ freie Sicht auf den dunklen Sternenhimmel zu. Beeindruckt kniete sich Yuki vor die Badewanne und lehnte sich vor, um nach oben zu sehen. Hier ein Bad nehmen, während man in den Himmel sehen konnte, war bestimmt ein tolles Erlebnis. Eins, was sich Sato, wann immer er wollte, gönnen konnte. Doch auf der anderen Seite, so musste sich Yuki erinnern, fand diese Badewanne vielleicht ein- oder zweimal im Jahr Verwendung. Der Manager hätte die Wanne lieber in seinem Büro einbauen sollen, dann würde er sie vielleicht häufiger benutzen.

Yuki stand langsam wieder auf, entledigte sich seiner Kleidung und stieg unter die luxuriöse Regendusche. Sie war so groß, dass mehrere Menschen darunter passen würden. Sato lebte tatsächlich in purem Luxus.

Als der Engel fertig war und von der Qualität des Duschgels und Shampoos beeindruckt war, kramte er sich ein weißes Handtuch aus dem Schrank, welches ebenfalls gut roch. Er verstand langsam, wieso Frauen sich auf Sato einließen. Sie liebten nicht ihn, sie liebten den Luxus und sein Geld. Als Yuki in den Spiegel blickte und sich die Haare mit Satos Bürste kämmte, wurde ihm klar, dass es ihn tief in ihm drin traurig stimmte, dass Menschen so oberflächlich sein konnten.

Auf einmal sprang die Tür zum Bad auf und Sato trat entnervt herein. „Bist du dann bald fertig? Ich muss langsam los“, verkündete er etwas hektisch mit einer Kaffeetasse in der Hand. Yuki spürte die Hitze zurück in die Wangen schießen, als er so ungeniert vom Hausherren angestarrt wurde. Nur ein Handtuch verbarg seine Männlichkeit, die ihm eigentlich nicht peinlich sein sollte, und doch trotzdem ein unangenehmes Gefühl bescherte, sollte Sato sie zu sehen bekommen.

„Vier Minuten“, prognostizierte Yuki so nüchtern wie möglich und kämmte seine Haare etwas schneller. „Drei, wenn du mir sagst, wo dein Föhn ist.“

„Unter dem Waschbecken im Schrank. Mach zwei draus und komm dann direkt zum Auto.“

Mit diesen Worten verschwand Sato wieder und schloss energisch die Tür hinter sich. Yuki seufzte und kramte schnell den schwarzen Föhn aus dem edlen Unterschrank. Er würde seine Haare niemals trocken bekommen, aber klitschnass wollte er sie auch nicht lassen.

Für einen kurzen Moment überlegte er, ob er sich Satos Zahnbürste leihen sollte, ließ den Gedanken dann doch weiterziehen. Irgendwie ekelte es den Engel zu wissen, dass er etwas in seinen Mund steckte, was bereits in Satos Mund war. Außerdem hatte er keine Ahnung, wie man sich richtig die Zähne putzte. Er hatte nur davon gehört.

Nachdem Yuki sich hektisch angezogen hatte und aus dem Bad kam, sah er die Haustür offenstehen. Tatsächlich saß Sato schon im Wagen und telefonierte. Es war noch immer düster und dunkel, obwohl es bereits 6 Uhr war. Ohne ein Wort zu verlieren, zog Yuki die Haustüre zu, stieg neben Sato ein und schnallte sich an, auch wenn es unnötig war. In dem Moment startete der Schwarzhaarige den Wagen und unterhielt sich weiter mit dem Menschen am anderen Ende seines Handys.

Das Telefonat ging noch einige Minuten, bis sie auf dem Highway waren. Als Sato auflegte, seufzte er laut auf und drehte die Heizung hoch. „Bleibst du also heute auch bei mir im Büro?“, fragte er sichtlich genervt von der Idee.

„Nein, keine Angst“, murmelte Yuki und sah verträumt aus dem Fenster. Die Lichter schwammen an ihm vorbei und hinterließen zusammen mit der Sitzheizung ein angenehmes Gefühl von Geborgenheit. Nur Satos entnervtes Seufzen holte Yuki wieder in die Realität.

„Gut“, war alles, was er darauf sagte.

Als beide in der Tiefgarage ankamen und ausstiegen, kam Takeshi auf Sato zu und winkte ihm fröhlich. „Na, Kollege, heute auch etwas später dran?“, witzelte er und ließ seine Aktentasche beim Gehen schwingen.

Sato seufzte, bemühte sich um ein höfliches Lächeln und nickte. „Ja, ich hatte Bes- … Ich hatte einfach keine gute Nacht“, log er und drehte sich zu Yuki um, der noch still neben dem Auto stand. Als sich ihre Blicke trafen, nickte der Todesengel und löste sich in feinen Goldstaub auf. Es war das erste Mal, dass Sato sein plötzliches Verschwinden miterlebte. Er fühlte sich auf einmal unwohl, als Yuki weg war und er mit Takeshi alleine im Aufzug stand.

Sollte das bedeuten, dass alles real war? Dass das, was der Junge erzählte, wirklich stimmte und doch keine Halluzination war? Denn auf goldenen Partikelregen wäre Sato nie gekommen. Oder doch?

Ausgerechnet an dem Tag, wo er den Arzttermin gebraucht hätte, musste die Betriebsärztin für einen Notfall außer Haus sein. Nur eine Notiz von Hanakuro lag auf seinem Schreibtisch, dass die Ärztin ihn erst morgen sehen könnte.

Seufzend und enttäuscht vom Versetzt werden, machte sich der Schwarzhaarige an die Arbeit.

Er fragte sich, ob Yuki heute Abend wiederkommen würde.

 

Doch er kam nicht.

Tag 5

 

Sato war sich nicht sicher, ob er das drückende Gefühl in seinem Magen als Enttäuschung deuten sollte, als er am gestrigen Abend nach Hause kam und niemand auf ihn wartete. Es war nie wirklich ein Problem gewesen und auf einmal wurde es zu einem. Yuki war wie ein unkontrollierbarer Störfaktor in Satos Leben geworden, was ihn immens störte. Der Junge kam und ging, wie es ihm beliebte.

Im Endeffekt tat Sato das, was er für richtig hielt und ignorierte das drückende Gefühl der Enttäuschung in der Magengegend, als er am Morgen aufwachte und alleine ins Auto stieg, um zur Arbeit zu fahren.

Dort begrüßte ihn Hanakuro mit einem strahlenden Gesicht. „Suzuki-Sensei ist bereits in ihrem Büro und kann Sie empfangen, wenn Sie möchten. Sie entschuldigt sich vielmals für ihren gestrigen Notfall.“

Sato nickte nur stumm und starrte aus dem großen Fenster hinter seinem Schreibtisch. Die Wolken hingen tief und grau in die Stadt hinein und ließen alles finster und trist aussehen. „Ich werde gleich zu ihr gehen“, verkündete er schließlich und legte seine Jacke ab. Das Bürgeramt müsste erneut warten.

Hanakuro bemerkte die gedrückte Stimmung von ihrem Chef nur marginal und beschloss sie zu ignorieren. Mit schnellen und lauten Schritten dampfte sie wieder ab.

Der schwarzhaarige Manager kontrollierte seine Innentaschen vom Anzug, ob alles da war und ging schließlich seufzend aus seinem Büro Richtung Betriebsärzte. Wieso er so betrübt war, wusste er selber nicht. Doch die glatte, eiserne Miene, die er sich über die Jahre hinweg antrainiert hatte, trug er weiterhin gewissenhaft.

„Yamamoto-San“, begrüßte die Ärztin ihren ersten Patienten. „Entschuldigen Sie bitte vielmals, dass ich Sie gestern versetzen musste. Ein Patient hatte einen Nervenzusammenbruch und wusste nicht, an wen er sich sonst wenden sollte.“

Suzuki war eine junge, hübsche Frau. Sie war noch nicht lange in der Firma und schien auch nicht lange bleiben zu wollen. Betriebsarzt zu sein erfüllte sie nicht – sie wollte lieber zurück ins Krankenhaus. Trotz alledem genoss sie die festen Arbeitszeiten und das gute Einkommen. Ihre langen schwarzen Haare band sie immer in einen festen Dutt, der sie etwas streng wirken ließ. Das zarte Lächeln, was sie stets auf den Lippen trug, wurde dadurch jedoch nicht beeinflusst.

„Kein Problem“, antwortete Sato und schloss die Tür hinter sich. Ihr Zimmer war klein, aber geräumig. Es hatte einen Schreibtisch, ein paar Regale mit vielen Büchern drin und sogar eine kleine Couch, auf die sich Sato ohne weitere Worte setzte. Er öffnete dabei seinen Blazer und überschlug die Beine. Er war in keinem Meeting, trotzdem fühlte er sich genötigt, eine gewisse Distanz zu wahren, die er mit gekreuzten Beinen und Armen deutlich machte.

„Was kann ich für Sie tun, Yamamoto-San?“, fragte Suzuki freundlich, die abwehrende Haltung als nicht persönlich nehmend.

Sato wusste nicht ganz, wo er anfangen sollte, also fragte er das, was ihn am meisten ärgern würde, wenn es nicht so wäre: „Sie sind an die ärztliche Schweigepflicht gebunden, richtig?“

„Das ist korrekt, Yamamoto-San.“

„Gut“, seufzte Sato und rutschte ein Stück auf dem Sofa zur Seite. „Vor drei Tagen, nein vier Tagen, hatte ich… sagen wir einen kleinen Anfall.“

Suzuki stutzte, nahm ihr Klemmbrett und einen Stift in die Hand, um Notizen machen zu können. „Einen Anfall? Inwiefern?“

Der Manager presste die Lippen aufeinander und sammelte sich kurz. „Ich vermute einen Schlaganfall. Mir wurde schwindelig, ich habe nichts mehr gesehen. Schließlich habe ich das Gleichgewicht verloren und war erst halbseitig, dann ganzseitig gelähmt.“

Wäre die Ärztin nicht so professionell gewesen, hätte sie beinahe ihr Klemmbrett fallen gelassen. Ihre immer größer werdenden Augen verrieten sie jedoch. „Das ist ja furchtbar! Wurde Ihnen schnell geholfen?“

Sato schmunzelte und schüttelte den Kopf. „Nein, es war bereits nach 11 Uhr abends. Es war niemand mehr im Büro.“

Schmale Augenbrauen wurden zusammengezogen und bildeten auf Suzukis Stirn mehrere Falten. „Sie hatten einen Schlaganfall und niemand hat Ihnen helfen können? Sind Sie sicher, dass es ein Schlaganfall war? Normalerweise…“, und da verstummte sie. Suzuki wollte die grausame Wahrheit nicht aussprechen.

„Deshalb bin ich hier. Ich will abchecken lassen, dass auch wirklich alles mit mir stimmt. Seit diesem Anfall…“, wurde Sato zum Ende hin immer leiser, „… sehe ich Dinge.“

Die junge Ärztin war hektisch am Schreiben, während Sato erzählte. Schließlich hörte die abrupt auf, als er erzählte, dass er Halluzinationen hatte. „Sie sehen Dinge? Welche Dinge?“

„Eine Person“, gab der Manager knapp zu verstehen. „Eine Person, die augenscheinlich sonst niemand sehen kann.“

Suzuki wurde immer nervöser. „Seit ihrem Schlaganfall sehen Sie also eine ganz bestimmte Person, die sonst niemand sieht?“

„Richtig.“

„Spezifizieren Sie bitte“, deutete Suzuki mit ihren Händen an, dass Sato weitererzählen sollte.

Er wusste, wie dämlich sich das alles in den Ohren der Ärztin anhören musste. Ziemlich verrückt und wahnsinnig, dachte der Manager. Doch, was, wenn er wirklich verrückt wurde? Wenn Yuki nur eine Einbildung war und alles nur in seinem Gehirn stattfand? Dann musste er dringend etwas dagegen tun. Und wenn es für ihn hieß in eine Anstalt zu gehen und Medikamente zu schlucken. Den Wahnsinn mit diesem Engel, der ihn auf eine perfide Art und Weise mehr Nerven kostete, als jeder andere Boss bisher, und ihn Emotionen hochkochen ließ, die er gar nicht erst denken wollte, endlich beenden.

„Er behauptet, er sei ein Todesengel, der meine Seele ins Jenseits bringen muss. Irgendwas ist schiefgelaufen, ich bin nicht gestorben, obwohl genau das passieren sollte. Jetzt sitzt er mit mir auf der Erde fest und darf erst wieder in den Himmel, wenn sich meine Seele von meinem Körper getrennt hat.“

Sato konnte seinen eigenen Ohren nicht trauen, als er sich die ganze Geschichte zusammenfassen hörte. Es klang so verrückt und abwegig, dass er selber kurz kichern musste. Suzuki hingegen blieb ernst und starrte Sato eine Weile lang einfach nur an. Ihr Stift hatte kein Wort mitgeschrieben.

„Sie denken jetzt, ich sollte mich einweisen lassen, oder?“, fragte Sato amüsiert und wechselte die Beinposition.

Die Vermutung ließ Suzuki aus ihrer Starre kommen. „Es… klingt zumindest so, als würde ihr Gehirn einen Streich mit Ihnen spielen, ja. Vielleicht sollte ich für Sie einen Termin im Krankenhaus machen. Dort könnte man ihren Kopf scannen.“

„Ein MRT?“

„Ja, genau. Dann würden wir sehen, ob ihr Gehirn Schäden von dem Vorfall davongetragen hat. Wenn nicht, müssen wir davon ausgehen, dass es ein…“, und wieder stutzte sie, aus Angst, sie könnte etwas Falsches sagen, „… psychisches Problem ist.“

Sato nickte und sah gelangweilt aus dem Fenster. Das hätte er ihr auch vorhersagen können. Wieso nur langweilte ihn selbst die negativ ausfallende Diagnose der Ärztin?

„Diese Person… interagieren Sie mit ihr?“, fragte Suzuki eher aus Neugierde, als aus ärztlichen Gründen. Sie war keine Therapeutin, das wäre die Aufgabe eines Kollegen. Doch dass ein so hohes Tier wie Akuma-Sato Yamamoto beiläufig zugab, eine Person zu sehen, die sonst niemand sah, ließ sie stutzig werden.

„Ja. Bisher jeden Tag. Heute allerdings noch nicht. Er kommt und geht, wann er will.“

„Er? Es ist also ein Mann?“, hakte Suzuki nach und kritzelte doch einige Begriffe auf ihr Papier. Eventuell würde sie später eine Diagnose mit Hilfe der Bücher stellen können.

„Ja, der heißt Yuki. Oh, nein, Naoyuki. Aber das ist mir zu lang“, spottete Sato amüsiert und ließ seine Mundwinkel bei dem Gedanken zucken, dass Yuki darauf bestand, Naoyuki genannt zu werden.

„Er hat also sogar einen Namen!“, rief Suzuki aus und notierte ihn sich sofort. „Sie reden also miteinander?“

„Ja. Und wissen Sie, was am gruseligsten dabei ist?“ Satos Blick wurde auf einmal finster, als er die Ärztin angespannt ansah. „Ich kann ihn sogar anfassen.“

Suzuki verstummte für einen Moment des Schocks. „Anfassen? Sie berühren ihn?“

„Ja. Und er mich. Und es fühlt sich genauso an, als würde ich sie berühren. Keinen Unterschied. Als wäre er real. Aber niemand sonst sieht ihn. Nur ich.“

„Liegt es daran, dass er ein Engel ist?“, hakte Suzuki nach und hob eine Augenbraue an. Sie spielte das Spiel mal mit, in der Hoffnung mehr über Satos Metaphern zu erfahren. Vielleicht erfuhr sie damit wichtige Informationen, die sie für ihre Diagnose verwenden könnte.

„Das behauptet er zumindest. Er ist ein Todesengel und die können nur gesehen werden, wenn man im Jenseits hockt. Na ja, oder so wie ich – dazwischen.“

„Zwischen was genau?“

„Dem Diesseits und Jenseits. Ich hätte ja sterben sollen, erinnern Sie sich? Der Anfall?“ Sato schmunzelte wieder einmal vor sich hin, hielt er doch die ganze Farce hier für absolut lächerlich. Aber es tat gut mit jemandem darüber zu sprechen. Sich jemandem anzuvertrauen, der gezwungen ist, bei seinen Kollegen und Mitarbeitern zu schweigen. Insbesondere bei seinen Chefs.

„Ich erinnere mich…“, nuschelte Suzuki und notierte sich abermals einige Inhalte. „Hat dieser Engel… Naoyuki, dann auch zu Ihnen gesagt, wie es weitergehen soll?“

Sato nickte. „Ja, ich soll lernen das Leben und meine Seele freizulassen. Dann können er und ich glücklich und zufrieden in den Himmel. Oder ins Reich der Toten, keine Ahnung.“

Die Ärztin schüttelte leicht den Kopf, sodass einige ihrer schwarzen Haarsträhnen, die hinters Ohr geklemmt waren, herausfielen. „Er geht also davon aus, dass Sie… bald freiwillig sterben?“

„Zumindest ist das seine Andeutung, ja. Irgendwann wird sich meine Seele von meinem Körper lösen. Über weitere Einzelheiten haben wir noch nicht gesprochen. Er dementiert zumindest vehement, dass er mich umbringen wird.“

„Das ist… ein gutes Zeichen, schätze ich?“, lächelte Suzuki angespannt und nervös. Passierte das gerade wirklich? Sato erschien ihr in der kurzen Zeit, in der sie hier arbeitete, als eher still und oberflächlich. Nicht wirklich kreativ, aber dafür gewissenhaft und stringent. Eine solche Geschichte von ihm zu Ohren zu bekommen, war für sie eine absolute Überraschung. Welche Metaphern er auch immer verwendete – es war spannend die Seite an Sato zu verfolgen. „Können Sie mir Naoyuki beschreiben?“

„Wie er aussieht?“, fragte Sato nach und hob beide Augenbrauen. Glaubte Suzuki etwa seine Story?

Als die Ärztin nickte, zog Sato beide Schultern hoch und fing an, den nervigen Engel zu beschreiben. „Er ist klein. In etwa Ihre Größe. Am Anfang dachte ich, er sei Minderjährig gewesen, weil er auch so jung aussieht. Aber er behauptet 176 Jahre alt zu sein.“

„176? Das ist aber einiges!“, stellte auch Suzuki fest und notierte sich das Alter. Vielleicht hatte die Zahl eine bestimmte Bedeutung für Sato. Eine Art Code für einen Geburtstag einer wichtigen Person? Oder ein anderes Datum? Eine Anzahl von Stunden oder Minuten?

Der schwarzhaarige Manager nickte. „Ja, ich glaube es ihm nicht so ganz. Er sieht eher aus wie 18. Vielleicht, mit viel Wohlwollen, knapp über 20. Jedenfalls hat er lange blonde Haare. Fast Silber.“

„Das klingt ausländisch, der Name allerdings sehr japanisch. Ist er Japaner?“

Da musste selbst Sato überlegen. Wenn er aus dem Himmel kam, dann hatte er keine Nationalität. Immerhin war der Himmel ja für alle, oder nicht? Vielleicht ist Naoyuki ein Synonym für etwas? Vielleicht hieß er ja gar nicht so? Aber sein Japanisch war einwandfrei.

„Ich weiß es nicht. Er spricht auf jeden Fall extrem gutes Japanisch. Sein Gesicht ist eher europäisch, hat aber auch hier einen leicht asiatischen Einschlag“, mutmaßte Sato und kratzte sich dabei am Kinn, während er gedanklich über die zarten Gesichtszüge von Yuki ging. „Generell ist er aber ein hübscher Mann. Das muss man ihm lassen.“

Die Worte hatten seinen Mund schneller verlassen, als es ihm lieb war. Suzukis Augen weiteten sich abermals, als Sato seine eigenen zukniff. Kein guter Schachzug gewesen.

„Sie finden den Todesengel hübsch?“, hakte sie nach und notierte sich erneut etwas. Die ständigen Notizen machten Sato nervös. Er erhaschte einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. Er saß bereits 20 Minuten bei ihr.

„Er ist – objektiv gesehen – ein schöner Mann. Wissen Sie, er hat diese typischen Gesichtszüge dieser Boybands, auf die diese ganzen jungen Mädchen stehen. Diese silbernen Haare machen es noch deutlicher. Verstehen Sie?“

Suzuki nickte zwar, doch sie verstand nicht wirklich, was Sato ihr sagen wollte. Alles, was in ihrem Kopf blieb, war das Geständnis, dass Sato seine eigene Metapher schön fand. Er erfand also einen jungen Mann, den er selber für viel zu jung hielt, aber letztendlich auf über 100 Jahre schätzte, und verglich ihn mit Boybands, die er eher schlecht redete. Es klang wie eine Hassliebe. Oder nach einer Liebe, die er sich selber nicht eingestehen wollte. Als würde Sato jüngere Männer toll finden, es sich aber selber nicht eingestehen. Aus diesem Grund erschuf er einen solchen Jungen, machte ihn für sein Gewissen viel zu alt und gab ihm eine mysteriöse Identität, damit er immer eine Ausrede hätte ihn von sich zu weisen. Was er aber nie tun würde, denn dieser imaginäre Junge hatte eine starke Bindung zu Sato – die Aufgabe, die Seele ins Reich der Toten zu bringen.

Suzuki beschloss den Termin für das MRT noch heute für Sato zu arrangieren.

„Alles in Ordnung?“, hakte der Manager schließlich nach, nachdem Suzuki für mehrere Minuten einfach nur still dasaß und ihr weißes Blatt anstarrte.

Sie zuckte zusammen und nickte schnell. „Ja, Yamamoto-San, entschuldigen Sie. Ich versuche nur zu verstehen, was Sie mir sagen.“

„Mhm, und?“ Sato konnte nicht anders, als weiterhin zurückgelehnt auf dem Sofa zu sitzen und sich die alberne Geschichte abermals im Kopf durchgehen zu lassen. Mit verschränkten Fingern, die ruhend auf seinem Knie lagen, sah er erwartungsvoll in die Richtung der Ärztin.

Diese schluckte und legte schließlich ihr Klemmbrett weg. „Nun… Ich werde versuchen so schnell wie möglich einen Termin im Krankenhaus für Sie zu arrangieren. Dann wird ihr Gehirn kontrolliert. Wenn die Ergebnisse vorliegen, können wir weitere Schlüsse ziehen. Wer oder was dieser Mann ist und wieso er nur Ihnen begegnet.“

Sato nickte langsam und hinderte sich selber daran, die Augen zu verdrehen. Soll Sie ihm doch einfach ein paar Medikamente geben, die ihn davon abhielten, dumme kleine Engel zu sehen und gut war’s.

Doch sie schien nicht in Spendierlaune zu sein. Ganz im Gegenteil erhob sie sich abrupt und hielt Sato die Tür auf. „Ich werde Ihnen eine Mail mit den genauen Daten schicken. Hanakuro wird dann alles Regeln.“

„Sehr gut“, brummte Sato und kam der Bitte zu gehen nach.

„Sollte noch etwas sein, können Sie gerne wiederkommen“, bat Suzuki ihrem Patienten an, bevor Sie die Tür zu Ihrem Büro schloss.

Sato stand etwas verloren im Gang und starrte auf die geschlossene, weiße Tür. Das lief ja nicht so Bombe, dachte er und schob die Hände in die Hosentaschen. Aber es hätte auch schlimmer laufen können, ließ er seinen Gedanken freien Lauf und ging auf die nasse Dachterrasse. Er zündete sich eine Zigarette an und starrte auf die Skyline der Stadt. Irgendetwas in ihm hoffte, dass Yuki sich heute noch einmal melden würde. Dann könnte er ihn das fragen, worauf er gerade bei Suzuki keine Antwort hatte.

Doch auch nach der Zigarette und nach einem weiteren Meeting blieb Yuki verschwunden. Es machte Sato fast wahnsinnig, dass der sonst so nervige, immer um ihn herumschwirrende Engel auf einmal weg war. Vielleicht, dachte der Manager, als er mit Takeshi zum Ramenrestaurant ging, hat er einen Weg gefunden, zurück in den Himmel zu kommen. Das würde bedeuten, Sato war aus dem Schneider und durfte weiter Leben. Es hätte ihn freuen müssen, doch irgendetwas in ihm war wütend. Wütend, dass Yuki einfach weg war und sich nicht verabschiedet hatte. Stattdessen hatte er sich in goldene Partikel aufgelöst.

„Du wirkst heute etwas neben der Rolle. Alles in Ordnung?“, fragte Takeshi, als er anfing seine Ramenschüssel näher an sich heran zu ziehen.

„Es geht schon“, brummte Sato und starrte auf den kleinen Platz hinter dem Fenster des Ramenshops. „Viel Arbeit.“

„Oh, ja! Die neuen Projekte sind der Hammer, viel zu viel in viel zu kurzer Zeit! Wie die sich das immer vorstellen?“, jammerte sein Kollege und fing an zu essen.

Sato war der Appetit vergangen. Der Gedanke an die ganzen Projekte, die im nächsten Jahr anstanden, ließen ihn aufseufzen. Wenn alles stimmte, was Yuki ihm seit Tagen einhämmerte, bekam er die sowieso nicht mehr mit, da er vorher ableben würde. Hieß es nicht immer, man solle jeden Tag so leben, als sei es sein Letzter? Nun, Sato lebte jeden Tag, als sei es genau wie jeder andere. Aufstehen, Arbeit, Essen, Schlafen. Und das 365 Tage im Jahr.

Takeshi aß fröhlich vor sich hin und beschwerte sich zwischen den Ladungen in seinem Mund über die Chefetage.

Es war ein goldenes Partikel, das durch die Luft, an Satos Augen vorbeiflog und ihn aufatmen ließ. Doch als er neben sich sah, war der Stuhl leer. Sofort kam die Enttäuschung in ihm hoch und er blickte erneut aus dem Fenster auf den kleinen gepflasterten Platz. Eine optische Täuschung hatte ihn noch nie so traurig gemacht.

Der restliche Arbeitstag verflog schnell. Hanakuro kam noch einige Male in sein Büro, beugte sich extra tief vor und ließ freie Sicht auf ihr üppiges Dekolleté. Normalerweise hätte Sato die Sicht genossen, gegrinst und einen zweideutigen Kommentar gemacht, doch seit der ganzen Schlaganfallgeschichte, starb seine Libido jeden Tag ein bisschen mehr. Es war schon fast eine Woche her, dass er sich das letzte Mal selbst befriedigt hatte. Von Sex ganz zu schweigen.

Als Sato endlich in sein Loft zurückkehrte, die Tür schloss und sich geschafft auf das Sofa setzte, lauschte er für einige Momente der Stille. Er hatte bis auf den Ramen am Nachmittag noch nichts gegessen.

„Lieber einen Drink…“, murmelte er in die Stille, sank etwas tiefer in den Sitz und schloss die Augen.

Da klapperte es an der Vitrine.

Satos Augen sprangen sofort auf und erblickten die braunen Augen, die ihn amüsiert ansahen. Yuki stand mit einem Glas Whiskey in der Hand am Alkoholschrank und nippte amüsiert daran. Seine schmale Figur trug eine enge schwarze Jeans und einen schwarzen Rollkragenpulli, der ebenfalls sehr eng saß. Seine weißen Haare und seine blasse Haut ließen ihn zum ersten Mal wie ein echter Engel wirken.

„Willst du was?“, fragte er spielerisch und hielt das gefüllte Glas in die Höhe.

Sato reagierte nicht sofort, starrte einfach in Yukis Richtung, wie er souverän das Whiskeyglas in der Hand hielt und gelegentlich daran nippte. Er hätte Werbung für eine teure Alkoholmarke machen können. Sato hätte sofort mehrere Flaschen gekauft.

„Ja“, säuselte der Manager so leise, dass er für einen Moment glaube, Yuki hätte ihn nicht gehört. Doch der kam mit gemütlichen Schritten auf Sato zu, der noch immer ausgelassen auf dem Sofa saß. Yuki kniete sich neben ihn und biss sich auf die Unterlippe.

„Aber nicht zu viel, du hast noch nichts gegessen“, scherzte der Engel und trank noch einen Schluck vom Glas.

Sato wollte schon protestieren, dem Blonden das Glas wegreißen, immerhin wollte er doch etwas haben!

Doch dann beugte sich Yuki zu ihm vor, legte einen seiner schmalen Arme um Satos Nacken und küsste ihn leidenschaftlich auf die Lippen. Der Manager erstarrte, riss die Augen auf und spürte, wie Yuki langsam seine Lippen öffnete und die braune, süßlich schmeckende Flüssigkeit in seinen Rachen fließen ließ. Sato schluckte den Whiskey, so gut er konnte. Letztendlich liefen doch einige Tropfen an seinem Mundwinkel herunter.

Als keine weitere Flüssigkeit mehr aus Yukis Mund kam, intensivierte er den Kuss enorm schnell. Weiche, feuchte Lippen pressten sich abermals auf die Rauen von Sato, die hungrig nach ihnen suchten. Sato verstand nicht ganz, was passierte, wieso es passierte und was Yuki sich dabei dachte, aber als er seine nach Whiskey schmeckende Zunge vorsichtig um Einlass bittend an seiner Unterlippe spürte, fragte er nicht weiter danach und gab sich einem leidenschaftlichen Zungenkuss hin.

Yuki stellte unterdessen das Whiskeyglas auf dem kleinen Couchtisch ab und setzte sich rittlings auf Satos Schoß. Mit beiden Armen drückte er sich weiter an den Manager ran, streichelte seine Wangen und küsste ihn mehrmals hart auf die Lippen. Als Sato seine Hände an Yukis Seiten entlangfahren ließ, entlockte er ihm ein leises, erregtes Seufzen. Das ließ ihn forsch werden. So griff er dominant nach Yukis straffem Hintern, presste die Backen zusammen und drückte den Todesengel weiter an sich heran. Er spürte, wie unangenehm eng es in seiner Hose wurde, als Yuki sich weiter an ihm rieb und stöhnende Laute gegen seine Lippen hauchte. Sato hatte noch nie mit einem Mann Petting gehabt, geschweige denn geschlafen. Aber als er Yukis errötetes Gesicht erblickte, was ihn eindringlich ansah und nach mehr bettelte, war er bereit diesen Schritt zu gehen. Was hatte er schon zu verlieren?

Doch als er Yuki ausziehen wollte, spürte er seine Arme schwer werden. Alles fühlte sich auf einmal wieder wie gelähmt an und Sato bekam Panik, dass es ein weiterer Schlaganfall gewesen sein könnte.

Im Bruchteil einer Sekunde schlug der Schwarzhaarige die Augen auf und blickte auf den dunklen Bildschirm seines Fernsehers. Es war Still um ihn herum. Kein Yuki. Kein Whiskeyglas auf dem Tisch.

Der Manager erhob sich mit hektischen Bewegungen vom Sofa und spürte seine Knochen knacken. Er blickte auf die Uhr und stellte fest, dass er eingeschlafen war. Für eine Stunde. Er seufzte laut auf, blickte an sich runter und entschied sich für eine kalte Dusche. Nachdem ihm bewusstwurde, dass Yuki ihn nur in seinem Traum sexuell Verführen wollte, war ihm nicht mehr nach Sex. Auch nicht nach Selbstbefriedigung. Der Gedanke allein war so abwegig, dass Sato den Traum am liebsten sofort vergessen wollte.

 

Das kam davon, wenn man von mehreren Personen mit Yukis Aussehen, Beziehungen und Sex konfrontiert wurde. Die Mischung gefiel Sato zu dem Zeitpunkt gar nicht.

Tag 6

 

Der Wecker klingelte enorm laut und nervig an diesem Morgen und Sato wälzte sich hin und her. Letztendlich raunte er laut auf und schaltete das kleine Gerät neben seinem Bett aus. Vorsichtig rollte er sich zur Seite und starrte in das dunkle Zimmer. Er hatte die Decke und ein Kissen auf dem Sofa liegen lassen, im Glauben, Yuki würde wiederkommen.

Doch alles lag unberührt auf dem schwarzen Leder.

Wo war er nur, fragte sich Sato und schloss noch einmal seine Augen. War er wirklich weg? Einfach so? Der ganze Terz der letzten Tage für Nichts?

Er spürte seine Augenlider schwerer werden. Die Müdigkeit holte ihn wieder ein und lullte ihn zurück in den Schlaf.

„Hey“, raunte es neben Sato. Es hörte sich im ersten Moment an wie Yuki. Doch was, wenn es wieder ein Traum war?

„Hey“, raunte es lauter, als von Sato keine Reaktion kam.

Sofort schlug der Manager die Augen auf und sah in die warmen, braunen Augen, die ihn finster anstierten. „Bleibst du heute hier? Musst du nicht arbeiten?“, fragte Yuki dunkel und lehnte sich ein Stück zurück. Er saß auf Satos Bett und trug noch immer dieselben Klamotten, in denen er ihn das letzte Mal gesehen hatte.

Der Manager musterte den Engel und hob beide Augenbrauen an. Es war definitiv kein Traum – Yuki war da.

„Wo warst du?“, war das erste, was über seine Lippen kam.

„Nicht in deiner unmittelbaren Näher, wie gewünscht“, sprach Yuki eisern und verschränkte die Arme. „Du hast ja sehr deutlich gemacht, dass ich dich in Ruhe lassen soll.“

Sato wollte schon protestieren, doch dann fiel ihm ein, dass er ihm genau das gesagt hatte. „Du nimmst mich also sehr wörtlich.“

„Sollte ich nicht?“, giftete der blonde Engel los und verdrehte die Augen. „Du bist schon 10 Minuten später dran als sonst. Willst du heute nicht?“

„Es ist Samstag“, gähnte Sato und verschwieg, dass er auch an Wochenende früh aufstand, um seinen Rhythmus beizubehalten. „Ich arbeite zwar, aber ich fahre nicht ins Büro.“

Die Antwort ließ Yuki stutzen. „Das heißt, du bleibst heute zu Hause?“

„Größtenteils, ja“, murmelte Sato und wollte aufstehen, doch Yuki saß noch an der Bettkante und versperrte den Weg. Sato hätte auf der anderen Seite das Bett verlassen können, doch es ging ums Prinzip, dass Yuki aufstehen sollte.

„Größtenteils? Du gehst also doch weg. Wohin gehst du denn?“, hakte der wiederum nach, was Sato aufseufzen ließ. Irgendetwas in ihm war froh, dass sein Todesengel wieder da war, etwas anderes wollte, dass er so schnell wie möglich wieder ging. Also fasste er sich kurz.

„Einkaufen, Shoppen, sowas.“

„Was ist „Shoppen“?“

Sato strampelte die Decke vom Leib und setzte sich breitbeinig, nur in Unterhose bekleidet vor Yuki, sodass er zwischen seinen Beinen gefangen war. „Etwas, was du tun solltest. Sind das dieselben Sachen von vor zwei Tagen?“

Yuki wurde bei der körperlichen Beengtheit rot, konnte sich nicht daran hindern kurz in Satos Schritt zu schauen und die Umrandungen eines üppigen Gliedes zu erkennen, welches nur von dünnem Stoff bedeckt wurde. Er atmete tief ein und aus und nickte schließlich, in die Ferne sehend. „Ja, es sind dieselben. Ich habe keinen festen Wohnsitz und damit auch keinen Kleiderschrank, sofern es dir nicht entfallen sein sollte.“

Sato war bewusst, dass Yuki nur spitzzüngig wurde, weil er ihn in Bedrängnis brachte. Aber wenn er fast die ganze Nacht wach lag, weil er an den Yuki in seinem Traum denken musste, kann der echte Yuki ruhig auch etwas leiden.

„Dann zeige ich dir heute, was Shoppen bedeutet“, verkündete Sato und schob mit diesen Worten Yuki an der Hüfte vom Bett. Der stolperte, flog fast auf den Hintern und konnte sich nur auf den Beinen halten, in dem er instinktiv nach Satos nackten Schultern griff. Die Intimität der Berührungen war selbst für Sato überraschend intensiv. Und ehe er sich versah, ließ er Yuki einfach los.

Mit einem lauten Rumms landete dieser auf dem Boden und keuchte angestrengt auf. „Danke auch!“, jammerte er und rieb sich das Hinterteil. „Ich glaube, ich verzichte auf das Angebot.“

„Es wird dir gefallen. Warst du schon duschen? Du riechst etwas.“

„Ich glaube, ich höre nicht richtig?“, keifte Yuki zurück und stolperte auf die Beine, glättete seine Hose und richtete die Jacke.

„Geh duschen. Und zieh dir dann etwas von mir an. Diese Kleidung sollte in den Müll. Woher ist die überhaupt? Vom Discounter?“, spottete Sato weiter und beäugelte die schlecht vernähten Kanten des Sweatshirts, indem er am Saum zog. Yuki klatschte seine Hände aggressiv weg.

„Es war nie geplant, so lange hier zu bleiben! Menschenkleidung ist nicht unbedingt mein Fachgebiet!“, verteidigte er sich und rümpfte die Nase. „Nicht jeder schwimmt in Geld.“

„Ich wünschte, ich würde in Geld schwimmen. Dann müsste ich nicht in diesem Höllenloch arbeiten.“

Mit diesen Worten ging Sato zum großen Wandschrank und zog ihn auf.

„Ich dachte, du gehst gerne arbeiten?“, bemerkte der blonde Engel und verschränkte abermals die Arme. „So oft, wie du da bist? Und selbst jetzt, wo du weißt, dass du bald endgültig ins Reich der Toten kommst, kündigst du nicht, sondern arbeitest weiter.“

„Ich bin einfach sehr kollegial und lasse meine Mitarbeiter nicht hängen“, log Sato, müde von der Diskussion über seinen Job. Schlimm genug, dass er nachher noch ein paar Berichte durchgehen musste. Vermutlich lagen schon wieder über 40 unbeantwortete Mails in seinem Postfach.

„Wer’s glaubt“, murmelte Yuki und beobachtete Satos Tun. Dieser ging mehrere Schubladen durch und durchkramte seine Sachen. Schließlich zog er einen schwarzen Sweatshirt Pulli raus und eine schwarze Leggings, die er sonst immer unter seiner Skihose anzog. Beides reichte er Yuki.

„Das dürfte dir passen. Alles andere ist zu groß. Ich würde dir ja auch Unterwäsche geben, aber die dürfte dir ebenfalls nicht passen. Wir kaufen dir nachher welche, zieh einfach jetzt für die paar Stunden keine an“, schlug Sato vor und spürte eine leichte Hitze in seinen Wangen. Hatte er dem Jungen gerade wirklich vorgeschlagen, keine Unterwäsche anzuziehen?

Doch Yuki nahm die beiden Sachen erst schweigend, dann rätselnd an. „Unterwäsche. Wäsche, die man… darunter anzieht? Etwa das, was du gerade trägst?“

Satos Herz fing an tausend Mal schneller zu rasen, wie vorher. Der Junge trug seit fast einer Woche gar keine Unterwäsche? Und wusste nicht einmal was es war? Aus welchem Porno war der Junge entsprungen?

Yuki bemerkte Satos entsetzten Blick und zuckte mit den Schultern. „Da, wo ich herkomme, trägt man sowieso andere Dinge“, bemerkte er trocken und ging mit Leggings und Pulli ins Bad. Er würde lügen, würde er verneinen, dass er sich auf die Dusche freute.

Er schloss die Tür hinter sich und seufzte laut auf. Schnell entledigte er sich seiner Sachen und schmunzelte über die Tatsache, dass er keine Unterwäsche trug. Er war gespannt, was der große Unterschied sein würde. Denn Satos enge Hosen sahen nicht sehr bequem aus. Trotzdem schlief er immer in ihnen.

Die Dusche war erfrischend und das gut duftende Shampoo ein Segen. Yuki fühlte sich wie neu geboren. Diese Tatsache ließ ihn nachdenklich werden, während er sich seine Haare kämmte. Waren das nicht menschliche Eigenschaften? Nun, er hatte sich nie mit menschlichen Dingen beschäftigt, wo er ja auch nie wirklich mit ihnen zu tun hatte. Bis auf das Hinführen in das Reich der Toten interagierte er wenig mit ihnen. Mit anderen Kollegen tauschte er sich kaum aus, jeder machte einfach seinen Job. So blieb am Ende nur er selbst.

Nachdem er sich in Ruhe getrocknet, sogar einen Tiegel am Waschbeckenrand neugierig geöffnet und die darin enthaltene Creme verwendet hatte, zog er Satos Kleidung an. Sie roch wunderbar nach Blumen; nicht so chemisch eklig wie seine neu gekauften Sachen, die mittlerweile wirklich etwas stanken. Der direkte Vergleich von vorher zu nachher machte den Geruch noch prominenter.

Die Leggings saßen immer noch etwas locker, aber hielten auf Yukis schmalen Hüftknochen. Der große Pulli hingegen sah fast wie ein Kleid aus und hing etwas sackartig an ihm herunter. Er musste sogar die Ärmel hochkrempeln, sonst hätte er keine Hände mehr gehabt.

Schnell sammelte er seine alten Sachen zusammen und ging mit noch feuchten Haaren aus dem Bad. Sofort kam ihm der Duft von Kaffee und etwas anderem süßlichen in die Nase.

„Duschst du immer so lange?“, kam etwas genervt von der Küchentheke. Sato wendete einen Pfannkuchen und bereitete direkt den nächsten vor. „Schlimmer als eine Frau.“

Yuki ging nicht weiter auf den giftigen Kommentar ein und sah sich in der Küche um, nachdem er seine alten Sachen einfach neben Sofa hat auf den Boden fallen lassen. „Was ist das?“, fragte er und deutete auf den Inhalt der Pfanne. „Es riecht gut.“

Der Manager hielt die Luft an. Er dachte, er würde Yuki etwas Gutes tun, in dem er Pfannkuchen zum Frühstück machte – welche sonst nur für Frauenbesuche reserviert waren. Doch die Erkenntnis, dass der Engel auch das nicht kannte, überraschte ihn aufs Neue.

„Pfannkuchen“, antwortete Sato schließlich und deutete auf die Kücheninsel, wo er bereits Kaffee und Saft serviert hatte. „Setz dich, du bekommst gleich einen.“

Yuki wusste mit der plötzlichen Nettigkeit nicht ganz umzugehen, schwieg einfach und setzte sich auf einen der Barhocker. Dieser war wenig überraschend ebenso bequem und hochwertig wie alles andere in der Wohnung. Die Kücheninsel war aus schwarzem Marmor und glänzte im Licht der LED Lampen. Die Sonne ging langsam auf und erhellte den Raum in einem gemütlichen Orangerot.

Er bemerkte nicht, dass Sato ihm mittlerweile einen Pfannkuchen hingestellt und sich selber gesetzt hatte. „Iss, bevor er kalt wird.“

Auch wenn es ihm peinlich war, wartete Yuki einige Momente ab, um zu sehen, wie Sato seinen Pfannkuchen aß. Mit den Händen? Mit dem Besteckt? Sicher nicht mit Stäbchen, die sah er nämlich nirgendwo. Der Manager bemerkte den starren Blick seines Gasts und schmunzelte triumphierend.

„Du kannst den Pfannkuchen mit Sirup oder Zucker… oder Marmelade oder sonst irgendwas essen. Ich jedenfalls esse ihn gerne mit Sirup“, erzählte Sato und griff zum Ahornsirup, der mit anderen Dingen auf der Kücheninsel stand.

Yuki sagte nichts, betrachtete einfach das Geschehen. Wie ein kleiner Junge, der lernen wollte, sah er zu, wie die braune Flüssigkeit über den hellen Teig lief. Als Sato ihm die Sirup Flasche reichte, träufelte er einige Tropfen auf seinen Pfannkuchen und probierte sofort mit dem Finger einen Tropfen am Rand der Flasche. Schnell steckte die Fingerkuppe im Mund. „Das ist ja unfassbar süß!“, rief er und ertränkte den Pfannkuchen in Sirup.

Sato lachte leise auf und beobachtete die Pfannkuchensuppe, die Yuki produzierte. „Probiere doch danach noch die anderen Sachen. Werden dir mit Sicherheit auch schmecken.“

Der Engel nickte eifrig und stopfte sich das erste große Pfannkuchenstück in den Mund. Es schmeckte wie ein Bonbon, was er mal vor sehr langer Zeit probiert hatte, als er unglücklicherweise eine Kinderseele ins Jenseits bringen musste.

Während Yuki glücklich seinen Pfannkuchen aß, stocherte Sato wieder einmal nur herum. Er erinnerte sich an das Gespräch mit seiner Ärztin Suzuki und sammelte im Kopf einige Worte.

„Bist du eigentlich Japaner?“, fragte er aus heiterem Himmel und beobachtete dabei seinen Pfannkuchen, wie er den Sirup aufsog.

Yuki sah auf und stoppte für einen Moment das Schaufeln. „Nein. Ich komme aus dem Himmel.“

So wie er es sich also dachte. „Du sprichst sehr gut japanisch. Kannst du noch mehr Sprachen?“

„Ich spreche alle Sprachen dieser Welt“, sagte Yuki und zog dabei die Schultern hoch, als wäre es das normalste der Welt.

„Im Ernst?“, hob Sato beide Augenbrauen an und sah erstaunt zum Engel. Der kleine Junge sah so inkompetent aus und dann das?

„Mhm“, bestätigte Angesprochener, während er auf einem großen Stück Pfannkuchen kaute. Als der Teller leer war, spürte Yuki noch immer ein leichtes Ziehen im Magen, das erst unangenehm wurde, als er angefangen hatte zu essen. Das war wohl das, was man Hunger nannte. „Darf ich noch einen?“, fragte er höflich, wissend, dass Sato gewisse Umgangsformen erwartete, auch wenn er sich selber nie an solche hielt.

„Sicher.“ Der Manager stand auf und holte noch weitere Pfannkuchen aus dem Ofen. Er dachte sich schon, dass der Junge Hunger haben würde und hatte in weiser Voraussicht mehr gemacht.

Als auch der zweite Pfannkuchen fast in nur drei Bissen in Yukis Mund verschwand, hielt Sato es für klüger, ihm weitere Fragen später zu stellen.

„Dann fahren wir jetzt shoppen“, verkündete der Schwarzhaarige, als er frisch geduscht aus dem Bad kam. Er hatte Yuki dazu verdonnert die Spülmaschine einzuräumen, war sich jedoch sicher, dass er das nachher noch einmal selber tun müsste, da der Engel sich mit der Frage „Was ist die Spülmaschine? Das da?“ geoutet hatte.

Der stand angewurzelt an der Küchentheke und sah sich den Toaster genauer an, als er Sato reden hörte. Es dauerte einen Moment, bis Yuki antworten konnte, da er von Satos legerem Auftreten extrem überrascht war. Er hätte schwören können, dass der Manager auch am Wochenende Anzüge trug. Stattdessen ging er mit einer perfekt sitzenden Bluejeans und einem weißen V-Ausschnitt T-Shirt zum Esstisch und packte seine persönlichen Sachen ein. Das einzige, was auf Business schließen ließ, war der Freizeitblazer, den er über das T-Shirt zog. Yuki fragte sich, ob alles, was der Mann anzog, perfekt saß, oder ob es einfach die Kleidung war, die ihn so perfekt wirken ließ.

Es dauerte nicht lange, da saßen beide dick eingepackt im Auto. Sato fuhr wie immer viel zu schnell auf den Highway in die Innenstadt. Er parkte in einem großen Parkhaus, was zu einem noch größeren Einkaufszentrum gehörte. Yuki konnte seinen Augen kaum trauen, als er die geschmückten Hallen sah. Alles glitzerte und funkelte. Überall standen Tannenbäume, die Gold schimmerten, Lichterketten, die blinkten, und noch mehr Weihnachtsdekoration, die eine gemütliche Stimmung verbreitete. Es roch nach gebrannten Mandeln und Glühwein. So viele Eindrücke und so wenig Zeit, wie Sato den Engel spüren ließ. Mit schnellen Schritten durchstreiften sie die Menschenmassen, die sich durch das Einkaufszentrum quetschten.

„Wieso gehen wir schon? Wir sind doch gerade erst angekommen!“, quengelte Yuki und zog dabei an Satos Ärmel.

„Wir kaufen hier nicht ein, hier gibt es nichts Anständiges“, informierte er Yuki knurrend und packte ihn schließlich am Handgelenk, da er das ständige Ziehen am Ärmel nicht ausstehen konnte.

„Können wir denn nicht wenigstens in Ruhe schauen?“, seufzte der Engel und folgte Sato weiter durch die großen Hallen, die so schön geschmückt waren.

„Später vielleicht“, bekam er nur als Antwort, als sie schließlich das Einkaufszentrum wieder verließen. Der Manager war sich sowieso nicht sicher, wieso sie shoppen gingen. Niemand konnte den Engel sehen, die Leute hielten ihn vermutlich sowieso für verrückt, alleine durch die Straßen zu laufen und mit sich selber zu reden. Aber irgendetwas in Sato sagte ihm, dass der kleine Junge endlich was Anständiges zum Anziehen brauchte, sonst würde er am Rad drehen. Denn auch wenn niemand ihn sehen konnte – Sato sah ihn. Und das reichte.

Sie erreichten eine ebenfalls schön geschmückte Straße, die mit vielen Luxusgeschäften bestückt war. Die Leute hier sahen gehobener aus –  arroganter und im Grunde wie Sato, bemerkte Yuki in seinem Kopf und sah jedem einzelnen ins Gesicht.

Der Manager schleifte Yuki in sein Lieblingskaufhaus und seufzte angenehm auf, als er die teuren Stoffe und das ruhige Ambiente vernahm. Sofort kam eine Verkäuferin auf ihn zu und begrüßte ihn.

„Hallo und herzliche Willkommen! Darf ich Ihnen weiterhelfen?“

Doch Sato schüttelte den Kopf und schweifte mit der Hand durch die Luft. „Ich schaue mich etwas um.“

Die Verkäuferin nickte und verschwand wieder in einer Ecke. Yuki beobachtete die anderen Kunden, welche fast schon missbilligend die teuren Sachen anfassten, als wäre es ihnen nicht teuer genug. Nur Sato strahlte auf einmal und durchstreifte das Kaufhaus. Shoppen gehen war also Kleidung einkaufen, so viel hatte Yuki schon verstanden.

„Such dir etwas raus, was dir passt“, murmelte Sato leise, damit ihn sonst niemand hörte. Yuki sah ihn mit großen Augen an.

„Ich? Wieso sollte ich mir etwas aussuchen?“

„Willst du lieber in meinen Sachen rumlaufen?“, schnauzte der Manager so leise es ging.

„Wieso nicht?“, fragte Yuki auf einmal genauso leise, als würde er ebenfalls gehört werden. „Mich sieht doch eh niemand.“

Sato schob seine Augenbrauen zusammen und schüttelte den Kopf. Auch wenn der Gedanke sehr erotisch war, Yuki ohne Unterwäsche in seinem Oversized Pulli zu sehen, wollte er dem Jungen anständige Kleidung holen.

Der Manager blieb abrupt stehen und fasst sich an die Schläfe. Erotisch? Yuki? In seinen Sachen? Was war nur los mit ihm?

„Wir können Unterwäsche holen“, schlug der Silberhaarige vor und deutete auf die Unterwäscheabteilung, die jedoch offensichtlich für Frauen war.

„Ja, aber nicht hier“, brummte Sato und deutete auf die Rolltreppen.

„Wieso? Das hier sieht wirklich schön aus.“ Mit schnellen Schritten ging Yuki auf einen Stand zu, schnappte sich einen schwarzen Spitzentanga und hielt ihn in etwas höher. „Das sieht viel schöner aus, als das, was du trägst.“

Nur sehr langsam kam der Manager auf den kleinen Engel zu und starrte auf die Unterhose. Er schrie sich selber an, Yuki zu sagen, dass diese Art von Unterwäsche für Frauen sei, doch alles, was aus ihm rauskam war:

„Dann nimm es mit. Aber in deiner Größe.“

Yuki nickte und hielt sich die Unterhose an die Hüfte, zog dann doch eine andere Größe raus und wurde unsicher. „Die Größen sehen alle gleich aus. Kann ich das nicht anprobieren?“

„Ja, doch“, seufzte Sato und dreht sich um, suchte die Umkleidekabinen. Es dauerte einige Sekunden, bis er welche nahe der Kassen entdeckte. Als er sich wieder zu Yuki umdrehte, stand der bereits hinter dem Unterhosenständer und stieg in das Höschen.

„Was zum –?! Was tust du da?“, rief Sato aufgebracht und versuchte nicht hinter die aufgetürmten Unterhosen zu blicken, bei denen Yuki offensichtlich untenrum nackt stand.

„Die Unterhose anprobieren. Du hast gesagt, das geht“, antwortete Yuki und zog den Gummibund der Spitze ein Stück höher. „Sie sitzt eigentlich gut. Was meinst du?“

In dem Moment trat Yuki hervor, hob seinen riesigen Pulli an und offenbarte Sato seine neue Unterhose, die perfekt saß, allerdings gerade so seinen Penis bedeckte.

„Ja…“, murmelte der Manager und starrte auf die schlanken, nicht behaarten Beine. Mit den langen Haaren, dem zu großen Pulli und der Frauenunterwäsche… hätte Yuki auch als Frau durchgehen können.

Der Engel betrachtete sich selber und nickte zufrieden. „Die ist schön. Die nehme ich.“

„Dann nimm gleich noch die anderen Farben mit… eine Unterhose reicht nicht“, raunte Sato, drehte sich schnell wieder rum, bevor die Röte in seinen Wangen zu dramatisch wurde und ihn verriet.

Yuki hingegen nickte zustimmend, stellte sich wieder hinter den Unterwäscheständer und zog die Unterhose aus. Das System mit dem Bezahlen hatte er schon verstanden, als er sich seine andere Kleidung geholt hatte. Anlassen ging nicht. Das Teil musste noch durch die Kasse.

Doch wieso man genau eine Unterhose trug, war Yuki noch nicht ganz klar. Er war doch schon durch die Leggings bedeckt. Wieso musste er sich denn darunter noch einmal bedecken?

Als Sato die Unterhosen an sich nahm und versuchte ruhig zu bleiben, während er die schwarze Spitzenhose in der Hand hielt, die vor wenigen Sekunden noch an Yuki saß, blieb dieser an einem anderen Stand stehen. Dort hingen noch ausgefallenere Dinge. „Korsagen“, las Yuki vor und starrte auf die interessanten Sachen. Darunter lagen Strümpfe, die bis zum Oberschenkel gingen.

Sato bezahlte die Unterhosen und nahm an der Kasse noch einen Packen Socken für Yuki mit. Der Junge macht mehr Ärger, als ihm lieb war. Besonders, als er ihn vor der Reizwäsche stehen sah. In dem Moment war er so dankbar, dass ihn keine der vorbeigehenden Frauen sehen konnte.

„Yuki“, flüsterte der Manager leise, als er sich hinter den Engel stellte. „Gehen wir endlich in die normale Abteilung.“

„Was ist das hier? Das sieht schön aus“, murmelte er und deutete auf eine Frau auf einem Plakat, die unendlich lange Beine zu haben schien und schwarze Reizwäsche mit Strapsen trug.

Sato räusperte sich und schloss entnervt die Augen. „Das ist Reizwäsche für Frauen. Also nichts für dich.“

„Wo steht denn, dass das nur für Frauen ist?“

„Das ist einfach so!“, raunte Sato laute auf und zog Yuki schließlich weg.

„Und warum trägt man so etwas?“, fragte Yuki neugierig, als sie gemeinsam auf der Rolltreppe standen.

„Um seinem Partner zu gefallen. Das hat was … Sexuelles.“ Sato drehte sich sofort um, in der Hoffnung, dass er Yuki nicht noch erklären müsste, was Sex ist. Doch der wurde auf einmal still und sah nachdenklich auf die kleine Tüte, die Sato in der Hand hielt.

„Oh“, war alles, was dann noch kam.

Ah, er hat’s wohl verstanden, summte Sato in seinem Kopf und zuckte leicht mit den Mundwinkeln. Ob er jetzt andere Unterhosen haben wollen würde?

Als sie endlich in der Männerabteilung ankamen, suchte Yuki einige Sachen zusammen, die Sato ebenfalls gefielen. Klassische T-Shirts und ein paar Jeans. Ein paar Pullis und sogar zwei Paar anständige Schuhe. „So viele Sachen!“, staunte Yuki, als er die großen Tüten in Satos Händen sah. „So viel brauche ich doch gar nicht.“

„Du würdest dich wundern, wie viele Klamotten man braucht“, schmunzelte der Manager, wissend, wie viele Anzüge er allein besaß und sie auch alle anzog.

Erst, als sie das Kaufhaus wieder verließen und Yuki einige Meter vor Sato lief, um die verschiedenen schön geschmückten Geschäfte zu bewundern, wurde dem Schwarzhaarigen bewusst, dass er gerade eine Shoppingtour mit einem Todesengel hatte und ein Heidengeld für jemanden ausgegeben hatte, den sowieso niemand sah. Für jemanden, den er manchmal noch immer für eine Halluzination hielt.

Doch es gefiel ihm. Yukis glückliches Gesicht zu sehen, wann immer er ein neues Teil bekam. Yukis Lachen zu hören, wenn Sato wieder einmal einen seiner trockenen Witze machte. Yukis Schimpfen, wenn Sato gehässig wurde.

„Das sieht schön aus“, murmelte Yuki und deutete auf einen kleinen Weihnachtsmarkt. „Ich habe etwas Hunger. Können wir dort etwas essen?“

„Wieso nicht“, brummte Sato, reichte Yuki dabei einige der Tüten, um besser zu einem Stand zu kommen, der Okonomiyaki anbot. Er bemerkte zu spät, dass sich auf einmal einige Leute umdrehten und zu Yuki sahen. Vermutlich sahen sie Tüten schweben?

Er eilte schnell zurück zum Engel und stellte die Taschen auf den Boden. „Können die anderen die Tüten sehen?“, fraget er hektisch. Yuki zog die Schultern hoch.

„Ich weiß nicht. Deine Kleidung scheinen sie ja auch nicht zu sehen. Vielleicht sehen sie auch keine Tüten?“

„Du weißt es selber nicht?“, hakte Sato nach und schüttelte den Kopf.

„Erneut: Ich war noch nie so lange hier! Ich weiß es nicht!“, raunte Yuki und schnaubte aus.

Es gab also noch viele Dinge, die geklärt werden mussten, dachte Sato und ließ Yuki mit den Taschen auf dem Boden alleine.

Gemeinsam aßen sie einige Kleinigkeiten, bis er den kleinen Engel schließlich zurück zum Auto schleifte. Es war bereits früher Abend geworden. Sie hatten mehr Zeit in der Stadt verbracht, als Sato ursprünglich geplant hatte.

„Können wir nächste Woche noch einmal auf den Weihnachtsmarkt? Der sah wirklich nett aus“, seufzte Yuki, während sie an einigen Buden vorbeifuhren.

„Wir können Montag nach der Arbeit hin.“ Eigentlich hasste Sato Weihnachtsmärkte. Sie waren voll und überall stank es nach Glühwein und anderen Menschen. Doch als er neben sich schielte und Yuki breit lächeln sah, wurde sein Herz ein Stück wärmer. So langsam glaubte er an das Himmlische in dem Jungen. Nichts anderes hätte Sato sonst so schnell in seinen Bann ziehen können.

Als sie zu Hause angekommen waren, schielte Sato direkt auf sein Handy. Mehrere Mails blinkten rot auf seinem Bildschirm.

„Yuki“, sprach er den Engel an, der glücklich auf dem Sofa saß und in den Einkaufstaschen wühlte, „Ich muss jetzt noch etwas arbeiten. Schau etwas fern oder lies etwas.“

„Naoyuki. Wieso merkst du es dir nicht mal?“, schnauzte Yuki los und verdrehte die Augen.

„Was auch immer“, raunte der Manager und setzte sich an seinen großen Glasschreibtisch. Die Stimmung zwischen den beiden ging mehrmals am Tag von 0 auf 180 und wieder zurück. Doch Sato mochte das aneinander reiben. Das Sticheln. Denn wenn Yuki da war, langweilte er sich nicht. Und er langweilte sich sonst sehr oft in Gegenwart von anderen Menschen.

Irgendwann hörte er den Fernseher im Hintergrund laufen. Yuki saß mit der Decke zusammengerollt auf dem Sofa und schaute eine Sitcom. Sato arbeitete weiter an seinen Berichten und beantwortete Mails. Es vergingen einige Stunden, in denen die Sonne unterging und Yuki in der Wohnung rumschlich. Schließlich öffnete er den Kühlschrank und begann etwas rauszuholen. Sato ließ ihn tun, war viel zu vertieft in seiner Arbeit.

Seine Augen wurden irgendwann trocken. Er rieb sie und stierte letztendlich auf die Uhr auf dem Computerbildschirm. Kurz vor 12. Es war Zeit ins Bett zu gehen. Sonst würde der Wecker in der Früh ihn wieder übermannen.

„Yuki“, seufzte Sato leise, ohne zum Engel zu schauen. Der Fernseher lief noch leise im Hintergrund, der große Haufen unter der Decke ihm zugewandt.

„Yuki“, wiederholte der Manager, schaltete den PC aus und erhob sich mit knackenden Knochen vom Schreibtisch. Doch als auch dann keine Antwort kam, ging er genervt auf seinen Gast zu.

„Okay, Naoyuki, ich hab’s verstanden!“, raunte Sato und stellte sich schließlich ans Sofa. Erst dann sah er den Silberhaarigen tief und fest schlafen. Die viele frische Luft, die Aufregung vom Shoppen und das viele Essen hatte ihn wohl umgehauen.

Der Manager schaltete den Fernseher aus und löschte das Licht im Wohnbereich. Nachdem er im Bad stand und sich die Zähne putzte, entschied er sich eine neue Packung aufzureißen und den Jungen morgen zu zwingen, sich die Zähne zu putzen. Seine Hygiene schien tatsächlich noch verbesserungswürdig zu sein.

Als Sato in seinem Bett lag und die Rollläden herunterfahren ließ, konnte er nicht anders als grinsen. Was war das für ein Tag? Ist er den ganzen Tag alleine rumgelaufen und hat Kleidung für einen Jungen gekauft, den es gar nicht gab?

Seine Sekretärin hatte ihm noch gar keinen Termin für das MRT genannt. Vielleicht würde er das am Montag erfahren.

 

Doch als er seinen Blick in das ruhende Gesicht von Yuki gleiten ließ, war er sich nicht mehr so sicher, ob das überhaupt noch nötig war.

Tag 7

 

Sato hörte den Wecker, schaltete ihn murrend aus und seufzte leise. Er wollte nicht aufstehen. Das Bett war schön warm, gemütlich und irgendwie weicher als sonst. Die komplette Wohnung war dunkel und nichts deutete darauf hin, dass Satos Aufstehen von Wichtigkeit gewesen wäre. Er hätte auch einfach mal liegen bleiben können.

Als Sato sich drehen wollte, spürte er einen kleinen Widerstand. Er versuchte es erneut, doch er kam nicht wirklich auf die Seite. Da brummte es leise neben ihm.

Sato schlug erschrocken die Augen auf.

Yuki lag eingerollt unter Satos großer Bettdecke und schlief weiterhin tief und fest. Noch immer trug er den Pulli und die Leggings. Besonders der Pulli ließ ihn noch kleiner wirken, als sonst.

„Was zum –“, begann Sato, brach jedoch seinen Satz ab und beobachtete den sich ruhig bewegenden Brustkorb.

Erst jetzt, wo die Decke seinen nackten Oberkörper verließ, spürte er die Kälte in seinem Zimmer. Sofort entdeckte Sato das gekippte Fenster an der Küchentheke. Und dass es etwas reingeschneit hatte.

Yuki war es auf dem Sofa wohl zu kalt geworden. Sato konnte es ihm nicht verübeln. Sein Bett war sowieso 10 Mal bequemer, auch wenn das Sofa damals sehr teuer gewesen war.

Der Manager befand sich nun im Zwiespalt: Sollte er aufstehen –  Yuki schlafen lassen, Aufstehen –  Yuki wecken oder liegen bleiben? Hatte er Frauenbesuch, war er sich immer sicher: Er stand auf und weckte die Frau, damit sie schnell wieder ging. Doch Yuki würde nirgendwohin gehen, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit.

Der kleine Engel schnaubte kurz im Schlaf auf, drehte sich auf den Bauch und seufzte leise. Seine Stupsnase wurde in das weiche Kissen gedrückt, seine silbernen Haare verstreut auf dem Laken. Er ist hübsch, dachte Sato in Erinnerung an das Gespräch mit seiner Ärztin. Jeder würde das sagen, das hatte schon fast nichts mehr mit seiner persönlichen Meinung zu tun. Trotzdem fühlte es sich falsch an, so von seinem Todesengel zu sprechen. Immerhin wollte er Satos Seele ins Reich der Toten bringen. Der Manager war für den Engel ein Auftrag. Einer, wie jeder andere. Wieso auch immer seine Seele nicht sofort gehen wollte – sie war der Grund, wieso Yuki überhaupt hier war. Wäre Sato einfach gestorben, hätten sie sich nie kennen gelernt. Und jetzt?

Lag er mit dem Engel im Bett. Seiner Halluzination. Seiner sehr realen Halluzination.

Sato ließ sich langsam wieder zurück unter die Decke gleiten. Er spürte die Hitze, die vom zweiten Körper ausging und schmiegte sich an ihn heran. Der Pulli war weich und Sato war neugierig, wie weich Yukis Haut wäre. Woher auch immer diese Gedanken kamen, der Manager wusste es besser, als eine Hand unter den Pulli des Engels gleiten zu lassen und es heraufzufinden. Er ließ Yuki schlafen, schmiegte sich einfach nur näher an ihn heran und schloss ebenfalls die Augen. Die Müdigkeit holte den Manager im Nu wieder ein.

 

„Yamamoto…“, murmelte Yuki leise, als er neben Sato aufwachte. Ihm war warm – so unfassbar warm! Und der große Mann neben ihm hatte ihn völlig eingenommen. Yuki lag auf dem Rücken, Satos Arm über ihm. Sogar seine halbe Schulter! Der schwere Kopf auf seiner Schläfe drückte ihn weiter in die Kissen. Über allem die Decke – Yuki dachte, er bekäme keine Luft mehr.

„Yamamoto, geh runter von mir, mir ist warm!“, jammerte der Engel und versuchte sich aus dem Klammergriff des Schlafenden zu befreien. Der brummte nur leise auf, bewegte sich ein kleines Stück und streckte sich langsam.

„Yuki…“, säuselte er im Halbschlaf und drehte sich schließlich auf den Rücken. Seine sonst so streng zurückgekämmten Haare hingen ihm im Gesicht und ließen ihn jünger aussehen. Der Engel richtete sich sofort auf und entledigte sich vom heißen Pulli. Er seufzte erleichtert auf, als die kühle Luft, die vom Küchenfenster hereinwehte, seine nackte Brust traf. Heiß, kalt – so etwas war so neu für ihn! Nie zuvor spürte er das Verlangen sich zu wärmen oder sich abzukühlen.

Als sein Blick zu Sato schweifte und er ihn ruhig schlafen sah, musste er grinsen. Denn auch nie zuvor verspürte Yuki das Verlangen, sich neben jemanden zu legen. Körperkontakt zu spüren. Alles fühlte sich so neu an, als hätte er es nie erlebt. Natürlich wusste er, wie Körperkontakt war – er berührte die Menschen hier und da an ihren toten Körpern. Doch sobald sie in ihrer astralen Form waren, ging alles sehr schnell und der Körper war weg. Jetzt, wo er auf der Erde gefangen war, konnte er das erste Mal all das in Ruhe erleben.

Vorsichtig fuhr Yuki mit seiner warmen Hand über die ebenso warme Brust von Sato. Sie war hier und da etwas behaart, aber nicht viel. Dafür war sie stramm, fast schon hart, ganz im Gegensatz zu seiner eigenen, die einfach nur schmal und weich war; fast schon knochig. Yukis Hand fuhr weiter, über die definierten Schultern, den Bizeps und zurück. An seinem Kinn war Sato stoppelig. Sein Bart kam langsam durch und ließ Yuki neugierig werden. Er fasste sich an seine eigene Wange und rieb, als könne er ebenfalls Haare herbeizaubern. Doch so behaart wie Sato war Yuki nicht. Der Manager hatte eigentlich überall Haare! An den Beinen, am Bauch, an den Armen, unter den Armen, im Gesicht… Überall! Und Yuki? Er hatte nur seine Kopfhaare, Augenbrauen und Wimpern. Auf einmal fühlte er sich seltsam. Wie ein Alien. Er wusste, dass viele Menschen viele Haare hatten. Wieso hatte er keine?

Erforschend fuhr er über Satos Wangen, strich über die langen, dichten Wimpern und fuhr schließlich über einzelne Strähnen seiner Rabenschwarzen Haare. Es war schön, endlich das anfassen zu können, was Yuki sonst immer nur sah. Menschen waren so bezaubernd in ihrem Wesen. Die Wärme, die Satos Körper ausstrahlte, wurde angenehmer als zuvor. Jetzt, wo Yuki oberkörperfrei ohne Decke auf dem Bett saß, wurde ihm doch wieder frisch. Er sah aus dem großen Fenster neben dem Bett. Es hatte geschneit! Alles war weiß!

Yukis Augen weiteten sich in Begeisterung, während er den kleinen Garten betrachtete, der unter der weißen Decke verschwunden war. Er wollte unbedingt mal in den Schnee, doch im Moment war ihm mehr nach wohliger wärme. Langsam ließ er sich wieder unter die große Decke gleiten und bekam Gänsehaut, als er Satos Arm an seinem Brustkorb spürte. Das war ein schönes Gefühl, dachte Yuki und lehnte sich weiter auf Sato. Hautkontakt war ein tolles Gefühl. Warm und … kuschelig. Ganz anders als mit dem Pulli!

Der kleine Engel kuschelte sich weiter an Sato, bis er einen Arm um seine Schultern spürte. Im ersten Moment erschrak er, schloss dann doch die Augen und lehnte sich weiter auf Satos Brust. Das Heben und Senken des Brustkorbs und der ruhige Herzschlag in Yukis Ohr ließen ihn wieder einschlummern.

„Seit wann so kuschlig?“, kam auf einmal Satos Stimme. Er war bemüht sanft und leise zu sprechen, damit Yuki nicht aufschrak.

Doch genau das geschah, nachdem er heftig zusammenzuckt ist. „D-Du bist ja wach!“, rief Yuki laut auf und fühlte seine Wangen kochen, während er sich hinsetzte; bemüht, seinen Oberkörper irgendwie unter der Decke zu halten.

Da musste Sato schmunzeln. „Schon seit ein paar Minuten.“

Yuki zog scharf die Luft ein und sah beschämt in seinen Schoß. „Du hättest ruhig etwas sagen können…“

„Ich dachte, ich lasse dich mal forschen. Du schienst sehr neugierig zu sein, was meinen Körper angeht. Gefällt er dir?“ Satos forsche Frage ließ Yuki noch weiter unter der Decke verschwinden.

„Wie kannst du mich so etwas fragen? So direkt…“, murmelte er und sah aus dem großen Fenster. Es hatte wieder etwas angefangen zu schneien.

„Es ist offensichtlich, da hast du Recht“, lachte Sato amüsiert, wenn auch neckend auf. Mit einer streckenden Handbewegung, zog er den kleinen Engel wieder auf seine Brust. Es war schön. Warm und irgendwie beruhigend. Sato würde es nie zugeben, aber er mochte kuscheln. Besonders nach dem Sex.

Yuki ließ sich ohne weiteres wieder zum Manager ziehen und schmiegte sich an ihn – wenn auch etwas verkrampft. „Es ist nur so neu für mich…“, erzählte Yuki und kaute dabei auf einem Fingernagel. „Der Kontakt zu Menschen. Ich war noch nie jemandem so nah…“

„Noch nie?“

„Nein. Niemand kann mich sehen. Niemand kann mich anfassen – wer bleibt denn da noch übrig?“

„Na, deine Kollegen, oder… wie die heißen“, riet Sato und schob die Augenbrauen zusammen.

„Nicht unbedingt. Wieso sollten wir uns berühren? Da wäre kein Grund zu.“

Sato dachte da an tausend Gründe, jemanden zu berühren, aber er verstand, dass es unter Kollegen vielleicht auch nicht üblich war, jemanden anzufassen. Bis auf Hanakuro wollte er auch niemanden näher als nötig kommen.

Natürlich packte Sato die Neugierde, wo der unerfahrene Engel so unschuldig auf seiner nackten Brust lag. Vorsichtig strich er mit den Fingerkuppen über Yukis weiche, blasse Haut und malte einige Zeichen. Er konnte die Gänsehaut vom Engel sehen, die sich von Zeichen zu Zeichen verstärkte.

„W-Was machst du da?“, hauchte der Silberhaarige und spürte seine Wangen pochen. Sein Herz raste und er verstand nicht wieso. Diese ganze Erfahrung der Berührungen machte ihn … so anders!

„Dich streicheln. Fühlt es sich nicht gut an?“, grinste der Manager vor sich hin und weitete das Gebiet der Streicheleinheiten weiter aus. Bis zur Leggings und wieder zurück. Yuki blieb starr auf Satos Brust liegen und begann schneller zu atmen.

„Doch… schon… aber“, murmelte er, „mir wird so heiß…, wenn du das machst.“

Dieser Satz ging sofort in Satos untere Gebiete. Für einen kurzen Moment hörte er auf, Yukis Rücken zu kraulen, setzte jedoch nach wenigen Sekunden die Berührung wieder fort. „Soll ich noch ein Fenster aufmachen?“, fragte er scheinheilig und tat so, als wüsste er nicht, was der Engel meinte.

„Mhhmm…“, brummte es von seiner Brust aus. Yuki wusste, dass es nicht an der Raumtemperatur lag. Und Sato wusste das genauso! Dass er auch immer sticheln musste, war doch klar!

Während Sato für sich entschloss, nicht weiter zu provozieren, streichelte er weiter über Yukis Rücken, der wie ein toter Fisch auf Satos Brust lag. Er fuhr über die Schulterblätter und fragte sich zum ersten Mal, seitdem er den Engel bei sich hatte, was ihn eigentlich als Engel ausmachte.

„Hast du eigentlich Flügel?“, fragte er schließlich in die Stille. Sollte der Junge nur eine Halluzination sein, hatte er natürlich welche. Denn für Sato gehörte ein Heiligenschein und Flügel zum Standardequipment von Engeln.

Zu seiner Überraschung nickte Yuki tatsächlich. „Ja.“

Als nichts weiter geschah und Yuki auch keine Anstalten machte, sie zu zeigen, setzte Sato die Streicheleinheit einfach fort. Die Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Gut, dass Yuki sein Gesicht nicht sehen konnte.

Doch als hätte der Engel die Enttäuschung gerochen, zuckte er auf einmal zusammen und sah zu Sato hoch. Die grauen Augen starrten in die Leere, bis sie Yuki Aufmerksamkeit schenkten. Mit hochrotem Kopf lehnte er sich aus der Umarmung und beugte sich weiter zu Sato vor.

Dieser wusste nicht ganz wie ihm geschah, als sich der Silberhaarige vorbeugte und seinem Gesicht immer näherkam. Würde er jetzt noch rittlings auf seine Hüfte klettern, dachte Sato, wäre es mit ihm geschehen. Das ganze Kuscheln wurde viel zu intim!

Yuki musterte Satos überraschtes Gesicht und strich vorsichtig mit den Fingerkuppen über seine rauen Wangen. Dieser Mann war anders als die anderen. Er war nicht einfach irgendwer. Also, dachte Yuki, würde es schon okay sein, nicht wahr? Ihm ein Stück Göttlichkeit zu zeigen?

Der Engel nahm all seinen Mut zusammen, spürte den Herzschlag in den Wangen und fragte leise: „Willst du sie sehen?“

Die grauen Augen weiteten sich ein Stück und Sato spürte, wie er den Atem anhielt. Er hatte keine Ahnung, wieso die Flügel für Yuki so eine große Sache waren. Aber er respektierte die Scheu und versuchte ehrfürchtig zu Antworten. „Wenn ich darf?“

Volle Lippen schoben sich beiseite und zeigten weiße Zähne. Yuki lächelte Sato schüchtern an und nickte langsam. Schließlich atmete er tief ein, hob den Brustkorb ein Stück weit an und schloss die Augen.

Satos Hände ruhten erst auf Yukis Hüften, als er sie ruckartig vor weiteren Goldpartikeln wegzog. Langsam formten sich aus goldenem Glitzer große, weiße Flügel, die elegant aus Yukis Rücken entsprangen. Sie leuchteten in einem warmen Licht, das Sato nicht zu deuten vermag. Als sie vollständig durch die Goldpartikel erschienen waren, bewegte Yuki sie ein bisschen, um die restlichen Goldstücke von den Flügeln zu schütteln. Wie kleine Diamanten glitzerten sie an den Federn.

Der Anblick war atemberaubend. Sato wusste nicht, was er sagen sollte. Yuki sah unfassbar schön aus. Magisch, gar nicht mehr wie der kleine Junge von Anfang mit dem Notizbuch, sondern erhaben, elegant und anmutig. Ein wahrer Engel, dachte der Manager und konnte sich nicht daran hindern, eine Hand auszustrecken und die weichen Federn zu berühren.

Yuki ließ es geschehen, beobachtete jedoch jede von Satos Handbewegungen genau. Als eine große, warme Hand über seine Flügel strich, durchfuhr ihn eine Wärme, die mit dem Streicheln von vorher zu vergleichen war. Es war wahnsinnig intim und sinnlich, dass er einen Menschen seine Flügel berühren ließ. Satos Berührungen waren wie kleine elektrische Signale, die durch Yukis Körper wanderten.

„Nicht“, flüsterte er auf einmal und entzog Sato den Flügel, den er am Streicheln war, „Das kitzelt etwas.“

„Entschuldige…“, hauchte Sato zurück und ließ seine Hand in die Laken fallen. „Ich habe nur noch nie einen Engel in meinem Bett gehabt.“

Das Statement ließ Yuki kichern. „Als ob du überhaupt schon mal einen Engel gesehen hast!“

„Nur auf Malereien und in Filmen… Aber die waren alle nicht so schön wie du“, murmelte er wahrheitsgemäß, während er noch wie erstarrt auf die großen weißen Flügel starrte. Es war, als würde er ein Stück vom Himmel sehen.

„Sag so etwas nicht“, kam von Yuki, der die Flügel genierend an sich zog, „ich bin nicht einer deiner Frauen.“

„Du tust gerade so, als würde ich einen Harem besitzen“, lachte Sato und erhob sich ebenfalls aus den warmen Kissen. Vorsichtig legte er seine großen Hände zurück auf Yukis Hüften. „Außerdem sage ich nur die Wahrheit. Meine Ärztin hat mich auch schon damit aufgezogen.“

Das ließ den Engel hellhörig werden. „Deine Ärztin? Du hast ihr von mir erzählt?“

„Ja“, nickte der Manager und strich über die glatte Haut. „Ich hatte mir bei ihr einen Termin geben lassen, weil ich Angst hatte, mit meinem Kopf sei etwas nicht in Ordnung. Ich hielt dich am Anfang für eine Halluzination oder dergleichen.“

Was auch immer sich Sato von der Wahrheit versprach, früher oder später würde Yuki es sowieso herausfinden, dass er heimliche Besuche bei einer Ärztin hatte. Lügen würde ihn also nicht sehr weit bringen.

„Du hältst mich für eine Halluzination?“, rief Yuki auf einmal empört auf und vergaß für einen Moment seine Scham, nackt und ausgeliefert vor Sato zu sitzen.

„Nicht mehr.“

Sato versuchte so lieb wie möglich zu lächeln, damit er Yuki davon überzeugen konnte, dass er sich mit der Existenz von Engel abgefunden hatte. Das würde zwar auch bedeuten, dass alles andere stimmte – der Schlaganfall, sein Tod, sein baldiges Ableben und das Jenseits – doch im Moment sah er nur die wunderschöne Präsenz seines Todesengels. Die Flügel ließen Yuki in einem völlig anderen Licht erscheinen. Ein Licht, welches Sato nicht mehr missen wollte. Vorsichtig strich er über die weiche Wange, die schlagartig errötete, als seine grauen Augen die warmen Braunen trafen.

„Dann… dann ist ja gut! Ich bin nämlich keine Halluzination! Ich bin mehr als real!“, keifte der Engel weiter. „Das solltest du deiner Ärztin auch sagen!“

„Das werde ich am Montag tun“, bestätigte Sato und beugte sich langsam zum Silberhaarigen vor. Der starrte mit starkem Herzklopfen auf das Laken und sah Sato nur im Augenwinkel näherkommen.

 

Der Schwarzhaarige schmiegte seine Wange an Yukis und rieb etwas daran. Dieser Junge war mehr als real. Alles an ihm erweckte Satos Interesse – in jeglicher Hinsicht.

Die zwei Angestellten der anderen Firma, Walross und Ratte, hatten noch Witze darüber gerissen, dass Sato vielleicht schwul sei. Nun, dachte sich der Manager, das wurde gerade bestätigt. Zumindest bisexuell. Und eigentlich nur mit diesem einen Mann, der sein persönlicher Todesengel war.

„Yuki“, flüsterte Sato und konnte sich nicht zusammenreißen, als er ein kleines Wimmern im Ohr hörte.

Der Engel saß in Satos festem Griff und ließ sich ungeniert von ihm anfassen. Es fühlt sich gut an, dachte der Engel und spürte abermals Gänsehaut auf seiner Haut.

Starke Arme zogen den Silberhaarigen näher an sich heran, bis ein feuchter Kuss auf Yukis Schulter folgte. Der schauderte auf, zog die Flügel noch ein Stück an sich heran und atmete unregelmäßig aus.

„Yamamoto… was tust du?“, flüstere er leise, blieb jedoch still, als ein zweiter Kuss in den Nacken folgte.

„Dich berühren“, murmelte er zwischen den Küssen, „du kennst das doch alles nicht, oder doch?“

„… schon, aber…“, murmelte Yuki ein letztes Mal, bis er völlig benebelt erneut in die grauen Augen blickte. Diese glitzerten im hellen Licht des Schnees besonders stark und zeigten pure Leidenschaft.

Sato wollte ihn berühren – überall! Wenn der Engel so etwas noch nicht kannte, sollte er es schnellstens nachholen. Und so, wie er stillhielt, war es vielleicht auch das, was er wollte. Sicher – er war ein Todesengel, göttlicher Natur und sollte nicht mit solch einer Sünde in Berührung kommen. Aber würde dann nicht etwas passieren? Würde Sato nicht irgendwie abgehalten werden? Sollte Yuki ihn dann nicht zurückweisen, wenn sicher war, dass Todesengel das nicht durften?

Einig mit sich selbst, dass er zu viele zweifelnde Gedanken zuließ, zog er Yuki ein Stück zu sich hoch, presste ihn an seine Brust und drückte ihm seine feuchten Lippen auf.

Yuki konnte nicht anders, als die Augen aufzureißen und die Luft anzuhalten. Sato küsste ihn! Auf den Mund!

Wie erstarrt blieb der Engel mit angewinkelten Armen in Satos inniger Umarmung und ließ sich küssen. Die rauen Lippen wurden weicher, je öfter sie auf seine eigenen trafen. Mit leichten auf und ab Bewegungen rieben ihre Lippen aneinander. Aus einer vorsichtigen Versuchung wurde nach wenigen Sekunden raue Leidenschaft, als Sato den Kuss intensivierte und an Yukis Unterlippe knabberte. Der Silberhaarige wusste nicht, wie ihm geschah, also tat er einfach das, was sich gut anfühlte. Immerhin war das sein erster Kuss, woher sollte er schon wissen, wie Menschen das machten?

Aber eins wusste er: Es fühlte sich wundervoll an. Und ehe er sich versah, spürte er Satos Zunge an seiner, wie sie mit ihr tanzte und sie in seinen Mund lockte. Der Austausch von Speichel erschien Yuki im ersten Moment als ziemlich eklig, wo er sich schon geweigert hatte, Satos Zahnbürste zu verwenden. Doch jetzt konnte er an nichts anderes mehr denken, als weiterzumachen.

Der Manager spürte, wie seine Unterhose immer enger wurde. Nicht gut, dachte er; wollte er den Engel nicht gleich mit seinem Ständer verschrecken. Aber der Kuss wurde immer hungriger, ganz gleich, dass Yuki mit dem Rest seines Körpers wieder einmal zur Salzsäule erstarrt war. Also ließ sich Sato nicht weiter beirren: Er schnappte sich Yuki an den Schultern, drehte ihn auf den Rücken und presste ihn ins Laken. Mit sanften, aber bestimmenden Bewegungen drückte er seine schlanken Beine auseinander und legte sich mit seinem Gewicht auf ihn. Dabei berührte er mit seinem Schwanz den von Yuki, was ihn schmunzeln ließ. Die Leggings ließ nichts der Imagination übrig, sodass Sato ganz genau sehen konnte, dass auch Yuki steif geworden war.

So, so, dachte der Manager dunkel, der unschuldige Engel wird vom Küssen mit einem Mann steif. Wie sündhaft.

So sündhaft, dass Sato mehr wollte. Yuki hingegen wurde langsam nervös, als er Satos großes Glied an seinem spürte, welches ebenfalls angeschwollen war. Das ist Sex, dachte er. Das ist Sex! Völlig überfordert mit der Situation, blieb er einfach auf dem Rücken liegen, behielt die Beine gespreizt und ließ sich von Sato berühren. Überall brannte es, wo Satos Hände an ihm entlang glitten. Yuki wurde so wahnsinnig heiß, dass er dachte, er verbrenne. Doch auf der anderen Seite spürte er eine große Lust, weiterzumachen. Sich überall zu berühren, besonders da unten. Denn da wurde er so sensibel, dass jedes Streifen seiner Leggings an Satos Unterhose zum elektrischen Schlag wurde.

Sato bemerkte, wie Yuki anfing, sich unter ihm zu bewegen und rhythmisch gegen seine Hüfte zu drücken. Hier und da entwich dem Engel ein erregtes Seufzen, wenn Satos Schwanz über die Konturen von Yukis Glied fuhr.

Der Manager war sonst kein Blümchensexfreund. Normalerweise liebte er es rau und hart. Und es kostete ihn einiges an Überwindung, Yuki nicht auf der Stelle fest in die Laken zu vögeln. Stattdessen atmete er tief ein und aus und versuchte sich zu beruhigen.

Trotz der ganzen Bemühungen, fuhr Sato mit forschen Händen über Yukis Leggings und zog sie mit flinken Fingern über den Hüftknochen.

Das ließ Yuki aus seiner Starre aufwachen. „Ah! Nein – warte“, hauchte er heiser und griff instinktiv nach Satos Handgelenken. Doch der war wie in Ekstase, leckte sich die Lippen und rutschte einige Zentimeter weiter runter. „Yamamoto, nicht, ich weiß nicht ob“, versuchte es Yuki erneut, doch viel zu leise, viel zu stotternd, als dass Sato ihn hören konnte. Oder wollte.

Noch nie hatte er ein fremdes Glied im Mund gehabt, geschweige denn angefasst. Aber Yukis ebenfalls blassen und glatten Penis zu beglücken war für Sato irgendwie natürlich. Er wollte, dass der Engel die Art von Berührung spürte, die jeder Mensch liebte. Einen Orgasmus, hervorgerufen durch eine andere Person. Darüber stand nur noch Sex, etwas Besseres an Körperkontakt gab es einfach nicht!

Yukis Proteste in den Hintergrund schaltend, begann er ausgiebig vom Schaft bis zur Eichel zu lecken, um alles ausreichend zu befeuchten.

„Ah! … Oh, Ya-“, war alles, was Yuki rausbekam, als sein Schwanz von Sato hungrig geleckt wurde. Die Art von Berührung war unbeschreiblich! Alles in ihm war geladen, angespannt und doch ausgiebig ausgeruht. Als würden sich alle Nervenbahnen nur zwischen den Beinen sammeln und ihn verrückt werden lassen.

Aber trotz der himmlischen Sinnlichkeit, die von Satos Zunge ausging, wusste Yuki auch, dass er das nicht zulassen sollte. Irgendetwas in ihm schrie, dass diese Art von Zuneigung die berufliche Distanz vollkommen überschritt.

„Du musst aufhören… Bitte…“, jammerte Yuki nicht sehr überzeugend und ließ langsam Satos Handgelenke locker.

Der Manager küsste die Eichel und begann mit seinen Fingern pumpende Bewegungen um den Schaft zu starten. „Wieso?“, fragte er schließlich zwischen den Küssen und wagte einen Blick nach oben in Yukis Gesicht. Das war knallrot und von einzelnen silbernen Strähnen bedeckt. Lusterfüllte Augen blickten zu ihm runter und bettelten nach mehr. Ganz im Gegensatz zu seinem Mund:

„I-Ich weiß nicht… Aber wir sollten das nicht tun!“, wimmerte der Engel und fing an seine Flügel über das Laken zu scheuern. Der Wecker und eine Handcreme fielen dabei vom Nachttisch. Doch Sato ignorierte das Chaos. Wann befriedigte man schon einen echten Engel in seinem Bett?

Ohne auf Yukis Bedenken zu antworten, nahm er den angeschwollenen Schwanz in den Mund und begann mit viel Unterdruck an ihm zu saugen. Das bescherte ihm vom Engel ein lautes Stöhnen und zwei Hände, die sich in seine Haare bohrten. Je leidenschaftlicher er Yukis Glied lutschte, desto fester wurde der Griff in seinen Haaren. Fast schmerzhaft zog es an seiner Wurzel, doch Sato ließ sich nicht beirren und gab weiterhin sein Bestes.

Das laute Stöhnen und Seufzen von Yuki ließ Sato immer härter werden. Oh, dachte er, wie sehr würde er jetzt Sex haben wollen. Harten, erbarmungslosen Sex. Im Bett, auf dem Sofa – ja er würde den Engel auch auf dem Schreibtisch nehmen, das war ihm völlig egal. Ein derartiges Verlangen hatte Sato lange nicht mehr gespürt. Seine Libido schien doch noch da zu sein.

Doch er riss sich weiterhin zusammen. Yuki sollte erst einmal einen Orgasmus erfahren, danach könnten sie immer noch zu Sex übergehen.

Als Satos Mund durch Yukis Hände in seinen Haaren immer tiefer nach unten gedrückt wurde und er sich bemühen musste, nicht zu würgen, spürte er in Yukis Glied heftiges Zucken. Mit schnellen Pumpbewegungen um seinen Schaft, beschleunigte er das heiße, muskelziehende Gefühl, was den Engel überkam.

In dem Moment, wo Yuki laut aufschrie, sich völlig verkrampfte und schließlich in Satos Mund kam, fühlte sich sein ganzer Kopf blank an. Als hätte sich alles in seinem Körper auf diesen einen Fleck zwischen seinen Beinen konzentriert.

Der Schwarzhaarige schluckte so viel er konnte und küsste im Anschluss noch liebevoll die rote Eichel. Wundgescheuert und angeschwollen glänzte sie Sato an. Glücklich über seine Errungenschaft den kleinen Engel zum Orgasmus gebracht zu haben, betrachtete er sein Kunstwerk, bis er seinen Blick über den vom Höhepunkt zitternden Körper gleiten ließ. Yukis Brustkorb hob und senkte sich in schnellen Zügen, während man geradezu seine Adern pulsieren sah. Völlig außer Atem und mit geschlossenen Augen, wartete er noch die ekstatische Starre ab, bis er Yuki vorsichtig auf die Wange küsste.

Yukis weiße Wimpern waren etwas von Salz verklebt und erschwerten das Öffnen der Augen. Er spürte Satos Lippen auf seiner Wange und brauchte einen Moment, bis er einen Fixpunkt im Raum fand, an den sich seine Augen gewöhnen konnten.

Diese Berührung war viel zu intensiv, dachte Yuki und spürte die Nässe an seinen Hüften langsam trocknen. Als er zu Sato hochblickte und der ihn eindringlich ansah, musste er wegschauen.

Ihn überstieg die Pein. Was hatte er nur getan? Er hatte Sex mit einem Menschen! Noch dazu mit einem Toten, jemanden, der eigentlich schon längst hätte im Jenseits sein sollen!

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drückte er Sato von sich, sprang aus dem Bett und zog die Leggings wieder hoch.

„Yuki? Yuki, was ist los?“, fragte Sato hektisch und richtete sich ebenfalls auf, um den Engel mit nervösen Blicken zu begleiten. „War es so schlimm?“

Erst als der Engel fast über einen seiner Flügel gestolpert war, löste er sie wieder in Goldregen auf. Schnell hob er seinen schwarzen Pulli vom Boden neben dem Bett auf, streifte ihn über und sah noch ein letztes Mal zu Sato, der wie überfahren im Bett kniete und entsetzt zu Yuki starrte.

„Wir hätten das nicht tun dürfen!“, sagte der Silberhaarige mit zittriger Stimme und schüttelte den Kopf. „Das war zu viel!“

 Natürlich, dachte Sato, dass das jetzt im Desaster enden musste.

Und als hätte er nur darauf gewartet, wandte sich Yuki vom Manager ab und löste sich noch im Gehen in Goldpartikel auf. Nur ein glitzernder Funke blieb übrig, der auf dem dunklen Parkett landete und verglomm.

Sato blieb wie angewurzelt im Bett sitzen und starrte erst auf die Fußbodenstelle, dann vor sich aufs Laken, wo gerade noch ein lauthals stöhnender Engel lag. War das real gewesen? Es fühlte sich selbst unmittelbar danach so unwirklich an.

 

Doch der etwas bittere Geschmack von Sperma in seinem Mund bewies ihm, dass es real gewesen war. Und das drückende Gefühl in der Brust, was durch Yukis plötzliches Verschwinden hochkam, tat sein Übriges. 

Tag 8

 

Ein Montag war noch nie so schwermütig gewesen, wie derjenige, an dem Akuma-Sato Yamamoto das erste Mal in seinem Leben zu spät kam.

„Yamamoto-Sama, da sind Sie ja!“, begrüßte Hanakuro ihren Chef. Der kam mit wilden, nicht gestylten Haaren ins Büro, klatschte seinen Aktenkoffer auf die Schreibtischplatte und schnaubte aus.

„Wie viel habe ich verpasst?“, fragte er sichtlich angespannt und schielte auf seine Armbanduhr. Eine Dreiviertelstunde zu spät. Hoffentlich bekam das die Chefetage nicht mit.

„Das Meeting hat seit einer viertel Stunde begonnen, Sie können mit Sicherheit noch dazustoßen“, beruhigte seine Sekretärin den aufgebrachten Manager. Der nickte und folgte ihr mit schnellen Schritten in die Konferenzetage.

Im Aufzug kontrollierte Sato sein Auftreten im Spiegel. Der Anzug und die Manschettenknöpfe saßen wie immer 1a. Doch er selber sah wie durch den Reißwolf gezogen aus.

Er hatte am Sonntag noch alle Sachen von Yuki gewaschen. Das Bett neu bezogen, die Laken ebenfalls gewaschen. Eine Zahnbürste für ihn sichtbar hingelegt und die Decke mit dem Kissen auf dem Sofa drapiert, falls Yuki nicht mehr bei ihm im Bett schlafen wollte. Doch nachdem Sato alleine zu Abend gegessen hatte, sein Homeoffice schloss und alleine ins kalte Bett kroch, spürte er die Ungewissheit in seine Knochen zurückkehren. Das letzte Mal, wo Yuki verschwunden war, gab es keinen wirklichen Grund, außer den, dass Sato es ihm befohlen hatte. Nun gab es einen Grund, einen triftigen sogar, und Sato wusste nicht damit umzugehen. Hatte er den Engel verärgert? Ihn verletzt? Hätte er tatsächlich aufhören sollen? Aber er leistete wirklich wenig Widerstand. Zumal er auch recht schnell gekommen war. Waren es also die Gewissensbisse, die Yuki in die Flucht getrieben haben? Doch wie kann etwas, was sich so gut anfühlte, so schlecht sein?

„Yamamoto-Sama?“, fragte Hanakuro urplötzlich und stand an den Aufzugtüren. Sato hatte für einen Moment völlig vergessen, wo er mit wem war und starrte sie völlig von der Rolle an.

„Entschuldigen Sie“, räusperte sich der Manager und trat aus dem Aufzug. Mit einer schnittigen Handbewegung führte er seine längere Frontpartie von Haaren nach hinten und hoffte, dass sein grauenhafter Zustand seine Kollegen nicht dazu animierte, ihn auf sein Aussehen anzusprechen.

Doch das Meeting verlief relativ ruhig. Niemand bemerkte kritisch oder spitzzüngig, dass er zu spät kam. Niemand unterbrach ihn, als er sich verhaspelte und eine Folie zu schnell war. Und niemand sprach ihn auf seine schlechte Laune oder sein schlechtes Aussehen an.

Etwas entspannter als zuvor, schlurfte Sato zurück in sein Büro und hoffte innerlich, dass Yuki dort sitzen würde. Doch es war leer. Bis auf einen erneuten Stapel an Papierkram hatte sich nichts verändert.

Es vergingen Minuten, fast Stunden, in denen Sato mit sich rang, ob er nicht noch einmal zu Suzuki gehen sollte. Sie hatte vormittags offene Sprechstunde. Immerhin war er ein Angestellter, der ein Wehwehchen hatte. Auch wenn es ein innerliches war. Einen MRT-Termin hatte er sowieso noch nicht bekommen. Er könnte ja so tun, als würde er sich deswegen beschweren und hintenrum nach einem Rat fragen. Außerdem hatte er Yuki versprochen, der Ärztin klarzustellen, dass er den Engel für keine Halluzination hielt. Auch wenn Yuki selber nicht anwesend war, so wollte er es Suzuki trotzdem mitteilen. Als Teil eines guten Patienten. Und in der Hoffnung, es würde Yuki in irgendeiner Form milder stimmen.

Also machte sich der Manager mit offenem Hemdkragen und gelockerter Krawatte nach seiner kurzen Mittagspause auf zur Ärztin. Er klopfte höflich an und trat ein, als er ihre zärtliche Stimme vernahm.

„Yamamoto-San“, begrüßte sie den Manager erstaunt und zuckte sofort zusammen. „Das Krankenhaus hat sich leider noch nicht wegen eines freien Termins gemeldet. Ich hatte es Hanakuro-San ausgerichtet, aber… diese Information hat sie wahrscheinlich nicht erreicht“, mutmaßte sie über das Auftreten des Managers.

Der schloss ruhig hinter sich die Tür und nickte, als hätte er Verständnis für den Umstand. „Das ist nicht schlimm. Ich habe zurzeit eh viel um die Ohren. Haben Sie kurz Zeit für mich?“

Suzuki schien zu überlegen, spähte dann in ihren digitalen Kalender und nickte. „Ein paar Minuten habe ich. Um was geht es denn? Haben Sie erneut Beschwerden gehabt?“

„Nicht wirklich“, murmelte Sato und setzte sich auf ihr kleines Sofa. Wieder einmal überschlug er seine Beine und seufzte tief auf, als Suzuki nach ihrem Klemmbrett griff, um sich Notizen zu machen. „Ich glaube, ich habe Yuki… Also den Todesengel, irgendwie verärgert. Jetzt ist er weg.“

Die Ärztin stutzte über das Geständnis, da sie nun wirklich alles nur nicht das erwartet hatte. „Sie haben sich also gestritten?“ Schnell notierte sie sich Innerer Konflikt.

„Eigentlich nicht. Ich habe ihm sogar eher etwas Gutes getan, aber er hat es wohl nicht als etwas solches aufgefasst“, seufzte Sato in Erinnerung an ihr erstes Petting. Der Gedanke an sein angeregtes Gesicht, welches durch die silbernen Haare verschleiert blieb, ließ seine Hose gefährlich eng werden.

„Glauben Sie, dass dieser Vorfall vielleicht auf eine Art… innerer Konflikt hinweist?“ Suzuki bemühte sich so professionell wie möglich zu erscheinen. Sie war sich bewusst, dass Sato unter der Situation litt und jemanden brauchte, dem er sich anvertrauen konnte.

„Innerer Konflikt? Ja, das denke ich schon“, nickte der Manager, während er betrübt zu Boden blickte. „Yuki schien es sehr genossen zu haben. Auf der anderen Seite kam dann aber wohl das schlechte Gewissen.“

Suzuki war nicht dumm und schaltete sofort, um was es ging. Eine Art sexuelle Fantasie, schlussfolgerte sie und notierte sich einige Stichwörter. „Darf ich fragen, um welches Thema es hier geht?“, stellte sie sich dumm und sah ihren Patienten konzentriert an.

Sato musste einen Moment lang überlegen, bevor er kleinlaut zugab, was vorgefallen war. „Alles hat sich etwas zu schnell gesteigert und wir hatten Petting. Eigentlich“, so fing er an zu gestikulieren, „habe ich ihn befriedigt und -“

Schnell unterbrach er sich selber und verstummte aus Pein. Auch wenn Suzuki der Schweigepflicht unterlag, war es noch einmal etwas anderes, solche Dinge laut auszusprechen. Auch sie war nur ein Mensch.

„Jedenfalls“, sprach er schnell weiter, um die Situation nicht entgleisen zu lassen, „bin ich mir sicher, dass er keine Halluzination ist.“

Suzuki kam aus dem Schreiben gar nicht mehr raus, als sie horchend aufblickte. „Was lässt Sie so sicher sein?“

Der Schwarzhaarige gestikulierte um seinen Mund. „Ich… ich habe ihn geschmeckt. Und auf dem Laken, was ich gewaschen habe… Na ja…“, stotterte er weiter und versuchte mehr mit Handakrobatik als mit Worten seinen Standpunkt klar zu machen. „So etwas bilde ich mir nicht ein. Ich hatte bis gestern keine Ahnung wie ein anderer Mann schmeckt. Oder wie ein anderer Penis aussieht. So etwas kann ich mir gar nicht eingebildet haben!“

Es herrschte für einen Moment eine drückende Stille. Suzuki hatte aufgehört zu schreiben und wusste langsam nicht mehr, was sie noch sagen sollte. Ein hoch angesehener Manager hatte sexuelle Fantasien mit einem kleinen blonden Engel. Sie war sich nicht sicher, ob sie erst die Psychiatrie oder erst das Krankenhaus anrufen sollte.

„Und jetzt ist Yuki weg?“, fragte Suzuki noch einmal nach und überschlug ihre Beine. „Weil er das Petting nicht wollte?“

„Doch, er wollte es! Jedenfalls… wirkte es so“, wurde Sato mit jedem Satz leiser und zog irgendwann die Schultern zusammen. Eine Geste, die er sonst bei allen Menschen hasste. „Ich weiß es nicht.“

„Und Sie sind traurig, weil Sie es schön fanden“, schlussfolgerte sie. „Sie wünschten sich von ihm genauso viel Freude. Und vielleicht… ich weiß nicht, ein zweites Mal?“

„Eher eine zweite Chance“, korrigierte Sato seine Ärztin. „Ich will ihn zu nichts überreden, was er nicht will.“ Auch wenn Sato sich gerade in die eigene Tasche log, versuchte er überzeugend zu klingen.

Scheiße, er wollte nichts lieber, als Yuki hart in seinem Büro zu nehmen. Oder im Auto. Oder sonst wo! Eben dort, wo der Engel seinen Namen schreien und ihn anbetteln würde, ihn tiefer zu nehmen.

„Nun, wenn Yuki weg ist, weiß ich nicht, wie Sie ihn wiederbekommen können“, seufzte Suzuki und legte ihr Klemmbrett weg. „Sie können nur hoffen und warten, dass er wiederkommt und Sie sich aussprechen können.“ Es war ein gut gemeinter Rat, doch die Ärztin war sich zu 100% sicher, dass Yuki wiederkommen würde. Immerhin entsprang er Satos Kopf. Und der schien seit dem Schlaganfall mehr denn je gelitten zu haben.

„Ich kann nur hoffen, dass Sie Recht haben.“ Der Manager blickte zu Boden und lächelte auf einmal auf. „Immerhin muss er meine Seele abholen, um sie ins Reich der Toten zu bringen. Spätestens da wird es ein klärendes Gespräch geben. Hoffe ich“, seufzte Sato zuletzt und stand wieder auf.

„Danke für Ihre Zeit, Suzuki-Sensei“, führte der Schwarzhaarige weiter aus. „Und machen Sie sich keine Mühen wegen des MRT. Ich denke nicht, dass das noch nötig ist.“

„Oh“, bekam sie eher weniger professionell aus ihren Lippen raus. „Sind Sie sicher?“

„Ja. Sehr sicher. Falls ich doch in die Röhre will, sag ich Ihnen Bescheid“, lächelte Sato so gut er konnte und knöpfte seinen Blazer wieder zu, richtete die Krawatte und ging schließlich aus dem Arztzimmer. Er seufzte noch ein letztes Mal auf dem Gang, bis er eine Zigarette aus der Hosentasche fischte und sich auf die Dachterrasse stellte.

Irgendwie fühlte er sich beobachtet und irgendwie dann doch nicht. Vielmehr hoffte er, dass Yuki bei ihm war. In der Nähe und nicht zu weit weg. Vielleicht musste er einige Zeit über den Vorfall nachdenken. Das war in Ordnung und Sato würde ihm diese Zeit geben. Nicht jeder konnte von 0 auf 180 gehen.

Yuki brauchte Zeit. Er sollte sie bekommen.

Doch als der Tag sich dem Ende neigte und der Abend näherkam, konnte sich Sato einfach nicht mehr konzentrieren. Er beschloss früher nach Hause zu fahren und etwas Arbeit für sein Home-Office mitzunehmen. Lieber hockte er zu Hause im Loft, wo er den Blick auf der Haustür haben konnte. Obwohl Yuki keine Haustüre bräuchte.

Sato fuhr einige Straßen durch die Innenstadt und sah dabei die schön beleuchteten Buden. Eigentlich wollte er mit Yuki noch einmal auf den Weihnachtsmarkt gehen. Er hatte ihm versprochen heute nach der Arbeit zu gehen. Aber ohne Yuki war es witzlos. Also fuhr Sato weiter nach Hause.

Dort angekommen holte ihn ein träges und trauriges Gefühl ein. Er hatte sich ein Haustier gewünscht und ein Teil von ihm war so gehässig zu sagen, dass Yuki sich für manche Momente wie eins anfühlte. Aber seit dem Vorfall, gestand sich Sato ein, dass Yuki mehr als ein Haustier war. Er war ein Freund. Vielleicht sogar auch eine Liebelei? Auf jeden Fall jemand, den Sato begehrte und nicht haben konnte.

Und wenn Sato etwas hasste, dann unerreichbare Dinge. So war er einfach nicht gestrickt. Egal, was es war: er bekam es. So besitzergreifend wie es klang: Er wollte Yuki haben. Und er würde tun, was nötig war, um das zu erreichen.

Das Problem war also nicht seine mangelnde Ambition, sondern mehr das Wie. Und so fand sich Sato an seinem Alkoholschrank wieder und trank ein Glas Whiskey in einem Zuge aus. Er nahm sich gleich die ganze Flasche mit zum Sofa, wo er sich an der Lehne entlang rutschen ließ. Wie ein Schluck Wasser in der Kurve auf dem Sofa sitzend, schüttete er sich mehr Alkohol ein und trank zügig aus.

Es vergingen Minuten, bis er sich sogar eine Zigarette anzündete. Normalerweise rauchte er nicht in der Wohnung, aber strenge Zustände erforderten lockere Regeln. So saß er mit Alkohol und Zigarette in seinem Loft und starrte abermals auf den dunklen Fernseher.

Als der Alkohol anfing zu wirken, die zweite Zigarette im provisorischen Aschenbecher aus Alufolie landete, lehnte sich Sato zufrieden zurück und schloss die Augen. Wenn Yuki da war, rauchte und trinke er nicht. Sowieso nahm dieser Junge in letzter Zeit 80% seiner selbst ein. Und so kam es, dass Sato wieder einmal an gestrige Geschehnisse dachte.

Sein erstes Mal mit einem Mann, dachte Sato und schmunzelte. Gar nicht so übel, wie er immer dachte. Die glatte Haut, die schmalen Hände und das runde Gesicht erinnerten ihn zwar an eher weibliche Züge, doch wieso nicht beides vereinen. Yukis androgyner Körperbau war so bezaubernd wie er selber. Und Sato führte sich vor dem inneren Auge vor, wie es wäre, wenn der Engel nun neben ihm säße.

Er würde ihn küssen, umarmen und weiter küssen. Mit seiner Zunge spielen und seinen Nacken beglücken. Schnell die Kleidung vom Leibe reißen und Yuki in die Kissen drücken. Er würde ihn zum Stöhnen, zum Keuchen und zum Schreien bringen. Ja, dachte Sato, spätestens wenn sein hartes Glied an Yukis reiben würde, wäre der blonde Engel willig genug, alle Berührungen über sich ergehen zu lassen.

Sato wollte ihm alles zeigen. Die ganze Bandbreite an Berührungen, an Vergnügen und Lust. Er fühlte sich wie der Teufel persönlich, als er daran dachte, wie dreckig er den unschuldigen Engel mit nur ein paar Handbewegungen machen könnte.

Je länger er daran dachte, wie er Yuki verführen würde, desto härter wurde sein Schwanz. Es zuckte förmlich unter Satos enger Stoffhose, als er an Yukis errötetes Gesicht dachte. Vorsichtig öffnete er die Augen und sah an sich runter.

Nun hoffte er innig, dass Yuki nicht in der Nähe war und ihn so sah. Sicherlich würde ihn das nur noch mehr abschrecken. Trotz der eher zweifelnden Gedanken, öffnete Sato seine Hose und ließ seine Männlichkeit herausfallen. Etwas Liebesflüssigkeit hatte sich schon an seiner Eichel gebildet und machte die folgenden Handbewegungen angenehm feucht.

Wieder schloss Sato die Augen und lehnte den Nacken auf die Sofalehne. Er stellte sich Yuki in seinem neuen Höschen vor, wie er es ihm im Geschäft gezeigt hatte. So unschuldig, dachte der Manager und musste grinsen. Er fühlte sich pervers daran zu denken, doch auf der anderen Seite machte es ihn an. Die Vorstellung, Yuki würde vor ihm liegen, in genau diesem Höschen, würde es langsam von seinen Hüften schieben und sein erigiertes Glied in die Höhe halten, damit Sato ihn erneut mit seiner Zunge beglücken könnte. Er würde seinen Namen stöhnen, die Haare in den Händen drücken und ihn fester auf seinen Schwanz pressen. Mit genug Speichel würde Sato dann erst einen, dann zwei Finger in das glitschige Loch von Yuki einführen. Zuckend würde er Satos Penetration hinnehmen und sich unter ihm wenden. Mit hochgestrecktem Hintern würde er nach Satos Schwanz betteln; ihn anflehen, es endlich zu tun.

Ehe er sich versah, rieb Sato sich selber so stark, dass er einen Orgasmus nicht mehr aufhalten konnte. Er kam so plötzlich und so intensiv, dass er in den stillen Raum stöhnte und dabei den Rücken durchdrückte.

So schnell wie sich seine Erektion aufgebaut hatte, so schnell ebbte sie wieder ab, als sich Sato bewusstwurde, was er gerade getan hatte.

Selbstbefriedigung war nichts Neues. Dass er dabei allerdings an einen männlichen Todesengel dachte, schon. Und dass er selbst in seinen Fantasien zu schnell kam, minderte stark sein Ego. Hoffentlich, dachte er, würde das nie passieren.

Sollte es irgendwann dazu kommen.

Sofern Yuki irgendwann noch einmal wiederkam.

Falls.

Tag 9

 

Auch dieser Morgen war eine Katastrophe. Sato versuchte unter der Dusche an alles, nur nicht an Yuki zu denken. Fast aggressiv schrubbte er sich von all der Schande ab, die sich erneut in seinem Penis aufzubauen versuchte. Doch er widerstand dem Drang, sich bereits am Morgen vor der Arbeit einen runterzuholen.

Sexuell frustriert saß er schließlich in seinem Büro und starrte seit mehreren Minuten auf ein offenes Dokument, welches er gegenlesen musste. Nicht ein einziger Gedanke an die Arbeit blieb länger als 5 Minuten. Spätestens nach 6 Minuten driftete er wieder ab und dachte sich Szenarien aus, in denen er Yuki wiedersehen könnte. Wie er sich verhalten würde. Wie er sich entschuldigen könnte. Und wie er es am Ende vielleicht doch wieder so drehen könnte, dass sie miteinander schliefen. Im beidseitigem Einverständnis, selbstverständlich.

Takeshi kam um kurz vor Mittag in sein Büro und klopfte beherzt an den Glasrahmen der Tür. „Hast du Lust Mittagessen zu kommen? Ein paar Kollegen und ich wollten zu einem Italiener gehen“, verkündete er in bekannt guter Laune und bemerkte erst einige Sekunden später, wie verzweifelt Sato aussah. „Alles in Ordnung?“

Der brummte nur und presste die Lippen aufeinander. „Italiener klingt gut.“

Also schnappte er sich seinen Mantel und verließ mit Takeshi das Büro. Auf dem Weg zum Aufzug überlegte er, wie viel Zigaretten er noch hatte oder ob er sich noch welche holen sollte. Seitdem Yuki weg war, hatte er bereits wieder eine Schachtel geraucht.

„Sicher, dass alles in Ordnung ist?“, hakte Takeshi erneut nach. „Weißt du, ich kenne den Blick bei euch jungen Männern. Es hat meistens was mit einer Frau zu tun. Wurdest du abgewiesen?“

Die direkte und fast forsche Art und Weise schätzte Sato sonst sehr an seinem Kollegen. Heute nicht.

„Es geht schon“, murmelte er, nicht genug Energie aufbringend zu lügen.

„Oha! Es geht also um ein Mädchen!“, lachte Takeshi aufmunternd und stupste Sato liebevoll mit dem Ellbogen an. „Wie heißt sie?“

Der Aufzug kam im Erdgeschoss an und die beiden Männer stiegen aus. Es kostete Sato einiges an Überwindung zu antworten, als sie auf die anderen Kollegen stießen, die am Eingang warteten. Sie interessierten sich nicht wirklich für Takeshi und ihn, also gingen sie etwas abseits zur Gruppe zum Restaurant.

„Yuki.“

„Yuki? Was ein schöner Name! Und wie passend zur Jahreszeit“, grinste Takeshi breit. „Woher kennst du sie?“

Sato schlurfte regelrecht über den verbleibenden Schnee und rauchte hastig eine Zigarette. Er dachte kurz daran, seinen Kollegen was das Geschlecht anging zu korrigieren, doch er hielt es für irrelevant. Was auch geschah – niemand würde Yuki je zu Gesicht bekommen. „Durch Zufall. Sind uns einfach begegnet.“ War ja nicht mal gelogen.

„Zufall? Vielleicht war es ja Schicksal! So musst du das sehen, Yamamoto!“ Wieder lachte Takeshi los und beugte sich ein Stück vor, um in Satos Gesicht zu sehen, welches stur nach vorne gerichtet war. „Und was ist passiert, dass sie dich so verzweifelt dastehen lässt?“

Als Sato nicht sofort antwortete, weil ihm nicht wirklich eine gute Lüge einfiel, redete Takeshi einfach weiter. „Du warst ja sonst nie so hinter Frauen her, deswegen wundert es mich. Ich meine, Mei war nett und ihr habt euch gut verstanden, aber nach einem Streit ging es dir fast besser als davor. Hier ist es mal umgekehrt.“

Sato konnte nur traurig nicken und fühlte sich leer. Er hatte Recht und das wurmte ihn enorm. Der Manager hatte Yuki in einen Teil seines Herzens gelassen, den er sonst vor jedem verschlossen hielt. Nun war es zu spät und Sato hasste sich dafür. Aber was passiert war, war passiert und alles, was der Schwarzhaarige wollte, war eine zweite Chance. Wieso auch immer die erste von Yuki niedergetrampelt wurde.

Die Gruppe von Geschäftsmännern wurde an einen großen eckigen Tisch am Ende des Raumes gesetzt, sodass sie sich weiterhin gut unterhalten konnten. Sato aß in den Zeiten, wo Zigaretten und Alkohol die Überhand hatten, wenig bis gar nichts. Also bestellte er sich nur einen einfachen Salat und pickte selbst in dem nur rum. Takeshi bemerkte das, während er seine Nudeln aß.

„Es tut mir weh, dich mit Liebeskummer zu sehen, Yamamoto. Wenn ich etwas tun kann, sag mir bitte Bescheid“, verkündete sein Kollege ehrlich und sah ihn mit großen Augen an.

„Liebeskummer? Wer hat Liebeskummer?“, kam es prompt von Satos Seite und einige Kollegen sahen zu ihm rüber. Takeshi seufzte sofort missbilligend auf und schüttelte den Kopf.

„Niemand“, antwortete er forsch und zog die Augenbrauen zusammen.

„Unser Yamamoto hier? Quatsch, der hat doch nur Augen für sich und seine Arbeit“, lachte ein Abteilungsleiter los und hielt sich dabei seinen dicken Bauch. Sato hasste ihn in jeglicher Hinsicht. Jetzt noch mehr als vorher.

„Wer ist denn die Glückliche?“, fragte eine Frau, die Sato bisher nie bemerkt hatte. Vielleicht lag es an ihrem sonst so unscheinbaren Auftreten. Sie war in etwa Takeshis Alter.

„Yuki“, antwortete Sato, nicht wissend, wieso er überhaupt antwortete. Es schürte doch nur wieder dumme Gerüchte.

„Yuki? Wie süß!“, rief die Frau auf und lächelte so breit, dass ihre Augen zu Halbmonden wurden. „Hat sie kein Interesse an dir oder habt ihr euch gestritten?“

Wieso interessiert sich hier auf einmal jeder für mein Privatleben, dachte Sato genervt und stopfte sich ein großes Salatblatt in den Mund; deutlichmachend, dass er nicht in Plauderlaune war.

„Vermutlich beides“, brummte er und starrte dabei auf seinen Salat.

„Oh“, war alles, was die Frau dann noch sagte. Takeshi wusste sich aber noch einzubringen.

„Hast du es ihr denn schon gesagt? Also…, dass du sie liebst?“

„Liebe ist ein sehr großes Wort“, gab der Manager zu und sah zu seinem Kollegen auf. „Aber ich denke schon, dass ich mich klar ausgedrückt habe. Zumindest als wir im Bett …“

Als Sato mitten im Satz aufhörte, stutzte die Kollegin und hielt sich die Hand vor den Mund. „Yamamoto-Sama, ich will nicht zu persönlich werden, aber wenn du es ihr nur körperlich gezeigt hast, war das kein guter Weg!“

Das ließ Sato bitter lächeln. „Ja, das habe ich gemerkt.“

„Oh Junge“, war alles, was Takeshi noch dazu sagen konnte. „Klär das mal besser bald mit ihr. Nicht, dass sie denkt, du willst sie nur wegen ihres Körpers.“

Wenn ich wüsste, wo Yuki ist, würde ich es sofort tun, spottete Sato in seinem Kopf. Alles, was er nach außen ließ, war ein sanftes Nicken. Er hoffte einfach, dass Yuki bald wiederauftauchte und er sich erklären könnte.

 

Nach dem unangenehmen Mittagessen schlurfte Sato wieder zurück ins Büro. Hanakuro trug wieder ein sehr weit ausgeschnittenes Oberteil und einen ihrer engen Röcke. Wieso konnte Yuki nicht so freizügig sein? Doch Sato war sich bewusst, dass er zu viel vom Engel verlangte. Immerhin war er noch Jungfrau. Vermutlich war das am Sonntag sein erster Orgasmus gewesen. Seit 176 Jahren.

Beim Gedanken für knapp 180 Jahren keinen Orgasmus zu bekommen, schauderte es Sato. Doch was man nicht kannte, konnte man auch nicht vermissen, richtig?

Der Arbeitstag zog sich wie Gummi. Immer wieder dachte Sato an seinen Engel. Wann immer er vom Bildschirm aufsah, hoffte er, Yuki zu sehen. Egal, ob beim Kaffee oder bei einer Zigarette auf dem Dach, er dachte an ihn. Es machte ihn fast schon paranoid. Egal, welches Staubkörnchen sich an seinem Auge vorbei bewegte, Sato meinte für einen Bruchteil einer Sekunde, es wäre golden gewesen.

So brauchte es gefühlt mehrere Stunden extra, bis Sato sich endlich wieder alleine zu Hause einfand. Kein Yuki, dafür Alkohol und Zigaretten. Er schimpfte sich selber über seine schlechten Angewohnheiten und wusste, dass es ihm kein langes Leben bescheren würde.

Bei dem Gedanken musste er schmunzeln. Eigentlich war er ja schon tot. War dann jetzt auch egal, oder? Eine Packung Zigaretten mehr oder weniger… Wen interessierte das?

Auf einmal kam ein Gefühl von Wehmut in ihm hoch. Es drückte gefährlich stark gegen seine Augen. Sie wurden feucht und der Druck erhöhte sich, bis die erste Träne über die Wange lief.

Sein Leben war furchtbar anstrengend und arm gewesen. Trotz seines Reichtums, seines Luxus, wusste er nicht wohin mit sich. Er gehörte nirgendwohin, hatte niemanden und wusste auch nicht, was mit ihm geschehen sollte. Alles, was er in seinem Leben getan hatte, war Arbeiten. In der Schule, im Studium, im Büro. Und was hatte er davon? Bis auf einen festen Wohnsitz und ein schönes Auto? Nichts. Yuki war derjenige, der ihn diese Einsamkeit spüren ließ. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte sich Sato in seiner eigenen Haut unwohl. Doch wäre er anders gewesen, hätte seine Seele vielleicht einfach losgelassen, als sein Körper starb. Und dann hätte er Yuki nie kennen gelernt. War es seine Schuld, was passiert war? Niemand hatte ihn gezwungen zu Sato ins Bett zu steigen, oder? Er hätte ihn auch einfach um eine zweite Decke bitten können. Niemand hatte ihn gezwungen, Satos Brust anzufassen, ihn zu berühren und ihn zu küssen. Yuki wollte es ausprobieren und hat es geschehen lassen. Auch wenn sich Sato wünschte, der Engel würde ebenso freizügig sein, wie Hanakuro und die anderen Frauen, die er hatte, so wusste er, dass es genau diese Verschlossenheit war, die ihn interessierte. Yuki war anders, als die anderen. Und nicht nur, weil er ein Engel war.

Doch selbst, wenn er sich mit Yuki wieder vertragen würde – so würde doch sowieso alles ein baldiges Ende haben, oder?

Er hatte Yuki nie sagen hören, dass er noch Kontakt zu den toten Seelen hätte. Es klang, als wäre er nur der Bote. Hinbringen und das war’s. Würde Sato also mit Yuki irgendwann mitgehen, wäre die Beziehung sowieso gegessen. Wieso machte er sich dann so einen Kopf?

Vermutlich hatte der Engel dasselbe Dilemma im Kopf gehabt und ist deswegen verschwunden. Die Voraussicht, Sato nicht zu nah an sich heran zu lassen, da das ganze sowieso keine Zukunft hatte.

Sato schniefte auf und wischte sich die Tränen mit dem Handrücken vom Gesicht. Mit schnellen Schlucken trank er seinen Gin aus, aschte die Zigarette weg und entledigte sich seiner Kleidung. Achtlos warf er sie auf den Boden und ging nackt ins Bett. Die kalten Laken bescherten ihm unangenehme Gänsehaut, bis sie sich seiner Temperatur anpassten.

 

Würde alles so kommen, wie prognostiziert, würde er die wenige Zeit, die er mit Yuki hatte, in vollsten Zügen genießen. Wenigstens die letzten Tage seines sonst sehr eintönigen Lebens sollten mit Farbe gefüllt werden. 

Tag 10

 

Als dann der dritte Tag anbrach, an dem Yuki verschwunden war, begann sich Sato Sorgen zu machen. Der Junge hatte keinen festen Wohnsitz, hatte er sich ein Hotel genommen? Aber hatte er Geld? Nun, er hatte sich auch seine legere Jeans und Sweatshirt gekauft, oder? Aber hatte er genug Geld?

Sato fing an wie ein Elternteil nervös im Büro herumzulaufen. Er konnte keine Fahndung abgeben – niemand außer ihm konnte ihn sehen! Die einzige Möglichkeit Yuki zu sich zu holen war… aufzugeben. Das Leben loszulassen.

Aber wie zum Geier tat man das denn? Sato fluchte erneut auf, bis Hanakuro vorsichtig an seine Glastür klopfte.

„Yamamoto-Sama? Ihre Telefonkonferenz wäre dann soweit…“, murmelte sie und lächelte aufrichtig. Sato blieb abrupt stehen, starrte erst auf den Boden, dann zu seiner Sekretärin. Dafür hatte er nun wirklich keinen Nerv. Sollten sie alle zur Hölle fahren.

„Ich bin in einer Minute da“, brummte er und schielte auf sein Handy. Er würde den Bürotag irgendwie vorbeikriegen und heute Abend nach Yuki suchen. Weit dürfte er ja nicht gekommen sein. Immerhin musste er in der Nähe bleiben, sollte Satos Seele gehen wollen.

Hanakuro verschwand von Satos Glastür und setzte sich wieder an ihren Schreibtisch, um furios auf der Tastatur zu tippen. Ihre langen Plastiknägel schlugen dabei unangenehm auf den Tasten auf.

Der Manager ging mit schnellen Schritten in das Konferenzzimmer, wo er sich mit anderen Kollegen an einen großen Tisch setzte und die Telefonübertragung startete. Es ging um irgendwelche Zahlen, die ein Projekt bringen sollte.

Sato hörte nicht wirklich zu. Er starrte aus dem Fenster und blickte auf die geschmückte Stadt. Alles leuchtete und glänzte. Wie Yuki. Wie seine Flügel, die so weich wie Watte waren.

Die Weihnachtszeit war einer der romantischsten Tage im Jahr und zum ersten Mal in seinem Leben, wollte Sato gemütlich über den Weihnachtsmarkt schlendern, Yuki an der Hand halten und ihm schöne, unnötige Dinge kaufen. Normalerweise wehrte er sich dagegen, Frauen irgendetwas zu kaufen – immerhin war es sein Geld, was er sich hart erarbeitet hatte. Aber Yuki… hatte nichts. Er besaß nichts. Und alles, was er besitzen könnte, sollte von Sato kommen. Denn Yuki gehörte ihm.

Es war der Gedanke, nicht das lautstarke Husten eines Kollegen neben ihm, was ihn aufschrecken ließ. War er wirklich so besitzergreifend geworden? Vielleicht sollte er sich doch lieber einen Hund oder eine Katze anschaffen.

 

Nach dem Meeting traf er sich mit einer Tasse Kaffee in der einen und mit einer Zigarette in der anderen Hand auf der Dachterrasse mit Takeshi. Der rauchte nicht, aber gesellte sich gerne zu seinem Kollegen.

„Meine Frau hat gestern Plätzchen gebacken. Möchtest du ein paar haben? Ich bringe sie dir gerne nachher rüber“, schlug Takeshi vor und lächelte zufrieden. „Sie sind wirklich sehr lecker.“

Eigentlich mochte Sato kein Gebäck, schon gar keine Plätzchen, aber er nickte höflich und sagte: „Gerne. Danke.“

„Hast du Yuki mittlerweile erreichen können?“

Die ungezwungene Konversation über einen imaginären Engel ließ Satos Herz schwerer werden. Es war, als wäre Yuki tatsächlich einfach irgendein Mensch, der sauer auf ihn war, und sich irgendwo zu Hause verbarrikadiert hatte und nun schmollte. Aber die Realität sah leider ganz anders aus.

„Nein. Ich werde konsequent ignoriert“, seufzte der Manager und zündete sich noch eine zweite Zigarette an.

„Da hast du es ja wirklich übertrieben.“ Takeshis Augen strahlten Mitgefühl aus, welches Sato nicht gebrauchen konnte. Er mochte es nicht, bemitleidet zu werden. Egal, ob die Umstände eigen- oder fremdverschuldet waren.

„Darf ich fragen, was genau passiert ist?“, fragte sein Kollege höflich und deutete ein vorsichtiges Nicken an. „Wenn es nicht zu persönlich ist, versteht sich. Aber manchmal hilft es, darüber zu reden. Und vielleicht stehst du ja einem Punkt, bei dem dir nur jemand helfen kann, der nicht involviert ist?“

Sato rang sich ein Lächeln ab und legte den Kopf schief, während er den kleinen Flocken beim Fallen zusah. „Yuki war noch Jungfrau. Und wir hatten wohl etwas zu schnell Petting“, gab er schnell von sich und sah schließlich in Takeshis dunkle Augen. „Es ging von 0 auf 180 – ich war einfach zu schnell.“

Takeshi nickte verständnisvoll und presste die Lippen aufeinander. „Nun, da kann ich dir wirklich nur raten, ihr klar zu machen, dass du sie sehr gerne hast. Und nicht nur Sex von ihr willst.“ Da stockte er kurz und sah mit hochgezogenen Augenbrauen hoch. „Du willst doch mehr von ihr, oder?“

Das ließ Sato zum ersten Mal seit Tagen wieder aufrichtig lächeln. „Ja.“

 

Innerlich hatte Sato gehofft, dass Yuki in der Nähe war und alles mitbekommen hatte. Dass er Satos indirekte Entschuldigung annahm und sie sich zumindest aussprechen könnten. Doch der Gedanke, dass er ihn durch sein verbalisiertes Gefühlsdilemma verscheucht haben könnte, wurde von Minute zu Minute prominenter, in der Yuki nicht auftauchte.

Gegen Nachmittag kam dann Takeshi noch einmal vorbei und hielt ein liebevoll zugeschnürtes Tütchen mit Keksen drin. Es war durchsichtig, so konnte man genau erkennen, mit wie viel Liebe die Plätzchen gebacken wurden.

„Hier, Yamamoto. Meine Frau hat so viele gemacht, ich weiß gar nicht wohin damit! Also wenn sie dir schmecken, gebe ich dir gerne mehr“, schlug Takeshi vor und stellte das kleine Tütchen neben Satos Bildschirm ab.

„Vielen Dank“, sagte der Manager und sah sich das Päckchen genauer an. „Sie sehen wirklich schön aus. Danke auch an deine Frau.“

Das ließ seinen Kollegen auflachen. Das beherzte Lachen schallte etwas unangenehm in Satos Büro. „Diese Yuki hat wirklich einen guten Einfluss auf dich! So viel Bitte und Danke habe ich dich lange nicht mehr sagen hören!“

Mit diesen Worten verschwand sein Kollege wieder aus dem Büro und schloss die Tür. Sato starrte etwas überrannt auf die Plätzchen. Er war einfach nur nett, wieso hatte das gleich was mit Yuki zu tun? Vielleicht, so vermutete Sato, schlussfolgerte Takeshi einfach, in dem er 1 und 1 zusammenrechnete. All die Dinge, die in letzter Zeit passiert waren, gingen allesamt auf Yukis Konto. Da war es anzunehmen, dass mittlerweile auch Dritte diese Verbindung zogen.

 

Der Abend kam und Sato fing an, nervös in Google Maps rumzuwühlen. Wo startete er seine Suche? In welchem Umkreis? Welche Strategie sollte er anwenden? Was, wenn Yuki ihn als erstes entdeckte und dann weglief? Und sich beide immer wieder im Kreis drehen würden?

„Yamamoto-Sama, ich würde dann nach Hause gehen“, verkündete Hanakuro und strich sich eine Strähne hinter ihr Ohr.

„Ja, kommen Sie gut heim. Bis morgen“, sagte Sato monoton, während er gebannt auf seinen Bildschirm starrte und sich Straßen im Umkreis von 5 km ansah.

Die netten Worte, ließen Hanakuro Hoffnung machen, also kam sie noch ein Stück näher an Satos Bürotisch. „Gehen Sie auch bald heim?“, fragte sie schüchtern und hoffte, dass Sie vielleicht zusammenfahren könnten.

Noch immer starrte Sato auf den Bildschirm und schüttelte abwesend den Kopf. „Nein, ich habe noch was zu tun“, war alles, was er darauf zu sagen hatte.

Der Sekretärin war die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, als sie weiterhin nicht beachtet wurde. Ihr Boss war wirklich schwer zu knacken! Dabei hatte er doch endlich mit seiner komischen Freundin Schluss gemacht! Jedoch schürten bereits Gerüchte um ihn, dass er eine neue hätte. Yuki oder so. Was ein doofer Name, dachte Hanakuro und rümpfte kaum sichtbar die Nase.

„Dann bis morgen, Yamamoto-Sama“, seufzte sie traurig und ging.

Sato bemerkte ihr Gehen nur im Augenwinkel, während er sich einige Standpunkte in der Stadt auf dem Handy eintrug. Er würde einfach immer Kreise ums Büro ziehen. Dann ein paar Meter weiter nach außen gehen und erneut im Kreis laufen. So würde er den Radius von circa 5 km in der nächsten Stunde schaffen. Wenn er hier nicht fündig werden würde, würde er dasselbe bei sich ums Loft machen.

Nachdem er alle persönlichen Dinge in seinem schwarzen Wollmantel verstaut hatte und er sich schwarze Lederhandschuhe anzog, seufzte laut auf.

„Ich muss verrückt sein, einem unsichtbaren Engel hinterherzulaufen…“, murmelte er in den stillen Raum. Die meisten waren bereits nach Hause gegangen, somit war er größtenteils alleine. Nur eine Putzfrau im hinteren Gang war mit Mülleimern beschäftigt.

Sato strich seinen Mantel glatt und hechtete schließlich zum Aufzug. Im Erdgeschoss angekommen, begann er auf dem Handy eine Route festzulegen und ging los. Kleine, verwinkelte Straßen wurden besonders gründlich untersucht. Große, belebte Straßen wurden schwierig, doch da vermutete Sato seinen Engel eher weniger. Dort würde er nicht unterkommen. Im Umkreis von 5km gab es auch zwei Hotels, eins davon allerdings ein 5 Sterne Luxus Schuppen. Im Grunde, so dachte er, könnte Yuki überall sein. Durch sein Teleportieren in jeden Raum würden die Möglichkeiten schier unendlich sein. Besonders weil ihn ja niemand sah. Aber würde Yuki wirklich in ein Hotel absteigen, wo eventuell auch andere Gäste das Zimmer benutzen würden? Es müsste eher ein Ort sein, an dem er alleine wäre. Sonst würden andere Menschen fliegende Zahnbürsten oder aufgebäumte Laken sehen.

Der Gedanke, dass Yuki überall hätte sein können – an Orten, an denen Sato nicht hinkam – machte ihn verrückt. Doch er ließ nichts unversucht. Bevor er wieder trinkend und rauchend auf seinem Sofa saß und daran dachte, wie gut sich sein Schwanz in Yuki anfühlen würde, wollte er lieber aktiv etwas gegen die miese Situation machen. So durchstreifte er mittlerweile die siebte Gasse und fand nichts.

Nach zwei Stunden, gab Sato auf. Nirgendwo auch nur ein Hinweis auf Yuki. Er schielte aufs Handy und seufzte laut. Bereits halb 11.

Schlurfend ging er zurück zum Bürokomplex, um sein Auto abzuholen. Während er in seinen Taschen kramte, stieg Panik in ihm hoch. Sein Autoschlüssel fehlte.

Dann fiel ihm ein, dass er den vermutlich noch im Büro hatte. Also ging Sato wenig begeistert am Nachtdienst vorbei, fuhr mit seiner Chipkarte erneut in seine Etage und schlurfte den spärlich beleuchteten Gang entlang. Diese Firma hatte ihn wirklich an Ketten.

Als er sein Büro öffnete und den Schlüssel bereits neben einer Topfpflanze auf dem Drucker liegen sah, bemerkte er Krümel auf dem Schreibtisch. Krümel von Keksen.

Sofort erhaschte er einen Blick auf die Tüte, die Takeshi ihm geschenkt hatte. Es fehlte ein Keks. Ansonsten war die Tüte fein säuberlich wieder verschlossen worden. Sato hatte keinen Keks gegessen. War also jemand in seinem Büro und hat sich einen genommen? Und ihn dann noch an seinem Arbeitsplatz gegessen? Aber wer wäre denn so dumm und würde die Krümel auch noch liegen lassen, wenn er schon aufpassen würde, dass die Tüte wie vorher aussah?

Es sei denn, derjenige wurde gerade in flagranti erwischt und musste schnell handeln.

Sich schnell verstecken, bevor Sato ihn sehen konnte. Da blieb natürlich keine Zeit, die Krümel noch vom Schreibtisch zu fegen.

„Komm raus, ich weiß, dass du da bist“, brummte er in einem weniger freundlichen Ton, als ursprünglich geplant. „Die Krümel haben dich verraten.“

Es passierte nichts. Noch immer war es still im Büro.

„Es ist nicht schlimm, dass du Hunger hattest.“

Wieder nichts.

„Yuki, bitte“, seufzte Sato auf und drehte sich vorsichtshalber um, um sicherzustellen, dass niemand hätte aus dem Büro gehen können. Den hätte Sato sofort gesehen. Schon vom Aufzug aus.

Sollte sich Yuki wegteleportieren, würde er zumindest den Goldstaub sehen. Da er aber keinen gesehen hatte und auch im Moment keinen sah, blieb nicht mehr viel.

Der einzige Ort, wo sich Yuki hätte verstecken können, war unter dem Schreibtisch oder in seinem Aktenschrank. Da der Aktenschrank voller Akten war, wurden die Optionen wenig überraschen ausgedünnt. Mit großen Schritten ging Sato um seinen Schreibtisch und seufzte erleichtert auf, als er die silbernen Haare sah.

Ein riesiger Stein fiel ihm von Herzen, als braune Augen schüchtern hochsahen. Es ging ihm gut, keine Verletzungen. Nur seine Haare waren etwas fettig. Und er trug immer noch die Leggings und den schwarzen Rollkragenpulli.

„Wieso antwortest du nicht? Wo warst du wieder die letzten Tage?“, fragte Sato fordernd und hinderte sich daran, die Arme zu verschränken. Er wollte Yuki nicht gleich mit Standpauken konfrontieren. Ein gewisser negativer Unterton schwang trotzdem mit.

Der Engel saß zusammengekauert auf dem Boden und sah hilflos hoch. Schließlich bewegte er sich langsam aus dem Loch raus und stand auf. Sofort roch er Satos angenehm riechendes Parfüm. Er selber hingegen dachte sehr oft an die Regendusche, die er gerne seit 2 Tagen benutzt hätte.

„Ich habe mir Sorgen gemacht“, führte Sato seinen Monolog weiter. „Wieso bist du nicht zurückgekommen? Hast du Angst vor mir?“

Sofort sprangen braune Augen auf und starrten zum Manager hoch. „N-Nein… Nein, ich habe keine Angst vor dir. Es ist nur…“, begann Yuki endlich zu sprechen. Er knibbelte am Saum des Pullis, als wusste er nicht ganz, wie er sich rechtfertigen sollte.

„Komm, wir gehen nach Hause. Dann duschst du dich und ziehst dir was Frisches an. Danach können wir immer noch reden“, schlug Sato vor und ging bereits zur Bürotür. Yuki hingegen schüttelte kräftig den Kopf.

„Nein, das geht nicht!“

Die vehemente Ablehnung ließ den Schwarzhaarigen entnervt aufseufzen. „Wieso nicht?“

„Weil… immer, wenn…“, stotterte Yuki und kniff die Augen zusammen. So ging das nicht weiter, er machte sich vollkommen lächerlich! „Immer, wenn du in meiner Nähe bist, denke ich an die Sachen, die wir gemacht haben! Das geht nicht, seitdem fühle ich mich anders… Komisch! Mir wird warm und ich weiß nicht, was ich tun soll. Das darf nicht sein, also bleibe ich weg von dir!“

Die Erklärung war süß und es schmeichelte Sato, dass Yuki nicht sauer auf ihn, sondern eher angetan war. Er wusste es nur nicht richtig zu deuten.

„Hat es dir denn nicht gefallen? War es so schlimm?“, hakte Sato nach und hob beide Augenbrauen. Er wusste es besser, aber er wollte es aus dem Mund des Engels hören.

„Nein!“, kam schneller über Yukis Lippen, als gewollt. „Nein… also, nicht wirklich…“, fügte er hinzu und sah wieder genierend zu Boden. „Ich bin ein Todesengel. Ich sollte tote Seelen ins Jenseits bringen. Und nicht… mit einem Menschen schlafen, der eigentlich tot sein sollte.“

Wahre Worte, musste Sato mental zugeben. Seine Aufgabe bestand in der Tat nicht darin, den Manager zu befriedigen. Aber was sprach denn dagegen? Wenn es doch beiden gefiel? Und da Yuki zurzeit sowieso pausieren musste, so lange wie Satos Seele schloss noch auf der Erde zu bleiben, könnten sie sich die Zeit ja anders vertreiben.

„Im Moment musst du weder das eine noch das andere tun. Meine Seele bleibt vorerst in meinem Körper. Und was das miteinander schlafen angeht… Nun, das überlasse ich ganz dir.“

Der Silberhaarige sah etwas erleichtert auf. Doch als nichts aus seinem Mund kam, ging Sato einen Schritt auf ihn zu, um ihn an die Hand zu nehmen.

„Komm nach Hause. Mach dich frisch. Dann reden wir in Ruhe darüber, okay?“

‚Nach Hause‘ klang in Yukis Ohren erst einmal ziemlich verkehrt – beim zweiten Hinhören wunderschön. Sein zu Hause war im Himmel, nicht auf der Erde. Aber mit Sato zusammen sein war die letzten Tage sehr schön gewesen. Der Mann war also bereit den Todesengel so lange bei sich wohnen zu lassen, wie nötig.

Aber zu welchem Preis? Würde Yuki ihm wieder zu nahekommen, wusste er ganz genau, worauf es hinauslaufen würde.

„Wir dürfen aber nicht mehr solche Sachen machen“, gab Yuki kleinlaut zu verstehen.

„Wieso?“

Da stöhnte der Engel entnervt auf. „Habe ich doch gesagt! Weil es…“

Und da verlor er seinen eigenen Faden. Ihm fiel auf einmal nicht mehr ein, was er genau gesagt hatte, aber ein triftiger Grund war nicht dabei gewesen. Yuki hatte einfach im Gefühl, dass das, was sie taten, nicht unbedingt im Verfügungsrahmen seines Jobs stand.

„Es ist doch nichts Schlimmes passiert, oder etwa doch?“, fragte Sato sanft und nahm Yukis andere Hand ebenfalls in seine. „Wenn es dir gefallen hat, kann es doch nicht so schlimm gewesen sein, oder?“

Als Yuki weiterhin still blieb und errötet auf den Boden starrte, fügte Sato noch hinzu: „Oder hat es dir nicht gefallen?“

„Doch“, kam hauchzart über seine Lippen. Er sah zu Sato hoch und bewunderte abermals seine grauen Augen. Der perfekt sitzende Mantel und die zugegeben etwas durchzausten Haare. Er roch nach Kaffee und Zigaretten. Und nach seinem Parfüm, welches er nicht gerade spärlich auftrug. Yuki fragte sich, ob es wirklich in Ordnung war, weiterhin berührt zu werden. Denn der Körperkontakt gefiel ihm immens. Besonders gefiel ihm das Gefühl zwischen den Beinen, wann immer er an Sato dachte. Das Muskelziehen und das Kribbeln in seinem Penis, wenn er daran dachte, wie Sato ihn im Mund hatte und ihn leckte.

Sein Herz fing an zu rasen, als er sich Sato näherte und die Wange auf den weichen Stoff des Anzugs drückte. Sofort pressten ihn zwei breite Arme näher an den warmen Körper. Yuki schloss die Augen und atmete erleichtert auf.

Doch, es fühlte sich gut an. Die Angst, etwas falsch gemacht zu haben, hatte ihn übermannt. Und die Angst, es könnte wieder passieren, sobald er sich Sato nähern würde, hielt ihn weit weg vom Menschen.

„Sollen wir fahren?“, fragte Sato leise in die Stille, in der er Yuki fest umarmte. Die Hoffnung, dass er nun erst einmal bleiben würde, stieg von Sekunde zu Sekunde.

Der Engel nickte und zwang sich zu einem sanften Lächeln. „Ja.“

Ehe Sato aus dem Büro ging, schälte er sich aus seinem Wollmantel und legte ihn über Yukis Schultern. „Komm“, war alles, was er dann noch sagte, als er Yuki an die Hand nahm und ihn zum Aufzug führte; den Autoschlüssel in der anderen Hand.

Yuki folgte ihm mit hochrotem Kopf und fühlte sich auf einmal so leicht. Das Gewicht der letzten Tage verschwand, als er in Satos zufriedenes Gesicht blickte. Er wollte ihn berühren. Noch einmal spüren, wie es war, einen anderen Körper anzufassen. Die Neugierde siegte wieder einmal über Yuki als er sich im Aufzug an Satos Arm schmiegte. Trotz des vielen Stoffs, konnte er die angenehme Wärme spüren, die von ihm ausging.

Als sie ins Auto stiegen und der Manager viel zu schnell durch die dunklen Straßen fuhr, kuschelte sich Yuki in seinen Mantel und sog den herben Duft von Sato ein. Sie schwiegen sich an, bis sie Satos Loft erreichten.

Der Manager wollte Yuki erst wieder in seinen vier Wänden wissen, bevor er anfing Fragen zu stellen. Er war einfach froh, dass der Engel wieder da war und allen Anschein nach nicht sauer auf ihn war. Nur ein großes Missverständnis, viel Angst und Unsicherheit um ein Thema, was Sato selber noch für sich klären musste.

 

Aber das hatte Zeit. Yuki sollte erst einmal nach Hause kommen.